After
34. The Portrait
„I love portraits.
I've always been fascinated by the fact that
when you put a frame on something you create limits for it.
It makes it look dead."
Nuno Roque
Die Uhr an der Wand tickte nervtötend laut. Zumindest kam es Draco so vor.
„Du hast keinen Kontakt zu Blaise Zabini?" Es klang wie eine Frage, aber das sollte es wahrscheinlich nicht. Und Draco hatte keine Antwort darauf. Abgesehen von der Offensichtlichen.
„Nein", erwiderte er schlicht. Weasley schien Smalltalk zu betreiben, denn alles andere war noch schlimmer. „Ich habe keinen Kontakt zu überhaupt irgendwem", stellte Draco schließlich klar.
„Jaah…", erwiderte Weasley gedehnt, als wäre es eine Lüge. Draco spürte die Anspannung. Dieses enge Gefühl in seiner Magengegend. Er kannte es auswendig, dieses Gefühl. Das schlechte Gewissen. Er wagte nicht einmal wirklich in Weasleys Gesicht zu blicken.
„Es ist bemerkenswert, dass er uns hilft", sagte Weasley dann. Ja, es war bemerkenswert, dachte Draco finster. Dass ihm dabei kein Zacken aus der scheiß Slytherin-Krone gebrochen war.
Snape betrat seine eigene Küche, in der er und Weasley seit einer Weile am Tisch saßen. Und mit mehr oder weniger viel Freundlichkeit verteilte Snape das Essen, was der Lieferservice von Wandas internationaler magischer Lieferküche gebracht hatte. Der große Karton war magisch beheizt, und abwesend betrachtete Draco den Hitzezauber, der flimmernd verstarb, als Snape ihn unterbrach.
Die Teller dampften, wirkten wie Porzellan, waren aber kein echtes, denn sie schienen wesentlich leichter zu sein. Draco konnte sich nicht erinnern in Malfoy Manor jemals geliefertes Essen bekommen zu haben. In Hogwarts ebenso wenig, auch hier bei Snape nach seiner Haft nicht. Es roch heiß und gut. Und Weasley schien einfach alles von der Karte bestellt zu haben.
„Und was ist der Plan?", wollte Snape wenig euphorisch wissen. „Ihr brecht ins Ministerium ein?", beantwortete er knapp seine Frage, Ablehnung in seinen Worten.
„Nicht wirklich", kaute Weasley kopfschüttelnd. Draco nahm die Gabel prüfend in die Hand. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was vor ihm auf dem Teller lag. Es war klein, gerollt und – gefüllt? „Ich arbeite dort. Ich kann immer in das Gebäude-"
„-nicht nach unten", unterbrach ihn Snape. „Es ist gefährlich", schloss er.
„Alles ist gefährlich, Mr. Snape", entschied sich Weasley zu sagen, bevor er ein riesiges Stück Huhn in seinen Mund schob. „Frühlingsrollen", erklärte Weasley in seine Richtung, als Draco vorsichtig durch den dünnen Teig gestochen hatte.
„Ah", entfuhr es Draco, der nun keinen Schimmer schlauer war als vorher.
„Chinesisch", fügte Weasley hinzu. Und Draco schob sich die Rolle in den Mund. Es schmeckte neutral. Nicht schlecht. Weasley griff sich die Flasche Bier, trank, und Draco war es nicht völlig klar, wie Weasley immer noch so verdammt großmütig sein konnte. Auf dem Weg zwischen der Praxis und Snapes Haus hatte Draco ein Dutzendmal erwartet, von Weasley niedergeschlagen zu werden. Nicht darüber zu reden, bereitete ihm Schwierigkeiten.
Dann wiederum hatte er über so vieles seit Jahren nicht geredet, dass dieses Gefühl auch wieder verklingen würde.
„Was erwarten Sie zu finden?", wollte Snape wissen, der wesentlich zurückhaltender aß als Weasley.
„Dumbledores Porträt", sagte Weasley. „Unter anderem." Snape seufzte.
