Kapitel 37
Es war ihr peinlich gewesen, anzufangen und ihre Geschenke zu verteilen. Aber Narzissa und Lucius hatten den Anfang gemacht, nicht Malfoy. Das war beruhigend gewesen. Lucius schlug das Papier von Hermines Geschenk mehr oder weniger gespannt zurück, und sein Mund öffnete sich verblüfft, als er das Buch erkannte. Er schenkte Hermine ein tatsächlich aufrichtiges Lächeln. Hermine sah ihn selten Lächeln, und es war ein schönes Lächeln.
„Hermine, ich danke Ihnen", sagte er ehrlich. Hermine spürte, wie sie rot wurde.
Malfoy neben ihr riss lustlos das Papier von den Geschenken – es waren unendlich viele, hatte sie das Gefühl, während sie selber etwas überfordert in einem Berg von Geschenken saß. Sie ignorierte, dass es abends war, und man abends eigentlich keine Geschenke auspackte, aber sie machte sich daran, umständlich das Papier von einer großen Box zu reißen. Es war von Narzissa. Es war ein Kleid. Ein unglaublich schönes Kleid! Und sie erkannte, dass noch mehr Geschenke in dieser Größe auf sie warteten.
Sie konnte sich nicht bedanken, denn Narzissa entfuhr ein entzückter Laut.
„Hermine, es ist wunderschön!", sagte sie aufgeregt. „Es ist Glück, nicht wahr?" Sie hielt die Glasglocke auf der flachen Hand, aber ebenso wie bei Hermine, hing das Körnchen Glück nur auf kaum halber Höhe und schimmerte in verhaltenem Gold. „Ich will es ans Fenster stellen. Genügend Sonne wird ihm bestimmt gut tun!", flötete sie glücklich, und Hermine schämte sich, nur ein einziges Geschenk für jeden zu haben. „Ich danke dir!", sagte Narzissa anschließend, kam zu ihr, und bevor Hermine etwas tun konnte, hatte Narzissa sie an sich gedrückt.
Beschämt ließ Hermine es über sich ergehen, erlaubte sich nicht, Narzissa ebenfalls zu drücken, und wartete ab. Es war angenehm, von ihr umarmt zu werden, aber Hermine durfte sich nicht daran gewöhnen.
Nach etlichen quidditchbezogenen Geschenken riss Malfoy nun ihr Geschenk auf. Sie beobachtete ihn unwillkürlich. Er hatte die Karte ignoriert und drehte das Tagebuch in seinen Händen. Es schimmerte in dunklen Tönen, und er hob den Blick zu seiner Mutter, die Augenbraue spöttisch erhoben.
„Stand nicht wirklich auf der Liste, oder?", bemerkte er knapp, und Narzissa hob den Blick von der funkelnden Tiara, die sich wohl Lucius geleistet hatte. Hermine war sprachlos, ob all der Diamanten.
„Draco, das ist nicht von uns, sondern von Hermine", erwiderte sie sanft. Malfoy stutzte kurz. Tatsächlich hielt er das Buch nun mit spitzen Fingern in der Hand, griff nach der Karte und klappte sie auf. Seine Augen studierten kurz ihre Worte.
‚Gedanken aufzuschreiben, macht sie wahr.
Vielleicht finden deine Federn dann endlich einen Nutzen.
Hermine'
Er hob den Blick, und sie schluckte schwer. Sein Blick war nie freundlich. Jetzt war er noch weniger als das. Er legte das Buch hastig beiseite, erhob sich und kramte unter dem Baum. Er balancierte eine flache Schachtel in der Hand und kam auf sie zu.
„Frohe Weihnachten, Granger", raunte er lediglich, fast teilnahmslos. Und sie war ehrlich überrascht. Sie hatte nichts von ihm erwartet. Sie erwartete nie irgendetwas von ihm. Sollten ihre Bemühungen endlich etwas bewirkt haben? Sei es auch nur, dass er netter geworden war? Aber ehrlich gesagt, glaubte sie es nicht.
„Danke", erwiderte sie perplex. Zögerlich öffnete sie die Geschenkschachtel. Narzissa und sogar Lucius sahen ihr zu. Sie wirkten ähnlich überrascht wie Hermine selbst. Malfoy hatte die Arme vor der Brust verschränkt, während auch er sie aus den Augenwinkeln beobachtete. Es war keine Karte dabei.
Sie schlug das Seidenpapier zur Seite und hielt verblüfft die Luft an.
