Kapitel 37 – Himmelhoch
März kam mit einem herrlich warmen Wetter. Die Bäume des Verbotenen Waldes entledigten sich ihres tristen Aussehens und begannen zu knospen und zu blühen. Es waren mehr Schüler auf dem Schlossgelände zu sehen. Der Hof war voll von Jugendlichen, die sich danach sehnten, die Sonne auf ihrer Haut zu spüren. Schöne Plätze am See waren besonders begehrt, doch nur angemessen für trockene Tage. Es war zur Gewohnheit für die Erstklässler geworden, durch die Schlosskorridore vor Filch zu fliehen, der seinen alten Rachezug gegen alle Arten von Schmutz wiederaufgenommen hatte.
Das letzte Quidditch- Spiel vor dem Finale sollte in einer Woche zwischen Slytherin und Hufflepuff stattfinden. Es war bereits entschieden, dass Gryffindor am Finalspiel teilnehmen würde – selbst jetzt wo Harry nicht mehr mit von der Partie war, war Ginny besser als der durchschnittliche Sucher. Rons Hüterkünste verbesserten sich beständig, wodurch sie gute Chancen auf den Pokal hatten. Ravenclaw war offiziell aus dem Rennen ausgeschieden, nachdem sie von Gryffindor und Hufflepuff vernichtend geschlagen worden waren, die zu aller Überraschung dieses Jahr eine erschreckend gute Mannschaft aufgestellt hatten.
Dracos Wecker ging los und er schlängelte seine Hand unter der Decke hervor, um ihn auszuschalten. Er hatte tatsächlich die letzte halbe Stunde wach gelegen und zugesehen, wie die Zeit verging, während er sich darauf konzentrierte, wie wichtig dieses nächste Spiel war. Er hatte mit seinem Team Hufflepuff Bewegungen und Spielzüge studiert, bis sie tief eingeprägt waren. Sie waren Gegenangriff für Gegenangriff durchgegangen und hatten sich zwei Spielzüge für jeden von ihnen überlegt. Sie waren bereit und Draco wusste es. Doch er konnte trotzdem das nervöse Gefühl nicht abschütteln, das sich in seiner Brust festgesetzt hatte. Es stand eine Menge auf dem Spiel.
In der Zeit vor diesem Tag hatten Zabini und seine zwei Handlanger aufgehört, ihn zu drangsalieren. „Ausnahmsweise setzen sie ihre Prioritäten richtig: das Spiel gewinnen, danach erst mir das Leben zur Hölle machen", dachte er mit einem trockenen Grinsen. Es war das einzige Mal, da Draco sich erinnern konnte, dass er froh war, an zweiter Stelle zu stehen. Er hatte auch das Gefühl, dass wenn sie dieses Spiel gewannen, es eine lange Zeit dauern würde, bevor er ihre Flüche wieder zu spüren bekam.
Mit einem Seufzen stand Draco vom Bett auf und schnipste nach einem Hauselfen. Die kleine Kreatur reichte ihm seine heiße Schokolade und Draco trat auf den Balkon. Er saß schweigend da, schaute auf den Wald hinaus, sein Körper von einer Gänsehaut bedeckt. Er war so eingenommen von der Morgendämmerung, dass er nicht bemerkte, wie Hermine zu ihm kam, bis sie ihre Hände über seine nackten Schultern und um seinen Hals fahren ließ. Dracos Gänsehaut verstärkte sich noch mehr und ein Schaudern fuhr durch seinen Körper.
„Bist du okay?", fragte sie und küsste ihn unter sein rechtes Ohr.
„Ich mache mir Sorgen um das Spiel."
„Es ist erst am Abend."
„Fünf Uhr, ich weiß. Aber es einfach so ein großes…" Seine Gedanken schweiften ab und sein Blick wurde wieder von dem Wald eingenommen, dessen lange Zweige leicht in der sanften Morgenbrise wogten. Scheinbar hatte dieser Anblick Hermine ebenfalls gefangen genommen, denn sie sagte nichts, sondern seufzte nur leise.
