Bevor ich nachher von empörten Mails überrolt werde: Ja, es wird eine Missing Scene zu dem Todessertreffen aus dem letzten Kapitel geben. Gebt mir nur noch ein bisschen Zeit. :)
Ansonsten wieder ein riesiges Dankeschön für die Reviews, vor allem auch an Zephyr und Celina-HP! °strahl°
Und bevor ich jetzt wieder meine Erkältung pflegen gehe, bleibt mir nur noch, euch viel Spaß zu wünschen!
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The world seems not the same
Though I know nothing has changed.
It's all my state of mind
I can't leave it all behind.
I have to stand up to be stronger.
(Within Temptation – Pale)
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Kapitel 37 – Gegenstücke
Das neue Schuljahr brach an und auf eine groteske Art war alles so wie immer und trotzdem anders. Natürlich, die Schüler kamen wieder – aber es waren weniger. Es wurden neue eingeschult – aber es war gerade einmal die Menge zweier Klassen, die auf vier verteilt wurde. Die Lehrer waren anwesend – doch der Direktor fehlte.
Auch Snape würde so lange keinen Unterricht geben, bis seine Zugehörigkeit zur guten Seite öffentlich bekannt gegeben werden konnte. Und das wäre zweifellos erst nach dem Sturz Voldemorts. Bis dahin hatte Professor McGonagall seinen Vorgänger, einen pummeligen, in die Jahre gekommenen Mann namens Horace Slughorn, aus dem Ruhestand zurückgeholt. Niemand wusste, wie sie es geschafft hatte, denn er betonte immer wieder, dass er eigentlich nie geplant hatte, diese Stelle noch einmal einzunehmen.
Hermine vermutete, sie hatte einen Tipp von Professor Dumbledore bekommen.
Die Nachricht, dass Snape nicht unterrichten würde, hatte bei Hermine allerdings eine Kaskade von Gedanken ausgelöst, der sie nur Herr werden konnte, indem sie es rigoros vermied, auch nur im Ansatz über das Thema nachzudenken. Snape war kein Lehrer mehr. Sie nicht seine Schülerin. Es gab nichts, das zwischen ihnen stand. Nichts außer Voldemort, zwanzig Jahre und sein Alter Ego.
Lass das Denken, Hermine, das führt zu nichts!
Hermine saß neben Ginny am Tisch der Gryffindors und lauschte der Rede Professor McGonagalls. Die Hauslehrerin von Gryffindor wirkte ein wenig so, als würde alles unter ihren Händen zerbrechen und kein noch so mächtiger Zauber war dazu in der Lage, diesen Zerfall aufzuhalten. Hermine hatte ihre Lehrerin nie zuvor so machtlos und bemüht zugleich gesehen.
Sie selbst fühlte sich ähnlich. Seitdem Snape sie am vorigen Abend so sehr geschockt und von ihrer Überzeugung abgebracht hatte, schien ein unstillbares Zittern von ihrem Körper Besitz ergriffen zu haben. Sie hatte dem Todesser in die Augen gesehen. Erneut, sollte sie eigentlich sagen, doch das Aufeinandertreffen gestern Abend hatte nichts mit der Nacht zu tun, in der sie ihre Unschuld verloren hatte. Damals war das verzweifelte Flackern in seinen Augen gewesen, das ihr gezeigt hatte, dass das nur eine Maske war. Er hatte ihr wehgetan, das zweifellos, aber sie hatte gewusst, dass er es aus einer Art Zwang heraus getan hatte. Er hatte lediglich die Kontrolle verloren und sie war dumm genug gewesen, nicht abzuwarten, bis er sie wieder hatte.
Nein, das, was gestern Abend in seinen Augen gestanden hatte, war weder verletzt noch verzweifelt gewesen. Das war Erregung und Leidenschaft und Genuss gewesen. Das war der Todesser gewesen, unverfälscht und rein, wenn man auf diese Art überhaupt von einem solchen Geschöpf sprechen konnte. Sie hatte den Severus Snape gesehen, der sich damals aus vollster Überzeugung dazu entschlossen hatte, den Todessern beizutreten. Im uneingeschränkten Bewusstsein darüber, welcher Mittel sie sich bedienten.
