Kerkermond Evolution

Slashig-trashige Fanfiction, in der Remus mit den Ereignissen klar kommen muss, und ganz neue Herausforderungen an ihn gestellt werden.


Hallo, liebe Leser!

Besten Dank an für die Reviews an Lucindana, Glupit und Lola.

Lola: Dein Review hat mich ja arg geschockt, von wegen ‚Endlosdia- bzw. Monologe von verwirrten Teenies', bis mir klar wurde, es war die Antwort zu meiner Frage und nicht dein Feedback auf meine Story ;-) Was Remus und seine heile, potentiell nicht-magische Welt angeht – nö. Wenn ich das partout wollte, würde ich es trotz deiner offenen Drohung, den PC zuzulassen, schreiben, aber das ist nicht mein Plan. Ich meine, wer baut denn über mehrere hundert Seiten eine Liebesbeziehung auf, um sie dann derart sang- und klanglos enden zu lassen? Das wäre schon sehr hirnlos. Übrigens, extra deinetwegen wird Gawain jetzt nicht losziehen, um Lucius zu finden ;-) Obwohl…er ist nicht ohne Ideen.

Glupit: Ja, Draco ist schon sehr hart seinem Vater gegenüber. Er ist in jeder Hinsicht ein echter Todesser. Aber Lucius hat insofern recht: Als Vater hat er versagt. Was den Trank betrifft: Lucius hat ihn genommen. Die Frage ist nur: Warum wirkt er nicht? Was war da wirklich drin? Der Oblivateur ein vielsaftverwandelter Tränkemeister? Interessante Idee ;-) Du hast sehr richtig beobachtet, dass Severus diesmal nicht im Auditorium saß…


Remus: Trauer und Neuanfang

Der Rest des Tages verging in einem nebligen Rausch, an den Remus sich später kaum erinnern konnte. Daheim in ihrer Villa taten Tonks und Gawain das einzige, was ihnen einfiel, um Remus und auch sich selbst zu trösten, oder vielmehr ihren Kummer, ihre Wut und ihre Frustration zu betäuben: Sie öffneten eine Flasche Feuerwhisky und betranken sich hemmungslos.

Dumbledore, der am nächsten Morgen nach ihnen sah, fand Remus und Gawain in einem schrecklichen Zustand vor und rief Madam Pomfrey herbei, damit sie die beiden Lykantrophen magisch entgiftete.

Kritik äußerte jedoch niemand.

Remus verkroch sich danach über Tage in seinem Zimmer. Er war nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Er wollte nicht darüber nachdenken, warum der ‚Mortis' nicht gewirkt hatte. Er würde Severus irgendwann danach fragen. War es die Rache des Tränkemeisters, oder sah Severus durchaus einen Sinn in einem Leben als Muggel? Vermutlich kannte er Lucius besser als Remus es tat. Würde Lucius zurecht kommen? Doch wie sehr musste sein eng mit Magie verwobenes Gehirn zerstört und zu Versatzstücken reduziert sein, nach dieser Prozedur? Insbesondere der letzte Aspekt zermarterte ihm das Hirn. Er stellte sich Lucius irgendwo in einem Muggeläquivalent zur Geschlossenen Abteilung des St. Mungos vor, und jedes Mal kamen ihm die Tränen.

Er fragte sich, ob seine Sehnsucht nach Lucius jetzt Tag für Tag ein Stück sterben würde, schleichend, zusammen mit Lucius' Magie, die ein dickflüssige, schwarze Flüssigkeit zerstört hatte. Bisher hatte er nicht diesen Eindruck, aber Poppy hatte von „posttraumatischem Stresssyndrom" gesprochen, wenn Remus über nicht zu ertragende Kopfschmerzen und Albträume klagte.

