Disclaimer

Harry Potter gehört JKR.

Ja, ja. Wird es dir nicht irgendwann langweilig, immer dasselbe zu sagen?

Nein!


Schatten der Wahl

37. Qui vult vitare charybdim

Ihr Vater stand ihnen gegenüber und musterte sie nachdenklich. Draco und Tigris warfen sich einen beunruhigten Blick zu. Tigris fühlte sich, nicht zum ersten Mal, wie ein Beutetier unter dem starren Blick einer Raubkatze. Sein Vater wirkte eigentlich nicht bedrohlich, dennoch... Tigris fragte sich beiläufig, ob sein Unterbewusstsein ihm etwas damit sagen wollte, dass er ihn immer wieder mit einer Katze assoziierte. Der Mann hatte sicherlich einiges mit einer Katze gemeinsam. Er hatte die Geschmeidigkeit und Eleganz einer Katze, ihren Jagdinstinkt, und wie eine Katze spielte er gerne mit seiner Beute. Tigris riss sich aus seinen zynischen Gedanken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Person, mit der sie sich beschäftigten.

„Ich bin zu dem Entschluss gekommen", sagte sein Vater, „dass wir langsam beginnen können, etwas Anspruchsvolleres zu trainieren. Besonders, da ihr nun zu zweit seid. Die Zauber, die wir bisher besprochen haben, mögen in den Augen der Narren im Ministerium als dunkel klassifiziert sein, aber sie sind nicht wirklich Dunkle Magie. Dunkle Magie ist ungleich mächtiger. Ein entscheidender Unterschied zu dem, was wir bisher geübt haben, ist, dass man sie nicht ohne ein geeignetes Ziel üben kann. Ein menschliches Ziel natürlich."

Tigris hatte eine ungute Vorahnung, wohin das führte, und sie bestätigte sich im selben Moment.

„Da ihr, wie ich zuvor schon sagte, glücklicherweise zu zweit seid, könnt ihr sie gegeneinander ausprobieren."

Tigris schluckte. Draco sah ebenfalls nicht sehr glücklich aus. „Was... für eine Art Zauber sind das?", fragte Tigris stockend.

Sein Vater lächelte ihn an. „Gut dass du fragst. Ich komme gerade dazu. Wir werden mit etwas Einfachem beginnen – einem Illusionszauber."

Tigris hätte beinahe aufgeatmet, aber er kam nicht umhin zu denken, dass da noch ein Haken bei der Sache sein musste. Warum sollte ein einfacher Illusionszauber Dunkle Magie sein?

„Es gibt verschiedene Formen dieses Zaubers, aber sie werden alle mit dem gleichen Spruch beschworen.", fuhr sein Vater fort. „Was sie unterscheidet ist die Stabbewegung. Das ist ein offensichtlicher Vorteil, da euer Gegner, selbst wenn er den Spruch kennt, nicht wissen kann, was ihn erwartet, wenn er nicht genau auf eure Bewegung achtet."

Er winkte ihnen mit der Hand, und Draco und Tigris stellten sich gegenüber voneinander auf der Matte auf.

Lucius ging zu einer Stelle, von der er gleich weit von ihnen beiden entfernt war, aber nicht zwischen ihnen stand. „Ich werde euch den Zauber vormachen, so dass ihr ihn wiederholen könnt. Achtet gut auf meine Bewegung, dann muss ich mich nicht wiederholen. Der erste Spruch, den ich euch beibringen will, erzeugt die Illusion, zu verbrennen. Der Spruch lautet VIPRALAMBHA. Draco, du fängst an. Sieh gut hin."

Tigris gefror, als sein Vater seinen Stab auf ihn richtete. Lucius zeichnete in einer raschen Bewegung eine Figur in die Luft. „Vipralambha!"

Tigris hatte es erwartet, aber das tatsächliche Gefühl war schlimmer. Er biss die Zähne zusammen und brach in die Knie, als Hitze über seine Haut kroch. Sie wurde stärker und stärker, bis sie schmerzhaft war, bis es Tigris vorkam, als würde er in Flammen stehen. Tränen stiegen ihm in die Augen und ein heiserer Schrei entkam ihm.

„Finite!"

Das Gefühl erlosch und Tigris rang nach Luft. Schwankend kam er wieder auf die Füße.

„Du bist dran, Draco.", sagte sein Vater.

Sein Bruder sah ihn entsetzt an, aber richtete trotzdem seinen Stab auf Tigris. Seine Hand zitterte leicht, doch dann riss er sich offensichtlich zusammen und wiederholte die Bewegung seines Vaters. „Vipralambha!"

Tigris bereitete sich geistig auf den Schmerz vor, aber er kam nicht. Er fühlte nicht einmal einen schwachen Abglanz der Hitze. Sein Bruder blinzelte verblüfft. Tigris war genauso überrascht. Er konnte keinen Unterschied zwischen Bewegung und Aussprache der beiden erkennen.

„Traurig.", kommentierte ihr Vater abfällig. „Dunkle Magie wirkt nicht nur durch einen Spruch, Draco. Du musst auch wollen, dass es funktioniert. Versuch es noch mal."

Draco biss sich auf die Lippen, aber richtete gehorsam seinen Stab erneut auf Tigris. „Vipralambha!"

Wieder geschah nichts.

Sein Vater schüttelte missbilligend den Kopf. „Hast du mir nicht zugehört? Du musst dir wünschen, dass dein Spruch Erfolg hat! Vielleicht ist dein Bruder ja besser darin, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. Sieh her, Tigris." Er deutete mit seinem Stab auf Draco. „Vipralambha!"

Draco zuckte heftig zusammen und fiel auf die Knie, die Augen geweitet.

„Finite. Mach es nach."

Draco stand wieder auf und holte ein paar Mal tief Luft.

Tigris sah ihn unsicher an und hob zögernd seinen Stab. Er wusste, er hatte nicht wirklich eine Wahl, aber nachdem er erfahren hatte, wie es sich anfühlte, wollte er ganz gewiss nicht seinem Bruder die gleichen Schmerzen zufügen. Als er seinen Stab bewegte, wusste Tigris bereits, dass er versagen würde. „Vipralambha!"

