„Und, wann lassen sie dich wieder auf die Menschheit los?"

Draco war schon vor dem Morgengrauen wach gewesen, und sein erster Weg hatte ihn ins St Mungos zu Sari geführt.

Sari sah missmutig vor sich hin.

„In zwei Tagen", maulte er. „Dabei geht es mir wieder gut. Obwohl – nachdem Mum gestern hier war, wundert es mich, dass ich überhaupt noch lebe. Mann, war die sauer."

„Oh je. Hat sie sich wieder abgeregt?"

„Leidlich. Außerdem war sie angepisst, dass du es vorgezogen hast, in Grimmauld Place zu übernachten. Sie hätte dir schon nicht den Kopf abgerissen, soll ich dir sagen. Außerdem soll ich dir ausrichten, dass sie erwartet, dass du bis spätestens heute Abend bei ihr antanzt."

„Das war nicht meine Idee, sondern Gladiolas. Mal ganz davon ab dass ich da gestern auch einfach keinen Nerv mehr drauf hatte."

Sari grinste.

„Kann ich voll und ganz nachvollziehen. Was anderes: Wie soll es jetzt weitergehen?"

„Rate mal, wer uns den nächsten wertvollen Tipp gegeben hat."

„Der Heilige Geist?" Sari zuckte mit den Achseln. „Sag schon, ich hatte noch nie Geduld für Rätselspielchen."

„Deine Großmutter. Wusstest du, dass sie selbst schon mal nach dem Necronomicon gesucht hat, als sie jung war?"

„Was? Grandma?! Das ist ein Scherz, oder?"

„Nein."

Draco erzählte, nicht nur von Gladiolas Ausführungen, sondern auch von Dumbledores Anweisung, sich erst Mal zurückzuhalten. Danach herrschte einen Moment Stille.

„Ehm … wie ich dich kenne, bist du doch längst auf dem Sprung, das Ganze allein über die Bühne zu bringen", sagte Sari schließlich langsam.

Draco überlegte erst, ob er es abstreiten sollte, dann antwortete er mürrisch: „Manchmal glaube ich, du kannst Gedanken lesen."

„Nein, aber ich weiß, wie du meistens tickst. Habe ich jetzt Recht oder nicht?"

„Die Jury berät noch. Ich weiß echt nicht, was so schlimm daran sein soll, den Archivar um Auskünfte zu bitten, da ist doch nichts dabei. Und ich könnte dem Orden einige Tatsachen präsentieren, so es denn klappt."

„Und so es denn nicht klappt? Du weißt doch gar nicht, was die Farnsworth ausgeplaudert hat. Oder sie wurde von Sandrine und Jelin dazu gezwungen, alle Einzelheiten zu berichten. Da könnte dann der Name Samuel Schmitz durchaus gefallen sein. Und schon steckst du im nächsten Schlamassel. Selbst wenn du dich da raus winden kannst, auf die Unterstützung der anderen kannst du dann nicht mehr zählen, sie werden irre sauer sein."

„Ist mir auch schon durch den Kopf gegangen, ich bin nicht blöd", gab Draco gereizt zurück. „Aber ich kann hier nicht einfach rum sitzen, da werde ich verrückt!"

Sari verdrehte die Augen.

„Herrje, dann machst du halt mal was mit deinem Rotschopf. Ich glaube, sie hat es bitter nötig, mal auf andere Gedanken zu kommen. Und du auch. Geh mit ihr Essen, ins Kino, was weiß ich, Mädchen stehen doch auf so was! Oder du fragst sie einfach, auf was sie Bock hat, das kann doch nicht so schwierig sein! Dracs, es geht hier um zwei Tage, nicht um zwei Jahre. Du wirst dich ja wohl mal zwei Tage anders beschäftigen können! Du beißt dich so in diese Sache fest, dass du für nichts anderes mehr Interesse hast, das grenzt doch schon an Besessenheit!"

Draco wollte etwas Scharfes erwidern und ließ es nach gründlicher Überlegung. Auch wenn er es sich nur ungern eingestand, Sari lag nach Punkten vorne.

„Also gut", sagte er schließlich missmutig. „Okay, du hast Recht, das wolltest du doch wohl hören."

„Ja. Ich hoffe nur, du hältst dich auch dran, und hast nicht noch einen Ausweichplan im Hinterstübchen."

