10:00 Uhr EST, zwei Tage später
Kanzlei Carrie Wiggins
Washington D.C.
„Bitte nehmen Sie Platz." Carrie deutete auf die Stühle, die rund um den hellen Holztisch standen.
Harm ließ sich neben Carrie nieder und musterte verstohlen Ricarda und ihren Rechtsanwalt, Paul Henderson.
Ricarda hatte nur wenig Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Schwester. Während Marias Mund fast immer gelächelt und ihre dunklen Augen vor Lebensfreude gestrahlt hatten, waren in das Gesicht ihrer älteren Schwester tiefe Falten gegraben, die ganz offensichtlich nicht vom häufigen Lachen stammten. In einen dunklen Hosenanzug gekleidet saß sie mit verkniffenem Gesichtsausdruck neben Mr Henderson, der seinem Aktenkoffer einige Papiere entnahm und vor sich auf dem Tisch ausbreitete.
Harm war in Uniform erschienen. Zum einen, weil er sofort nach der Unterredung zum Dienst musste, zum anderen aber auch, weil Carrie ihn extra darum gebeten hatte. ‚Es ist ein Zeichen, dass du ein verantwortungsbewusster, aufrechter Mensch bist, der vor keiner Aufgabe davonläuft.'
Da sowohl Ricarda als auch Mr Henderson bereits wussten, dass er Navy-Offizier war, verstand Harm zwar nicht ganz, weshalb er sie durch seine Uniform noch einmal darauf hinweisen sollte. Aber wenn Carrie es für richtig hielt…
Jetzt sprach sie einige einführende Worte, dankte Ricarda und dem Anwalt noch einmal dafür, dass sie freiwillig den weiten Weg nach Washington gemacht hatten und kam dann auf das eigentliche Thema zu sprechen. „Es ist Commander Rabb selbstverständlich bewusst, dass Sie Ihre Nichte sehen und sich persönlich davon überzeugen möchten, dass es ihr bei ihrem Vater gut geht, Mrs Sanchez, und er ist auch sofort dazu bereit, sich mit Ihnen zu treffen. Allerdings ist er nicht gewillt, Ihnen die Vormundschaft für Isabelle zu übertragen. Für eine derartige Forderung gibt es keinerlei Grund, das dürfte Ihnen genauso bekannt sein wie uns. Deshalb möchten wir nach Möglichkeit eine unnötige Auseinandersetzung vor Gericht vermeiden, vor allem in Interesse des Kindes." Ihr Ton war freundlich, aber sehr bestimmt.
Ricarda presste die schmalen Lippen zusammen und sah demonstrativ ihren Anwalt an.
Dieser nickte ihr kurz zu und wandte sich dann lächelnd an Carrie. „Wir sind allerdings nicht der Auffassung, dass es keinen Anlass gibt, Mr Rabb – Verzeihung Commander Rabb – das Sorgerecht zu entziehen. Es steht völlig außer Frage, dass er absolut ungeeignet ist, ein Kleinkind aufzuziehen, das gerade seine Mutter verloren hat. Des Weiteren dürfte Ihnen sicher bekannt sein, dass sich Ihr Mandant erst um Isabelle gekümmert hat, als er dazu aufgefordert wurde. Die anderthalb Jahre zuvor hat er sich nicht blicken lassen. Wer garantiert uns, dass er sie nicht wieder im Stich lässt?"
Carrie hatte ihn vor dem Gespräch eindringlich darum gebeten, die Ruhe zu bewahren, ganz gleich, was Ricarda oder Mr Henderson vorbringen würden, aber Harm konnte nicht an sich halten. „Ich wusste doch gar nicht, dass sie existiert! Maria hat mir nie etwas davon erzählt."
Damit hatte Mr Henderson ihn genau da, wo er ihn haben wollte. „Und Sie haben sich nie die Frage gestellt, warum Miss Moreno Guttierez Ihnen nichts erzählt hat? Möglicherweise wollte sie ja nicht, dass Sie davon erfahren. Möglicherweise wollte sie so verhindern, dass Sie sich in das Leben des Kindes einmischen."