„So einfach ist es nicht. Selbst wenn Sie sein… magisches Bewusstsein, denn nichts weiter ist ein magisches Porträt, finden, dann ist es kein Beweis. Porträts kennen keine Wahrheit und sind keine verlässlichen Zeugen", informierte Snape sie.
„Es geht auch kaum darum, einen Zeugen zu finden. Es gab keine Zeugen", schloss Weasley achselzuckend. „Es geht ums Prinzip. Dumbledore hatte damit zu tun, und es muss einen guten Grund gegeben haben, warum Coldwell unbedingt Dumbledores Bewusstsein fernhalten wollte."
„Nur für ein Porträt ist der Weg in die Mysteriumsabteilung zu riskant", beharrte Snape ernst.
„Es geht nicht nur um das Porträt", sagte Draco dann. Snape sah ihn an. Draco nahm an, würden sie das Porträt finden, würde Dumbledore ihm lediglich sagen, dass sich seine Warnung damals nicht auf Snape bezogen hatte, dachte er, mit einem verschlossenem Blick auf den grauhaarigen Mann, dem keine Sympathie für weder ihn noch Weasley anzumerken war. Dumbledore hatte ihn vor Coldwell warnen wollen, und dumm wie Draco gewesen war, hatte er es direkt auf Snape bezogen. Und deshalb war er nicht sonderlich scharf darauf, überhaupt irgendein Bewusstsein von Dumbledore zu finden.
„Was soll das heißen?" Snapes Ungeduld war immer noch seine auffälligste Charaktereigenschaft. Das, und seine schlichte Empathielosigkeit in Bezug auf Waghalsigkeiten. Draco seufzte schließlich.
„Ich gab Coldwell den versiegelten Brief." Snapes Stirn runzelte sich verständnislos. „Harry gab mir einen Brief. Einen… Gegenbeweis", sagte er nur. Weasley aß weiter, schien sich an dieser Tatsache wenig zu stören.
„Na und? Den dürfte Coldwell verbrannt haben, wenn er denn clever genug war", meinte Weasley schlicht, und Draco nickte nur abwesend.
„Aber Coldwell kannte den Inhalt und zum Beispiel mit Veritaserum würde man-" Aber Snapes Faust krachte so urplötzlich auf den Tisch, dass Draco zusammenzuckte, während Weasley die Thai-Nudel von der Gabel sprang.
„-du bist so unfassbar dumm, Draco!", brachte er beinahe entsetzt hervor, aber blanke Wut verzerrte seine Züge. Weasley schluckte hörbar den großen Bissen hinunter und blickte verstört von ihm zu Snape.
„Ich weiß", räumte Draco eisig ein. Denn wozu es abstreiten?
„Nein, das glaube ich nicht! Dir ist nicht eine Sekunde lang die Idee gekommen, dass so etwas Wichtiges nicht an den Mann gegeben werden sollte, der für die Inhaftierung deines eigenen Vaters verantwortlich war? In deinem Gehirn gab es nicht einen Moment der Klarheit, der dir-"
„-wenn ich nicht gerade Voldemort vernichtet hätte, dann wäre es mir vielleicht in den Sinn gekommen, zu dir zu gehen!", fuhr er Snape zornig an. „Aber nein!", ergänzte er wütend. „Ich war ja gefesselt und gelähmt, die Lehrer hatten die Zauberstäbe auf mich gerichtet, und du konntest es nicht erwarten, mich ins Ministerium abzuschieben!", knurrte er. Weasley betrachtete beide immer noch stumm, bevor er seufzte.
„Ist es nicht egal?", wagte Weasley noch einmal einzuwerfen. Er versuchte, die generell schlechte Stimmung nicht gänzlich einreißen zu lassen. „Wen interessiert irgendein alter Brief, der garantiert nicht einmal mehr vorhanden ist?" Snape schoss Weasley jetzt immerhin genauso einen verachtenden Blick zu, wie Draco sie am laufenden Meter bekam.