Er registrierte nur am Rande, dass Dora nun ganz in das Haus in der Vasilievstreet einzog. Mit ihr kamen laute Muggelmusik, Chaos, eine Hauselfe und gleichzeitig ungewohnte Behaglichkeit. Missy hatte es sich zunächst zum Ziel gemacht, dem Haus ein bisschen ‚Malfoy-Flair' zu verpassen, aber Tonks sagte ihr sehr direkt, sie wolle lieber wie ein Hippie leben. Vielleicht hätte sie das nicht tun sollen, denn bereits zwei Tage später quoll das Haus über von Blumenstoffen, Kissen und knallbunten Farben, aus einer Jukebox erklangen Jimi Hendrix und Janis Joplin, und auf jedem Tisch fand sich plötzlich eine Shisha. In der Küche und in der Bibliothek lagen ständig frisch gebackene Kekse, die nach holländischem Coffeeshop dufteten und vermutlich ungeahnte Gehalte psychedelischer Drogen enthielten.

Doch all das prallte an Remus ab, der jedes Gefühl in sich unterdrückte und versuchte, zu funktionieren, dem dies jedoch einfach nicht gelingen wollte. Ihm zitterten die Hände, er zerstörte das halbe Geschirr, bis Gawain Edelstahltassen anschaffte, und er verrechnete sich bei der Buchhaltung für die American Lykantrope Association so gründlich, dass Alicia ihn bat, die Arbeit doch noch eine Weile ihr und Tanita zu überlassen.

xoxoxoxoxoxoxoxoxoxo

Als Remus zwei Wochen später einen Brief von Dr. Solicitor erhielt, verließ er das Haus in der Vasilievstreet zum ersten Mal wieder. Er hatte eine Pflicht zu erfüllen Lucius gegenüber, und er war keiner, der sich diesen Dingen entzog.

Die Kanzlei befand sich am hinteren Ende der Winkelgasse, ganz in der Nähe von Gringott's. Es war eines dieser alten Zaubererhäuser, in dem auf mehreren Etagen Heilerpraxen, Anwaltssozietäten und magische Versicherungsagenturen residierten. Die hohen Räume mit der gediegenen, dezent vornehmen Atmosphäre atmeten Gold mit jedem Atemzug. Remus fühlte sich unsicher und fehl am Platz, aber er ließ sich davon nicht beirren. Er stieg im weit geschwungenen Treppenhaus die Kühle ausstrahlenden Marmortreppen hinauf, an Statuen und teuren Gemälden vorbei, und erreichte das dritte Stockwerk.

Ein dezentes Schild verkündete:

Lawbender, Dr. Solicitor und Partner
Rechtsanwälte und Notare
Fachanwälte für magisches Strafrecht
Fachanwälte für magisches Vermögensrecht

Er zog an der Schnur, und eine zarte Glocke ertönte. Die milchige Glastür schwang auf, und er betrat einen großzügigen Flur. Über ein Mosaik, das die Schlange Slytherins zeigte, die sich um ein Paragraphensymbol wand, schritt er zu einem dunklen Holztresen, hinter dem eine junge, ausnehmend hübsche Hexe saß. Zu Remus' Erstaunen bediente sie neben etlichen magischen Utensilien wie Flotte Schreibefedern und fliegenden Memos auch ein Muggeltelefon und eine Art moderner Schreibmaschine mit Bildschirm.

„Guten Tag", grüßte sie freundlich. „Was kann ich für Sie tun."

„Guten Tag. Mein Name ist Remus Lupin…"

„Ah, natürlich, Mr. Lupin. Dr. Solicitor sollte sie eigentlich erwarten, aber er wird sich um fünf Minuten verspäten. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?"

Sie führte Remus in ein Büro, dessen Wände mit juristischen Büchern gepflastert waren. Ein mächtiger Schreibtisch aus dunklem, schwerem Holz beherrschte den Raum. In einem Käfig schlief die graue Eule, die Remus schon dreimal die Briefe der Kanzlei überbracht hatte.

„Darf ich Ihnen etwas anbieten, Mr. Lupin? Tee, Gebäck, ein Sandwich?"

Remus wollte schon ablehnen, entschied sich dann jedoch, dass ihm eine Tasse Tee gut tun würde, zumal er dann etwas hätte, um seine Hände zu beschäftigen.

Die junge Hexe hieß ihn warten und kehrte kurze Zeit später mit einem Tablett zurück.

„Es tut mir sehr Leid wegen der Plastiklöffel", entschuldigte sie sich, „aber das andere Besteck ist aus Silber und Dr. Solicitor sagte extra, ich möge Sie fragen, ob Sie das benutzen wollen oder können."

