So, wie versprochen, hier der zweite Teil des 36. Kapitels.

Und ich wollte mich nochmal bei allen alten und neuen Fans bedanken. Ihr seid doch alle verrückt *grins*

36. Verändert_2

Der zaghafte Frühling wuchs sich in den nächsten Tagen zu einem regelrechten Frühsommer aus. Obwohl es noch kaum April sein konnte, strahlte die Sonne heiß vom wolkenlosen Himmel. Vögel jagten sich in den Büschen unter Liliths Fenster. Und wenn sie nicht zeternd durch die Zweige flatterten, weckten sie sie im Morgengrauen mit ihrem Gesang. Den Blättern und Grashalmen konnte man fast beim Wachsen zusehen. Zu den Hyazinthen im Schatten der Mauer gesellten sich noch unzählige weitere Blumen. Tulpen, Gänseblümchen und andere, die Lilith noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.

Die Luft war erfüllt vom Summen der Bienen und Hummeln. Direkt im Ring unter den Häusern der Heilung musste ein Bäcker sein Handwerk nach dem Krieg wieder aufgenommen haben. Der Duft von frisch gebackenem Brot füllte so manches Mal Liliths Zimmer und ließ ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen. Von Merrys sehnsüchtig verdrehten Augen ganz zu schweigen.

Überhaupt ertappte sie sich immer öfter dabei, ungeduldig auf die nächste Mahlzeit zu warten. Die Übelkeit und der Schwindel waren beinahe verschwunden. Stattdessen verspürte sie einen wahren Heißhunger auf Milch und jede Art von frischer Nahrung. Vor allem letztere war um diese Jahreszeit leider kaum zu bekommen. Oft träumte sie von den Kirschen aus dem Garten ihrer Eltern oder von Pfirsichen, wenn alles was ihr blieb, ein verschrumpelter Apfel vom letzten Herbst war.

Davon abgesehen jedoch ging es Lilith von Tag zu Tag besser. Nach einem Spaziergang durch den Garten fühlte sie sich nicht mehr zu Tode erschöpft. Selbst ihre gebrochene Rippe schien endlich verheilt zu sein.

„Das Schlimmste ist erst einmal überstanden", bemerkte Morwen, womit sie sowohl die Vergiftung als auch die Schwangerschaft meinte. „Jedenfalls bis du so dick wirst, dass du dich kaum mehr bewegen kannst."

„Danke für die Aufheiterung", gab Lilith zurück, doch es war nicht böse gemeint. Wie sollte sie miesepetrig und verzweifelt bleiben, wenn um sie herum alles vor Hoffnung und Vorfreude platzte? Außerdem schien Oktober, der Monat, den Morwen für die Geburt ihres Kindes ausgerechnet hatte, eine halbe Ewigkeit entfernt zu sein.

Merry brachte ihr unermüdlich jeden Tag ein neues Lied aus dem Auenland bei. Inzwischen waren sie bei den Trinkliedern angelangt. Es machte ihr erstaunlich viel Spaß. Wer auch immer die beiden im Duett hörte, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Und sie bekamen immer mehr Zuhörer in den Gärten an der Mauer. Freiwillige und Unfreiwillige, die mit ihren Krücken nicht schnell genug fliehen konnten. Verwundete, die soweit genesen waren, dass es sie wieder unter den blauen Himmel zog. Soldaten aus Minas Tirith, die meist respektvoll Abstand zu Lilith und vor allem Eowyn hielten.

Von allen schien allein Eowyn oft unglücklich und traurig zu sein. Nur Merry gelang es ab und zu ihr ein schwaches Lächeln zu entlocken. Jetzt war es Lilith, die Eowyn zu Ausflügen in den Garten ermunterte oder sie über das Land ihrer Herkunft ausfragte. Sie versuchte ein paar Brocken Rohirrim zu lernen. Eine Sprache, die gut zu den weiten Grasflächen passte, die Eowyn beschrieb.

Dazwischen blieb ihr nur wenig Zeit im Buch ihrer Urgroßmutter zu lesen. Sie schaffte es immer noch nicht, sich längere Zeit zu konzentrieren. Außerdem war es geradezu unmöglich, sich in die geschwungene Handschrift zu vertiefen, wenn alle paar Minuten Merry seinen Lockenkopf zur Tür hereinstreckte oder schwere Schritte den Gang entlangpolterten. Sie brauchte einen ruhigen Ort. Stille. Und sie wusste auch, wo sie diese finden würde.

„Ins Archiv?" wiederholte Morwen nachdenklich, als sie danach fragte.

„Es ist nicht allzu weit. Nur durch den sechsten Ring und in die Festung hinauf."

