Hey no-name: Mit ist gerade aufgefallen, dass ich immer noch nicht dein Geschlecht weiß. Könntest du mir nicht wenigstens das verraten. Ich sag's auch keinem weiter. Natürlich ein riesiges Dankeschön für deine Unterstützung per Review. Das ist mir einfach unheimlich viel wert. Und da ich deine Idee mit Snapes Schauspielkünsten einfach grandios fand, habe ich sie ganz frech in den Text mit eingebaut. Also, das Kapitel ist für dich!
Die Verteidigung
Harry bekam von den Ausführungen des Großmeisters Wellington Cuttlefish so gut wie gar nichts mit. In wenigen Minuten musste die Strategie für seine Verteidigung stehen. Und Harry wusste bereits jetzt, dass im Augenblick die wenigsten Menschen im Saal seiner Meinung waren. Es war nicht schwer, in den Gesichtern der Anwesenden zu lesen: Der allergrößte Teil hätte Severus Snape am liebsten gleich ohne Prozess nach Askaban geschickt. Natürlich hatte es unter Minister Kingsley Shacklebolt noch nie eine Verurteilung ohne einen ordentlichen Prozess gegeben, und der heutige Kleine Gamot würde keine Ausnahme sein.
Die einsetzende Stille zeugte davon, dass Cuttlefish seinen Teil gesagt hatte. Jetzt waren alle Augen auf Harry gerichtet, als ob sein Wort allein die Waagschalen der Justiz in die rechte Richtung lenken würde. Harry spürte, dass er die Macht hatte, das Schicksal von Snape mit einem Fingerzeig zu besiegeln – zumindest, solange sein Wort dem unausgesprochenem Wunsch der Anwesenden folgte: Zur Hölle mit Severus Snape!
Unter diesen Bedingungen blieb Harry kaum Spielraum zum Handeln. Um Zeit zu gewinnen, entfaltete er langsam den Zettel mit der Verteidigungsrede, während er im Kopf fieberhaft nach einer neuen Strategie suchte. Er musste unbedingt verhindern, dass die Anhörung in einem Großen Zaubergamot mündete, denn Filius Flitwick hatte nicht das Rückgrat eines Albus Dumbledore, der seine Vorlieben für ungewöhnliches Lehrerpersonal meist auch gegen den Willen der Schulaufsichtsbehörde hatte durchsetzen können. Käme es erst zu einem Großen Gamot, wäre Snape als Tränkemeister von Hogwarts vorerst nicht mehr tragbar.
Harry legte den Zettel vor sich auf das Pult und strich ihn sorgfältig mit den Fingern glatt. Wider Erwarten konnte er sich an jedes Wort seiner Rede erinnern, wahrscheinlich gerade deshalb, weil er mit seinen seichten Worthülsen nicht gegen die gewiefte Taktik von Wellington Cuttlefish ankommen würde. Cuttlefish hatte bei den Zauberern und Hexen des Gamots einen Nerv getroffen. Er hatte Erinnerungen an Voldemort geweckt, alte Wunden aufgerissen und Ängste geschürt, die tief in jedem hier schlummerten.
Im Saal war es immer noch ruhig, obwohl Harry sich mit seiner Verteidigungsrede Zeit ließ. Noch einmal überflog er die hohlen Phrasen und erbaulichen Satzkonstruktionen, die er gemeinsam mit Ginny aus alten Reden herausgefischt und dann zu einem neuen Text zusammengefügt hatte. Doch mit Wortakrobatik aus x-mal gehörten Satzfetzen würde er heute niemanden erreichen.
Harry musste etwas sagen. Genau jetzt. Noch bevor das vorsichtige Gemurmel auf den Rängen zu einem vorlauten Getuschel anschwellen konnte. Nur was? Was, bei Merlin, hätte Albus Dumbledore getan?
Natürlich! Das war eine Frage, die Harry vielleicht beantworten konnte: Was hätte Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore an seiner Stelle getan?
Harry ließ seine Hand langsam von der Brust zur Mitte seines Bauches gleiten, als striche er sich über seinen nicht vorhandenen langen, weißen Bart. Dann blickte er in das weite Rund des Gamot und machte dabei einen so erstaunten Gesichtsausdruck, als hätte er die Anwesenden gerade erst bemerkt. Als Harry dann Percy Weasley zuzwinkerte, hatte er für einen Moment das Gefühl, er habe die Grenze des guten Geschmacks überschritten, doch Percy bekam nur rote Ohren und beugte sich geschwind mit gezückter Feder über den Protokollbogen.