Auf Samt lag eine feine goldene Kette, mit einem flachen, medaillenartigen Anhänger. In den Anhänger waren in feinster Kalligraphie die Buchstaben HM eingraviert.
Hermine Malfoy? Tatsächlich? Der Anhänger war so groß wie ihr Daumennagel und sehr, sehr flach. Die Ränder waren mit einem Schlangenmuster abgerundet, und die Kette wirkte sehr schön. Zwar war Gold nicht ihr bevorzugter Stil, aber die Kette wirkte edel.
Und sehr kurz zögerte sie, die Kette tatsächlich zu berühren. Kurz sagte ihr wacher Verstand ihr, dass es eine Falle sein könnte, dass es ein Trick war, und dass sie tot umfallen würde, würde sie die Kette berühren.
Sie hob vorsichtig den Blick zu seinem Gesicht, aber er hatte bereits den Blick desinteressiert von ihr abgewandt, und riss ein weiteres Paket auf.
Sie wusste nicht, was es letztendlich war, dass sie ihre Furcht überwinden ließ. Vielleicht die Tatsache, dass sie bei den Malfoys im Wohnzimmer saß, und es unhöflich wäre, ihrem Sohn zu unterstellen, er wolle sie an Heiligabend, mit einem Fluch umbringen.
Sie atmete unterdrückt aus und hob die feine Kette aus der Box und legte den Anhänger in ihre flache Hand.
Für die Winzigkeit einer Sekunde hatte sie das Gefühl, über das Gold wäre soeben ein sanfter grüner Schimmer geglitten, aber… - es war schon wieder vorbei. Vielleicht war es eine optische Täuschung.
„Oh wie schön, Draco!", rief Narzissa aus. „Das ist so lieb von dir!", sagte sie, fast überrascht von ihrem eigenen Sohn. Malfoy reagierte darauf nicht. „Hermine, darf ich?", fragte Narzissa sofort, und bot ihr an, ihr die Kette umzulegen. Hermine zögerte kurz, aber sie trug heute keinen Schmuck, und ihr fiel auf die Schnelle kein guter Grund ein, weshalb sie Nein sagen sollte.
Nicht gegenüber Narzissa. Sie nickte also ergeben, und mit geschickten Handgriffen lag die Kette keine zehn Sekunden später um Hermine Hals.
Jetzt hob Malfoy tatsächlich wieder den Blick, und Hermine sah sich gehalten, irgendetwas zu sagen.
„Danke", murmelte sie unwirsch. Er ruckte knapp mit dem Kopf, ehe er sich wieder seinen Geschenken zuwandte.
Hermine bekam noch einen Pulli von Molly mit dem obligatorischen H in der Mitte. Dieses Mal war der Pulli beige und das H pink. Von ihren Eltern bekam sie eine besonders edle ‚Herr der Ringe' Trilogie geschenkt, auf die sie das letzte Mal in der Mall schon ihr Augenmerk geworfen hatte, als sie mit ihrer Mutter da war.
Von Narzissa und Lucius häuften sich die Kleider, schicke Blusen und hohe Schuhe, vor denen sie schon jetzt Angst hatte.
Malfoy verabschiedete sich sehr kurz angebunden, nachdem er fertig war mit Auspacken und ließ die Elfen seine Geschenke nach oben bringen. Er erklärte, er würde heute hier schlafen, was Hermine nicht wunderte, und dann war er verschwunden, während sie alleine mit Narzissa und Lucius im Wohnzimmer verblieb, Lucius ihnen neue Drinks mischte, und Hermine und Narzissa die neuen Schuhe anprobierten.
Tatsächlich musste Hermine lachen, tatsächlich hatte sie mehr Spaß als sie gedacht hatte. Vor allem, als Narzissa Lucius vorschlug, auch mal ein Paar Pumps anzuziehen, und Lucius entsprechend demonstrativ begann, in seinem neuen Geschenk über die Trollkriege zu lesen, ohne auf Narzissas Angebot einzugehen.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Hermine das kleinste Geschenk, was vergessen unter den Baum gekullert war. In einer unbemerkten Sekunde, in der Narzissa sich neben Lucius gesetzt hatte, um ihn zu necken, bückte sich Hermine und holte das kleine Geschenk unter dem Baum hervor.
Sie stutzte bei der Inschrift auf der kleinen Karte. In unordentlicher Schrift standen dort die Worte: Für Master Draco von Tilly.
