Hier wie versprochen - da die nächsten beiden Wochen kein Update kommt wegen Urlaubsunterbrechung - gleich das neue Kapitel :) Sind auf eure Meinungen mehr als gespannt! - Morti

WARNUNG: Sklaverei - und allgemein alles was bei den vorherigen Chaps bei Sasch und Co ebenfalls als Warnung stand.

Kapitel 36 - Obligation des Meisters

Mit gesenktem Kopf ging Berry auf dem Weg zurück in ihr Zimmer neben Sasch her. Dabei wagte er es nur hin und wieder, zu ihm hinüber zu blinzeln.

Ihr Meister war der Ansicht gewesen, dass sie etwas sportliche Betätigung brauchten und war deshalb mit ihnen in ein großes Badezimmer gegangen, dessen Wanne mehr die Ausmaße eines Swimmingpools hatte und auch sehr tief war. Berry hatte sich, ohne groß zu zögern, ausgezogen und war hinein gesprungen, um sofort loszuschwimmen. Doch schon auf halbem Weg hörte er Saschs leise Stimme durch das ansonsten leere Bad hallen.

Offensichtlich konnte der Junge nicht schwimmen und Berry drehte schnell um, da er wusste, wie die Methode ihres Meisters aussah, jemandem das Schwimmen beizubringen. Schon im nächsten Moment flog Sasch ins Wasser und strampelte wild und viel zu hektisch herum. Der Meister hatte verlangt, dass er (Berry) ihn wieder raus brachte, nur um Sasch solange erneut ins Wasser hinein zu werfen, bis der Neunjährige von allein oben blieb und schwamm.

Jetzt - etwa drei Stunden später - konnte Sasch schwimmen, auch wenn er sehr viel Wasser im Bauch haben dürfte. Allerdings wirkte er fahrig und hielt sich dicht an seinem Freund und Berry hatte einen Verdacht, was der Grund war, wusste aber nicht, wie er Sasch helfen sollte. Der Meister lief hinter ihnen und deswegen wagte Berry nicht, auch nur einen Ton zu sagen.

"Geh gleich in die Küche, Kleiner. Essenszeit.", murmelte Macnair, der war mehr als zufrieden mit dem Verlauf des Vormittags war.

Seit einigen Tagen war es Saschs Aufgabe, das Essen aus der Küche zu holen, damit er sich an regelmäßige Aufgaben gewöhnte. Noch musste er nicht bei Tisch bedienen, aber auch das würde er bald lernen.

Sasch, der sich mehr als nur ein wenig wacklig auf den Beinen fühlte, sich aber nicht deshalb so dicht bei Berry hielt, zuckte ob des soeben erhaltenen Befehls - denn alles, was der Hü .. nein der Meister, wie er sich selbst in Gedanken hastig verbesserte, sagte, war ein solcher - leicht zusammen.

Fast schon ängstlich schielte er in Richtung Berry, den er in diesem Moment - so wie auch den Rest seiner Umgebung - nur verschwommen wahrnahm. Die letzten Stunden waren einfach zu viel für ihn gewesen. Sowohl für seinen Geist, als auch für seinen Körper und letzterer war es auch, der ihm wieder einmal zeigte, dass er die Grenze seiner physischen Belastbarkeit überschritten hatte.

Nicht immer, aber immer öfter zeigte sich dies darin, dass seine Sicht verschwamm und sich sein Gesichtsfeld zusammenzog. So dass er nur noch undeutlich wahrnahm, was ansonsten klar zu erkennen gewesen war.

Berry hatte er davon erzählt, oder zumindest angedeutet was los war. Aber ...

Sasch schluckte, als ihm bewusst wurde, dass er statt sofort zu gehorchen, eher noch näher an Berry herangerückt war und nachgedacht anstatt gehandelt hatte.

Macnairs Hand zuckte nach vorn und packte Sasch im Genick.
"Hörst du schwer oder was, Kleiner?", knurrte er ihn an und sah dann zu dem Blonden, der mehr als bleich geworden war. "Ins Zimmer, Junge!"

