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Disappear
Disappear

I'm sorry
For my selfishness,
Hoping you
You'd never wake again
Sorry
But I am only here, only real
When you dream of me

The more I try to feel you
The more I disappear
Close your eyes
And make me real again

The more I try to feel
The more I disappear
Disappear
Again

I'm lonely,
In this conciousness
Hoping you'd
Come back again
Just like it used to be
Just you and me and a thousand moonrises
To be close again
I'll be anything
You desire

The more I try to feel you
The more I disappear
Close your eyes
And make me real again

The more I try to feel
The more I disappear
Disappear

The more I try to feel
The more I disappear

Make me real
Make me real
Dream of me

-She,'Make me Real'

Bisher fest davon überzeugt, dass er diesen fremd erscheinenden Korridor zumindest für sich allein hatte, bekam der Angesprochene erst einmal einen mittelschweren Schreck, als er hinter sich – nahe hinter sich – eine Stimme hörte, so leise sie auch sein mochte.
Seine düsteren Gedankengebäude stehen und liegen lassend, nun, da ein relevantes Stück der Außenwelt nach seiner Aufmerksamkeit verlangte, drehte er sich rasend um, das Ganze noch halb für eine Einbildung haltend, bis er die Besitzerin des hohen Stimmchens im Fleische erblickte und diese auch nach mehrmaligem Blinzeln noch da war.
Sie hatte praktisch direkt hinter ihm gestanden, ohne, dass sich Shinji entsinnen konnte, in welchem Moment sie eigentlich gekommen war – Man könnte meinen, sie sei dort einfach so ohne Vorwarnung in völliger Stille aufgetaucht, von ihm aus durch irgendwelche Star-Trek-eske Abart von Quantenteleportation… sie konnte nicht schon die ganze Zeit über dagestanden haben, oder?
So einfach hätte er sie doch nicht übersehen, oder?
Nicht, wenn sie die hellen, verblassten Farben ihrer Schuluniform und überhaupt allem an ihr, inklusive ihrer Haut und diesen eigentümlichen blauen Haaren, sie so aus der hiesigen Finsternis hervorstechen ließen, dass sie beinahe wie eine schwach glühende, geisterhafte Erscheinung wirkte.
Was ebenfalls unmöglich zu übersehen sein sollte, war der kleine Pappkarton, den sie mit beiden Armen bei sich trug und verriet, dass sie wohl hier war, um die Sachen, die sie für die letzten Tage in denen sie hier dauerhaft stationiert gewesen war, mitgeführt hatte, wieder zu sich nachhause zu bringen – Selbst Rei war gestern wohl zu nichts anderem mehr fähig gewesen, als sich eine gute Mütze Schlaf zu gönnen, die mit guter Wahrscheinlichkeit noch hier im Hauptquartier stattgefunden hatte, wo auch immer man sie für die letzten Tage untergebracht hatte.
Was hieß hier „selbst" Rei – Sie sollte am meisten Grund dafür haben, gestern fix und fertig gewesen zu sein…
Erst verspätet rieselte es in sein Bewusstsein, dass sie ja eigentlich irgendeine Art von Antwort erwartete, statt derer er sie eine ganze Zeit lang ungeniert angestarrt hatte – Und das sie ihn ihrerseits einfach nur ruhig und geduldig anschaute, war ein zweischneidiges Schwert – Einerseits gab es ihm eine relative Sicherheit, dass sie nicht sauer zu sein schien, andererseits hätte er gerne gewusst, was denn nun genau in ihrem hübschen Köpfchen vor sich ging, um irgendwie darauf reagieren zu können.
„Uh… Hallo Ayanami."
Keine Reaktion.
Na toll, das hätte er sich ja denken können.
Darauf zu warten, dass sie irgendwas machte, war zumeist zwecklos – Wer weiß, vielleicht wartete sie ja darauf, das er irgendwas machte.
„Uhm…äh…"
Sein Blick fiel auf den Pappkarton, den sie bei sich trug.
Da er ohnehin nicht die Fähigkeit besaß, sich etwas Besseres auszudenken, folgte er dem, was seine momentanen Gedanken zu bieten hatten: „Soll… ich dir helfen?"
Er glaubte, eine kleine Regung in ihren Augen gesehen zu haben, als hätte sie ihren Blick etwas mehr fokussiert, doch das war schon alles.
Shinji hatte das Warten auf eine Antwort beinahe schon aufgegeben, als sie schließlich doch sprach, gerade noch im Bereich des Hörbaren, wie eine tickende Uhr.
„…Womit…?"
„Na mit dem, uhm, Kisten tragen und so…" Er holte sein charmantestes Lächeln aus dem Schrank, auch, wenn es ihm nicht gelang jene eingetrockneten Flecken der Verlegenheit daraus zu entfernen. „Ich… ich schätze du bringst gerade dein Zeug nachhause und so…"
„Das ist korrekt."
„Na ja ich könnte ja etwas von dem ganzen Zeug für dich tragen… Wenn du nichts dagegen hast, versteht sich…"
„Das habe ich nicht."
„Uhm, gut… Wo ist denn der Rest von dem Kram?"
„Das ist alles."
Das leichte strecken ihrer Arme war wohl ihre Art, ihm anzudeuten, dass er die Kiste nehmen konnte, was er, wenn auch etwas zögerlich, dann auch tat – Er hatte schon halb befürchtet, dass er sein Angebot bereuen würde, weil Mädchen seiner bisherigen Erfahrung nach immer Unmengen an Zeug besaßen, welches vorzugswese in Unmengen von schweren Taschen und Kisten transportiert wurde, (wie jenen Exemplaren, mit denen Asuka bei ihrer Ankunft die Wohnung vollgestopft hatte) und nun wunderte er sich darüber, wie leicht das relativ kleine „Paket" mit Rei's Besitztümern doch war – Sie hatte es nicht einmal zu gemacht, sodass man sehen konnte, dass die Kiste noch nicht einmal bis zur Hälfte gefüllt war, hauptsächlich mit Kleidung: Eine weitere Schuluniform, das kleine braune Handtuch, mit dem er schon bei seinem Besuch in ihrer Wohnung Bekanntschaft gemacht hatte und eine Art Krankenhaushemd, dass sie vermutlich zum Schlafen getragen hatte – mehr war da nicht, außer der Brille seines Vaters und einem dieser sortierten Medikamentenkästchen, die alte Leute gelegentlich mit sich herumtrugen. Keine Schminke, keine Tigelchen und Töpfchen, keine elektronischen Helferlein, keine Privatkleidung, keine sonstigen Annehmlichkeiten und gar nichts, das auch nur entfernt dazu gedacht zu sein schien, sich die Zeit zu vertreiben. Nichts als das äußerst nötigste.
Und etwas zerknautschter Unterwäsche – Es war die Realisation, dass sie die vermutlich getragen hatte, die Shinji realisieren ließ, das ihn das innere der Kiste eigentlich gar nichts anging, sodass er sich mit hochroten Gesicht dazu zwang, seinen Blick aus dem inneren zu verbannen.
„Ist etwas nicht in Ordnung."
„N-Nein…!" Eigentlich hätte sie sich jetzt aufregen oder zumindest verlegen werden. Merkte sie es nicht oder ließ sie es sich nur nicht anmerken? Wenn der Zweck ihrer scheinbaren (?) Gleichgültigkeit sein sollte, sein Gewissen anzukurbeln, dann hatte sie damit bis jetzt jedenfalls Erfolg gehabt. „Wir äh, vielleicht sollten wir gehen."
Wieder folgte eine dieser unschönen Pausen… Wartete sie darauf, dass er losging?
Hach, da hatte er glatt vergessen, dass er sich ja verirrt hatte – Rei selbst musste zweifellos wissen, wo es lang ging, aber einen Nutzen aus diesem Wissen zu ziehen, würde bedeuten, zuzugeben, dass er sich verirrt hatte, und sie nach dem Weg zu fragen, was ehrlich gesagt eine peinliche Angelegenheit sein würde, zumal er es ja gewesen war, der ihr helfen wollte.
Die Frage war jetzt also, wie er sie mit kleinstmöglichem Würdenverlust nach dem Weg fragen konnte… Vermutlich würde dies nicht möglich sein.
Und er musste auch wegen Reis eigener Würde etwas unternehmen und den Karton in einem unauffälligen Moment zuklappen. Sie darauf anzusprechen, dass sie praktisch jedem, an dem sie in den nächsten Minuten vorbeilaufen würde, ihre Höschen auf einem Präsentierteller da bot, traute er sich nicht. Es musste damit zusammenhängen, dass es ihr herzlich wenig ausgemacht hatte, nackt gesehen zu werden – Seine Politik in Bezug auf solche seltsamen Geschehnisse war schon immer, sie einfach zu ignorieren, bis sie ihn in Ruhe ließen, und sich dann gegebenenfalls im Privaten den Kopf darüber zu zerbrechen.
„Lass uns etwas essen gehen." Kam es dann plötzlich, komplett unangekündigt die gespannte Stille entladend.
Er bekam nicht einmal mehr ein „Was?" heraus. Sein Mund stand weit offen, und kein Ton kam hervor. Erneut wechselte sein Gesicht die Farbe; Die Urheberin seines inneren Chaos observierte still den Einschlag ihrer leisen Worte.
Das Third Child musste sich selbst daran hindern, einen Schritt zurück zu machen; Nicht, das Rei seinen simplen Schock mit etwas anderem verwechselte.
„Ist das… nicht in Ordnung?" fragte sie, nachdem sie seine uneleganten Versuche irgendwie eine Reaktion zu Stande zu bringen, eine Weile aufmerksam beobachtet hatte.
„D-D-Doch!"
„Das ist gut."
Und dann marschierte sie los, strikt, soldatengleich, nie inne haltend, nie zurückblickend um nachzusehen, ob das Third Child ihr auch folgte, weil es ihr völlig ausreichte, seine Schritte zu hören, vermutlich in Richtung der NERV-Kantine, wo sich auch ihr letztes „Date" abgespielt hatte.
Der EVA-Pilot beschloss, sich mit der Quelle aus Fragen in seinem Kopf gar nicht erst zu beschäftigen und sie wie auch das beginnende Pochen seines Herzens erst mal zu ignorieren.
Sie lief nicht wirklich schnell, aber doch zügig, wenn er stehen blieb und grübelte, würde er seine liebe Not damit haben, ihr zu folgen.
Darüber, was das nun alles zu bedeuten hatte, was für Konsequenzen das haben würde, und was sie ihm damit möglicherweise sagen wollte, würde er sich den Kopf zerbrechen wenn es vorbei war; Vielleicht würde er dann ohnehin mehr wissen.
Natürlich gab es da noch die Option, sie zu fragen, aber was, wenn er wieder eines dieser Dinge übersehen hatte, die laut Asuka offensichtlich sein sollten, eine dieser subtilen Andeutungen?
Hatte er irgendeine unterschwellige Absichtserklärung übersehen, die ihm hätte sagen können, ob sie auf irgendetwas wartete?
Als sie die Cafeteria erreichten, hatte er die Antwort darauf immer noch nicht gefunden, und seinen Vorsatz, nach ihr zu erfragen, immer weiter vor sich hingeschoben.
Ein Gutes an der Sache war, dass er dieses Mal Geld dabei hatte, da er ja unterwegs die Bücher für Mayumi besorgt hatte (Welche er nun leider immer noch unausgepackt bei sich trug, und benutzt hatte, um das innere der Kiste abzudecken, die er für Rei transportierte) - Eigentlich hatte er vorgehabt, einfach mal das teuerste zu bestellen, was diese simple Cafeteria zu bieten hatte, doch Rei kam ihm zuvor, indem sie ein billiges Sandwich und ein Glas Mineralwasser bestellte – Danach wäre er sich mies vorgekommen, wenn er etwas wesentlich besseres bestellt hätte, sodass er selbst sich für das selbe vegetarische Sandwich entschied, so verlockend die mögliche Addition von Käse oder Wurst ihm auch erscheinen mochte – Es wäre alles viel einfacher, wenn die hier so etwas wie Tofu- oder Gemüsebratlinge haben würden, vielleicht sollte er das Misato einmal als Verbesserungsvorschlag unterbreiten.
Immerhin brachte er den Teil seines Planes erfolgreich über die Bühne, der es beinhaltete, selbst zu bezahlen.
Gerne hätte er Reis Tablett getragen oder zumindest sein eigenes, aber mit der Kiste und den Büchern hatte er da leider ganz im Wörtlichen Sinne alle Hände voll zu tun, sodass Rei den Transport der Speisen übernahm.
„Ist dieser Platz akzeptabel?" fragte sie, in der Nähe eines Tisches inne haltend.
Shinji nickte, worauf sie sogleich die Tabletts abstellte, wobei sie Shinji Gelegenheit ließ, ihre Kiste neben dem einzelnen Tischbein abzustellen.
Vielleicht hätte er sie noch kurz auf dem Tisch gelassen, wenn er gewusst hätte, das Reis nächste Aktion daraus bestehen würde, ihr Medikamentenkästchen daraus zu entnehmen, fast schon einen ganzen Berg aus Pillen, Kapseln und Tabletten daraus hervorzuholen und diese einer nach der anderen routiniert herunterzuschlucken, jeweils begleitet von einem guten Schluck Mineralwasser.
Trotzdem – außer den Pillen hatte sie da noch ein richtiges Sandwich auf ihrem Teller.
Auch, wenn er nicht wusste, welcher Laune des Schicksals er dieses Glück zu verdanken hatte, es sah ganz so aus, als würde er doch noch dazu kommen, wirklich mit Ayanami Essen zu gehen, (Sei es nun ein Date oder kein Date) und bei diesem Gedanken sah er sich fast schon wieder in der Lage, aufrichtig zu lächeln. Ach, was hieß hier fast.
Zu irgendeiner Art von Konversation kam es nicht, aber das hatte er auch nicht wirklich erwartet – Er kannte Rei ja, hätte er Wert auf große Eloquenz gelegt, wäre er mit einem anderen Mädchen hier. Es wäre ohnehin nicht fair, etwas zu verlangen, was er selbst nicht hatte. Nein, so, wie es jetzt war, war es genau richtig.
Das hier war mehr, als er je zu hoffen geglaubt hatte.
Date hin oder her, hätte man ihm noch vor sechs Wochen erzählt, dass es innerhalb dieses Zeitraums mit einem Mädchen an einem Tisch sitzen würde, er hätte dem Betreffenden akutes Gagasein diagnostiziert.
Es war richtig niedlich, Rei dabei zuzusehen, wie sie in ein Sandwich hineinbiss – Sie hatte eine eigentümliche Art, es festzuhalten.
