37. William
„We all have someone we think shines so much more than we do
that we are not even a moon to their sun,
but a dead little rock floating in space
next to their gold and their blaze."
Catherynne M. Valente
Wieder saß sie neben ihm. Hermine war natürlich sofort nach dem Frühstück ins Mungo gekommen. Es war ein neuer Tag, und er trank gerade den magischen Trunk, der ihm dabei half, Körperfett und Muskeln aufzubauen. Es war ein ekelhaftes Zeug. Es roch seltsam, seine Konsistenz war zähflüssig, und sie würde keinen Tropfen runterbringen, nahm sie an. Aber Alec sah bereits besser aus. Aber sprechen tat er nicht wirklich mit ihr.
Und es fiel ihr unangenehm deutlich auf.
Endlich war er fertig mit dem riesigen Glas, von denen er am Tag fünf Stück runterwürgen musste. Und sie knetete unschlüssig ihre Finger in ihrem Schoß. Sie wusste schon nicht mal, ob es überhaupt in Ordnung war, dass sie hier war. Dass sie hier saß. Denn er zeigte diesbezüglich keine Reaktion, ließ sie nicht teilhaben, an den Dingen, die in ihm vorgingen.
Und sie sah ihn an, wartete, dass er den Blick erwiderte. Irgendwann, als es ihr schon so unangenehm war, dass sie wegsehen sollte, hob er den Blick. Die Farbe in seinen Wangen war langsam zurückgekehrt.
„Alec", begann sie unsicher, und er hörte ihr zu, „soll ich gehen?", fragte sie also vorsichtig, und er betrachtete sie lange, ehe er den Kopf schüttelte. Fast war sie erleichtert, aber besser würde es ihr gefallen, wenn er sprechen würde. Dann senkte sich sein Blick.
Und dann sprach er, ohne sie anzusehen.
„Ich dachte, ich müsste sterben", sagte er schließlich, die Stimme noch immer rau. Sie schluckte schwer. „Diese Katakomben. Die Stille", fuhr er leiser fort und schüttelte den Kopf. Und sie wusste nicht wirklich, ob er mit ihr gesprochen hatte, oder ob er einfach nur sprach. Aber sie fühlte sich gehalten, zu antworten, ihm zu versichern, dass jetzt alles gut war! Sie waren zusammen!
„Aber… du bist nicht gestorben", sagte sie, ein wenig mutiger. „Alec, ich-"
„-ich danke dir, dass du hier bist, Hermine", unterbrach er sie dann. „Aber-"
Aber?
Was meinte er mit aber?! Hermine hielt die Luft an, ihr Herz zog sich zusammen, denn er würde sie wegschicken, dachte sie plötzlich. Sie war ihm zu viel. Er war noch nicht soweit, er würde-
„-aber ich glaube…" Und sie wartete angespannt. Gott, wieso sprach er nicht weiter? Sie verging noch vor Angst auf dem Besucherstuhl! Sie betrachtete den Mann im Krankenbett fast verzweifelt. Wieso sprach er nicht weiter? Es brachte sie um, diese leeren Sätze.
„Du brauchst mehr Zeit?", bot sie ihm ein Ende des Satzes an. „Du willst dich die Woche ausruhen und mich nicht sehen?", flüsterte sie, und hoffnungsvoll sah sie ihn an. „Und wenn du rauskommst, dann reden wir?"
Und je länger sie sprach, je mehr Worte sie sagte, umso klarer wurde ihr, dass es das nicht sein würde, was in ihm vorging. Es war einer dieser Momente, wo man die schlechte Nachricht schon gespürt hatte, bevor sie laut geäußert wurde, und es war wie eine furchtbare Zeitlupe, in der ihr Herz aus Angst schneller schlug. Mitleid trat tatsächlich in seinen Blick.
„Ich brauche mehr Zeit als das", sagte er dann.
