DISCLAIMER:
-- Midnight Sun belongs to Stephenie Meyer; I'm just trying to make it accessible to German-speaking fans :)
-- Midnight Sun ist Eigentum von Stephenie Meyer; ich versuche nur, es deutschprachigen Fans zugänglich zu machen :)
-- Die Übersetzung aller Gespräche, in die auch Bella verwickelt ist, stammt aus folgender Quelle: Biss zum Morgengrauen, Piper Verlag GmbH, 5. Auflage, 2009.
Liebe Leser, ich sag gar nicht viel außer: viel Spaß! :)
Danke wie immer an Ann-Sophie (diesmal ganz besonders :))
Rückblende:
Edward und Bella befinden sich im Restaurant in Port Angeles.
...
„Na ja, ehrlich gesagt warte ich darauf, dass du einen Schock bekommst." Ich lächelte schief und erwartete, dass sie es abstritt. Sie würde nicht wollen, dass sich jemand um sie kümmerte.
Sie brauchte eine Minute, bis sie antwortete. Ihr Blick war leicht verschwommen. Sie sah manchmal so aus, wenn ich sie anlächelte. Hatte ich sie ... aus der Fassung gebracht?
Das hätte ich liebend gerne geglaubt.
„Ich glaube, das wird nicht passieren. Ich war schon immer gut darin, Unerfreuliches zu verdrängen", antwortete sie und es klang ein bisschen atemlos.
Bedeutete das, sie hatte viel Übung darin, mit unerfreulichen Dingen umzugehen? War ihr Leben immer so gefährlich?
„Trotzdem", erklärte ich ihr. „Ich hab ein besseres Gefühl, wenn du was im Magen hast."
Die Kellnerin kam mit zwei Colas und einem Brotkorb zurück. Sie stellte alles vor mir ab und fragte mich nach meiner Bestellung; gleichzeitig versuchte sie, meinen Blick aufzufangen. Ich gab ihr zu verstehen, dass sie sich um Bella kümmern sollte und blendete sie dann wieder aus. Ihr Kopf war voll von vulgären Gedanken.
„Ähm ...", Bella warf einen schnellen Blick auf die Speisekarte. „Ich nehme die Pilzravioli."
Die Kellnerin drehte sich eifrig wieder zu mir um. „Und du?"
„Für mich bitte nichts."
Bella verzog das Gesicht. Hmm. Sie musste bemerkt haben, dass ich nie etwas zu mir nahm. Sie bemerkte alles. Und ich vergaß immer, in ihrer Gegenwart vorsichtig zu sein.
Ich wartete, bis wir wieder unter uns waren.
„Trink was", drängte ich.
Ich war überrascht, als sie meiner Aufforderung sofort und ohne Widerspruch Folge leistete. Sie trank, bis das Glas völlig leer war, also schob ich ihr die zweite Cola auch noch hinüber und runzelte die Stirn. War es Durst oder Schock?
Sie trank noch ein bisschen mehr und erschauerte dann.
„Ist dir kalt?"
„Liegt nur an der Cola", sagte sie, fröstelte dann jedoch wieder, wobei ihre Lippen leicht zitterten, als ob ihre Zähne gleich zu klappern beginnen würden.
Die hübsche Bluse, die sie trug, wirkte zu dünn, um sie zu wärmen; sie haftete an ihr wie eine zweite Haut, beinahe so zerbrechlich wie die erste. Sie war so zart, so sterblich. „Hast du keine Jacke dabei?"
„Doch." Sie blickte um sich und wirkte etwas verwirrt. „Mist – die liegt in Jessicas Auto."
Ich schlüpfte aus meiner Jacke und wünschte mir, dass meine Körpertemperatur die Geste nicht verderben würde. Es wäre schön gewesen, ihr einen warmen Mantel anbieten zu können. Sie starrte mich an und ihre Wangen erwärmten sich wieder. Was dachte sie jetzt?