Das hatte gesessen! Harm zuckte zurück, als hätte er einen Schlag ins Gesicht erhalten.
›Vielleicht war es wirklich so, vielleicht wollte sie mich von Belle fernhalten.‹ Er spürte die längst überwunden geglaubte Unsicherheit wieder hochkommen. ›Nein, Mac hat gesagt, dass ich ein guter Vater bin! Der Typ will mich nur verunsichern.‹
Er spürte Carries warnenden Blick.
„Ich denke, wir wissen alle, dass das nicht stimmt, Mr Henderson", sagte sie mit ruhiger Stimme. „Schließlich liegt uns der Brief von Isabelles Mutter vor, in dem sie Commander Rabb ausdrücklich darum bittet, Belle zu sich zu nehmen. Das dürfte ihre Absichten deutlich genug machen."
Mr Henderson zog nur spöttisch eine Augenbraue in die Höhe.
Harm hätte diesen dandyhaft gekleideten Schönling mit seinem selbstgefälligen Grinsen auch dann nicht leiden können, wenn er nicht versuchen würde, ihm seine Tochter wegzunehmen, aber so kam das Gefühl, das er für Mr Henderson empfand, Hass schon ziemlich nahe.
„Mrs Sanchez, sind Sie sicher, dass Sie in dieser Sache vor Gericht gehen möchten?", wandte sich Carrie direkt an Ricarda, die bisher noch keinen Ton gesagt hatte. „Sie können Ihre Nichte doch erst einmal besuchen und sich selbst davon überzeugen, was für ein guter Vater Commander Rabb ist."
Mr Henderson versuchte seine Mandantin vom Antworten abzuhalten, aber sie brachte ihn mit einer knappen Handbewegung zum Schweigen.
„Oh, ich bin überzeugt, dass er in der Lage ist, mir für einige Stunden den liebevollen Vater vorzuspielen, um Isabelle später im Stich zu lassen, genau wie er es mit meiner unschuldigen Schwester getan hat!", giftete sie. „Aber Isabelle werde ich ihm nicht überlassen!"
Es wäre gar nicht nötig gewesen, Harm beruhigend eine Hand auf den Arm zu legen, wie Carrie es jetzt tat. Harm wusste auch so, dass es völlig sinnlos war, auf einen solchen Angriff zu antworten.
›Die ist doch völlig verbohrt! - Unschuldige Schwester – Maria war bestimmt kein Flittchen, aber unschuldig? So kann auch nur die ältere Schwester von ihr denken.‹
Carrie sah entschuldigend zu Harm.
„Tja, ich fürchte, in diesem Fall werden wir uns wohl vor Gericht wieder sehen."
Harm nickte unmerklich, um sein Einverständnis zu signalisieren.
„Das war mir von Anfang an klar", lächelte Mr Henderson und ließ das Schloss seines Aktenkoffers zuschnappen. „Ich habe gestern bereits in Mrs Sanchez' Namen einen Antrag auf das vorläufige Sorgerecht gestellt und um beschleunigte Bearbeitung gebeten.
„Sie haben bereits gestern…" Jetzt hatte auch Carrie Mühe, sich unter Kontrolle zu halten. „Weshalb sind Sie dann heute überhaupt hier?"
„Ich weiß gerne vor einer Verhandlung, mit was für einem Gegner ich es zu tun habe." Fast schon mitleidig betrachtete er Harm und Carrie. „Das erleichtert vieles."
„Mrs Wiggins, Commander Rabb." Er nickte ihnen noch einmal zum Abschied zu und verließ mit seiner Mandantin den Raum.
„Was für ein absoluter Widerling!", rutschte es Carrie heraus, bevor sie sich wieder im Griff hatte. „Das lief leider nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten."
Bedauernd blickte sie Harm an. „Wir werden um eine Verhandlung nicht herumkommen. Und so wie ich Henderson bis jetzt kennengelernt habe, könnte das Ganze in einer unschönen Schlammschlacht ausarten."