„Ein Siegelbrief wird mit Blut besiegelt", erklärte er kalt, und Draco fühlte sich wieder an die Schulzeit mit Snape erinnert. „Und ich nehme an, das wird Harry auch getan haben. Ob nun mit Absicht oder instinktiv. Blut lässt sich mit Schwüren, mit Verita-Zaubern, mit allen wichtigen Dokumenten verbinden, aber ich nehme an, Sie beide haben McGonagall damals nicht zugerhört, weil Sie beide mittelmäßige Schüler waren!", schnappte er, und Weasleys Mund schloss sich beleidigt. „Ein solcher Brief lässt sich nicht vernichten, mit der Absicht, die Wahrheit, die er bekundet, zu verdecken!", schloss Snape entnervt. Wieder bekam Draco seine Aufmerksamkeit. „Ich kann nicht fassen, dass du ihn Coldwell gegeben hast, Draco!"
Zum ersten Mal in all den Wochen wirkte Snape fassungslos. Er zeigte tatsächlich eine andere Emotion. Neben der ewigen Verachtung. Und Weasley ignorierte die Beleidigungen und Vorwürfe. Wache Aufmerksamkeit war in seine Haltung getreten.
„Der Brief existiert also noch? Es gibt einen Beweis?" Er fragte es Snape, aber Draco antwortete. Zum ersten Mal beschlich ihn die ungeahnte Hoffnung, dass sein Beweis vielleicht nicht den Flammen zum Opfer gefallen war!
„Er hat ihn in dieser Nacht in den Tresor gelegt", sagte er, ein wenig nervöser. Weasley aber schüttelte den Kopf. Tatendrang zeichnete seine Gestalt.
„Er befindet sich dort nicht mehr." Draco nahm das letztendlich auch an, aber Weasley schien Gewissheit zu haben. „Ich bin seit meiner Beförderung über den Inhalt des Minister-Tresors informiert", ergänzte er nachdenklich, und Snape runzelte die Stirn.
„Und mit welcher Ermächtigung?", erkundigte er sich skeptisch, aber Weasley verdrehte die Augen.
„Nennen wir es Paranoia, Mr. Snape", schloss er gereizt. „Ich habe meine Leute überall, und natürlich wird das Büro des Ministers überwacht." Und Snapes Maßregelung blieb aus.
„Äußerst praktisch", bemerkte Snape, fast mit dem Hauch der Anerkennung in der rauen Stimme, aber dann schien ihm seine Wut auf Draco wieder einzufallen. „Unfassbar!", murmelte er wieder.
„Es tut mir leid!", knurrte Draco ungehalten.
„Das nützt uns überhaupt nichts", erwiderte Snape, und Draco nahm zur Kenntnis, dass Snape sich scheinbar mit einbezog. In was auch immer. Was sollte das bedeuten? Auch Weasley hatte den Blick gehoben.
„Uns?", wiederholte Weasley sichtlich überrascht. Aber Snape wirkte über sie beide entnervt wie eh und je.
„Denken Sie tatsächlich, dass – sollten all Ihre Bemühungen fehlgehen – das Ministerium nicht als erstes vor meiner Türe stehen wird? Ich bin ein Teil dieses Unterfangens, ob Sie es nun beabsichtigt haben, Mr. Weasley, oder ob Sie es in Ihrer Arroganz verkannten. Und da ich Sie scheinbar nicht von Ihren waghalsigen Plänen abzubringen vermag, verbleibt mir kaum eine andere Wahl, als mich…" Er zögerte den Hauch eines erwartungsvollen Moments. Draco hielt entsprechend unbewusst die Luft an. „… als mich anzuschließen."
Weasleys Mund öffnete sich und schloss sich wieder. Das waren Neuigkeiten. Aber Weasleys Blick fiel auf Snapes gelähmtes Bein. Es entging Snape nicht, und seine Lippen schürzten sich entsprechend. „Ich bitte Sie, Mr. Weasley", entkam es ihm glatt. „Ich war ein Spion beider Seiten. Unterschätzen Sie meine Möglichkeiten nicht, aufgrund von Äußerlichkeiten. Jede Behinderung lähmt einen nur soweit, wie man nicht mit ihr umzugehen weiß." Es schienen weise Worte zu sein, aber Draco begriff sie nicht. Er war noch nicht über die Tatsache hinweg, dass Snape ihnen seine Hilfe praktisch anbot.