In diesem Moment beschloss Harry, die „Beweise", die Cuttlefish geliefert hatte, wohlwollend zu ignorieren. Ohne eine Spur von Angst, begann er zu reden. Der erste Teil der Rede war einfach, denn er war jedes Mal gleich. Zuerst mussten alle wichtigen Persönlichkeiten namentlich begrüßt werden, was Minister Shacklebolt umfasste, etliche seiner Gefolgsleute, hohe Würdenträger aus dem Gamot und sonstige Zauberer und Hexen mit ruhmreicher Vergangenheit. Die Begrüßung zog sich wegen der großen Anzahl an wichtigen Persönlichkeiten etwas in die Länge, und Harry nahm sich zwischendurch die Zeit, Mafalda Goldstein vom Tagespropheten ein kurzes Lächeln zu schenken. Mafalda bedeutete ihm Kaugummi kauend, dass er sich diesen Eiertanz ihretwegen hätte sparen können. Ihre magische Schreibfeder hing orientierungslos in der Luft, schwebte mal nach links und dann wieder nach rechts, ohne sich recht zum Schreiben durchringen zu können. Auch wenn Harry eine gewisse Abneigung gegen magische Federn verspürte, wusste er, dass er im Notfall auf Mafalda zählen konnte. Falls die Sache heute total in die Hose gehen würde, würde sie wohl ein Auge für ihn zudrücken.
Snape dagegen war in den Zustand gespielten Desinteresses zurückgekehrt. Scheinbar interessierte er sich nicht für die Verhandlung, die über sein weiteres Schicksal entscheiden konnte. Zu Beginn der Begrüßungsfloskeln hatte er noch knapp an Harry vorbei ins Leere gestarrt, gegen Ende schien er jedoch eingeschlafen zu sein, was Harry doch etwas nervös machte. Aber vielleicht war es auch besser, wenn Snape nicht allzu viel von Harrys Verteidigung mitbekam, denn seine neue Strategie, die ihm erst vor Minuten in einem lichten Moment eingefallen war, würde Snape nicht unbedingt gutheißen. Komischerweise war es Harry dieses Mal vollkommen egal. Er hatte hier eine Mission zu erfüllen, musste dafür sorgen, dass Großmeister Cuttlefish einpacken konnte und Snape weiter die armen Kinder in Hogwarts in die hohe Kunst der Zaubertränke einweihen konnte. Mit der Gewissheit, dass seine Strategie genauso hinterhältig wie wirksam sein würde, begann er mit fester Stimme den eigentlich wichtigen Teil seiner Rede:
„Severus Snape hat, und das sollte allen Anwesenden bekannt sein, während des Krieges für beide Seiten gearbeitet. Und dies bedeutet, dass es trotz der Beweise, die gegen ihn sprechen, es Fälle gibt, in denen er seine Loyalität gegenüber Dumbledore gezeigt hat. Wo wären Emmeline Vance, Gabriella Mather, aber auch Hermine Granger, Ronald Weasley und ein gewisser Harry Potter ohne die Hilfe von Severus Snape? Ich kann Ihnen diese Frage beantworten. Sie lägen höchstwahrscheinlich unter der Erde. Natürlich kann man das eben Gesehene nicht einfach unter den Tisch kehren und so tun, als ob es nicht geschehen wäre. Hätte Snape den Tod von Charity Burbage verhindern können? Hätte er während der Schlacht von Hogwarts früher eingreifen können, um mehr Menschenleben zu retten?
Am Ende steht Aussage gegen Aussage und es bleibt die Frage, die scheinbar niemand so recht beantworten kann. Können wir Severus Snape vertrauen?
Ganz egal für welche Seite Severus Snape im Krieg gekämpft hat, so ist er ohne Zweifel ein hervorragender Schauspieler. Ja, man möge dafür plädieren, dass Professor Snape einen Preis für seine außerordentlichen Fähigkeiten in der Okklumentik und darüber hinaus für sein herausragendes schauspielerisches Talent erhält, denn er hat einen der größten Legilimens der jüngsten Vergangenheit über Jahre hinweg zum Narren gehalten. Es fragt sich nur, ob der Narr Albus Dumbledore oder Lord Voldemort hieß."