Die Heilerin schmunzelte. „Ich kenne den Weg." Sie betrachtete Lilith prüfend von oben bis unten. „Wahrscheinlich ist es sowieso an der Zeit, dich auszuquartieren."

„Auszuquartieren?" Diese Aussage überraschte Lilith dann doch. Sie hatte insgeheim befürchtet, Morwen würde sie nicht gehen lassen. „Wohin?"

„In dein altes Zimmer in den Gästeunterkünften. Ich werde deine Sachen dorthin bringen lassen während du weg bist."

Lilith nickte unsicher. Mit einem Mal kam sie sich wieder ein wenig verloren vor. Die Häuser der Heilung waren ein sicherer Hafen gewesen. Jetzt sollte die wieder auf das Meer hinaus.

„Du kannst jederzeit vorbeikommen, wenn du etwas brauchst", versicherte die Heilerin. Zeigten sich ihre Gedanken so deutlich auf ihrem Gesicht? „Immerhin musst du weiterhin der Herrin von Rohan Gesellschaft leisten, nicht wahr? Und Merry natürlich auch. Glaub nicht, dass ich Mithrandirs Auftrag vergessen habe. Du wirst mich nicht so einfach loswerden." Morwen grinste. „Schließlich brauchst du ab und zu jemanden, der dir den Kopf wieder geraderückt." Und damit hatte sie, wie so oft, verdammt Recht.

Der Weg durch die Straßen hätte nicht unterschiedlicher von Liliths letztem Gang in die Festung sein können. Statt Waffen und finstere Mienen schien jeder Bewohner Minas Tiriths ein Werkzeug in der Hand und ein Leuchten in den Augen zu haben. Die ersten Wagen aus den südlichen Lehen waren eingetroffen und Kinder rannten wieder lärmend durch die heimatlichen Gassen. So weit oben hatte die Belagerung keinen Schaden an den Häusern hinterlassen. Fensterläden wurden aufgestoßen, Innenhöfe ausgefegt und überall herrschte rege Betriebsamkeit.

Lilith bemerkte den einen oder anderen neugierigen Blick. Zum Glück waren es weit weniger als sie befürchtet hatte. Noch waren alle mit anderen Dingen beschäftigt. Mit wichtigerem als dem Klatsch oder den düstern Geschichten aus der Belagerungszeit. Die Wachen am Tor der Festung ließen sie ungefragt passieren. Auf der langen Wendeltreppe musste sie dann allerdings auf halber Höhe eine kurze Verschnaufpause einlegen. Aber nicht einmal ihr heftig pochendes Herz konnte ihr die Freude auf das Archiv verderben.

Der Geruch nach altem Leder und Staub umfing sie wie eine warme Decke. Durch das kleine Fenster in der Kuppel fiel ein Bündel Sonnenstrahlen. Wie ein Speer aus Licht bohrte es sich in die Dämmerung zwischen den Regalen. Buchrücken reihte sich an Buchrücken. Die roten Lampen flackerten träge. Lilith sog tief die Luft ein und lächelte. Nirgends in Minas Tirith würde sie sich je so wohl fühlen wie hier.

Die Tür fiel mit einem leisen Klicken hinter ihr ins Schloss. Das kleine Geräusch lief durch die Stille wie ein Windstoß durch einen Pappelhain. Vor Liliths imaginärem Auge flatterten Buchseiten.

„Nein", krächzte in dem Moment eine aufgebrachte Stimme. „Hinaus. Auf der Stelle. Ich habe genug von euch Störenfrieden. Der Nächste, der es wagt, ein Buch anzufassen, wird sich zu den Orks zurückwünschen. Dreistes Pack."

Meister Saelon bog um die letzte Regalreihe. So schnell hatte Lilith ihn noch nie laufen sehen. Sein Gesicht war dunkelrot angelaufen. Selbst seine Glatze leuchtete. Er zitterte vor Entrüstung. „Verschwindet, oder…" Er hielt unvermittelt an und blinzelte. Die unzähligen Fältchen in seinem Gesicht bewegten sich auf und ab. „Oh, Ihr seid es", bemerkte er schließlich. Etwas hatte ihm den Wind aus den Segeln genommen.

In seinem gewöhnlichen Tempo schlurfte er an Lilith vorbei und schob den Riegel vor. „So. Das hätte ich schon lange tun sollen. Plündernde Orkbanden könnten nicht schlimmer sein." Seine Kiefer bewegten sich weiter in stummen Verwünschungen.

Erst jetzt fand Lilith ihre Sprache wieder. „Schlimmer als was, Meister Saelon?"

„Diese unverschämten Trampel, die unablässig zur Tür hereinkommen." Er rüttelte noch einmal an dem Riegel. „Möchte sehen, wie ihnen das jetzt gelingt."

„Was wollen sie?"

