Disclaimer: Ich bin eine Lehrerin, das heißt, ich verdiene nicht viel. Bitte nicht klagen!

Cassie

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Kapitel 36 – Rote Augen

/Hermines Sicht

Es sollte ein spezifisches Wort für das Gefühl geben, das mich in jenem Moment erfüllt, als ich das Zauberkunstklassenzimmer betrete. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich hatte nicht vor, sie in jenem Moment zu treffen, als ich damals mit Harry im Krankenflügel gesprochen habe, aber ein Teil von mir hat gewusst, dass es unvermeidlich war. Ich habe es einfach gesagt und seit dem habe ich es nicht bereut. Ich hatte ja genug Zeit um darüber nachzudenken, als ich alleine in McGonagalls Wohnzimmer gesessen habe. Und als die gute Professorin mir Tee und Bücher angeboten hat, mich vorsichtig anschauend, habe ich mich gefragt, was sie tun würde, wenn sie nur wüsste...

Dieses Gefühl ist wie eine gewisse innere Ruhe und Zufriedenheit, das aber nicht nachlässt. Als ich gesehen habe, wie Harry in den Krankenflügel reingeplatzt ist, habe ich gewusst, dass ich trotz allem bei ihm bleiben möchte. Mir ist ja klar, dass die Sorge, die er zur Schau gestellt hat, ein wenig übertrieben war und dass er es nur wegen Dumbledore und den anderen getan hat, aber trotz allem weiß ich, dass ich ihm wichtig bin. Und weswegen soll ich all das wegwerfen? Hätte man mir vorgeschlagen, ich solle mich ihm-dessen-Name-nicht-gesagt-werden-darf anschließen, wäre ich schreiend davongelaufen. Aber ich gehe mit Harry. Harry, den ich kenne und dem ich trotz allem vertraue. Was auch immer passiert, weiß ich, dass er mich nie im Stich lassen wird. Trotz der Tatsache, dass er sich in der Dunkelheit verloren hat, hat jener Teil von ihm überlebt, der Freundschaft und Treue schätzt.

Als ich reinkomme, steht er auf und legt seine Arme um mich. Schon als ich zusammen mit Professor Flitwick zum Unterricht gegangen bin, sind ein paar Ravenclaws, an denen wir vorbeigekommen sind, in Jubel ausgebrochen. Und jetzt grinst auch Draco mich an und Zabini schüttelt mir die Hand. Ich schere mich nicht darum, was die anderen darüber denken, dass die Slytherins mich begrüßen. Es fühlt sich zu gut an, endlich irgendwo willkommen zu sein.

„Begrüßen wir alle Ms Granger, die wieder zurück ist", sagt Professor Flitwick begeistert. „Ich habe ihr meine eigenen Notizen geliehen, sodass sie uns einholen kann. Ich weiß wie sehr sie mein Fach liebt."

Er lächelt mich an und ich grinse breit.

Er fängt mit dem Unterricht an und ich fixiere meinen Blick auf ihn. Es fühlt sich gut an, wieder zurück zu sein. Ich habe den Unterricht so sehr vermisst... Die Gryffindors werfen mir Blicke zu, aber ich habe kein Interesse an dem, was sie mir sagen wollen.

„Mr Potter", piepst der Professor. „Könnten Sie uns zeigen, wie man einen Gegenstand aufrufen kann?"

Harry zückt seinen Stab und dreht ihn in seiner Hand mit der Sicherheit einer Person, die viel Erfahrung mit dem Zaubern hat. Die Schüler verstummen und starren ihn an. Manche mit Bewunderung; manche mit Hass. Aber Harry ist egal, was man von ihm hält. Er wedelt mit seinem Stab und Professor Flitwicks Notizen schweben zu ihm hinüber. Aber... Er hat seinen Stab nicht benutzt. Dieses Mal habe ich es bemerkt. Die Magie ist direkt aus seinen Fingerkuppen geplatzt.

Er grinst selbstgefällig und Professor Flitwick wirft ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Das war sehr schön, Mr Potter", sagt er gespielt tadelnd. „Aber falls Sie sich meine Notizen ansehen möchten, brauchen Sie es nur zu sagen."

Die Slytherins lachen.

„Normalerweise würden wir diesen Zauber erst nächstes Jahr üben, aber ihr seid so gut, dass ich entschieden habe, ihn in diesem Jahr zu versuchen", sagt der Professor. „Es wundert mich aber nicht, dass Mr Potter diesen Zauber schon beherrscht."

Er wirft Harry einen Blick zu und schüttelt den Kopf.

„Also versuchen wir es!", sagt der Professor begeistert und klatscht in die Hände. „Ich habe Kissen mitgebracht, sodass keiner sich verletzen kann. Der Spruch heißt Accio! Die richtige Handbewegung sollte so aussehen."

Er zückt seinen Stab und ich frage mich, warum Harry diese Handbewegung nicht benutzt hat. Einmal hat er mir erklärt, dass man nicht alle Handbewegungen und Sprüche auswendig lernen muss, um einen Zauber auszuführen. Man muss nur wissen, was man erreichen will. Und er beweist ständig, dass seine Theorie funktioniert. Nur... Ist das SEINE Theorie oder die von dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf?

Als es klingelt, bedanke ich mich nochmal bei Professor Flitwick für seine Notizen und stehe auf.

