Vielversprechende Weihnachten
Sa. 21.12.1996
„Jetzt komm endlich! Du gehst doch nur mit McLaggen!", schrie Ginny, hämmernd mit beiden Fäusten an die Badezimmertür des Mädchenschlafsaals der Sechstklässler.
„Ich habe dir schon x Mal gesagt, dass ich mich nicht für McLaggen schön mache, sondern für jemand anderen.", schrie Hermine nach draußen und hörte daraufhin Lavender, die wütend anfing zu schreien: „Ihr könnt mich mal!", und daraufhin eine Tür zuschlug. Die ganze Sache mit Ron, war eine super Ausrede, auch öffentlich von ihrem Schwarm reden zu können und es gefiel Hermine. Nie im Leben hätte sie etwas mit Ron angefangen. Es handelte sich natürlich um Snape.
Seit dem Vorfall in seinem Büro, hatte sie ihn nicht mehr gesehen, außer am Montag vor ihrer gemeinsamen Stunde, während er sich auf dem Weg zu einem Todessertreffen befand. Sie hatte ihn gesehen, wie er seine Maske aufsetzte und seitdem war er nicht mehr aufgetaucht. Ob er sich nur von der ganzen Welt abschottete oder er wirklich noch immer für Voldemort zu tun hatte, wusste sie nicht. Doch es war nichts Neues, dass er nach einer Konfrontation mit ihr für mehrere Tage, ja gar Monate verschwand.
„Und weißt Du was, Hermine?! Es ist dir egal.", sagte sie zu sich selbst, auch wenn ihr klar war, dass dem nicht so war. Vielleicht, wenn sie es sich mehrere tausend Male am Tag versuchte einzureden, würde es auch klappen.
Doch Fakt war, dass sie sich seit 3 Stunden im Badezimmer befand, in der Hoffnung, er würde vielleicht doch noch auf Slughorns Party auftauchen und sie sehen…
„Hermine! Jetzt übertreibst du aber! Darf ich wenigstens reinkommen?", tönte von draußen her Ginnys von Aufregung getränkte Stimme.
„Ja, einen Moment! Ich bin fast fertig!", antwortete Hermine ihr, während sie den letzten Schliff an ihrem dezenten Augenmake-Up vornahm.
Dieses Mal würde sie es ihm zeigen. Wenn er meinte, den Eifersüchtigen spielen zu müssen, dann würde sie ihm einen Grund geben, ordentlich eifersüchtig zu sein. McLaggen war die perfekte Wahl. Er war intelligent, gut aussehend und zudem war seine Familie eine reiche, reinblütige Zaubererfamilie. Viele Mädchen wären gerne mit ihm gegangen. Nur leider hatte selbst Grawp, Hagrids Bruder, mehr Manieren.
Sie öffnete die Tür und starrte in Ginnys perplexes Gesicht.
„Hermine…", Ginny bekam kein Wort aus ihrem Mund.
„Gehen wir! Unsere Begleiter erwarten uns sicher schon! Danke nochmal, dass du Ron für mich mitnimmst… Meine Tarnung würde sonst auffliegen…", dankbar verlegen nahm Hermine ihre Freundin bei der Hand.
„Ich weiß, du glaubst es wäre falsch, aber DU hättest ihn von Anfang an fragen sollen. Er ist nicht mehr in dich verliebt, Hermine. Er hätte sich gefreut, dich als Freund zu begleiten! Also wenn du jetzt noch willst… Ich weiß, wie unausstehlich Cormac sein kann… Ich nehme ihn auch für dich!"
Doch Hermine winkte ab. „Das ist wirklich nett, Ginny. Aber ich darf den Plan nicht überstrapazieren. Wenn ER Ron mit mir sehen würde, dann hätte das alles keinen Zweck. Er war rasend eifersüchtig!"
„Ich verstehe dich. Nun dann. Gehen wir, du hast mehr als drei Stunden im Bad gebraucht. Es wird Zeit, dass wir für die investierte Zeit etwas einfordern!", mit einem Lachen hakte sich Ginny bei Hermine unter und die beiden begaben sich nach unten, in den Gemeinschaftsraum, wo sie ihre Partner bereits erwarteten.