Ich reichte ihr die Jacke über den Tisch. Sie zog sie sofort an und erschauerte dann wieder.
Ja, es wäre wirklich sehr schön, warm zu sein.
„Danke", sagte sie. Sie atmete tief ein und schob die überlangen Ärmel hoch, um die Hände frei zu haben. Sie nahm einen weiteren tiefen Atemzug.
Zeigte der Abend schlussendlich doch seine Wirkung? Ihre Gesichtsfarbe war immer noch gut; ihre Haut wirkte wie Sahne und Rosen gegen das dunkle Blau ihrer Bluse.
„Dieses Blau sieht hübsch an dir aus – es passt so gut zu deinem Teint", schmeichelte ich ihr. Ich war bloß ehrlich.
Sie errötete und verstärkte den Effekt damit noch.
Sie sah aus, als ginge es ihr gut, aber es gab keinen Grund, etwas zu riskieren. Ich schob den Brotkorb zu ihr rüber.
„Ehrlich", wehrte sie ab, sie hatte meine Beweggründe richtig erraten. „Ich krieg keinen Schock."
„Das solltest du aber – jeder normale Mensch würde einen kriegen. Du siehst völlig unbeeindruckt aus." Ich blickte sie tadelnd an und fragte mich, warum sie nicht normal sein konnte und dann, ob ich tatsächlich wollte, dass sie es war.
„Ich fühle mich eben sehr sicher mit dir", sagte sie und ihre Augen waren wieder voller Vertrauen. Vertrauen, das ich nicht verdiente.
Ihre Instinkte waren völlig verdreht. Das musste das Problem sein. Sie erkannte Gefahren nicht auf die Art und Weise, wie ein Mensch es können sollte. Sie hatte die gegenteilige Reaktion. Anstatt wegzulaufen, verweilte sie; fühlte sich angezogen von dem, was ihr Angst einjagen sollte ...
Wie konnte ich sie vor mir schützen, wenn wir das beide nicht wollten?
„Das wird immer komplizierter", murmelte ich.
Ich konnte sehen, wie sie meine Worte in Gedanken abwog und ich fragte mich, wie sie diese wohl auslegte. Sie griff nach einer Brotstange und begann zu essen, scheinbar ohne sich der Handlung bewusst zu sein. Sie kaute einen Moment lang und neigte dann den Kopf nachdenklich zur Seite.
„Normalerweise hast du bessere Laune, wenn deine Augen so hell sind", sagte sie in beiläufigem Tonfall.
Ihre Beobachtung, die sie mit solcher Selbstverständlichkeit geäußert hatte, brachte mich kurz aus der Fassung. „Wie bitte?"
„Wenn deine Augen schwarz sind, bist du unausstehlich – daran habe ich mich schon gewöhnt. Ich hab eine Theorie dazu", fügte sie leichthin hinzu.
Also hatte sie sich ihre eigene Erklärung einfallen lassen. Natürlich hatte sie das. Ich fühlte ein tiefes Gefühl des Grauens in mir aufsteigen, als ich mich fragte, wie nahe sie der Wahrheit wohl gekommen war.
„Noch eine Theorie?"
„Mh-hm." Sie nahm einen weiteren Bissen, völlig ungezwungen, als ob sie im Moment nicht gerade die Aspekte eines Monsters mit dem Monster selbst diskutieren würde.
„Ich hoffe, du warst ein bisschen einfallsreicher als beim letzten Mal ...", log ich, als sie nicht weitersprach. Was ich tatsächlich hoffte, war, dass sie falsch lag – dass sie die Wahrheit meilenweit verfehlt hatte. "Oder klaust du deine Ideen immer noch aus Comics?"
„Na ja, nein, aus einem Comic ist sie nicht", sagte sie leicht verlegen. "Aber alleine bin ich auch nicht draufgekommen."
„Und?" presste ich zwischen den Zähnen hervor.
Sicherlich würde sie nicht so ruhig sprechen, wenn sie kurz davor stand zu schreien.