„Hermine, warte", sagt eine Stimme hinter mir. Ich wende mich zögernd um und Harry, der bei mir steht, verengt die Augen.

Fred und George mustern mich und werfen Harry und den Slytherins einen prüfenden Blick zu.

„Wir wollten dir nur sagen", sagt einer von ihnen, „dass es uns leid tut. Vielleicht tut es nicht allen in Gryffindor leid, uns aber schon. Ronald ist ein Dummkopf. Und es geschieht ihm recht. Er ist einfach zu weit gegangen und du hast es nicht verdient."

Ich blinzele. Fred und George haben sich immer aus allem herausgehalten. Sie haben es nicht gebilligt, wie man mich behandelt, aber zur gleichen Zeit haben sie nie etwas dazu gesagt. Ich habe es also nicht verdient. Aber Harry schon?

„Aber Harry schon?", stelle ich diese Frage laut.

Fred und George werfen Harry einen schnellen Blick zu, der sie schweigend und gefährlich anschaut.

„Über ihn reden wir wohl nicht", sagt einer von ihnen leise. Mir ist klar, dass sie sich wünschen, Harry könnte einfach verschwinden. Aber das tut er nicht. Wahrscheinlich weil er denkt, er solle mich beschützen.

„Vergesst es", sage ich abwinkend und wende mich zum Gehen.

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Natürlich steht nichts über Ronald im Propheten. Warum wundert mich das nicht? Ich wende mich um. Harry liest ebenfalls den Propheten und Stille herrscht am Slytherintisch. Niemand möchte ihn beim Lesen stören und ich komme schon wieder zu dem Schluss, dass es unglaublich ist, wie viel Angst sie vor ihm haben. Hat er einigen Slytherins etwas angetan? Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt. Aber vielleicht muss er das auch nicht. Vielleicht ist es genug, wenn sie wissen, dass er der Lehrling von dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf ist.

Nach dem Mittagessen zieht mich Professor McGonagall beiseite und sagt mir, es gebe es eine Untersuchung im Ministerium, zu der ich gehen soll und dass ihr aufgetragen wurde, es mir mitzuteilen.

„Als Zeugin", fügt sie hinzu. „Aber wenn Sie es nicht tun wollen..."

„Es ist in Ordnung, Professor", sage ich leise.

Falls ich nicht auftauche, wird Ronald ihnen Lügen erzählen und man wird ihn freilassen. Klar, er kann nicht zur Schule zurückkommen, denn McGonagall hat ihn verwiesen und auch wenn Dumbledore etwas dagegen tun wollte, hat er nichts unternommen. Das wäre einfach zu viel, wenn er ihre Entscheidung als ungültig betrachten und seine eigene treffen würde. Hier geht es nicht um irgendeinen Streit zwischen Schülern, sondern um einen Angriff. Und auch er kann nicht leugnen, dass Ronald zu weit gegangen ist. Aber das, was mich beunruhigt, ist die Wahrheit. Denn ich habe ihn provoziert. Ich wollte, dass er mich angreift und dass dieser Wahnsinn endlich stoppt. Klar, er hätte nicht darauf reagieren sollen, aber es bleibt die Tatsache, dass ich doch meine Finger darin hatte.

„Kann Harry mich dorthin begleiten?", frage ich die besorgte McGonagall. „Ich würde mich viel besser fühlen, wenn er da wäre."

„Natürlich, Ms Granger", sagt McGonagall, obwohl mir klar ist, dass sie es für keine so gute Idee hält. „Ich werde den Schulleiter benachrichtigen."

Als ich in der Eingangshalle auf Harry warte, fliegt eine Eule zu mir hinüber und landet auf meiner Schulter.

„Hast du was für mich?", frage ich die Eule. Wer würde mir einen Brief schicken? Ich zerreiße den Umschlag und beginne zu lesen. Mit jedem Wort schlägt mein Herz schneller.

„Liebe Hermine,

Nachdem wir uns für den Ball verabredet haben, haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. So sehr ich mich auch auf den Ball freue, nach diesem schrecklichen Angriff verspüre ich den Drang, mit dir zu reden. Es ist einfach schrecklich! Ronald verdient alles, was er bekommen hat.

Möchtest du dich mit mir treffen? Wir könnten uns am nächsten Wochenende in Hogsmeade treffen. Oder wäre es dir lieber, dich mit mir im Geheimen zu treffen?

Ich möchte dich nur wissen lassen, dass deine Einladung zum Ball mich sehr überrascht und gefreut hat. Aber ich sehe es als Zeichen, dass du vielleicht Zeit mit mir verbringen möchtest. Melde dich."

„Bewunderer?", fragt eine Stimme hinter mir.

Ich fahre hoch und drehe mich mit dem Brief in den Händen um. Harry lächelt mich mysteriös an und deutet auf den Brief. Ich stopfe ihn schnell in meine Tasche.

„Schön, du musst mir nicht sagen, wer dein geheimnisvoller Bewunderer ist", höhnt er. „Aber falls er etwas versucht, ist er – oder sie – erledigt."

„Du zeigst deine Sorge um mich auf eine seltsame und beunruhigende Weise, weißt du", murmele ich.

„Hogsmeade also", sagt er, mir zuzwinkernd. Ich erstarre, ihn verwirrt anschauend. Hat er den Brief über meine Schulter gelesen? „Nun ja, Draco und ich werden ganz zufällig am Samstag in den drei Besen etwas trinken."