Auf dem Weg in Slughorns Büro fragte Ron stotternd und unter vorgehaltener Hand immer wieder danach, was Hermine denn an Cormac fände, woraufhin sie nur antwortete, dass sie ihre Gründe hätte. Ginny unterhielt währenddessen McLaggen, der es zugleich auch mit ihr versuchte. Auf den Treppen warteten Luna und Harry auf sie.
Sie näherten sich bereits Slughorns Büro, und mit jedem ihrer Schritte schwoll der Lärm von Gelächter, Musik und lauten Stimmen stärker an.
Ob Slughorns Büro schon so gebaut worden war oder ob er es mit magischen Kniffen so geformt hatte, es war jedenfalls viel größer als das normale Arbeitszimmer eines Lehrers. Die Decke und die Wände waren mit smaragdgrünen, karmesinroten und goldenen Behängen drapiert, so dass es aussah, als befänden sich alle in einem riesigen Zelt. Der Raum war voller Leute und stickig und in das rote Licht einer reich verzierten goldenen Lampe getaucht, die von der Mitte der Decke herabhing und in der echte Feen flatterten, jede ein glitzernder Lichtfleck. Lauter Gesang drang aus einer entfernten Ecke, begleitet von etwas, das wie Mandolinen klang; ein Dunstschleier aus Pfeifenrauch hing über einigen älteren, ins Gespräch vertieften Zauberern, und etliche Hauselfen schlängelten sich quiekend durch den Wald von Knien, verborgen unter den schweren silbernen Servierplatten mit Speisen, die sie trugen und die dabei wie kleine wandernde Tische aussahen.
Dies verursachte in Hermine ein leichtes Würgegefühl, dass sie allerdings unterdrückte. Sie würde später ein ernstes Wörtchen mit Slughorn reden müssen. Jetzt müsse sie sich ihrer Aufgabe widmen.
„Ich muss mal eben ins Bad. Ginny, würdest du mich begleiten?", Hermines Frage verblüffte die Herren, genauso wie Ginnys Antwort. „Natürlich meine Liebe", quiekste sie, „auch ich müsste ein Momentchen meine Nase pudern!"
Eine Stunde lang, suchten die beiden Mädchen herum, doch Snape war nirgends zu sehen. Immer wieder mussten Ginny und Hermine neue Ausreden suchen, um McLaggen abzuwimmeln. Wenigstens Ron, Luna und Harry hatten bemerkt, dass die beiden Mädchen momentan wichtigere Dinge zu tun hatten, als sich um ihre Gesellschaft zu kümmern.
„Hören Sie auf, hier herumzuschleichen, und kommen Sie zu uns, Severus!", hickste Slughorn fröhlich. „Ich sprach gerade von Harrys außergewöhnlicher Begabung für Zaubertränke! Natürlich ist es auch ein wenig Ihr Verdienst, immerhin haben Sie ihn fünf Jahre lang unterrichtet!"
Mit Slughorns Arm auf seiner Schulter wie in einer Falle gefangen, blickte Snape über seine Hakennase auf Harry hinab und seine schwarzen Augen verengten sich.
„Merkwürdig, ich hatte nie den Eindruck, dass ich es geschafft hätte, Potter irgendetwas beizubringen."
„Meine Rede, das ist ein Naturtalent!", rief Slughorn. „Sie hätten sehen sollen, was er mir in der ersten Stunde abgeliefert hat, den Sud des lebenden Todes - hatte nie einen Schüler, dem er beim ersten Versuch besser gelungen ist, ich glaube, nicht mal Ihnen, Severus –"
„Tatsächlich?", sagte Snape leise, doch seine Aufmerksamkeit wendete sich etwas anderem zu. „Sie entschuldigen mich." Und somit ließ er Slughorn und den perplexen Harry Potter zurück.
Er sah sie nur von hinten, doch schon jetzt wusste er, dass sie atemberaubend schön war. In dem dunkelroten Ballkleid, sah sie aus, wie ein Engel. Ihre wunderschönen, buschigen Locken fielen ihr nach vorne, auf ihr weibliches Dekolleté, sodass sie ihm einen sündhaften Blick auf ihrem weit ausgeschnittenen Rücken freigaben. Er näherte sich ihr und in dem Moment, in dem er sich sicher war, dass niemand (außer vielleicht der rothaarigen Weasley) zusah, drückte er seine Hand auf ihren Rücken. Zu groß war das Verlangen, sie anzufassen.