Aber Weasley widersprach nicht. Und Snape atmete aus. „Das hier ist kein Rätsel, Mr. Weasley", fuhr er langsam fort, während sein Blick eine Stelle über dem Küchentisch fixierte. Snapes Verstand arbeiten zu sehen, war ein Wunder für sich, befand Draco. Snapes Blick löste sich aus der Starre und fiel auf Weasley zurück. „Sie sagten, das Bild im Ministerbüro war ebenfalls verschwunden?", vergewisserte er sich wohl, aber beinahe klang es nicht wie eine Frage. Scheinbar hatte Weasley es damals erzählt, nahm Draco an.
„Ja, unter anderem", bestätigte Weasley. Snape schien in seinen Gedanken bereits den nächsten Punkt zu erreichen.
„Die Sekretäre haben Zugriff zum Minister-Tresor. Ein Siegelbrief wäre dort nicht sicher vor neugierigen Augen." Sein Blick hob sich zu seinem und anschließend zu Weasleys Gesicht. „Allein die Zusammenhänge sind wichtig", fuhr er nachdenklich fort.
„Ja, Dumbledores Porträt zu stehlen sollte Dumbledore daran hindern, zu reden!", schloss Weasley gereizt. Aber Snape schüttelte den Kopf.
„Nein", widersprach er demonstrativ. „Kein Richter würde ein Porträt als Zeugen zulassen oder in Erwägung ziehen. Es ging nicht um… die Möglichkeit, das Albus sprechen könnte…", folgerte Snape. „Die Diebstähle der Porträts, auch das im Eberkopf, waren Vorsichtsmaßnahmen. Eine Aussage Albus Dumbledores, sei es auch als Porträt, mochten vielleicht einschüchternd auf Coldwell gewirkt haben, aber er fürchtete sich nicht davor."
„Dann was? Wenn Sie sagen, Dumbledore war keine Bedrohung, dann-?" Weasley schien es nicht zu begreifen, und genauso wenig begriff es Draco. Aber Snape schien von ihnen beiden auch nichts anderes zu erwarten.
„-seine Aussage nicht", korrigierte Snape. „Aber die Person des Schulleiters selbst hat Zugang zu den Gemälden des Ministeriums, vor allem zu dem Gemälde, welches dem Minister in seinen Räumen am nächsten ist. Derselbe Weg, wie der Schulleiter ins Sankt Mungo in die Chefetage kommt."
„Was heißt das?", wollte Weasley atemlos wissen. Aber Draco hatte verstanden.
„Coldwell wollte verhindern, dass Dumbledore sein Gemälde in seinem Büro betreten würde", entkam es ihm. Er erinnerte sich an das seltsame Gemälde, das seltsame Zimmer, was ihm so unwillkürlich düster erschienen war.
„Warum?" Weasley hatte den Grad der schmalen Erkenntnis noch nicht erreicht.
„Weil magische Porträts Aufbewahrungsorte sein können", beantwortete Draco diese Frage, beinahe ein wenig überrascht, während dunkle Erinnerungen in ihm an die Oberfläche stiegen. Snape verschränkte ausdruckslos die Arme vor der Brust. Aber Weasley schüttelte den Kopf und seine Schultern sanken.
„Nein, das funktioniert nicht", erwiderte er bedauernd. „Fred und George haben damals versucht, ihr Zeugnis verschwinden zu lassen. Kein Zauber der Welt hat es über die Barriere in das Bild von Wilfried Weasley gebracht." Snape schenkte Weasley beinahe einen nachsichtigen Blick, und Draco wusste auch diese Aussage zu entkräften.