Über seine Beobachtungen hinweg vergaß er beinahe ein paar Male, dass er ja noch selbst einen Teller zu leeren hatte – Das eine Mal, dass sie deshalb bei ihm nachfragte, war der einzige Satz, der den systematischen Verzehr ihrer Speisen unterbrach, ansonsten blieb sie still, und auch Shinji fiel nicht ein, was er hätte sagen können, bis sie schließlich fertig war und ihre Tasse auf ihren Teller stellte – wenn sie nun aufstand um das Tablett wegzubringen, würde das das Ende des potentiell existenten Dates bedeuten, und das kam ihm nicht wirklich wie ein passender Abschluss vor… Andererseits, was war an der ganzen Angelegenheit schon „passend" gewesen? Sie saßen in einer Cafeteria, und er hatte noch nicht einmal ein Geschenk mitgebracht… oder halt, vielleicht hatte er das – Die Tüte mit den Büchern lag immer noch über der Kiste mit Reis Besitz. Eigentlich waren sie ja für Mayumi gedacht gewesen, aber er bezweifelte, dass er jemals dazu kommen würde, sie ihr zu geben.
Einem Mädchen ein Geschenk zu geben, dass für ein anderes bestimmt gewesen war, war sicherlich einer dieser kardinalen Fehler, derer Asuka ihn bisweilen anklagte wenn sie sich darüber ausließ, wie weit er doch davon entfernt sei, ein richtiger Gentleman zu sein, doch Rei wusste ja nichts vom ursprünglichen Verwendungszweck der Printmedien – Okay, dass ließ ihn jetzt klingen wie einen hinterlistigen Bastard. Aber… es war besser, als die Bücher in einer Evke seines Zimmers verstauben zu lassen, oder (zum wiederholtem Male) gar kein Geschenk zu haben, oder? Nur für den Fall, dass das hier doch irgendwie ein Date war.
Also los.
„Uhm… Ayanami?"
„Ja?"
„Ich… ich habe da etwas für dich, was… ich dir gerne geben würde…"
„Wieso?"
Die Rückfrage hatte er jetzt nicht erwartet, schließlich hatte man geschenkten Gäulen für gewöhnlich nichts ins Maul zu blicken, aber sie traf dennoch haarscharf in seine bereits vorhandenen Unsicherheiten bezüglich der „Umleitung" des Geschenks.
„Uh ich… ich habe oft gesehen, wie du, na ja, Bücher liest, und deshalb dachte ich das… das es dir gefallen würde wenn… du halt noch mehr Bücher zum lesen hättest…"
Okay, das klang jetzt ziemlich holprig, selbst für seine Verhältnisse.
Es erschien ihm als die sinnvollste Möglichkeit für seine nächste Handlung, zu hoffen, dass der Umschlag mit den Büchern für sich selbst sprechen würde, und somit das schaffen würde, wozu er selbst nicht in der Lage gewesen war.
Rei riss das braune Papier noch in dem Moment auf, in dem es bei ihren blassen Händen ankam, und zum Vorschein kamen ein Fantasywälzer und ein etwas schlankerer Liebesroman – Er hatte bei der Auswahl der Bücher nach etwas gesucht, das Mayumi gefallen würde, und nun, wo er sie das erste Mal seit ihrem Erwerb im Laden wiedersah, hatte er so seine Zweifel daran, dass sie auch das richtige für Rei waren – wären sie von anfang an für sie bestimmt gewesen, hätte er wohl etwas anderes ausgesucht.
„Ich… ich habe den Besitzer des Ladens gefragt was… was bei den Mädchen gerade beliebt ist…" erklärte er, sich ebenso vor sich selbst rechtfertigend wie vor Rei, obwohl er nicht hätte sagen können, ob letzteres nötig war – er wurde aus ihrem Gesichtsausdruck einfach nicht schlau; Am ehesten glaubte er, eine tiefe Nachdenklichkeit zu erkennen.
„Tut mir leid, wenn es dir nicht gefällt… vielleicht hätte ich eher etwas uh, anderes holen sollen, vielleicht ein Sachbuch oder so, du… liest ja immer diesen ganzen wissenschaftlichen Kram…"
Sie drehte eines der Bücher um, um den Text auf dem Buchrücken zu inspizieren, zeigte aber sonst keine Anzeichen dafür, ob sie sich nun freute oder nicht.
„Weißt du… vielleicht… vielleicht wäre das ja eine Idee."
„Wofür?"
„Na, du hast doch vorgestern gesagt, dass… das du noch nicht weißt, was du später einmal werden willst. Vielleicht… vielleicht könntest du ja Wissenschaftlerin werden, du… scheinst dich ja dafür zu interessieren, und du bist auch nicht gerade schlecht in der Schule… Vater würde es sicher auch toll finden, wenn du ihm nacheifern würdest…-"
Hatte er diesen Satz mit einem freundlichen, ermutigendem Lächeln begonnen, so stand er an dessen Ende plötzlich sichtbar geknickt da, als sei ihm mit einem Mal der Lutscher vor der Nase weggezogen wurden.
Die drastische Änderung in Haltung und Gesichtsausdruck blieb selbst von Rei nicht unbemerkt, auch, wenn sie nicht wirklich wusste, was sie deswegen tun sollte.
„Was ist?"
„Ach nichts ich… ich habe mich nur gefragt, ob mein Vater sich wohl mehr für mich interessieren würde, wenn ich auch Ahnung von solchem Zeug hätte…" Er lächelte wieder, dieses Mal voller Selbstironie, eine bizarre Mischung von Anzeichen, die eigentlich der Freude zugeordnet waren, und solchen, die von tiefer Verzweiflung zeugte, welche Rei sichtlich verwirrte und Prozesse in ihr hervorrief, mit denen sie wenig anfangen konnte.
„Ich… ich bekomme ja nicht mal das bisschen Biologie und Mathematik aus der Schule hin, es ist… kein Wunder, das Vater lieber mit dir zusammen ist… mit mir hat er ja eigentlich gar nichts gemeinsam, obwohl ich sein Sohn bin… Ich muss schon eine ziemliche Enttäuschung gewesen sein… Meine Eltern waren beide Wissenschaftler, und ich bin trotzdem so ein Trottel…"
Jetzt zeigte Rei eine leichte Reaktion, die das Third Child malwieder nicht einzuordnen vermochte. „Beide?"
„Ja, meine Mutter auch… Ich dachte, dass wüsstest du. Hat Vater dir nichts über sie erzählt?"
Keine Antwort.
„Das hätte ich mir fast denken können…" Jetzt begann ein Hauch von Zorn in der Stimme des EVA-Piloten mitzuschwingen – Natürlich. Sein Vater hatte ja alles, was an seine Mutter erinnert, weggeworfen, all ihre Sachen, all ihre Bilder, alle gemeinsamen Erinnerungen, und natürlich auch den gemeinsamen Sohn – Alles unterscheidungslos im hohen Bogen zum Fenster hinaus!
Als ob sie nie irgendetwas miteinander zu tun gehabt hätten.
Sein Vater hatte wohl nichts davon noch nützlich gefunden, nachdem seine Mutter nicht mehr da war, um es zu benutzen – Ein Bedürfnis, sich an sie zu erinnern, schien der gegenwärtige Leiter von NERV jedenfalls nicht gehabt zu haben… Er hätte doch wenigstens etwas für Shinji übrig lassen können, ein paar Fotoalben, irgendeine Sammlung, irgendwelche winzigen Trivialitäten die ihm einen Eindruck davon vermitteln können würden, was für eine Person diese Mutter, deren Gesicht er sich kaum noch vor Augen führen konnte, eigentlich gewesen war. Aber das der ältere Ikari sich nicht um die Wünsche und Hoffnungen seines Sohnes scherte, das war ja nichts Neues.
Er war vor sehr kurzer Zeit ja aufs deutlichste daran erinnert worden.
„Wie… war ihr Name?" wollte Rei wissen.
Na toll. Nicht einmal das hatte sein Vater erwähnt. Die Frage traf Shinji wie ein Messerstich, verdeutlichte ihm, wie sehr seine Mutter, und damit auch er selbst für seinen Vater Angelegenheiten zu sein schienen, welche dieser schon lange hinter sich gelassen hatten.
Da nichts davon Reis Schuld war, gab er ihr trotz der Wut, die sich in ihm aufbaute, die Antwort die sie verdiente: „Es war Yui. Ikari Yui."
Was das blauhaarige Mädchen als nächstes tat, sollte Shinji zutiefst überraschen – Er hatte einiges erwartet, am ehesten Stille oder irgendein Kommentar, der seinen Vater verteidigen sollte. Nicht zu den in Betracht gezogenen Möglichkeiten gehörte, dass sie nach ihrer Kiste griff und einen weiteren Gegenstand hervorholte, der ihm zuvor vermutlich nicht aufgefallen war, weil er unter den Kleidern verborgen gewesen war: Ein weiteres Buch, eines ihrer üblichen wissenschaftlichen Lektüren, dieses Mal eines über metaphysische Biologie, was auch immer das sein sollte.
Das Third Child bekam jedoch schnell eine ungefähre Ahnung von den Gründen für diese Handlung, als er den Namen der Autorin erspähte, auch, wenn er es nicht wagte, die offensichtliche Frage zu stellen, bevor Rei es tat: „Besteht die Möglichkeit, dass das dieselbe Ikari Yui ist, die diesen Text verfasst hat?"
Shinji konnte diese Frage nicht beantworten, und er schämte sich dafür, dass er es nicht konnte.
„Kann ich mal sehen?"
Rei überließ ihm das Buch.
Er schlug es auf, einfach mitten drin, auf einer zufälligen Seite, ohne zuvor das Inhaltsverzeichnis zu konsultieren; Er wollte nur einen groben Eindruck davon, worum es darin ging. Was er antraf war dicht gepackter, kleingedruckter Text, ein Fachausdruck nach dem nächsten; In einem normalen Text hätte man vielleicht aus dem Kontext ableiten können was ein- oder zwei dieser Worte bedeuteten, aber alles, was an Kontext da war, war selbst ein Wald aus fachlichen Termini, die Verben, die Adjektive, die Nomen, Subjekte, Objekte und Prädikate. Das einzige, was er in diesem Text in irgendeiner Form erkannte waren die Artikel, Präpositionen, und natürlich „Hauptbahnhof."
Was er da vor sich hatte war zweifellos anspruchsvolle Fortgeschrittenenliteratur, und die Positionierung eines roten Selbstklebezettels zeigte an, dass Rei schon ein gutes Drittel davon bewältigt zu haben schien – Er würde das wohl in seinem ganzen Leben nicht fertigbringen, selbst dann nicht, wenn er mit der Schule fertig werden sollte, was bei dem gefährlichen Leben, dass er zurzeit führte, alles andere als eine Selbstverständlichkeit war.
Es war so lächerlich Ironisch – Sein Leben lang hatte er sich gewünscht, irgendetwas zu fassen zu bekommen, das mit seiner Mutter zu tun hatte, und jetzt, wo er ein zwei9fellos wichtiges Stück ihres Lebens direkt in seinen eigenen Händen hielt, das ihm wesentlich mehr über sie verraten konnte als zum Beispiel ein einfaches Bild, konnte er nichts damit anfangen.
„Ich verstehe es nicht… Ich verstehe gar nichts davon… Ich weiß es auch nicht… das hier könnte genauso gut das einzige sein, das meine Mutter in dieser Welt zurückgelassen hat, und ich verstehe es nicht…"
Resigniert klappte Shinji das Buch zu und gab es an Rei zurück.
Er fühlte sich zutiefst frustriert, als wenn er jemanden komplett enttäuscht hätte.
Vermutlich hatte er das auch, nicht nur seinen Vater, sondern auch seine Mutter.
„Das stimmt nicht."
„Eh…?"
„Du selbst bist doch auch etwas, dass sie in dieser Welt zurückgelassen hat, oder etwa nicht?"
„Es ist… sehr nett von dir, dass zu sagen, Rei…"
Sie konnte nicht sehen, warum. Sie hatte ihn einfach nur auf einen simplen Fakt aufmerksam gemacht.
Aber es war sicherlich als positiv einzustufen dass er nach ihrem Einwand etwas weniger verzweifelt wirkte. Es war ihr unangenehm, ihn so zu sehen… es erfüllte sie mit einer Art Drang, den sie nicht verstand. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, war das schon lange so gewesen. Vielleicht war es ja der Wunsch, zu machen, dass das aufhört, dass er nicht mehr unglücklich sein sollte.
Sie wollte ihn sicherlich nicht unglücklich erleben – und das machte nur Sinn, zumal er ihr bei ihrer ersten Begegnung zur Hilfe geeilt war und seit dem oft etwas gezeigt hatte, dass sie mittlerweile als Sorge zu erkennen vermochte.
Es hatte sie von Anfang an verwirrt, dass er sich all diese Sorgen machte, wenn sie einfach nur ihre Aufgabe erfüllte, aber im Nachhinein fügte sich alles zusammen… Er schien… auch nicht zu wollen, dass sie unglücklich war, und viel darüber nachzudenken.
Wenn das der Parameter war, nachdem er urteilte, würde sie die scheinbare Sinnfreiheit seiner stetigen Sorgen noch einmal evaluieren müssen…
War sie denn unglücklich, so, insgesamt betrachtet?
Sie hatte nie wirklich darüber nachgedacht oder dieser Frage auch nur besondere Bedeutung zugemessen. Bis jetzt erschien es kaum besondere Wichtigkeit an sich zu tragen – Es hatte wenig mit ihrer Aufgabe als Evapilotin oder den Plänen des Commanders zu tun…
Und in die andere Richtung hin betrachtet, war sie Glücklich?
Wohl eher nicht, das hätte sie sicherlich gemerkt.
Sie war sicherlich glücklich gewesen, als das Third Child auf dem Futagoyama ihre Hand genommen hatte… Und als der Commander sie gerettet hatte.
Wenn sie mit einem von ihnen zusammen war, war sie sicherlich weniger unglücklich als sonst.
Wenn sie nun auch einen Weg finden könnte, damit Shinji weniger unglücklich war…
Ah. Nach kurzem Nachdenken hatte sie einen Einfall.
„…Der Commander sagt, sein Befinden sei nicht anders als sonst auch."
„…Was?"
„Da du dich oft danach erkundigst, habe ich ihn gefragt, und das war seine Antwort."
Sie hatte ihm doch hoffentlich nicht gesagt, dass er nach ihm gefragt hatte, oder?
Und… hatte es Rückfragen gegeben? Über ihn, über sein Leben, sein eigenes Befinden…?
Er könnte sie natürlich fragen, aber wollte er eine Antwort, von der er praktisch sicher wusste, dass sie „nein" lauten wollte, überhaupt hören?
Rei war nicht der Typ, der ihm so etwas schönreden würde, wenn sie antworten würde, dann mit der Brutalität der ganzen Wahrheit.
„Ich schätze das… ist gut…"
Er fühlte sich versucht, zu fragen, worüber sie mit seinem Vater noch so geredet hatte, aber das ging ihn nun wirklich nichts an, also sah er zu, dass er das Gesprächsthema wechselte.
„Jedenfalls, wenn dir die Bücher nicht gefallen, kann ich dir auch die Quittung geben, falls du sie umtauschen willst… es gibt da einen kleinen Buchladen in der Nähe der Schule, gleich bei der großen Straße mit dieser Überführung… Ich weiß nicht, ob du den kennst, aber wenn nicht dann… wäre das halt vielleicht ein netter Ort wo du dich, uh, nach der Schule auch mal nach interessanten Büchern umschauen kannst… Vielleicht kannst du meinem Vater ja demnächst ein Buch ausleihen statt immer nur umgekehrt… Und, ich glaube nur ein paar Läden weiter gibt es auch einen DVD-Verleih, wenn du mal etwas, uh, moderneres probieren willst…"

