Ried apparierte direkt auf das große Bett, einen Arm schützend um die Schultern des erschöpft Schlafenden gelegt, so als wollte er ihn vor allem Bösen dieser Welt bewahren. Oder jedenfalls vor allem, was seinen Schlaf in dieser Nacht stören könnte. Vorsichtig ließ er den schmalen Körper in die Kissen sinken.
Der Mond, der heute Nacht durch das Glas seine silbrigen Finger auf die Decke erstreckte, sorgte gleichzeitig dafür, dass die geringste Erhebung im Gesicht des Freundes dunkle Schatten warf. So traten seine Wangenknochen noch markanter hervor und Erics Finger gebaren Krallenklauen auf der Decke des Bettes, gleich den düsteren Alpträumen eines Kindes.
Ried schwang kurz seinen Zauberstab. Der Inhalt der geöffneten Reisetasche leuchtete kurz auf. Im nächsten Augenblick trug Eric nur noch bequeme Schlafklamotten anstatt einer Jeans und eines dicken Pullovers. Ried lächelte zärtlich auf ihn hinab und der Gedanke, die Nacht endlich mit ihm im Arm verbringen zu können, ließ ihn vor Unglauben den Kopf schütteln. Nach all den Jahren, endlich... mit ihm einschlafen zu können, erschien ihm wie einer seiner schönsten Träume.
Doch trotz aller Ungeduld, deckte er den Freund noch einmal fürsorglich zu. Eric murmelte leise etwas im Schlaf und drehte sich auf die Seite. Die Laken raschelten leise, als er sich tiefer darin vergrub, die Beine leicht angezogen.
Doch Ried hockte nur auf der Bettkante und betrachtete die Silhouette des Freundes, welche sich unter der Decke abzeichnete. Er schlief noch immer gerne mit angewinkelten Beinen, seine Hände zuckten jedoch unruhig im Schlaf. Er träumte viel intensiver als früher, das hatte Ried schon im St. Mungo festgestellt.
Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, strich er ihm eine Strähne aus dem Gesicht, und lächelte plötzlich voller Glück auf.
Eric war hier, bei ihm. Er schlief friedlich in seinem Bett und das alles war kein Traum, dessen Fantasien im nächsten Moment zwischen seinen Fingern zerrinnen würden. Ob sie beide es wirklich verdient hatten, vermochte Ried nicht zu sagen. Wohl aber, dass es nur ein hier und jetzt gab und dass er die heutige Nacht an der Seite des Freundes verbringen würde. Er berührte sich selbst nur kurz mit seinem Stab, zu laut wären die umständlichen Bewegungen des Umziehens. Dann schlüpfte er rasch unter die Decke, spürte die wohlige Wärme, die unter ihr herrschte. Erics Wärme. Mit einem tiefen Seufzer schlang er die Arme um ihn und zog ihn näher an sich heran. Die schwarzen Haare kitzelten ihn im Gesicht und nur ganz sanft stieg ihm das Aroma von Sommer und Meer in die Nase.
Eric riss voller Panik die Augen auf, spürte den festen Griff um seine Mitte und begann reflexartig nach dem Etwas zu schlagen, das ihn festhielt. Seine panischen Hände trafen auf etwas Weiches, Nachgiebiges.
Die dunkle Schatten seines Alptraumes schienen ihre geisterhaften Klauen auch nach der Realität auszustrecken. In seiner Kehle kroch ein erstickter Schrei empor und er entwand sich aus den Klauen der Kreatur, rückte panisch von ihr ab. Seine Hände streckten sich nach der Wand aus, doch die vertraute kühle der Wand seines Krankenzimmers spürte er nicht unter seinen Fingern, sondern nur Leere. Er riss verblüfft den Mund auf, formte ihn zu einem O, und wäre nach hinten aus dem Bett gefallen, wenn Ried nicht geistesgegenwärtig nach seinen Gelenken gegriffen und ihn festgehalten hätte.