„Auskünfte. Zuerst. Und als das nicht mehr reichte, Bücher." Unwillig zupfte er an seinem langen dünnen Bart. „Alte Bücher. Solche von denen der alte Elatan schon sagte, dass wir dringend neue Abschriften brauchten. Keine Zeit, keine Männer. Seit Jahrzehnten nicht. Und auf einen Schlag möchte ein jeder wissen, was in ihnen geschrieben steht. Überlieferte Gesetze. Regeln aus der Königszeit." Er knurrte. „König hier, König dort. Keine Rücksicht auf kostbare Schriftstücke und auf einen alten Mann schon gar nicht. Seht Euch das an." Er deutete auf einen niedrigen Tisch am Ende des Ganges. Auf ihm lag ein aufgeschlagener Foliant. Daneben der Fetzen einer beschriebenen Seite, brüchig und ausgefranst. Als könne das Papier jeden Moment zu Staub zerfallen. „Wenn sie so weitermachen werden wir bald kein Archiv mehr haben, sondern Brennmaterial und leere Regale."

Es klopfte.

„Es gibt keine Bücher mehr", fauchte Saelon. „Schert Euch zurück zu euren Schweinen, ihr Metzger."

Es klopfte abermals. Wutentbrannt riss der Archivar die Tür auf.

„Seid Ihr zu allem Überfluss auch noch taub? Verschwindet!

Sein Gegenüber, ein Botenjunge in Bergils Alter, wich mit weit aufgerissenen Augen zurück. „Verzeiht, aber der Kanzler…"

„Es ist mir gleich, wer dich schickt. Fort mit dir. Und wenn du es auch nur wagst, noch einmal…" Mehr war nicht nötig. Mehrere Stufen auf einmal überspringend, nahm der kleine Störenfried Reißaus.

Mit einem dumpfen Schlag fiel die Tür zu. Saelon atmete heftig. Eine dicke Ader pochte an seiner Schläfe. Sie sah aus als würde sie gleich platzen.

Lilith schüttelte den Kopf. „Das kann so nicht weitergehen", stellte sie nüchtern fest. Über kurz oder lang würde den alten Archivar der Schlag treffen, wenn er sich weiter so aufregte.

„Erzählt das diesen ungebildeten Rüpeln", brummte Saelon. Er trat an den Tisch und starrte unglücklich auf das zerfledderte Buch hinunter.

Lilith überlegte einen Moment. „Ich könnte Euch helfen."

„Mir helfen?" Misstrauisch runzelte er die Stirn.

„Mit den Büchern meine ich." Plötzlich nahm ein Plan in Liliths Kopf Gestalt an. „Ich könnte sie für Euch holen, wenn Ihr mir sagt, wo sie stehen. Ich könnte sie denjenigen bringen, die darin lesen möchten. Sie nach ein paar Tagen wieder abholen. Darauf achten, dass sie vorsichtig behandelt werden. Natürlich nur falls Ihr einverstanden seid", fügte sie rasch hinzu.

Saelon erwiderte nichts. Er betrachtete sie nachdenklich unter zusammengezogenen Brauen.

„Die Heiler haben ganze Arbeit geleistet, wie ich sehe", murmelte er nach einer halben Ewigkeit. „Vorlaut wie eh und je möchte ich meinen." Seinen Worten zum Trotz funkelten seine Augen belustigt. „Es geht Euch wieder gut?"

Lilith nickte.

„Gut genug um auf meine Bücher aufzupassen?"

Ein erneutes Nicken.

„Es gibt unzählige Gerüchte über Euch in der Stadt. Selbst mir sind einige davon zu Ohren gekommen."

Lilith schluckte. „Ist das wichtig?", fragte sie unsicher.

Er winkte ab. „Dummes Geschwätz. Was wirklich zählt, ist dies: Ich sehe bei weitem nicht mehr so gut wie ich gerne möchte. Mein Rücken schmerzt, wenn ich mich bücke. Seit Jahren bin ich keine Leiter mehr hinaufgestiegen. Ihr habt junge Augen, junge Beine und vor allem einigermaßen Verstand. Mehr als diese Tölpel mit ihren Amtstrachten und Gerüchten jedenfalls. Am Lesen der Tengwar müssen wir vielleicht noch ein wenig arbeiten. Doch ansonsten…" Er legte den Kopf schief. „Haltet mir diese Einfaltspinsel vom Leibe und ich zeige Euch vielleicht, wie man wirklich mit Büchern umgeht."

Lilith lächelte.

Ihr weiterer Tag wurde alles andere als ruhig. Der Botenjunge kehrte bald in Begleitung eines resoluten Kammerdieners zurück, der sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen ließ. Saelon und Lilith jedoch waren inzwischen vorbereitet. Während Lilith exakt nach seinen Anweisungen ein schweres Bündel in Leinwand gebundener Dokumente von einem der oberen Regalbretter holte, erklärte der Archivar den beiden Eindringlingen genau, wie es in Zukunft ablaufen würde.