Doch Berry zögerte sofort zu gehorchen. Er musste Sasch doch irgendwie helfen, wenn er nicht sehen konnte. Der Meister wusste das noch nicht. "Bitte, Meister...", begann er deswegen, fing sich dafür aber gleich eine Ohrfeige ein. Nach einem weiteren Befehl wagte er es dann nicht mehr zu zögern. Mit einem entschuldigenden Blick zu Sasch drehte er sich um und verschwand in der nahen Tür.

"Und du verschwindest in die Küche und besorgst mir mein Mittagessen! Sonst setzt es was.", zischte Macnair, sich wieder dem dunkleren Jungen zuwendend. Dann schubste er ihn in Richtung Küche und folgte dem Blonden, der offensichtlich auch eine kleine Lektion brauchte.

Sasch stolperte nach vorne, einfach zu viel Angst vor den Konsequenzen habend, als dass er noch einmal zu zögern wagte. Doch war seine Sicht derart verschwommen, dass er im nächsten Augenblick auch schon mit jemandem zusammenstieß.

"Hey! Pass doch auf!", beschwerte sich der Angerempelte und sah auf den Jungen, der dabei sicher recht schmerzhaft auf dem Hintern gelandet war, herab. "Hast du keine Augen im Kopf?", schimpfte er weiter und baute sich über dem Kind auf. Allerdings schlug er ihn nicht, sondern zog ihn nur zurück auf die Füße.

Sasch hatte sich gerade in die dritte Position ducken wollen, als er einfach wieder auf die Füße gezogen wurde: "T ... t .. tut mir leid, Sir ..!", stammelte schreckensbleich, mit weit aufgerissenen Augen, die jedoch völlig unfokussiert zu demjenigen aufblickten, der ihn da hielt.

Noch während der Mann langsam seine Hand vor Saschs Gesicht bewegte, um zu testen, ob der Junge überhaupt etwas sehen konnte, kam eine weitere Person hinzu.

Im Zimmer der beiden Sklaven lag Berry leise schluchzend am Boden. Der Meister hatte ihn dafür bestraft, dass er widersprochen hatte. Trotzdem hatte der Junge es noch fertig gebracht, ihm stammelnd zu berichten, dass Sasch nur sehr schlecht sehen konnte.

Bei dieser Nachricht hatte Macnair sofort von dem blonden Sklaven abgelassen und war aus dem Zimmer gestürmt, nur um Sasch bereits bei jemand anderem zu sehen. Giles Avery, wie sich herausstellte.
"Ich nehm ihn wieder, Avery.", murmelte der Todesser und griff nach Saschs Oberarm.

Sasch fragte sich gerade, warum der andere mit seiner Hand vor seinem Gesicht herumwischte, denn dass es sich um eine solche handelte, konnte er trotz allem noch erkennen, wenn auch ziemlich verschwommen und undeutlich. Aber nah genug war sie ja nun auch, als er plötzlich die Stimme seines Meisters hörte.

Dass dieser nach seinem Arm griff bekam er gar nicht mehr mit, sondern stieß nur einen undefinierbaren Entsetzenslaut aus und schoss vorwärts, an dem anderen Avery genannten Mann vorbei.

Er hatte nur noch eines im Sinn. Er musste das Mittagessen für den Meister und Berry holen. Dass er heute etwas abbekam, damit rechnete er schon gar nicht mehr. Dazu hatte der Meister schon viel zu viel Grund gehabt, sich über ihn zu ärgern.

Sasch war nur froh, dass er an dem anderen Zauberer vorbeigekommen und nicht erneut in diesen hineingelaufen war. Dass er sich dabei von diesem losgerissen hatte, war ihm vollkommen egal. Es zählte nur, dass er den ihm gegebenen Befehl ausführte und in die Küche hinunterlief.