Für einen Moment blickte er aus aufgerissenen Augen in das dunkle, wogende Blau.
Ried...
Nur langsam sickerte die Wirklichkeit in sein Gehirn.
Er war bestimmt bei Tommy eingeschlafen und Ried hatte sie her gebracht. Er lag in seinem Bett… und hatte auf seinen Freund eingeschlagen.
Er schluckte, während Ried ihn wieder ins Bett zog.
„Alles okay?", fragte er sanft und Eric spürte die Finger in seinen klammen Haaren.
„Ja... entschuldige...", seufzte er und wandte den Blick ab. Das Blut hämmerte gegen seine Schläfen und er brauchte ein paar Sekunden um wieder zu Atem zu kommen.
„Ich glaub ich brauch...", murmelte er und wollte aufstehen, doch Ried schwang seinen Haselstab und ließ ein Glas Wasser aus der Küche erscheinen.
„Mhm... Danke... das hab ich gemeint." Er nippte vorsichtig an dem kühlen Wasser und versuchte dann mit zittrigen Händen das Glas auf dem Nachttisch zu platzieren. Dass er dabei die Hälfte des Wassers über seine Hand schüttete bekam er gar nicht mit.
Eric schluckte. Langsam beruhigte sich sein Herz wieder.
„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe...", murmelte er leise zu dem Freund. „Ich..."
„Komm her...", unterbrach ihn Ried und breitete die Arme aus. Auf seinem Gesicht glaubte Eric in der Dunkelheit ein Lächeln auszumachen.
Eric zögerte nicht, sondern flüchtete sich förmlich in die Wärme und die Geborgenheit, die ihm der Freund versprach. Er wollte es immer noch nicht wirklich wahrhaben, dass er von nun an immer an seiner Seite war.
Für einen Moment schloss er die Augen, schüttelte dann den Kopf.
Ried strich ihm nur über den Rücken und zog die Decke etwas höher.
„Magst du es mir erzählen?", fragte er sanft. „Den Inhalt der Träume, die du Nacht für Nacht hast?"
Eric wollte protestieren, wollte abstreiten, dass ihn diese Träume Nacht für Nacht besuchten, wie ein altbekannter Feind, gegen den er einen allnächtlichen Kampf ausfocht.
„Es sind... dumme Träume... Gegenstandslos... zumeist..." Eric zuckte vorsichtig mit den Schultern.
„Ziemlich erbärmlich, ich weiß. Aber ... es ist wie ein Nebel... der mich versucht zu verschlingen. Und ich kämpfe dagegen an... Eigentlich...", schloss er. „Ist es diese Gegenstandslosigkeit, die mir solche Angst macht. Ich weiß nicht gegen was ich ankämpfe... in meinen Träumen..."
Rieds Finger strich sanft über Erics Kinn, zwang den Blick empor zu ihm.
„Dafür weiß ich es... Du kämpfst gegen das Vergessen. Und das machst du ziemlich gut! Du hast diesen Kampf nämlich schon längst gewonnen!"
Ein Lächeln huschte über Erics Gesicht und er schüttelte den Kopf.
„Dumm nur, dass mir mein Unterbewusstsein etwas vollkommen anderes suggeriert...", murmelte er.
„Dann müssen wir ihm eben klar machen, dass du gewonnen hast", lächelte er und küsste ihn auf die Lippen. Über Erics Gesicht huschte ein kleines, ehrliches Lächeln, dann erwiderte er den Kuss zärtlich. Der Freund besaß die Gabe alle dunklen Schatten nur noch halb so bedrohlich wirken zu lassen.
Schließlich löste er sich wieder von ihm.
„Du solltest weiter schlafen", murmelte er und strich ihm über den Hals.
„Du musst morgen wieder arbeiten..."
„Mh... ohne dich macht das Traumland keinen Spaß", murmelte er leise und umfing den Freund mit seinen Armen.
Erics Finger ertasteten Rieds Schlüsselbein. Und plötzlich wurde sein verträumtes Gesicht ernst. Er zog das Shirt ein wenig zur Seite.