„Mehr Zeit als was?", flüsterte sie starr vor Angst. Aber sie wusste es. Mehr als eine Woche. Das hatte sie ihm angeboten. Also meinte er, mehr Zeit als eine Woche. Und dann sagte er es.
Einfach so. Und er riss sie entzwei.
„Hermine… kann ich zurücknehmen, was ich dir gesagt habe?", wollte er wissen, und ihr Herz blieb praktisch stehen, so weh tat es plötzlich.
Und sie würde gerne fragen, was er meinte, aber… sie wusste, was er meinte. Er wollte zurücknehmen, dass er ihr gesagt hatte, er wäre in sie verliebt. Er würde Gringotts nicht um einen Schreibtischjob bitten, zumindest nicht um ihretwillen. Er würde nicht bei ihr sein.
Sie schluckte schwer, und etwas Schweres fiel in ihren Magen.
„Es ist… alles anders. Und ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, und du bringst so viele weitere Probleme mit, die im Moment zu schwer für mich sind." Sein Blick war fast unfreiwillig auf ihren Bauch gefallen. Ihr Mund öffnete sich tonlos. So viele… weitere Probleme?
Sie hatte so auf ihn gebaut! Sie hatte all ihr Vertrauen in ihn gesetzt! Und sie wusste nicht, wie sie ohne ihn weiter machen sollte! Das dachte sie gerade. Und sie wollte nicht akzeptieren, was er sagte. Sie wollte weinen, wollte flehen, wollte alles, nur nicht, dass er zurücknahm, was er gesagt hatte. Sie wollte hm versichern, es wäre nur der erste Schock. Sie wollte ihm sagen, er würde seine Meinung bestimmt wieder ändern!
Wieso hatte sie ihm nicht direkt gesagt, dass sie ebenfalls in ihn verliebt war?
War es das, woran es lag? Vertraute er ihr nicht genug? Hätte sie sich öffnen müssen? Hätte sie… hätte sie…- was hätte sie tun müssen?!
Ihr Herz schlug schmerzhaft in ihrer Brust.
Aber sie bettelte nicht. Sie flehte nicht. Sie entschuldigte sich nicht. Sie hatte es noch nie getan, und sie wusste nicht wirklich, wie es ging. Und es tat ihr weh. Sie hatte auf ihn gewartet, hatte ihn nicht aus den Augen verloren, hatte sich so schlecht gefühlt, als würde sie ihn betrügen, und er kam nach Hause und sagte ihr, sie brachte zu viele Probleme mit sich? Und dabei wusste er nicht mal, dass sie ihn tatsächlich betrogen hatte.
Und mit fahrigen Fingern griff sie in ihre Handtasche. Sie holte die Box hervor und stellte sie auf seinen Nachttisch. Ihre Glückbringer. Der Mann, der ihr in Aussicht gestellt hatte, er würde bei ihr sein wollen, er würde sie heiraten wollen, er würde ein Vater für ihren Sohn sein – nahm alles zurück, und sie konnte die Box nicht mehr behalten, auch wenn sie noch nicht hineingesehen hatte.
„Das willst du dann wohl wiederhaben", flüsterte sie mit belegter Stimme und erhob sich schwer aus dem Stuhl. War das derselbe Mann, der ihr gesagt hatte, er wollte bei ihr sein? Sie wusste es nicht. Und sie wusste nicht, wem es half, das sie so tat, als trüge sie die Dinge mit Fassung, denn Fassung war gerade das letztes, was in ihr steckte. Aber… sie hatte es schon so oft tun müssen. Vor dem Krieg, während des Kriegs, auf Cedrics Beerdigung.
Und es war schwer, ihren Stolz auszuschalten.
Die Tränen stachen hinter ihren Augen.
„Vielleicht zu einer anderen Zeit, Hermine."