„Meine Gehilfin wird das Buch nur in die Hände eures Herrn übergeben und ihm meine Bedingungen nennen. Sollte er sich weigern, kann sie es wieder mitnehmen. Ihr Wort gilt in dieser Sache als das meine. Nach drei Tagen wird sie es wieder abholen. Und sollte es verschwunden, oder auf irgendeine Weise beschädigt sein, dann schwöre ich wird der Truchsess davon erfahren. Und es wird ihm nicht gefallen."

Der Junge und der Diener tauschten einen vielsagenden Blick. Sie hielten den Archivar für nicht ganz richtig im Kopf. Lilith konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Doch ihnen blieb keine Wahl. Jedenfalls nicht, wenn sie nicht unverrichteter Dinge zurückkehren wollten. Sie nickten.

„Sorgt dafür, dass es sich herumspricht", trug Meister Saelon ihnen zu guter Letzt noch auf. „Ich bin zu alt um mich ständig zu wiederholen."

Lilith bemühte sich vergeblich um einen ernsten und würdevollen Gesichtsausdruck. Sie kicherte leise. Zu ihrem Glück hörte es niemand.

Dreimal musste sie an diesem Tag mit einem oder mehreren Schriftstücken im Arm die Wendeltreppe hinunterlaufen. Dreimal die ihr von Saelon eingebläuten Regeln wiederholten. Dreimal die Blicke ertragen. Ungläubige, unwillige und belustigte. Aber auch anzügliche.

Der Letzte, ein Ratsherr mit einzelnen weißen Haaren in seinem schwarzen Bart, begutachtete sie unverhohlen von Kopf bis Fuß. Lilith fühlte sich regelrecht nackt. Am liebsten wäre sie davongelaufen. Ihre Stimme zitterte ein wenig. Sie war sich sicher, dass er wusste wer sie war und was es mit ihr auf sich hatte. Dass er abschätzte, was für eine Frau Boromir sich zu seinem Vergnügen ins Bett geholt hatte. Auf dem Rückweg ins Archiv fühlte sie sich hundeelend.

„Meister Saelon", begann sie deswegen nur wenig später. Unnötig, es noch länger hinauszuzögern. „Bevor Ihr noch mehr haarsträubende Gerüchte über mich hört, sollt Ihr die Wahrheit aus meinem Mund erfahren. Ja, ich erwarte ein Kind, und Boromir ist sein Vater."

Der Archivar rollte das Pergament in seinen Händen sorgfältig zusammen. Dann legte er es beiseite und sah sie an. Er nickte. „Wir sehen uns morgen Früh."

ooo

Als sie an diesem Abend in ihr Zimmer im Gästehaus zurückkehrte, fand sie ihre beiden neuen Kleider. Sie lagen ausgebreitet auf dem Bett.

Das eine war beige mit breiten dunkelbraunen Säumen. Es bestand aus einem leichteren Stoff als das blaugraue, das sie trug. Die enganliegenden Ärmel reichten gerade bis zu ihren Ellenbogen. Ein Sommerkleid für die warme Jahreszeit. Die nächsten Monate. Lilith betrachtete die beiden seitlichen Schnürungen. Sie konnte es so eng stellen, dass es passte, doch darunter befand sich noch reichlich Stoff zum Zugeben. Sie legte es beiseite.

Das tiefe Weinrot des anderen trank die letzten Sonnenstrahlen. Der Stoff fühlte sich sonderbar glatt und steif unter ihren Fingern an. Taft. Zierliche Stickereien aus einem glänzenden schwarzen Faden umrahmten den geraden Ausschnitt und die Handgelenke. Unter der Brust befand sich ein breiter schwarz weißer Streifen aus einem noch unnachgiebigeren Stoff. Ehrfürchtig hielt Lilith das Kleid hoch. Es war schwer, der Rock weit und aus mehreren Lagen. Ein Gewand wie aus einem Märchen. Etwas Derartiges hatte sie noch nie in ihrem Leben getragen. Allerdings hatte sie auch noch nie der Krönung eines Königs beigewohnt. Des ersten Königs seit über tausend Jahren. Sie dachte an Aragorn in seinen schmutzigen Stiefeln. An seinen abgetragenen Umhang bevor er den aus Lothlorien bekommen hatte. Sie schüttelte den Kopf.

Dieses Geschenk konnte sie nicht annehmen. Das beige Kleid, meinetwegen. Es war gut gearbeitet, nicht auffällig und sie brauchte wirklich eines zum Wechseln. Doch das andere…sie bekam ein schlechtes Gewissen, wenn sie es auch nur ansah. Wie aber sollte sie es zurückgeben ohne es wie eine Kränkung wirken zu lassen?

