36 Bleib

Er war ihr gefolgt in der festen Absicht sie zur Rede zu stellen, doch stattdessen stand er hinter ihr und tat etwas, wofür sie ihn, wenn sie es wüsste, höchstwahrscheinlich hassen würde. Zurecht hassen würde. Er drang ungefragt in ihren Geist ein und versuchte ihre Gedanken zu lesen. Sie dachte an ihn. Sie machte sich Sorgen um ihn. Es gab also ein Hologramm, das ihm gleicht und mit ihm dachte sie würde sie sprechen, letzte Nacht. Das war also ihr Geheimnis. Warum hatte sie ihm nie etwas davon gesagt?

Unwillkürlich fragte er sich, was sie ihm noch alles verschwieg. Er machte einen Schritt zurück und riss sich von ihren Gedanken los. Er wollte nicht mehr sehen. Es würde ihn nur noch mehr an allem hier zweifeln lassen. Zeit. Sie brauchte Zeit, sie würde ihm bestimmt, wenn er sie ihr gab, alles erzählen, oder? Er traute niemanden, hatte er noch nie getan, außer Dumbledore. Und wohin hatte ihn das gebracht? Plötzlich war sie da. Er legte seine Hände an den Kopf und ging in die Knie. Das wollte er nicht sehen.

Der Turm, Dumbledore, sich selbst, wie er sich an Draco vorbei schob und dann … sprach er die unverzeihlichen Worte. Die Letzten, die sein Freund und Mentor von ihm in seinem Leben zu hören bekam. Was hatte er getan? Warum? Schmerzhaft zog sich seine Brust zusammen. Er glaubte noch immer die sanfte Brise, die an jenem Tag über ihn hinweg strichen und den kalten Schweiß auf seiner Stirn trocknete zu spüren. Nahm noch immer die Gerüche war, die in der Luft lagen. Nach Feuer und Rauch roch es, aber auch nach Bäumen und Gräsern, der See und die Kräuter von Madam Sprout, das alles lag in der Luft. Er hörte das Knirschen seiner Schuhsohlen auf dem Boden. Jeden hektischen Atemzug von Draco nahm er war. Seine Sinne waren ungewöhnlich geschärft an diesem Tag.

Auch seine Augen schienen an diesem Tag besser zu sein. Alles um ihn war klar umrissen und prägte sich für immer in sein Gedächtnis ein. Dracos blondes Haar war leicht zerzaust gewesen. Er war so jung und doch kam er hierher um einen Mord zu begehen. Er hörte noch jemanden, klar und deutlich, aber er konnte ihn nicht sehen und ihm blieb keine Zeit, um nach ihm zu suchen. Vor ihm stand Dumbledore. Stand einfach da. Machte keine Anstalt sich zu verteidigen.

Seine Hände waren klitschnass gewesen und es glich fast einem Wunder, wäre es nicht so unfassbar tragisch, das er seinen Zauberstab nicht hatte fallen lassen. Selbst die Worte klangen, als kämen sie nicht von ihm. Hohl und brüchig kamen sie über seine Lippen, er wollte sie nicht sagen, aber er musste. Er hatte es versprochen. Wie als hätte sie ihn gespürt, seine Nähe erahnt, drehte Hermione sich um. Sie hatte sich unter den Bäumen, nahe am Rand zum verbotenen Wald, zurückgezogen. Sie wollte alleine sein, über alles nachdenken und das ging nur fernab von allen und jedem.

Da kniete er, der Mann, der schon den ganzen Tag ihren Geist beschäftigte, und schien krank zu sein. Ohne nachzudenken, eilte sie zu ihm und ließ sich vor ihm auf die Knie fallen. „Was ist los? Was fehlt dir?" Gequält blickte er sie an, doch selbst wenn er hätte sprechen können, darüber hätte er kein Wort verloren. Er war ein gemeiner Mörder, nicht gerade etwas über das man gerne sprach.