„Nein", widersprach er beinahe tonlos. Seine angespannten Züge verloren an Kraft, denn er wusste es tatsächlich besser. Weasley sah ihn ungläubig an. „Es funktioniert", flüsterte er mit äußerst trockenem Mund. Denn er erinnerte sich an ein Gemälde in Lucius' Arbeitszimmer. Es war das Bildnis einer Kammer, er hatte nie gewusst, was für eine Kammer es war, aber… in der leeren Kammer tauchten dann und wann schmutzige Bündel auf, sammelten sich in den Ecken. Er schloss die Augen. Charity Burbage kam ihm ins Gedächtnis. Die Lehrerin für Muggelkunde. Sein Vater hatte ihn des Zimmers verwiesen, ehe die Versammlung an Todessern die Lehrerin zu foltern begonnen hatte.
Sein Vater sagte ihm später, Nagini hätte sich um das Problem gekümmert. Und Draco hatten die Albträume gejagt, aber… nicht alles war spurlos verschwunden. Er kannte die Kerker seines Hauses, kannte die Räume, die versiegelt und verschlossen waren. Und als er die Tür einmal offenstehen gesehen hatte, war er beinahe enttäuscht gewesen, dass sich lediglich schmutzige Bündel darin befanden. Einige verkohlt und verrußt, andere… einfach nur bräunlich und schmutzig.
Sein Blick wanderte zu Snapes Gesicht. An dem Abend, als Charity Burbage in Malfoy Manor gewesen war, hatte Snape später ein schmutziges Bündel in den Keller getragen.
Bevor das Ministerium zur Durchsuchung kam, wie es ständig passiert war, war das Gemälde aus dem Büro seines Vaters verschwunden. Und keinen Tag später, pünktlich zur Ankunft der Behörden, die natürlich auch die Kerker durchsuchten, hing das Gemälde an seinem Platz, nur ein paar Bündel waren in den düsteren Ecken dazugekommen.
Draco spürte den Ekel in seinem Körper, spürte die Kurzatmigkeit in seinen Lungen. Und dasselbe Gefühl, was ihn in Coldwells Büro vor siebzehn Jahren befallen hatte, konnte er plötzlich identifizieren. Und es machte ihm Angst, wie es nur noch Weniges konnte.
„Was?", entfuhr es Weasley jetzt. „Wie soll es funktionieren?" Aber Snape antwortete statt seiner, und Draco glaubte auch nicht, dass er noch antworten konnte.
Seine Kindheit jagte ihm manchmal noch schreckliche Angst ein. Mehr als es Askaban an seinen schlimmsten Tagen konnte.
„Ich möchte Ihren Brüdern nicht verwehren, tatsächlich über ein gewisses magisches Geschick verfügt zu haben", begann Snape, und Weasley sah ihn abwartend an, „aber für eine solche Transportation braucht es einen magischen Maler. Der einzige Weg, etwas oder jemanden aus dieser Welt verschwinden zu lassen, gelingt nur mit Transformation oder mit Transportation. Da ein Siegelbrief durch das Blut des Verfassers an seine Form gebunden bleibt, ist Transformation unmöglich. Was Ihnen durchaus geläufig sein sollte, da McGonagall ihnen die Grundformen der Wandelbarkeit um die Ohren geschlagen haben müsste", würzte Snape seine Worte mit der rechten Mischung an Spott.
„Sie glauben, Coldwell hat einen Maler beauftragt, der Harrys Brief in dieses Gemälde transportiert hat?", wollte Weasley augenblicklich wissen und ignorierte Snapes Seitenhieb. Snape ruckte unwirsch mit dem Kopf, deutete ein Nicken an. „Cool", entkam es Weasley, und Draco hob den Blick. „Es funktioniert also doch." Aber Snape schien es nicht ‚cool' zu finden.
