EINUNDZWANZIG
Es klopfte doch Remus blieb stumm. Erneutes Klopfen. Irgendwann öffnete sich die Tür auch ohne Aufforderung und Sirius trat ein. Remus sah nicht auf und starrte weiter unablässig aus dem Fenster.
„Ist Tonks bei dir?", fragte er leise ohne den Blick von der schmalen Sichel am noch blauen Himmel abzuwenden.
„Nein", sagte Sirius. Er zögerte, setzte sich dann aber auf das Bett und sah stumm zu Remus hinüber.
„Haben du und der Mond gerade ein persönliches Gespräch, bei dem ich nicht stören sollte?", fragte Sirius als Remus immer noch stumm blieb.
Mit Macht riss sich Remus vom Himmel los und sah zu Sirius hinüber, der ihn mit erhobenen Brauen und schiefem Grinsen ansah. Remus zögerte kurz, dann setzte er sich mit etwas Abstand neben Sirius und lehnte sich an einen der Bettpfosten.
„Es ist wegen Tonks", sagte er langsam.
„Ja, soweit hab ich mir das schon gedacht", meinte Sirius trocken, „es ist offensichtlich, dass du ihr aus dem Weg gehst seit dem letzten Vollmond."
„Meinst du es ist für sie auch offensichtlich?", fragte Remus vorsichtig.
„Weiß nicht genau", sagte Sirius nachdenklich und kratzte sich am Kinn, „das Aurorenbüro macht ihren Leuten immer noch ziemlich Stress und Moody hat sie in letzter Zeit auch immer häufiger für Missionen eingespannt. Manchmal glaube ich, er scheut sich inzwischen davor allein in brenzlige Situationen zu geraten. Hätte nicht gedacht, dass ich das mal erlebe."
Remus nickte stumm. Sein Blick schwang schon wieder unbewusst zum Fenster.
„Habt ihr euch gestritten?", fragte Sirius zurückhaltend.
Remus schnaubte leise. „Auch…", sagte er nachdenklich, „immer öfter in letzter Zeit um ehrlich zu sein."
Sirius musterte ihn für einen Moment. „Aber das ist nicht der Grund, warum du aus dem Fenster starrst." Es war keine Frage, also warum sollte Remus es leugnen.
„Ich glaube…", setzte Remus an, „Ich glaube, Tonks hat sich in mich verliebt."
Sirius sah ihn mit großen Augen an. „Wirklich?", fragte er in gespieltem Entsetzten, „was war dein erstes Indiz? Das ich dir das letzten November gesagt habe oder das ich es dir diesen Januar gesagt habe?"
Remus sah genervt zu Sirius hinüber. „Oder das ihr seit Monaten jede freie Minute miteinander verbringt und du immer häufiger bei ihr übernachtest."
„Sirius!"
„Hast du eigentlich auch bei ihr übernachtet, ohne dass ihr vorher Sex hattet? Denn das wäre auch ein ziemlich guter Hinweis gewesen", sprach Sirius unbekümmert weiter.
„Sirius!", unterbrach Remus ihn noch mal etwas lauter und diesmal verstummte dieser und sah Remus abwartend an. „Ich mein so richtig", sagte Remus leise, „sie hat mir gesagt, dass sie mich liebt."
Sirius nickte langsam. „Und wo ist das Problem?"
„Das ich dachte, dass es nur eine Phase ist. Die vorbei geht. Tonks ist…", Remus suchte nach den passenden Worten, die dem gerecht werden würden, was er meinte, „…so temperamentvoll und sprunghaft. Ich dachte sie will sich ein wenig austoben und war bereit das auszunutzen, so unmoralisch und egoistisch das auch von mir war."
Sirius runzelte skeptisch die Stirn. „Übertreib nicht, du hast nichts Falsches gemacht. Und du magst sie doch, oder?"
„Mehr als das", sagte Remus bevor er sich davon abhalten konnte.
„Na dann ist doch alles…"
„Nein!", unterbrach Remus ihn energisch, „es ist nicht alles gut! Denn gerade weil ich Tonks so sehr mag, werde ich nicht zulassen, dass sie sich noch weiter falsche Hoffnungen macht."
„Wieso falsche Hoff…?", fragte Sirius irritiert doch Remus unterbrach ihn sofort wieder.