„Das ist sehr aufmerksam, vielen Dank", erwiderte Remus höflich und ziemlich erstaunt. „Plastik ist mehr als willkommen."

Sie lächelte und stellte einen Teller mit duftenden Keksen dazu.

„Dr. Solicitor wird sicher gleich…ah, ich höre ihn schon."

Energische Schritte waren zu vernehmen und die Tür öffnete sich.

„Mr. Lupin, vielen Dank, dass Sie die Zeit gefunden haben", sagte der kleine Anwalt und reichte ihm die Hand. „Guten Tag. Wie ich sehe, hat Masha Sie bereits mit dem Nötigsten versorgt."

„Danke sehr, ich wurde sehr zuvorkommend begrüßt", sagte Remus.

„Das ist das Mindeste", sagte Solicitor. „Masha, einen Kräutertee für mich, und dann bitte keine Anrufe oder Eulen bis um halb fünf."

Nachdem auch Solicitor seinen dampfenden Tee vor sich stehen hatte, begann er.

„Mr. Lawbender lässt sich entschuldigen, dringende Geschäfte. Wie Sie meinem Brief entnehmen können, hat Lucius Ihnen einiges an Grundbesitz …'hinterlassen' ist wohl das falsche Wort. ‚Überschrieben' trifft es eher. Aber bevor wir uns damit beschäftigen, wüsste ich gerne, wie es Ihnen geht, Mr. Lupin."

Remus zögerte. Natürlich musste Solicitor zumindest ahnen, dass er und Lucius mehr als Freunde gewesen waren. Aber er wusste nicht, was genau Lucius seinen Anwälten gesagt hatte.

„Danke der Nachfrage. Ich muss mich abfinden, die Vergangenheit lässt sich nicht ändern", wich Remus vorsichtig aus.

Solicitor lächelte. „Ich wollte nicht indiskret sein, Mr. Lupin. Lucius und ich waren befreundet, seit über zwanzig Jahren, seit er die Geschäfte von seinem Vater übernommen hat. Ich weiß, dass er Ihnen sehr zugetan war. Ihn jetzt zu verlieren, nachdem er endlich einen neuen - und wie ich finde besseren – Weg eingeschlagen hatte, ist grausam und schmerzhaft."

Remus betrachtete Solicitor. Er konnte keine Unehrlichkeit in seinen Augen entdecken, und er war gewöhnlich ein guter Menschenkenner.

„Wissen Sie, wo Lucius sich jetzt befindet?", fragte Remus schließlich.

Solicitor seufzte. „Nein, tut mir leid. Dies ist eine Information, die kaum zu erhalten sein wird. Ich war im Ministerium bei ihm, bis sie ihn weg gebracht haben. Man hat sich sorgsam bemüht, alle Spuren zu verwischen."

„Was geschah nach dem Prozess?", fragte Remus. Er hatte sich diese Frage hundertmal schon gestellt und Tonks gelöchert, aber die Aurorenabteilung war nicht mit der „Entsorgung" befasst, und auch Arthur Weasley hatte nicht weiter helfen können. Lucius war kein Muggelartefakt.

„Der letzte Fall eines solchen Urteils datiert von 1783", erläuterte Solicitor. „Damals hat man den Delinquenten in Muggelkleider gesteckt und auf einem belebten Platz in der Muggelwelt ausgesetzt. Der Zauberer, ein gewisser Darson Green, hielt sich eine Weile mit allerlei Taschendiebstählen und Gaunereien über Wasser, dann kam er in Konflikt mit den Gesetzen der Muggel. 1787 wurde er öffentlich gehängt."

Remus erschauerte.

„Keine Sorge", sagte Solicitor, „Lucius ist viel zu gerissen, um sich erwischen zu lassen, und die Muggel haben das Aufhängen abgeschafft. Die Unsäglichen haben Lucius ebenfalls mit Muggelsachen ausgestattet und ihn dann weggebracht. Man sagte mir, dass man ihn auch mit Muggelpapieren und etwas Muggelgeld ausstatten würde. Natürlich weiß ich nicht, auf welchen Namen diese Papiere lauten und wo sie ihn hin verbracht haben. Er war zwischen drin kurz wach, aber auch mich hat er nicht erkannt, obwohl ich ihn als Kind auf den Knien geschaukelt habe. Ich bin also eine ziemlich alte Erinnerung."