Im fahlen Licht des Mondes leuchteten die beiden Narben, welche sich über Rieds Schulter bis hinunter zum Schlüsselbein zogen, beinahe silbrig.
„Magst du mir dann vielleicht lieber die Geschichte erzählen, die hinter diesen Narben steckt?", fragte er leise und sah den Freund an. „Ich dachte ihr könntet solch oberflächliche Wunden heilen, ohne dass eine Spur zurückbleibt?" Ried seufzte leise und griff zögerlich nach der Hand des Freundes, die auf seiner Schulter ruhte, federleicht, da Eric am gestrigen Abend gespürt hatte, wie der Freund unter seinem Griff zusammengezuckt war. Im Silberlicht des Mondes wirkte Rieds Gesicht angespannt, wie von düsteren Erinnerungen überschattet.
„Das ist eine Fluchnarbe... Von einem tückischen Fluch... Ich konnte nicht viel dagegen unternehmen, da er mich von hinten überrascht hat."
Er presste die Lippen zusammen.
„Ich wollte gerade einen verletzten Magier heilen, als er mich traf... und mich selbst für einige Wochen ins St. Mungo beförderte."
Eric öffnete den Mund, doch Ried legte ihm rasch die Finger auf die Lippen. Er wollte die Geschichte, die der Freund hatte hören wollen, zu Ende erzählen.
„Mein Schulterblatt war systematisch zersplittert. Der Fluch ist über meine Schulter geschlagen. Er wirkt... wie ein Spinnennetz... um genau zu sein... das sich über die Knochen legt und sie zerbricht, als wären sie aus feinem Glas. Und... es ist nicht einfach die Knochensplitter wieder aus dem Gewebe zu befreien..."
„Aber... hast du immer noch Schmerzen?", meinte Eric besorgt.
Ried schüttelte unwillig den Kopf.
„Die Narbe tut manchmal weh... Aber das ist okay..."
„Aber..."
„Ich hatte in der Zeit nach dem Angriff daran zu knabbern. Deshalb... na ja... deshalb konnte ich auch nicht früher nach dir suchen...", gab er schließlich leise zu.
„Was... aber..." Das Grün in seinen Augen leuchtete besorgt auf.
„Eric, ich kann gut damit leben und mach dich immer noch beim Laufen fertig. Also..."
Ried griff nach der unruhigen Hand des Freundes und führte sie über seine Schulter nach unten.
Vorsichtig ertasteten Erics Fingerspitzen die Narbe. Dünne Erhebungen verästelten sich miteinander, bildeten Dreiecke und Pentagramme, verbanden sich zu einem feinen Netz, dem Netz einer Spinne.
„Ich hätte nie gedacht, dass auch Zauberer ihre Narben tragen...", flüsterte er leise und legte seine warme Handfläche auf das Schulterblatt des Freundes.
„Es gibt Narben...", flüsterte Ried leise. „Die niemals verblassen... Und manchmal ist es auch nur gut so, dass sie uns an bestimmte Dinge erinnern..." Er legte die Hand auf Erics Brust und spürte den gleichmäßigen Rhythmus seines Herzens.
„Innere sowie äußere..."
„Du hättest mich trotzdem suchen müssen", entgegnete Eric, „Ich hätte bei dir sein können, für dich da sein können."
Ried zögerte. Verdammt, er hatte seine Gefühle einem Gerichtssaal voller Leute offenbaren können, wieso fiel es ihm denn jetzt so schwer, diese Worte an Eric zu richten?
„Ich…ich wollte dich damit nicht belasten", flüsterte Ried und hoffte beinahe, Eric hätte ihn nicht gehört.
Doch er hatte es gehört. Eric stemmte sich in eine halb sitzende Position, so dass er von oben ungläubig auf Ried herab sah.
„Glaubst du wirklich, irgendetwas hätte mich mehr belasten können, als dich nicht bei mir zu haben? Nicht zu wissen… nicht zu wissen, ob du überhaupt noch lebst?"