Sie erinnerte sich an den abweisenden Blick der Näherin und schauderte. Nein. Lieber wollte sie sich unwohl fühlen als ihr noch einmal über den Weg zu laufen.

Sie legte die beiden Kleider vorsichtig in die flache Truhe an der Wand. Sie enthielt ihre Reisekleidung aus Lothlorien und Galadriels Dolch. Sonst nichts. Sie besaß nichts. Nichts, was sie noch mit ihrer eigenen Welt verband. Sie war gestrandet. Allein. Gänzlich vom Wohlwollen anderer abhängig. Sie seufzte. Als Saelons Gehilfin konnte sie wenigstens einen Teil dieser Schuld wiedergutmachen. Einen kleinen zumindest.

Lilith schloss den Deckel und ging ins Bett. Morgen gab es viel zu tun.

ooo

Das Gästehaus des weißen Turms stand nicht länger leer. Schon beim Aufwachen hörte Lilith Schritte und Stimmen um sich herum. Ein unaufhaltsamer Menschenstrom ergoss sich durch das zerstörte Stadttor. Jeden Tag wurden die Straßen voller, die Plätze belebter. Marktbuden schossen hier und dort wie Pilze aus dem Boden.

Das Frühstück nahm Lilith in einem halbvollen Speiseraum im Erdgeschoss ein. Niemand schenkte ihr außergewöhnlich viel Beachtung. Es konnte ihr nur recht sein. Sie fühlte sich auffällig genug. Beim Anziehen ihres neuen beigen Kleides hatte sie zum ersten Mal bemerkt, dass sich ihr Bauch ein wenig wölbte. Nicht viel. Nur als ob sie in der letzten Zeit vielleicht ein wenig zu gut gegessen hätte. Doch sie wusste, was der eigentliche Grund dafür war. Wenn sie die Hand auf ihren Unterleib legte, konnte sie es deutlich spüren. Bald würde es sich nicht mehr verstecken lassen.

Den ganzen Vormittag lang sortierte sie unter Saelons strenger Aufsicht Handschriften aus der Königszeit. Beschichtetes Pergament in undurchlässigen Hüllen aus Tierblasen. Fein gewalztes Metall, dünn wie Alufolie, in das die Buchstaben haarfein geprägt waren. Dickes Papier von dem die Tinte in feinrotem Staub flockte. Der Archivar zeigte ihr wie sie das Metall aufrollen, das Papier behutsam anfassen und das Pergament verpacken sollte. Es war herrlich aber auch schrecklich anstrengend.

Saelon lobte sie nicht, doch er nörgelte äußerst wenig an ihr herum. Das allein kam einem triumphalen Sieg gleich. Sie lernte, dass es alte Formen der Tengwar gab, die heute nur noch wenige lesen konnten. Dass Schreiber ihrer Tinte Gold und Silber beigemengt hatten um sie länger haltbar zu machen und dass ein gekrönter Stern jene Regale kennzeichnete, die aus der glorreichen Vergangenheit übriggeblieben waren.

Als ein Diener gegen Mittag an die schwere Tür klopfte, hätte sie ihn am liebsten weggeschickt. Mit schmerzendem Rücken stieg sie hinter ihm die Treppe hinunter. Ein mächtiger Foliant machte sie langsamer als sonst. An den Rändern bröckelte der Einband bereits. Tiefe Risse zogen sich über den Buchrücken. Vielleicht sollte sie Saelons Ermahnungen noch ein paar eigene hinzufügen.

Sie stutzte erst, als sie das Portal direkt unter dem weißen Turm ansteuerten. Plötzlich wusste sie, zu wem sie das Buch bringen würde. Ihr Herz klopfte lauter als das Echo ihrer Schritte in der großen Thronhalle.

Auch hier herrschte rege Betriebsamkeit. Ganze Gruppen von Putzfrauen und Handwerkern wuselten emsig durcheinander. Beseitigten hier die Spinnweben aus den allerkleinsten Ecken hinter den Statuen, erneuerten dort die Marmoreinfassung einer Säule. An der Südseite reichte ein Gerüst bis zur Decke hinauf. Eine Staubwolke rieselte auf Lilith herunter. Sie merkte es nicht. Ihr Blick blieb starr auf die kleine Tür an der Rückseite der Halle gerichtet. Waren ihr dort jemals angenehme Dinge passiert?

Faramir sah auf als sie hereinkamen. Der Tisch vor ihm versank beinahe unter einem Berg aus Dokumenten.

„Ich hatte mir schon gedacht, dass du es bist." Eine Feststellung statt einer Begrüßung. Sein Gesicht blieb ernst, doch seine Stimme klang als würde er lächeln.