Er hatte es akzeptiert.
Erneut durchlief ein Schaudern sie und Hermine rieb verstohlen ihre kalten Hände aneinander. In ihrem Verstand kämpften zwei überaus starke Wünsche miteinander. Der eine wollte weglaufen und Snape aus dem Weg gehen; er hatte erkannt, dass das, worauf sie sich eingelassen hatte, eine Nummer zu groß für sie war. Der andere wollte zu ihm und nachsehen, ob die Maske von gestern noch da, oder bereits wieder verschwunden war; er war sich sicher, dass sie nur einem Irrtum auf den Leim gegangen, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Hermine wusste nicht, wer gewinnen würde.
Auf jeden Fall nicht die ‚Er-ist-nicht-länger-mein-Lehrer'-Stimme!
Verdammt!
Zu ihrer Erleichterung nahm Snape ihr diese Entscheidung ab. Als sie nach der Begrüßungsfeier in ihr Zimmer zurückkehrte und insgeheim die Einsamkeit der Ferien zu vermissen begann, fand sie eine kurze Notiz auf ihrem Tisch. Ein zerfranstes Band lag daneben und als Hermine den Blick hob, sah sie, dass ihr Fenster ein Stück offen stand. Anscheinend hatte die Eule, die ihr diese Notiz gebracht hatte, entschieden, dass sie nicht auf Eulenkekse warten, sondern lieber wieder verschwinden würde. Vielleicht hatte sie Angst gehabt, Hermine würde sie zu Snape zurückschicken.
Kluges Tier.
Die Brünette kräuselte die Nase über diese Vorstellung und griff dann mit dem festen Entschluss, sich durch nichts und niemanden – und schon gar nicht durch Snape – ihre Zweifel nehmen, geschweige denn ihre Wut lindern zu lassen, nach dem Brief. Sie faltete das gelbliche Pergament auseinander und ihre Augenbrauen hoben sich, als sie lediglich einen Satz darauf fand.
‚Kommen Sie so bald wie möglich in mein Büro.'
Kein Absender, doch sie kannte Snapes Schrift gut genug, um ihn einwandfrei als selbigen zu identifizieren. Und selbst wenn nicht, gab es nicht viele Menschen in Hogwarts, die sie zu sich ins Büro bitten würden. Da Professor Dumbledore das Schreiben von Briefen inzwischen hatte aufgeben müssen und Professor McGonagall sie vorhin erst kurz gesprochen hatte, wäre so und anders auch nur Snape übrig geblieben.
Mit nachdenklicher Miene setzte sie sich an den Tisch und las diesen einen Satz mehrmals durch.
...so bald wie möglich...
Hermine schnaubte. Bis vor vierundzwanzig Stunden wäre sie bereits auf halbem Weg in die Kerker gewesen. Jetzt musste sie erst den einen Drang gegen den anderen ausspielen und ihre Beine dazu zwingen, diesen Weg anzutreten.
„Verdammter Bastard!", fluchte sie lautlos und wischte sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. Die Notiz lag drohend vor ihr auf dem Tisch und nachdem sie mehrmals tief durchgeatmet hatte, schnappte sie sich in einem Anflug von Mut ihren Zauberstab und verließ ihr Zimmer.
Hinter ihr schien das Pergament schadenfroh zu knistern, ehe es sich ein paar Zentimeter in die Luft erhob und verbrannte.
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Der Gemeinschaftsraum war überfüllt und das obwohl sehr viel weniger Schüler als sonst ihn bevölkerten. Es schien, als hätten sich alle hier unten versammelt, um die neuesten Gerüchte und Erkenntnisse auszutauschen und flüchtig traf Hermine Ginnys Blick.
Die Rothaarige saß bei ihren Klassenkameraden und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Ginny wusste bei Weitem nicht alles, was im Orden vor sich ging, aber sie wusste genug, um wertvolle Informationen weitergeben zu können. Hermine hoffte sehr, dass sie stark genug war, um diesem inneren Wunsch nicht nachzugeben. Undenkbar, was dann geschehen könnte.