„Du warst glücklich, du hattest Sophie", sagte Ried beinahe mechanisch, „Das wollte ich dir nicht wegnehmen."
Bei der Erwähnung von Sophies Name huschte ein kurzer, schuldbewusster Schatten über Erics Gesicht, doch er fing sich rasch.
„Und dir ist nie die Idee gekommen, mir diese Entscheidung zu überlassen?", fragte Eric mit einem feinen Vorwurf in der Stimme.
Ried schlug beschämt die Augen nieder und betrachtete Erics Hand, die federleicht auf seiner Brust ruhte.
„Wie hättest du dich denn für mich entscheiden können?", murmelte er.
„Indem ich dich liebe", antwortete Eric und beugte sich über den Freund, küsste ihn federleicht auf die Lippen und wartete auf die erlösende Erwiderung. Er wurde nicht enttäuscht.
Tiny wurde davon geweckt, dass Tommy sie mit den Armen umfasste und ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe drückte.
„Guten Morgen", sagte er grinsend.
Tiny schloss nochmal die Augen, kuschelte sich mit dem Rücken an Tommy und seufzte wohlig. Vor dem Fenster war es noch dunkel und sie konnte die klirrende Kälte fühlen, die versuchte, durch die Scheibe zu drücken.
„Guten Morgen", sagte sie schließlich und drehte sich in dem gemütlichen Gefängnis von Tommys Armen um.
In Tommys Augen lag keine Spur von Müdigkeit, nur das stetige Glitzern war in dem braunen Blick zu sehen. Diese wunderbaren braunen Augen von der Farbe geschmolzener Schokolade. Die junge Hexe drohte bei jedem Blick, sich in ihnen zu verlieren. Sie küsste ihn auf die Lippen und Tommy zog sie näher, der Kuss wurde intensiver, fordernder. Doch dann löste sich Tiny unter Aufbietung all ihrer Willenskraft.
„Wie viel Uhr haben wir?", fragte sie und versuchte, sich so weit von Tommy zu lösen, dass sie über ihn hinweg auf den Wecker auf den Nachttisch schauen konnte. Doch er ließ es nicht zu, sondern zog sie nur nochmal in einen langen Kuss.
„Das ist doch egal", sagte er schließlich und seine Augen funkelten, „Ich habe nämlich beschlossen, dich heute nicht aufstehen zu lassen."
Tiny lächelte ihn an, bekam aber schon bei dem Gedanke daran, ihm seinen Willen zu lassen, ein schlechtes Gewissen. Ihre Mandanten brauchten sie.
„Daraus wird leider nichts", sagte sie und versuchte sich aus dem Griff ihres Freundes zu winden, doch dieser hielt sie unerbittlich fest und sein freches Grinsen wurde stetig breiter.
„Ich glaube doch", sagte er dann, „Ich bin nämlich stärker als du."
Sein spitzbübischer Blick entlockte der Rothaarigen ein helles Lachen.
„Du vergisst, mit wem du es zu tun hast", sagte sie und tastete umständlich hinter sich. Zu ihrer Überraschung lockerte Tommy seinen Griff kaum merklich. Nun konnte sie den Nachttisch erreichen, auf dem sie am Abend zuvor ihren Zauberstab abgelegt hatte. Doch sie ertastete nur die polierte Platte und nicht die vertrauten Rundungen ihres Ebenholzstabes.
Tommy kicherte, ließ ihr noch etwas mehr Raum, gerade so viel, dass sie den Kopf drehen und sehen konnte, dass auf dem Nachttisch rein gar nichts lag. Dann zog er seine Freundin rasch wieder an sich, um zu verhindern, dass sie die Gelegenheit zur Flucht nutzte.
„Hast du was verloren?", fragte er unschuldig wie ein kleines Kind, das den Mund voller Kekse hatte, die es nicht essen durfte.