Er wusste, dass er einfach nur geradeaus laufen musste ... so weit war er doch gar nicht mehr von den Treppen entfernt, dachte er noch, als er auch schon im nächsten Moment den Boden unter den Füßen verlor.

Vollkommen verdutzt sahen die beiden Männer dem Jungen hinterher und Macnair sah es bereits kommen, noch während Sasch auf die Treppe, die hinunter in die Küche führte, zurannte. Doch sein Warnruf kam zu spät, als der Junge auch schon hinunter flog. Zum Glück waren es nur wenige Stufen, sodass er sich nicht das Genick brechen würde. Hoffte Macnair zumindest.

Mit schnellen Schritten war er dort und stieg zu Sasch hinunter.
"Hast du das letzte bisschen Verstand verloren?", schimpfte er dabei.

Sasch wurde regelrecht schlecht vor Angst, als er seinen Meister über sich stehen sah: "Euer ... Essen ... ich .. ich hohle es gleich!", stammelte er, vor Angst nun ganz offen zitternd.

"Und wie oft willst du dabei auf die Nase fliegen?", wollte Macnair sofort wissen und hockte sich neben den Jungen, um zu schauen, ob er sich bei dem Sturz etwas schwerwiegendes getan hatte. Aber dem war nicht so.

Mit einer schnellen Bewegung schnappte er sich Sasch und warf ihn sich einfach über die Schulter. Dann ging er wieder die Treppe hinauf und zurück zu seinem Zimmer. Avery war bereits wieder verschwunden.

Im Zimmer angekommen, setzte er Sasch ab und sah ihn an. "Wie schlimm sind deine Augen?", wollte er wissen und musterte den verschwommenen, unfokussierten Blick.

Sasch, der seinen Blick hastig auf den Flecken Boden richtete, schluckte sichtlich und musste sich regelrecht dazu zwingen zu antworten: "Meistens ni .. nicht so ... so schlimm ..", flüsterte er mit belegter, vor Unsicherheit schwankender Stimme.

Den Jungen am Arm greifend, zog Macnair ihn mit sich zum Stuhl und setzte sich, sodass Sasch vor ihm stand und etwa auf Augenhöhe war.
"Schau mich an.", verlangte er nun wieder ruhiger. "Wann passiert es? Und wodurch?"

Sasch zitterte nur noch heftiger. Er konnte doch nicht sagen, dass er immer mal wieder schlechter sah, wenn ihm alles einfach zu viel wurde. Wenn er über die Grenzen hinaus erschöpft, verängstigt, oder unter Stress war.

Es passierte nicht immer. Aber jetzt hatte er es bereits zweimal innerhalb so kurzer Zeit, was ihn zwar nicht wirklich überraschte bei dem, was er die letzte Zeit erlebt hatte, aber dennoch ... es wurde auch immer schlimmer. Er sah jetzt bereits schlechter als beim letzten Mal und da war auch immer die Angst, dass es nicht wieder weggehen würde. Sondern bleiben ... dass er von nun an immer so schlecht sehen musste.

Sasch fürchtete sich. Er wusste, dass er hier nicht fortkäme. Soweit hatte er seine Situation bereits akzeptiert. Aber was, wenn der Meister beschloss, ihn nicht mehr zu brauchen? Dass er für ihn nutzlos geworden war, durch seine immer wiederkehrende Sehschwäche?

Der Neunjährige war sich vollkommen darüber im Klaren, dass man ihn nicht einfach wieder zurückschicken würde.

So schwieg er, zitternd und das Gefühl habend, gleich einfach umzufallen. Dennoch kam er wenigstens einem der Befehle nach und richtete seinen Blick auf das Gesicht des Meisters, das er als hellen Fleck vor sich erkennen konnte.

Einen Moment wartete Macnair noch, während er den Jungen beobachtete. Dann zog er Sasch zuerst kurz quer über die Oberschenkel und schlug ihm einige Male heftig auf den Hintern, ehe er ihn sich auf den Schoß zog und die Arme um ihn schlang.
"Ganz egal, was deine Antwort für dich bedeuten mag, du wirst mir immer.. IMMER antworten! Hast du verstanden?"