Als die Jüngere seufzend den Blick senkte, wusste Hermine, dass sie alles für sich behalten würde. Ein erleichtertes Pochen tönte durch ihren Körper und als sie weitergehen wollte, wäre sie beinahe mit Colin Creevy zusammengestoßen.
„Hallo, Hermine!", grüßte der noch immer viel zu kleine Junge begeistert grinsend.
„Hi Colin..." Er wollte gerade wieder zum Sprechen ansetzen, als Hermine ihn unterbrach: „Hör zu, ich weiß, dass das, was du mir sagen willst, mit Sicherheit überaus wichtig ist, aber ich habe gerade gar keine Zeit. Können wir das auf später verschieben?" Sie sah ihn zerknirscht an und fragte sich, wie oft sie diesen Spruch in Zukunft noch benutzen würde.
„Sicher! Wir sehen uns." Nicht wirklich bekümmert, hob er kurz die Hand zum Abschied und ging zielstrebig zu seiner Klasse zurück. Diese nickten anerkennend und als Hermine sah, dass sie eine leere Butterbierflasche auf dem Tisch liegen hatten, die eines der Mädchen nun zu drehen begann, tat es ihr nicht mal mehr Leid, ihn so abgewimmelt zu haben.
Hermine atmete auf und steuerte nun rasch das Portraitloch an, nur um dieses Gedränge hinter sich zu lassen. Die Gänge waren um diese Zeit bereits verlassen, denn die Regeln in Hogwarts waren verschärft worden. Bis acht Uhr hatten alle in ihren Gemeinschaftsräumen zu sein und Hermine konnte sich nur beglückwünschen, dass sie Schulsprecherin war und dementsprechend aus der Regel fiel.
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Auf den Gängen herrschte trotz der Sperrstunde ein munteres Treiben. Nicht nur die Lehrer waren allesamt wieder versammelt, auch die Geister von Hogwarts schienen es nun wieder für lohnenswert zu halten, sich hier und dort zu zeigen, und schwebten durch die Flure. Seit dem Treffen in der Bibliothek hatte Hermine nicht auch nur einen Geist gesehen – natürlich abgesehen von Peeves, dem sie an diesem Abend nur mit einer gewaltigen Portion Glück entgangen war. Er stimmte nach wie vor gerne das kleine Lied an, das er sich über ihre leuchtend blaue Erscheinung ausgedacht hatte.
Sie verfluchte Murphy und die Tatsache, dass sie mit diesem äußerst unsympathischen Gesellen offenbar Brüderschaft getrunken hatte und schätzte sich glücklich, als sie endlich vor Snapes Bürotür stand.
Dieses Glücksgefühl währte allerdings nur solange, bis sie klopfte und sich daran erinnerte, warum sie erst jetzt hier war. Für einen Moment schloss sie die Augen und fühlte sich abrupt am Arm durch einen schmalen Spalt in der Tür gezogen. Der Durchgang war schneller wieder zu, als sie gucken konnte, und Snape presste sie mit einem Finger auf den Lippen gegen die Innenseite der Tür.
Nachdem er sich lauschend vergewissert hatte, dass niemand sie gehört hatte, ließ er Hermine los und ging wortlos zu seinem Schreibtisch, beinahe so, als wäre nichts geschehen.
„Was sollte denn das?", fragte Hermine ungehalten, allerdings leiser als sie es für gewöhnlich getan hätte. Sie hatte das dumme Gefühl, dass Snape durchaus seine Gründe hatte, sie so zu behandeln. Sie hasste lediglich das Prickeln an den Stellen, an denen seine Hände sie berührt hatten.
„Niemand weiß, dass ich hier bin, und ich würde es sehr begrüßen, wenn das auch so bleibt, Miss Granger!" Seine Stimme klang genauso ungehalten und scharf wie am Abend zuvor und die Worte, die er da benutzt hatte, schossen erneut Angst erregend durch ihren Kopf.
Reiß dich zusammen!
Hermine schloss die Augen und kämpfte um ihre Selbstbeherrschung. Sie hatte diesen Mann geküsst, sie hatte Sex mit ihm gehabt und sie hatte in seinen Augen gesehen, dass er definitiv auf ihrer Seite stand. Diese Angst war absolut unbegründet und kindisch!