Ich lächele und schüttele den Kopf. Auch wenn er seine Sorge auf eine seltsame Weise zeigt, gefällt es mir.

„Harry, es gibt eine Untersuchung im Ministerium", sage ich leise. Seine Augen blitzen auf. „Und ich habe McGonagall gefragt, ob du mitkommen darfst. Sie hat ja gesagt... Möchtest du mitkommen?"

„Natürlich", sagt er sofort. Aber da gibt es etwas in seinen Augen, was mir nicht gefällt.

Ich weiß, dass er sich, seit ich angegriffen wurde, schon tausendmal gewünscht hat, Ronald töten zu können. Er hat es mir einmal selbst gesagt. Aber das möchte ich nicht. Rache brauche ich nicht und ich wünsche mir, er würde aufhören, darüber nachzudenken. Es jagt mir Angst ein. Die bloße Tatsache, dass er einfach so darüber nachdenkt und es in Betracht zieht, wie er es tun könnte, jagt mir Angst ein. Das ist nicht die Denkweise einer Person, die zufällig jemanden ermordet, weil sie von Wut oder Eifersucht angetrieben ist. Das ist die Denkweise einer Person, die einen Mord plant, als wäre er ein Ausflug nach Hogsmeade.

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Ich könnte mich an das Wohnen in McGonagalls Gemächern gewöhnen. Keiner schaut mich böse an und überall sind Bücher. Und die Professorin sitzt die Mehrheit der Zeit eh in ihrem Arbeitszimmer und korrigiert Aufsätze. Ich schaue mich um. Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, aber McGonagall ist Schottin. Obwohl sie keinen Akzent hat, denn anscheinend ist sie in England aufgewachsen, ist es offensichtlich, dass sie auf ihre Herkunft stolz ist. Das Sofa mit dem Schottenmuster gefällt mir.

„Professor", sage ich, als ich sie erblicke. Sie trägt einen heißen Kakao in der Hand und anscheinend geht sie weiterarbeiten. „Wissen Sie, ob Professor Dumbledore vorhat, mich wieder in den Gryffindorturm zu schicken?"

Die Professorin seufzt und setzt sich auf das Sofa. Sie mustert mich besorgt.

„Ich weiß es nicht", sagt sie leise. „Du bist jedoch ein Gryffindor; und trotz allem ist dein Platz im Gryffindorturm."

„Ich bin vielleicht ein Gryffindor, aber die anderen sind es nicht", murmele ich. McGonagall schaut mich seltsam an. „Dort fühle ich mich so fehl am Platz."

„Ms Granger", sagt die Professorin, sich nach vorne lehnend. „Das Benehmen von Mr Weasley hat uns alle überrascht. Aber ich muss Sie fragen – gab es andere Vorfälle? Hat Sie jemand anderer dort verletzt oder beleidigt?"

„Seit Sie dieses Schutzsystem eingeführt haben, nein", sage ich. „Aber man muss nicht tätlich angegriffen werden, um gehasst und schikaniert zu werden. Ich weiß, was sie von mir halten. Einmal habe ich gedacht, dass die Zauberwelt anders ist. So was gibt es natürlich auch in der Muggelwelt. Kinder können ziemlich mies zueinander sein. Aber ich habe gedacht, dass die Zauberer und Hexen anders sind."

„Wir sind doch alle menschlich", erwidert die Professorin. „Geht es Ihnen wieder gut? Schlafen Sie gut?"

„Dank dem Trank, ja", sage ich seufzend. Die Albträume sind weg, Merlin sei Dank.

„Haben Sie oft Albträume?", fragt die Professorin. Ich nicke und sie mustert mich besorgt. „Haben Sie Probleme zu Hause?"

„Ja, aber es ist nichts Wichtiges", sage ich schnell. „Meine Eltern haben Schwierigkeiten, sich damit abzufinden, dass ich Teil einer anderen Welt bin, die sie nicht verstehen."

„Das kommt oft in solchen Familien vor", meint McGonagall.

„Ich hatte Albträume... Ich habe geträumt, dass Lavender Brown mich mit einer Axt in der Hand jagt; oder dass die anderen Gryffindors mich in ein Zimmer einsperren und verprügeln. Immer laufe ich weg und am Ende fängt man mich doch."

McGonagall sieht noch besorgter aus und stellt ihren Kakao auf dem Tisch ab.

„Haben Sie Angst, dass Mr Potter etwas passiert? Träumen Sie davon?", fragt sie.

„Manchmal, aber er ist mein bester Freund. Es ist selbstverständlich, dass ich mir Sorgen um ihn mache", sage ich. „Wissen Sie, ich habe all diesen Hass ihm gegenüber satt. Hat er jemals jemandem was angetan? Nur weil er endlich eine Familie hat, die ihn liebt, und weil diese Familie die Malfoys sind, denkt man, er sei ein Schwarzmagier. Und wissen Sie was Ronald mir gesagt hat? Dass er nie damit aufhören würde, Harry zu verfolgen. Was hat er ihm angetan? Warum muss er ihn so quälen?"