Und es waren leere Worte, denn in einer Woche würde sie ein Baby haben, und Alec würde dann bestimmt nicht mit offenen Armen auftauchen. Und sie hatte ihm vertraut. Sie war gestorben vor Angst, hatte bestimmt fast ihr Baby verloren aus Angst um ihn! Und was wäre, wenn das passiert wäre, fragte sie sich plötzlich, und ein wenig Zorn brodelte in ihrem Inneren, als er die Box unkommentiert in seiner Schublade verschwinden ließ. Was wäre, wenn sie ihr Kind verloren hätte? Dann würde er auch sagen, sie käme mit zu vielen Problemen!
Und gerne hätte sie ihm vorgeworfen, wie er nur so sein konnte, aber… sie konnte nicht. Sie wusste nicht, ob sie es nicht genauso verdiente? Hätte sie doch gesagt, sie würde ihn auch lieben. Hätte sie es doch einfach gesagt! Wäre sie doch wärmer gewesen, offener, netter. Hätte sie doch mehr Sex mit ihm gehabt! Hätte sie ihm doch die Leidenschaft zugeteilt, die Draco abbekommen hatte! Alec hätte sie verdient gehabt!
Ihre Unterlippe bebte kurz und sie senkte den Blick. Denn er sah sie nicht einmal mehr an. Der dumme Reinblüter in seinem Krankenbett hob nicht einmal mehr den Blick, als wäre sie gefährlich, als wäre sie plötzlich giftig, als würde sie es schwerer machen!
War das die Wesensveränderung von der die Schwester gesprochen hatte? Wenn es so war, dann erkannte sie ihn nicht mehr wieder. Dann war er nicht mehr da!
Er war derjenige gewesen, den sie gewollt hatte. Er war der Eine. Und er wollte sie nicht mehr. Er wollte sie nicht mehr….
Und sie wandte sich ab, ohne all die Worte zu sagen, die ihr noch auf der Seele brannten. Die Entschuldigungen, die sie sagen wollte, von denen ihr eigener Stolz sie abhielt.
Aber fast hatte sie das Gefühl, sie würde ihr Kind verleugnen, wenn sie das tun würde. Denn sie war nicht alleine! Sie entschied nicht mehr für sich selbst. Alles, was sie tat, betraf nun auch ihren Sohn. Und wenn sie zu Kreuze kroch vor einem Mann, der ihren Sohn als Problem bezeichnete, dann würde sie sich nicht entschuldigen!
Denn egal, ob sie Alec liebte, ob sie seine Frau sein wollte, seine Geliebte, die Frau, die immer gewusst hatte, dass er lebte, die nur kurz das Wesentliche aus den Augen verloren hatte, weil sie eben nicht perfekt war – sie wusste, das Baby verdiente nur einen Mann an ihrer Seite, der sein Vater sein wollte.
Und nichts sonst.
Sie verließ mit schwerem Herzen das Zimmer, wusste nicht mal mehr, wie sie noch stehen konnte, denn sie wusste nicht mehr, was sie jetzt tun sollte.
Und Ginny kam gerade, um sie abzuholen, denn sie hatte ihr nicht länger als eine Stunde gestattet.
„Herm-", wollte Ginny sie begrüßen, aber sofort unterbrach sie sich, und Hermine konnte die Tränen nicht mal zurückhalten. „Hermine!", rief Ginny fast panisch aus. „Was ist passiert?", wollte sie sofort wissen, aber Hermine fiel praktisch in ihre Arme und weinte an der Schulter der Jüngeren und durchnässte Ginnys weißen Kittel an der Schulter. Und Ginny hatte ein seltsames Gespür.
„Was hat er gesagt? Hermine?", wollte sie wissen, während sie Hermine hielt, ihren Rücken streichelte, und sie dann mit sanfter Gewalt zwang, sie anzusehen. „Ich bringe ihn dann persönlich um!", fuhr Ginny fort, denn Ginny schien praktisch damit gerechnet zu haben, ging Hermine untröstlich auf.
„Nein. Nein, bitte nicht", flüsterte Hermine unter Tränen.