„Sie erinnern sich an etwas?" Severus wandte den Blick ab von ihr und senkte den Kopf. Natürlich dachte sie das. Sie kannte seine Welt. Wie nannte sie diese doch gleich? Hölle. Sein Leben war für sie die Hölle, und wenn er hier vor ihr mit gepeinigter Miene kniete, dann gab es dafür nur einen Grund – er erinnerte sich. Er ließ sich zurückfallen, setzte sich auf den Boden und zog die Knie an. Eigentlich war der Boden zu kalt und nass dafür, aber er spürte es nicht. Abwartend betrachtete Hermione ihn.

„Wollen Sie darüber reden?"

Stumm schüttelte er seinen Kopf. Es tat so weh. Wie konnte er diesen Schmerz nur ertragen? Auf diesem Turm durchströmten ihn so viele Emotionen. Leid, Schmerz, Wut, Zorn und Hass. Blanker Hass auf Dumbleodre und Voldemort. Beide Männer hatten ihn zu einer Figur in ihrem abartigen Spiel gemacht. Einem Spiel, das sich einzig um Macht und Gier drehte. Er fühlte sich getrieben und ausgebeutet und ohnmächtig ausgeliefert. Wie war er nur in diese Schlacht geraten? Was hatte ihn zwischen die Fronten gebracht? Noch so ein Puzzlestück aus seinem Leben. Warum hatte er das zugelassen?

Er war kein Narr, oder doch? All das würde er erst verstehen könne, wenn auch der Rest von seinem Leben, und daran zweifelte, er nun nicht mehr, zurückkommen würde. Tief holte er Luft und sah in Hermiones Gesicht und wartete. Hermione setzte sich ebenfalls auf den Boden und biss sich in die Unterlippe. Nun war es so weit. Er würde eine Erklärung für ihr merkwürdiges Verhalten einfordern. Leise räusperte sie sich und strich sich unbewusst in einer nervösen Geste mit der Hand über den Hals.

„Es gibt da etwas, was ich ihnen sagen sollte", setzte sie vorsichtig zum Sprechen an.

„Ich habe es bisher verschwiegen, obwohl ich nicht das Recht dazu hatte."

Ruhig blickte er sie an. Sie würde sich ihm anvertrauen, das wusste er und dieses Wissen wärmte ihn. Mehr noch als es jede Decke, jeder Mantel, oder jedes Feuer im Kamin es jemals vermocht hätte. Es wärmte ihn von innen.

*

Klappernd stellte sie die Tasse auf die Untertasse.

„Kann es sein, dass noch nicht alle Hoffnung verloren ist?" In Minervas Augen glomm ein Funke der Zuversicht. Flehend blickte sie auf Poppy ihn ihr nicht zu zerstören.

„Ich fürchte nein." Sie sog angespannt die Luft in ihre Lungen und wünschte dabei andere, bessere, Neuigkeiten für Minerva zu haben.

„Hermione und Harry behaupteten er habe ein Wort gesagt, aber ich habe so meine berechtigten Zweifel. Vielleicht haben sie es sich nur eingebildet? Auf der Krankenstation brachte er keinen Laut zustande, an ein Wort war erst gar nicht zu denken." Bekümmert saß Poppy auf der Kante des Stuhls vor Minervas Schreibtisch.

Unmerklich sanken Minervas Schultern ein Stück nach unten. Sie hätte es sich so gewünscht, für ihn. Er hätte verdient, wieder vollkommen gesund zu werden.

„Was nun?" Unschlüssig schob sie ihre Tasse auf dem Schreibtisch hin und her.

„Was soll nur aus ihm werden?" Sie zwang sich die Hände im Schoss zu falten.

„Sobald das Ministerium, und das wird es, wenn es das nicht bereits hat, davon Wind bekommt, dass er zwar am Leben ist, aber weder sprechen, noch sich an irgendetwas aus seiner Vergangenheit erinnern kann. Wie lange, schätzt du, wird es dauern, bis sie darauf drängen, dass er Hogwarts verlassen muss?"

Bestürzung zeichnete sich in Poppys Gesicht ab. Severus hatte fast sein ganzes Leben in Hogwarts verbracht, das Ministerium konnte ihn doch nicht einfach von hier verbannen?

„Nun ja ich habe es zwar nicht mit eigenen Worten gehört, aber Harry und Hermione sind beides sehr zuverlässige Schüler, wir könnten doch sagen …", langsam sprach Poppy aus, was ihr so durch den Kopf ging, doch Minerva fiel ihr ins Wort.