„Du kommst doch, oder?", sagte er, ohne seine Augen vom Wald abzuwenden. Es war gut, dass Hermine nicht die Sorge sehen konnte, die sich bei dieser einfachen Frage auf seinem Gesicht abzeichnete.
„Ja", sagte sie schlicht.
Seine Miene entspannte sich fast sofort und er nickte. Er nahm einen Schluck von seiner Schokolade. Die Sonne erhob sich langsam über die Spitzen der Bäume und verwandelte den Himmel in ein buntes Farbenspiel. Eine breite Farbenpalette überzog den Himmel, von dem weichenden tieflila der Nacht bis hin zum sanften Gelb der neugeborenen Sonne. Ein Schwarm von Vögeln flatterte aus dem Wald und flog über den Himmel in die Ferne davon. Draco nahm Hermines Hand und führte sie an seine Lippen. Er küsste sie sanft, bevor er sich in sein Zimmer zurückzog, um zu duschen und sich zu rasieren.
Hermine blieb auf dem Balkon und beobachtete den Rest des Sonnenaufgangs. Ihre Gedanken waren jedoch nicht so ruhig. Letzte Nacht hatte sie einen Brief von Moody erhalten. Der Orden hatte endlich das Versteck von Voldemort ausfindig gemacht. Sie brauchten noch eine letzte Information als Bestätigung, die, wie der Brief sagte, nächste Woche zu erwarten war. Im Licht dieser neuen Information plante der Orden eine Reihe von verdeckten Ermittlungen, die die Anzahl der Todesser verringern sollte. Dies räumte dem Orden etwa zwei Wochen ein, ein Einsatzkommando zusammenzustellen und sie auf ihre Mission vorzubereiten.
Diese Neuigkeit hatte Hermine gleichzeitig Hoffnung und ein starkes Gefühl von Furcht vermittelt. Es war nun möglich, Voldemort aufzuhalten oder zumindest ihn vor dem letzten Kampf zu schwächen. Doch welchen Verlust würde ihre Seite zu erleiden haben? Der Gedanke, ihre Freunde, nein, ihre Familie, zu verlieren, jagte ihr Angst ein. Während sie wusste, dass es notwendig war, wollte sie deren Leben nicht riskieren. Sie wollte mit jemandem darüber sprechen. Jemandem, der ehrlich und relativ objektiv war.
„Draco", dachte sie. „Ich möchte mit Draco sprechen." Worte von Moody, Channing und dem mysteriösen Geist im Keller des Grimmauldplatzes hallten in ihrem Kopf wider: Nimm dich in Acht, wem du vertraust. Sie schüttelte den Kopf, um diese Zweifel zu zerstreuen, die eine unsichtbare Wand zwischen ihnen geformt hatten. Hermine rief sich alles in Erinnerung, das Draco in den letzten Monaten für sie getan hatte, wie er sich verändert hatte, und lächelte.
„Ich vertraue ihm", dachte sie mit Gewissheit. Die Sonne hatte ihre Wanderung vollendet und stand nun voll überm Horizont. „Ich werde es ihm morgen mitteilen", dachte sie und erhob sich vom Tisch. Sie hörte, wie die Dusche ausgestellt wurde, und schritt zur Tür, um Draco etwas Privatsphäre zu geben.
Mit einer Grimasse trat Hermine in ihr Zimmer und griff nach dem Krug mit Flohpulver über ihrem Kamin. So sehr sie es fürchtete, konnte sie nicht länger aufschieben, mit Moody über Channing zu sprechen. Ihr Misstrauen gegenüber dem Mann war nur weiter angewachsen und wegen der kürzlichen Entwicklungen entschied sie, dass es entweder jetzt oder nie hieß.
Sie warf eine Handvoll Flohpulver in die Flammen, die von leuchtendem Orange zu einem grellen Grün wurden. Sie band ihre Haare zusammen, kniete sich hin und steckte den Kopf in die Flammen. „Grimmauldplatz" sagte sie und fast sofort fand sie sich im Salon des Ordens wieder. Zu ihrem Glück betrat Moody in genau diesem Moment den Raum.