Harry hielt inne, um seinen letzten Worten Zeit zu geben, ihre Wirkung zu entfalten. Dabei riskierte er einen weiteren Blick auf Snape, der immer noch in seinem Stuhl zu schlafen schien. Harry strich noch einmal über das bedeutungslose Blatt Papier vor sich. Er wusste, dass der nächste Schritt gewagt war, aber er musste diese Karte einfach spielen, denn er hatte keinen weiteren Trumpf in der Hand.
„Albus Dumbledore und Tom Riddle waren beide begnadete Legilimens, doch wessen Urteil sollen wir folgen? Wer hatte die größere Menschenkenntnis, wer den schärferen Verstand? Welcher dieser beiden großen Magier hat sich täuschen lassen?
Immer dann, wenn meine eigenen Zweifel an der Loyalität Snapes überhandnahmen, gab mir Albus Dumbledore nur eine einzige Antwort: Ich vertraue Severus Snape!"
Harry ließ seinen Blick über die Ränge des Gamots schweifen und sah, dass er sein Ziel schon fast erreicht hatte. Deshalb holte er zum finalen Schlag aus:
„Heute vertraue ich Severus Snape! Der Mann, der für seine Loyalität beinahe mit dem Leben bezahlt hätte. Doch falls es Ihnen, meine Damen und Herren, immer noch schwer fällt, ihm zu vertrauen, so folgen sie doch wenigstens dem Urteil von Albus Dumbledore. Dumbledore war nicht nur ein weiser und außerordentlich mächtiger Magier, sondern vor allem ein Mann, der das Gute selbst in jenen erkennen konnte, die alle anderen schon abgeschrieben haben."
Jetzt war die Katze aus dem Sack! Vertrauen Sie Dumbledore! Das war natürlich ein Totschlagargument und Harry war sich dessen vollkommen bewusst. Einen Raunen ging durch den Saal und selbst Snape hatte sein Nickerchen beendet, nur, um Harry durchdringend anzuschauen. Zuerst zeigte Snapes maskenhaftes Gesicht keine Emotionen, doch als Snapes Mundwinkel kurz nach unten zuckte, wurde Harry klar, dass er für diese Rede von Snape nicht einmal die Note Troll erhalten hätte. Wahrscheinlich fielen Snape noch einige magische Wesen ein, die einen niedrigeren Intelligenzquotient als Trolle hatten, doch Harry gab auf Snapes Meinung in diesem Augenblick überhaupt nichts. Er musste nicht Snape überzeugen, sondern das Zaubergamot! Und er spürte bereits jetzt, dass es am Ende ein Sieg auf ganzer Linie sein würde.
Und so war es auch. 63 Stimmen (bei drei Enthaltungen) von 66 stimmberechtigten Zauberern und Hexen votierten für Harrys Antrag, die Anklage gegen Severus Snape in allen Punkten fallen zu lassen und damit die Akte Snape endgültig zu schließen. Cuttlefish sah aus wie ein begossener Pudel, als er mit zerknirschter Miene Harry die Hand reichte.
Allein Snape hielt es für unnötig, sich bei Harry zu bedanken und verließ mit wallenden Gewändern den Saal. Niemand wagte es, ihn auch nur allzu offensichtlich anzusehen.
„Noch immer zur Stelle, um anderen Leuten den Tag zu retten?"
Harry drehte sich langsam um, und gerade als ihm eine treffende Erwiderung auf Lucius Malfoys süffisante Bemerkung auf der Zunge lag, war sie Harry auch schon wieder entglitten. Und so starrte er nur mit halboffenem Mund den weißblonden Slytherin nach, der sich mit seiner Frau unter die Menge mischte, ganz sicher, um im gekonnten Smalltalk die atemberaubenden Enthüllungen der letzten Stunde immer wieder Revue passieren zu lassen, bis dann schließlich gut einhundert verschiedene Versionen der Geschichte aus dem Zaubergamot in die Welt hinausgetragen werden würden. Mafalda Goldstein vom Tagespropheten wirkte jedenfalls hochzufrieden, als sie Harry kurz anerkennend zunickte. Ihre flinke Schreibfeder schon längst verstaut, lauschte sie nun lächelnd dem aufgeregtem Geschnatter einiger Frauen.
