Wunder kommen nur zu denen, die daran glauben.
Aus Frankreich
Die letzten Prüfungen wurden geschrieben und Snape hatte nichts zu tun. In dieser Zeit, wo alle Stundenpläne auf den Kopf gestellt waren, hieß es eigentlich immer bereit zu sein, von einem Kollegen oder einer Kollegin den Unterricht zu übernehmen. Snape saß in einem der dunkleren Höfe von Hogwarts und wartete. Er wartete darauf, dass jemand völlig gehetzt zu ihm kam und erklärte, er müsse eine erste Klasse übernehmen. Eigentlich war es gefährlich für ihn hier einfach so zu sitzen. Hier waren keine losen Platten, die ihm das Nähern einer Person anzeigten, man konnte nicht frei in alle Ecken des Hofes einsehen um jemanden sofort zu bemerken. Aber er konnte sich nicht immer verstecken oder sich immer nur auf sicherem Gelände bewegen!
Seit einem Jahr konnte er sich wieder frei bewegen, bei seinem ersten Besuch in der Winkelgasse hatte ihn Dumbledore begleitet, das hatte ihm gezeigt, verstecken ging nicht mehr. So saß er im Halbschatten und lauschte in seine eigene stille Welt. Manchmal dachte er nach wie es wohl wäre wenn sein Gehör noch intakt wäre, was würde er jetzt hören? Das allumfassende Summen und Brummen der Schule? Einen Vogelgesang? Severus Snape schnaubte und öffnete wieder die Augen. Er war taub, aus, Ende. Damit mußte er jetzt umgehen. Die Sonne begann in den Hinterhof zu blinzeln, wobei er schon einige Wolken am Himmel ausmachen konnte.
'Vielleicht kommt ja noch ein Gewitter?', dachte er und sah sich den Himmel an. Langsam schwanden die Schatten und Severus, der immer noch die Dunkelheit schätze, verließ den Innenhof. Als er so durch die Gänge wanderte sah er zwei Lehrer in einem der dunkleren Seitengänge stehen. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten. Snape sah sich um, etwas war geweckt worden tief in ihm. Der Todesser, der Spion, der immer auf der Suche war nach neuen Informationen. Schnell sah er sich um und versteckte sich hinter einem alten Schrank. Belauschen konnte er sie nicht mehr, aber wer sagte denn, dass er sie hören mußte? Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen huschte er hinter einen Wandvorhang. Er mußte nur nah genug heran kommen um sie besser zu sehen.
'Um der alten Tagen willen', dachte er spöttisch und schlich sich an. 'Vielleicht kann ich es ja immer noch.'
So leise wie möglich schlich er sich an. Bis er im Schein einer brennenden Fackel die Gesichter von Professor Sinistra und, er schüttelte leicht den Kopf, nein, das zweite Gesicht war kein Lehrer, es war eine Fremde. Wohl eine der Mütter, deren Kindern hier in Hogwarts waren. Er rückte noch ein Stück näher heran und beobachtete. Innerlich gratulierte er sich, der Todesser in ihm hatte nichts verlernt, anschleichen ging immer noch. Drei Jahre Ruhe und er konnte sich immer noch lautlos wie ein Schatten bewegen. Er begann auf seine Art zu lauschen.
"Die Kinder sagten er sei ungerecht", sagte die fremde Frau zu Sinistra.
"Nun das kann ich nicht leugnen, viele Lehrer haben sich bereits beschwert, dass er den Slytherin den Vorzug gibt." Sinistra nickte gewichtig.
Er nickte in Gedanken, das stimmte, er wollte den Slytherin mehr Selbstvertrauen geben. Aber ungerecht? Konnte man Fördern ungerecht nennen?
"Aber die anderen Lehrer? Warum tun sie nichts gegen diesen Mann?" fragte die Frau weiter und lehnte sich nun leicht gegen die Wand.
Sinistra schien etwas wie ein Lachen von sich zu gegen." Natürlich haben wir uns beschwert, er ist zu jung, zu ungestüm. Außerdem ist da noch etwas, aber", sie zuckte mit den Schultern," Dumbledore hält an ihm fest."
"Ich glaube es hat noch niemand ernsthaft mit ihm gesprochen! Ich arbeite beim Ministerium und ich werde dafür sorgen, dass dieser Mann von Hogwarts entfernt wird", fauchte die Frau und marschierte davon. Im langsam erlöschenden Licht der Fackel konnte Snape erkennen wie Sinistra dünn lächelte und schließlich in der gegengesetzten Richtung verschwand.
Snape lehnte sich hinter dem Wandvorhang an die Wand. Ministerium? War er doch zu weit gegangen? Würde Dumbledore an ihm festhalten, auch wenn sich nun auch Eltern beschwerten? Vorsichtig spähte er nochmals in den Gang, keiner war zu sehen.
Die Gedanken wirbelten nur so in seinem Kopf umher und er mußte nachdenken. In Ruhe nachdenken. Die Türen der anderen Klassenzimmer sprangen auf und wahre Schülerströme ergossen sich in die Gänge. Stundenwechsel. Sie wichen dem Meister der Zaubertränke aus, einige zogen die Köpfe ein wenn er an ihnen vorbei ging, andere sahen ihn ängstlich an, nur die Slytherin-Schüler nickten ihm respektvoll zu. Doch so recht wollte er all dies nicht wahrhaben, hier konnte er nicht denken.