„Professor!", rief sie vom Kamin aus.
Sie hätte es besser wissen sollen. Moodys blaues Auge wirbelte herum, während der alte Mann sich zu Boden fallen ließ, den Zauberstab zückte und ein Loch in den Kamin irgendwo über Hermines Kopf blies. Sie wich dem Schutt aus und versuchte, ihren Fehler wieder gutzumachen.
„Professor Moody, ich bin Hermine. Hermine Granger? Es tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe… ich hätte Ihnen schreiben sollen, bevor ich hier auftauche."
„Zu wahr, Miss Granger", knurrte der alte Professor. Er richtete sich vom Boden auf.
„Entschuldigung nochmal", wiederholte sie, „aber ich muss mit Ihnen über etwas sprechen."
Moody ließ einen Stuhl an den Kamin heranschweben und setzte sich mit einem leisen Plumps. „Worum geht es?"
„Es geht um Channing", sagte sie. Sie musterte Moodys Gesicht, doch der Ex-Auror wirkte völlig unbekümmert. Sie fuhr fort: „Ich glaube nicht, dass ihm vertraut werden sollte. Es gab ein paar Gelegenheiten, wo ich einfach dieses Gefühl von ihm bekommen habe… ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll… Einfach das Gefühl, dass mehr dahinter steckt als wir wissen… als wir sehen können… Ich bin nur nicht ganz sicher, ob seine Loyalität wirklich bei uns liegt."
Moody wirkte aufmerksam, doch gelangweilt. „Hast du irgendwelche Beweise?", fragte er mehr aus Gewohnheit als aus Neugierde.
Nun steckte Hermine fest. „Nein", sagte er aufrichtig, „habe ich nicht. Nichts Konkretes zumindest. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass etwas… faul mit ihm ist."
„Tja, ohne Beweise kann ich nicht wirklich etwas tun, oder?"
„Aber Sir, wenn Sie der Sache einfach nachgehen könnten… einfach ein bisschen… ich weiß, dass ich mich viel besser fühlen – "
„Du hast das Wort „fühlen" schon viel zu oft in dieser Unhaltung verwendet, Granger", blaffte Moody. „Es überrascht mich, dass jemand so Rationales wie du diese Art von wilder Anschuldigung machen würde, ohne jeglichen Beweis. Du weißt sehr gut, dass wir kopfüber in Planungen stecken und dass ich keine Zeit habe, dem Verdacht einer 17-jährigen Hexe nachzujagen."
„Aber Sir – "
„Hör zu, Granger, hör mir gut zu", fuhr Moody fort, „so tief deine persönliche Abneigung gegen den Mann auch sein mag, wir haben weder die Ressourcen noch die Zeit, dem weiter nachzugehen. Du wirst mir vertrauen müssen: wir würden es wissen, wenn wir einen Verräter in unserer Mitte hätten."
„So wie Sie es bei Professor Snape wussten?"
Die Worte entfuhren ihrem Mund, bevor sie sie aufhalten konnte, und Moodys Reaktion war augenblicklich. Sein elektrisierend blaues Auge hörte auf zu wirbeln und fokussierte sich auf sie und die Narben auf seinem Gesicht vertieften sich, als es sich vor Wut verzog. „Ich denke, wir sind fertig hier, Granger", knurrte der Mann. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, ich habe wichtige Angelegenheiten zu erledigen." Er humpelte überraschend schnell aus dem Raum und Hermine blieb allein und wütend im Feuer zurück.
„Tja, das war völlig nutzlos", schäumte sie, während sie ihren Kopf aus dem Kamin zog. Sie trat zum Balkon und riss das Fenster auf. Die kühle Luft war gleichzeitig beruhigend wie ernüchternd. Moody hatte nicht ganz Unrecht. Ihre Entscheidungen heute Morgen waren zu übereilt gewesen. Ein Mitglied des Ordens ohne jeglichen Beweis beschuldigen? Auf ein Gefühl hin handeln?