„Du spielst mit dem Feuer, wenn du einer Hexe den Zauberstab stielst", drohte Tiny, doch das breite Lächeln nahm ihren Worten jeden Ernst.
„Ich glaube, ich lasse es mal darauf ankommen", grinste Tommy und versuchte, Tiny in einen langen Kuss zu entführen. Doch diese löste sich, nach Tommys Geschmack viel zu rasch, von ihm.
„Wenn du nicht so süß wärst, hätte ich dich schon lange in einen Frosch verwandelt", neckte sie, „Obwohl du auch einen niedlichen Frosch abgeben könntest."
„Ach, da hätte ich nichts dagegen", entgegnete Tommy großspurig.
Die Hexe blickte ihn fragend an.
„Na, dann müsstest du mich küssen, um mich zurück zu verwandeln."
„Die Prinzessin küsst im Märchen den Frosch, ich bin aber die böse Hexe."
„Dann schreiben wir das Märchen eben um", meinte Tommy ernst.
Tommy zog Tiny noch näher an sich heran und Tiny vergrub das Gesicht in seiner Schulter, in der Geborgenheit seines Geruchs. Fünf Minuten konnte sie sich ja noch gönnen. Doch das ruhige Atmen und der gleichmäßige Herzschlag ihres Freundes beruhigten sie so sehr, dass sie nochmal eindöste. Als sie die Augen wieder öffnete, war es merklich heller geworden.
Die Hexe versuchte, sich vorsichtig aus den Armen zu rollen, die sie umfingen, doch schon bald stieß sie auf Widerstand.
„Mh-mh", machte Tommy, dessen Augen noch immer geschlossen waren.
„Ich muss jetzt wirklich gehen", jammerte Tiny, „Meine Mandanten vertrauen mir. Oder hättest du es etwa gut gefunden, wenn ich einfach einen Tag im Bett verbracht hätte, anstatt mich auf Rieds und Erics Fall vorzubereiten?"
„Auf jeden Fall, wenn ich auch in dem Bett gelegen hätte", antwortete Tommy, ohne die Augen zu öffnen, „Und ganz nebenbei: Hast du denn überhaupt einen so wichtigen Fall?"
„Alle meine Fälle sind wichtig", antwortete Tiny, doch sie hatte einen Moment zu lange gezögert.
Tommy öffnete die Augen und das Braun blitzte triumphierend. „Du bleibst!"
Er zog sie ganz dicht an seinen Körper, so dass er ihre Taille mit einem Arm sicher umfassen konnte und strich ihr eine rote Strähne hinters Ohr. Dann musterte er sie, tastete jeden Zentimeter ihres Gesichts mit seinem offenen Blick ab, als wolle er sich jede Linie einprägen, um später ein Gemälde von ihr anzufertigen.
„Ich liebe dich", sagte er dann und in seinen Augen lag genau das. Reine, unverfälschte und unermesslich tiefe Liebe.
„Ich liebe dich auch", entgegnete Tiny. Sie löste einen Arm aus der Umklammerung, berührte sanft seine Wange und vergrub die Finger schließlich in dem zerwuschelten braunen Haar.
„Wie habe ich dich nur verdient?", flüsterte sie und zog seinen Kopf zu sich, um ihn innig zu küssen.
Ein ganzer Tag im Bett mit dem Mann, den sie über alle Maßen liebte. Wie konnte sie dazu schon nein sagen?
Grau jagte Grau, in all seinen Schattierungen und in allen möglichen Nuancen. Die Farbenvielfalt, welche die Natur so protzig an ihrem Himmel darbot, war größer als ein Künstler es je auf einem Bild hätte einfangen können. Die Wolken jagten am Himmel dahin, so schnell, dass sie ihre scheinbare, triste Schwerfälligkeit Lügen straften, spielten, wie flinke Kobolde, miteinander und verschlangen sich ineinander, gleich Liebender, die der Dunkelheit trotzten, da sie den Körper des anderen kannten, wie sie sich ihres eigenen Namens gewiss waren.