Und ohne zu zögern ließ Hermine das kleine Geschenk in ihren Ärmel gleiten. Gut, dass sie einen Pullover trug, der das zuließ. Am besten fand sie gleich eine Entschuldigung, um das kleine Geschenk näher zu betrachten – vielleicht heimlich auszupacken, um es dann wieder einzupacken, damit Malfoy es irgendwann noch bekam – und die Briefe zu lesen, der sie hatte habhaft werden können.
Sie beschloss, ihren Cocktail auszutrinken, und sich dann zu verabschieden, während sie Narzissa dabei zusah, wie sie versuchte, ihren Mann zum Tanzen zu bewegen, denn mittlerweile lief leise Musik aus dem magischen Grammophon.
Entspannt lehnte sich Hermine zurück und genoss die Wärme, die vom großen Kamin ausstrahlte. Abwesend spielten ihre Finger mit dem ovalen Anhänger ihrer neuen Kette, ohne dass sie es selber merkte.
~ Acht Stunden zuvor ~
Wachsam wanderte Draco durch den Laden. Mr. Burkes hatte ihm so eben aufgeschlossen gehabt. Es hatte außer Frage gestanden, dass Mr. Burkes in die Nokturn Gasse appariert war, um einem seiner besten Kunden auszuhelfen. Draco schätzte es sehr. In seiner Jackentasche hatte er bereits Astorias Geschenk. Für sie hatte er einen hübschen Ring ausgesucht. Er nahm an, er würde passen. Ansonsten würde er ihn magisch anpassen.
Er war schlicht, aus feinstem Koboldgold, was wie das Licht der Sonne schimmerte, mit mehreren blauen Schwanendiamanten in der Fassung.
Astoria würde hingerissen sein.
Jetzt fehlte nur noch ein Geschenk für seine Braut, dachte er mit einem bösen Grinsen, während er den Blick über die Kleinigkeiten von Borgin & Burkes wandern ließ. Ein Fluch war böser als der nächste. Der Laden hatte ohnehin keine gewöhnlichen Öffnungszeiten. Mr. Burkes hatte ihm erzählt, das Ministerium veranstaltete zu häufig schwarzmagische Razzias in seinem Laden und beschlagnahmte seine besten Stücke.
Also öffnete er ohnehin nur noch auf Anfrage der richtigen Leute.
Und Draco war der richtige Mensch.
„Darf es etwas Bestimmtes sein, Mr. Malfoy?", erkundigte sich Mr. Burkes mit einem stechenden Blick, der Draco immer unangenehm war.
„Ich suche, ein Schmuckstück", begann Draco nachdenklich, während er sich die vielen Objekte in der Auslage betrachtete.
„Aha", bestätigte Mr. Burkes nickend, „wohl nicht für Ihre Frau Mutter?", entfuhr es ihm schließlich. Draco schüttelte knapp den Kopf.
„Nein", erwiderte er schlicht. „Für meine Frau", schloss er mit einem bösen Lächeln.
„Hm, ja. Man hörte davon", sagte Mr. Burkes schließlich, eher vage. „Eine… Muggelgeborene, nicht wahr?" Und so wie Mr. Burkes es sagte, wusste Draco, dass dieser Mann ihn verstand.
Draco erwiderte nichts, aber Mr. Burkes holte unaufgefordert eine kleine Lade unterhalb des Tresens hervor.
„Wir haben hier eine ganze Auswahl an netten, Flüchen, gebunden in Schmuck", erläuterte er lächelnd. „Wie invasiv soll es sein?", erkundigte sich Mr. Burkes fast schon zu unverhohlen. Draco überlegte kurz.
„Es darf schmerzhaft werden", entgegnete er schließlich mit einem Kopfnicken. „Allerdings nicht äußerlich", ergänzte er nachdenklich. „Meine Eltern würden sonst ausrasten", schloss er mit dem Verdrehen seiner Augen. Mr. Burkes nickte. Mit einem indignierten Ausdruck räumte er die Lade wieder zurück.
„Dann wohl kein tödlicher Fluch", bemerkte er knapp und holte eine andere Lade hervor. Draco gefiel, wie der Mann vor ihm dachte, auch wenn es ihm Angst bereitete.
„Nein, kein Todesfluch", bestätigte er heiser. „Vielleicht… etwas Subtileres", bat Draco knapp. Er konnte sich schon ausmalen, wie Potter ihn massakrieren würde, würde er sein geliebtes Schlammblut umbringen.