„Konnte er … ich meine, hat er normal gesprochen?", fragte Remus.

„Völlig normal", sagte Solicitor. „Er war natürlich verwirrt und desorientiert, aber an seiner Sprache war nichts auszusetzen." Er seufzte. „Ich habe mich natürlich erkundigt, Mr. Lupin. Die Verbringung eines solchen ‚Kandidaten' erfolgt über mehrere Stationen von Unsäglichen, und es werden in der Ketten mehrere Obliviatusfilter eingesetzt. Das bedeutet, wenn jemand ihn von, sagen wir mal, Cardiff nach Edinburgh appariert hätte, wüsste derjenige dies jetzt schon nicht mehr. Das Ministerium selbst weiß nicht, wohin man ihn verbracht hat. Es gibt keine Unterlagen. Nach seiner Verbringung wurde alles, was mit seiner neuen Muggelidentität zusammen hing, verbrannt, jede Notiz, jedes Memo. Sie haben ihn aus unserer Welt getilgt, vollständig. Natürlich könnte man ihn in der Muggelwelt zur Fahndung ausschreiben, aber das hätte nur zur Folge, dass der Vorgang wiederholt würde. Außerdem ist die Suche illegal, es stehen fünf Jahre Askaban darauf. Ich rate Ihnen dringend ab, es zu versuchen, Mr. Lupin."

Remus starrte auf seine Teetasse.

„Ich habe Ihnen all die Fragen beantwortet, die ich mir auch gestellt habe", sagte Solicitor sanft. „Wir wissen nicht einmal, wo wir anfangen sollten zu suchen. Man könnte ihn nach Bulgarien gebracht haben, nach Deutschland oder in irgendein französischsprachiges Land. Lucius spricht vier Sprachen. Auch Übersee ist möglich, Kanada, der englische Teil oder auch der französische."

„Ich hatte so etwas befürchtet", sagte Remus leise. „Es wäre naiv, zu erwarten, dass sie nicht damit rechnen würden, dass wir ihn suchen."

„Es geht nicht nur um uns", erinnerte Solicitor. „Das Ministerium – oder vielmehr der Gamot – wollte eine echte zweite Chance für Lucius. Ich habe mittlerweile mit mehren Mitgliedern gesprochen. Man will auch und vor allem vermeiden, dass die Dunkle Seite ihn findet. Denn das wäre sein sicherer Tod. Aber eigentlich, und da will ich ehrlich sein, will man ihm am liebsten vergessen."

Solicitor erhob sich und trat zu einem der Schränke, dann zog er etwas aus einer Schublade. „Dies hier wollte ich Ihnen noch geben", sagte er zu Remus.

In einer mit grünem Samt ausgeschlagenen runden Pappmaschee-Dose lag ein geflochtener blonder Zopf.

„Muggelmänner tragen zumeist die Haare kurz", sagte Solicitor. „Man hat sie ihm abgeschnitten, als man ihn umzog. Ich dachte, Sie hätten vielleicht Interesse daran."

Remus strich mit einem Finger über das seidenweiche Gewebe. Er fühlte sich an das Veelavlies erinnert, mit dem er in Voldemorts Kerker den Silberstab gehalten hatte.

„Kommen wir zum geschäftlichen Teil", sagte Solicitor nach einer Weile.

Der Anwalt nahm sich viel Zeit, um Remus die tabellarische Aufstellung der Vermögenswerte zu erläutern, die Lucius ihm überschrieben hatte. Er zeigte Bilder der Liegenschaften, erläuterte die mit den Stiftungen verbundenen Verpflichtungen und die Arbeitsfelder der Firmen.

„Viele der Kooperationen sind Ihnen nur zugeordnet, das bedeutet, die Eigentumsrechte liegen bei Draco oder der Malfoy Holding, aber die Verfügungsgewalt liegt beim Vorstand. Das sind in diesem Fall Sie, Mr. Lupin."