Spuren im Sand, hinterlassen von einer kleinen Gestalt, welche sich gegen den Wind lehnen musste, um nicht vom Weg abzukommen. Der Weg, den er gehen wollte, nicht der Weg, auf den andere ihn trieben.
Eric schmeckte das Salz der Gischt auf seinen Lippen. Das schaumige Wasser, welches die aufgewühlte See an den Strand trug, gluckerte in seinen Ohren, während die Möwen, angelockt vom böigen Wind, draußen auf dem Meer nach ihrer Beute spähten und dabei so wirkten, als ob sie auf den unsichtbaren Wellen des Windes ihre ganz eigene Vergnügung fanden. Ihre Schreie vermischten sich in Erics Ohren mit dem lauten Getöse der anbrandenden Gischt. Wellen schlugen an den Strand, griffen, von ihrer eigenen Wucht getragen, weit in den Sand hinein, zogen sich zurück und hinterließen einen feuchten, dunklen Streifen, wie eine Erinnerung, die sogleich von einer weiteren Welle erneuert wurde.
Seine Augen voller Unglauben auf das Meer gerichtet, stemmte sich Eric weiter gegen den tobenden, lachenden Wind, obwohl ihm die Kraft dafür eigentlich noch fehlte.
Seine Beine verhedderten sich, er stolperte, fing sich wieder. Die Kälte biss ihm durch die dicke Winterjacke hindurch brennend in die Haut und er verschränkte die Arme, um so wenigstens etwas von der verlorenen Wärme in seinen kühlen Körper zurückzuführen. Trotzdem brannte die Kälte weiterhin auf seiner Haut, als hätte er sich zu nahe an ein Feuer gewagt. Gleichzeitig brannte die Erinnerung an die vergangene Nacht in ihm und jagte ihm bei dem Gedanken kalte Schauer über den Rücken. Wann die Alpträume endlich aufgeben und begreifen würden, dass sie gegen Windmühlen kämpfen, wusste er nicht. Doch er hoffte, es würde bald geschehen. Er schloss die Augen, zog die raue Seeluft tief in seine Lungen, um die letzten Reste der Atemlosigkeit der Nacht daraus zu vertreiben.
Er hatte die schnellen, gleichmäßigen Schritte hinter sich nicht gehört. Zu laut hallten der Wind und das Kreischen der Möwen in seinen Ohren wieder. Doch er spürte den größeren, schmalen Körper, als er an seine Seite trat und den Schritt dem seinen anpasste. Eric drehte den Kopf.
„Wir sind hier, oder?", fragte er, den Mund nahe am Ohr des Freundes.
„Genau hier!"
Er kannte diesen Landstrich, den einsamen Abschnitt des Strandes. Die Formation der Klippen, auf denen sie früher so oft gewesen waren.
Über Rieds Lippen huschte nur die Andeutung eines Lächelns.
„Warte ab. Ich will dir etwas zeigen."
Etwas nervös zog Ried die Unterlippe zwischen die Zähne, während er nach Erics kalten Fingern griff.
„Es ist nicht mehr weit... das schaffst du doch, oder?"
Ein spöttischer Ausdruck erschien um Erics Mund, gemischt mit einem Hauch von Trotz, und wischte jeden Zweifel fort, den Ried beim Anblick von Erics unsicherem Gang gehabt hatte. Es brauchte schon mehr als ein bisschen Kälte und Wind um den Freund aufzuhalten.
„Ich will nicht mehr warten... Nie mehr", gab der Freund zurück, und wollte Ried an sich ziehen, um ihm einen Kuss zu stehlen. Doch Ried wandte lachend den Kopf ab.
„Nein! Ich hab etwas Besseres für dich!", entschuldigte er sich.
„Was könnte denn besser sein, als du?", fragte Eric schnaubend. Doch plötzlich verebbten Rieds Schritte und er blieb stehen. Auch Eric verharrte, blickte den Freund nur irritiert an.