Oder?
„Miss Granger?" Snape sah sie mit ärgerlich verengten Augen an und wartete darauf, dass sie weiter in den Raum trat und sich setzte.
Nur mit Mühe schaffte sie es, diese Erwartungen zu erfüllen. Ihr Herz raste und ihre Hände wurden feucht. „Was wollen Sie von mir, Sir?", fragte sie dann matt und setzte sich auf den äußersten Rand des Stuhls.
Himmel, er ist nicht mehr mein Lehrer!
Snape musterte ihre Gestalt mit einer hochgezogenen Augenbraue. Hermine gab sich nicht einmal die Mühe, ihre Angst vor ihm zu verbergen. Er sollte ruhig sehen, was er gestern angestellt hatte mit seiner unbeherrschten Art. Die er ja auch jetzt noch nicht abgelegt hatte, sondern beinahe stolz zur Schau trug. In diesem Moment hasste sie ihn abgrundtief.
...nicht mehr mein Lehrer...
„Ich habe eine Aufgabe für Sie", entschied er sich schließlich, dass ihn ihre Angst nicht störte und er sich problemlos auf sein eigentliches Anliegen konzentrieren konnte.
Hermine ballte die Hände zu Fäusten. „Was für eine Aufgabe?" In Gedanken fügte sie ein abfälliges ‚Bastard!' hinzu, doch dieses traute sie sich nicht zu sagen. Nicht mit diesem Adrenalinpegel im Blut.
... nicht... Lehrer...
Ruhe, verdammt!
„Sie dürfen sich dichterisch betätigen." Er lächelte zuckersüß und schob ihr ein kleines Stück Pergament über die Tischplatte.
Hermine zögerte, ihre Blicke fest auf seine Augen konzentriert, ehe sie nach dem Papier griff und die Zeilen überflog. Es war die Beschwörung, die sie in Harrys Erinnerung Wurmschwanz hatte sagen hören. „Was soll ich damit?"
Snape stöhnte frustriert. „Meine Güte, Miss Granger! Reißen Sie sich endlich zusammen und konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche!"
Sie zuckte erschrocken zurück und sah ihn wütend, wenn auch leicht rosa im Gesicht an.
Er ist mein Lehrer, belassen wir es dabei! Das macht es viel leichter, nicht auf diese Lippen zu starren und sich daran zu erinnern, was er damit anstellen konnte...
Snape beugte sich halb über den Tisch, ehe er betont gefasst und deutlich sagte: „Der Basistrank ist fertig. Ich habe ihn heute beendet, während sie der neusten Vergewaltigung des Sprechenden Hutes gelauscht haben." Er grinste zufrieden. „Wir sollen das Ritual umkehren, also lassen Sie sich was Hübsches dafür einfallen. Und wenn Sie sich ein paar Bonuspunkte sammeln wollen, dann liefern Sie auch gleich noch die entsprechenden Gegenzutaten dazu." Danach ließ er sich wieder zurücksinken und verschränkte zufrieden mit sich und der Welt die Arme vor der Brust.
Himmel, diese Stimme...
Halt! Lehrer, wir erinnern uns?
Hermine ließ ihn nur ungern aus dem Auge, doch es drängte sie danach, die Beschwörung erneut zu lesen. Woher sollte sie wissen, wie man die Gegenstücke dieser Zutaten fand?
Knochen, Fleisch, Blut...
„Unterscheiden sich die Gegenzutaten komplett von diesen, oder muss ich nur die Herkunft ändern?" Sie bemühte sich um einen sachlichen Ton und hoffte, dass Snape auch wieder zu dieser höflichen Distanz zurückkehrte, die ihr Miteinander ausgezeichnet hatte.
Und tatsächlich sah sie den spöttisch abfälligen Blick schwanken und seine Stimme klang eine Nuance weicher, als er sagte: „Ich fürchte, wir müssen bei diesen Zutaten bleiben. Das Ritual beruht auf der Macht von Knochen, Fleisch und Blut und wir müssen die passenden Gegenstücke finden. Jede dieser Zutaten hatte einen besonderen Sinn für den Lord. Sie haben ihn auf eine gewisse Art stärker gemacht, als es die gleichen Zutaten von beliebigen Leuten getan hätten. Wir müssen die Zutaten finden, die ihn besonders schwächen."