Remus, dem erst langsam bewusst wurde, wie umfassend die Werte waren, die Lucius unter seine Verwaltung gestellt hatte, schluckte.

„Ich verstehe zwar ein bisschen etwas von Finanzbuchhaltung, aber um dieses Konsortium lenken zu können, fehlt mir die Ausbildung", gab er offen zu.

„Dann sollten Sie jemanden einstellen", sagte Solicitor. „Die magische Wirtschaftsfakultät von Edinburgh entlässt jedes Jahr sehr gut ausgebildete junge Hexen und Zauberer."

„Für diesen Geschäftsumfang bedarf es vermutlich jemandes mit mehr Erfahrung", sagte Remus.

„Darf ich einen Vorschlag machen?", fragte Solicitor. „Sie erinnern sich vielleicht an die junge Dame, die uns am Abend vor der Urteilsverkündung unterstützt hat? Das war Elaine Rogue. Sie hat Wirtschafts- und Finanzmanagement studiert."

„Sie ist eine Muggel?", fragte Remus erstaunt.

„Ja", sagte Solicitor. „Sie hat für eine der Firmen gearbeitet, die Lucius an Draco überschrieben hat. Die Kündigung wurde ihr am Tage von Rascals Beerdigung zugestellt. Der junge Master Malfoy beweist nicht eben Stil. Professor Snape hat den Vorgang zwar rückgängig gemacht, aber sie hat mich bereits nach einer neuen Stellung gefragt. Ich kann sie empfehlen, aber die Entscheidung liegt natürlich bei Ihnen."

„Ich würde gerne die Zeugnisse und Papiere vom Mrs. Rogue sehen", sagte Remus.

„Gerne. Wo soll sie Ihnen die Unterlagen hinschicken?"

„Ich arbeite in der Vasilievstreet", sagte Remus. Er würde sich ein Arbeitszimmer einrichten müssen.

„Ja, ich erinnere mich. Die American Lycantrope Association." Solicitor lächelte. „Das hat Lucius gefallen, glauben Sie mir. Ihre gesamte Aussage hatte Slytherin-Qualitäten."

Remus ließ ein trockenes Lachen vernehmen, das fast einem Bellen glich.

Als er am Abend gegen fünf Uhr die Kanzlei verließ, wurde ihm bewusst, dass er für seine Verhältnisse ein sehr reicher Mann sein würde – und ein sehr beschäftigter.

xoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxox

Tatsächlich hielten ihn die Ereignisse der nächsten Tage in Atem. Bereits am nächsten Morgen hielt ein Kleinlaster vor der Tür der alten Villa in der Vasilievstreet und zwei Boten brachten Berge von Geschäftsunterlagen. Binnen Tagen hatten Remus und Gawain ein funktionierendes Büro zu etablieren. Ohne die Hilfe von Alicia Rhees, Elaine Rogue und der übereifrigen Missy wären die beiden Werwölfe vermutlich in der Aktenflut untergegangen.

Remus konnte sich später kaum erinnern, jemals in seinem Leben so viel gearbeitet zu haben wie in den folgenden Wochen und Monaten. Gleichzeitig lernte er eine Welt kennen, zu der er ohne Lucius niemals einen Zugang bekommen hätte.

Menschen, die jahrelang unter Lucius gearbeitet hatten, mussten sich jetzt mit Remus abstimmen. Und Remus war verblüfft, dass Lucius eine Personalentwicklung betrieben hatte, die von Vernunft und Weitsicht geprägt war. Zugehörigkeit zum Haus Slytherin war natürlich kein Hindernis, aber auf keinen Fall Bedingung oder auch nur Garant für Fortkommen gewesen. Die Verbindungen und Verflechtungen mit Muggelfirmen waren sehr vielfältig, und in diesen Bereich hatte Lucius gezielt mit nicht-magischen Mitarbeitern gearbeitet.

Problematisch war die Zusammenarbeit mit den Bereichen des Firmennetzwerkes, die von Draco beeinflusst wurden. Er verweigerte jede Kommunikation mit Remus, und Severus gelang es nicht, ihn zurück in die Schule zu bringen.