Liliths Mund war schrecklich trocken. „Wieso?"

„Man erzählt sich, Meister Saelon hätte jetzt eine Gehilfin. Nicht weniger streng als er aber bei weitem hübscher." Er hob die Augenbrauen. „Kein allzu schweres Rätsel möchte ich meinen."

Lilith sah zu Boden. Wieso errötete sie immer noch, wenn er solche Dinge sagte? Warum sagte er sie überhaupt? Wenigstens konnte sie das Buch endlich ablegen. Ihre Oberarme schmerzten bereits.

„Dann sind meine Anweisungen hier wohl überflüssig." Die Worte kamen ein wenig ruppig hervor. Musste er sie nicht als Schutzschild durchschauen? „Dir werde ich nicht mit dem Truchsess drohen können."

„Wohl kaum", stimmte er zu. „Meister Saelons ewige Feindschaft jedoch schreckt mich durchaus. Ich werde gut darauf aufpassen. Versprochen."

Er setzte seinen Namen unter das nächste Schriftstück, dann steckte er die Feder zurück ins Tintenfass. Sein Zeigefinger hatte einen schwarzen Fleck. Lilith starrte ihn an, unfähig den Blick davon zu wenden. Sie mochte seine Hände. Erinnerte sich daran wie es sich anfühlte, von ihnen berührt zu werden. Ob er wenigstens manchmal daran dachte?

„Lilith?"

Sie zuckte zusammen. Hörte sie da etwa Besorgnis in seiner Stimme?

„Wehr dich ruhig, falls er dir zu viel abverlangt. Du musst das nicht tun, weißt du."

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, es ist alles in Ordnung." Was für eine erbärmliche Lügnerin sie doch abgab. Aber was sollte sie ihm sonst sagen? Die Wahrheit? Dass sie nicht so tun konnte, als sei nichts zwischen ihnen geschehen? Ihr Magen krampfte sich dabei zusammen. „Danke für die Kleider." Kurz vor der Tür fiel es ihr gerade noch ein.

Faramir nickte nur.

„Ich bin auch froh, dass es dir wieder gut geht", platzte es plötzlich aus ihr heraus. Sie wusste selbst nicht woher es kam. „Als ich dich im Zimmer deines Vaters sah… bewusstlos…da…" Es gab keine Worte um es auszudrücken. „Es war schrecklich."

Faramir nickte wieder. Wusste er etwa auch nicht, was er sagen sollte? Er war doch sonst nie um Worte verlegen.

Eilige Schritte näherten sich, dann flog die Tür ohne ein Klopfen auf.

„Ein Bote aus Ithilien, Herr." Der Wachposten keuchte. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. „Ein Bote des Königs."

Faramir erhob sich. „Ich komme sofort."

Einen Augenblick später war er an ihr vorbei und ließ Lilith seltsam enttäuscht zurück. Die neugierigen Blicke des Dieners machten die Sache keineswegs besser. Trotzig reckte sie ihr Kinn in die Luft und machte sich auf den Rückweg.

Reichlich niedergeschlagen kam sie am Fuß der Wendeltreppe an. Fragen begleiteten jede Stufe. Als was wollte Faramir sie in Zukunft behandeln? Als einen weiteren Gast unter vielen? Als Freundin? Schwägerin? Nein. Sie schnaufte abfällig. Das war absurd. Der Stein des Handlaufs glitt kühl durch ihre Finger. Das nächste Mal sollte sie die Treppen zählen. Nur um zu wissen wie oft sie eigentlich den Fuß heben musste.

An einem halbrunden Fenster hielt sie kurz inne. Vom Hof klangen Stimmen und das Knarren von Rädern herauf. Er würde sie als das behandeln, was sie war. Ein Flüchtling. Eine Heimatlose, die Zuflucht unter seinem Dach gefunden hatte. Für die er Verantwortung trug. Nicht mehr und nicht weniger. Plötzlich hatte sie einen bitteren Geschmack im Mund. Zum Teufel mit seiner Freundlichkeit! Wollte er etwa so lange so tun als ob nie etwas zwischen ihnen gewesen sei bis es irgendwann aufhörte wehzutun? Bis sie es beide selbst glaubten? Es vergaßen?

