37. Der zweiundreissigste Tag

Hermine wurde auf ihrem Weg zu Snapes Büro gerempelt. Es war Draco Malfoy, der mit wutverzerrtem Gesicht von ihr zurücktrat. Als er bemerkte, mit wem er da zusammengestoßen war, giftete er sie an. ,,Was suchst du hier? Gryffindors haben in den Kerkern nichts verloren!"

,,Nachsitzen, Malfoy." erwiderte sie knapp. In Malfoys Gesicht tat sich außer einem verächtlichen Zucken nichts.

,,Geschieht dir recht!" zischte er ihr entgegen. Schon im nächsten Moment war der vor Erregung zitternde Junge in der Dämmerung des Gangs verschwunden.

Hermine sah ihm verwundert nach. Langsam aber sicher nagte die Gewissheit an ihr, dass Harry mit seiner Vermutung, dass Malfoy in etwas verstrickt war, recht hatte.

Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn zurecht gewiesen hatte, in der Annahme, er übertreibe wie so oft maßlos. In diesem Moment schämte sie sich ein wenig dafür. Harry hatte recht. Draco Malfoy benahm sich gehetzt. Und er war aus Snapes Büro gestürmt.

Hatten die beiden gestritten? Was sollte das nur?

Entschlossen beschleunigte sie ihren Schritt und trat in das dämmrige Kerkerbüro. Zum ersten Mal verspürte sie keine Angst. Hermine konnte das Gefühl nicht genau benennen. Aber es musste eine Art Vertrautheit sein, die sich in den letzten Wochen aufgebaut hatte. Und seit Snape abends Feuer machte, fühlte man sich nicht mehr wie in einem möblierten Verließ.

Dieses Büro – es war ihr als kenne sie es in und auswendig.

Jeden Tiegel und jede verstaubte Phiole. Jedes Detail seines Schreibtischs. Jeden verdammten Tintenfleck. Seit vier Wochen hatte sie hier jeden Tag gesessen und ihren Blick schweifen lassen, wenn Snape sie nicht gerade dazu aufgefordert hatte seinen Namen aus zu sprechen, oder sie mit Leglimentik-Attacken gepeinigt hatte.

Snape saß diesmal nicht an seinem Schreibtisch, sondern stand neben einem Zutatenregal gleich neben seiner Labortür. Als sie in sein Gesicht sah, erkannte sie darin mühsam unterdrückte Wut. Aber sie wusste, dass diese Wut nichts mit ihr zu tun hatte.

Sein Hand glitt am glatten Holz hinab.

Malfoy und Snape schienen wirklich einen Disput gehabt zu haben.

Die Fragen, die Hermine auf der Zunge brannten, wollten in diesem Moment nicht mehr ihren Mund verlassen. Die Gereiztheit, die in der Luft lag, war fast zum Schneiden dick.

Sie beschloss sich zurück zu halten. Vermutlich hätte er ihr sowieso keine Antwort darauf gegeben, warum er ihr ein Ohnegleichen gegeben hatte. Im Grunde wusste sie, dass die Übergabe dieses Aufsatzes selbst schon die Antwort gewesen war.

Wie blind sie gewesen war.

Er hasste sie nicht. Sie hätte glücklich sein müssen. Kein Mensch, der jemanden hasste, würde so vielen Mühen darauf verwenden, ihm zu helfen. Er half ihr, obwohl er es nicht hätte tun müssen.

,,Sir."

Snape rührte sich und riss, ohne sie eines Blickes zu würdigen die Labortür auf. Sie folgte ihm ebenso schweigend. Diese Stille. Noch nie war sie so laut gewesen. Der Trank brodelte süßlich duftend auf der Feuerstelle und schien sich nicht an den zwei Personen zu stören, die beklommen nebeneinander standen.

Hermine beugte sich zur Liste mit den Zutaten und sog Snapes Geruch ein. Es war eine Art Ritual geworden. Eines, das sie auskosten wollte, solange, sie noch konnte.