Kaum traf ihn der erste Hieb, brachen alle Dämme und Sasch konnte einfach nicht mehr. Er schluchzte hemmungslos auf und dann das Gefühl plötzlich fest umschlungen zu werden, brachte ihn nur noch mehr zum Weinen.

Aus Angst ... vor dem, was geschähe, wenn er antwortete.
Aus Angst vor dem, was passierte, wenn er es nicht tat.
Aus Angst vor der Nähe, in welcher er gehalten wurde und die in ihm ein Gefühl namenlosen Entsetzens wachrief, das ihn regelrecht in den ihn haltenden Armen erstarren ließ.

Dennoch er musste antworten. Musste es sagen.

Nun nicht mehr nur, um zu gehorchen, sondern um dann wieder losgelassen zu werden. Nicht mehr so fest gehalten zu werden, wie ... wie eben gerade in diesem Moment.

"J ... ja Meister!", brachte er schließlich zwischen den Schluchzern hervor.

"Gut.", murmelte Macnair wieder sanfter und ließ ihn etwas lockerer, behielt ihn aber weiter auf seinem Schoß. "Jetzt erklär es mir... Wann passiert es.. und wieso?"

Berry hatte neben dem Bett gekniet und lediglich zusehen können. Nun rutschte er sehr langsam dichter zu den beiden. Er wollte Sasch irgendwie helfen und berührte ihn nun sanft am Knöchel, streichelte ihn ein wenig.

Sasch, der verzweifelt versuchte, seine Gedanken zu ordnen, fuhr heftig zusammen, als er eine plötzliche Berührung an seinem Knöchel spürte. Doch als er begriff, dass das nur Berry sein konnte und auch die feste Umarmung etwas nachgelassen hatte, gelang es ihm schließlich, sich ein klein wenig zu beruhigen.

Wenigstens soweit, dass er mit leiser, zitternder Stimme zu sprechen begann, während ihm immer noch die Tränen übers Gesicht liefen und hie und da ein leises Aufschluchzen entkam.

"Ich ... ich seh schlechter, wenn ... wenn ich zu .. zu viel Angst habe oder ...", hastig - beinahe überstürzt haspelte er weiter, "oder zu sehr unter ... unter Druck stehe, oder ... einfach nicht .. nicht mehr kann ... wenn ... Vor meinte einmal, dass ... das immer kommt, wenn.. wenn mein Körper mir sagt, dass .. dass es nicht mehr weiter geht!"

Ja .. so war es leichter. Er konnte viel besser darüber reden, was Vor ihm erzählt hatte, als darüber, was er selbst wusste, oder zu wissen glaubte.

Als der Junge fertig war, nickte Macnair leicht und überlegte dann einen Augenblick, während er Sasch sanft streichelte.
"Ich möchte, dass du dich jetzt beruhigst und entspannst. Leg dich auf deinen Platz, deck dich zu.", murmelte er leise. Langsam ließ er Sasch los, sodass dieser aufstehen konnte. "Hol ihm eine Decke, Junge und bleib bei ihm."

"Ja, Meister.", bestätigte Berry sofort und sprang auf, um zu gehorchen, während der Meister sie allein ließ.

Sasch blieb für einen Moment unsicher stehen, nicht wissend in welche Richtung er gehen sollte. Doch dann hörte er, wie Berry zum Schrank lief und wusste dadurch genau, wo sein Platz war und wie er zu diesem stand.

Mit tränenblinden Augen stolperte er zu seinem Schlafplatz, an dem er tagsüber oft ausharrte, wenn der Meister mit Berry beschäftigt war, und legte sich hin, sich dabei so eng wie möglich zusammenrollend.

Warum nur war ihm so kalt? Warum konnte er nicht einfach zu flennen aufhören?