„Ha, ha."


So richtig zufrieden war Draco nicht mit der Situation, gerade weil er das drängende Gefühl hatte, dass die Zeit knapp wurde. Auf der anderen Seite, vielleicht war das auch ein Symptom dessen, was Sari unverblümt „Besessenheit" genannt hatte.

Da es ihm noch zu früh für eine Auseinandersetzung mit Susan war, apparierte er nach kurzer Überlegung vor die Haustür des Fuchsbaus. Angesichts der Uhrzeit – es musste erst kurz nach acht sein – hielt er es für besser, höflich zu klopfen anstatt wie sonst einfach durch das Flohpudernetzwerk im Wohnzimmer zu erscheinen.

Molly öffnete die Tür und zog überrascht die Augenbrauen nach oben.

„Guten Morgen, Mr Malfoy. Nanu, sind Sie aus dem Bett gefallen?"

„Guten Morgen, Mrs Weasley. Ich schlafe sowieso nie mehr als ein paar Stunden, und bevor ich an die Decke starre … ich war auch schon bei Sari."

„Ohne Frühstück", vermutete sie folgerichtig. „Kommen Sie rein, bevor sie uns irgendwann noch mal vom Fleisch fallen."

„Danke." Draco folgte ihr in die gemütliche Küche der Weasleys.

„Setzen Sie sich hin. Ginny schläft noch, und ich beabsichtige auch nicht, sie zu wecken. Kaffee oder Tee?"

„Kaffee, wenn´s keine Umstände macht, ich stehe nicht so auf Tee."

Ein leises Trappeln auf der Treppe, und schon kam Blossom auf Draco zugestürzt und hüpfte sofort auf seine Schulter.

„Draco!" Begeistert ringelte sie den Schwanz um seinen Hals.

„Na, Mistvieh?" Draco kraulte ihre Seite. „Hast du schön aufgepasst?"

„Blossom – artig!"

Molly schüttelte lächelnd mit dem Kopf.

„Den Garten hat sie auf jeden Fall schon gut entgnomt, man sollte ihre Rasse speziell dafür züchten."

„Das wird wohl leider an einem Gefährten für sie scheitern."

Die Treppenstufen knarrten erneut, und nun erschien Ginny in der Küche. Sie trug nur ihren ziemlich zerknautschten Pyjama, war barfuss und sah allgemein noch sehr müde aus. Ihr Haar stand in jeder Richtung ab.

„Morgen, Mum. Mit wem unterhältst du dich?"

„Mit mir", sagte Draco trocken.

Sie riss die Augen auf, sprang sogar einige Meter zurück vor Schreck und starrte ihn dann an.

„Was machst du denn hier mitten in der Nacht?"

„Immer noch die gleiche Schlafmütze."

„Ginevra Weasley, wasch dich und zieh dir gefälligst was auf die Füße!", kommandierte Molly nun.

Ginny murmelte etwas Verlegenes und verschwand wieder.

„Sie ist ganz schön blass, oder?" Draco sah ihr hinterher.

Molly schwieg einen Moment, sie schien mit sich zu ringen, dann gab sie sich einen Ruck.

„Ich war heute Nacht zweimal bei ihr, weil sie im Schlaf geschrieen hat. Sie hatte schlimme Alpträume."

Draco war plötzlich wieder einmal sauer auf sich selbst. Sandrine hin, Jelin her, es gab auch wichtigeres, Ginny zum Beispiel. Normalerweise hätte er weder Saris eindringliche Worte noch diesen kleinen Fingerzeig brauchen müssen, um das endlich einzusehen. Schlimm genug, dass es so war, eigentlich hätte er zusätzlich noch einen kräftigen Tritt in den Hintern verdient gehabt.

„Arthur hat mir bereits berichtet, dass Sie sich nach Aachen begeben wollten. Und dass Albus verboten hat, weitere Schritte zu unternehmen, bevor am Samstag das Treffen des Ordens stattgefunden hat. Er hat uns heute Morgen eine Eule zukommen lassen. Ginny weiß von allem noch nichts." Molly Weasleys Blick war stechend.

„Keine Sorge, das muss sie auch nicht, ich halte mich daran. Hab sowieso noch ein paar Dinge zu erledigen." Gelogen war das nicht. „Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass ich eine Wohnung brauche. Oder zumindest ein Zimmer, damit ich nicht ständig bei anderen Leuten übernachten muss. Das geht mir zunehmend auf den Geist."