„Die Kunst der schwarzmagischen Malerei ist nicht so verbreitet und nicht so legal, wie es Ihrem Kopf vielleicht den Anschein macht", entkam es Snape beinahe behutsam, wenngleich auch mit einem gereizten Unterton. „Es natürlich strengstens verboten, überhaupt zu versuchen, einen Gegenstand von rechtlicher Wichtigkeit – sei es auch nur ein Schulzeugnis – in die parallele Welt eines Gemäldes zu befördern." Weasley erntete einen eindeutigen Blick aus Snapes scharfen Augen. „Zwar sind Ihre Brüder es falsch angegangen, aber dennoch handelt es sich um den Versuch einer Straftat, machen Sie da keinen gedanklichen Fehler", ermahnte ihn Snape eisig. „Wer etwas Magisches verbergen möchte, braucht einen magischen Ort und einen passenden Magier, der weiß, was er tut", schloss er, den belehrenden Ton eines Lehrers auf den Lippen.
Weasley schien es nicht leiden zu können, belehrt zu werden, und Draco fragte sich unwillkürlich, ob Hermine all diese Dinge schneller begriffen hätte als er und Weasley. Er nahm es fast an. „Wir haben allerdings nicht die Zeit, entgangenes Schulwissen aufzufrischen", fuhr Snape mit deutlichem Missfallen fort. „Einen Siegelbrief entgegen seinem Zweck verschwinden zu lassen, kostet einiges an Skrupellosigkeit, ganz zu schweigen von einem Maß an Talent", kürzte es Snape ab.
„Wozu dann aber der Aufwand? Wieso hat er nicht ein willkürlich anderes Bild genommen, um den Brief zu verbergen, anstatt alle Bilder Dumbledores zu stehlen?", wollte Weasley wieder ernster wissen.
„Ist der Gegenstand erst im Gemälde verschwunden, ist es unmöglich ihn wiederherzustellen", erklärte Snape knapp. „Coldwell hatte von den Räumlichkeiten des Ministers vor Amtsantritt keine Ahnung, und ich nehme an, es war ihm unbekannt, dass der ehemalige Schulleiter von Hogwarts die Möglichkeit hat, das Gemälde zu betreten."
Und Draco erkannte seine Stimme kaum, als er sprach. „Was war es für eine Kammer? In Lucius' Büro?" Noch nie hatte er gefragt. Nie hatte er sich sonderlich interessiert, hatte dieses dunkle Geheimnis lange verdrängt. Snapes Ausdruck wirkte verschlossen, wie immer.
„Warum fragst du das?", wollte Snape tatsächlich prüfend von ihm wissen, ohne ihm direkt eine Antwort zu geben. Aber was Draco beunruhigte, war, dass Snape zu wissen schien, was es für eine Kammer war. Etwas in seinen Augen hatte sich urplötzlich verändert. Der harte Ausdruck wirkte ein wenig qualvoller.
Draco ignorierte Weasleys entgeisterten Blick, als er Snape antwortete. „Es war so ein Gemälde. In Coldwells Büro", antwortete er, ohne genau benennen zu können, was diesen Typus von Gemälde einzigartig machte. Vielleicht war es… die Angst? Und Snapes Stirn runzelte sich plötzlich.
„Was meinst du damit?", wollte Snape beinahe gefährlich ruhig wissen. Weasley schien weder ihm noch Snape zu folgen.
„Dieses Gefühl…", sagte Draco. „Die Stille und… die Dunkelheit. Es wirkte… ebenso kalt und…" Draco schluckte. „Tot", entkam ihm tonlos das Wort, was in seiner Erinnerung spukte. Noch immer konnte Draco die Gänsehaut im Nacken spüren, die ihn befallen hatte. Bei seinem Vater und bei Coldwell.
„Ater Caros", entgegnete Snape, ein wenig ungläubig.
„Was soll das sein?", mischte sich Weasley wieder ein. Diesmal klang er ungeduldig. Snape beobachtete ihn, Draco, noch immer aus nachdenklichen Augen.
„Die Todesser hatten… ihre eigenen Wege, Dinge zu verbergen", antwortete Snape, vage wie immer. „Es war ein Brauch der alten Kriegerkönige. Ich nehme an, weder Sie noch Draco werden Professor Binns genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben, um sich zu erinnern?" Es war wieder einmal keine ernstgemeinte Frage, deshalb antworteten weder er noch Weasley. „Sie hatten ihre Maler gezwungen, Gemälde von schrecklichen Orten zu fertigen. Schlachtfeldern, Galgenplätzen", erzählte Snape, die Stimme weit entfernt. „Es waren keine schönen Gemälde, aber bald erkannte man, dass sie weitaus mehr Macht besaßen, als lediglich den Betrachter in Angst und Elend zu versetzen", schloss er bitter. „Mit dem rechten Maß an schwarzer Magie, war es möglich eine Verbindung herzustellen."