Hermine spürte, wie sie allmählich ruhiger wurde. Sie flüchtete sich in den Schutz, den zum Einen der große Schreibtisch und zum Anderen das sachliche Thema ihr boten. Sie nickte. „Ich werde mein besten geben." Dann stand sie auf, ohne ihn noch eines weiteren Blickes zu würdigen.
„Miss Granger?", rief er sie noch einmal zurück und bereits an der Tür stehend, drehte sie sich unwillig zu ihm um. „Nehmen Sie den dort." Er deutete auf die Lehne des Sessels, der auf der anderen Seite des Raumes vor dem Kamin stand. Darüber hing ein fließender Umhang, den sie im ersten verwirrten Moment für Harrys Tarnumhang hielt. Anscheinend besaß Snape selbst einen solchen, den er ihr nun zur Verfügung stellen wollte.
„Wofür?", fragte sie skeptisch nach und er verdrehte die Augen.
„Damit Sie nicht einem von Minervas bissigen Wachposten in die Arme laufen und das alles hier auffliegt. Der Orden kann sich keine Verzögerungen erlauben. Also nehmen Sie ihn endlich! Ich werde hier sitzen bleiben und mich nicht rühren."
Allein die Tatsache, dass er es für nötig hielt, ihr seine letzten Worte an den Kopf zu werfen, machten sie fuchsteufelswild. „Ich habe keine Angst vor Ihnen, Professor Snape!" Sie setzte sich in Bewegung und gerade, als sie am Sessel angekommen war, knackte sein Stuhl laut und sie wirbelte erschrocken herum.
Snape grinste diabolisch, hatte er sich doch nur nach vorne gelehnt und beobachtete sie genau. „Ach, ehrlich? Das sehe ich anders."
Sie biss die Zähne hart aufeinander und verfluchte ihre eigene Schreckhaftigkeit. Dann schnappte sie sich den Umhang und stapfte wütend zur Tür.
„Miss Granger?", rief er sie erneut zurück, ölig und beinahe ekelerregend anschmiegsam klingend.
„Was?", fragte sie scharf und warf ihm aufgebrachte Blicke zu.
Snape schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Na, na, nicht so vorlaut! Denken Sie daran, das Schuljahr hat begonnen..."
Sie atmete einmal tief durch. „Ja, leider ohne Sie als Lehrer", erwiderte sie beherrscht.
Super! So viel zum Thema ‚Er ist mein Lehrer'! Verdammt!
Snape lächelte gekünstelt. Er war ihr vollkommen fremd und das machte ihr Angst. „Zu meinem Bedauern muss ich gestehen, dass es leider so ist, ja..."
Wow... ich bin für ihn auch noch immer seine Schülerin...
Hermine schloss resignierend die Augen. „War es das, was Sie mir noch sagen wollten?"
„Nein." Sie sah ihn abwartend und mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Es ist gut so."
Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Was ist gut so?" Das ganze Spiel begann ihr allmählich wirklich auf die Nerven zu gehen.
„Dass Sie Angst vor mir haben." Seiner Stimme fehlte die drohende Schärfe, dennoch sog Hermine zischen die Luft ein. „Und jetzt gehen Sie!"
Er wandte den Blick ab und begann einige Papiere auf seinem Tisch zu sortieren. Hermine zögerte nicht lange, sondern verschwand unter der schützenden Unsichtbarkeit des Umhanges, ehe sie die Tür öffnete und das Büro verließ. Erst in der kühlen Luft des Kerkerganges glaubte sie wieder richtig atmen zu können.
Er wird nie wieder nur mein Lehrer sein.
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Die Abneigung und Angst gegenüber Severus Snape sprudelte aus einer Hermine unbekannten Quelle beinahe unablässig in ihren Verstand. Sie verbrachte die nächsten Tage fast ausschließlich damit, an dem Gegenfluch zu arbeiten, der die letzten Bestandteile des Trankes benennen, sowie ihn aktivieren würde, sobald Voldemort ihn getrunken hatte. Wie sie das erreichen wollten, darüber dachte sie noch nicht nach.