„Ach?" Molly war seine prompte Antwort scheinbar suspekt, sie musterte ihn misstrauisch. Draco konnte es ihr nicht verdenken.

Er nahm einfach einen Schluck aus der Tasse, die ihm Mrs Weasley hingestellt hatte und verkniff sich jegliche Erwiderungen. Dann konzentrierte er sich auf den Teller her, der vor ihm aufgetaucht war.

Es dauerte nicht lange, und Ginny erschien erneut. Sie nahm neben ihm Platz und sah ihn fragend an.

„Wieso bist du hier? Ist etwas mit Sari?"

„Nein, alles in Ordnung. Wir machen erstmal Pause, bis Samstag. Anweisung von Dumbledore."

Ginny musterte ihn genauso argwöhnisch wie ihre Mutter.

Eindeutiges Anzeichen, ich werde vorhersehbar. Umso besser, kann ich sie wenigstens überraschen.

Daher aß er wieder ein paar Bissen und machte eine unschuldige Miene dazu.

„Ginny, iss. Ich habe dir extra Rosinenbrötchen gebacken", sagte Molly liebevoll.

„Das ist lieb von dir, Mum, aber ich habe überhaupt keinen Hunger." Ginny rieb sich über die Schläfen. „Ich würde lieber eine Schokolade trinken, machst du mir eine?"

„Natürlich, Schatz."

Molly konzentrierte sich auf den Herd, und Ginny lehnte unauffällig ihren Kopf an Dracos Schulter.

„Scrawny? Ist alles okay?", fragte er leise.

„Ja. Bin nur müde, ich hab so scheußliches Zeug geträumt." Ginny gähnte, ihre Augen schlossen sich wieder.

„Warum gehst du dann nicht ins Bett? Hey, es passiert sowieso nichts Wichtiges im Moment. Schlaf dich doch mal aus."

„Nein." Ginny hob den Kopf und riss sich mit enormer Willensanstrengung zusammen. Dann lächelte sie matt. „Mir geht´s gut."

Und mein Name ist Gilderoy Lockhart. Kann es sein, dass du mir noch irgendwas verschweigst?

Stattdessen sagte er laut: „Ich wollte heute in die Winkelgasse, mich mal nach einem Zimmer oder einer Wohnung umsehen. Möchtest du mitkommen? Danach könnten wir Essen gehen, ich lade dich ein. Oder worauf du sonst noch Lust hast."

„Klingt gut", antwortete sie gespielt enthusiastisch. „Mum?"

„Meinetwegen. Wenn es nur die Winkelgasse ist." Mollys Blick sprach Bände in Dracos Richtung.


„Was meinte Mum damit: Wenn es nur die Winkelgasse ist?" fragte Ginny neugierig, als sie zu zweit den Buchladen von Saris Mutter betraten.

Draco hatte es hinter sich bringen wollen, daher waren sie zuerst hierher gekommen.

„Sie hat Angst, dass ich dich nach Aachen verschleppe", antwortete Draco ironisch.

„Wieso Aachen? Gibt´s was Neues?"

„Ja, erzähle ich dir später. Guten Morgen, Susan."

Susan Hayes sah ihn kühl an.

„Guten Morgen, Draco. Und du musst Ginny sein. Hast du dich nicht allein hergetraut, oder wie soll ich das interpretieren, Draco?"

„Wir haben noch einiges vor, daher erschien es mir einfacher, sie mitzubringen. Außerdem wollte ich, dass Sie Ginny kennen lernen." Draco blieb äußerlich gelassen.

„Ja dann." Susan verdrehte die Augen, dann gab sie Ginny die Hand. „Freut mich, ehrlich. Nur gerade etwas ungünstig." Sie wandte sich Draco zu, und ihre Stimme wurde sofort um einiges lauter. „Sari hätte sterben können, ist dir das eigentlich klar? Und ich werde erst Stunden später informiert! Zumindest von Black hätte ich erwartet, dass er mir sofort Bescheid sagt! Er ist der einzig Erwachsene in eurem kleinen Haufen, aber ach, was rede ich da, soweit mir das zu Ohren gekommen ist, benimmt er sich immer noch, als wäre er siebzehn und gerade aus der Schule entlassen worden! Ich könnte mich schwarz ärgern, dass ich euch überhaupt den Kontakt zu Lady Farnsworth hergestellt habe!" Wütend wischte sie einen Stapel Bücher vom Tresen, die mit einem Knall auf dem Boden landeten.