Auf dem Weg zurück zu Reis Apartment lagen die Bücher, die Shinji erworben hatte, in der Kiste statt darauf, wobei sie ihre Funktion, den restlichen Inhalt der Kiste zu verbergen, dennoch zufriedenstellend erfüllten. Es kam nicht zu weiteren Gesprächen; Versunken in Grübeleien über seinen Vater wusste Shinji die Stille zu schätzen; Auf den Sturm aus gutgemeinten Fragen den er zum Beispiel von Misato zu „befürchten" hätte, wenn sie statt Rei an seiner Seite wäre, konnte er zurzeit verzichten… ihm war nicht wirklich nach Unterhaltung und Aufmunterungsversuche hätten alles vermutlich noch schlimmer gemacht, aber er war doch froh, dass er nicht alleine war, dass jemand hier war, der einfach nur still an seiner Seite bleiben würde.
Je näher sie ihrer verlassenen Plattenbausiedlung kamen, desto weniger seiner Gedanken kreisten um die tristen Umstände seines Lebens, während er proportional dazu mehr Zeit damit verbrachte, Rei zu betrachten, pausenlos, unentwegt, einfach an den kleinen Details ihres Bewegungsablaufs hängend, oder irgendwelchen klitzekleinen, aus der Reihe tanzenden Haarsträhnen.
Er wäre beinahe bereit gewesen, etwas zu sagen, als ihm klar wurde, dass er bereit sein musste – Eines war zum anderen gekommen und sie waren bereits dabei, die Treppe zu besteigen, an deren Ende die Tür lag, die das First Child zumindest bis morgen in der Schule vor seinen Blicken verbergen sollte.
Ehe er sich versah, stand er schon an ihrer Türschwelle und war im Begriff, ihr die Kiste zurück zu geben.
Wenn er etwas sagen wollte, dann jetzt.
Noch vor wenigen Wochen wäre er jetzt einfach gegangen, und hätte sich über all die zahllosen Möglichkeiten, die er verpasst haben könnte, nach allen Regeln der Kunst den Kopf zerbrochen, aber er wusste, dass er tagelang keine Ruhe finden würde, wenn er jetzt schwieg…
Er war auf das schlimmste gefasst, aber wie viel schlimmer, als es gegenwärtig war, konnte es schon werden.
„Uhm ich schätze das, uh, das es jetzt Zeit wird, dass wir uns verabschieden…"
Er schien ihre Aufmerksamkeit zu haben, auch wenn man bei ihr nicht ganz sicher gehen konnte…
„Aber vorher würde ich dich gerne noch etwas fragen…"
Sie schien auf die Frage zu warten.
„Uhm, also, nicht dass… dass ich mich nicht darüber gefreut hätte, aber warum genau wolltest du eigentlich mit mir was essen gehen?"
Na toll. Hundert Minuspunkte für den Kandidaten. Was war das denn eben für eine Frage gewesen? Das, wonach er sich gerade erkundigt hatte, war sicher wieder eines dieser Dinge, die offensichtlich sein sollten, ihm aber immer wieder entglitten…
Er konnte sich gar nicht ausmalen, was sie sich jetzt wohl von ihm denken musste – Sie machte ihm eine kleine Freude, und er meckerte da noch rum. Vielleicht sollte das ganze ja doch ein Date sein, und er hatte ihr gerade offen gelegt, dass er das nicht im Geringsten verstanden hatte.
Doch jetzt, wo er dabei versagt hatte, blieb ihm nichts weiter übrig, als auf ihre Antwort zu warten. Wenn sie vorhatte, eine zu geben, dann brauchte sie jedenfalls ein wenig Zeit, um sie sich zu überlegen.
„Ich hatte den Eindruck, dass du unzufrieden damit warst, dass ich bei unserem letzten gemeinsamen Besuch in der Cafeteria nicht an der Mahlzeit teilgenommen hatte."
Dan… hatte sie es getan, weil sie dachte, dass er es will, nicht, weil sie selbst es wollte?
„An diesem Tag war es nicht möglich. Dr. Akagi wollte mich später an diesem Tag untersuchen, und sie hatte explizit verlangt, dass meine letzte Mahlzeit zu diesem Zeitpunkt mindestens drei Stunden zurück liegen sollte… Aber heute war es in Ordnung."
Sie war also… kurz danach bei Dr. Akagi gewesen?
Unwillkürlich musste Shinji an den Berg aus Pillen denken, den sie in der Cafeteria geschluckt hatte – wofür die wohl alle gewesen waren? Sie fehlte ja auch ganz schon häufig in der Schule… Was es wohl war, das mit ihr nicht in Ordnung war?
Nachzufragen käme ihm unhöflich vor, es ging ihm ja auch nichts an… Trotzdem fragte er sich, warum man Rei zu alledem noch zwang, in EVA 00 zu steigen und Kämpfe zu führen, die ihren empfindlichen Körper noch weiter zerstören würden… war die Fähigkeit, diese monströsen Kampfmaschinen zu steuern, so selten, das man alle möglichen Testkandidaten verwenden musste, selbst, wenn sie in solch einem Zustand waren?
Das hier war wirklich ein Krieg…
Wenig hätte er von dem finsteren Geheimnis ahnen können, das seine Fragen hätte beantworten können… Ihm fehlte wohl der Antrieb, der nötig gewesen wäre, um allen Anzeichen nachzugehen und die Antworten zu suchen. Aber vielleicht war er ja gerade deshalb dazu in der Lage, dort ein schützenswertes Mädchen zu erkennen, wo die meisten anderen immer nur ein Werkzeug gesehen hatten.
„Also dann, ich… ich wird dann mal gehen, bevor sich Misato-san noch fragt, wo ich so lange bleibe…."
„Keine Sorge, du hast keine Sanktionen zu befürchten. Der Commander selbst hat gesagt, dass es in Ordnung ist, wenn wir uns treffen."
„W-Was…?"
Dass er bei NERV ihr Boss war, hieß nicht, dass sein Vater über jede Kleinigkeit von Misatos privaten informiert war, aber das war nicht der Punkt.
(Auch, wenn ihm viel, viel Später der Gedanke kommen würde, dass sie die Einflusssphäre des Commanders hier deshalb so überschätzt hatte, weil sie zu diesem Zeitpunkt dachte, der Grad an Kontrolle, den er über sie selbst hatte, sei das normalste von der Welt… Sie hatte noch wenig anderes gekannt.)
„Er hat davon erfahren, dass du mich vor dem Aktivierungstest mit EVA 00 aufgesucht hast, sich nach unseren gemeinsamen Interaktionen erkundigt, und dass dann gesagt."
„Und d-du hast ihm alles erzählt!"
„Seine Nachfragen waren nicht detailiert."
Das Third Child atmete erleichtert aus.
„Aber er hat wirklich… danach gefragt, also, auch nach mir? Und er… hatte nichts dagegen?"
„Ja."