Wie er es vorausgesehen hatte, hatte es keinerlei Effekt auf Draco.

Sein Vater runzelte die Stirn. „Das ist alles, was du kannst? Erbärmlich. Draco, sieh mir zu, dann versuch es noch mal. Vipralambha!"

Wieder umgab Tigris das Gefühl von Hitze, stärker und stärker werdend. Diesmal hielt sein Vater den Zauber so lange, bis Tigris vor Schmerzen schrie.

Als Tigris wieder auf die Füße kam war Draco bleich. Natürlich gelang es ihm nicht, den Zauber erfolgreich zu sprechen.

„Willst du mich bewusst ärgerlich machen?", fragte sein Vater kalt. „Lass es mich dir noch einmal zeigen, Tigris. Vipralambha!"

Draco brach in die Knie, warf den Kopf zurück und schrie auf.

„Finite. Du bist dran."

Tigris richtete seinen Stab auf Draco, ohne vorzuhaben, erfolgreich zu sein. Wenn es nach ihm ging, würde er diesen Spruch nie meistern. Wie vorherzusehen hatte es keine Wirkung.

Sein Vater ging zwischen ihnen auf und ab. „So schwierig kann das doch nicht sein. Ihr müsst euch nur mehr konzentrieren! Sieh her, Draco!"

Dieses Mal wand Tigris sich bereits auf dem Boden, als sein Vater den Spruch aufhob. Ein Blick auf Draco sagte ihm, dass sein Bruder genauso wenig Erfolg haben würde, wie er. So war es auch.

Eine Minute später lag Draco schreiend auf dem Boden, nach unsichtbaren Flammen schlagend.

Tigris richtete seinen Stab auf Draco so bald er wieder stand. Sie wechselten einen schmerzerfüllten Blick. Keiner von ihnen wollte dem anderen Schmerzen zufügen, wie konnte ihr Vater erwarten, dass sie diesen Spruch meisterten? Es war schlicht unmöglich. Tigris versagte erneut.

Der Schmerz war unerträglich. Nicht so schlimm wie der Cruciatus-Fluch, aber es kam nahe heran. Es kam Tigris vor, als brenne er lichterloh. Das Feuer fraß sich durch seine Haut, bis zu seinen Knochen. Als sein Vater den Spruch aufhob, schmerzte seine Kehle vom Schreien. Einen Moment lang blieb er schwer atmend auf dem Boden liegen, dann schaffte er es auf die Füße. Als Tigris Draco ansah, wünschte er sich nichts mehr, als dass sein Bruder Erfolg haben würde. Er wollte einfach nicht, dass Draco das gleiche durchmachen musste, wie er. Sein Wunsch war vergeblich.

Als sein Vater seinen Stab auf Draco richtete, streckte Tigris die Hand aus. „Nein!", flehte er. „Bitte nicht! Ich weiß, was ich tun soll, ich muss mich nur konzentrieren. Ich versuche es. Bitte, tu es nicht."

Sein Vater hielt inne und senkte seinen Stab. „Wie du meinst. Du hast einen Versuch."

„Danke.", sagte Tigris erleichtert. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Er konnte es tun, redete er sich ein. Er würde den Spruch nur eine Sekunde halten, um zu zeigen, dass er es konnte, und dann wäre es zu Ende. Er musste sich nur dazu bringen, es zu wollen. Tigris konzentrierte sich, und vertrieb die Angst und das Mitgefühl aus seinem Bewusstsein. Er musste sich wünschen, Draco zu verletzen, nur für einen Moment. Er konnte das tun. Er hatte es zuvor gefühlt. Tigris stellte sich in Gedanken vor, Draco wäre noch immer der Rivale, den er einmal gehasst hatte. Er erinnerte sich an all seinen Zorn und seine Wut auf ihn und verdrängte alles andere aus seinen Gedanken. Draco war arrogant, niederträchtig, widerwärtig, Tigris verabscheute ihn, er fühlte nichts anderes als Wut auf ihn... ICH WILL IHM WEH TUN. ER VERDIENT ES. ICH WILL IHN SCHREIEN HÖREN. Tigris atmete tief durch, öffnete die Augen und richtete seinen Stab auf Draco. „Vipralambha!"

Tigris wusste im selben Augenblick, dass er Erfolg gehabt hatte. Eine Welle magischer Energie durchströmte ihn. Tigris konnte fühlen, wie sie sich in Dracos Gedanken wob, um Vorstellungen in seinem Geist zu erzeugen. Er lachte, als Dracos Augen sich vor Schock weiteten.

„Überrascht?", fragte Tigris amüsiert, zwei Schritte auf Draco zugehend. Die Energie sang in ihm, ein aufregendes, wundervolles Gefühl, wie er es noch nie zuvor gespürt hatte. Es war berauschend. Sie ließ sich von ihm dirigieren, gehorchte jedem seiner Gedanken.

Draco war nun auf dem Boden und wand sich schreiend zu seinen Füßen. Tigris betrachtete ihn wonnetrunken. Unvergleichlich. Er war ihm ausgeliefert, nur durch einen einfachen Spruch. Der Schmerz, den er hervorrief machte ihn gottgleich. In diesem Moment war seine Macht über den Körper vor ihm unbegrenzt und absolut.

„Beende es!", unterbrach ihn die scharfe Stimme seines Vaters.

Tigris gehorchte, wenn auch widerwillig. „Finite!"

Draco sah schmerzerfüllt und ungläubig zu Tigris auf, aber in diesem Moment kümmerte es Tigris nicht. Er lachte entzückt. „Das war unglaublich! Warum hast du nicht gesagt, dass es sich so anfühlt?"

Sein Vater grinste ihm zu. „Hättest du mir geglaubt?"

„Oh." Tigris beruhigte sich ein wenig. „Vielleicht nicht." Er grinste. „Das ist unvergleichlich, einfach großartig!"