„Was zur Hölle habe ich mir dabei gedacht?" Ihre Ungläubigkeit wuchs weiter an. Sie unterdrückte den Drang, zurückzugehen und sich zu entschuldigen, und begnügte sich, ein kleines Stück Reue in ihrem Herzen zu behalten und sich ihr Buch über Alte Runen zu schnappen. Sie ging in den Gemeinschaftsraum, um für ein paar Stunden zu lernen – ein altbewährtes Heilmittel gegen jedes Übel.
„Draco, du solltest wenigstens etwas essen", sagte Hermine und schob einen Teller mit Würstchen und Kartoffelbrei vor ihn. Sein Magen tat einen Satz beim bloßen Anblick des Essens.
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich keinen Hunger habe", blaffte er. Sie hatten die Unterhaltung schon seit den letzten fünf Minuten durchgekaut und Draco wurde Hermines Besorgnis überdrüssig, egal wie angemessen sie auch sein mochte.
„Na schön", sagte sie mit gekränkter Stimme. „Dann iss eben nichts. Ich soll verdammt sein, wenn es mich schert, falls du mitten in dem albernen Spiel vom Besen fällst…" Sie verschränkte die Arme und lehnte sich schmollend in die Couch zurück.
Draco erhob sich und begann, vor dem Kamin auf und ab zu gehen. Die Umkleideräume würden erst in zwanzig Minuten aufgeschlossen werden, was bedeutete, dass Draco keine andere Wahl hatte als zu warten. Er kaute auf seiner Unterlippe herum und fuhr sich zum zehnten Mal in der Minute mit der Hand durchs blonde Haar, ein eindeutiges Zeichen seiner Unruhe.
„Kannst du dich nicht setzen?", keifte Hermine. „Du machst mich ganz nervös."
Wie auf glühenden Kohlen, fuhr Draco auf: „Was hast du schon für einen Grund nervös zu sein? Du bist doch nicht diejenige, die heute spielt, oder?"
„Nein", gab sie zurück, „ich schaue dir dabei zu, wie du bei dieser Todesfalle von Spiel mitmachst, von dem all ihr Männer unbegreiflicherweise besessen zu sein scheint! Du könntest mit Leichtigkeit umkommen und was würde dann aus mir werden?"
Er hatte keine Antwort darauf, doch zu brüllen brachte ihm ein besseres Gefühl. Er entschied sich zu einer anderen Angriffstaktik.
„Du trägst kein einziges Bisschen Grün!", sagte er anklagend.
Sie verdrehte die Augen und spottete: „Ja, das würde Sinn machen. Die Schulsprecherin von Gryffindor unterstützt das Slytherin- Haus in was du als größtes Spiel des Jahres bezeichnest. Ja, Draco, das würde super rüberkommen."
„Also würdest du lieber dein Gesicht bei deinem Haus wahren als mich unterstützen?"
Hermine stand auf und stellte sich vor ihn, die Hände in die Seiten gestützt. „Was ich lieber tun würde", sagte sie wütend, „ist keinen Verdacht zu erregen und es mir mit meinen Freunden zu verscherzen! Du weißt genau wie ich, dass wir das geheim halten müssen!"
„Wie auch immer", sagte Draco. Er wandte zornig seine blitzenden stählernen Augen von ihren ab und schaute auf die Uhr. Die Umkleidekabinen würden aufgeschlossen sein, wenn er dort ankam. Ohne einen weiteren Blick zu Hermine, drehte Draco sich um und stürmte aus dem Porträtloch, das er hinter sich zuknallte, was ihm einen empörten Ausruf des Porträtwachmanns einbrachte.
Hermine holte tief Luft, als sie aus dem Schloss trat und zum Quidditch- Feld lief. „Es ist ein wunderschöner Tag für den verdammten Sport", gab Hermine zu. Es fiel ihr schwer, nicht schlechtgelaunt zu sein wegen Draco, doch der blaue Himmel, die leichte Brise und Sonne trugen mit Sicherheit etwas bei.