War der Meister gegangen, weil er ihn nun nicht mehr bei sich behalten wollte? Um ihn fortzuschicken ... oder wurde er einfach nur einem anderen gegeben?

Berry kam mit der weichsten Decke, die er finden konnte, zurück zu Sasch und kniete sich neben ihn. Vorsichtig legte er sie über den zitternden Jungen und rutschte dann mit unter die Decke, um ihn in den Arm zu nehmen.
"Nicht mehr weinen... ist doch alles wieder gut.", wisperte er beruhigend, wie er hoffte.

"N ... nichts ist gut!", schluchzte Sasch nun nur wieder heftiger, als er spürte wie Berry ihn tröstend in den Arm nahm. Eine Zuwendung, die ihm im Gegensatz zu der festen Umarmung des Meisters nichts ausmachte. War Berry doch wie er selbst - und Vor.

Oh wie er seinen Freund vermisste! Würde er ihn jetzt vielleicht nie wieder sehen, wenn der Meister ihn fortschickte?

"Der Meister wird dir bestimmt helfen.", wisperte Berry leise. Er wusste nicht, wieso Sasch nicht froh war, dass der Meister endlich Bescheid wusste. "Er hat.. dir doch auch geholfen, als dein Bein kaputt war."

Nachdem Macnair das Zimmer der beiden Sklaven verlassen hatte, ging er als erstes in den Leseraum, der jedem im Hauptquartier zur Verfügung stand, der ihn nutzen wollte. Aus welchem Grund auch immer war dieser Albino-Bengel heute nicht hier, was dem Todesser aber nur recht war, da er in Ruhe suchen wollte.
Nachdenklich schritt er die Regalreihen ab und betrachtete die verschiedenen Buchrücken, die teils mit goldenen oder silbernen Lettern bestickt, teils aber auch einfach nur farbig bedruckt waren. Endlich kam ein Regal, das mehr medizinische Bücher enthielt, wie schon auf den ersten Blick zu erkennen war. Hoffnungsvoll nahm Macnair eines nach dem anderen heraus und blätterte im Inhaltsverzeichnis, um herauszufinden, welche Themen behandelt wurden.

Nach gut zehn Minuten gab er frustriert auf. In all den Büchern ging es um blutende Wunden oder Knochenbrüche, Vergiftungen oder andere Fluchschäden. Doch über Augenkrankheiten war nichts zu finden.
"Zum Mäusemelken!", fluchte er halblaut.

Eigentlich hatte er sich selbst um Saschs Augen kümmern und keinen Arzt einschalten wollen. Doch wenn er nicht einmal einen Hinweis hatte, wo er suchen könnte, blieb ihm wohl doch nichts anderes übrig. Unwillig stellte er das letzte Buch wieder zurück und verließ den Raum, um sich auf die Suche nach dem Heiler zu machen, der normalerweise immer im Hauptquartier war.

Diese Suche gestaltete sich im Endeffekt nicht als so aufwendig, wie Macnair gedacht hatte. Der Gesuchte kam ihm in einem der Korridore plötzlich entgegen.

Nicht schon wieder irgendein halb toter Gefangener, dachte sich Morgan Davies, als er den Kerkermeister des Dunklen Lords auf sich zukommen sah. Doch er hütete sich, seine Abscheu vor dem Mann offen zu zeigen. Ehe er es sich dann versah, wurde er von Macnair mitgeschleift und zu seinem Erstaunen nicht zu den Kerkern, worauf er eigentlich jede Wette eingegangen wäre.

Berry sah auf, als er hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte.

Sasch wusste einfach nicht, wie er auf Berrys Worte reagieren sollte. War es doch der Meister gewesen, der ihm das Bein überhaupt erst verletzt hatte. So schwieg er, hin und wieder ein leises Schniefen entlassend, aber sich ansonsten bemühend, nicht mehr ganz so doll zu weinen.