„Es tut mir leid, dass das passiert ist, wirklich, Susan. Aber Sari gehört dazu, wir hätten ihn doch nicht einfach zurücklassen können."

„Ich weiß! Aber deswegen muss es mir noch lange nicht gefallen, oder?" Susan war tiefrot vor Ärger. „Und dass du gestern Abend nicht einmal den Mut hattest, hierher zu kommen und persönlich mit mir zu reden, das empfand ich beschämend für dich! Und ausgerechnet meine Schwiegermutter vorzuschicken!"

„Das war doch nicht meine Idee!", protestierte Draco. Das konnte man nicht oft genug erwähnen, auch wenn es ihm sehr entgegengekommen war.

„Auch das weiß ich!", bellte Susan zurück. „Am liebsten würde ich im Moment einfach irgendwas kurz und klein schlagen! Noch dazu, weil ich außerdem weiß, dass hier noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist!" Sie verstummte, atmete dann kräftig durch und senkte ihre Stimme endlich wieder. „Und nichts von allem, was ich sage, wird Saris Meinung ändern, oder deine. Ist es nicht so?"

„Das ist nicht der Punkt. Selbst wenn wir sagen würden, wir hören auf, uns ist das Risiko zu groß – würden Sandrine und Jelin dann ebenfalls aufhören? Ganz zu schweigen von Voldemort?", gab Draco so ruhig wie möglich zurück. „Ich wünsche mir so vieles anders – dass meine Mutter noch leben würde, dass Ginny und ich uns auf das Kind hätten freuen dürfen, dass diese ganze Scheiße nicht passiert wäre."

Susan verschränkte beide Arme vor der Brust.

„Ohne irgendwem nahe treten zu wollen, ich wollte, Zauberer wären nie in mein Leben getreten. Aber ich musste mich ja ausgerechnet in einen verlieben." Sie seufzte. „Die absolute Ironie? Wenn Chris noch leben würde, er wäre mit Sicherheit ein Mitglied eurer illustren Truppe. Aber dann würde ich ihn jetzt anschreien, nicht euch."

Christian Hayes war Saris Vater gewesen. Draco hatte ihn nur flüchtig gekannt, es war schwierig genug gewesen, allein mit Sari den Kontakt aufrechtzuerhalten, ohne dass Lucius etwas mitbekam. Aber er war ein netter Mann gewesen, und ein absolut anständiger Dad. In vielen stillen Stunden hatte er Sari oft um diesen Vater beneidet.

„Mrs Hayes, niemand hat Schuld", sagte Ginny leise. „Es tut mir so leid, dass Sari verletzt wurde."

„Er wird wieder gesund, das ist die Hauptsache." Susan sah noch einen Moment vor sich hin, dann raffte sie sich auf und sah entschlossen drein. „Okay, ich bin meine Wörter losgeworden. Themawechsel. Was habt ihr noch vor?"

Ginny sah etwas irritiert drein, Draco erleichtert. Das war weniger schlimm gewesen als er befürchtet gehabt hatte.

„Dumbledore will, dass wir bis zum nächsten Treffen die Füße stillhalten. Das Wort Necronomicon hat ihm nicht besonders gefallen."

„Mir auch nicht." Susan fing an die Bücher aufzuheben, die sie in ihrem Zorn heruntergeworfen hatte. „Aber wenn es nötig ist, um Jelin und Sandrine zu schnappen … ich hoffe nur, dass dann nicht als nächstes eine Expedition nach Tibet ansteht."

„Wieso Tibet?", fragte Ginny.

Draco bückte sich, um Susan zu helfen.

„Das hat was mit der Geschichte des Necronomicons zu tun. Alhazred hat es angeblich auf der Ebene von Length geschrieben – und die soll in Tibet liegen. Da bringen mich übrigens weder galoppierende Gorgonen noch beißwütige Hippogreife hin, ich stehe nicht auf eisige Kälte."

„Schön zu hören."

„Ich werde heute versuchen, eine Wohnung zu finden, nur zur Information."