Sie hörte, wie ihr Name von irgendwo hinter ihr gerufen wurde. Bevor sie sich umdrehen konnte, waren Ron mit Lavender am Arm und Ginny schon an ihrer Seite.
„Was machst du denn hier, Hermine?" fragte Ron.
„Ja", meldete sich Ginny von ihrer anderen Seite. „Ich dachte, du hasst Quidditch."
„Ich hasse es nicht", erklärte sie. „ich finde es nur albern. Aber ich dachte mir, es ist ein so schöner Tag, warum nicht rauskommen und ihn genießen?"
Ron hob eine Augenbraue. „Das ist noch nie ein Grund gewesen. Normalerweise kommst du nur, wenn Gryffindor spielt. Heute sind es Slytherin und Hufflepuff. Hermine, warum bist du wirklich hier?"
Hermine hatte sofort eine Antwort parat. „McGonagall", fabrizierte sie. „Da es so viele Unruhen bei den Spielen in diesem Jahr gab, wollte sie, dass einer der Schulsprecher kommt. Und da Dra- Malfoy spielt, heißt das natürlich, dass ich kommen musste." Sie verdrehte die Augen, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen.
Diese Antwort schien Ron und Ginny und auch Lavender, wenn sie etwas darauf geben würde, einzuleuchten. Gemeinsam steuerten sie auf die Tribünen zu, wo sie auf Seamus, Dean, Neville und Luna trafen. Sie hatten kaum Zeit sich zu setzen, als schon ein Strom von Gelb aus der Umkleide platzte. Das Hufflepuff- Team surrte ums Feld, während die Stadionsprecherin, eine Fünftklässlerin aus Ravenclaw namens Zoe, den Kommentar gab. Auf den Tribünen herrschte Aufregung. Fast alle im Stadion zeigten sichtliche Gunst gegenüber Hufflepuff.
Die Hufflepuffs versammelten sich in einer Ecke, während sieben grüne Schleier über den Himmel zogen. Hermine musste sich zusammenreißen, um nicht zu jubeln, zischte jedoch auch nicht voller Abscheu wie der Rest ihrer Mitgenossen, was ohnehin unbemerkt blieb. Hermine versuchte, einen Blick auf Draco zu erhaschen, und konnte schwören, seinen hellen Haarschopf vor ihrer Tribüne vorbeiziehen zu sehen. Doch ob er es war oder nicht und ob er sie dort hatte stehen sehen, wusste sie nicht.
Das Spiel begann auf Madame Hoochs Pfeifton. Vierzehn Gestalten schossen in die Luft und ums Stadion herum. Während das Spiel die Spieler körperlich auslaugen mochte, erschöpfte es Hermine emotional. Jede Beinahe-Begegnung von Draco mit einem Klatscher kostete sie zehn Lebensjahre. Jedes Mal, wenn er in einen anderen Spieler prallte, zuckte Hermine zusammen. Sie musste es sich verkneifen, vor Zorn aufzuschreiben, als ein Hufflepuff- Spieler ihn foulte, wodurch er aus der Augenbraue blutete.
Sie war so besorgt um Draco, dass sie den Stand des tatsächlichen Spiels gar nicht mitbekam. Schon drei Stunden waren vergangen. Hufflepuff war knapp in Führung und der Schnatz war zweimal gesichtet worden. Das Publikum wurde zunehmend rauflustig, genau wie die Spieler. Die Fouls wurden unverfrorener und die Anfeuerungsrufe von der Menge wurden ungeheuerlicher. Innerhalb ihrer eigenen Tribüne musste Hermine beinahe eine Rangelei zwischen einem Gryffindor und einem Ravenclaw zerbrechen, die ihrem Wissen nach überhaupt keinen Grund hatten zu kämpfen. Die Stimmung wurde verzweifelt. Das Spiel musste bald enden, sonst würde etwas Schlimmes geschehen.