Er wandte sich zu Draco um, der wieder auf die Füße gekommen war. Sein Bruder sah ihn schockiert an, ein wenig wie ein getretener Hund. Ohne es zu wollen betrachtete Tigris ihn mit Verachtung. „Komm Bruder, versuch es, es ist wirklich nicht schwer. Dieses Gefühl ist unvergleichlich! Komm, es macht mir nichts aus!"

Es kümmerte Tigris nicht, dass es Schmerzen für ihn bedeutete. Er wollte dieses Gefühl mit Draco teilen. Außerdem, wenn sein Bruder den Spruch endlich beherrschte, würde ihr Vater ihnen sicher den Nächsten zeigen. Tigris konnte es nicht erwarten, es noch einmal zu probieren.

„Ich werde dich verletzen...", brachte Draco gepresst hervor.

Tigris zuckte großzügig mit den Schultern. „Na und? Erzähl mir nicht, dass du es nie gewollt hast. Wie oft hast du mir gedroht, mir ein paar Knochen zu brechen? Komm schon, Draco, erinnere dich daran, wie sehr du mich gehasst hast. Es sollte nicht so schwer sein."

Draco starrte ihn an und hob dann zögernd seinen Stab.

„Komm schon!", forderte Tigris ihn heraus, ungeduldig auf seinen Füßen wippend. „Denk an Harry Potter. Weißt du noch, wie oft wir dich verhext haben? Ich habe gelacht, als Moody dich in ein Frettchen verwandelt hat!" Das war zwar eine Lüge, aber es hatte den gewünschten Effekt.

Dracos Augen verengten sich ein wenig und Tigris sah, wie er sich konzentrierte. „Vipralambha!"

„Ja!", rief Tigris triumphierend. Hitze durchlief ihn. Es dauerte nicht lange, bis der Schmerz alles andere übermannte und er aufschrie. Im selben Moment endete der Zauber. Tigris sah verblüfft auf und traf Dracos entsetzten Blick. „Das ist alles?", fragte er überrascht. „Willst du es nicht genießen?"

Dracos Augen weiteten sich noch etwas mehr. „Genießen?", brachte er hervor. Er brauchte offensichtlich ein paar Sekunden, bis er seine Beherrschung wiedergewann. „Auch wenn es dir nichts ausmacht", sagte er dann leise, „ich will dich nicht verletzen."

„Na ja, es ist nicht meine Schuld, wenn du ein Idiot bist.", sagte Tigris, aufstehend. Er sah seinen Vater an. „Zeigst du uns eine andere Variante?"

„Sicher.", erwiderte sein Vater lächelnd. „Mit einer nur wenig veränderten Handbewegung erzeugt man die Illusion brechender Knochen. Du zuerst, Draco. Sieh hin."

Er deutete auf Tigris, seinen Stab in einem etwas anderen Muster bewegend. „Vipralambha!"

Tigris schrie überrascht auf, als ein stechender und zugleich bohrender Schmerz von seinem linken kleinen Finger seinen Arm hochfuhr. Der nächste Schrei, als es sich bei den restlichen Fingern wiederholte, war nur Schmerz.

„Finite."

Tigris atmete tief durch. Draco betrachtete ihn angestrengt, dann presste er kurz die Lippen zusammen und deutete seinen Stab auf ihn. „Vipralambha!"

Der Schmerz war dumpfer als der zuvor, aber als es zu seinem Handgelenk kam, schrie Tigris doch auf. Draco beendete den Spruch auf der Stelle. Tigris verstand es nicht, aber es kümmerte ihn auch nicht. Worauf es ankam war, dass er nun an der Reihe war. Er wartete nicht darauf, dass sein Vater es noch einmal vormachte. „Vipralambha!"

Draco schnappte nach Luft und packte seine linke Hand mit der rechten, aber ließ sie eine Sekunde darauf los und schrie. „Hör auf! Bitte!"

Tigris beachtete ihn nicht. Er war zu sehr davon fasziniert, wie die Illusion sich fortpflanzte – von Dracos Hand seinen Arm hinauf, zu seiner anderen Hand – in diesem Moment ließ Draco seinen Stab fallen. Er war in die Knie gegangen. Seine Beine. Draco lag nun auf dem Rücken, seine Schreie stetig lauter werdend. Je mehr Schmerz sein Bruder fühlte, desto aufregender war das Singen der Energie. Seine Rippen.

Jemand packte Tigris an den Schultern. „Ich sagte, beende es!"

„Oh.", sagte Tigris entschuldigend. „Tut mir leid, ich habe dich nicht gehört. Finite!"

Draco rollte sich zusammen und schluchzte auf. Er bot ein erbärmliches Bild.

„Oh bitte!", sagte Tigris ein wenig ärgerlich. „Mach nicht so eine Szene, es war schließlich nur eine Illusion!"

Dracos Schluchzen verstummte. Tigris sah zufrieden, wie er ein paar Mal tief durchatmete und dann, wenn auch zitternd, auf die Füße kam. Er wischte sich mit dem Ärmel über sein tränenüberströmtes Gesicht. Tigris lag eine spöttische Bemerkung auf der Zunge, aber er unterdrückte sie und wandte sich stattdessen seinem Vater zu.

„Der Nächste, Vater? Bitte!"

„Vater, bitte... ich kann nicht..."

Tigris fuhr ungehalten zu Draco herum. Sein weinerliches Verhalten reizte ihn. „Ich weiß nicht, was mit dir los ist!", schnappte er. „Du kannst doch nicht wirklich so armselig sein! Reiß dich ein wenig zusammen!"

Draco sah ihn an und Tigris konnte sich wirklich nicht vorstellen, was er dachte. Einige Augenblicke starrten sie sich an, dann senkte Draco den Blick und wandte sich wieder zu ihrem Vater um. „Bitte..."

Tigris hielt mühsam seinen Ärger im Zaum. Es war offensichtlich, dass Draco die Herausforderung dieser Zauber nicht zu schätzen wusste, aber konnte er nicht wenigstens ihm seinen Spaß lassen? Tigris hoffte inständig, dass sein Vater sich nicht durch dieses lächerliche Gejammer beeindrucken ließ.