„You looove the way I look at you/
While taking pleasure in the awful things you put me through/
you take away /
when I give in /
MY LIFE, MY PRIDE is BROOOOOKEN"
Die Kopfhörer etwas lauter gestellt habend, als es ein gut informierter Ohrenarzt wohl gutgeheißen hätte, starrte das Third Child von seinem Bett aus auf den üblichen Fleck und erlaubte dem schnellen Klang der Gitarren, seine Gedanken aus seinem Kopf zu waschen, und die vielen Fragen und Zweifel, die an jeden davon gebunden waren.
Sein Vater… hatte nach ihm gefragt, genauso, wie er Rei immer nach ihm fragte…
Nein. Falsch. Er hatte danach gefragt, mit wem sich Rei herumtrieb, weil er sich für Rei interessierte. Wäre jemand anders gekommen, um Rei zu sehen, dann hätte er nach dieser anderen Person gefragt…
Andererseits… hatte der Leiter von NERV ihn scheinbar als präsentablen Umgang für seine geschätzte Pflegetochter eingestuft, und es hieß ja immer, dass Männer angeblich so wählerisch beim Umgang ihrer Kinder sein sollten… Hieß das etwa, dass sein Vater eine gute Meinung von ihm hatte…? Konnte es sein…?
Andererseits… hatte er nie irgendwelches Interesse bezüglich seines eigenen Freundeskreises gezeigt – Es würde ihn sehr wundern, wenn er überhaupt wusste, das Touji, Kensuke und Nagato existieren, und auch Asuka war für ihn vermutlich nur „Die Pilotin von Einheit 02"…
Halt, war das überhaupt richtig so, das Second Child zu seinem Freundeskreis dazuzuzählen?
Er würde es sicher gerne tun, aber ob sie das genau so sehen würde…?
Oder war es nicht eher so, dass sie ihn nur „tolerierte", weil sie eben zusammenleben und arbeiten mussten…? Vor einer Weile hätte er diese Frage schnell beantworten können, doch jetzt war er sich nicht mehr sicher…
Das hätte ein Grund zur Freude sein sollen, aber in der Praxis machte es alles nur noch Komplizierter.
Als er sich ziemlich sicher war, dass sie ihn einfach nur hasste, hatte er zumindest eine ungefähre Ahnung davon, was er tun und erwarten sollte…