Harm starrte vor sich hin. Das war genau das, was er hatte vermeiden wollen. „Also kann ich mich darauf gefasst machen, dass jedes Detail meines Privatlebens publik gemacht wird, um zu beweisen, dass ich reihenweise unschuldige, junge Frauen schwängere und sie dann sich selbst überlasse."
„Es liegt zumindest im Bereich des Möglichen." Carrie stockte. „Falls es also irgendetwas in der Hinsicht gegeben hat, wäre es gut, wenn ich das jetzt von dir erfahren würde, damit ich bei der Verhandlung nicht unangenehm überrascht werde. Ferner möchte ich wissen, inwiefern du vor Belle bereits mit Kindern zu tun gehabt hast. Hast du Neffen oder Nichten oder gibt es Kinder von Freunden, auf die du bereits aufgepasst hast?"
›Josh – und seine Mutter hat sich von mir getrennt, weil sie verhindern wollte, dass ich ihn Gefahr bringe, weil ich ihrer Meinung nach verantwortungslos bin.‹
„Ich… ich muss darüber nachdenken. Ich gebe dir morgen Bescheid, okay?"
Carrie musterte ihn leicht misstrauisch. „Okay, aber sag mir wirklich alles. Egal, wie peinlich es ist oder wie unwichtig es dir erscheinen mag."
„Was glaubst du, wie oft ich das selbst schon zu einem Mandanten gesagt habe? Ich ruf dich morgen an. Ist sonst noch was zu klären? Sonst würde ich jetzt zum Dienst fahren."
„Nichts, was wir unbedingt jetzt erledigen müssten. Fahr lieber. Du solltest deinen CO nicht unnötig verärgern. Womöglich brauchen wir ihn noch als Leumundszeugen."
›Falls er mir nicht vorher den Hals umdreht, weil ich schon wieder um Urlaub bitten muss.‹ Denn allmählich dürfte auch Chegwiddens Geduld am Ende sein.
„Ich habe mir schon ein paar Personen überlegt, die für mich aussagen würden. Ich mache dir eine Liste." Harm griff nach seinem Mantel. „Tschüs, bis morgen. Und danke, Carrie!"
xxx
11:33 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Die Tür zu Macs Büro war geschlossen. Harm klopfte kurz und öffnete sie. Leer!
„Harriet, wissen Sie, wo der Major ist?"
„In Norfolk, Sir. Ich glaube nicht, dass sie heute noch einmal ins Büro kommen wird."
„Oh! Danke, Harriet."
Enttäuscht kehrte Harm in sein eigenes Büro zurück.
Er hatte fest damit gerechnet, dass er mit Mac über das Treffen sprechen könnte, dass sie ihm etwas Mut machen würde. Denn dieser Sorgerechtsverhandlung sah er alles andere als gelassen entgegen.
›Du kannst sie heute Abend anrufen. Jetzt solltest du besser den Admiral darüber informieren, dass du in der nächsten Zeit wieder nur begrenzt einsatzfähig sein wirst.‹
„Sir, Commander Rabb möchte Sie sprechen."
„Schicken Sie ihn rein, Tiner."
Harm schloss die Tür hinter sich.
„Was gibt es, Commander?"
„Ich weiß nicht genau, wie ich es Ihnen erklären soll, Sir", druckste Harm herum.
Admiral Chegwidden runzelte die Stirn. „Wort für Wort erscheint mir eine gute Möglichkeit. Nehmen Sie Platz."
Harm ließ sich auf den Stuhl gleiten und sortierte einen Moment lang seine Gedanken.
„Dieser Termin heute Vormittag, den ich unbedingt wahrnehmen musste. Ich hatte Ihnen nur gesagt, dass es sich um etwas Privates handelt…"
Der Admiral lehnte sich mit verschränkten Armen zurück und wartete darauf, dass der sonst so wortgewandte Commander endlich auf den Punkt kam.
„Es handelte sich um ein Treffen mit Belles Tante, der Schwester ihrer Mutter. Sie will das Sorgerecht für Belle einklagen."
Das erklärte das ungewohnte Verhalten seines besten Anwalts allerdings zur Genüge. Denn selbst Admiral Chegwidden fehlten für einen Augenblick die Worte.