Baumschlangenhaut. las sie auf dem Pergament.

Snape griff zu einer kleinen Schale und stellte sie neben das Schneidebrett und deutete auf das Messer. ,,Schneiden sie die Haut in kleine Streifen. Werfen sie sie in den Kessel. Zehn Minuten köcheln lassen. Zwanzig Mal links und rechts rühren. Dabei den Namen des Verhassten aussprechen und fertig ist die Suppe." erklärte er rau. Mit diesen wie nebenbei gesagten Worten wollte er sich abwenden um in sein Büro zu gehen.

,,Aber, Sir, ich soll allein-."

Snape drehte sich zu ihr um und belegte sie mit dem Blick seiner dunklen Augen. ,,ICH erinnere mich genau an die Worte, die sie in Dumbledores Büro von sich gegeben haben. Sie behaupteten, ich erkenne ihre Leistungen nicht an."

Hermine blickte betreten auf den Tisch vor ihr. ,,Ja, Sir. I- ich war sehr wütend, a- aber- ."

,,Keine Diskussion, Granger. Alle Arbeitsschritte stehen im Buch, das direkt vor ihrer Nase liegt. Ich denke nicht, dass sie seit gestern das lesen verlernt haben."

Mit diesen Worten verließ er das Labor mit einem seltsam schlurfenden Gang.

Nur wenig später drang das Geräusch einer kratzenden Feder aus seinem Büro.

Er vertraut dir, Hermine. Siehst du das denn nicht? Stell dich nicht an. Du warst immer gut in Zaubertränke. Und dies ist das erste Mal, dass er es anerkannt hat. Es hat etwas groteskes, aber er hat es getan!

Ohnegleichen. Er wollte kein Wort darüber verlieren.

Hermine bemerkte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Zu gerne hätte sie es benennen können, was da geschehen war. Noch immer sah sie sich ungläubig mit ihrem Blick über die Note huschen, die aus Snapes Feder stammte. Noch immer war es ihr, als dächte sie an einen Traum zurück. Aber nein, es war erst ein paar Stunden her.

Sie griff sich etwas von der Schlangenhaut und nach dem Messer. Trotz des Drangs sich beeilen zu wollen, machte sie ihre Arbeitschritte sorgfältig. Solange er sie nicht zum Okklumentikunterricht aufforderte, würde sie sich nicht hetzen.

Sie warf die die zwei Teile Schlangenhaut, die sie akribisch in dünnen Streifen geschnitten hatte, in den weißen brodelnden Trank und beobachtete sie dabei, wie sie in der Flüssigkeit versank.

Einmal rühren, stand im Buch. Sie griff nach dem Rührlöffel und tat wie geheißen. Der Trank nahm eine leicht gelbliche Farbe an. Hermine seufzte vor Erleichterung auf. Ein Lächeln schlich sich über ihre Lippen. Sie legte den Rührlöffel an seine Position zurück und verließ das Labor, um sich auf den Stuhl vor Snapes Schreibtisch zu setzen. Sie wusste, er würde nichts sagen. Die gryffinor´sche Plage saß jeden Abend dort und ließ ihren Blick schweifen.

Snape griff nach der Sanduhr und murmelte ,,Zehn Minuten."

Die Menge des Sands verkleinerte sich. Er drehte sie verkehrt herum an ihren Platz zurück. Hermine blieb für einen Moment nichts anderes übrig als ihren Blick an den rieselnden Sand zu haften. Noch achtundzwanzig Tage. Achtundzwanzig Tage. Morsamoris.

Plötzlich hob Snape den Blick. ,,Nehmen sie sich verdammtnochmal irgendein Buch. Es ist mir lieber, dass ihr Blick am Pergament klebt, als an mir!" knurrte er.

Hermine hob fragend ihre Augenbrauen. ,,Ist das ihr Ernst, Sir?"