Voldemort betraute Draco mit Aufgaben, die allesamt dem Bereich „Todesseraktivitäten" zuzuordnen waren: Überfälle, Erpressung, Mord. Es schien, als wolle Draco mit Macht jeden Kredit, den Lucius für die Familie erwirkt haben mochte, zerstören. Binnen Monaten war er einer der meistgesuchten Todesser des Landes. Severus, der es geschafft hatte, Voldemort davon zu überzeugen, dass seine Affäre mit Narcissa vor allem dazu gedient hatte, zu beweisen, dass sie eine Verräterin war, waren im Bezug auf Draco die Hände gebunden.

Als der junge Mann im Dezember volljährig wurde, blieb Remus nichts anderes übrig, als die Firmenkonsortien zu trennen, um den Teil, den er verwaltete, vor dem Ruin zu bewahren. Er setzte die Trennung mit Lawbenders und Solicitors Hilfe gerichtlich durch.

Nachdem Severus die rechtliche Vertretung für Draco abgegeben hatte, zog er sich komplett aus allen Aktivitäten zurück.

Natürlich hatte Remus ihn inzwischen gefragt, warum der „Mortis" ohne Wirkung geblieben war.

„Ich vermute die Applikation eines Antidots, wahrscheinlich nicht in der letzten Nacht, sondern bereits davor. Wie Destille Hoodia mir sagte, musste sie auf Geheiß des Ministeriums eine Woche vor Prozessende eine ganze Reihe unterschiedlicher Antiseren brauen. Natürlich könnte es ein, dass Lucius den „Mortis" überhaupt nicht genommen hat, aber um ehrlich zu sein, das bezweifele ich. Wer ihn kannte, weiß, dass er sich nicht vorstellen konnte, ohne Magie zu sein. Zauberei war sein Leben."

„Das ist mir bekannt", hatte Remus erwidert.

Sie sprachen nicht wieder über Lucius. Remus sah Severus nur noch im Rahmen von Ordenstreffen. Der Slytherin schien sich immer mehr zurück zu ziehen und abzusondern. Fast hatte Remus das Gefühl, der Tränkemeister gehe ihm aus dem Weg.

Remus hatte jedoch kaum Gelegenheit, sich darüber zu wundern, da er vollständig von seiner Arbeit absorbiert wurde.

Die wenigen freien Abende verbrachte er mit Tonks und Gawain, und wenn er Sonntags nachmittags nicht arbeitete, besuchte er Kingsley und die Kinder.

Diese Besuche waren eine Ablenkung, nicht nur für die Kinder. Johari war es schwer gefallen zu akzeptieren, dass das Ministerium Lucius in ein „Gefängnis sehr, sehr weit weg" gebracht hatte, wo sie ihm keine Bilder schicken konnte. Dass er ihr den Reiterhof überschrieben hatte, auf dem Rosalie stand, war immerhin ein Trost. Kingsley hatte seinen Widerstand gegen die Reitstunden seiner kleineren Tochter aufgegeben, und auch Dhakira begeisterte sich bald für die Pferde. Kingsley hatte auf Remus' Rat hin den Verwalter, der den Hof seit Jahren für Lucius betreute, übernommen. Das Unternehmen bedeutete für Kingsley keine zusätzlich Arbeit, und es warf zusätzlich einen Gewinn ab, der sein Aurorengehalt zu einem Taschengeld zusammen schrumpfen ließ, im Vergleich.

Es erwies sich als zusätzlicher glücklicher Zufall, dass Selma, das neue Kindermädchen, ebenfalls eine Pferdenärrin war. Ihre sichere, ruhige Art tat den Kindern gut, die sich eng an die junge Schwedin angeschlossen hatten.

Weihnachten kam, und Remus verbrachte das Fest zusammen mit seinen Freunden. Zwischen den Festtagen und Neujahr jedoch vergrub er sich im Büro.

Er wühlte sich gerade durch eine Aufstellung von Muggelaktien, als die Tür im Flur klappte.

Kurze Zeit später steckte Gawain den Kopf zur Tür herein.

„Hi Remus. Sag mal, sitzt du noch da, wo wir dich vor drei Tagen gelassen haben, oder schon wieder?"