„Wozu? Du weißt genau, dass du erstmal bei uns bleiben kannst. Dafür ist doch später noch Zeit genug."

„Ich weiß, aber es nervt mich einfach, keine eigenen vier Wände zu haben. Außerdem haben wir jetzt Zeit."

Susan legte den Kopf schief, sie dachte nach.

„Muss es von Zauberern sein? Oder akzeptierst du auch einen Muggelvermieter?"

„Das ist mir völlig egal, Hauptsache ein Kamin ist da. Das ist das Wichtigste."

„Ich habe mich doch letztens mit einem Kunden unterhalten … hm." Sie wühlte in einem Kasten mit Karteikarten herum. „Na, da haben wir ihn doch. Miles McGraw. Was ich sagen wollte, wir hatten eine ganz nette Unterhaltung, in deren Verlauf er erwähnte, dass er Apartments vermietet, und eins davon gerade frei geworden ist. Ich hab damals schon an dich gedacht, bin aber bei der ganzen Aufregung drüber weggekommen. Soll ich dir die Telefonnummer … Verzeihung, soll ich ihn anrufen?"

„Und wo wäre das Ganze? Und was ist das für eine Wohnung?"

„Das dürfte für dich interessant sein, sie liegt in Mayfair. Und außerdem ist es ein Penthouse. Möbliert, soweit ich weiß."

„Hört sich nicht schlecht an."

„Hört sich für mich eher teuer an", bemerkte Ginny. „Geht´s nicht auch erstmal eine Nummer kleiner?"

„Ach was." Draco tat ihre Anmerkung mit einer Handbewegung ab. „Ich wäre dafür, wir sehen es uns an. Ablassen kann man immer noch."

„Gut, dann rufe ich ihn jetzt an. Vielleicht hat er ja heute Zeit." Susan verschwand kurz im Büro und kam nach wenigen Minuten zurück. „Glück gehabt, hier ist die Adresse. Er erwartet euch in Kürze."

„Super, vielen Dank. Kommst du, Ginny?"

Ginny grinste.

„Blossom müssen wir aber hier lassen, ich glaube, ein Muggel findet sie als Haustier doch etwas merkwürdig."

Der Scyro piepste empört.

„Das geht doch nicht gegen dich, Herzchen, aber ich verstehe, was Ginny meint." Auch Susan schmunzelte. „Sie kann bei mir bleiben, und ihr holt sie nachher wieder ab. Recht so?"

„Blossom – mit!"

„Das geht nicht, du hast es doch gehört. Wir beeilen uns auch, versprochen."


Nur widerstrebend ließ Blossom sich überzeugen, erst als Susan beiläufig etwas von Schokolade erwähnte, änderte sie ihre Meinung. Schokolade verfehlte ihre Wirkung nie auf den Scyro, das hatten auch Draco und Ginny schon festgestellt.

Danach machten sie sich per Flohpuder auf den Weg, Draco kannte in der direkten Nähe von Mayfair einen öffentlichen Zugang.

Schon bald standen sie vor dem Haus der angegebenen Adresse, ein ziemlich exklusiv aussehendes Maklerbüro.

Ginny sah darauf, und dann ziemlich unbehaglich an ihrer Kleidung hinab.

„Glaubst du, die lassen mich da rein, oder werde ich gleich wieder vor die Tür gesetzt?"

„Red keinen Quatsch, sehe ich vielleicht besser aus?" Draco trug schwarze Jeans und ein Sweatshirt, beides von Sari „ausgeborgt". „Notiere mal, als nächstes gehen wir einkaufen. Bis auf die Klamotten, die ich noch in Hogwarts oder bei den Hayes hatte ist meine komplette Garderobe mit Malfoy Manor in Flammen aufgegangen. Wollte ich sowieso längst machen."

„Einkaufen? Bin ich immer dabei." Ginny lachte.

„Typisch Mädchen."

Draco öffnete die Tür, ließ Ginny den Vortritt und ging dann selbst hinein.

Die Sekretärin musterte sie von oben bis unten, als sie vor ihrem Tisch stehen blieben.

„Sie wünschen?", fragte sie kühl.

„Wir haben einen Termin bei Mr McGraw. Mein Name ist Draco Malfoy, meine Freundin Ginevra Weasley."

„Einen Moment bitte. Setzen Sie sich doch solange." Sie wies auf eine kleine Sitznische.