Was das Third Child nicht wusste war, das seine blauhaarige Kollegin zu dieser Zeit etwa der gleichen Beschäftigung nachging, wie er auch.
Auch sie lag in Gedanken versunken in ihrem Bett, auch wenn sie nicht die Decke anstarrte, sondern die fahle Mondscheibe, die sich durch den Spalt in ihrem Vorhang gut erkennen ließ, zumal sie das einzige Licht war, welches ihr düsteres, farbloses Apartment jemals erhellt hatte.
Von ihrem Bett aus konnte sie gut ihre Bücher und die Brille des Commanders erkennen, welche sie absichtlich so hingestellt hatte, dass sie im Gunstbereich des Lichtes liegen würde.
Dieses Buch war also von der Frau des Commanders geschrieben worden…
Sie konnte sich denken, dass er einmal eine Frau gehabt haben musste, da es für gewöhnlich zwei Menschen brauchte, um einen Sohn zu produzieren, aber selbst über den Sohn hatte sie nichts gewusst, bis er hier bei NERV aufgetaucht war.
Der Commander hatte ihr nie etwas davon erzählt… aber sie verstand nicht ganz, wieso sie das bedrückend fand, begriff nicht, dass sie fürchtete, nur ein kleines, unbedeutender Teil seiner Arbeit zu sein… es machte eigentlich Sinn, dass er ihr nichts davon erzählen sollte, warum auch? Sie hatte ihn nie danach gefragt, und es war für ihre Aufgabe auch nicht relevant…
Wieso sollte es sie dann also stören…?
Sie hatte es nie zuvor bemerkt, dass sie so etwas störte…
Und diese andere Frage, die sie sich nie vorher gestellt hatte, war sie eigentlich glückich?
Jetzt, wo sie alleine war, konnte sie es nicht so richtig sagen.
Die meiste Zeit über… fühlte sie eigentlich nicht besonders viel und selbst wenn hatte sie es immer vorbeiziehen lassen, da es nie wichtig gewesen war.
Es machte keinen Unterschied… Solange sie ihre Aufgabe erfüllte und weiterhin „funktionierte", machte nichts einen Unterschied, nicht einmal, ob sie da war, oder nicht…
Wenn sie starb, konnte man sie ersetzen.
Falls sie denn überhaupt je wirklich lebendig gewesen war…
War sie nicht eher ein Objekt, das nur eine Zeitlang so tat, als sei sie lebendig, bis der Plan in die nächste Stufe überging, und es war nicht einmal eine besonders gute Illusion…
Es brauchte Dr. Akagis ganzes Wissen und Können, um die Fassade aufrecht zu erhalten, und selbst dann sah sie nicht aus wie alle anderen und verstand sie auch nicht besonders gut.
Das, was jene, die wirklich lebten, als wichtige Komponentes des Lebens bezeichnen würden, zog meistens einfach nur an ihr vorbei, und je näher der Tag der Prophezeihung kam, umso mehr spürte sie, wie sie dabei war, zu verschwinden…
Und dann kam es über sie, in Wasserfällen und Tsunamis, Verzweiflung, Schmerz und Einsamkeit, vermischt mit einer unmenschlichen Sehnsucht nach dem Nichts, die selbst ihr Angst machen, fremdartigen Gedanken, do grundverschieden von allem, was sie kannte, dass kein menschliches Wesen sie hätte nachvollziehen können, eine überirdische Melodie, die sachte zu ihrer Quelle locken zu wollen schien, ohne dass sie hätte sagen können, wo diese war, die ihren Namen rief und ihr weismachen wollte, dass sie eigentlich ganz wo anders hingehörte… Sie wollte sich an ihrem selbst und ihrem Leben festkrallen, aber alles, was sie hatte, waren vage lügen und blutbespritze Bettlaken, ein verblasster, farbloser Traum von jemandem, den sie nicht kannte, der eines fernen Tages kommen würde, um ihre Seele zurückzufordern.
Sie konnte es nicht erkennen oder erklären, also konnte sie auch nichts dagegen tun.
Sie konnte nicht darüber sprechen oder deswegen weinen, alles, was ihr übrig blieb, war dazuliegen und die Wirkung der schmerzlichen Gefühle mit entfernter Neugier zu betrachten.
Bis jetzt hatte sie es ertragen, in dem sie sich an ihren Verbindungen festgekrallt hatte, an ihrer Aufgabe, an Commander Ikari. Das alles, das alles war real – Eva 00, das düstere Labor in den Tiefen des NERV-Hauptquartiers, Wasser und Mondschein… das war es, was sie zudem gemacht hatte, was sie war, was all ihre Handlungen definierte, nicht irgendein ferner Eindruck einer fernen Stimme.
Das konnte doch nicht alles eine Lüge sein…
Nein, die Zeit, die sie heute mit dem Third Child geteilt hatte, konnte unmöglich eine Lüge sein. Alle ihre gemeinsamen Erinnerungen fühlten sich so real an, warm, aus dem diffusen Nebel ihrer bisherigen Existenz hervorbrechend. Diese Momente gehörte nur ihr, Rei Ayanami, und niemandem sonst, keinem der Bausteine, aus denen ihre unnatürliche Existenz zusammengesetzt worden war. Es war so selten, dass sie etwas miteinander zu tun hatte, er schien so weit, weit weg von ihr zu existieren...
Sie brauchte einen Beweis, eine konkrete Sache, die sie in ihren Händen halten und betasten konnte, um sich zu versichert, dass das alles existiert hatte…
Für gewöhnlich war es die Brille des Commanders, welche diese oder eine ähnliche Funktion erfüllte – Heute aber strebten ihre geisterhaften Hände nach etwas anderem – Es war eines der Bücher, die das Third Child ihr dagelassen hatte, das dünnere von Beiden.
Die meisten Menschen hätte die Buchstaben in dieser Finsternis kaum erkannt, aber Rei war ausreichend an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie den Text gerade ausreichend lesen konnte – Was hieß, dass sie auch keinen Grund sah, das Licht anzumachen, da es ohnehin zweifelhaft war, ob dieses noch funktionierte.
Auch Bequelichkeit war kein Konzept, mit dem sie vertraut war, sodass sie neben der kommode stehen blieb und in dieser Position mit dem Lesen begann, obwohl sie eigentlich einen Stuhl besaß, den sie sich ans Fenster hätte schieben können.
Seltsam.
Die Symptome, welche die Erzählerin des Buches beim Anblick eines männlichen Mitschülers beschrieb, schienen den eigenartigen Empfindungen zu ähneln, die sie selbst in Shinji's Gegenwart hatte. Bis her hatte sie diesen wenig Bedeutung zugemessen, weil sie ihre Arbeit nicht nennenswert beeinträchtigt hatten – Es gab immer irgendetwas in ihrem Körper, dass nicht ganz funktionierte, wie es sollte, und wenn die Fehlfunktionen ein größeres Problem wären, würde sich Dr. Akagi bei ihrer nächsten Wartungssitzung darum kümmern.
Umso mehr wunderte es Rei, dass die Protagonistin des Buches diesen Anzeichen sehr große Priorität zuzuweisen schien, und sie als Anzeichen dafür sah, dass sie und deren Auslöser füreinander bestimmt waren. War sie selbst für Ikari-kun bestimmt?
Nein, das konnte es nicht sein, sie wusste selbst, wofür sie bestimmt war (Das Auslösen des Third Impact), und das hatte mit Ikari-kun recht wenig zu tun. Dennoch, wenn es eine Möglichkeit gab, dass dieser Symptomkomplex ernsthafte Konsequenzen ankündigen könnte, konnte es nicht schaden, Informationen darüber zu haben.
Um ein Problem, wenn denn eines bestand, erkennen und lösen zu können, brauchte man wissen über seine Natur. Entschlossen dieses zu erwerben, und auch ein stückweit von ehrlicher Neugier motiviert, blätterte Rei auf die Nächte Seite…

Die Schleier der Nacht führten das Third Child wieder in diesen vertrauten und doch fremden, dunklen Musiksaal zurück, wo sich ähnlich wie letztes Mal ein neues Mitglied zu der Versammlung gewährleistete.
Dieses Mal war es Rei, die mit einer Bratsche im Gepäck den Raum betrat und an ihm und Asuka vorbei zu einem dritten, wie aus dem nichts erschienenen Klappstuhl hinüberschritt.
Wie in der Realität auch konnte er nicht anders, als sie unentwegt tief fasziniert zu betrachten, auch, wenn es nur aus der Ferne war; Er hatte sie natürlich bei ihrem Auftauchen gegrüßt, aber eine Antwort darauf hatte er gar nicht erst erwartet – Asuka hingegen fand deren Ausbleiben entweder äußerst belustigt, oder fühlte sich einfach nur genötigt, ihre allgemeine Unzufriedenheit mit der Tatsache, dass Rei existierte, mit einem hohen Kichern zum Ausdruck zu bringen.
Wenn es Rei etwas ausmachte, ausgelacht zu werden, dann ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken, als sie begann, ihrem Instrument seine wundersamen Klänge zu entlocken…

Dann war also alles vorbei, und das normale Leben ging weiter.
Zurück in die Schule – Ayanamis Platz war wieder besetzt, der von Asuka wie üblich von anderen Mädchen umschwärmt, und dort, wo Mayumi gesessen hatte, war wieder ein leerer Platz – Er war nicht mehr in der Lage gewesen, sich von ihr zu verabschieden…
Irgendwie hatte er ihr das geschuldet – Er wusste selbst, dass es nicht schön sein konnte, eine Stadt zu verlassen, ohne dass irgendjemand da war, um einen zu verabschieden, auch, wenn sie nur für kurze Zeit hier gelebt hatte…
Aber es ließ sich nun einmal nichts mehr daran machen – Er hatte heute Morgen noch bei Misato nachgefragt, aber seine Befürchtungen hatten sich bestätigt: Sie war bereits aus dem NERV-Krankenhaus entlassen worden, er wusste nicht, wo er sie sonst noch hätte treffen können – wer weiß, vielleicht hatte sie die Stadt ja bereits verlassen
Aber es konnte nun mal nicht alles perfekt sein – Alles in allem war die Bilanz doch relativ gut: Er hatte ihr mehrmals das Leben gerettet, ihr viele neue schöne Erfahrungen nahebracht und wichtige Dinge über das Leben erzählt, die ihm dabei selbst erst wirklich klar geworden waren.
Wo auch immer sie jetzt hingehen würde, es würde ihr dort besser gehen als jemand zuvor.
Also würde es nicht so sein, als ob das alles hier niemals geschehen wäre, auch, wenn sie sich niemals wiedersehen würde.
Seine Mühen waren nicht vergebens gewesen.
Kostengünstig war der Sieg nicht gewesen – ein großes Stück der Stadt lag noch in Trümmern, und auch, wenn Misato einen aktiven Versuch unternommen hatte, ihn von Zeitungen und Nachrichtensendungen fernzuhalten, sickerte es trotzdem zu ihm durch, das unzählige Leute ihre Arbeit und ihre Wohnung verloren hatten – Er konnte es auch so sehen, schon daran, dass das Klassenzimmer auch ohne Mayumis Abwesenheit ein gutes Drittel leerer geworden war…
Asuka hatte ihm auf dem Weg in der Schule damit in den Ohren gelegen, das Hikari gestern darüber deprimiert gewesen sei, das eine alte Sandkastenfreundin von ihr wegziehen musste – Das Second Child gab an, die Klassensprecherin gestern Nachmittag ausgiebig getröstet hatte, (Was ihn wohl davor rettete, darüber ausgefragt zu werden, wo er die ganze Zeit über gewesen war – Er war kein besonders guter Lügner, und Asuka hätte nicht lange gebraucht, um zu erraten, dass er Zeit mit Ayanami verbracht hatte, was sie garantiert als persönliche Beleidigung aufgefasst hätte) eine Beschäftigung, bei der er sich den abweisenden Rotschopf nicht vorstellen konnte… Andererseits hatte er in den letzten Tagen gesehen, dass sie in manchen Belangen durchaus ganz wie ein normales Mädchen sein konnte, und normale Mädchen sahen es oft als ihre heilige Pflicht, ihren besten Freundinnen zur Seite zu stehen… Wenn Asuka jemanden also als Freund akzeptiert hatte… konnte sie vielleicht auch richtig freundlich sein, nicht nur auf eine oberflächliche, den schönen Schein wahrende Art und Weise, sondern mit echtem Einfühlungsvermögen…
Das war… ermutigend.
Auch, wenn wohl noch viel Zeit vergehen würde, bis er zu diesem auserwähltem Kreis gehören dürfte…
So oder so, Leute hatten wegziehen müssen, und er, der Wächter dieser Stadt, fühlte sich natürlich mit der Frage konfrontiert, ob er das alles hätte verhindern können.
Aber wenigsten waren all diese Leute nur weggezogen und nicht tot.
Es hätte alles noch sehr, sehr viel schlimmer kommen können…
Alles in allem hatte er durchaus Grund zur Freude und sogar zu ein wenig Stolz.
Er hatte noch viel, viel Schlimmeres verhindert.
Dementsprechend zeigte er der Person, die sich seinem Sitzplatz mit zögerlichen Schritten näherte, ein gutgelauntes Lächeln, auch, wenn ihn deren Identität überraschte.
Er hatte schon an den Schrittgeräuschen, die ihn überhaupt erst auf seinen Besuch aufmerksam gemacht hatten, gemerkt, dass er keiner der „üblichen Verdächtigen" sein konnte – Die Personen, die seinen Platz am ehesten aufsuchen würden, genauer gesagt, Touji, Kensuke und Asuka, würden wesentlich direkter hierhin marschieren.
Nun hätte er aber eher mit Nagato oder sogar Ayanami gerechnet, als mit dem Mädchen, dass er dann tatsächlich vor sich sah, als er von seinem halb verzehrten Pausensnack aufschaute: Hikari die Klassensprecherin.
„Uh, hallo Horaki-san. Was führt dich her?"
„Ich… nun, ich wollte Yamagishi-san zum Bahnhof begleiten, weil ich nicht wollte, dass sie ganz allein dahingeht… und wollte dich fragen, ob du mitkommen willst. Du warst doch mit ihr befreundet, oder?"
„Ja, das… das stimmt."
„Gut dann… kannst du bitte mitkommen? Yamagishi-san würde sich sicher freuen, dich zu sehen und außerdem würde ich ungerne allein hingehen, weil… na ja, ich bin gestern erst mit Ryoko-chan dorthin gegangen…"
„Deine… Freundin die weggezogen ist, richtig? Shikinami hat mir davon erzählt."
„Ja… also… würdest du vielleicht gerne mitkommen?"
Das brauchte sie ihn nicht zweimal zu fragen.
Es war eine Gelegenheit, von der er nicht zu träumen gewagt hatte, eine letzte Chance, sich ordentlich von Mayumi zu verabschieden, wie sie es verdient hatte – jetzt, wo Hikari dabei sein würde, gab es keine große Chance mehr, dass etwas …passieren würde, aber das war sowieso nicht das wichtige.
Hauptsache, er war da.