Als hätte das Spiel Hermines Gedanken gehört, tauchte der Schnatz auf. Beide Sucher sahen ihn und die Jagd begann. Das gesamte Stadion war in Aufruhr und beobachtete gespannt, wie Draco und der Hufflepuff- Sucher um den kleinen goldenen Ball wetteiferten. Mit einem zusätzlichen Schubs seines Besens, streckte Draco seine Hand aus. Ein Keuchen entfuhr der Menschenmenge, als seine Finger die Flügel streiften. Der Hufflepuff tat einen Satz voran und berührte ebenfalls die Flügel. Hermine schlug sich unwillkürlich die Hand vor den Mund, als sie sah, wie Draco sich fast vom Besen stürzte und den Schnatz packte.
Alle außer den Slytherins brachen in Geschrei des Zorns und der Enttäuschung aus. Hermine setzte sich einfach und ließ den Kopf hängen, während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Ron interpretierte ihre tiefen Atemzüge offenbar als extreme Enttäuschung. Denn er tätschelte ihr den Rücken und sagte tröstend: „Wir werden am Ende gewinnen, Hermine. Keine Sorge."
Hermine, die sich nicht mehr so matt fühlte, hob den Kopf gerade rechtzeitig, um das Slytherin- Team eine Siegesrunde ziehen zu sehen. Draco führte sie an, den Schnatz fest in der Hand. Sein Gesicht trug einen Ausdruck reines Glücks und Stolzes. Hermines Herz schwebte mit ihm und sie lächelte, als er an ihr vorbeiflog. Er grinste sie an, zwinkerte ihr zu und setzte seinen Weg fort.
„Tja, Zeit zu gehen. Komm schon, Hermine", sagte Ron.
„Ähm, geht ihr schon mal vor. Ich muss noch bleiben und mit McGonagall über die Rangelei sprechen."
Ihre Freunde befragten sie nicht weiter, sondern nickten und wanderten etwas bedrückt zum Schloss zurück. Hermine versteckte sich im Schatten der Tribünen, bis die Menge sich auf dem Weg zur Schule zerstreut hatte. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit zum Feld, wo sie Draco mit seinen Teamkameraden sprechen sah. Hermine hörte sie alle jubeln und zum Umkleideraum davonziehen. Wie sie gehofft hatte, blieb Draco im Zentrum des Feldes zurück.
Das Licht verblasste rasch, während die Abenddämmerung den Himmel überzog. Hermine kam hinter der Tribüne hervor und trat auf Draco zu, der ihre Anwesenheit nicht zu bemerken schien, bis sie direkt vor ihm stand.
Sie wollte gerade etwas sagen, als schon Dracos fiebrige Lippen auf ihren landeten und er sie in eine leidenschaftliche Umarmung zog. Er fuhr mit seinen Finger durch ihr Haar und knabberte an ihrer Lippe, während sie leise in seinen Mund stöhnte.
„Du hast toll gespielt", sagte sie nach ihrer Umarmung.
Er schaute sie mit seinen grauen Augen an, die trotz des matten Lichts funkelten. „Flieg mit mir", flüsterte er mit eindringlichem Blick.
Hermines Augen weiteten sich und füllten sich mit dem kleinsten Anflug von Angst. „Draco, du weißt doch, dass ich nicht…"
„Flieg mit mir", sagte er mit noch leiserem Flüstern. „Bitte." Er spielte ablenkend mit einer ihrer Locken und küsste sie sanft auf den Hals, während sie nachdachte. Hermine warf einen zaghaften Blick zu dem glänzenden Stück Holz, das wenig entfernt von ihnen schwebte. Der Besen, stählerne Augen, wieder der Besen und wieder zu seinen funkelnden Augen und dem sanften Lächeln.
„Okay", sagte sie mit leiser Stimme. Er nahm ihre Hand und führte sie zum Besen hinüber, der nun ein tiefes Summen abgab, wie sie bemerkte.
„Soll das so sein?", fragte sie wachsam.