„Dieser Zauber erzeugt die Illusion von Nadelstichen.", sagte sein Vater.

Draco sackte resigniert in sich zusammen und Tigris grinste zufrieden.

„Du zuerst, Draco."

Tigris wappnete sich.

„Vipralambha!"

Der Schmerz war intensiv. Es fühlte sich wirklich an, als würden lange Nadeln in sein Fleisch stechen, eine nach der nächsten, von seinen Füßen aufwärts. Es war anders als die beiden Male zuvor, weil der Schmerz immer wieder zunahm und nachließ. Sein Vater hielt den Zauber eine Weile. Tigris war bereits zu Anfang zu Boden gesunken. Natürlich schrie er. Als der Zauber endete musste er ein paar Mal durchatmen.

Dracos Gesicht war blank. Er sprach den Zauber auf Tigris, und wie zuvor brach er ihn bei Tigris' ersten Aufschrei ab.

Als sein Vater Tigris bedeutete, dass er an der Reihe war, folgte Tigris seinem Wink begierig. Draco sah Tigris nicht an, als er den Zauber sprach. Er brach nur zusammen und rollte sich auf den Rücken. Erst war er stumm, aber nach einer Weile schrie er. Tigris badete im Rausch der Magie, bis sein Vater ihm ins Gesicht schlug. Als er den Zauber beendete lag Draco regungslos und starrte an die Decke. Es war zugleich lächerlich und peinlich. Tigris stieß ihn mit dem Fuß an.

„Komm schon, steh auf! Tu nicht so!"

Draco blinzelte ein paar Mal, dann holte er einen tiefen Atemzug und kam langsam auf die Beine. Sobald er stand brach er wieder in die Knie.

„Also wirklich!", sagte Tigris ungläubig. Er schüttelte den Kopf, als Draco keinen Versuch machte aufzustehen. Draco hatte den Kopf gesenkt und sah in nicht an. Vermutlich schämte er sich innerlich, weil ihm bewusst war, wie grotesk er sich benahm. Tigris entschied sich, ihn zu ignorieren.

„Der nächste, Vater?"

„Ich denke, das reicht für heute.", sagte sein Vater.

„Was?" Tigris konnte nicht glauben, dass er bereits aufhören wollte. „Warum? Wir haben doch gerade erst angefangen! Sicher gibt es noch viel mehr Varianten! Wir können nicht einfach mittendrin aufhören!"

„Natürlich gibt es noch mehr Varianten.", sagte sein Vater.

Tigris begegnete seinem ruhigen Blick aufgebracht. Er wollte sie ausprobieren. Wenn Draco sich nicht so kindisch benehmen würde, hätte sein Vater ihnen bestimmt erlaubt, weiter zu trainieren.

„Zum Beispiel gibt es eine, die dem Opfer die Illusion vermittelt, es würde sterben. Die Bewegung ist ein gerader Schwung deines Stabes." Lucius war zwischen Tigris und Draco getreten und machte es vor.

„Das habe ich schon einmal gesehen!", sagte Tigris begeistert, als er die Bewegung erkannte. „Dolohov hat es in der Mysteriumsabteilung benutzt!" In diesem Moment war es Tigris egal, dass dieser Zauber Hermione beinahe getötet hätte.

„Ja, Antonin hat einen Hang zu diesem Zauber.", meinte sein Vater. „Er versetzt den Körper des Getroffenen in Schock. Wenn derjenige allerdings schwach oder verwundet ist, kann es sein, dass er wirklich stirbt. Du würdest diese Variante nicht mit deinem Bruder ausprobieren wollen, oder?"

„Nein.", sagte Tigris nach einem Moment des Zögerns. „Aber es ist nicht meine Schuld, dass er so widerlich schwach ist." Er sagte das, damit Draco endlich aufhörte zu schauspielern, aber sein Bruder rührte sich nicht. „Es gibt doch sicher weniger gefährliche Varianten."

Sein Vater nickte zustimmend. „Ja. Trotzdem, ich sage, es ist genug für heute, und damit ist es genug."

„Ja, Vater.", sagte Tigris enttäuscht.

Sein Vater lächelte erneut. „Ich möchte, dass du deinen Bruder in sein Zimmer bringst und dann deine Mutter bittest, nach ihm zu sehen."

Tigris wollte widersprechen, aber auf den Blick seines Vaters hin nickte er nur. „Wie du willst, Vater."

„Gut. Oh, und gib mir bitte deinen Stab."

„Warum?", protestierte Tigris. „Ich konnte ihn doch auch zuvor behalten!"

„Weil ich es sage!", schnappte sein Vater.

Tigris überließ ihm seinen Stab widerstrebend und zog dann Draco grob auf die Füße.

„Du hast heute große Fortschritte gemacht.", lobte sein Vater ihn.

„Danke.", murmelte Tigris. Das Lob freute ihn nicht wirklich. Dazu ärgerte er sich zu sehr darüber, dass er keine Gelegenheit mehr hatte, weiter zu üben. Tigris atmete durch und überwand die Enttäuschung. Es würde immer noch ein anderes Mal geben. Im Moment würde er sich damit begnügen, das Machtgefühl zu genießen, das ihn noch immer durchströmte. Er lächelte. „Bis später, Vater."

Sein Vater lächelte zurück. „Bis später, Tigris."

Tigris schlang einen Arm um Dracos Hüfte und zog ihn mit sich aus dem Raum. Er fühlte sich unglaublich gut, aber zugleich brachte ihn alles auf, was ihn von diesem Gefühl ablenkte. Es war eigenartig. Er fühlte sich, als könnte er tanzen, doch zugleich war er ungewöhnlich ruhelos. „Wirklich!", murmelte er ungehalten, als Draco auf dem Weg zu seinem Raum immer wieder stolperte. Sobald sie das Zimmer seines Bruders erreicht hatten, ließ Tigris ihn los. Draco fiel auf der Stelle wieder auf die Knie. Ohne Tigris anzusehen kroch er zu seinem Bett und rollte sich darauf zusammen. Tigris schnaubte abfällig. „Wir sind alleine, Draco. Du kannst mit der Charade aufhören. Es nimmt dir ohnehin niemand ab." Als sein Bruder nicht reagierte, zuckte Tigris mit den Schultern und ging, um seine Mutter zu suchen. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer summte er leise vor sich hin, hin und wieder ein paar Tanzschritte machend. Es kümmerte ihn nicht, dass die Porträts ihn seltsam ansahen.