Ein kurzer gepeinigter Ausdruck flackerte über sein Gesicht, bevor er mit einer fahrigen Bewegung nach einem Buch griff, das am Rand des Schreibtischs lag. Er streckte es ihr hin. ,,Viel Zeit haben sie ohnehin nicht, Miss Granger."

Sie nahm das Buch mit einer zögerlichen Geste entgegen. Sie konnte nicht glauben, dass dies derselbe Mann war, den sie einen elenden Bastard hatte nennen wollen.

Wer sind sie? wollte sie fragen. Die Worte erstarben auf ihren lächelnden Lippen. Sie nahm es hin. Es war besser als alles, was zuvor gewesen war.

,,Danke, Sir."

,,Hören sie auf sich zu bedanken. Das geht mir gewaltig auf den Wecker." schnarrte es ihr entgegen.

Sein Gesicht und sein Blick verschwanden wieder halb hinter Haaren, während er sich wieder seiner Schreibarbeit zuwandte.

Hermine warf einen Blick auf das Buch, das er ihr gegeben hatte. Anwendung von Zaubertränken in der Heilkunst. Nicht gerade das, was sie brennend interessierte, aber es war besser, ihre Augen diesen Text überfliegen zu lassen, als ihn ständig sehnsüchtig an den Mann vor ihr zu heften. Die zehn Minuten vergingen schnell. Hermine hatte kaum drei Blicke auf die Sanduhr geworfen, da war der Sand schon durchgelaufen. Ohne ein Wort erhob sie sich, klappte das Buch zu und legte es an den Rand seines Schreibtischs. Sein Blick streifte sie kurz und auffordernd, bevor er wieder zurück aufs Pergament glitt.

Sie ging langsamen Schritts ins Labor und als sie vor dem Kessel stand und auf die brodelnde Flüssigkeit hinabblickte, war aller Tatendrang vergangen. Einen Moment dachte sie daran, den Kessel um zu schmeißen.

Sie griff hastig zum Löffel.

Noch achtundzwanzig Tage. Bring es hinter dich.

Sie führte das Ritual mit derselben Genauigkeit durch, mit der sie alles erledigte. Und als sie damit fertig war, ließ sie die Flammen unter dem Kessel kleiner werden und legte den Rührlöffel und das Messer an seine genaue Position zurück. Ihr Herz klopfte, doch es beruhigte sich schnell, dank der Gewissheit, die Aufgabe, wenn auch mit Widerwillen, wenigstens mit Sorgfalt erledigt zu haben.

Nachdem sie aufgeräumt hatte, wollte sie den Raum verlassen. Ihr Blick fiel mit einem Mal auf etwas. Es waren dunkelrote Flecken auf dem Boden. Wie von Blut. Ihr Blick glitt zum Waschbecken. Auch dort waren einzelne Tropfen zu finden. Was sollte das?

Erst jetzt bemerkte sie, dass Snape an der Tür stand. Seine schwarzen Augen sahen ihr merkwürdig lauernd entgegen.

Hermines Blick huschte einen kurzen Moment zwischen dem Blut am Boden und seinen Augen hin und her, bevor sie betreten zur Seite guckte. ,,Fertig, Sir."

,,Dann gehen sie jetzt." sagte Snape ,,Ich habe beschlossen, dass bis zum nächsten Jahr kein Okklumentikunterricht mehr stattfinden wird."

,,Aber, Sir. Wieso?"

,,Weil sie ohnehin kaum mehr sind als ein Häuflein Elend! Wir werden warten, bis der Trank fertig ist. Ich denke nicht, dass wir weiterkommen, wenn der zweitgrößte Feind der Okklumentik nicht niedergestreckt ist."

Er wandte sich ab, ohne ein Widerwort abzuwarten. Aber Hermine hatte keine Widerworte. So sehr sie die Visionen auch plagten. Sie wusste, dass er Recht hatte.

Schnellen Schritts verließ sie sein Büro, ohne sich noch einmal um zu blicken.