„Du meinst wir sollen lügen?" Missbilligend sah sie die Medihexe über den Brillenrand an, den Mund dabei zu einer dünnen Linie zusammengepresst.

„Nein nicht lügen, nur nicht ganz die Wahrheit sagen", erwiderte Poppy vorsichtig.

„So was nennt man lügen", stellte Minerva trocken fest.

„Aber ich meine wir sollten es als Option im Auge behalten. Was sagst du dazu?" Sie blickte über Poppy hinweg auf Dumbeldore.

*

„Du also auch!", herrschte Ron grob seine Schwester an.

„Gerade du müsstest mich doch verstehen. Fred war auch dein Bruder!" Seine Stimme wurde immer lauter und überschlug sich beinahe, er redete sich in Rage.

„Ich habe ihn genauso sehr geliebt wie du, aber was ich nicht verstehen kann, ist, was das mit Professor Snape zu tun hat?"

Hektisch schnappte Ron nach Luft. Verstand sie es den nicht? Konnte sie es nicht sehen. Er streckte seinen Arm aus und deutete Richtung Kerker.

„Er lebt. Er atmet, während Fred …" Ihm brach die Stimme. Es tat so unendlich weh.

„Es ist so ungerecht. Niemand kann ihn leiden. Er ist ein altes, gemeines Ekel. Wenn es ihn nicht mehr geben würde, wer würde ihn schon vermissen, aber Fred …" Tränen begannen ihm über das Gesicht zu laufen.

Er hatte damals, als er ihn tot auf der Erde liegen sah, keine Träne vergossen, selbst bei der Beerdigung schaffte er es nicht zu weinen, warum dann jetzt? Fest schloss Ginny die Arme um ihn.

„Ich vermisse ihn so sehr. Es gibt keinen Tag, keine Stunde, wo ich nicht an ihn denke, aber einen anderen dafür, dass er lebt, zu hassen, bringt ihn uns auch nicht wieder zurück." Leise sagte sie die Worte in sein Ohr, auch sie hatte zu weinen begonnen.

Eigentlich hatte sie ihn nur zur Rede stellen wollen, seine ewig schlechte Laune hatte auch an ihren Nerven gezehrt und ebenso litt ihre Beziehung mit Harry darunter. So hatte sie ihn sich heute geschnappt und in den Raum der Wünsche gelotst, wo sie ungestört mit ihm reden konnte.

„Warum nur? Warum tut es nur so weh?" Kaum hörbar stellte er ihr die Frage. Sanft strich sie ihm mit der Hand über den Hinterkopf.

„Weil er unser Bruder ist und wir ihn lieben."

*

„Sie haben mir nicht nur ihre Erinnerungen vermacht, sondern zugleich von sich ein Hologramm erstellt. Es sieht genauso aus wie sie." Verlegen blickte sie seitlich an ihm vorbei. Es war ihr peinlich ihm erklären zu müssen, dass sie nicht imstande war, ihn von einem Hologramm zu unterscheiden.

„Es … es redete so wie Sie. Ich meine, so wie sie früher gesprochen haben, bevor … ach Sie wissen schon." Hermione zupfte einen Grashalm ab und ließ ihn spielerisch zwischen ihren Fingern gleiten.

„Er hat mir geholfen mit allem, was ich sah, besser fertig zu werden, wenn er nicht gerade versuchte mich zu verjagen", meinte sie scherzhaft und erinnerte sich dabei, wie oft das Hologramm versucht, hatte sie loszuwerden. Er hätte seine helle Freude, wenn er wüsste, dass sie sich von selbst zum Aufgeben entschlossen hatte. Wollte sie deswegen aufgeben? Lag es an dem Hologramm? Stirnrunzeln betrachtete er sie, wartete, was sie noch zu sagen hatte.

„Nichts was ich sage oder tue ist eine große Hilfe für sie, deshalb wollte ich Harry vorschlagen. Er sollte meinen Platz einnehmen." Sie hatte den Grashalm in kleine Stücke zerpflückt und warf sie nun achtlos auf den Boden, zugleich schnappte sie sich einen neuen Grashalm.