„Ich kann die Gründe von Mr Weasley für sein skandalöses Benehmen nicht verstehen", meint die Professorin. „Und falls Sie denken, dass ich etwas mit meiner Frage andeuten möchte, liegen sie falsch. Ich bin froh, dass Harry endlich eine Familie gefunden hat und ich sehe ein, dass Narzissa Malfoy sich gut um ihn kümmert. Er sieht gepflegt und gesund aus und seit er hier angekommen ist, habe ich ihn nie so glücklich gesehen. Und seine Noten sprechen für sich selbst. Es würde mich nicht wundern, wenn er der Klassenbeste wird. Was seinen Hauswechsel angeht..."

Sie schüttelt den Kopf.

„Sie haben Recht, Ms Granger", sagt sie leise. Sie sieht enttäuscht aus. „Die wahren Gryffindors würden nie jemanden aufgrund der Zughörigkeit zu Slytherin verurteilen. Slytherin ist ein Haus wie jedes andere. Und ich habe ja bemerkt, dass Harry viele Slytherinqualitäten in sich trägt. Er schert sich nicht um die Regeln; er folgt den anderen nicht und möchte auch kein Teil der Masse sein; er ist selbstständig und kreativ; und er strebt nach Wissen. Er lässt sich nicht einschüchtern oder aufhalten. Das sind die Slytherinqualitäten, die ich trotz allem bemerkt habe. Und ihm geht es gut in Slytherin. Sie wiederum sind eine echte Gryffindor."

Sie lächelt mich an.

„Sie sind tapfer und dafür bereit, sich für Ihre Freunde zu opfern. Sie sind treu und verabscheuen Lügen. Und dazu sind Sie eine sehr begabte Hexe."

Ich fühle mich ein wenig unwohl, wenn sie sagt, dass ich Lügen verabscheue. Natürlich verabscheue ich Lügen; aber dieses Mal sind sie notwendig, um Harry zu beschützen. Schon wieder ein Opfer...

„Ich werde Professor Dumbledore sagen, dass es mich nicht stören würde, wenn Sie bei mir bleiben würden", sagt sie aufstehend. „Mein eigenes Haus hat mich sehr enttäuscht. Aber Sie haben all meine Erwartungen erfüllt, Ms Granger. Und es tut mir leid, dass Sie für ihre Ehrlichkeit und für ihre Treue Mr Potter gegenüber leiden müssen."

Sie geht und ich schaue auf meine Hände hinunter. McGonagall sieht nur das, was die Menschen ihr zeigen. Sie hat eine logische Denkweise. Sie verlässt sich nicht auf ihre Intuition und sieht nur das, was direkt vor ihr steht. Und sie sieht genau das, was Harry ihr zeigt. Aber nicht alle Professoren sind so. Was würde sie sagen, wenn ich zusammen mit Harry verschwinde?

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/Harrys Sicht

Nachdem ich fünfzehn Minuten lang gesprochen habe, lehnt sich der dunkle Lord in seinem Stuhl zurück und mustert mich mit einem maskenhaften Ausdruck.

Da er offensichtlich seinen alten Thron sehr vermisst, hat er einen Stuhl in etwas Ähnliches verwandelt. Zwar kann ich sein Bedürfnis, sich irgendwie über die gewöhnlichen Menschen zu erheben, verstehen, aber vielleicht übertreibt er ein wenig.

„Wann hast du vor, dieses Ritual auszuführen?", fragt er.

„Wenn ich die Zeit dafür finde", antworte ich.

Denn in letzter Zeit bin ich oft hier und duelliere mich mit ihm oder hocke mit ihm in seinem Arbeitszimmer und lerne. Voldemort ist der Meinung, dass sein Lehrling denselben Lebensstil, den er hat, mit ihm teilen soll. Und er hat, allem Anschein nach, seine Kindheit mit Büchern und seinem Stab verbracht. Der Weg zur Macht und Großartigkeit ist mit den Knochen von Feiglingen und Schwächlingen gepflastert...

„Aber du bist bereit?", fragt er argwöhnisch. Ich nicke eifrig. „Schön. Was hast du vor, dem Dämon zu geben?"

„Ich weiß nicht einmal, was er von mir verlangen wird", antworte ich ausweichend. „Ronald Weasleys Kopf?"

Voldemort gluckst und steht auf.

„Wenn du einen dämonischen Begleiter möchtest, sowie Grindelwald es einmal versucht hat, sind andere Regeln gültig. Du kannst niemanden dafür opfern; das Opfer muss von dir selbst kommen", sagt er belustigt.

„Also... ich brauche meine Hände", sage ich nachdenklich. „Und ich brauche meinen Kopf auch noch."

„Biete ihm einen Teil deiner Seele an", sagt Voldemort auf einmal.

Wie bitte?

„Harry, Harry", sagt er kopfschüttelnd. „Du bist in dunklen Ritualen sehr begabt. Das haben wir schon festgestellt. Also vielleicht fehlt dir Erfahrung mit Schwierigkeiten, die du nie hattest und welche die anderen dunklen Magier schon durchgegangen sind. Einen dämonischen Begleiter zu kriegen ist etwas, was nur Grindelwald versucht hat. Natürlich würde die Tatsache, dass du mein Erbe bist, dem Dämonen etwas bedeuten. Aus diesem Grund hat dieser Dämon, den du beschwören hast, der Aufgabe, einen passenden Dämon für dich zu finden, zugestimmt. Ansonsten würde er es überhaupt nicht in Betracht ziehen."