Schwer atmete er aus, aber weder er, noch Weasley unterbrachen ihn. „Sehen Sie, eine schlichte Tasse vermag ein Maler ohne weiteres in ein Stillleben einzufügen", erklärte er. „Eine Leiche wiederum", fuhr er fort, und Weasleys Augen weiteten sich entsprechend, „kann man nicht in jedes beliebige Gemälde unterbringen. Nicht einmal mit schwarzer Magie."
„Wer etwas Dunkles verbergen will, benötigt einen dunklen Ort", sagte Weasley tatsächlich still, schien zu begreifen. Snape nickte nur.
„Ja", erwiderte Snape knapp. „Man nennt den Zauber auf diesen Gemälden Ater Caros", fuhr er fort. „Der finstere Todesschlaf. Ein wesentlich netterer Name, als es Sinn der Sache war", schloss er bitter. „Im Laufe der Geschichte, stellten die Zauberer fest, dass nicht einmal ein Kriegsschauplatz von Nöten, sondern jeder Ort eines schlimmen Verbrechens ausreichend war."
„Dein Vater hatte so was?", wollte Weasley direkt von ihm wissen, aber Snape antwortete.
„Jeder Todesser des inneren Rangs hatte ein Caros-Gemälde. Für alle Fälle", ergänzte er, und seine Mundwinkel zuckten düster. Es schien eine widerliche, neue Erkenntnis für Weasley zu sein.
„Ha-haben Sie so eins?", wollte Weasley mit unpassender Neugierde wissen, aber Snape verzog knapp den Mund.
„Ich habe zwei", erklärte er schlicht, und Draco konnte sich schon kaum vorstellen, dass man überhaupt eines haben wollte. Weasleys Mund öffnete sich. Draco kam Weasley vor wie ein Junge, der ein aufregendes Geheimnis erfahren hatte. Aber Snape schien nicht stolz auf den Besitz zu sein. Draco musste sich immer wieder vor Augen führen, wie gut Weasley eigentlich war. Wie unbefleckt. Wie anders er und Snape doch waren. Wie komplett verschieden von Weasley. „Es ist illegal ein solches Bild zu haben. Und ich habe zwei, weil mich Lucius bat, seines in Verwahrung zu nehmen, nachdem das Ministerium ihn verhaftet hatte."
„Du hast die Kammer hier?", entkam es Draco tonlos.
„Sie ist an einem sicheren Ort, und es ist nicht geplant, dass dieses Bild das Tageslicht jemals wiedersieht." Es beruhigte Draco. Doch Snapes Mundwinkel hoben sich freudlos. „Denkst du, ich habe es in meinem Wohnzimmer über dem Kamin?", wollte Snape beinahe spöttisch von ihm wissen. „Voldemort mochte größenwahnsinnig und verrückt gewesen sein und eine ganze Galerie im Schlafzimmer hängen haben, ich hingegen bin da doch bescheidener." Sein Blick fiel auf Weasley. „Und nun weiß der Leiter der Auroren ebenfalls Bescheid und könnte mich wegen Besitzes dieser Scheußlichkeiten auch noch verhaften lassen."
Aber Weasley antwortete ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich kann keinen Besitz dieser Bilder nachweisen, Mr. Snape. Wie sollte ich Sie jemals in diese Verlegenheit bringen?" Und schon war der Schuljunge wieder der beeindruckend vielseitige Mann. Auch Snape schien einen momentlang von Weasleys offensichtlichem Selbstbewusstsein beeindruckt zu sein. Und dann lächelte Snape ein beinahe unsichtbares Lächeln.
„Ich danke Ihnen, Mr. Weasley."