Als sie sich zögernd auf die Unterlippe biss, tauchte die Kellnerin mit Bellas Essen auf. Ich beachtete sie kaum, als sie den Teller vor Bella abstellte und mich dann fragte, ob ich etwas wolle.
Ich verneinte, bat aber noch um eine Cola. Der Kellnerin waren die leeren Gläser nicht aufgefallen. Sie räumte sie ab und ging.
"Du wolltest mir gerade etwas erzählen", drängte ich ungeduldig, sobald wir wieder unter uns waren.
"Später, im Auto", sagte sie leise. Ah, es musste etwas Schlimmes sein. Sie wollte ihre Vermutungen nicht in der Gegenwart anderer aussprechen. "Aber nur, wenn ...", fügte sie plötzlich hinzu.
"Ach, du hast Bedingungen?" Ich war so angespannt, die Worte klangen beinahe wie ein Knurren.
"Sagen wir mal so – ich hab natürlich ein paar Fragen."
"Natürlich", stimmte ich mit hartem Tonfall zu.
Ihre Fragen würden wahrscheinlich genügen, um herauszufinden, in welche Richtung ihre Gedanken gingen. Doch wie würde ich sie beantworten? Mit verantwortbaren Lügen? Oder würde ich ihr die Wahrheit sagen und sie würde sofort die Flucht ergreifen? Oder würde ich überhaupt nichts sagen, unfähig, mich zu entscheiden?
Wir schwiegen, während die Kellnerin ihren Softdrink auffüllte.
"Na dann los", sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen, sobald sie weg war.
"Wie kommt es, dass du in Port Angeles bist?"
Das war eine zu einfache Frage – für sie. Sie verriet nichts, im Gegenteil zu meiner Antwort, die – sollte ich die Wahrheit sagen – viel zu viel verraten würde. Lass sie zuerst etwas preisgeben.
"Nächste Frage", sagte ich.
"Aber das ist noch die einfachste."
"Nächste Frage", sagte ich wieder.
Meine Weigerung frustrierte sie. Sie wandte ihren Blick von mir, hinunter auf ihr Essen. Langsam, während sie scharf nachdachte, nahm sie einen weiteren Bissen und kaute entschlossen. Sie spülte ihn mit mehr Cola hinunter und blickte dann endlich zu mir hoch. Sie hatte die Augen argwöhnisch zusammengekniffen.
"Na gut, okay", begann sie. "Sagen wir mal – rein hypothetisch, versteht sich – jemand ... ist in der Lage ... Gedanken zu lesen – er weiß also, was die anderen Leute denken, mit ein paar Ausnahmen."
Es hätte schlimmer sein können.
Dies erklärte das kleine Lächeln im Auto. Sie war schnell von Begriff– niemand sonst hatte das je erraten. Außer Carlisle und damals, zu Beginn, war es ziemlich offensichtlich gewesen, als ich alle seine Gedanken beantwortete, als ob er sie laut ausgesprochen hätte. Er hatte verstanden, bevor ich es tat ...
Diese Frage war nicht so schlimm. Während klar war, dass sie wusste, dass mit mir etwas nicht stimmte, war es nicht so ernst, wie es hätte sein können. Gedankenlesen war schließlich keine typische Eigenschaft von Vampiren.
"Mit einer Ausnahme", korrigierte ich. "Hypothetisch."
Sie unterdrückte ein Lächeln – meine vage Ehrlichkeit sagte ihr zu. "Okay, also mit einer Ausnahme. Wie funktioniert das? Wo sind die Grenzen? Wie würde dieser Jemand ... jemand anderen ... genau im richtigen Augenblick finden? Woher wüsste er, dass sie in Gefahr ist?"
"Rein hypothetisch?"
"Genau." Ihre Lippen zuckten und ihre tiefbraunen Augen blickten mich erwartungsvoll an.
"Also..." Ich zögerte. "Wenn ... dieser Jemand ..."