Und ich habe gedacht, dass es normal ist. Oder dass ich so phantastisch bin und dass der Dämon so von mir angetan war, dass er sich beeilt hat, seine Aufgabe zu erfüllen. Ähm... Ja, mir ist klar, dass ich etwas eingebildet bin, vielen Dank. Aber wenn man viel Zeit mit Lord Voldemort verbringt, passiert so was.

„Also wenn du dich in so etwas versuchst, solltest du für große Opfer bereit sein. Und ich frage dich jetzt – bist du dafür bereit?"

„Was heißt das, einen Teil meiner Seele zu opfern?", frage ich verwirrt. „Ich verstehe nicht, wie das überhaupt möglich wäre."

„Wie denkst du, dass ich meine eigene Seele zersplittert habe?", fragt er. „Mit dunkler Magie ist alles möglich – man muss nur den Preis bezahlen."

„In Ordnung, aber wie fühlt es sich an?", hake ich nach.

„Es ist unmöglich für mich genau zu sagen, wie du dich fühlen würdest, denn ich habe die Teile meiner Seele nicht einem Dämon gegeben", sagt er nachdenklich. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass er trotzdem eine gute Vorstellung hat, wie es sich anfühlen würde. „Aber es würde dich verändern."

„Das weiß ich", sage ich, mich am Kopf kratzend. „Kann ich dem Dämon einen bestimmten Teil meiner Seele geben?"

„Natürlich nicht", sagt Voldemort schnaubend. „Denn die Seele ist ein Ganzes; und da gibt es keine schlechten oder guten Teile, wenn du daran denkst. Dadurch würde der Dämon einfach einen Teil von dir in sich tragen; und du einen Teil von ihm. Auf diese Weise wärt ihr miteinander verbunden."

Kein verlockender Gedanke.

„Das heißt, die Mächte, die der Dämon hat, würden deine Mächte werden", fährt der dunkle Lord fort.

Nun, das klingt besser...

„Aber der Dämon würde auch einen Teil von dir bekommen."

„Hoffentlich nicht meine Magie", sage ich sofort.

„Natürlich nicht, du bist mein Erbe", sagt Voldemort. „Er weiß, dass du deine Magie brauchst. Er würde es nicht wagen, so etwas zu tun. Nein. Woran er meiner Meinung nach Interesse hätte, wäre deine Menschlichkeit."

„So wie meine Gefühle und so?", frage ich mit einem Schimmer von Hoffnung. „Die kann er haben."

Voldemort lacht amüsiert.

„Intensive Verwendung von dunkler Magie hat solch eine Wirkung auf einen, ja", sagt er. „Die Emotionen scheinen einfach an Kraft zu verlieren, weil der Magier seinen Willen trainiert, alles zu kontrollieren. Und doch bezweifele ich nicht, dass es etwas gibt, was er von dir bekommen kann."

„Nun, obwohl ich nicht ganz verstehe, was er von mir wegnehmen könnte, bin ich jetzt dafür bereit", sage ich, mich zurücklehnend. „Dämonische Mächte und einen dämonischen Begleiter gegen meine Menschlichkeit auszutauschen, das klingt fair."

„Für dich schon", meint Voldemort grinsend. „Also bist du dafür bereit?"

„Ja, bin ich", sage ich entschlossen.

„Gut", sagt Voldemort und kehrt zu seinem Schreibtisch zurück. Keine Warnungen mehr? „Du wirst das Ritual hier ausführen und ich werde anwesend sein."

„Das würde einiges vereinfachen", sage ich nachdenklich. Denn der Dämon würde nicht wagen, etwas Verrücktes anzustellen, wenn der Vertreter der Dunkelheit anwesend wäre.

„Was ist mit Bellatrix?" frage ich auf einmal. „Wann wollt Ihr, dass ich mich mit ihr duelliere?"

„Momentan nicht", erwidert er mit einem maskenhaften Ausdruck. „Denn wenn du vorhast, solch ein Ritual auszuführen und einen Teil deiner Seele zu opfern, wirst du deine Kraft brauchen. Bellatrix kann warten."

Einen Teil meiner Seele zu opfern... das hört sich so dramatisch an. Und doch hat der dunkle Lord seine eigene Seele in – wie viele Teile zersplittert? Wie ist das nur möglich? Aber warum sollte es mich wundern – mit dunkler Magie ist alles möglich. Gerade wenn etwas gegen alle Naturgesetze geht. Wahrscheinlich habe ich noch nicht begriffen, was dieses Ritual für mich bedeuten wird. Vielleicht bin ich ja zu jung für so was... Aber eins weiß ich. Ich fühle mich dazu angetrieben. Meine eigene Magie treibt mich dazu an und tief in meinem Inneren weiß ich, dass es in Ordnung ist. Dass ich es tun sollte. Was auch immer passiert, meine Magie wird mich unterstützen. Ich habe schon einmal gelesen, dass den Vertreter der Dunkelheit seine eigene Magie zu manchen Sachen antreibt. Und es fühlt sich in letzter Zeit an, als wäre ich in perfektem Einklang mit meiner eigenen Magie, die mich anführt. Und sie will, dass ich einen Pakt mit diesem Dämon abschließe.