Die sehr abgeneigten Gefühle gegenüber ihrem Lehrer halfen Hermine allerdings ungemein dabei, konzentriert und entschlossen an dieser Aufgabe zu arbeiten. Sie würde ihm beweisen, dass sie es schaffte und sie würde erst wieder in die Kerker gehen, wenn sie den perfekten Spruch hatte.
Um diesen zu bekommen, vergrub sie sich – wie schon so oft – hinter einer Wand aus Büchern, die schwarzmagische Tränke und Ritual analysierten. Dafür hatte sie sich gezwungenermaßen noch einmal bei Snape eingefunden und hatte erstaunlich schnell die Erlaubnis bekommen, es sich in der Verbotenen Abteilung bequem zu machen.
Am Ende der ersten Schulwoche, die zu ihrer Erleichterung ereignislos und langweilig verlaufen war (natürlich immer abgesehen von den Stunden, die sie mit Lupin im schlosseigenen Wald verbrachte), hatte sie einen ersten Versuch vorzulegen und bat Professor McGonagall darum, mit dem Schulleiter sprechen zu dürfen. Hermine war überzeugt, wenn ihr jemand eine erste Beurteilung liefern konnte, dann Professor Dumbledore.
Der ehemalige Direktor lächelte sie wohlwollend an, als sie das Büro betrat, und Hermine setzte sich rasch auf den Stuhl vor dem Portrait, während sie das Stück Pergament in ihren Händen malträtierte.
„Schön, Sie mal wieder zu sehen, Miss Granger! Wie läuft die Arbeit mit Professor Snape?"
Hermine öffnete den Mund, um zu einer Antwort anzusetzen, doch im letzten Moment wurde ihr bewusst, dass sie drauf und dran gewesen war, sich sämtlichen Frust von der Seele zu reden. Jede noch so private Kleinigkeit. Deswegen räusperte sie sich erst und presste dann ein knappes „Gut!" hervor.
Professor Dumbledore runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts weiter zu diesem Zögern.
„Professor Snape beauftragte mich mit der Erstellung eines Ritualspruches, der den ursprünglichen aussetzen würde. Er scheint im Moment sehr beschäftigt und ich wollte deswegen Sie um Rat bitten, Professor. Ich weiß nicht, ob meine Gedankengänge, die letzten Zutaten betreffend, logisch sind und das Ritual so wirklich funktionieren kann." Sie sah unsicher zu dem weißhaarigen Zauberer auf und knetete weiter auf dem Pergament herum.
„Ich werde sehen, inwieweit ich Ihnen helfen kann. Erklären Sie mir Ihre Gedanken, Miss Granger", forderte er sie freundlich auf und rückte sich die Brille auf der Nase zurecht.
Hermine rollte das Pergament aus und begann, alles von Anfang an zu erklären: „Voldemort nutzte für seine Auferstehung die Knochen seines Vaters, das Fleisch von Wurmschwanz und das Blut von Harry. Es wurde jeweils unwissentlich, willentlich und unwillentlich gegeben und ich denke, das spielt eine entscheidende Rolle. Voldemorts Macht beruht auf Gewalt, deswegen muss der Gegenzauber alles auf freiwilliger Basis beschaffen." Sie wartete ab, was Professor Dumbledore zu dieser Schlussfolgerung sagte.
„Das klingt einleuchtend. Fahren Sie fort", ermunterte er sie nickend.
„Ich begann zu überlegen, welche Gegenstücke der Zutaten man einsetzen könnte. Zweifellos müssen wir bei der Basis Knochen, Fleisch, Blut bleiben, denn es gibt nichts Vergleichbares, das diese Wirkung aussetzen könnte." Ein erneuter Blickkontakt, ein weiteres Nicken. Hermine begann sich zunehmend sicherer zu fühlen und straffte ihre Haltung. Nach einer Woche einsamen Recherchierens und Verstehens tat es gut, ihre Gedanken endlich mit jemandem teilen zu können. Sie räusperte sich erneut.
„Für die Knochen des Vaters, die unwissentlich gegeben wurden, dachte ich als Gegenstück an die Knochen der Mutter. Voldemort hasst seinen Vater, nicht wahr?"