Um sie beide war es angenehm still. Niemand hielt sich draußen auf, außer ihnen. Severus holte tief Luft und konzentrierte sich. Achtete sorgsam auf seine Mundbewegung, fühlte, wie die Luft seine Stimmbänder zu vibrieren brachte, dabei formte er im Geiste, was er sagen wollte.

„N ... n … nein!" Mühsam rang er sich das Wort ab. Er wusste er konnte es und er wollte es so sehr. Dankbar schloss er die Augen. Er hatte es geschafft. Er würde wieder sprechen können. Vielleicht nicht gleich heute in ganzen Sätzen, wahrscheinlich auch morgen noch nicht, aber schon bald. Das schwor er sich. Überrascht hob Hermione den Kopf.

„Sie scheinen voller Wunder zu stecken." Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, waren ihr diese Worte bereits entschlüpft. Unbewusst verzog sich sein Mund zu einem kleinen Lächeln. Er wusste nicht mehr, wie oft er in seinem Leben bisher glücklich gewesen war, dieser Moment gehörte auf jeden Fall dazu. Für ihn war das ein weiterer Schritt in die richtige Richtung – zurück in sein Leben.

In ihren Augen glitzerten Tränen. Sie freute sich mit ihm. Er hatte es verdient, bei all der Traurigkeit, die in seinem Leben bisher herrschte, hatte er jedes Wunder, das er kriegen konnte, verdient. Er machte ein paar Atemzüge und konzentrierte sich erneut. Er wollte ihr so gerne etwas sagen. Eigentlich wollte er ihr vieles sagen, aber er würde sich mit einem Wort begnügen müssen, sofern er es über die Lippen brachte. Atemlos wartete sie. Sie sah es ihm an, dass er ihr noch etwas sagen wollte. Nur zu gern würde sie hören, was es war.

*

Seufzend rückte Dumbledore seine Brille zurecht, dann zwinkerte er den beiden Damen zu. Minerva bildete sich ein, einen leicht verschlagenen Gesichtsausdruck an ihm wahrzunehmen.

„Nun ich denke, es reicht, dem Ministerium nur das unbedingt notwendige zu verraten. Zu viele Informationen auf einmal würden den gestressten Leiter des Ministeriums Tiberius McLaggen nur überfordern", sagte er mit einem leichten Schmunzeln in den Mundwinkeln, doch dann wurde er plötzlich ernst.

„Versprich mir, Minerva, dass du alles tust, um ihn zu schützen", verlangte er mit Nachdruck und mit einem Nicken sicherte sie ihm das zu.

„Natürlich werde ich das tun!", empörte sie sich leicht.

„Doch vorerst stellt sich, zu unserem Glück, das Problem noch nicht, aber es ist gut zu wissen, dass wir uns einig sind." Nun war es an Minerva ihre Brille zurechtzurücken. Energisch schob sie sie den Nasenrücken hoch, bis sie wieder an der richtigen Stelle saß.

*

„ Bl … bleib!"

Hermione hatte bereits den dritten Grashalm in kleine Stücke zerteilt, als sie dieses Wort von ihm vernahm. Sie wusste, was er von ihr wollte, aber sie hatte keine Antwort für ihn.

„Wir sollten zurückgehen, es wird schön langsam kalt", schlug sie vor und versuchte so zu ignorieren, was er gesagt hatte, doch so einfach ließ er sich nicht abschütteln. Sanft und doch fest legte er ihr eine Hand auf die Schulter und hinderte sie so einerseits daran aufzustehen und zwang sie andererseits ihn anzusehen. Seufzend ergab sie sich ihrem Schicksal.

„Ich weiß zwar, nicht warum sie das wollen, aber gut ich bleibe – vorerst."

Severus verkniff sich ein Grinsen. Er hatte viel erreicht heute. Er hatte in ihren Gedanken gelesen, ohne dabei erwischt zu werden. Sie hatte sich ihm anvertraut, er hatte sie zum Bleiben überreden können und er hatte seine Stimme wieder. Heute war für ihn ein verdammt guter Tag.