Wann habe ich damit aufgehört, mich um die Folgen meiner Taten zu scheren? Bin ich lebensmüde? Überhaupt nicht. Ich fühle mich so lebendig, wie noch nie und ich wünsche mir ein langes und dunkles Leben. Aber die dunkle Magie in mir ist immer in Schwingung. Immer möchte sie lernen und wachsen. Im Vergleich zu den Hellmagiern, die sich damit zufrieden geben, nur so viel Magie zu lernen, wie sie zum Überleben brauchen oder das, was man ihnen in der Schule beibringt, zu beherrschen, sodass sie einen guten Job finden und eine Familie gründen können, ist das Streben nach Macht das Merkmal der dunklen Magier, die das Wachsen und das Lernen als einen Lebenssinn betrachten. Alles anderes rückt in den Hintergrund und kommt einem leicht und einfach vor, als wäre es eine Nebensache.

Also wird mich dieses Ritual verändern. Das habe ich schon eingesehen, vielen Dank. Mir ist klar geworden, dass ich mich nur verändern kann, wenn ich es zulasse. Und diese Veränderung brauche ich. Ich brauche einen dämonischen Diener, der mir bei meiner Arbeit und bei dem, was auf mich zukommt, helfen kann. Der Preis, den ich dafür bezahlen muss, kommt mir nicht zu hoch vor. Der dunkle Lord behauptet, der Dämon möchte meine Menschlichkeit... Das ist natürlich nur eine Vermutung des dunklen Lords, aber normalerweise stellt sich oft genug heraus, dass sich seine Vermutungen bewahrheiten. Und was ist mit der Tatsache, dass (bisher) keinem so was gelungen ist? Das habe ich auch schon mal gehört. Und ich habe es dennoch getan. Vielleicht bin ich eingebildet und arrogant, aber ich kann meine Arroganz mit Beweisen erhärten. Ich sollte aber keinem davon erzählen. Draco würde sich Sorgen machen und Hermine würde wieder weinen.

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Eine Woche später sitze ich in einer Halle voller Anhänger Voldemorts. Ein Treffen findet heute statt und ich befinde mich momentan in einem Raum, in dem etwa dreißig Anhänger sitzen und dem dunklen Lord zuhören.

Als ich reingekommen bin, habe ich einen Stuhl zu mir gezogen und mich zu ihm gesetzt. Für eine Sekunde lang sah es so aus, als wolle der dunkle Lord mich ausschimpfen oder mich für meine Frechheit bestrafen. Aber was habe ich falsch gemacht? Ich habe mich lediglich zu meinem Lehrer gesetzt, weil ich da hingehöre.

Wir reden über einen Diener, der sich in Luft aufgelöst hat. Der dunkle Lord möchte keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber da er ihn nicht durch das dunkle Mal erreichen kann, ist er zu dem Schluss gekommen, dass er ihn entweder verraten hat, oder dass die helle Seite ihn gefangen hält. Es handelt sich um denselben Zauberer, der uns geholfen hat, ins Ministerium reinzukommen und sein Name ist Mulciber. Ich sitze todernst da und lasse meinen Blick über die Anwesenden schweifen. Die Mehrheit der Anhänger des dunklen Lords denkt, dass seine Ziele klarer sind, seit er auferstanden ist. Aber ich bin die unbekannte Variable in dieser Gleichung und sie können einfach nicht verstehen, warum ich dasitze und warum der dunkle Lord mir so viel Freiheit lässt. Warum er mich überhaupt als seinen Erben ausgewählt hat. Der dunkle Lord hat seine Gründe, auch wenn nicht einmal ich sie verstehen kann, aber ich kann spüren, dass diese Rolle zu mir passt. Jetzt kann ich mir mein Leben ohne seinen Unterricht und seine Anleitung nicht mehr vorstellen. Ich kann mir ein Leben ohne die dunkle Magie nicht mehr vorstellen. Der dunkle Lord hat, so wie ich, einen echten dunklen Kern und Dumbledore hat es gewusst, als der Lord Hogwarts besucht hat. Dumbledore hat vermutet, dass er sich in so etwas verwandeln wird und er hat es zugelassen, weil ihm schon klar gewesen ist, dass Tom Riddle nicht zu retten war. Und das gleiche hat er mit mir getan. Und Tom Riddle hat, anders als die Kinder, die aus dunklen Familien stammen, die dunkle Magie nicht seit seiner Kindheit benutzt, sondern hat sie selbst erlernt. Aber er hat von Anfang an gewusst, was er war und dass er sich von der dunklen Magie angezogen fühlte. Ich wiederum bin aus ein Gespinst aus Lügen gefallen und habe zwei Jahre vergeudet, bis ich endlich den richtigen Weg gefunden habe.

Wir haben uns für heute Nacht verabredet. Der dunkle Lord hat schon für ein Zimmer gesorgt, das ich als Ritualkammer benutzen werde und alles steht bereit. Ich habe meine Sachen mitgebracht und habe fünf Tassen Kaffee runtergeschluckt, um wach zu bleiben und jetzt fühlt es sich an, als wolle mein Herz aus meinem Brustkorb heraus platzen. Ich denke über dieses Ritual seit dem Julfest nach und jeden Tag habe ich daran gearbeitet. Schließlich, als ich endlich das Zeichen eines Dämons hatte, der laut Azael für mich passend wäre, habe ich mich für das Ritual selbst vorbereitet. Ich kenne seinen Namen nicht; denn den erfahre ich nur, wenn er dem Pakt zustimmt. Der dunkle Lord ist der Meinung, dass das genau das ist, was dieses Ritual so gefährlich macht, aber ich bin anderer Meinung. Denn falls der Dämon mir Schaden zufügen möchte, würde er es sowieso tun. Alles hängt von mir ab; und dieses Gefühl ist mir sehr bekannt.

Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass eine gute Einstellung entscheidend ist. Der dunkle Lord ist der Meinung, dass auch andere Sachen zum Erfolg beitragen, aber ich habe das Auferstehungsritual mit wenig Wissen, jedoch mit einer klaren Absicht durchgeführt. Vielleicht bin ich ja zu jung und habe zu wenig Erfahrung mit den dunklen Ritualen, um meine eigenen Theorien zu entwickeln, aber es fühlt sich richtig an. Und zu meiner großen Überraschung versucht der dunkle Lord nicht, mich davon abzuhalten, es auf meine eigene Weise zu tun. Schließlich hat er seine Seele zum ersten Mal zersplittert, als er fünfzehn war. Aber er hatte keinen Lehrer in den dunklen Künsten, der ihn anführen konnte. Er hat es selbst gelernt und er hat selbst das Wissen gesammelt.

Es fühlt sich an, als hätte ich fünf Jahre in diesem einen Jahr durchlebt. Ich habe Tom kennengelernt, als ich zwölf war. Und seitdem lerne ich scheinbar jeden Tag etwas Neues und das so schnell, dass nicht einmal ich selbst meiner Entwicklung folgen kann. Und da es nur wenige Bücher über die dunklen Künste gibt, bekomme ich die Mehrheit des Wissens vom dunklen Lord, der eine wandelnde Bibliothek ist. Wer braucht ein Buch, wenn man ihn hat?

Aber vor allem scheint es für mich und meine Magie wichtig zu sein, dass ich dieses Ritual vor dem Walpurgisnachtsball durchführe, der bald stattfindet. Denn trotz der Tatsache, dass ich alles sorgfältig geplant habe, brauche ich Hilfe. Ich bin ja kein Vollidiot, auch wenn ich selbstsicher bin – hier geht es um Dumbledore, den Vertreter des Lichtes. Auch wenn er weiß, dass er bald stirbt, heißt das nicht, dass er nicht gefährlich ist und dass er sich einfach so ruhig hinlegen und mir erlauben wird, ihn umzubringen. Ich bin auf alles gefasst.

Manchmal fühlt es sich an, als lebe ich einfach viel zu schnell. Und ich kann Müdigkeit in meinen Knochen spüren – mein Körper und mein Geist verlangen eine Pause, die ich ihnen nie gönne. Ich werde mich ausruhen, wenn ich mit Dumbledore fertig bin. Ab und zu spüre ich eine gewisse magische Erschöpfung, die jedoch nicht so ernst ist, wie ich schon zweimal erlebt habe. Aber trotzdem gibt es Tage an denen ich spüre, dass meine eigene Magie eine Pause verlangt.

„Sehr interessant", meint der dunkle Lord, als er meinen Ritualdolch in die Hand nimmt. „Wo hast du den her?"

„Er hat einmal Grindelwald gehört", sage ich zufrieden. „Ich habe mit dem Porträt von Onkel Lucius´ Großvater gesprochen und der hat mir viel von der Zeit, als Grindelwald an die Macht gekommen ist, erzählt. Er hat mir auch gesagt, dass er einen Ritualdolch von Grindelwald im Malfoyverlies aufbewahrt, von dem Lucius keine Ahnung hat. Aber da ich mit Grindelwald verwandt bin, hat er gedacht, ich solle ihn haben."

Ich mustere die Ritualkammer kritisch. Ich habe die Sätze auf Latein auf den Boden geschrieben und alles steht bereit. Ich schlucke kräftig und wende mich dem dunklen Lord zu.

„Ich bin bereit, Meister", sage ich.

„Zieh deine Ritualrobe an", befiehlt er mir. „Ich werde das gleiche tun. Nimm dir die Zeit, um deinen Geist zu beruhigen und dich auf die vor dir liegende Aufgabe vorzubereiten. Beruhige dich und ordne deine Gedanken. Wir treffen uns in einer halbe Stunde hier."

Denn nichts sollte voreilig getan werden. Ich werde den Zeitumkehrer benutzen, falls ich ihn brauche, aber ich kann nicht unvorbereitet die Ritualkammer betreten und solch ein anspruchsvolles Ritual ausführen. Eigentlich ist das Ritual an sich, nicht anspruchsvoll. Meine eigene Einstellung macht es anspruchsvoll, denn ich muss mich auf meine Aufgabe konzentrieren und ich muss eine klare Absicht haben. Stahlharter Wille... Der alles kontrolliert. Voldemort hat sich jahrelang mithilfe seines Willens am Leben gehalten. Klar, er ist als Geist rumgeschwebt und die Anker, die er in dieser Welt hatte, haben ihm eh nicht erlaubt, die Welt zu verlassen. Aber wenn man Jahre als Geist verbringt, nur von seinem Willen angetrieben, dem Willen zu herrschen und zu überleben, erwartet man natürlich, dass man sich verändert. Dass man verrückt wird. Oder dass man verbittert und zornig wird. Aber Voldemorts Wille, weiterzuleben und die Welt zu herrschen, hat ihm geholfen, bei Verstand zu bleiben und er hat ihn angetrieben. Eines Tages möchte ich solch einen Willen haben. Bisher scheint es beinahe, dass ich ein Glückspilz bin, wenn es um Rituale und Zauber geht. Ich überlebe es einfach und tue alles, was ich tun muss. Oder weiß vielleicht meine eigene Magie, was zu tun ist, eben wenn ich es nicht weiß?