„Beides, befürchte ich", antwortete Remus. „Aber ich will nicht klagen. Dies ist spannend. Wir haben Anteile an Firmen, die etwas produzieren, woraus man Energie aus Sonnenstrahlen gewinnen kann."

„Remus, du musst echt mal rauskommen", stellte Gawain fest.

„Dieses Imperium zusammen zu halten kostet eben Zeit", sagte Remus. „Merlin, ich weiß nicht, wie Lucius das geschafft hat; er hatte doppelt so viel zu bewältigen."

„Master Lucius hat immer viel gearbeitet", piepste es von rechts unten. Missy war mit einem Tablett Sandwiches und einem Glas Orangensaft aufgetaucht. „Aber nie sooo viel wie Master Lupin. Außerdem musste er abends zu Empfängen, und er ist jede Woche mit Mistress Malfoy ausgegangen."

„Ein Phänomen", bekannte Gawain. „Wenn man bedenkt, wie viel Ärger er euch zusätzlich noch bereitet hat. Aber vermutlich hatte er einfach Routine darin, ein Geschäftsmann und böser, dunkler Magier zu sein."

Was als Scherz gemeint war, kam weder bei Remus noch bei Missy besonders gut an.

„Ich kann nicht darüber lachen", sagte Remus. Es tat immer noch weh, an Lucius zu denken, und er vermied es, wann immer möglich.

„Schon gut, tut mir Leid", sagte Gawain und legte Remus seine verbliebene Hand auf die Schulter.

„Ich frage mich, wo Lucius ist – ob es ihm gut geht", sagte Remus und stützte die Stirn in die Handfläche.

„Meinst du nicht, es wäre Zeit, loszulassen?", fragte Gawain.

„Nein. Es fühlt sich nicht an, als könnte ich. Ich will auch nicht. Irgendwo da draußen ist Lucius, und ich weiß nicht, wie es ihm geht, ob er zurecht kommt. Es macht mich wahnsinnig, sobald ich darüber nachdenke."

Gawain sah nachdenklich drein. „Sag mal, Missy: Hattet ihr ein Ritual? Was haben die Malfoys nach Weihnachten gemacht? Gewohnheiten halten sich vielleicht hartnäckiger als Erinnerungen."

Die Elfe überlegte. „Master Lucius und Mistress Malfoy sind spazieren gegangen im Schnee. Ganz lange."

„Schnee in Whitfield?", fragte Remus zweifelnd.

„Schnee in den Schweizer Alpen", korrigierte Missy. „Sie fuhren jedes Jahr mit Master Draco nach St. Maurice, und dann mit Skiern die Berge hinunter."

Die Tür öffnete sich und Dora trat herein.

„N'abend. Was macht ihr hier im Büro?"

„Supertonks, kannst du skifahren?", fragte Gawain.

„Ski…ich habe es mal probiert, als Kind. Wieso?"

„Weil wir alle morgen in die Schweiz fahren. Schick Diane eine Eule und nimm dir ein paar Tage frei. Ich fragte Kings, ob er auch mitkommt."

„Ich kann hier nicht weg", sagte Remus. „Ihr seht ja, was hier noch liegt."

„Papperlapapp", sagte Gawain. „Lass Elaine die Arbeit machen. Malfoy Enterprises wird nicht pleite gehen, weil du dir eine Auszeit genehmigst."

„Ihr glaubt nicht ernsthaft, dass wir Lucius in Sankt Moritz treffen werden?", erkundigte sich Remus.

„Wieso Lucius?", fragte Tonks, der die erste Hälfte der Unterhaltung fehlte.

„Vielleicht nicht. Eigentlich sicher nicht. Aber die Idee ist toll. Und weißt du was? Wir nehmen diesen notorischen Eigenbrödler aus Hogwarts auch mit."

Gawains Augen leuchteten vor Begeisterung. Er war eben ein Rudeltier, und je mehr Leute er um sich hatte, umso besser.

„Du willst mit Albus in Skiurlaub?", staunte Tonks.

„Quatsch. Ich spreche von Severus."

„Severus wird niemals mitkommen", lachte Tonks. „Nicht in tausend Jahren."

xoxoxoxoxoxoxoxo

„Ich. Fahre. Nicht. Ski."