Tigris fand sie in ihrem Zimmer, malend. Als er eintrat sah sie auf und erstarrte. „Guten Abend, Tigris. Was kann ich für dich tun?" Kam es ihm nur so vor, oder war ihr Lächeln etwas bemüht? Davon abgesehen war sie schön wie immer. Tigris ertappte sich dabei, dass er ihr leuchtendes Haar anstarrte. Es war nicht natürlich. Vielleicht hatte sie eine Veela in ihrer Ahnenreihe? Man konnte nie wissen, nicht wahr?

„Vater möchte, dass du dir Draco ansiehst.", sagte er.

Sie stand ruckartig auf. „Was habt ihr mit ihm gemacht?"

Tigris lachte amüsiert. „Was sagt dir, dass ich etwas mit ihm gemacht habe?"

Sie machte einen Schritt auf ihn zu und sah plötzlich sehr ärgerlich aus. Es verwirrte Tigris, weil sie nie zuvor ärgerlich auf ihn gewesen war. „Halt mich nicht zum Narren, mein Sohn. Ich kenne dieses Glänzen in den Augen. Du hast Dunkle Magie angewandt. Ich wiederhole, was habt ihr mit ihm gemacht?"

Tigris war plötzlich eingeschüchtert von ihr, auch wenn er nicht sagen konnte warum. „Ein paar Illusionszauber.", antwortete er. „Wirklich, er stellt sich nur an. Ich bin überrascht, dass Vater darauf hereingefallen ist."

„Ich nehme mir das Recht heraus, das selbst zu beurteilen.", entgegnete sie kühl. „Ich schlage vor, du gehst in dein Zimmer und legst dich schlafen."

„Ich bin nicht müde.", widersprach Tigris.

Sie sah ihm in die Augen. „Doch, das bist du."

Plötzlich war Tigris tatsächlich müde, und er gähnte. „Also gut. Gute Nacht, Mutter."

„Gute Nacht, Tigris." Es überraschte Tigris, dass sie nicht lächelte, oder ihm einen Kuss gab. Er schmollte ein wenig, aber es kümmerte ihn nicht wirklich. Er wünschte sich allerdings, dass Pansy da wäre. Vielleicht sollte er sie über das Floonetzwerk rufen? Sie hatte doch sicher immer Zeit für ihn. Tigris gähnte erneut und ging zu seinem Zimmer. Er konnte Pansy später rufen. Jetzt war es eine bessere Idee, zu Bett zu gehen.

Als Tigris aufwachte raste sein Herz so schnell, als wolle es bersten. Es kam ihm vor, als hätte er einen Alptraum gehabt, aber das war nicht der Fall. Tatsächlich waren Tigris' Träume erfreulich gewesen, wenn auch ein wenig seltsam. Die Bilder hatten sich schnell abgewechselt, keins von ihnen lang genug um Sinn zu ergeben. Pansy war da gewesen und ein paar unbekannte Mädchen. Sie hatten getanzt, schneller und schneller...

Tigris atmete tief durch. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag. Es war dunkel draußen, und ihm wurde klar, dass er das Abendessen verpasst hatte. Er war plötzlich so müde gewesen, er wusste wirklich nicht warum. Es war erst Nachmittag gewesen, als er zu Bett gegangen war, dennoch hatte er keinen Gedanken daran verschwendet. Tigris zuckte mit den Schultern und stand auf. Vielleicht konnte er die Hauselfen überzeugen, ihm etwas zu Essen zu bringen. Etwas nagte in seinem Hinterkopf, während Tigris sich anzog, aber er konnte es nicht ganz greifen. Sarin lag noch immer auf dem Bett und betrachtete ihn verschlafen. Es hatte etwas mit dem zu tun, was sie gestern getan hatten... Plötzlich traf Tigris die Erinnerung wie ein Schlag. Er erstarrte und stützte sich am Türrahmen ab.

„Nein, das kann ich nicht getan haben..."

Der Spruch, den sie geübt hatten. Merlin, was hatte er getan? Warum? Tigris brach in die Knie und schlang bebend die Arme um sich.

Meister?", fragte Sarin besorgt und kroch zu Tigris hinüber, sich beruhigend um seine Hüfte schlingend. „Was ist mit Euch?"

Ich habe etwas Furchtbares getan.", brachte Tigris hervor. „Ich weiß nicht einmal warum!"

Ich bin sicher, es gibt eine Erklärung.", sagte die Schlange.

Ich weiß nicht.", antwortete Tigris mit zitternder Stimme. „Vielleicht werde ich ja wahnsinnig."

Nein!", widersprach die Schlange energisch. „Ich beschütze Euch. Ich würde das nicht zulassen!"

Dann verstehe ich es nicht.", flüsterte Tigris.

Sarin schlang sich tröstend um ihn, aber wusste offensichtlich nicht, was sie entgegnen sollte. Tigris stand langsam auf. Er musste nach Draco sehen. Er musste wissen, ob es ihm gut ging. Wie in Trance verließ er seinen Raum und öffnete die Tür zum Zimmer seines Bruders. Der Raum war nur durch das Feuer erleuchtet, aber Tigris konnte Draco sehen. Er trug sein Nachthemd und hatte die Decke über sich gezogen. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte man glauben können, Draco hätte sich seit Tigris ihn verlassen hatte nicht gerührt.

„Draco?", fragte er zögernd.

Sein Bruder hob kurz den Kopf und wandte sich wieder ab.