Als er dann wie Berry, der ihn immer noch umarmt hielt, hörte wie die Türe aufgeschlossen wurde, schreckte er mit einem leisem Entsetzenslaut zusammen und verkroch sich so gut wie irgend möglich nur noch weiter unter der großen, weichen Decke, unter welcher er mit Berry halb gelegen und halb gesessen war.

Als Berry durch seine halblangen blonden Haarsträhnen hindurch sah, wer da mit ihrem Meister herein kam, schluckte er kurz und rutschte etwas zur Seite. Einerseits freute er sich, dass Sasch jetzt sicher geholfen werden würde. Andererseits hatte er vor dem Arzt auch etwas Angst.

"Nicht verstecken, Kleiner! Komm raus und lass dich ansehen!", befahl Macnair und ließ die Decke mit einem Wink seines Zauberstabes zur Seite fliegen.

Morgan Davies trat näher und musterte zuerst den Blonden, weil er dachte, dass er seinetwegen hier war. Doch dann sah er, dass Macnair neuerdings noch ein Spielzeug hatte.

Kaum dass die Decke wie durch Zauberei - und es handelte sich dabei ja sogar tatsächlich um solche, wie Sasch inzwischen gelernt hatte - verschwunden war, verfiel er sogleich in eine der gelernten Positionen.

"Steh auf und schau mich an!", befahl der Arzt und trat an den Jungen heran. Er war es gewöhnt mit Sklaven umzugehen, auch wenn sie selten so jung waren. Nur schien dieser hier noch nicht besonders gut erzogen zu sein, was ihn bei Macnair wunderte.

Saschs Augen weiteten sich, als er die fremde und ihm vollends unbekannte Stimme hörte. Am liebsten hätte er jetzt zu seinem Meister geblickt, um sich zu vergewissern, dass er wirklich tun durfte, was der fremde Mann sagte, doch konnte er alle beide nur vage erkennen.

Langsam und zögernd, jederzeit auf eine Bestrafung gefasst, erhob er sich schließlich, als ihm plötzlich ein ganz schrecklicher Gedanke kam:
War das vielleicht der Mann, der ihn nun mitnehmen .. von Vor ... von Berry und ... vom Meister wegbringen würde?

Erneut schwammen seine Augen in Tränen und er wäre am liebsten sofort wieder zu Boden gegangen, wäre da nicht das Wissen, damit gegen einen ausdrücklichen Befehl zu handeln.

"Und hör auf zu heulen! So kann ich gar nichts sehen.", tadelte der Arzt und wischte die Tränen erstmal weg. In der rechten Hand hatte er eine Lupe, mit der er jetzt in die Augen des Jungen sah. Als er keine physische Ursache finden konnte, trat er einen Schritt zurück und sprach einen Diagnosezauber.

Sofort erschienen leuchtende Zeichen über Saschs Kopf, die Davies genau betrachtete und miteinander verglich.
"Interessant... hmhm..", murmelte er vor sich hin, während er die Ergebnisse noch einmal verglich.

"Also?", fragte Macnair ungeduldig nach, da ihm die ganze Prozedur entschieden zu lange dauerte.

"Immer mit der Ruhe. Das Problem ist deutlich und leicht zu erkennen. Die Lösung allerdings ist nicht so einfach. Ich werde einige Stunden brauchen, um eine passende Therapie zu entwickeln.", murmelte der Arzt und packte die Lupe wieder in eine der vielen Taschen seiner Robe.

Sasch blinzelte verwirrt und mit einem leisen Schniefen wischte er sich hastig die nachlaufenden Tränen fort. Es war gar nicht so einfach mit dem Weinen aufzuhören, wenn man derart durcheinander war wie er jetzt gerade.

Als der Arzt gegangen war, setzte Macnair sich auf die Bettkante und zog Sasch etwas zu sich heran.
"Wird es schon besser?", wollte er wissen und strich die Tränen weg. "Hör auf zu weinen... du hast gar keinen Grund."

"Bitte schickt mich nicht weg!", platzte es schließlich regelrecht aus dem Jungen heraus, die Angst die ihn beherrschte, einfach nicht mehr für sich behalten könnend.