"Sagen wir mal, er heißt Joe", schlug sie vor.
Ihr Enthusiasmus brachte mich zum Lächeln. Dachte sie wirklich, die Wahrheit würde sich als etwas Gutes erweisen? Wenn meine Geheimnisse angenehm wären, warum würde ich sie ihr dann vorenthalten?
"Also gut, Joe", willigte ich ein. "Wenn Joe gut aufgepasst hätte, hätte das Timing gar nicht so genau stimmen müssen." Ich schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Schaudern bei dem Gedanken daran, dass ich heute beinahe zu spät gekommen war. "Nur du könntest in einer so kleinen Stadt in Gefahr geraten. Wahrscheinlich hättest du ihre Verbrechensstatistik für die nächsten zehn Jahre verdorben."
Ihre Mundwinkel sanken nach unten und sie zog einen Schmollmund. "Moment mal, haben wir nicht von einem hypothetischen Fall gesprochen?"
Ich lachte über ihre verärgerte Miene.
Ihre Lippen, ihre Haut ... Sie sahen so weich aus. Ich wollte sie berühren. Ich wollte mit den Fingerspitzen die Falte auf ihrer Stirn glätten. Unmöglich. Meine Haut würde sie abstoßen.
"Ja, du hast Recht", sagte ich und konzentrierte mich wieder auf die Unterhaltung, bevor ich mich selbst zu sehr deprimieren konnte. "Sollen wir dich Jane nennen?"
Sie lehnte sich über den Tisch zu mir hin, jegliche Belustigung und Ärger waren aus ihren großen Augen verschwunden.
„Woher wusstest du, wo du mich finden würdest?", fragte sie und ihre Stimme war leise und intensiv.
Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Und wenn ja, bis zu welchem Punkt?
Ich wollte es ihr sagen. Ich wollte das Vertrauen, dass ich noch immer in ihren Augen sehen konnte, verdienen.
"Du kannst mir vertrauen, Edward", flüsterte sie und streckte ihre Hand aus, als wollte sie meine Hände berühren, die vor mir auf dem leeren Tisch ruhten.
Ich zog sie weg – ich hasste die Vorstellung ihrer Reaktion auf meine eiskalte, steinerne Hand – und sie ließ ihre fallen.
Ich wusste, ich konnte darauf vertrauen, dass sie meine Geheimnisse bewahrte; sie war absolut vertrauenswürdig, durch und durch ein guter Mensch. Doch ich konnte nicht darauf vertrauen, dass sie nicht von ihnen entsetzt sein würde. Sie sollte entsetzt sein. Die Wahrheit war entsetzlich.
"Ich weiß gar nicht, ob ich noch eine Wahl habe", murmelte ich. Ich erinnerte mich, dass ich sie einmal geneckt hatte, indem ich sie als 'außergewöhnlich unaufmerksam' bezeichnete; sie damit beleidigt hatte, wenn meine Interpretation ihrer Reaktion richtig war. Nun, ich konnte zumindest diese eine Ungerechtigkeit richtig stellen. "Ich habe mich geirrt – du bist sehr viel aufmerksamer, als ich dir zugestanden hatte."
Und, obwohl es ihr vielleicht nicht klar sein mochte, ich hatte ihr schon sehr viel zugestanden. Sie übersah nichts.
"Ich dachte, du hättest immer Recht", sagte sie und lächelte.
"Das war einmal so." Ich hatte immer gewusst, was ich tat. Ich war mir meines Weges immer sicher gewesen. Und nun war alles ein einziges Chaos.
Und doch würde ich es gegen nichts eintauschen. Ich wollte nicht das Leben, das Sinn ergab. Nicht, wenn das Chaos bedeutete, dass ich mit Bella zusammensein konnte.