Ried wirkte mit einem Mal verunsichert und nervös, berührte den Freund mit seinen Händen an den Schultern und drehte ihn, der dem übermütigen Meer zugewandt war, herum.
„Ein Leben... Ein Zuhause", flüsterte er, und seine Stimme klang kratzig und unbenutzt in Erics Ohren.
Erics Augen weiteten sich.
Hinter dem breiten Stück Strand erstreckte sich ein wohl bekannter Weg, welcher sich durch die Dünen schlängelte. Dahinter erhob sich das Cottage, welches verfallen und erneuert zugleich wirkte. Magie wirkte in eben diesem Moment daran. Erinnerungen strömten aus jeder Ritze des alten Mauerwerks, zugleich wurde von magischer Hand ein alter Balken durch einen neuen hellen ersetzt, um dem Verfall Einhalt zu gebieten.
Eric verschlug es die Sprache. Er wirbelte zu Ried herum.
„Was... was hat das... Ried?" Seine Stimme war voller Unglauben, voller unterdrückter Freude. Auf seinem Gesicht spielten die Emotionen verrückt. Er unterdrückte krampfhaft ein Lachen, ein wütendes Kopfschütteln wurde nur halb ausgeführt. Er war ... fassungslos.
„Du hast mir doch erzählt... es sei verfallen! Kaum mehr bewohnbar ... und..." Er schluckte hart.
„Ich ..." Ried besaß den Anstand zu erröten. „Ich weiß, ich hätte zuerst mit dir reden sollen. Vielleicht willst du in London bleiben? Wir könnten uns da auch etwas Größeres suchen. Aber..."
„Sag mir nicht... Das Haus wird für uns... wieder in Stand gesetzt", hauchte er und im Grün seiner Augen spiegelte sich ein unfassbares Begreifen wieder.
Ried nickte zögerlich.
„Ich fand einfach... das Haus sollte nicht verkommen. Und vielleicht könnten wir es ja für die Sommermonate oder so..."
„Spinnst du eigentlich völlig?!" Eric wirbelte noch einmal zum Haus herum, auf das in eben diesem Moment neue, glänzende Ziegel flogen und sich in einer fein säuberlichen Reihung nieder legten.
„Ich wusste, ich hätte dich vorher fragen sollen... Es... tut mir leid... ich...", murmelte Ried zerknirscht.
„Idiot!" Aus Erics Kehle drang ein fröhliches, leichtes Lachen. Und endlich wurde der ungläubige Ausdruck in seinem Gesicht von einer unbändigen Freude verdrängt. Das Grün in seinen Augen begann zu strahlen.
„Wann wird es fertig? Wann... können wir einziehen? Oh, wie sich das anhört!" Er lachte, schmeckte das unbekannte Aroma der Worte auf seiner Zunge wie einen guten Elfenwein.
„Und wann hast du das eigentlich alles in die Wege geleitet? Und warum zeigst du mir das erst jetzt!?"Er konnte nur den Kopf schütteln.
„Ich zeige es dir jetzt... Damit du noch etwas an dem Haus gestalten kannst, wenn du möchtest. Es ist unseres, und mit ein bisschen Magie können wir es jetzt noch leicht verändern...", flüsterte er ihm zu, trat dann neben ihn.
Eric spürte den Arm des Freundes in seinem Nacken, während er nur fasziniert zusah, wie aus dem Dach eine Gaube wuchs und den Blick auf die See eröffnete.
Eine vertraute Hand legte sich auf seine Schulter und er ließ gerne zu, dass sein Körper enger an den des Freundes gezogen wurde. Ihre Jacken knisterten leise, als Eric sich reckte. Ihre Lippen trafen sich im nächsten Moment und das salzige, herbe Aroma explodierte förmlich auf seinen Lippen. Dann öffnete er die Augen.
Seine Augen trafen auf das Blau des Himmels. In diesem Augenblick wünschte er sich nicht, die Wolken mögen weiterziehen. Denn er hatte seinen ganz persönlichen, strahlend blauen Himmel gefunden.