„Alles äußerst nobel", flüsterte Ginny, die sich kaum traute zu atmen aus Angst, es könnte zu laut sein.

„Nur nicht verrückt machen lassen." Draco ließ sich natürlich kaum beeindrucken, er war noch ein paar Nummern höher gewohnt.

„Sagst du so leicht."

„Reine Gewöhnungssache."

„Mr Malfoy?" Ein ziemlich smart aussehender Geschäftsmann trat jetzt auf sie zu.

„Richtig. Und Sie müssen Mr McGraw sein. Meine Freundin Ginevra Weasley, sie hilft mir bei der Auswahl."

„Ich hatte Sie mir … nun, älter vorgestellt. Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?"

„Neunzehn", log Draco ohne mit der Wimper zu zucken.

Der Blick des Mannes lag nun unverhohlen auf ihrer ziemlich legeren Kleidung.

„Ich weiß, im Moment sehen wir nicht so präsentabel aus, es ging alles sehr schnell heute Morgen", sagte Draco trocken. „Wir hatten eigentlich etwas anderes vor."

„Und Sie wollen das Apartment zusammen beziehen?"

Ginny wurde rot.

„Derzeit noch nicht." Draco zwinkerte ihr kurz zu.

„Die … äh, Preise sind Ihnen aber bekannt?"

„Bis jetzt noch nicht, aber ich versichere Ihnen, dass ich es mir leisten kann." Der Ton des ehemaligen Slytherins war nun merklich kühler geworden.

„Das wollte ich damit bestimmt nicht andeuten", beeilte sich McGraw zu versichern.

Den Teufel wolltest du.

„Dann zeige ich Ihnen jetzt das Penthouse. Wenn Sie mir folgen wollen?"


Sie verließen das Büro und folgten der Straße ein Stück hinauf.

„Ich glaube, der denkt, wir wollen ihn hochnehmen", murmelte Ginny Draco zu.

„Soll er doch. Der wird Augen machen, wenn er die Referenzen sieht."

„Was für Referenzen?"

„Später, wir scheinen da zu sein."

Tatsächlich, McGraw hielt vor einem noblen Gebäude, das sechs Stockwerke besaß.

McGraw nickte dem Portier zu, der für sie die Tür öffnete, und sie folgten ihm in die großzügige Lobby. Mit dem Fahrstuhl fuhren sie bis in den sechsten Stock.

„Au backe!", entfuhr es Ginny, als sie schließlich das Apartment betraten.

Draco war nicht weiter überrascht, im Gegenteil, ihm gefiel, was er sah.

Schon der Flur war verschwenderisch mit einem dicken, weißen Teppich ausgelegt, bei dem Ginny unwillkürlich daran dachte, sich sofort die Schuhe auszuziehen um ihn bloß nicht schmutzig zu machen.

Von dort aus ging es weiter in einen riesigen, kombinierten Raum aus Wohnzimmer und Küche, getrennt nur durch eine Marmortheke. Weiß und cremegrün waren die vorherrschenden Farben. Eine weiße Ledercouchgarnitur und ein großer Esstisch mit sechs Stühlen waren neben der Küche die einzige Einrichtung.

„Sehen Sie sich ruhig in Ruhe um."

„Das ist doch viel zu groß für dich allein", raunte Ginny.

„Wer sagt, dass ich allein bleiben muss?" Draco grinste. „Mir gefällt es. Sieh dir den Wintergarten an, der ist doch perfekt für Blossom."

Der an das Wohnzimmer grenzende Wintergarten war üppig mit Grünpflanzen bestückt, ein kleiner Dschungel für sich, in dessen Mitte ein weißer Tisch inklusive Stühle stand. Die Sonne fiel durch das Glasdach herein.

„Es sieht wirklich toll aus, ja, aber … ich glaube, hier hätte ich ständig Angst, das ich was kaputt mache."

„Du tust ja geradezu, als wärst du ein Trampeltier. Ist doch alles Blödsinn, du wirst dich schnell daran gewöhnen."

Draco musterte den breiten Kaminsims und nickte dazu. Ausgezeichnet, da stieß man sich wenigstens nicht immer gleich den Kopf.