Sie schmetterte die Tür so fest hinter sich zu, dass Staub von der Decke rieselte. Saelon bedachte sie mit einem äußerst vorwurfsvollen Blick. Ausnahmsweise war er klug genug, nichts zu sagen.

ooo

„Ich werde nach Ithilien gehen", rief Merry ihr entgegen, kaum dass Lilith die Häuser der Heilung abends betreten hatte. Er rannte auf sie zu und fuchtelte wild mit seinen Armen in der Luft herum. Sogar mit dem Verletzten. „Streicher selbst lässt nach mir schicken. Ich meine natürlich Argaorn. Der König. Ach, gleichgültig. Sie wollen Frodo und Sam ehren weil sie den Ring bis nach Mordor getragen und uns alle gerettet haben. Sie sind beide am Leben, Lilith. Ist das nicht unglaublich?" Er strahlte. „Und Pippin ebenfalls. Verletzt aber am Leben. Er hat in der Schlacht vor dem schwarzen Tor mit einem Höhlentroll gekämpft, kannst du dir das vorstellen? Unser Pippin mit seinem großen Mundwerk."

„Langsam, Merry", versuchte Lilith ihn zu bremsen. „Eines nach dem anderen. Woher weißt du das alles auf einmal?"

„Ein Bote ist heute Mittag gekommen. Hast du nichts davon gehört? Er war sogar hier. Erst beim Truchsess und dann hier. Auch Eowyn hat eine Nachricht erhalten."

„Von Aragorn?"

Merry hob abwehrend die Hände. „He, das weiß ich nun wirklich nicht." Er blinzelt zu ihr empor und runzelte kurz die Stirn. „Ich habe gehört, du arbeitest jetzt in den Archiven?"

„Ich gehe Meister Saelon zur Hand, ganz richtig. Es ist mehr Spaß als Arbeit."

Seite an Seite stiegen sie die Treppe zum ersten Stock hinauf.

„Spaß? Mit diesem mürrischen alten Kerl und einem Haufen verstaubter Bücher? Na ich weiß nicht recht." Der Hobbit verzog angewidert das Gesicht. „Möchtest du nicht lieber mit nach Ithilien kommen? Ich habe schon gepackt."

„Ich bin nicht eingeladen, Merry", erinnerte Lilith ihn. „Ich habe nie wirklich zu euch gehört und das weißt du auch. Wage es nicht zu widersprechen", fügte sie hinzu weil er schon im Protest begriffen den Mund öffnete.

Schließlich zuckte er nur ergeben mit den Schultern. „Ein wenig ungerecht ist es schon", murrte er, die Arme vor der Brust verschränkt.

„So ist das Leben", mischte sich eine dritte Stimme ein. Morwen stand in der offenen Tür eines Krankenzimmers. „Solltet Ihr nicht in Eurem Bett sein wenn Ihr im Morgengrauen aufbrechen wollt? Sie werden nicht auf Euch warten, Herr Brandybock."

„Und alles ohne Frühstück möchte ich wetten", erwiderte er erbost. „Sitten sind das in diesem Land. Ein wenig gesunder Hobbitverstand würde hier nicht schaden." Er schlurfte davon.

Morwen schmunzelte, dann warf sie einen kritischen Blick auf Lilith. „Gut siehst du aus. Das Bücherschleppen scheint dir zu bekommen."

„Ist eigentlich alles, was ich tue öffentlich bekannt?" So langsam ging es ihr gehörig auf die Nerven. Dies sollte die Hauptstadt des großen Reichs Gondor sein? Es war ein Dorf.

„Nicht alles, aber vieles", gab die Heilerin zu. Dann verschwand der fröhliche Ausdruck von ihrem Gesicht. „Du solltest zu Eowyn gehen."

Ein flaues Gefühl breitete sich in Liliths Magen aus. „Was ist passiert?"

„Ich bin mir nicht sicher. Sie hat uns Heilern die ganze Zeit Sorgen bereitet, aber seit der Bote heute bei ihr war ist es schlimmer geworden. Du bist fast so etwas wie ihre Freundin. Sprich du mit ihr."

Sie fand Eowyn im hintersten Winkel des Gartens. Dort, wo die Mauer von einem Kastanienbaum überschattet steil nach Osten abfiel. Sie drehte sich nicht um. Ignorierte das Knirschen von Kies unter Liliths Schuhen. Ihr Blick blieb in die Ferne gerichtet. Auf die Gipfel des Schattengebirges, über denen soeben der erste Stern erschien.

„Brecht Ihr morgen auch nach Ithilien auf?" Warum sollte sie erst um den heißen Brei herumreden? Sie hatte Eowyn immer für eine direkte Frau gehalten. Sie legte ihre Hände auf die glatten Steine der Mauerkrone.

„Wer hat Euch geschickt?" Eowyns blaue Augen blitzten wütend. Der Rest ihres Gesichts blieb unbewegt. „Meriadoc? Diese dreiste Heilerin, die sich immer in anderer Leute Angelegenheiten einmischt?"