Der Tränkemeister verschränkte die Arme vor der Brust.

„Der Dunkle Lord baut seine Organisation wieder auf, und ihr wollt mit dem halben Orden auf Muggelbrettern die Berge herunter rutschen? Ich zweifle an eurem Geisteszustand."

„Sie und Remus, ihr braucht beide eine Auszeit", beharrte Tonks.

„Ich habe eine Auszeit. Hier in meinem Labor. Es ist ruhig, warm und man läuft nicht Gefahr, sich die Beine oder den Hals zu brechen." Snape grollte.

„Verdammt, Severus. Remus sagt, er fährt mit, wenn wir dich dazu bringen, mitzukommen", drängte Gawain.

„Das lässt mich darauf schließen, dass er vernünftig genug ist, sein ebenfalls warmes Büro eurem Wahnsinn vorzuziehen", schnarrte Severus.

„Remus arbeitet seit Mitte April ungefähr sechzehn Stunden am Tag. Er braucht einen Tapetenwechsel. Wenn er zusammen bricht, sind Sie verantwortlich", drohte Tonks.

„Und warum sollte mir das etwas ausmachen?", fragte Severus lauernd.

„Ich dachte, Sie wären sein Freund", sagte Tonks bockig und enttäuscht.

„Wie kommen Sie denn auf diese hirnverbrannte Idee?", erkundigte sich der Tränkemeister.

oooOOOooo

Zwei Tage später stieg eine mehr als merkwürdige Gruppe Zauberer in St. Moritz aus einem kleinen Charterflugzeug. Natürlich hatten sie Snape nicht herum gekriegt – und auch Remus nicht. Aber der Werwolf freute sich trotzdem, als er die Postkarte in der Hand hielt, auf der Kings, die Kinder, Selma, Gawain und Tonks fröhlich in die Kamera winkten, während sich im Hintergrund die schneebedeckten Hänge der Alpen erhoben.

Remus blickte aber auch nachdenklich auf das Bild. Er war einsam, und er wusste es. Doch er hatte Angst, sich damit zu konfrontieren, dass er Lucius nie wieder sehen würde. Die Stiftungen zu leiten, war harte Arbeit und eine gute Ablenkung. Und er tat es, weil Lucius es ihm aufgetragen hatte. Um zurück zu kehren? Remus wusste es nicht. Lucius war kein Träumer gewesen. Er musste gewusst haben, dass es keinen Weg zurückgeben konnte. Und doch, und doch…

Etwas in Remus weigerte sich, an die Endgültigkeit der Situation zu glauben. Diese leise Stimme, die ihm zuflüsterte: „Der Bann von Glenkill müsste längst mit Lucius' Magie gestorben sein. Aber du verzehrst dich vor Sehnsucht – immer noch. Du fragst dich jeden Abend, wie es ihm geht, wo er ist – immer noch. Du siehst seine Augen vor dir, wenn du dich selbst berührst – immer noch. Du bist ein Wolf – traue deinem Instinkt."

Remus seufzte und steckte resignierend das Bild weg. Es hatte keinen Sinn, sich das Hirn zu zermartern. Es tat nur weh. Er klappte die Akte vor sich zu und stellte sie fort, nur um sich die nächste zu nehmen und sie zu öffnen. Er hatte so viel zu tun…

oooOOOooo

Es war bereits Ende April, und der Tag des Urteils hatte sich gejährt, ohne dass irgendetwas Außergewöhnliches geschah. Doch eines Morgens klopfte Elaine Rogue an Remus' Bürotür und meldete einen Besucher.

„Hier ist ein Heiler, der Sie sprechen möchte", sagte sie.

Remus starrte den Mann an, der in seiner violetten Robe den Raum betrat. Es war der Psychomedimagier, der Lucius' Erinnerungen gelöscht hatte.

„Guten Tag, Mr. Lupin", grüßte er. „Ich hätte da einige Dinge mit Ihnen zu besprechen."

Remus schluckte und wies auf den gepolsterten Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Bitte nehmen Sie Platz, Sir", sagte er höflich. „Was kann ich für Sie tun?"


Fortsetzung folgt