„Professor", mit einem strahlenden Lächeln drehte sie sich zu ihm um, wand sich jedoch nicht aus seiner Berührung. Sie hieß ihn willkommen, schloss bis auf wenige Zentimeter die Distanz, die die beiden vor Sekunden noch schützend trennte.
Unbemerkt stahl sich Ginny davon und ließ sie alleine, in der erotischen Spannung, die sich zwischen ihnen aufbaute.
„Sie haben also über meine Worte nachgedacht?", ein verschmitztes, siegessicheres Lächeln breitete sich auf Hermines Lippen aus und Snape kam nicht umhin, zu denken, wie sehr sie ihn doch im Griff hatte. Sie war bezaubernd.
„Ich bin mir noch nicht so sicher. Es wäre sehr freundlich von Ihnen, mir weitere Unklarheiten zu erläutern.", auch auf seinen Lippen breitete sich ein Lächeln aus und Hermine verlor sich darin, war es doch nur für sie bestimmt.
Er blickte sich noch ein weiteres Mal um, drängte sie in eine Nische und versenkte seine Hand in ihren Haaren. „Hermine…"
Sie sog die Luft ein, bei dem Klang ihres Namens. Es war atemberaubend.
„Hermine?", von irgendwoher rief jemand nach ihr, doch sie nahm es kaum wahr.
„Sir, es ist zu riskant. Ich bitte Sie, auf Abstand zu gehen.", nur widerwillig sprach sie diese Worte, sie wollte es ihm nicht zu leicht machen. Sie trat erneut ins Licht und forderte ihn auf, sich ihr wieder anzunähern. Die Spannung zwischen den beiden war unerträglich.
„Miss Granger, würden Sie mit mir tanzen?"
Ein Hermine unbekannter Mann drehte sich zu ihnen um und begutachtete die Situation argwöhnisch, doch es war dem Professor egal. Er streckte seine Hand aus. Als Hermine diese entzückt annahm, führte er sie zur Tanzfläche, wo sie noch einmal das Revue passieren ließen, was sie in ihrer gemeinsamen Tanzstunde gelernt hatten. Das Déjà Vu ließ Hermines Knie weicher denn je werden, doch er trug sie sicher in seinen Armen, er ließ sie nicht fallen.
Es wurde immer stiller um sie herum. Sie sprachen nicht, sie genossen einzig und allein den Tanz, der sie unter all den Anderen vereinte.
Dabei bemerkten sie nicht, wie sie nach dem 5. Lied zum Zentrum aller Aufmerksamkeit wurden.
„Hermine.", Ginny nahm sie bei der Schulter und holte sie zurück in die Realität. Sie blickte sich um und ihr wurde klar, dass der Professor und sie übertrieben hatten. Ausnahmslos Alle hatten ihre Gespräche, ihre Tänze eingestellt, um sich das Schauspiel genauer zu betrachten. Slughorn räusperte sich: „Wer hätte sich denken können, dass der Professor so gut das Tanzbein schwingen kann!", er lachte, doch jeder bemerkte, dass er lediglich versuchte, die Situation herunterzuspielen.
„Es war ein wunderschöner, formaler Tanz!", Slughorn machte alles nur noch schlimmer. Hermine senkte ihren hochroten Kopf, Snape klopfte seinen Mantel ab. „Es war mir ein Vergnügen, Miss Granger", er trat einen Schritt zurück und blickte in die Runde, seine Miene war wie versteinert, man konnte nicht mehr darin lesen, was sich vorhin zwischen den beiden abgespielt hatte.
Dann wurde die Aufmerksamkeit der Gäste auf etwas anderes gelenkt.
Auf Draco Malfoy, der von Argus Filch an den Ohren zu ihnen hergeschleift wurde.