Er ignorierte ihre Frage und bedeutete ihr stattdessen, auf den Besen zu steigen. Nach einem Moment des Zögerns, schwang sie ein Bein hinüber. Ihre Atemzüge beschleunigten sich und ihr Körper bebte. Todesszenen blitzten durch ihren Kopf und ließen sie in Schweiß ausbrechen. Sie spielte mit dem Gedanken, gleich wieder vom Besen zu springen, als Draco sich schon hinter ihr niederließ. Ihr stockte der Atem, als sie ihn hinter sich spürte.
Ihre Körper waren eng aneinander gepresst. Hermines wölbte den Rücken, als sein heißer Atem ihren Nacken traf. Er schlang die Arme um sie. Sie schauderte, als Draco in ihr Ohr flüsterte: „Bereit?"
„Nein", piepste sie.
Sie konnte sein Lächeln spüren. „Ich lasse dich nicht fallen", versicherte er. Und bevor sie etwas sagen konnte, stieß Draco sich hart vom Boden ab.
Ein schriller Schrei entfuhr Hermines Mund, als sie in den Nachthimmel emporschraubten. Wind rauschte an ihren Ohren vorbei, während ihr das Herz in die Hose sank und sie sich an Draco schmiegte, die Augen fest zusammengekniffen.
Woher er es wusste, würde Hermine nie wissen, doch gerade als die Augen geschlossen waren, hörte sie Draco hinter ihr. „Mach die Augen auf."
Entgegen besseren Wissens, leistete sie Folge. Sie kreisten langsam über dem Quidditch- Feld. Die Welt zog an ihnen vorbei wie im Panorama. Das Schloss, der See, der Wald. Lange Schatten fielen auf die nächtlichen Umrisse. Die Welt war auf dunkle Weise schön. Sie schnappte nach Luft, die Angst zwischenzeitlich durch Ehrfurcht ersetzt.
Ihr Körper begann sich zu entspannen, doch zu früh. Sie hörte Draco tief glucksen. Bevor Hermine einen Schrei ausstoßen konnte, wurde der Klang aus ihrer Kehle gerissen, als sie zu Boden stürzten. Ihr Herz sank, während der Boden sich schneller näherte als Hermine lieb war. Gerade als sie sicher war, dass sie eine Bruchlandung machen würden, zog Draco sie wieder hoch und sauste um die Arena.
Sie hörte ihn manisch hinter ihr lachen und einen Jubelschrei ausstoßen. Als die Tribünen schnell vor ihren Augen vorbeizogen, hob sich ihr Herz etwas. Sie ließ ein Lächeln über ihr Gesicht huschen und gestattete sogar ein kleines, anerkennendes Lachen über sein offensichtliches Talent.
„Vielleicht ist Fliegen doch nicht so übel", dachte sie. „Oder vielleicht nur mit ihm zusammen."
Draco zog sie hoch und schwebte aufs Schloss zu, wo sie auf einem der vielen Türme landeten. Er stieg zuerst ab und half dann Hermine, deren Beine so stark zitterten, dass sie in seine Arme fiel.
„Alles okay?", fragte er in belustigten Tonfall.
„Ja, ja…", antwortete sie schwach. „Es war… anders…"
Er hob eine Augenbraue und setzte sich auf die Kante des Turms, die Füße gefährlich hinunterbaumelnd. Hermines Brust zog sich vor Sorge zusammen, als er seine Hand ausstreckte und sie zu sich zog.
„Anders?", fragte er.
Hermine nickte. „Schön… berauschend… furchterregend…" Sie lachte.
Draco gluckste ebenfalls und schlang den Arm um ihre Schultern. „Ich wusste, dass du letztendlich auf meine Seite überwechseln würdest", sagte er großspurig.
Hermine gab ihm einen spielerischen Klaps auf die Brust und lachte, die braunen Augen im Dunkeln funkelnd. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und seufzte. Sie verbrachten zwei Stunden in Schweigen, dann flog Draco sie wieder zum Boden.
Sie wichen Helgas Fragen aus, ignorierten ihre wissenden Blicke, beantworteten ihr einfaches Rätsel („Was gehört dir, wird aber häufiger von anderen benutzt?" „Der Name.") und verabschiedeten sich für die Nacht.