Lilith antwortete nicht. Das gleiche hatte sie über Morwen auch schon gedacht. „Merry hat mir erzählt, dass er morgen geht. Und da dachte ich…"

„Dann habt Ihr falsch gedacht. Ich werde nicht gehen." Sie wandte sich ab. Vor dem Stamm der Kastanie blieb sie noch einmal stehen. Ein heller Nebelstreif vor der dunklen Rinde. „Mein Bruder lässt mich rufen. Er möchte, dass ich dabei bin. Ich werde ihn enttäuschen müssen."

Wie vom Blitz getroffen starrte Lilith auf Eowyns Rücken. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Ihr Bruder, hatte sie gesagt. Hatte es seltsam betont. Unabsichtlich zweifellos, doch Lilith bemerkte es trotzdem. Ihr Bruder hatte sie gerufen. Nur er. Niemand sonst. Nicht Aragorn. Lilith raffte die Röcke und lief ihr hinterher.

„Wartet", obwohl es nur ein paar Schritte gewesen waren, ging ihr Atem so viel schneller. Wie hatte sie nur so blind sein können? Dumm. Begriffsstutzig. Im Nachhinein war es offensichtlich. Wie oft hatte Eowyn nach Aragorn gefragt? Düster nach Osten geblickt. Es konnte keine andere Erklärung dafür geben.

Tatsächlich blieb Eowyn stehen. Ihre Miene hätte Lilith normalerweise schüchtern zurückweichen lassen, doch in diesem Moment machte sie ihr nichts aus. Die Erkenntnis brannte noch zu hell in ihrem Kopf.

„Ich habe auch einen großen Bruder", begann sie atemlos. Ein kurzer Stich von Heimweh in ihrer Brust. „Und wenn er mich bei einem Fest dabeihaben wollte, würde ich kommen. Erst recht bei einem so wichtigen."

„Ihr habt nichts verstanden." Erneut ließ Eowyn sie einfach stehen.

Lilith raffte alles an Mut zusammen, was sie besaß. Eowyn war eine Kriegerin. Sie hörte nicht auf Bitten. Nur auf Herausforderungen. „Im Gegenteil. Ich habe verstanden, dass Ihr noch feiger seid als ich."

Eowyn erstarrte auf der Stelle. Gefährlich langsam drehte sie sich zu Lilith um. Nur gut, dass sie keine Waffe in Griffweite hatte. „Ist das alles, was Euch einfällt? Beleidigungen?"

Lilith schluckte. Jetzt durfte sie nicht klein beigeben. „Wenn Ihr so wollt. Die Wahrheit trifft es wohl eher. Ich selbst bin feige, das gebe ich zu. Es macht mir nichts aus. Ich kann nicht kämpfen. Ich fürchte mich vor den geringsten Kleinigkeiten. Ich habe sogar mit einem Mann geschlafen um von ihm beschützt zu werden. Und jetzt fürchte ich mich vor jeder Begegnung mit einem, dem ich das verschwiegen habe. Den ich immer noch liebe. Vergeblich. Ihr hingegen seid stark. Unerschrocken. Ihr seid mit dem Heer Eures Onkels geritten und habt den Herrn der Nazgul besiegt. Ihr seid nicht wie ich. Und dennoch wollt Ihr Euren Bruder und unzählige andere Eures Volkes enttäuschen nur um nicht dem Mann zu begegnen, der Eure Liebe unerwidert lässt. Im Vergleich zu mir finde ich das erstaunlich feige." Mit einer fahrigen Bewegung strich sie sich eine lose Haarsträhne aus der Stirn. Ihre Hand zitterte. Sie hatte alles gegeben. Ob es gereicht hatte?

Eowyn schwieg eine ganze Weile. Selbst Lilith konnte den Kampf sehen, den sie innerlich mit sich selbst ausfocht. „Das erklärt eine Menge", sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang erstaunlich ruhig. „Ihr ratet mir also zu gehen?"

Lilith nickte. „Zeigt ihm, dass Ihr stark seid. Dass es weitergeht. Ohne ihn."

Eowyn lächelte gequält. „Gelingt Euch das denn? Mit dem Truchsess?" Sie hätte schon reichlich dumm sein müssen um das nicht zu erraten.

„Nein", gab Lilith zu. „Aber ihr sei anders als ich. Erwähnte ich das nicht bereits?"

„Nicht so sehr wie Ihr glaubt."

Gemeinsam gingen sie zum Haus zurück. Lampenschein fiel auf die Beete unter den Fenstern. Auf der Treppe trennten sie sich. Keiner fielen die rechten Abschiedsworte ein. Schließlich seufzte Eowyn.

„Nun habt Ihr mir keine Zeit mehr zum Packen gelassen."

Lilith lächelte.

ooo

Puh. Und wieder ein Stück Tolkien-Handlung verändert. Wenn das so weitergeht…

Ich hoffe, es stört euch nicht.