Bald ging er durch die Tore der Schule, über die grüne Wiese, an Hagrids Hütte vorbei, in den Verbotenen Wald. Das Donnergrollen über seinem Kopf hörte er nicht. Im Wald konnte er nachdenken. Auch wenn es hier für einen tauben Zauberer noch gefährlicher war. Aber hier gab es keine Schüler, vor denen er sich verstellen mußte. Der Himmel verdunkelte sich weiter und die schweren Gewitterwolken bauschten sich immer mehr auf.
Keiner bemerkte dass er fehlte, bis zum Abend. In den Prüfungswochen war es fast normal, dass bestimmte Lehrer fehlten, sie korrigierten letzte Prüfungen oder berieten sich mit den unabhängigen Beobachtern und Prüfern. Hagrid saß am Lehrertisch und sah auf den leeren Platz, wo normalerweise immer Snape saß. Auch Dumbledore bemerkte es und sah mit gerunzelter Stirn zu dem Wildhüter. Dieser zuckte mit den Schultern, auch er wußte nicht wo Snape war. Das Gesicht, das Dumbledore jetzt machte, gefiel Hagrid gar nicht, der alte Mann sah besorgt aus.
Hagrid beendete sein Abendessen früh und verabschiedete sich höflich von den Anwesenden. Vielleicht war Snape ja nur in seinen Räumen und entspannte sich etwas. Hagrid ging zu Snapes Privaträumen und klopfte an die Tür. Nichts. Er stampfte auf die lose Platte vor der Tür. Nichts. Er rüttelte an der Tür. Nichts. Mit seinem kleinen rosa Regenschirm tippte er gegen die Tür und sie schwang auf. Hagrid rief nicht nach Snape, dieser hätte es nicht gehört. So ging er nur vorsichtig in den Hauptraum der gleichzeitig das Wohnzimmer war und sah sich um. Alles sah ruhig aus und im hellen Mondlicht, das durch die kleinen Fenster schien, konnte er seinen Freund nirgendwo erkennen. Hagrid wurde unruhig, mit größter Sorgfalt verschloß er wieder die Wohnungstür und suchte das Schloß ab.
Snape wanderte weiter und immer weiter in den Verbotenen Wald. Die Dunkelheit bemerkte er nur am Rande. Tiere huschten durch das Unterholz, wenn er sich näherte. Bald war nur noch das fahle Mondlicht seine einzige Beleuchtung. Langsam schlich sich eine bleierne Schwere in seine Glieder. Verblüfft blieb er stehen, schon lange nicht mehr hatte er diese Müdigkeit gespürt. Er horchte in sich, ja er war müde und sogar hungrig. Die Verblüffung schlug in Wut um und er trat nach einem kleineren Stein. Verdammt, früher als Todesser hätte es ihn wenig gekümmert, ob er Hunger hatte oder nicht, ob er müde war oder nicht. Damals wäre er einfach in seine Wohnung nach London appariert, hätte sich in eine alte Wolldecke gewickelt und geschlafen.
Langsam setzte der Wind ein und Blätter wurden von den Ästen gerissen. Das Gewitter, das sich schon so lange angebahnt hatte, war kurz davor sich zu entladen. Er warf den Kopf in den Nacken, die Wolkendecke deckte nun vollkommen den Himmel zu. Das Mondlicht verschwand, der Wind wurde stärker und die Temperatur begann zu sinken. Der erste Regentropfen brach sich auf seiner Stirn, Snape machte keine Anstalten sich zu bewegen. Stattdessen hob er die Arme und hieß den kühlen Regen willkommen. Lauschte mit seinen übrigen Sinnen, wie die Natur das erfrischende Naß, wie er, willkommen hieß. Der Regen wandelte sich schnell in einen wahren Wolkenbruch.
Severus ließ die Arme und den Kopf sinken. Spürte wie langsam seine Kleidung durchweichte. Es war ein kühler Regen und irgendwo ganz tief in ihm sagte eine kleine Stimme, er solle langsam Schutz suchen. Aber er wollte keinen Schutz mehr, wollte nur noch Ruhe. Er ging einfach in die Knie und ließ sich dann seitlich auf den nassen Waldboden fallen. In Gedanken war er wieder in der Senke, wo ihn Hagrid immer wieder gefunden hatte, in seinen Erinnerungen sah er diesen Platz im Sommer, wenn die Sonne heiß vom Himmel schien und er trotz der Helligkeit ihre Wärme gesucht hatte. Im Herbst, wenn das Farbenspiel des Waldes seinen berauschenden Höhepunkt hatte. Im Winter, wenn der Wald erstarrt dalag, aber dafür der Schnee im Mondlicht wie eine Decke aus abertausend Diamanten glitzerte. Im Frühling, wenn das erste Grün sich wieder hervorwagte. Damals war alles so einfach gewesen, nicht so kompliziert wie jetzt.
Vielleicht, dachte er ganz für sich, vielleicht wird wieder alles wie früher wenn ich hier so liegen bleibe.
Und er schlief, troz des Regens, ein.