Auch wenn er furchtbare Angst vor dem Mann vor sich hatte, so wollte er nicht fort. Hatte man ihm doch deutlich zu verstehen gegeben, dass wenn er nicht gehorsam war, nicht schnell genug lernte, er seinen Freund Vor nicht mehr wiedersehen würde.

Und dann war da auch Berry, den er in sein Herz geschlossen hatte und zu dem er gerade durch die Umstände, die sie gemeinsam teilten, ein fast so tiefes Freundschaftsgefühl wie zu Vor empfand.

Er war derart mit seinen Ängsten beschäftigt, dass es ihn in diesem Moment nicht einmal störte, oder er dem Umstand, dass er wieder näher herangezogen wurde, keine Beachtung schenkte.

Macnairs Gesichtsausdruck zeigte einen Moment lang sein Erstaunen. Dann setzte er sich Sasch auf den Schoß und schlang erneut, wenn auch locker, seine Arme um ihn.
"Wie kommst du denn auf so etwas?", wollte er ruhig wissen. "Du gehörst mir und ich werde dich ganz sicher nicht wegschicken. Dann wäre die ganze Erziehung ja umsonst. Ich bin immer da... Du gehörst mir.. alles an dir gehört mir und deswegen darfst du mir nie wieder verheimlichen, wenn du irgendeine Krankheit hast. Verstanden?"

Sasch fühlte sich derart erleichtert, dass es ihn für einen kurzen Moment nicht einmal störte, dass er wieder auf dem Schoß des Meisters gezogen worden war. "Ich ... ich dachte. ... weil ich schlecht sehe und ... dann meine ... meine Aufgaben nicht genau ausführen kann ..", versuchte er zu erklären, ohne zu sagen, dass er am meisten Angst davor gehabt hatte, dann nicht mehr Vor sehen zu dürfen, oder selbst von Berry getrennt zu werden.

"Dann würde ich dir beibringen, sie trotzdem zu erfüllen. Selbst wenn du blind wärst, könntest du lernen.", meinte Macnair und fuhr durch die noch immer recht kurzen Haare das Jungen. "Wenn du mir noch einmal etwas verschweigst, werde ich dich hart dafür bestrafen. Hast du verstanden?"

Sasch, der sich mehr als nur ein wenig eingeschüchtert fühlte, brachte nur ein stummes Nicken zustande, während er darum kämpfte, der Berührung auf seinem Kopf nicht auszuweichen.

"Gut.. dann leg dich jetzt wieder hin und ruh dich aus.", verlangte Macnair und ließ den Jungen wieder los. "Und du holst das Mittagessen, Junge, und zwar etwas plötzlich!"

"Ja, Meister.", erwiderte Berry sofort, erhob sich aus seiner knienden Stellung und ging zügig zur Tür hinaus.

Sasch, der mehr als erleichtert war, dem Schoß des Mannes zu entkommen, beeilte sich dessen Forderung nachzukommen. Kurz darauf lag er wieder auf seinem Platz am Boden und hatte sich fest in die weiche Decke eingewickelt, die Berry ihm zuvor gebracht hatte.

Den Gedanken, dass er etwas zu essen bekommen würde, hatte er schon längst aufgegeben und das obwohl er großen Hunger hatte. Nicht so doll, wie er ihn auf der Straße gehabt hatte, aber dennoch stets vorhanden.

Nur fünf Minuten später betrat Berry mit einem Tablett das Zimmer wieder und deckte für den Meister den Tisch. Dabei sah er kurz unsicher zu Sasch hinüber, der scheinbar schlief. Als alles bereit war, sank der blonde Sklave neben dem Stuhl seines Meisters auf die Knie und wartete, darauf hoffend, auch etwas abzubekommen.