„Ich finde es übrigens sehr nett von dir, dass du mit mir mitkommst, Ikari-kun."
„Ach, uh… gern geschehen. Auch, wenn es mich wundert, dass du nicht mit Shikinami hingegangen bist…"
„Das wäre keine gute Idee… Ich befürchte, dass Asuka ein bisschen eifersüchtig auf Yamagishi-san ist…"
„Eifersüchtig? Shikinami? Auf Yamagishi-san? Wegen was denn…?"
„Hast du es denn nicht gemerkt?
„Was denn gemerkt?"
„Versprich mir, dass du Asuka nichts von dem sagst, was ich dir jetzt sage."
„Okay."
„Ich glaube, sie mag dich."
„Wer? Yamagishi-san?"
„Sie vielleicht auch, aber eigentlich meinte ich Asuka."
„W-was…? H-Hat sie dir das gesagt…?"
„Natürlich nicht. Als ob ich so etwas Vertrauliches einfach ausplappern würde. Aber ich bin ihre beste Freundin. Ich merke sowas."
„Bist du dir sicher… das du da nicht etwas falsch verstanden hast…? Sei mir nicht böse, aber Shikinami kann mich gerade mal so ausstehen… Sie zieht mich dauernd auf und beklagt sich immer über alles, was ich tue... auch, wenn ich mir oft wünsche, dass es nicht so wäre.
Sie, Ayanami und ich sind die einzigen EVA-Piloten auf der ganzen, weiten Welt… Es ist wirklich schade, dass wir uns nicht alle verstehen können…"
„Hast du noch nie den Spruch „Was sich neckt, das liebt sich" gehört? Asuka mag es nicht zugeben wollen, weil sie eine sehr stolze Person ist, aber eigentlich bedeutest du ihr sehr viel…"
„M-Meinst du…?"
„Das meine ich nicht nur, ich bin mir sicher… und deshalb… ist es wichtig, dass du eine Entscheidung triffst und dazu stehst."
„Eine Entscheidung…?"
„Wenn du Asukas Gefühle erwiderst, musst du zu ihr stehen, wenn du das nicht tust, musst du ihr das klar sagen. Du darfst sie auf keinen Fall an der Nase herumführen, hörst du? Asuka ist meine beste Freundin… wenn du sie also unglücklich machst, bekommst du es mit mir zu tun, okay? Du musst wissen, Asuka ist sicher eine starke Person, aber sie hat auch ihre empfindlichen Seiten. Gerade ich als ihre Freundin weiß das sehr gut… Einmal, an einem Tag, an dem sie schlecht drauf war, hat sie mir erzählt, dass sie als kleines Kind miterlebt hat, wie ihr Vater ihre Mutter betrogen hat und dann seine Liebhaberin geheiratet hat, die dann Asukas Stiefmutter wurde."
„W-Was…? Wirklich…? Ich hatte gehört, dass sie eine Stiefmutter hatte, und zu ihr und ihrem Vater kein gutes Verhältnis hatte, aber… Ich dachte, dass ihr Vater einfach nur neu geheiratet hat, nachdem ihre richtige Mutter gestorben ist…"
„Nein, so war das nicht. Ihr Eltern haben sich scheiden lassen."
„Aber wenn das so ist… warum ist Shikinami dann nicht zu ihrer richtigen Mutter gezogen?"
„Ich weiß nicht." Gab Hikari zu. „Sie redet nicht viel über sie. Aber der Punkt ist, das Asuka den Komplex in ihrem Kopf hat, dass ihre Mutter nie die Liebe eines Mannes bekommen hat…
Weißt du, für ein Mädchen ist die eigene Mutter das erste Beispiel für Weiblichkeit, dass sie zu sehen bekommt, und das, woran sie ihr Konzept ihrer eigenen Weiblichkeit hernimmt. Und wenn man mitansehen muss, wie die eigene Mutter schlecht behandelt wird, bekommt man als Mädchen Angst, dass man selbst schlecht behandelt werden könnte, weil man ein Mädchen ist… man nimmt das sehr persönlich. Daher kommt es zum Beispiel auch, dass Frauen, deren Mütter geschlagen wurden, oft selbst an solche Typen geraten – Sie verbinden das mit Weiblichkeit… Manche versuchen auch, sich wie Amazonen zu benehmen und ihre eigene Weiblichkeit abzulehnen, weil sie denken, dass es das war, was ihrer Mutter Schmerzen bereitet hat, und haben dann Schwierigkeiten, einem Mann zu vertrauen…
Verstehst du, worauf ich hinaus will?
Was ich dir zu erklären versuche ist… Asuka hat schreckliche Angst, von einem Jungen hintergangen zu werden, wie sie es bei ihrer Mutter mitterlebt hat… Das wäre wirklich ihr aller schlimmster Albtraum. Also fang nur etwas mit ihr an, wenn du es auch wirklich ehrlich meinst."
„Ich… ich weiß, ich kenne Shikinami nicht so gut wie du, aber ich lebe schon seit Wochen mit ihr zusammen, und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass ausgerechnet sie solche Komplexe haben könnte…"
„Vielleicht… Aber die wichtige Frage hier ist: Was fühlst du für Asuka?"
„Ich… ich weiß nicht…"
„Habe ich dir nicht eben gesagt, dass du Klartext reden sollst…? Entweder du liebst sie wirklich, oder du tust es nicht."
„Ich… ich weiß es wirklich nicht… ich meine, ich glaube nicht, dass sie mich liebt… Sie nennt mich ja nicht einmal beim Namen… Und warum auch…? Ich meine, was hat so jemand wie ich so einem tollen Mädchen wie Asuka schon zu bieten? Wir haben auch gar nichts gemeinsam…"
„Das war nicht das, was ich gefragt habe."
„Ich weiß aber… ganz egal was ich nun von ihr denke ich… ich glaube nicht, dass das klappen kann… ich meine, Asuka liebt doch Kaji-san…"
„Sag ihr nicht, dass ich das gesagt habe aber…" Sie lächelte. „Nach dem, was sie mir über ihn erzählt hat, ist er doppelt so alt wie sie. Das wird nichts…"
„Ob das nun was wird oder nicht, es bleibt dass sie in jemand ganz anderen verliebt ist, als mich. In jemanden, der wohl das genau Gegenteil von mir ist…"
„Oh sicher, Asuka hätte gerne einen obercoolen Freund mit dem sie angeben kann, aber das ist nur eine Schwärmerei… Sie mag seine ganze Coolness und die Bartstoppeln, nicht ihn selbst. Ich denke, dass sie ihn eher als eine Art Vaterersatz sieht. Er ist schließlich ihre einzige erwachsene männliche Bezugsperson. "
„Vaterersatz…? So klang das gestern Morgen aber nicht…."
Hikari seufzte zwar, aber ihr Lächeln verschwand nicht.
„Na ja, denk über das, was wir heute beredet haben, einfach mal nach, okay? Trotzdem… Warum Asuka immer so viel über dich meckert, kann ich nicht ganz verstehen…"
„Uhm… was meinst du…?"
„Zuerst dachte ich, du seist wirklich der Idiot, als den sie dich immer beschreibt, aber jetzt merke ich, dass du ganz schon sensibel sein kannst, wenn man dich erst mal kennt… Wie kommt es, dass so jemand wie du sich mit solchen Einfaltspinseln wie Aida und Suzuhara herumtreibt?"
„Ich finde sie… eigentlich gar nicht einfältig…"
„Hm. Ich schätze, man muss sie nur richtig kennen lernen, hm? Ja ich… ich habe in letzter Zeit den Eindruck, dass du da gar nicht so unrecht haben könntest…"

„Ich finde es… richtig nett von euch, dass ihr mich hierher begleitet habt…"
„Paperlapap." Entgegnete Hikari. „Das gehört doch zu meinen Pflichten als Klassensprecherin. Außerdem wäre es doch furchtbar, wenn du hier ganz allein warten müsstest…"
Wie viele andere, die die Stadt vormals verlassen hatten, erwartete Mayumi ihren Zug am selben Bahnhof, der vor einer langen, langen Zeit einmal Shinjis Scheideweg gewesen war – Er konnte die Reste der düsteren Erinnerungen, welche von der Luft und dem Beton der Gebäude aufgezogen war, noch etwas spüren, sah diese jedoch nur als Ansporn, um diesen Ort mit besseren Erinnerungen zu füllen.
„Es… es ist schon fast Zeit…" begann Mayumi, etwas verlegen, aber zweifellos glücklich – Sie schien nicht ganz zu wissen, was sie sagen sollte, welche Worte es würdig waren, an eine Person gerichtet zu werden, die ihr Leben von Grund auf verändert hatte.
„Na dann… auf Wiedersehen. Pass gut auf dich auf." Bot Hikari an.
„Ja… ihr ebenfalls. Und entschuldigt bitte für all den Kummer, den ich euch bereitet habe…"
„Du hast dich… schon wieder entschuldigt." Merkte das Third Child an, lächelnd, weil am Ende alles gut gegangen war, aber doch etwas ergriffen davon, dass sich ihre Wege nun trennen würden.
„Vielleicht… werden wir uns ja irgendwann einmal wiedersehen…" begann Mayumi, während der Zug an ihr vorbei in das Gleis fuhr und ihr langes, glänzendes Haar durch den Fahrtwind in Bewegung versetzte.
„Aber ich will dass du weißt dass… dich zu sehen und kennen zu lernen mir für die Zukunft sehr viel Mut gemacht hast… und ich möchte gerne… dass du die Zeit mit mir genauso in Erinnerung behältst, Shinji-kun."
„Du hast… meinen Vornamen gesagt…"
„Oh, e-entschuldigung…!"
„…Schon wieder. Ist schon okay."
„W-Wir werden uns sicher wiedersehen!" setzte sie hastig hinzu, als sie merkte, dass sich die Zugtür soeben hinter ihr geöffnet hatte.
„Sicher werden wir das. Solange wir alle noch am Leben sind, ist das immer eine Möglichkeit, oder…?"
„Natürlich."
Und dann stieg sie ein und die Tür schloss sich vor ihren Füßen. Statt gleich nach einem Sitzplatz zu suchen, blieb sie zunächst hinter der Tür stehen, um ihnen beiden nun vorherigen Mitschülern durch das darin befindliche, kleine Fenster hindurch zuzuwinken, bis der Zug vollends an den beiden vorbeigerauscht war, und alle beteiligten mit einem aufrichtigen Lächeln zurückließ.
Ja… Solange sie alle noch am Leben waren, war so einiges noch möglich…