„Hermine, was ist passiert?"
„Er…- Alec will mich nicht", hauchte Hermine nur, und Ginnys Mund öffnete sich ungläubig, ehe sie Hermine wieder in ihre Arme zog.
„Was für ein Arschloch", murmelte Ginny fassungslos, und Hermine weinte nur noch mehr, weil sie nicht ertragen konnte, dass Ginny ihn beleidigte, wo es wahrscheinlich doch alles Hermines Schuld war. „Harry sucht ihn wochenlang, bringt ihn nach Hause, und du? Du wärst fast depressiv geworden, wegen diesem inkonsequenten Idioten!", fluchte sie aufgebracht. Hermine hoffte nur, Alec würde es nicht hören.
„Wir verschwinden hier. Ich muss nur noch einmal nach Pansy sehen, dann übernimmt Dean meine restliche Schicht." Und Hermine hob den Kopf von Ginnys Schulter.
„Pansy?", flüsterte sie heiser. Und Ginny sah sie wieder an, als fiele es ihr gerade ein.
„Pansy bekommt ihr Kind. Wahrscheinlich noch heute!", klärte Ginny sie auf. Hermine fuhr sich mit dem Handrücken über ihre Augen.
„Was?", flüsterte sie aufgelöst, und Ginny nickte.
„Ja, ihre Wehen haben vor fünf Stunden eingesetzt", erwiderte Ginny. „Aber wir können einfach gehen, wenn-"
„-ich will sie sehen", sagte Hermine, und ihre Tränen versiegten. Sie wollte Pansy sehen.
Das wollte sie jetzt! Denn sie und Pansy saßen im selben Boot!
Und sie lief neben Ginny. Und sie dachte nicht nach. Sie fühlte sich so leer. Sie fühlte sich so alleine, wie nach Cedrics Tod. So verloren und so schrecklich einsam. Aber sie dachte an ihr Baby. Sie wusste, sie wäre nicht mehr lange allein. Und sie dachte an Pansy, und sie wusste nicht, woher die warmen Gefühle kamen, aber sie fühlte sich Pansy verbunden. Schrecklich verbunden. Denn auch Pansy war allein.
Sie erreichten den zweiten Stock, und fast wäre Hermine langsamer geworden. Denn vor dem Raum auf dem Flur, lehnte er an der Wand, ins Gespräch mit Blaise vertieft. Beide tranken irgendein Heißgetränk, und Hermine hörte das muntere Gespräch, die gute Laune, die von ihnen ausging. War sie echt, fragte sie sich unwillkürlich, aber sie musste nun tapfer sein.
Und Ginny schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit, und Hermine zwang sich, ihn nicht anzusehen. Malfoy hatte nur Mitleid mit ihr gehabt. Alec hatte sich ebenfalls getäuscht, und sie wollte es nicht mehr hören. Die Männer konnten ihr gestohlen bleiben. All die falschen Entscheidungen brauchte sie nicht mehr.
Und sie sah ihn nicht einmal an, als Ginny klopfte, die Tür öffnete und Hermine einfach in das Zimmer schritt. Ihr Herz schlug schneller, aber sie hatte den Blick nicht gehoben, ihm kein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt. Als wäre er Luft. Als wäre er nicht mehr als Luft und könnte ihr niemals etwas anhaben.
Denn so war es jetzt. Es zählte nur noch ihr Kind. Sie zählte nicht mehr. Ihre Gefühle waren nebensächlich. Zeit, nicht mehr egoistisch zu sein.
Ihr Blick fiel auf das Bett, in dem Pansy schwer atmete, mit roten Wangen und verschwitzten Strähnen, während Preston ihre Hand hielt. Sie erkannte Pansys Mutter, die sie im Gericht schon gesehen hatte, neben zwei weiteren Frauen, die sich angeregt unterhielten, und Hermine aus den Augenwinkeln musterten, aber es störte sie nicht.