„Es tut mir leid. Ich weiß nicht... Es hat mir noch nie etwas so leid getan, bitte glaub mir."

„Geh.", erwiderte Draco, seine Stimme von den Kissen gedämpft.

„Draco...", brachte Tigris hervor.

„Ich will allein sein. Bitte, geh einfach!" Draco klang fast hysterisch.

Tigris senkte den Kopf und ging. Natürlich wollte Draco ihn nicht in seiner Nähe haben. Nach allem, was er ihm angetan hatte. Nicht nur das, er hatte gelacht. Er hatte Draco schwach und erbärmlich genannt. Tigris rollte sich auf seinem Bett zusammen und schluchzte. Er konnte es Draco nicht zum Vorwurf machen, wenn er ihn hasste. Er hasste sich ja selbst!

Tigris schlief nicht sehr gut in dieser Nacht. Er wälzte sich von einer Seite auf die andere. Die Ereignisse während ihres Trainings spielten sich immer wieder in seinen Gedanken ab, und gewannen jedes Mal an Klarheit. Der Zauber war so berauschend gewesen, das Gefühl als er ihn sprach so intensiv... Aber wie hatte er sich davon dermaßen beeinflussen lassen können? Er hatte an nichts anderes mehr gedacht, als sein Vergnügen! Einen Moment lang war es ihm selbst egal gewesen, ob sein Bruder starb. Tigris war vollkommen angewidert von sich selbst.

Am Morgen verbrachte Tigris eine ungewöhnlich lange Zeit unter der Dusche, als könnte er was geschehen war von sich abwaschen. Natürlich war das unmöglich. Beim Frühstück wich Draco seinem Blick aus. Tigris presste die Lippen zusammen. Ihm war so übel, er hatte das Gefühl er könnte keinen Bissen herunterbringen. Er füllte lustlos ein wenig Ei und Tomaten auf seinen Teller und stocherte darin herum.

„Ihr habt beide gestern große Fortschritte gemacht. Vielleicht solltet ihr den Vormittag nutzen, Illusionszauber in der Bibliothek nachzulesen.", meinte sein Vater.

Eine Welle von Zorn und Widerwillen durchfuhr Tigris. „Wirklich, denkst du das?", schnappte er.

Draco hielt kurz im Essen inne. Seine Mutter sah ihn überrascht an.

„Bist du anderer Meinung?", fragte sein Vater ruhig.

„Als wenn es dich interessieren würde, was ich denke.", murmelte Tigris bissig und attackierte sein Essen als hätte es ihn tödlich beleidigt.

„Komm nach dem Essen bitte in mein Studierzimmer.", erwiderte sein Vater kühl. „Wir müssen uns unterhalten."

„Natürlich, Vater, Sir.", entgegnete Tigris spöttisch, ohne ihn auch nur anzusehen.

Sein Vater schloss die Tür des Studierzimmers hinter sich. „Knie dich hin."

Tigris nickte nur, zog seine Robe aus und fiel auf die Knie. Er hatte nichts anderes erwartet. Nicht nur das, er hatte es erhofft. Er löste Sarin von seinem Arm und befahl ihr wie zuvor, in der Ecke zu warten.

Sein Vater erschuf zwei Peitschen vor ihm. „Welche soll ich nehmen?"

Die Frage überraschte Tigris. Trotzdem deutete er auf die, bei der die Wunden nicht heilen würden. „Diese."

„Wie du willst." Die andere Peitsche verschwand und sein Vater hob die, auf die er gezeigt hatte auf. „Wie viele Hiebe?"

Diese Frage verwirrte Tigris endgültig. „Warum?"

Sein Vater musterte ihn unbewegt. „Wenn du glaubst, eine Strafe zu verdienen, halte ich es nur für richtig, wenn du selbst darüber entscheidest, wie hoch sie ist. Schließlich hat es keinen Sinn, wenn du fort fährst, mich zu provozieren, nur weil du denkst, es war nicht genug."

Tigris starrte ihn ungläubig an. Schließlich schluckte er und sah zu Boden. „Bis ich dich bitte, aufzuhören." Andererseits, er hatte auch nicht auf Draco gehört, als er ihn gebeten hatte aufzuhören. Tigris konnte die Reaktion seines Vaters nicht sehen, da er hinter ihn trat. Eine Sekunde später traf ihn der erste Hieb.

Zu Beginn zählte er. Irgendwann wurde der Schmerz zuviel und er hörte auf zu zählen und schrie nur noch. Er hielt die Worte zurück, so lange er konnte. Stattdessen rief er die Erinnerungen wach, die ihn in der Nacht verfolgt hatten. Draco, wie er sich vor Schmerzen auf dem Boden wand. Draco, der ihn mit leeren Augen ansah. Sein Vater unterbrach nur, um die Peitsche von einer Hand in die andere zu wechseln. Als Tigris schließlich schrie „Stopp!", war es, weil er nicht anders konnte. Sein Vater hielt auf der Stelle inne und warf die Peitsche zur Seite. Dann murmelte er etwas, und Tigris fühlte das Prickeln eines Reinigungs- und eines Heilzaubers. Der Heilzauber ließ die Wunden nicht verheilen, er stoppte nur die Blutungen.

„Leg dich hin, auf den Bauch.", befahl sein Vater. Tigris gehorchte mühsam. Sein ganzer Körper, nicht nur sein Rücken, schmerzte. Er verschränkte die Arme und bettete seine Stirn darauf. Er fühlte sich leer, und er wusste nicht, ob die Tränen, die über sein Gesicht liefen wirklich nur vom Schmerz stammten. Sein Vater trat an einen der Schränke und nahm einen Tiegel heraus. Dann kniete er neben Tigris nieder, öffnete den Tiegel, und verstrich vorsichtig eine Salbe auf Tigris' Rücken. Es schmerzte einen Moment und wurde dann kühl.

„Was tust du?", flüsterte Tigris.

„Ich stelle sicher, dass keine Narben bleiben.", erwiderte sein Vater. „Die Wunden werden morgen um diese Zeit verheilt sein."