„Malfortuna?", erkundigte sich Mr. Burkes und mit einem Drachenhauthandschuh hob er eine feine goldene Kette mit einem blanken ovalen Anhänger aus der neuen Lade.
„Malfortuna?", wiederholte Draco unentschlossen.
„Oh ja, der Träger dieser Kette wird vom Malfortuna-Fluch befallen, solange er sie trägt", erklärte Mr. Burkes lächelnd.
„Malfortuna ist…?" Draco war sich mit diesen Flüchen immer unsicher.
„Der Unglücksfluch. Nichts Blutiges, keine äußeren Wunden – es sei denn natürlich, die Person begibt sich in unpassende Gefahren", ergänzte Mr. Burkes vielsagend. „Sie wissen ja, wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um..."
Draco hob die Augenbraue. „Was soll das heißen?"
„Nun, der Fluch ist clever. Wirkt natürlich nur, wenn die Kette getragen wird, Mr. Malfoy. Und das Schöne an diesem Fluch ist, dass jedes Unglück ein anderes ist", erläuterte der Mann, während Dracos Blick auf den ovalen Anhänger gerichtet blieb. „Jeder fürchtet ein anderes Leid. Jeder stellt sich seine eigene Hölle vor. Und genau diese Hölle wird eintreten, für den Träger der Kette", erklärte der Kaufmann verzückt. „Für Sie mag ein großes Unglück, der Verlust Ihres Goldes sein, Merlin bewahre", ergänzte er eilig, „aber für manche ist ein großes Unglück in den Regen zu kommen."
„Und dann kommen diese Leute in den Regen?", stellte Draco trocken fest, nicht sonderlich beeindruckt. Aber Mr. Burkes lächelte wieder.
„Nein, Mr. Malfoy", widersprach der Mann kalt. „Sie geraten in einen Monsun. Haben sie Angst vor Spinnen, werden sie in ein ganzes Nest fallen, haben sie Angst vor Gewitter – nun. Das könnte tatsächlich gefährlich werden." Er klang allerdings nicht besorgt, während er sprach.
Draco überlegte, vor was sich Granger fürchtete, aber lästigerweise fiel ihm nichts ein.
„Es muss kein großes Unglück in Ihren Augen sein, Mr. Malfoy", deutete der Kaufmann seine Gedanken richtig. „Für Sie mag es so unscheinbar sein, wie eine kleine Unordnung auf einem Schreibtisch. Oder… eine Erkältung zur Prüfungszeit. Der Lumos-Zauber, der zum Nox wird. Es ist ein Zauber der Pechvögel. Und jedes ungewollte noch so eine kleine Unglück, wird die Person in den Wahnsinn treiben. Nicht sofort, aber… eventuell", schloss der Mann wieder mit stechendem Blick, dem Draco auswich.
„Demjenigen, dem Gold einerlei ist, wird zum gierigsten Menschen der Welt. Das, was man einst verabscheute, wird das werden, was man unbedingt besitzen muss."
Und jetzt hob Draco den Blick. Granger war… bescheiden. Granger hasste Reichtum, die Gesellschaft der Reinblüter. Wenn sie anders werden würde, gierig und widerlich goldbezogen – das wäre nett. Vielleicht würden seine Eltern beginnen, sie zu verabscheuen. Wer so war, wie der Rest der Gesellschaft, würde ihn nicht ändern können. Und wenn sie nebenbei draußen von Monsun und Gewitter heimgesucht werden würde – Draco wäre es nur recht.
„Gravieren Sie?", fragte er direkt, während er einen Beutel mit Münzen zückte. Mr. Burkes lächelte ein widerlich böses Lächeln.
„Gewiss, Mr. Malfoy." Aber der Kaufmann hielt kurz inne. „Eine kleine Warnung zum Schluss", ergänzte er bedächtig. „Sie wissen, Flüche können ihren Preis fordern?", erkundigte er sich, und Draco verdrehte die Augen.
„Ja, ja, Mr. Burkes. Es ist nicht mein erster Kauf hier", fuhr er den Mann an und schob gereizt einen Beutel Münzen über den Tisch. Er würde jeden Preis bezahlen, wenn das Miststück nur endlich verschwinden würde. Außerdem musste er sich schließlich an der Schlampe rächen. Sie hatte seine Briefe gestohlen!
Und dafür würde sie nun bezahlen.