„Pansy", sagte Hermine mit weiten Augen und kam näher. Pansy schien sie erst jetzt zu erkennen, während ihre Atmung abflachte.
„Hermine!", sagte sie heiser. „Was… was ist los?" Pansy schien zu sehen, dass Hermine geweint hatte. Aber Hermine zwang ein Lächeln auf ihre Züge und kam näher.
„Gar nichts. Es ist soweit?", fragte sie lieber, und Preston machte ihr tatsächlich Platz. Pansy sah sie müde an.
„Ja, und ich sage dir, ich will gar nicht mehr", murmelte sie.
„Oh, nein!", sagte Hermine. „Es wird wunderbar sein, Pansy. Heute Abend wirst du dein Baby haben. Dann bist du nicht mehr allein!" Und ihr Blick auf Preston. „Aber… das bist du scheinbar ohnehin nicht mehr", ergänzte sie mit einem Lächeln. Pansys versuchte zu lachen, aber scheinbar überkamen sie die Schmerzen, und sie schrie so markerschütternd, dass es Hermine mit der Angst zu tun bekam. Nein, solche Schmerzen empfand sie definitiv noch nicht. Es war alles unangenehm und unbequem, aber das…- nein. Das hätte sie gemerkt!
Die Wehe schien zu vergehen, und erschöpft fiel Pansys Kopf zurück, während Preston ihr einen Eiswürfel auf die Zunge legte, den Pansy nur zu gerne zu lutschen schien.
„Ich bin ein Weichei", entschuldige sich Pansy schwer atmend bei ihr, während Ginny Pansy still untersuchte. Und dann nickte Ginny.
„Pansy, es ist soweit. Zehn Zentimeter geöffnet", bestätigte sie. Pansy wirkte fast überrascht. Ginny schickte ein Memo an die Schwestern und an Dean, und es flatterte mit papiernen Flügeln und immenser Geschwindigkeit aus dem Zimmer. „Alle bitte das Zimmer verlassen, außer der Coach", sagte Ginny. Und Hermine nahm an, Pansy wollte, dass Preston blieb. Zumindest wirkte Preston so, als würde er nicht gehen. Nie mehr. Nirgendwohin. Fast war es nett, dachte Hermine. So musste der Vater sein.
„Hermine", sagte Pansy eilig, ehe Hermine gehen konnte. Sie beugte sich näher zu Pansy hinab. Und Pansys Augen wirkten so offen und weit und ehrlich und traurig zugleich.
„Es tut mir so leid", flüsterte sie, so dass nur Hermine sie verstehen konnte. „Es tut mir leid, dass ich…- alles, was ich getan habe", flüsterte sie unter Tränen. Und Hermine spürte ihre Tränen erneut. Teilweise wegen Pansys Ehrlichkeit, teilweise, weil es endlich soweit war, dass eine von ihnen das Kind bekam. Teilweise, weil Alec ihr Herz gebrochen hatte.
Und Hermine beugte sich hinab, umarmte Pansy fest, und sie wusste plötzlich, sie wollte Pansy als ihre Freundin in ihrem Leben haben.
„Du musst dich für gar nichts entschuldigen", erwiderte Hermine unter Tränen. „Es ist alles gut, Pansy."
Und Pansy drückte sie dankbar, ehe Ginny sie mit sanfter Strenge ermahnte, das Zimmer zu verlassen. Hermine versicherte ihr an der Tür, dass Ginny für die Geburt bleiben sollte, und dass sie, Hermine, ebenfalls bleiben würde. Sie wollte das Baby sehen, wenn es da war.
Und dann verließ sie mit Pansys Mutter und den anderen Frauen das Zimmer. Blaise und Draco hatten aufgehört zu reden, standen erwartungsvoll an der Wand, und Hermine machte den Fehler ihn anzusehen. Sein Ausdruck änderte sich sofort. Alle Gelassenheit fiel augenblicklich von ihm ab, und hastig blickte sie zur Seite.