„Es gibt noch zwei weitere Räume, das Schlafzimmer und das ehemalige Kinderzimmer. Aber Sie könnten sich dort durchaus ein Arbeitszimmer einrichten, ich nehme an, dass Sie in Ihrem Alter noch nicht gleich eine vollständige Familie gründen wollen."

Ginny war bei dem Wort „Kinderzimmer" leicht zusammengezuckt.

Draco Augenbrauen dagegen waren bei diesem etwas gönnerhaften Kommentar McGraws nach oben gegangen, aber er beschloss, nicht darauf einzugehen.

„Ist das Schlafzimmer auch eingerichtet?"

„Sicher, ich zeige es Ihnen."

Auch das Schlafzimmer war sparsam, aber nobel möbliert, ein großes Himmelbett in cremeblau und ein gewaltiger Kleiderschrank war alles.

Das „Kinderzimmer" war leer, und nichts wies als solches daraufhin.

„Okay." Draco nickte entschieden, als sie zurück ins Wohnzimmer kamen. „Es gefällt mir sehr gut, ich nehme es."

„Wollen Sie nicht erst wissen, was es an Miete kostet?"

„Das werden Sie mir sicher gleich erzählen."

McGraw hüstelte. Offenbar wusste er immer noch nicht, ob er Draco ernst nehmen sollte oder nicht.

„Die Miete beläuft sich auf elftausend Pfund im Monat. Und ich benötige Referenzen von Ihnen. Falls Sie an einem Erwerb interessiert sind – auch das ließe sich einrichten."

Ginny räusperte sich nachdrücklich und warf Draco einen ziemlich warnenden Blick zu. Der ignorierte ihn gekonnt.

„Ist es Ihnen Recht, wenn ich Ihnen die Referenzen bis heute Mittag vorlegen lassen? Ich würde das Ganze gerne schnell über die Bühne bringen."

„Selbstverständlich."


„Das ist doch vollkommen verrückt!" Ginny war sauer. „Elftausend Pfund, das sind fast zweitausend Galleonen, dafür kannst du anderswo ein Haus abbezahlen! Soviel Geld für eine blöde Wohnung, und wenn sie noch so schick ist, ich fass es nicht, dass du ernsthaft darüber nachdenkst!"

„Reg dich ab, soviel hat allein der Unterhalt von Manor jeden Monat gekostet."

Ginny machte große Augen.

„Ist das dein Ernst?"

„Mein voller Ernst. Komm schon, das Apartment ist einfach klasse."

Sie schüttelte trotzdem mit dem Kopf.

„Es ist dein Geld, und du kannst machen, was du willst, ich halte es trotzdem für Verschwendung. Aber ich sehe schon, jedes weitere Wort ist nutzlos, du wirst deinen Dickkopf doch durchsetzen."

„Eine meiner herausragendsten Eigenschaften." Draco grinste.

„Wo geht´s jetzt hin? Winkelgasse?"

„Ja, ich muss zuerst Gringotts, die Referenzen abfordern und dann McGraw zukommen lassen. Die sollen sich dann auch gleich um den Mietvertrag kümmern, ich hasse so ein Zeug."

„Erleuchte mich mal, was sind das für Referenzen von denen du da ständig schwafelst?"

„Das ist so was wie ein Empfehlungsschreiben, oder banal gesagt, jemand bestätigt, dass ich genug Geld habe um die Miete bezahlen zu können."

„Aha. Und das funktioniert? Ich meine, ich habe ja keine Ahnung davon, aber dieser Muggel wird wohl kaum Leute aus der Zaubererwelt kennen, die ihm das bestätigen."

„Braucht er auch nicht, es gibt Verbindungen der Zaubererbank zu den vier größten Muggelbanken in England. Wie wäre es mit einer Referenz aus dem Königshaus? Meinst du, das beeindruckt ihn genug?" Draco grinste wieder.

„Du spinnst ja, das glaube ich dir nicht!"

„War nur Spaß. Obwohl die Kobolde auch das hinkriegen würden, da bin ich mir fast sicher. Du wirst sehen, das machen die schon."

„Hm." Ginny warf ihm einen Seitenblick zu. „Du kennst dich gut aus in der Materie, oder?"

„In manchen Beziehungen bin ich – leider – doch der Sohn meines Vaters." Draco zuckte mit den Achseln. „Ich musste mich von klein auf viel damit beschäftigen, er hat darauf bestanden. Gehen wir, wir haben noch mehr vor."