Tigris presste die Lippen zusammen, aber entgegnete nichts. Sein Vater klang ein wenig außer Atem. Als er fertig war, wurde die Anspannung zuviel für Tigris und er schluchzte lautlos. Sein Vater packte ihn bei den Schultern. Tigris wehrte sich einen Moment und ließ sich dann widerwillig in eine Umarmung ziehen.

Eine Hand seines Vaters strich beruhigend über seinen Nacken. „Warum?"

„Er hasst mich.", flüsterte Tigris, ohne wirklich zu wissen, warum er ihm überhaupt antwortete. „Ich habe ihn verletzt. Ich habe es genossen, ihn zu verletzen."

„Es war nicht deine Schuld.", erwiderte sein Vater ruhig.

„Wie kann es nicht meine Schuld sein?", rief Tigris schrill. „Ich habe es getan!"

„Das ist die Wirkung, dunkelmagischer Sprüche, besonders beim ersten Mal. Mit der Zeit wirst du fähig sein, ihrem Sog zu widerstehen, aber nicht so früh. Es wird geringer werden, mit der Zeit. Mit Übung werden dich schließlich nur noch sehr mächtige Zauber beeinflussen. Du wirst dich daran gewöhnen. Jetzt, besonders, da du so stark bist, hast du nicht die geringste Chance."

„Draco hat nicht auf diese Weise reagiert.", widersprach Tigris schwach.

„Ja.", erwiderte sein Vater nachdenklich. „Ich weiß nicht warum. Es ist eigentlich unmöglich. Ich habe noch nie von einem Zauberer gehört, der nicht durch den Gebrauch Dunkler Magie beeinflusst wurde."

„Es ist deine Schuld!", schrie Tigris endlich. Er kämpfte gegen die Arme, die ihn hielten an und trommelte schließlich mit den Fäusten gegen die Brust seines Vaters, als er ihn nicht gehen lassen wollte. Es hatte nicht wirklich einen Effekt, da Tigris noch immer von den Schlägen geschwächt war. „Du hast es gewusst, und hast mich ihn trotzdem verletzen lassen! Warum hast du mich nicht aufgehalten?"

„Das habe ich. Aber ich musste wissen, wie stark du bist."

„Ich hasse dich!", schrie Tigris. „Ich hasse dich mehr als alles auf der Welt!"

Sein Vater hielt ihn nur fest, bis er erschöpft gegen ihn fiel.

„Bitte, zwing mich nicht ihn wieder zu verletzen. Bitte..."

„Das ist ein Versprechen, das ich nicht geben kann. Euer Training muss weitergehen."

„Ich hasse dich.", flüsterte Tigris, das Gesicht in der seidigen Robe seines Vaters vergraben. Er roch nach Rosen und nach etwas mehr Herbem. Es schien, er war nicht einmal ins Schwitzen gekommen. Aber Tigris traute ihm zu, dass er einen Zauber benutzte, um zu vermeiden, dass er jemals nach Schweiß roch. „Ich hasse dich so sehr."

„Ich weiß.", erwiderte sein Vater mit einem Hauch von Amüsement. Er strich Tigris über den Kopf. „Ich verlange nicht, dass du mich liebst. Du musst mich nur respektieren. Das tust du, nicht wahr?"

„Ja.", brachte Tigris hervor.

„Siehst du. Dann kannst du mich hassen, soviel du willst."

Tigris lachte hilflos. Sein Vater massierte seinen Nacken und schob ihn schließlich von sich. Dann stand er auf und stellte den Tiegel in den Schrank zurück. „Du solltest gehen. Ich habe noch Arbeit zu erledigen."

Tigris sah zu Boden und lächelte humorlos. „Ja, Vater."

Tigris rief Sarin zu sich, stand auf und zog sich an. Sein Vater deutete mit seinem Stab auf ihn und sprach einen Zauber, der über sein Gesicht kribbelte. „Damit du wieder vorzeigbar aussiehst. Jetzt geh."

Tigris neigte nur den Kopf, und ging.

Kurz vor seinem Zimmer packte ihn jemand und zog ihn mit sich. Nach einem Augenblick der Überraschung erkannte Tigris, dass es Draco war, und widersetzte sich ihm nicht. Draco zog ihn zu sich in sein Zimmer.

„Zieh deine Robe aus.", sagte er, sobald er die Tür geschlossen hatte.

Ohne Nachzudenken gehorchte Tigris. Draco packte ihn bei den Schultern und drehte ihn herum. Dann sog er zischend die Luft ein.

„Was bei Mordraud hast du zu ihm gesagt?"

„Ich wollte es.", sagte Tigris abwehrend.

„Was?", rief Draco schockiert.

Tigris drehte sich zu ihm um. „Warum kümmert es dich? Nach allem was ich dir angetan habe?"

Draco wich seinem Blick aus. „Ich habe mit Mutter geredet. Du konntest nichts dafür."

Tigris schluckte. „Du hast nicht so reagiert."

Draco sah ihn unsicher an. „Sie war überrascht, als ich das sagte, aber sie wollte mir nicht sagen, warum. Sie sagte, ich würde es mit der Zeit erfahren."

Tigris zog die Brauen hoch. „Vater sagte, er hätte noch nie von einem Zauberer gehört, der nicht durch Dunkle Magie beeinflusst wird."

„Eigenartig.", murmelte Draco. Dann sah er Tigris an. „Er hätte dich nicht schlagen sollen. Nicht, wenn er wusste..."

„Ich wollte es.", unterbrach Tigris ihn. „Wahrscheinlich hätte ich ihm nicht einmal zugehört."

Draco musterte ihn und seine Augen verengten sich ein wenig. „Du hast dich verändert. Immer, seit diese Schlange dich gebissen hat, verhältst du dich merkwürdig." Er wandte sich Sarin zu, die um Tigris' Arm geschlungen war. „Du hast ihn beeinflusst, nicht wahr?", sagte er beschuldigend. „Du hast seine Persönlichkeit verändert!"