Professor Dumbledore nickte. „So ist es wohl, ja."
„Über seine Mutter konnte er sich kein Urteil bilden, sie starb bei seiner Geburt. Ich denke, sie ist einer seiner Schwachpunkte."
Der Schulleiter legte nachdenklich die Fingerspitzen aneinander und runzelte die Stirn. „Eine sehr gute Überlegung, Hermine. Ich denke, das könnte funktionieren. Fahren Sie fort!"
„Gibt es eine Möglichkeit, mit den Toten Kontakt aufzunehmen? Wir bräuchten ihr Einverständnis, damit wir uns einige ihrer Knochen aus ihrem Grab nehmen können."
Professor Dumbledore nickte. „Die gibt es. Es ist nicht besonders schön, aber das müssen wir in diesem Fall in Kauf nehmen. Professor Snape wird sich darum kümmern können."
Mit dieser Antwort fiel Hermine eine große Last vom Herzen. Sie hatte die ganze Zeit Angst gehabt, dass das Ritual an diesem Detail, dem Einverständnis von Voldemorts Mutter, scheitern könnte.
„Okay. Das Fleisch des Dieners, willentlich gegeben, wollte ich mit dem Fleisch des Feindes ersetzen. Ebenso willentlich, aber mit dem Wunsch der Vernichtung und nicht des Aufbaus. Um einen maximalen Erfolg erzielen zu können, wollte ich Harry für diese Aufgabe um Hilfe bitten. Professor Snape deutete bereits letzte Woche an, dass wir Harry für dieses Ritual brauchen würden und ich denke, es ist die einzige Möglichkeit, die Wirkung seines Blutes im Ausgangsritual aufzuheben."
Daraufhin folgte ein schweres Seufzen von Professor Dumbledore. „Es wird ihm nicht gefallen, denke ich."
Hermine lächelte schief. „Nein, das bestimmt nicht. Aber er ist vorgewarnt und er hat es nicht konsequent abgelehnt."
„Nun, das lässt Hoffnung aufkommen. Ich werde mich mit ihm in Verbindung setzen. Fahren Sie fort!"
„Als letztes muss das Blut des Feindes, mit Gewalt genommen, ausgeglichen werden. Es ist die mächtigste Komponente, denn es war Harrys Blut. Daran habe ich am längsten geknabbert." Sie verdrehte genervt die Augen und Professor Dumbledore nickte verstehend. „Bis ich dann bemerkt habe, dass die Lösung direkt vor meiner Nase sitzt." Ein durchaus stolzes Lächeln trat auf ihre Lippen und Professor Dumbledore sah sie neugierig an. „Professor Snape."
Das schien nicht die Antwort zu sein, die Professor Dumbledore erwartet hatte. „Wie soll ich das verstehen?"
Sie holte tief Luft, um den Teil ihrer Überlegungen darzulegen, auf den sie zweifellos am stolzesten war. „Professor Snape ist ein Diener Voldemorts, der allerdings schon lange nicht mehr auf seiner Seite steht." Zumindest hoffe ich das, fügte sie in Gedanken hinzu, drängte ihre Zweifel und Ängste allerdings beiseite. „Das Blut eines Dieners, freiwillig gegeben, könnte stark genug sein, um Harrys Blut auszugleichen. Und wenn wir es direkt aus dem Dunklen Mal entnehmen, können wir den Effekt noch einmal verstärken."
Der frühere Schulleiter ließ seine Blicke nachdenklich schweifen und es vergingen einige Momente, ehe er nickte. „Ich denke, Sie haben großartige Arbeit geleistet. Ich kenne mich mit den Tränken lange nicht so gut aus wie Severus, aber meinen Segen haben Sie. Zeigen Sie ihm Ihren Vorschlag und er wird Ihnen sagen, ob er so brauchbar ist, wie ich es annehme."
Eine aufgeregte Röte verteilte sich auf Hermines Wangen und sie kaute nervös auf ihrer Unterlippe. „Vielen Dank für Ihre Hilfe, Professor Dumbledore!" Sie stand auf, gab dem unendlichen Tatendrang nach und freute sich zum ersten Mal seit über einer Woche darauf, zu Snape in die Kerker zu gehen.