„Das ist eine entsetzliche Neuigkeit, Harm. Wie kommt diese Frau dazu? Haben Sie sie früher einmal verärgert?"
„Ich habe sie vorhin das erste Mal in meinem Leben gesehen. Ich… ich kannte die Familie von Belles Mutter nicht." Ganz so deutlich wie Mac mochte Harm seinem CO nicht erklären, welcher Art seine Beziehung zu Maria gewesen war.
Aber Chegwidden schien ihn auch so zu verstehen. Er nickte. „Haben Sie einen Rechtsanwalt?", ging er zu einem anderen Thema über. „Einen, der sich mit Familienrecht auskennt?"
„Eine frühere Kommilitonin, die mittlerweile eine eigene Kanzlei hat. Dort fand das Treffen vorhin auch statt."
„Aber ohne jeden Erfolg, wenn ich Sie richtig verstanden habe", vergewisserte sich Chegwidden, woraufhin Harm nickte.
„Commander, was genau erwarten Sie von mir?"
„Ich möchte Sie bitten, mir für die Zeit bis nach der Verhandlung Urlaub zu geben. Ich kann Washington jetzt auf keinen Fall verlassen und ich muss in der Lage sein, mich jederzeit mit meiner Anwältin zu treffen."
Das war zu erwarten gewesen. Admiral Chegwidden zog eine Schreibtischschublade auf und entnahm ihr den aktuellen Dienstplan. „Sie haben momentan drei Fälle, die vor Gericht verhandelt werden", stellte er nach einem kurzen Blick fest.
Harm bestätigte das mit einem Nicken.
„Ferner zwei Untersuchungen nach Artikel 32", fuhr Chegwidden fort, „und den Abschlussbericht über die Ermittlung auf der Enterprise habe ich auch noch nicht vorliegen."
„Sir, ich…"
Chegwidden schnitt Harm das Wort ab. „Diese Woche sind sowohl Imes als auch Mattoni mit auswärtigen Ermittlungen beschäftigt, den Major musste ich heute nach Norfolk schicken, obwohl sie hier mehr als genug zu tun hätte, und Lieutenant Roberts habe ich schon einige Fälle anvertraut, die eigentlich noch eine Nummer zu groß für ihn sind." Seufzend rieb er sich die Stirn.
Betreten sah Harm zu Boden. Er fühlte sich selbst nicht wohl dabei, seine Arbeit schon wieder seinen Kollegen aufhalsen zu müssen, aber Belle war einfach wichtiger.
„Meinen Sie, Sie könnten wenigstens die drei Fälle, die gerade verhandelt werden, weiterführen, Commander? Ich versuche, eine Ersatzkraft von einer anderen Dienststelle zu organisieren, die Ihre anderen Aufgaben übernimmt. Bis dahin wird sich der Major darum kümmern müssen. Haben Sie schon mit ihr gesprochen?"
Es war auch Chegwidden nicht verborgen geblieben, dass Harm und Mac seit Belles Ankunft viel, besser gesagt, sehr viel Zeit miteinander verbrachten.
„Heute noch nicht, dadurch, dass sie in Norfolk ist. Aber sie wusste von dem Gespräch heute Vormittag." Harm durchdachte das Angebot des Admirals. „Die drei Fälle werde ich auf jeden Fall zu Ende führen. Und solange ich, wenn es nötig wird, die Termine mit meiner Anwältin wahrnehmen kann, kann ich auch meine übrigen Aufgaben weiter erledigen. Nur während der Verhandlung selbst würde ich nicht hier sein."
Chegwidden nickte langsam. „Gut, dann müsste es gehen. Sie können wegtreten."
„Ach, Commander", rief er Harm nach, als dieser schon an der Tür war. „Falls Sie noch weitere Kinder in die Welt setzen wollen, wäre es wesentlich einfacher, wenn Sie die künftige Mutter erst heiraten würden."
„Ja, der Gedanke kam mir auch schon, Sir."
Mit einem müden Lächeln verließ Harm das Büro seines Vorgesetzten.