„Hermine, alles in Ordnung mit Pansy?", fragte Blaise sie dann, und sie glaubte nicht, schon mal mit Blaise Zabini jemals gesprochen zu haben, es sei denn in Zaubertränke, wenn sie ihn nach irgendwelchen Zutaten gefragt hatte. Und auch das war höchst unwahrscheinlich.
„Mit…?", wiederholte sie und nickte dann. „Ja, es geht los. Sie… bekommt jetzt das Kind", sagte Hermine und wischte sich eilig die verräterischen Tränen von der Wange. „Preston ist bei ihr. Ich bin bloß… ein wenig emotional", flüsterte sie dann. Und Blaise wirkte schrecklich überfordert.
„Oh. Ok. Also… sind es gute Tränen?", vergewisserte er sich, und Hermine lächelte für Pansy.
„Ja", bestätigte sie, und Blaise atmete aus.
„Gut. Wirklich…gut- oh, Blaise Zabini, wir… kennen uns aus Hogwarts. Wenn auch… nicht direkt persönlich, äh…?" Er wandte sich fast hilfesuchend an Draco, aber Hermine nickte dann.
„Ich kenne dich, Blaise", räumte sie dann ein. Man kannte sich eben, wenn man im selben Jahrgang war.
„Ahem…" Blaise schien es alles schrecklich unangenehm zu sein. „Die Sache mit dem Krieg, äh…" Wieder sah er Draco an, dessen Augenbraue mittlerweile in die Höhe gewandert war. „Meine Eltern haben nie einen Muggel gefoltert oder getötet!", sagte er schnell. „Mein Vater ist ohnehin schon tot!", ergänzte er hastig, mit einem gekünstelten Lachen, das ihm fast im Halse stecken blieb, und schluckte dann, wusste scheinbar nicht, wo er hinsehen sollte, und Hermines Mund öffnete sich perplex.
„Äh, ok?", erwiderte sie langsam.
„Wow", entfuhr es Draco tatsächlich, und er schien von Blaises Talent, Sachen noch unangenehmer zu machen, ehrlich beeindruckt. Er nickte anerkennend. „Du warst aber schon mal unter Menschen?", vergewisserte sich Draco mit gerunzelter Stirn.
Blaise verdrehte die Augen. „Hey, ich will nur nicht, dass sie denkt, ich wäre… ich wäre… einer von diesen Reinblütern!", sagte er schnell. „Immerhin… ist sie… sie bekommt… dein… also…?"
Und fast musste Hermine lächeln über so viele soziale Umgangsschwächen.
Draco schüttelte bestürzt den Kopf. „Hör auf zu reden", sagte er nur. Und sie sprachen nicht miteinander, ging Hermine auf, sie sprachen nur mit Blaise.
„Und… du bleibst hier?", wollte Blaise mittlerweile mit knallroten Wangen wissen, und sie nickte.
„Ja, ich denke, es dauert noch eine Weile. Bleibst du auch?"
Blaise seufzte schwer. „Nein, ich habe selber einen Schreihals zu Hause", antwortete er. „Vier, um genau zu sein", korrigierte er sich angespannt. „Astoria zieht mir die Ohren lang, wenn ich auch noch Zeit im Mungo verbringe, um zuzusehen, wie Pansy ihren Schreihals bekommt." Hermine musste ein wenig bestürzt aussehen, denn hastig ruderte er zurück. „Ich meine, ich liebe Kinder! Vor allem meine, Merlin, versteh mich nicht falsch!", sagte er hastig. „Es ist nur… Astoria ist- und ich liebe Astoria!", beteuerte er ebenfalls sofort, aber er seufzte danach schwer.
„Ich verstehe schon", räumte Hermine ein, obwohl sie sich nicht sicher war, dass sie es tat.