„Weil Werwölfe nicht heiraten und bis an ihre Lebensende glücklich und zufrieden leben, Tatze."
Sirius zog eine Augenbraue hoch.
„Tonks verdient jemanden besseren, jemand der sie nicht zusätzlich in Gefahr bringt, der finanziell für sie sorgen kann und mit dem sie Kinder bekommen kann."
Sirius schwieg bei diesen Worten.
„Sag, dass ich Unrecht habe!", sagte Remus nach einer Weile, „sag, dass sie nicht zur Ausgestoßenen unter ihren Freunden und in ihrer eigenen Familie werden wird, sobald bekannt wird, dass sie mit einem Werwolf zusammen ist. Sag, dass du von auch nur einem Werwolf weißt, der ein normales Familienleben geführt hat, der auf normale, menschliche Weise Kinder bekommen und großgezogen hat."
Sirius schwieg. Er schien nicht erpicht darauf Remus anzusehen, wich aber auch nicht seinem Blick aus. Still vergingen die Sekunden. Ohne dass Sirius etwas sagte.
„Danke!", sagte Remus resignierend und stand auf um den Mond wieder besser sehen zu können, der inzwischen unbemerkt aus seinem Sichtfeld verschwunden war.
„Es ist immer noch ihre Entscheidung", sagte Sirius unvermittelt, „ob sie es in Kauf nimmt, um mit dir zusammen zu sein."
„Nein, ist es nicht!", sagte Remus entschlossen, „sie ist zu jung um wirklich zu wissen, was auf dem Spiel steht. Sie war noch ein Kind als Voldemort das letzte Mal an der Macht war und jeder, der nicht Otto-Normal-Zauberer war, diskriminiert wurde und sich niemand mehr getraut hat, dagegen das Wort zu erheben. Aber diese Zeit wird wiederkommen. Und wir wissen nicht, wie lange sie diesmal anhalten wird. Ich werde nicht zulassen, dass sie ihre besten Jahre an eine Illusion verschwendet."
Sirius trat zu ihm ans Fenster und legte eine warme Hand auf seine Schulter.
„Wir waren jünger, als wir uns das erste Mal entschieden haben, für das Richtige einzutreten, Moony", sagte er bedächtig.
„Ja", schnaubte Remus, „couragierte, leichtsinnige Trottel, die wir waren. Aber wir sind nur noch zu zweit, Tatze, und warten seit fünfzehn Jahren doch nur darauf, das der unvermeidliche zweite Krieg beginnt."
Er sah zu Sirius hinüber, der nun selbst mit verbittertem Ausdruck den Mond anstarrte. Es wurde dunkler und mehr und mehr Sterne erschienen am Firmament, während das letzte Tageslicht verschwand und der Mond zum einzigen stillen Zeugen ihrer einträchtigen Stille wurde.
„Ich hab ihr einen Brief geschrieben", sagte Remus irgendwann leise und Sirius drehte den Kopf. Seine Augen funkelten in der Dunkelheit aus ihren tiefen Höhlen hervor. Das einzige in seinem Gesicht, was immer, auch während Sirius' Zeit in Azkaban, lebendigt gewirkt hatte.
„Ich geh für ein paar Monate nach Hause, damit sie mich nicht dauernd sehen muss."
Sirius nickte stumm. „Irgendwelche Flüche, von denen ich wissen sollte, bevor ich ihn ihr gebe?", fragte er schief grinsend.
„Keine, die sie auf dich loslassen würde", sagte Remus sachlich, „sie mag dich, Sirius. Wenn es ihr hilft, erzähl ihr über mich, was du für nötig hältst, nur nicht…"
„Wo sie dich finden kann!", sagte Sirius nickend, „schon klar."
„Danke." Remus war immer in Momenten wie diesen bewusst geworden, wie sehr er seine Freundschaft zu James und Sirius schätzte. Nicht bei den ausgelassenen Partys oder den witzigsten Streichen die sie gemeinsam anderen gespielt hatten. Nein. In den Moment des stillen Verständnisses, wenn er sich sicher sein konnte, sich komme was wolle auf sie und ihre Unterstützung verlassen zu können.
„Ich seh' dich an Vollmond?", fragte Sirius leise.
„Ja", meinte Remus nickend, „natürlich."