"Aber was dich betrifft, hab ich mich in noch einer anderen Sache geirrt", fuhr ich fort und rückte damit einen weiteren Punkt ins rechte Licht. "Du ziehst nicht nur Unfälle an – das trifft es nicht ganz. Du ziehst jede Art von Ärger an. Wenn es irgendeine Gefahr im Umkreis von zehn Meilen gibt, begegnest du ihr mit hundertprozentiger Sicherheit." Warum gerade sie? Was hatte sie getan, um irgendetwas hiervon zu verdienen?
Bellas Gesicht wurde wieder ernst. "Und du rechnest dich selbst zu den Gefahren?"
In Bezug auf diese Frage war Ehrlichkeit wichtiger als bei allen anderen. "Ohne jeden Zweifel."
Ihre Augen verengten sich leicht – dieses Mal nicht misstrauisch sondern merkwürdig besorgt. Sie streckte die Hand wieder über den Tisch aus, langsam und entschieden. Ich zog meine Hände einen Zentimeter von ihr weg, doch sie ignorierte es und war entschlossen, mich zu berühren. Ich hielt den Atem an – nun nicht wegen ihres Geruchs, sondern wegen der plötzlichen, überwältigenden Anspannung. Furcht. Meine Haut würde sie abstoßen. Sie würde fliehen.
Sie fuhr mit den Fingerspitzen leicht über meinen Handrücken. Die Hitze ihrer sanften, gewollten Berührung war völlig anders als alles, was ich je zuvor gefühlt hatte. Es war beinahe reiner Genuss. Wäre es gewesen, abgesehen von meiner Furcht. Ich beobachtete ihr Gesicht, als sie die steinerne Kälte meiner Haut fühlte, noch immer hielt ich den Atem an.
Ein leichtes Lächeln umspielte ihren Mund.
"Danke", sagte sie und begegnete meinem Blick mit einem ebenso intensiven ihrerseits. "Das war schon das zweite Mal."
Ihre sanften Finger verweilten auf meiner Hand, als fänden sie es dort angenehm.
Ich antwortete ihr so zwanglos wie möglich. "Wir lassen es besser nicht auf ein drittes Mal ankommen, okay?"
Sie verzog das Gesicht, nickte aber.
Ich zog meine Hände unter ihren hervor. So exquisit ihre Berührung sich auch anfühlte, ich würde nicht darauf warten, dass ihre wundersame Toleranz verschwand und sich in Abscheu verwandelte. Ich versteckte meine Hände unter dem Tisch.
Ich las in ihren Augen; obwohl ihre Gedanken stumm blieben, konnte ich Vertrauen und Erstaunen darin entdecken. Mir wurde in diesem Augenblick klar, dass ich ihre Fragen beantworten wollte. Nicht weil ich es ihr schuldete. Nicht weil ich wollte, dass sie mir vertraute.
Ich wollte, dass sie mich wirklich kannte.
"Ich bin dir nach Port Angeles gefolgt", erklärte ich ihr, und die Worte sprudelten zu schnell aus mir heraus, als dass ich sie hätte vorsichtiger formulieren können. Ich kannte die Gefahr der Wahrheit; das Risiko, dass ich einging. Jeden Moment konnte sich ihre unnatürliche Ruhe in Hysterie verwandeln. Ganz im Gegenteil, dieses Wissen brachte mich bloß dazu, noch schneller zu sprechen. "Ich hab vorher noch nie versucht, eine bestimmte Person zu beschützen und es ist viel mühsamer, als ich gedacht hätte. Aber das liegt vermutlich daran, dass du es bist. Die meisten Menschen scheinen ohne größere Katastrophen durchs Leben zu kommen."
Abwartend beobachtete ich sie.
Sie lächelte. Ihre Lippen hoben sich an den Rändern und ihre schokoladebraunen Augen wurden warm.
Ich hatte gerade zugegeben, dass ich ihr hinterherspionierte und sie lächelte.
"Hast du dich eigentlich mal gefragt, ob vielleicht beim ersten Mal, bei der Sache mit dem Van, meine Tage schon gezählt waren und du ins Schicksal eingegriffen hast?", fragte sie.