So kam es, das Yamagishi Mayumi kaum, das sie überhaupt hineingetreten war, wieder aus seinem Leben verschwunden war… Aber nicht, ohne, dass sie beide tiefe Spuren ineinander hinterlassen hatten, die sowohl sich selbst als auch einander vieles beigebracht hatten.
Er glaubte, dass er mit dieser Zukunft, die Misato beschrieben hatte, nun viel mehr anfangen konnte… Seine Probleme waren noch weit davon entfernt, alle gelöst zu sein, aber er begann zu ahnen, wo er suchen musste, um die „Puzzleteile" zu finden, die ihm für die Lösung noch fehlten.
Und da war noch etwas, das Mayumi ihm dagelassen hatte – Auch, wenn sich das Schulfest nie ereignet hatte, so blieben ihm doch die einst dafür bestimmten CDs, bespielt mit Mayumis Stimme und somit gewissermaßen einen kleinen Teil von ihr enthaltend.
Ein treffenderes Andenken für ihre gemeinsame Zeit hätte es wohl nicht geben können. Neben der CD hatte Kensuke das Ganze auch noch als MP-3 Datei auf seinem Rechner, aber das alles half wenig, wenn sein Haupt-Berieselungsgerät noch mit Kassetten lief.
Zum Glück war ihm schon vor einer ganzen Weile einen alten CD-Spieler zwischen Misatos vielfältigem Krimskrams aufgefallen, sodass er jetzt wusste, wo er diesen finden konnte.
Ursprünglich war die Musik als Hintergrundbegleitung gedacht, um ihm das Erledigen des heutigen Abwaschs zu versüßen, aber schon bald, nachdem er den Play-Knopf gedrückt hatte, war er schon viel mehr mit musikhören beschäftigt als mit Abwaschen.
Mayumi hatte wirklich eine tolle Stimme, und der Text war ebenfalls wunderschön… er fragte sich, ob sie wohl an ihn gedacht hatte, als sie das gesungen hatte.
Dieses Lied allein war, nach den Geschehnissen der letzten Tage in seiner Bedeutung gestärkt, an sich schon genug, um ihm die Tränchen in die Augen zu treiben, aber die Möglichkeit, dass er der Adressat sein könnte, tat auch ihr übliches.
So oder so, das Geschirr wartete, also wurde es Zeit, dass er sich mal die Seife griff und –
Knirsch. Die Tür wurde lautstark aufgerissen, zweifellos mit der Absicht, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – Das konnte schon einmal nichts Gutes heißen… nein, er wusste ziemlich genau, was das hieß, oder genauer, wen es ankündigte.
„Was ist denn das für eine Schnulzmusik?"
Sich zu ihr umzudrehen, und sei es nur, um etwas zu entgegnen, war ein tödlicher Fehler.
„Oooch." Asuka kicherte. „Was auch immer es ist, es scheint für dich ja schon zu hart zu sein. Hat dir eigentlich schon einmal jemand etwas gesagt, das Männer nicht zu heulen haben?"
Seine instinktiv erste Handlung wäre es gewesen, sich zu entschuldigen, doch da seine Aufmerksamkeit für ebendiese Art von Satz durch den kürzlichen Abschied von Mayumi etwas geschärft war, hielt er die Worte auf, bevor sie seinen Mund verließen, wohl wissend, welchen „Dank" er sich damit einhandeln würde.
Also machte er sich gar nicht erst die Mühe: „…Sag mir nicht, dass ich mich dafür jetzt entschuldigen soll!"
„Pah! Weichei!" giftete der Rotschopf zurück, den Raum ebenso schnell verlassend, wie sie ihn betreten hatte.
Da ließ sie sich mal dazu herab, ihm Gesellschaft zu leisten, und er nahm das gleich als Anlass, pappig zu werden. Er verstand aber auch gar nichts.
Für all ihre gnädigen Angebote, ihre großzügige Geduld, ihre lächerliche Offensichtlichkeit war er schlicht und ergreifend voll und ganz taub.
Sie sollte diese Zeitverschwendung auf zwei Beinen wirklich ein für alle Male aufgeben.
Ärgerlich grummelnd und irgendwo innendrin wohl auch ein Stückweit verletzt, auch, wenn sie etwas mehr Zeit gebraucht hätte, um letzteres wirklich zu merken, marschierte sie beinahe über den halben Flur – Und blieb dann stehen, fast schon schockiert über das, was sie soeben leichtfertig übersehen, nun aber umso verblüffter begriff.
Ungläubig ließ sie das, was sie gerade gehört hatte, noch einmal in ihrem Kopf Revue passieren: „…Sag mir nicht, dass ich mich dafür jetzt entschuldigen soll!"
Sie würde es natürlich nicht tun, schließlich war sie es, die ihn überhaupt dazu aufgefordert hatte. Ob er nun wirklich vorhatte, sich dauerhaft zu ändern, oder (was ihr wesentlich wahrscheinlicher erschien) einfach nur glaubte, sie so beeindrucken zu können, ihre Worte waren nicht ganz auf taube Ohren gestoßen…
Sie würde eine ganze Weile brauchen, um sich für das offen sichtbare, merklich echte Lächeln zu vergeben, das ihr Gesicht in diesem Augenblick strahlen ließ wie das von Moses, als dieser vom Glanze des Allmächtigen berührt vom Berg Sinai herab kam.
Das verrückte war, dass sie einen Moment lang direkt zurück in die Küche rennen wollte, doch ihr Stolz wollte ihr das nicht erlauben.
Er war doch selber schuld, wenn er seinen Sinneswandel nicht klarer ausdrücken konnte.
Und daran, dass er zweifellos ein Weichei war, hielt sie weiterhin fest.
Trotzdem, jetzt schimpfend in ihr Zimmer zu stampfen erschien ihr nicht mehr halb so attraktiv wie noch in der Sekunde zuvor.
Um ihre extreme Paranoia bezüglich aller Anzeichen von Schwäche zufrieden zu stellen, tat sie es trotzdem, riss die Tür ihres Zimmers auf, und knallte sie zu, ohne sie durchschritten zu haben, um dann auf Zehenspitzen zu der noch offenen Küchentür hinzutapsen, als sei der Flur ein Mienenfeld, und sich dann so lässig und desinteressiert wie möglich wirkend an den zugeschobenen Teil der Schiebetür lehnend, nur minimal in die Richtung schielend, aus der sie Musik, typische Küchengeräusche und gelegentliches Seufzen vernahm, sich nicht die Mühe machend, gegen ihr dünne Grinsen und das damit einhergehende Gefühl der Zufriedenheit anzukämpfen.
Die Augen zu schließen, um sich auf die Geräusche zu konzentrieren, die vom Objekt ihrer Begierde produziert wurden, wäre wohl schon zu viel des guten gewesen, aber sie konnte auch schon gut erahnen, was er machte.
„Na, was haben denn hier?"
Diese verflixte Misato – Langsam hegte Asuka den Verdacht, dass sie in einem Früheren Leben einmal so etwas wie ein Ninja gewesen sein musste.
Hätte sie sie nicht gezwungen, alles lautstark abzustreiten und sich am Ende doch in ihr Zimmer zu verziehen, um sich frustriert ihrem Gameboy zuzuwenden, wäre sie vielleicht dazu gekommen, diesen Trottel zu fragen, ob sie ihm irgendwie helfen konnte.

Der nächste Neuzugang in dem metaphysischen Musiksaal hatte einen Kontrabass dabei, und kündigte sich durch ein lautes „Hallihallo!" an, wobei sie die Türen weit aufriss und den Lichtkegel, der die im Halbdunkel liegenden Stühle erhellte, ein gutes Stück verbreiterte, wobei sie Shinji etwas blendete, sodass dieser die Augen zu schmalen Schlitzen verengen und sich die Arme vors Gesicht halten musste.
„Wer bist du denn?" verlangte Asuka ärgerlich zu wissen.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dich eingeladen zu haben! Kommt in diesem Stück denn überhaupt ein Kontrabass vor?"
„Ich weiß nicht…" antwortete der Neuzugang mit der roten Plastikbrille, sich nachdenklich am Kinn kratzend. „Wir werden wohl improvisieren müssen."

„Aber…" fragte Shinji, während er seiner Mitbewohnerin den fertig abgewaschenen Teller zum Abtrocknen und einräumen reichte.
Um ihre Würde zu wahren, hatte sie immerhin sichergestellt, dass er den Teil der Aufgabe übernahm, der die Möglichkeit enthielt, mit glibberigen Essensresten in Kontakt zu kommen. „Ich dachte, du hasst es, mit mir zusammen zu sein…"
„Versteh mich nicht falsch, es treibt mich wirklich zur Weißglut, wenn du dich wie ein Idiot aufführst, aber wenn du es nicht tust… macht es mir eigentlich nichts aus.
…Warum heulst du blödes Weichei denn jetzt schonwieder? Bist du so gerührt?"

„Hier. Das ist für sie, Commander."
Sie hielt ihm den braunen Umschlag mit ihren ausgestreckten, blassen Ärmchen hin, auf eine bizarre Art und Weise, die ihn unangenehm an einen zweijährigen Shinj erinnerte, wie er ihm stolz seine ersten, mit groben Wachsmalern gekritzelten Bilder präsentiert hatte.
„Was ist das…?"
„Wissenschaftliche Zeitschriften. Einige der neusten Publikationen auf den für das Projekt relevanten Fachgebieten. Ich hoffe, dass sie Ihnen nützlich sein werden."
„Das werden sie sicherlich. Aber ich hätte sie mir sowieso besorgt… wieso hast du das gemacht?"
Es war ungewöhnlich für sie, aus ihrer eigenen Initiative heraus zu handeln, was den Verdacht aufdrängte, dass die Idee gar nicht ihre eigene war.
„Ikari-kun hat es vorgeschlagen. Er meinte, dass es ihnen vielleicht gefallen würde. War das, was ich getan habe, nicht in Ordnung…?"
„Keinesfalls." Versicherte er, den Umschlag aus ihren Händen entnehmend und direkt aufreißend.
Es war nur, dass ihm der Anblick viel bekannter vorkam, als er es verkraften konnte.