Und dann wurde Weasley ernst. „Hat Coldwell so ein Bild?", wollte er angespannt wissen, und Snape ruckte mit dem Kopf.
„Coldwell gehörte nie zu den erlauchten Reihen der engsten Todesser, was für seinen strategischen Karrieresprung zum Minister durchaus vorteilhaft war, aber ich bin mir sicher, er wird dem inneren Rang nachgeeifert haben, wo er nur konnte", schloss Snape ernst. Dann aber sah er Draco an und erhob sich langsam.
„Aber… ein Caros-Gemälde hat man als Minister nicht in seinem Büro", bemerkte er schließlich. Er fixierte ihn. „Bist du dir völlig sicher, dass-" Aber Draco unterbrach ihn.
„-ich bin mir sicher", sagte er mit voller Überzeugung, denn es gab weniges, was ihm so blendend hell im Gedächtnis geblieben war, wie diese Kälte. Aber das Bild seines Vaters und das von Coldwell hatten diese Kälte in den Raum gestrahlt.
„Niemand hat diese Bilder wie Trophäen an der Wand. Abgesehen von Voldemort", ergänzte Snape nachdenklich. Dann verlor sich sein Blick, und er schien zu einem düsteren Schluss zu kommen. „Es sei denn…", murmelte er nachdenklich, „es ist aktiv und er hat etwas zu verbergen", entkam es ihm still. Langsam wandte er sich an Weasley, denn beide schienen Wissen zu teilen, dass Draco verborgen blieb.
„Seine Frau", sagte Weasley dann dunkel. Und Draco fiel wieder bruchstückhaft ein, was Weasley damals erzählt hatte. Dass Coldwells Frau verschwunden war. Sein Gesicht verlor jede Farbe. „Sie wollen sagen", entfuhr es Weasley wesentlich gefasster, was sich Draco nur deshalb zu erklären wusste, weil Weasley noch nie so ein Gemälde gesehen hatte, „Coldwell hat seine Frau umgebracht und in dem Gemälde in seinem Büro versteckt?"
Es klang widerlich. Es klang nach etwas, was auch sein Vater gemacht hätte, dachte Draco für eine unwirkliche Sekunde. Und Weasley schien den Sinn hinter seinen eigenen Worten zu begreifen.
„Oh, wir müssen dieses Bild finden!", entkam es ihm mit grimmigem Tatendrang in der Stimme. „Dann finden wir nicht nur Harrys Brief, sondern direkt auch die vermisste Mrs. Coldwell", schloss er und erhob sich ebenfalls.
„Fantastisch", bemerkte Snape abschätzend, ohne jede Begeisterung. Weasley ging bereits zur Tür.
„Ich werde das nötigste vorbereiten, sollten wir scheitern. Ansonsten beginnt das Unternehmen ‚Coldwell' in zwei Tagen." Er wandte sich noch einmal an ihn. „Wir trainieren morgen und übermorgen nach der Arbeit. Ich kann auf dich zählen, Malfoy?" Es war eine ernstgemeinte Frage. Und mittlerweile wollte Draco nur noch, dass der Albtraum endete. Und dass Weasley über ihn und Hermine Bescheid wusste, setzte ihn nur mehr in Zugzwang. Er nahm an, irgendetwas schuldete er Weasley.
„Ja…, Ron", erwiderte er ruhig, und er sagte seinen Namen, so wie er Hermine und Harry ihn hatte sagen hören. Kurz betrachtete ihn Weasley, ohne zu reagieren, dann nickte er und verschwand. Irgendwann setzte sich Snape wieder und aß eine gebackene Seefrucht mit den Fingern. „Bist du nicht langsam zu alt für gefährliche Abenteuer?", wollte Draco von ihm wissen, und Snape atmete aus.
„Halt den Mund, Draco", erwiderte er schlicht, aber nicht ganz so todernst, wie er sonst immer war. Draco musste zugeben, die Aussicht auf Harrys Brief änderte die Perspektiven allesamt. Wenn auch nur für heute Nacht.