Sarin hob den Kopf und zischte Draco zornig an. Draco war ärgerlich genug, dass er nicht zurückwich. Was Tigris beunruhigte war allerdings, das die Schlange nicht wirklich etwas sagte.

Hast du meine Persönlichkeit verändert?", fragte Tigris unsicher. Sie antwortete nicht, was seine Besorgnis nährte. „Sarin?"

Sie wandte sich von Draco ab und starrte Tigris an. „Ich habe Euch stärker gemacht.", antwortete sie verteidigend. „So wie ich es gesagt habe."

Was? Nein!" Tigris wickelte sie entsetzt von seinem Arm und warf sie in den nächsten Sessel. „Was hast du getan!"

Ich habe Euch stärker gemacht.", beharrte sie. „Ich sagte Euch, dass ich das tun würde."

Mach es rückgängig! Was immer du getan hast!"

Ich kann nicht, Meister! Es geschieht während der Bindung, es ist unwiderruflich!" Sarin war nun genauso aufgeregt wie er.

Geh!", rief Tigris außer sich. „Ich will dich nicht mehr sehen, geh!"

Nein!", rief sie und kam auf ihn zu gekrochen. „Ihr könnt mich nicht wegschicken. Wir sind verbunden! Bitte, ich kann nicht überleben ohne Euch! Ich tue alles was Ihr wollt! Ihr könnt mich nicht wegschicken!"

Tigris verbarg das Gesicht in den Händen. „Geh in meinen Raum. Bleib mir einfach für eine Weile aus den Augen."

Ja, Meister.", erwiderte die Schlange niedergedrückt, und kroch unter Dracos Tür hindurch aus dem Raum. Tigris ließ sich in einen der Sessel fallen.

„Was hat sie gesagt?", fragte sein Bruder besorgt.

„Du hattest Recht.", sagte Tigris leise. „Aber sie hat mir nicht gesagt, was sie getan hat. Sie hat nur gesagt, dass sie mich stärker gemacht hat."

„Dann hat sie eine seltsame Sichtweise von stärker.", meinte Draco ironisch.

„Was denkst du, hat sich verändert?", fragte Tigris unsicher.

Sein Bruder betrachtete ihn nachdenklich. „Es sind hauptsächlich kleine Dinge. Du bist angepasster. Du hast nie zuvor Vaters Strafen so einfach akzeptiert."

„Ich hasse ihn noch immer.", sagte Tigris leise. „Wenn überhaupt hasse ich ihn mehr."

„Das tue ich auch. Aber du hast vorher gegen ihn angekämpft. Nun bist du genauso schwach wie ich." Der letzte Satz war leise gesprochen.

Tigris sah Draco an. „Du bist nicht schwach. Du hast nur gelernt, dass es manchmal klüger ist, nachzugeben. Wir können nicht gegen ihn ankämpfen. Wir werden immer verlieren, wenn wir es tun."

„Hältst du es dann für stärker?", fragte Draco nachdenklich.

„Ich weiß nicht.", erwiderte Tigris leise. „Aber es jagt mir Angst ein, dass ich nicht weiß, was sie getan hat. Ich fürchte mich davor, mich noch mehr zu verändern, als ich es bereits habe."

Draco seufzte und griff schließlich seine Hand. „Einige deiner Eigenheiten mögen sich verändert haben, aber im Wesentlichen bist du noch immer gleich. Ich weiß nicht, was sie verändert hat, aber sie hat nicht verändert, wer du bist. Ich werde dir helfen, wenn ich kann."

Tigris lächelte ihm zu. „Danke." Dann wurde er ernst. „Vater wird weiter verlangen, dass wir Dunkle Magie anwenden."

„Ich werde es dir nicht zum Vorwurf machen."

Tigris schüttelte den Kopf. „Ich werde einfach versagen. Ich will dich nicht wieder so verletzen. Ich kann es nicht kontrollieren."

Draco lächelte traurig. „Du musst, Tigris. Er wird dir nur wehtun, wenn du es nicht tust. Genauso wie gestern. Versuch einfach, es zu kontrollieren. Mutter sagte es kommt mit der Zeit. Ich werde es verstehen, wenn du es nicht kannst."

Tigris biss sich auf die Lippen. „Gut. Aber ich habe eine Bitte an dich."

„Ja?"

„Brich den Zauber nicht so schnell ab. Halte ihn so lange, wie ich es tue. Vielleicht bringt mich das wieder zur Besinnung. Wenn nicht, wird es mich zumindest ermüden."

Draco war blass geworden, aber er nickte langsam. „Wenn du das wirklich willst, tue ich das."

„Ja.", sagte Tigris fest. „Das ist es, was ich will." Er hoffte inständig, dass es das bewirken würde, was er hoffte. Wenn nicht, würde er niemals wieder einen dunkelmagischen Zauber benutzen, unbeachtet der Konsequenzen. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, erneut zu einem solchen Monster zu werden.


Vielen Dank für eure Reviews an: Lady Claw, Kylyen, eiskugel, Esta, Minnilein, Lara-Lynx, YanisTamiem, betzi, LaraAnime, Truemmerlotte, Avallyn Black, Igonia

Minnilein: Meinst du Narcissas Rede? Die Idee dazu kam mir aus der amerikanischen Geschichte. Nach der Besiedlung von Amerika gab es eine Diskussion darüber, ob man die amerikanischen Ureinwohner als Sklaven halten dürfe ("Der Disput von Valladolid"). Die Argumentation derjenigen, die dafür waren, war, dass die Indianer keine Seele hätten, und daher keine richtigen Menschen seien.

Lara-Lynx: Nein, Lucius hat nicht wirklich eine Schwäche für Bella.

LaraAnime: Vielleicht. Ich WAR mal in einem Philosophiekurs. Hmm... Jetzt frage ich mich, was genau an dem letzten Kapitel so philosophische Fragen hervorgerufen hat. Nur Narcissa?

Igonia: Yi ist chinesisch und schwer zu übersetzen. Es bedeutet ungefähr „Wunsch/Wille/Absicht; Beschluss, etwas zum Besseren zu verändern".