„Hier, für dich, Rokubungi-kun!"
Sie hatte ihre Arme auf exakt dieselbe Art und Weise gehalten; Ihre waren vielleicht etwas weniger hell, und es war auch ein wenig mehr Fleisch auf ihnen, aber die Unterschiede waren äußerst geringfügig.
Ihr Haar war ein winziges bisschen länger und spaltete sich an ihrer Stirn auf, statt hineinzufallen, und die Farben waren anders, warmes Schokobraun und geheimnisvolles Grün, scheinend als ob sie zwei lebende Juwelen in ihren Augenhöhlen, schimmernde Smaragde, die ein Lächeln dekorierten, dass ihm wie der Frühling selbst erschien.
Er glaubte nicht, dass diese Welt jemals wieder solche strahlenden Farben zu bieten hatte wie unter diesem Sonnenschein, dessen Wärme sie mit ihm geteilt hatte.
Es war nicht mehr das kleinste Fünkchen Wärme übrig, seitdem sie nicht mehr hier war.
Sie war sehr jung gewesen, damals, eigentlich zu jung, um irgendetwas an einer Universität verloren zu haben, und natürlich viel, viel zu jung für ihn, aber er hatte es schon lange, lange zuvor aufgegeben, sich um solche Dinge zu kümmern.
Sie hatte etwas Verspieltes an sich, ihr ganz privates Vergnügen darüber, dass sie allein das Privileg hatte, ihn so zu sehen, ohne sein verschlagenes Grinsen, oder den finsteren, gefühlsarmen Ausdruck, der schon so manchem das Fürchten gelehrt hatte, sondern verlegen und unbeholfen, nicht wissend, wie er auf diese freundliche Geste reagieren sollte, weil er in seinem Leben nicht besonders viele davon empfangen durfte.
„Na, du hast du gesagt, dass du dir von seinem Stipendium kaum deine Miete leisten kannst, und ich würde den Gedanken nicht aushalten, wenn du hungern müsstest, um dir diese ganzen Bücher leisten zu können."
„Ich zahle das zurück. Mein nächster Zahltag ist in zwei Wochen."
Er begriff nicht, warum sie gekichert hatte, aber er wusste, dass er ihrem Blick damals einfach ausgewichen war, wohl wissend, dass er unwürdig war, in ihrem Dunstkreis zu schweben.
„Entschuldigung, wenn ich-"
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, und du brauchst das auch nicht zurückzuzahlen. Es würde mir völlig reichen, wenn du mal dass hier probieren würdest."
Ihr Lächeln, von ihren spielerisch an ihren Mundwinkeln ziehenden Zeigefingern begleitet, die wohl eine Art „Anleitung" darstellen sollten. Das und diese Bücher, das waren die allerersten Dinge, die irgendjemand für ihn und ihn allein besorgt hatte.

„Du solltest dich nicht mit mir herumtreiben… Alle sagen, dass ich schlechter Umgang bin und nur hinter dem Geld deiner Sponsoren her bin…"
Sein raubtierhaftes, selbstironisches Grinsen verzerrte sein hartes Gesicht.
„Wirklich, du solltest auf Fuyutsuki hören."
„Ich denke, dass ich erwachsen genug bin, um selbst zu entscheiden, mit wem ich meine Zeit verbringe."

Völlig überkommen ließ er fallen, was auch immer er in diesem Moment in seinen Händen gehalten hatte – Vermutlich war es sowieso unwichtig gewesen, er konnte sich nicht mal mehr daran erinnern, was es gewesen war, nur daran, dass Fuyutsuki sich am nächsten Tag darüber aufgeregt hatte, dass er es zerdeppert hatte.
Es war einfach nicht mehr wichtig gewesen, als er seine Arme um sie geschlungen hatte, voller Leidenschaft, mit äußerster Hingabe, den Tod wesentlich weniger fürchtend als die Möglichkeit, dass er irgendetwas falsch machen könnte.
Es hätte wohl anders herum sein sollen, gerade, wenn man seine nicht unbeeindruckende Statur betrachtete, aber am Ende war er es, der sich in ihre Umarmung fallen ließ, nachdem er die Herrschaft über seine rasch erweichten Knie verloren hatte.
So konnte er nicht anders, als vor ihr zu knien, und sein Gesicht in der Unterseite ihrer Brust zu vergraben, während sie ihm sanft über den Kopf streichelte.
Wie sollte er es ausdrücken, dieses Gefühl, dass so viel intensiver war, als alles, was er vorher gekannt hatte, dass ihn so vollkommen übernommen hatte, dass nicht mehr viel anderes von ihm übrig war, um sich davon abzuheben und ihm zu erlauben, es zu beschreiben.
„Ich liebe dich auch… Ich will dich so sehr, dass es mich zerreißt… Ich will dich, jedes kleinste bisschen von dir, selbst die widerlichsten Seiten von dir, selbst die tiefen deines Wahnsinns und deine wildesten Träume… Ich würde für dich töten, weißt du das…? Ich könnte es dir jetzt gleich beweisen, wenn du es willst… Ich meine es ernst, sei vorsichtig, was du mich fragst… ich kann nicht nein zu dir sagen, und es macht mich jetzt schon rasend, dass ich vor dir sterben muss…"
Der Griff seiner Hände festigte sich, er krallte sich regelrecht in den weißen Kittel krallend , der ihn von ihrer Haut trennte. Es war zu viel… Er wusste nur zu gut, dass er ein Sünder war, aber allein, das es ihm erlaubt war, hier zu sein, ihren Busen zu seiner Ruhestätte machen zu dürfen, wo er umgeben war von ihrer Wärme und ihrem Duft, hätte genug sein können, um ihn in den Himmel zu senden; Wenn er nicht aufpasste, würde sein Herz sicherlich einfach aufhören, zu schlagen, weil es nicht gewohnt war, solche Glückseligkeit zu empfinden, weil das mehr war, als es zu ertragen gebaut war, mehr, als irdischen Wesen vergönnt sein sollte… Wenn er nicht aufpasste, dann würde ihr bloßes Licht den unwürdigen Dreck, der seinen Körper, seinen Geist und seine Seele bildete, läutern und reinigen, bis nicht mehr das kleinste Fünkchen davon übrig war.
Wenn er nicht sehr, sehr vorsichtig war, würde er den Rest seines Lebens in ihrer Umarmung verbringen, weil nichts anderes auf dieser Erde ihn jemals interessieren könnte, nachdem er diese Art von Perfektion miterlebt hatte.
„Freilich… wenn ich dann sterben würde… würde ich dich am liebsten mit zu mir in die Hölle reißen… ich will dich keinem anderen lassen…"
„Und was ist…" fragte sie, fürsorglich eine aus der Reihe Tanzende Haarsträhne aus seinem Gesicht zupfend. „Wenn ich zuerst sterbe? Dies sind gefährliche Zeiten… Glaub nicht, das SEELE dabei zögern wird, mich aus dem Weg zu räumen, nur, weil meine Eltern und viele meiner anderen Verwandten Mitglieder sind."
Der bloße Gedanke war Folter… er schlang seine Arme noch fester um sie, als hinge sein Leben davon ab und von nichts sonst.
„Das steht völlig außer Frage! Ich würde dir natürlich auf der Stelle folgen… natürlich nicht, nach dem von den Verantwortlichen Teile das Tageslicht erblickt haben, die nie dafür bestimmt waren…"
„Ach du meine Güte… Das klingt nach einer ganz schönen Sauerrei… Sieht so aus, als müsste ich mir etwas einfallen lassen, damit ich niemals sterbe…"
Doch ihm war nicht nach Scherzen zu mute, und um das klar zu machen, brauchte er nichts weiter zu tun, als seine Augen zu öffnen und sie aus tiefen höhlen heraus fest anzusehen, fordernd, beinahe schon befehlend, und glitzernd mit wildem Wahn, die ganze Hässlichkeit seiner schwarzen Seele vor ihr offen legend, sein gieriges Herz, sein unstillbares Verlangen und seine unendliche Hilflosigkeit, die Art, wie er ihr völlig ausgeliefert war, wie alles, was er war an dem einzelnen Faden ihrer Antwort hing, als würde sie allein darüber bestimmen, ob die Erde sich weiter drehte, die Sonne weiter schien und die Uhren weiterhin tickten.
„Heirate mich."
Es war keine Frage, sondern eine Aufforderung.
„Ich meine es. Heirate mich."
Und sie hatte einfach nur genickt, als sei es das natürlichste in der Welt, ohne auch nur eine Planck-Zeit darauf zu verwenden, ihre Entscheidung anzuzweifeln, oder auch nur zu überlegen.

„Willst du mal dran horchen, Gendo…? Kannst du schon den Herzschlag des Kleinen hören?"
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas höre…"
„Und kannst du seine kleinen Tritte spüren…?"
„Ich fürchte nicht, nein…"
„Er ist wohl ein wohlerzogener junger Mann, und will es sich nicht gleich mit seinem alten Herrn verderben, indem er ihm einen Tritt versetzt." Sie lachte.
„Woher willst du wissen, dass es nicht eine junge Dame ist…?"
„Nein, es ist ein Junge. Ich bin mir ganz sicher. …Hast du dich etwa schon auf ein Mädchen gefreut?"
„Es ist ohnehin nur nebensächlich… Es tut mir Leid… Du hast dir dieses Kind so sehr gewünscht, und ich stelle mich schon als miserabler Vater heraus, bevor es überhaupt auf der Welt ist… Du bereust sicher, dass du dich mit jemandem wie mir eingelassen hast…"
„Sag bitte nicht solche traurigen Dinge… Ich glaube kaum, dass ein „miserabler Vater" sich solche Sorgen darum machen würde, etwas falsch zu machen… Mach dir keine Sorgen, es wird schon alles gut werden… Du musst nur ein bisschen mehr Vertrauen in dich selbst haben."
Sie nahm seine Hand, worauf er ihre unaufgefordert mit Küssen übersäte.
„Vergiss nicht, dass ich auch noch da sein werde."

Der letze Musikant, der noch fehlte, war ein hochgewachsener Junge mit silbernen Haaren und einem breiten Lächeln auf dem Gesicht.
"Du bist SPÄT!" meckerte Asuka.
"Tschuldigung..." gab er zurück, Asuka's Feindseligkeit nicht erwidernd.
"Wollen wir anfangen?"

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(1)Der Song, den sich Shinji am Ende reinzieht, ist „Points of authority" von Linkin Park. Erschien mir grad passend.
(2) Eine Bratsche, auch bezeichnet als Viola, ist ein Streichinstrument, das etwas größer als eine Geige und etwas kleiner als ein Cello ist
(3) Auch, wenn es vermutlich noch eine ganze Weile dauern wird, könnt ihr euch schon mal auf Kapitel 21: [Die Frucht der Erkenntnis] freuen, wo es dann ein Stückchen mit der Handlung der Serie weitergehen wird.