Macnair setzte sich und begann seinen knurrenden Magen zu füllen. Normalerweise hätten beide Jungen nach dem ganzen Stress nun nichts zu essen bekommen. Aber der Todesser war zum Einen sogar froh, dass der Blonde es gewagt hatte, zu widersprechen und ihm von den Problemen des Jüngeren zu erzählen, zum Anderen brauchte der dunklere Junge Nahrung, um schnell wieder auf den Beinen zu sein.

So fütterte er den neben ihm knienden wie sonst auch von seinem Teller. Anschließend, als er selbst satt war, legte er erneut einiges auf und hielt den Teller herunter.
"Fütter den Kleinen und dann bring den Rest weg.", murmelte Macnair und stand auf, als Berry zugegriffen hatte.

"Ja, Meister.", wisperte Berry sofort und rutschte zu Sasch hinüber.

Sasch, der sein Gesicht in den Decken vergraben hatte, ließ doch allein der Duft des vom Tisch herüberwehenden Essens ihm bereits das Wasser im Mund zusammenlaufen, war so damit beschäftigt, alles um ihn herum zu ignorieren, dass er tatsächlich erst merkte, dass sich etwas verändert hatte, als er verschwommen Berry neben sich erkannte.

Langsam und unsicher richtete er sich etwas auf.

"Das ist für dich.", murmelte Berry lächelnd und hielt Sasch den Teller hin. Dass er selbst noch nicht ganz satt war, war normal. Sasch hatte noch weit mehr Hunger, da er seit heute Morgen nichts mehr gegessen hatte.

Sasch starrte für einen kurzen Moment einfach nur verblüfft auf den Teller, auf dem er zwar nicht genau erkennen konnte, was darauf war, aber genug sah, um zu wissen, dass doch einiges drauflag.

Zögernd streckte er seine rechte Hand aus, hielt dann aber dennoch inne und sah unsicher zu Berry, während seine Lippen beinahe lautlos eine Frage formten: "Darf ich ...?"

Er wusste einfach nicht ob er sich wirklich selbst etwas nehmen durfte. Die letzte Zeit war er immer gefüttert worden und er hatte schon länger kein Essen mehr angerührt, es sei denn er hatte Berry etwas geben dürfen.

Berry schluckte unsicher und wurde etwas bleich, weil ihm gerade die Worte des Meisters einfielen. Beinahe hätte er einen Fehler gemacht.
"Er hat.. füttern gesagt.", wisperte er und nahm schnell ein Stück, um es Sasch an die Lippen zu halten, während er sich verstohlen umdrehte. Aber der Meister war nicht mehr im Zimmer.

Sasch lächelte schwach, ehe er ohne zu zögern seinen Mund öffnete und das ihm vorgehaltene Stück entgegennahm. Langsam begann er zu kauen, genoss jeden einzelnen Bissen, jeden noch so kleinen Happen, den er bekommen würde. Wusste er doch nie, wie viel ihm zu essen erlaubt war.

Dass er sich dafür schämte, gefüttert zu werden, das hatte er mit als Erstes abgelegt. Da dachte er eher praktisch und so scherte es ihn mittlerweile recht wenig.

Es war relativ viel auf dem Teller, mehr als er bekommen hatte, überlegte Berry. Dennoch war er nicht eifersüchtig. Im Gegenteil, er freute sich für Sasch, dass der so viel bekam.

Als der Teller dann schließlich doch leer war, stand Berry auf, um alles zurück in die Küche zu bringen.
"Ich bin gleich zurück.", versprach er dabei.

Sasch, der sich zum ersten Mal seit langem wieder richtig satt fühlte, rollte sich derweil wieder in seine Decken auf dem Boden zusammen. Als Berry dann meinte, dass er gleich wieder da war, rief er ihm noch ein leises "Danke, Berry!" hinterher.

Müde schloss er seine Augen. Er war wirklich sehr, sehr erschöpft.

Als Berry einige Minuten später zurückkam, schien Sasch eingeschlafen zu sein. Also legte sich der Blonde nicht ganz so dicht zu ihm, wie er es sonst getan hätte, um ihn nicht zu wecken.

----- TBC –