„Ich besuche Pansy, wenn das Kind da ist", beantwortete Blaise dann lächelnd ihre Frage. „Ich bin sowieso viel zu spät dran", fiel ihm wohl mit Schrecken auf, als er auf seine Uhr hinabblickte. „Du… bist auch bald soweit?", vergewisserte er sich etwas plump bei Hermine, mit knappem Blick auf ihren Bauch.
Diese nickte nur. Blaise war ein seltsamer Charakter, dachte sie verwirrt. Und Blaise wandte sich dann an Draco. „Bleibst du auch, oder…?" Er ließ die Frage offen im Raum stehen. Draco mied ihren Blick, aber dann antwortete er.
„Ich muss auch los. Geh ruhig vor. Wir haben ohnehin verschiedene Wege." Und seine Worte ließen Hermine annehmen, er würde noch einen Moment länger hier bleiben. Sie wusste nur nicht, warum, und ihr Herz schlug jetzt schon schneller. Und Hermine sah ihn an. Und vielleicht war es eine Strafe des Universums, dachte sie. Hätte sie nicht mit ihm geschlafen, vielleicht hätte Alec sie dann ja gewollt. Vielleicht waren es alles kosmische Fügungen.
Und tatsächlich herrschte eine unangenehme Stille, bis Blaise um die nächste Kurve gebogen war. Sie waren allein. Pansys Mutter und ihre Bekannten waren wohl in die Kantine gegangen oder nach Hause. Hermine wusste nicht, ob Pansys Mutter tatsächlich blieb und wartete. Sie war ihr nicht besonders nett vorgekommen. Und Hermine setzte sich vor den schallgeschützten Raum auf den unbequemen Stuhl, denn es war noch schlimmer sprachlos vor Draco zu stehen. Außerdem tat ihr Rücken langsam weh, vom Stehen.
„Du hast geweint", sagte er schließlich, ohne jede Warnung. Langsam hob sie den Blick zu seinem Gesicht, denn es wäre albern, so zu tun, als wäre er nicht da.
„War das… eine Frage?", wollte sie dann wissen, aber es klang wie eine Feststellung, denn seine Stimme war am Ende des Satzes nicht hoch gegangen.
„Nein", bestätigte er nur, und sie mied seinen Blick wieder.
„Ich sagte schon, Pansys Schwangerschaft hat-"
„-davor", unterbrach er sie ernst. Und dann schwieg sie wieder. Davor? Wovor? Bevor sie zu Pansy reingegangen war? Hatte er sie so genau angesehen?! Und was sollte sie darauf sagen?
„Ich weiß nicht, wovon du redest", stritt sie seine Worte ab, und hörte ihn ausatmen.
„Und?" Er klang abgehackter, er klang kälter. „Wie geht es deinem Traumtypen?", wollte er abfällig wissen, während er die Arme vor der Brust verschränkte. Und sie risss ich innerlich zusammen, denn Draco ging es überhaupt nichts an! Nichts ging ihn mehr irgendetwas an, was ihr Gefühlsleben betraf!
„Es geht ihm besser", sagte sie also.
„Super", erwiderte er lakonisch. „Hochzeit schon geplant?", ergänzte er knapp, und sie hob den Blick wieder zu seinem Gesicht, um zu erkennen, dass sich seine Oberlippe leicht gekräuselt hatte.
„Geht dich das irgendetwas an?", wollte sie zorniger wissen, und er nickte dann selbstgerecht.
„Offen gesagt frage ich nur, um zu erfahren, ob ich aus der Pflicht entlassen bin", erwiderte er dann, und ihre Stirn runzelte sich wütend.
„Und welche Pflicht sollte das sein, Malfoy?", erkundigte sie sich bissig, denn sie hasste seine nonchalante Art gerade.
„Na ja, das was Preston gerade bei Pansy veranstaltet", bemerkte er mit einem Kopfrucken Richtung Krankenzimmer. Hermines Mund öffnete sich kurz perplex. „Händchen halten, gut zureden, Eiswürfel besorgen und wie der letzte Idiot warten, dass es soweit ist?"
„Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass ich jemanden wie dich bei der Geburt meines Kindes dabei haben möchte?", entfuhr es ihr fast empört, aber etwas an diesen Worten versetzte ihr einen kurzen Stich. Einen sehr kurzen. Fast war es… Enttäuschung? War es das? Nein. Wahrscheinlich nicht wirklich.
Ein Schatten schien sich kurz über sein Gesicht zu legen, und Kälte erreichte seine eisgrauen schneller, als sie angenommen hatte.
„Ich bin der Letzte, der dabei sein will, aber wenn dein Traumtyp ohnehin hier residiert, wird er wohl den kurzen Abstecher machen können", antwortete er. Und sie war so wütend. Und sie wollte nicht darüber nachdenken, dass sie Draco gerade anlog, dass sie und Alec keinen Kontakt mehr haben würden, denn auch Alec wollte sie nicht mehr. Und sie wollte erst recht weinen, weil sie alleine ihr Kind bekommen würde – denn das war sowieso so geplant gewesen! Sie war so schrecklich emotional geworden! Sie bekam es alleine. Warum auch nicht, Merlin noch mal? So war es geplant gewesen, so würde es eben sein.
„War das alles, was du wolltest?", wollte sie scharf von ihm wissen, und er nickte verächtlich.
„Das war alles."
Und er sah sie nicht mehr an, wandte sich ab und verließ den Flur.
„Jetzt sind wir allein", murmelte sie leise. Und eine einsame Träne rollte über ihre Wange, als sie ihre Hände über ihre Bauchwölbung legte, fast liebevoll. „Wir warten auf Pansys Baby. Vielleicht… werdet ihr ja die besten Freunde?", flüsterte sie mit stockendem Atem, aber jedes Lächeln verursachte noch mehr Tränen. „Wäre das nicht super?", flüsterte sie. Ihr seid noch nicht ganz da, aber vielleicht ist es ja kosmisch vorherbestimmt, Scorpius?", flüsterte sie stumm.
Es würde ihr gefallen, wenn es so kommen würde, dachte sie und schloss die Augen, um nicht mehr nachzudenken.
Sie war längst eingeschlafen, als es endlich soweit war. Sanft wurde sie wach gestupst. Sie öffnete blinzelnd die Augen.
„Ist… ist er da?", fragte sie Ginny eilig und blinzelte in das künstliche Licht auf dem Krankenhausflur. Ginny trug schon keinen Kittel mehr.
„Ja", bestätigte sie leise, mit einem Lächeln. „Ein gesunder, kleiner Junge." Hermine lächelte erleichtert. „Aber Pansy ist bereits eingeschlafen. Wir besuchen sie wann anders, ok?", ergänzte Ginny sanft.
„Wie… heißt er?", wollte Hermine wissen, als Ginny ihr aus dem unbequemen Stuhl half.
„Willam Preston Parkinson", sagte Ginny feierlich, und Hermine musste lächeln. Ja. Das war ein schöner Name. Sie hatte sich mit dem Namen Scorpius nicht angefreundet. Noch überhaupt nicht. Sie hatte Sorge, dass es nicht sein Name sein würde, würde sie ihn erst einmal zu Gesicht bekommen. Aber sie verdrängte diese Sorge erst mal.
„Wie spät ist es?", fragte sie Ginny, während diese den Arm um sie gelegt hatte und sie Richtung Aufzüge gingen.
„Fünf nach acht", sagte diese. Es war noch gar nicht so spät, aber Hermine war hundemüde. „Und ich habe die Kutsche gerufen, und heute schläfst du bei uns! Harry hat gekocht", sagte sie mit einem warmen Lächeln. Hermine lehnte sich gegen ihre beste Freundin und hatte überhaupt nichts dagegen. Sie wollte heute nicht alleine sein.
Heute noch nicht.