"Das war nicht das erste Mal", sagte ich und starrte auf das dunkle, kastanienbraune Tischtuch hinunter, während ich beschämt meine Schultern nach vorne sinken ließ. Meine Grenzen waren nicht mehr existent, die Wahrheit floss nach wie vor leichtfertig aus mir heraus. "Deine Tage waren gezählt, als ich dich das erste Mal gesehen habe."
Es war wahr und das machte mich wütend. Ich schwebte wie die Klinge einer Guillotine über ihrem Leben. Es war, als ob sie von irgendeinem grausamen, ungerechten Schicksal für den Tod gekennzeichnet worden wäre, und – da ich mich als unwilliges Werkzeug erwiesen hatte – bemühte dieses Schicksal sich weiterhin, das Urteil zu vollstrecken. Ich stellte mir dieses Schicksal als Person vor; eine grausige, eifersüchtige Hexe, eine rachsüchtige Furie.
Ich wollte etwas, jemanden, den ich hierfür verantwortlich machen konnte – sodass ich etwas Konkretes hatte, gegen das ich würde kämpfen können. Etwas, irgendetwas, das ich zerstören konnte, sodass Bella in Sicherheit war.
Bella war sehr ruhig, ihre Atmung hatte sich beschleunigt.
Ich sah zu ihr auf; wissend, dass ich nun schlussendlich die Furcht sehen würde, auf die ich gewartet hatte. Hatte ich nicht gerade zugegeben, wie knapp davor ich gewesen war, sie umzubringen? Noch näher als der Van, der sie bloß um wenige Zentimeter verfehlt hatte. Und trotzdem war ihr Gesicht nach wie vor ruhig, ihre Augen noch immer nur aus Sorge verengt.
"Erinnerst du dich?" Sie musste sich daran erinnern.
"Ja", sagte sie und ihre Stimme war ruhig und ernst. In ihren tiefgründigen Augen war deutlich zu sehen, dass sie sich der Tatsache bewusst war.
Sie wusste es. Sie wusste, dass ich sie hatte ermorden wollen.
Wo blieben ihre Schreie?
"Und trotzdem sitzt du jetzt hier", sagte ich und zeigte damit den diesem Wissen innewohnenden Widerspruch auf.
"Ja, jetzt sitz ich hier ... wegen dir." Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich, verwandelte sich in Neugierde, als sie nicht sehr subtil das Thema wechselte. "Weil du heute irgendwie wusstest, wo du mich finden würdest ...?"
Ohne Hoffnung versuchte ich noch einmal, an der Barriere, die ihre Gedanken schützte, zu kratzen; ich wünschte mir nichts sehnlicher, als sie zu verstehen. Es ergab für mich keinen Sinn. Wie konnte sie den Rest überhaupt wissen wollen, mit dieser schrecklichen Wahrheit auf dem Tisch?
Sie wartete und wirkte einfach bloß neugierig. Ihre Haut war bleich, was für sie ganz natürlich war, mir aber trotzdem Sorgen machte. Ihr Abendessen stand praktisch unberührt vor ihr. Wenn ich damit weitermachte, ihr zuviel zu erzählen, würde sie einen Puffer benötigen, sobald sie sich von ihrem Schock erholte.
Ich nannte ihr meine Bedingungen. "Du isst, ich rede."
Sie dachte eine halbe Sekunde darüber nach und schob sich dann mit einer Geschwindigkeit einen Bissen in den Mund, die ihre Ruhe Lügen strafte. Sie war begieriger auf meine Antwort, als ihre Augen verrieten.
Jep, wir sind also tatsächlich wieder da :D
Das war ein riiiesen Kapitel mit so einigen wichtigen Enthüllungen; ich hoffe es hat euch gefallen! :)
Das nächste Kapitel wird der erste Teil des Alice Outtakes sein (ich habs also nicht vergessen! :)) und wird am Donnerstag Abend hochgeladen.