„Da nicht für!", rief Professor Dumbledore ihr noch hinterher, dann war Hermine auch schon auf der Wendeltreppe nach unten verschwunden.
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Etwa zwanzig Minuten später ließ Snape nachdenklich ihr Pergament sinken, auf dem sowohl die letzten drei Zutaten, als auch der Bannspruch stand. Seine Blicke wanderten noch mehrmals über die Zeilen, sprangen dann zu Hermine, zurück zum Pergament und wieder zu ihr.
Hermine konnte kaum still sitzen, während sie darauf wartete, dass er ihren Vorschlag bis zur Gänze erfasst hatte. Sie hatte dieses Mal darauf verzichtet, es selber zu erklären. Wenn Snape Details erfahren wollte, würde er sie fragen.
„Ich muss sagen, ich bin beeindruckt, Miss Granger", sagte er schließlich und sie atmete laut vernehmlich auf. Snape hob rasch das Pergament wieder hoch und schien noch einmal einige Einzelheiten durchzugehen, doch Hermine war sich sicher, dass er nur den Anflug eines Lächelns verbergen wollte.
„Dann meinen Sie also, dass der Trank so funktionieren kann?"
Er nickte. „Ich denke schon. Es wird mich einige Tage kosten, die entsprechenden Zutaten für die Geisterbeschwörung von Riddles Mutter aufzutreiben, aber ich bin optimistisch."
Hätte irgendjemand Hermine vor drei Jahren gesagt, dass sie einmal ein solches Lob von Snape zu hören bekommen würde, sie hätte denjenigen für verrückt erklärt. Diese Worte aus seinem Munde zähmten den Großteil der grenzenlosen Wut und Enttäuschung, die sie in der letzten Woche für ihn empfunden hatte, und das zarte Gefühl der Zuneigung kehrte zurück, wenn auch stark geschwächt durch die Zweifel, die sie noch immer hegte.
„Gut. Wie lange wird es in etwa dauern? Und kann ich bei der Beschwörung dabei sein?"
Er schüttelte vehement den Kopf. „Nein, das wird nicht möglich sein. Das Ritual ist äußerst schwer und... schmerzhaft, ich möchte nicht, dass Sie dabei anwesend sind." Hermine wollte gerade Einspruch erheben, als er sehr resolut klingend hinzufügte: „Und ich dulde keinerlei Widerworte in dieser Beziehung! Sie können sich lieber darum kümmern, Mr Potter für seine Beteiligung an diesem Ritual zu begeistern. Es wird sicherlich ein hartes Stück Arbeit, ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, ein Stück seines Fleisches für den Sieg über Voldemort zu opfern." Er konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen und Hermine sah ihn beinahe missbilligend an.
„Ich werde das schon irgendwie schaffen. Sorgen Sie nur für die Knochen der Mutter!" Entschlossen verschränkte sie die Arme vor der Brust.
„Keine Sorge, Miss Granger. Das wird noch das kleinste Übel."
Es war beinahe, als hätten sie eben einen Wettstreit begonnen. Hermine würde Harry als Gegner haben, Snape die Schwelle des Todes. Hermine war überzeugt, dass sie den leichteren Gegner hatte.
„Wann können wir den Trank vollenden?", fragte sie abschließend und Snape lehnte sich auf seinen Schreibtisch.
„Sobald Sie Potter überzeugt haben." Er funkelte sie kampflustig an.
„Er kann morgen hier sein." Sie lächelte verhalten und siegessicher.
„Geben Sie mir zwei Tage, ich muss vorher Zutaten besorgen." Ihm schien es nicht zu gefallen, dass er um diesen Aufschub bitten musste.
Hermine genoss es, dass sie einmal besser war als er. „Aber natürlich, Sir!" Mit diesen Worten stand sie auf und ging zur Tür hinüber, während sie sich den Tarnumhang um den Körper zog und nur ihren Kopf frei ließ. „Wir sehen uns dann am Sonntagabend!" Dann bedeckte sie auch ihren Kopf und verschwand mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gang.
TBC...
Beim nächsten Mal wird's blutig...