„Professor Slughorn", schnaufte Filch mit zitternden Wangen, und in seinen Glubschaugen lag ein fanatisches Flackern „ich habe diesen Jungen in einem Korridor oben herumlungern sehen. Er behauptet, zu Ihrer Party eingeladen worden zu sein, er sei aber aufgehalten worden und zu spät losgegangen. Haben Sie ihm eine Einladung ausgestellt?"
Malfoy riss sich mit wütender Miene von Filchs Griff los.
„Okay, ich war nicht eingeladen!", sagte er aufgebracht. „Ich hab versucht, mich reinzuschmuggeln, zufrieden?"
„Nein, bin ich nicht!", sagte Filch, eine Behauptung, die gar nicht zu der Schadenfreude auf seinem Gesicht passte. „Jetzt kriegst du Ärger, aber wie! Hat der Schulleiter nicht gesagt, dass es mit dem nächtlichen Herumschleichen vorbei ist, außer ihr habt die Erlaubnis, oder was?"
„Schon gut, Argus, schon gut", sagte Slughorn mit einer lässigen Handbewegung. „Es ist Weihnachten, und es ist kein Verbrechen, auf eine Party gehen zu wollen. Für dieses Mal vergessen wir irgendwelche Strafen; Sie können bleiben, Draco."
Dass Filch ein empörtes und enttäuschtes Gesicht machte, war vollkommen vorhersehbar gewesen.
„Ich würde gerne ein Wort mit Ihnen reden, Draco", sagte Snape plötzlich.
„Oh, nun aber, Severus", sagte Slughorn mit einem erneuten Hicksen, „es ist Weihnachten, seien Sie nicht so hart –"
„Ich bin sein Hauslehrer, und ich entscheide, wie hart oder sonst etwas ich bin", sagte Snape barsch. „Folgen Sie mir, Draco."
Sie gingen davon, Snape voraus, Malfoy mit ärgerlicher Miene hinterher.
Traurig blickte Hermine ihm nach, er hatte sich nicht einmal verabschiedet.
„Alter. Was war das denn? Hermine! Man hätte fast meinen können, du und Snape…", entgeistert schaute Ron in Hermines Gesicht und suchte nach einer Regung, die sie verraten könne, doch Hermine überspielte jegliches Gefühl für ihren Professor und begann widerwillig laut loszulachen: „Ron, hörst du dir überhaupt selbst zu?"
Auch Ginny begann nun laut zu lachen, woraufhin Ron mit einstimmte. „Sorry, ich war für einen Moment verwirrt. Kommt nicht wieder vor!", kicherte er, „wo ist eigentlich Harry?"
Luna gesellte sich zu ihnen und sprach in dem für sie typischen Tonfall „Er folgt Draco und Snape, ich denke, er hat die bösen Schwingungen gespürt und will sie nun belauschen! Nargel, vermute ich…"
Die drei sahen sich vielsagend an und wollten gerade mit Luna losrennen, als sie von McLaggen unterbrochen wurden. „Granger! Du schuldest mir noch einen Kuss!"
Ron stellte sich schützend vor Hermine, doch diese legte behutsam ihre Hand auf seinen Arm. „Geht, ich komme nach!", dann fügte sie in erotischer Stimme hinzu. „Komm Cormac, wir suchen uns ein etwas ruhigeres Plätzchen.", die Freunde, die in Cormacs ekligem Gesicht auftauchte, brachte Hermine zum Würgen. Trotzdem hakte sie sich bei ihm unter und bewegte sich langsam mit ihm zu einer Nische. Luna, Ginny und Ron hingegen rannten in Windeseile hinaus, um nach Harry zu sehen.
„Ich bin froh, dass du mir endlich mal ein wenig Aufmerksamkeit schenkst und wir nun ungestört sind.", gluckste McLaggen und zog Hermine näher zu sich, welche ihn daraufhin hinter einen Zeltvorhang geleitete. „Ich will mit dir allein sein, Cormac.", Feuer spiegelte sich in ihren Augen wieder und der junge Mann folgte ihr nur zu gern, er bemerkte nicht, wie sie ihren Zauberstab zog. „Petrificus Totalus", und im nächsten Moment sackte Cormac McLaggen gelähmt in sich zusammen. „Es tut mir Leid?!", warf Hermine ohne jegliche Reue in den Raum hinein und folgte dann ihren Freunden.