Ich zünde die Kerzen an, als der dunkle Lord es sich in eine Ecke des Raumes bequem macht. Seine dunklen Augen folgen mir, als ich die Kammer für das Ritual vorbereite. Die Eröffnung ist zwar nicht kompliziert, aber Dämonenbeschwörungen erfordern eine gewisse Einstellung und innere Kraft, für die man bereit sein muss. Ich lege das Zeichen des Dämons auf den Altar und schließe die Augen.

Die Anwesenheit des dunklen Lords hilft viel mehr, als ich je vermutet habe. Denn er strahlt Autorität und Macht aus, die ich momentan so sehr brauche. Es ist nicht gerade schwer für mich, in die richtige Laune zu kommen, wenn er wie eine Machtquelle dasitzt und mich genau beobachtet.

Zurück zum Altar kommend, der in der Mitte des Raumes steht, strecke ich meine Arme dramatisch aus und schließe die Augen.

„Dich rufe ich an, Dämon! Bei meiner Macht, erscheine in dieser Ritualkammer und sprich zu mir! Ich bin der Erbe der Dunkelheit, die Peitsche des Zorns und die Augen des Feuers! Ich bin das Schwert, das alles zerstört, was ihm im Weg steht! Ich bin die ewige schwarze Flamme, die immer brennt und die die Macht der Dunkelheit spiegelt! Exori (erscheine)!"

Ich spüre etwas hinter dem Altar und öffne die Augen. Ich kann nur zwei roten Augen und die Umrisse eines Körpers sehen.

„Du bist mächtig, Sterblicher", spricht eine heisere, tiefe Stimme. „Denn deine Gier nach Macht gibt dir die Kraft."

Ich schweige und warte ab. Der Dämon scheint mich zu untersuchen. Auf einmal spüre ich ihn hinter mir und seine Gegenwart ergießt sich über mich, wie eine eiskalte Welle. Er ist groß; oder können Dämonen sich größer machen, sodass sie den Magiern gefährlicher vorkommen können? Keine Ahnung. Aber so was habe ich noch nie gespürt. Er trieft vor zerstörerischer Macht, die wie ein Magnet auf mich wirkt. Sie möchte mich in einen Abgrund hineinziehen, sodass sie mich verschlucken kann. Ich kann sehr gut verstehen, warum Dämonenbeschwörungen Macht und innere Kraft erfordern. Denn auch ich, der normalerweise nichts fürchtet, spüre einen Stich von Angst. Reiß dich zusammen, Potter. Das ist genau, was er will. Dass du Schiss vor ihm hast und dass er dich zerstören kann.

Der Dämon grinst, als er sich vor mir aufbaut und die roten Augen bohren sich in mich. Ich starre ihn stur an und lasse meine Magie um mich herumwirbeln.

„Ich brauche einen Begleiter, der zu mir stehen würde", sage ich laut. „Wie kannst du mir helfen?"

Der Dämon lacht und mir läuft ein Schauder über den Rücken. Ich schüttele gedanklich den Kopf und verenge die Augen. Macht er sich über mich lustig? So geht es nicht. Mein ganzes Leben musste ich so was erdulden, dass die Menschen mich beleidigen und sich über mich lustig machen. Aber dieser Harry lässt nicht zu, dass man ihm ins Gesicht spuckt und lacht. Ich lege schnell eine Hand auf sein Zeichen und er hält inne, mich beobachtend. So redet man nicht mit mir, Dämon oder nicht. Endlich kann ich meinen Zorn freilassen und der Dämon kann ihn spüren. Wer hat gesagt, dass Zorn eine negative Emotion ist? Er hat mir schon tausendmal geholfen.

„Beantworte meine Frage!", brülle ich, das Zeichen noch immer haltend.

„Ich kann dir helfen, Erbe der Dunkelheit", sagt der Dämon, der mich aus der Ferne beäugt. „Aber ich muss etwas dafür bekommen."

„Das werden wir gleich besprechen", zische ich ungeduldig. „Wie kannst du mir helfen?"

„Ich könnte auf der Erde erscheinen, um deine Aufgaben zu erfüllen", sagt der Dämon vage. „Wenn du mich rufen würdest."

„Kannst du mir Macht geben?", frage ich. Vielleicht gehe ich zu weit, aber ich spüre, dass das die richtige Frage ist.

Der Dämon mustert mich und wird nachdenklich.

„Das könnte ich", sagt er schließlich. „Aber zuerst musst du mir genau sagen, was du möchtest, und dann werde ich sehen, ob es machbar ist."

„In Ordnung", sage ich. Also würde er nicht immer dabei sein können. „Also wenn ich dich rufe, wirst du kommen. Sind wir einverstanden?"

„Zuerst musst du mir etwas geben", meint der Dämon.

Oh ja, er möchte nichts versprechen, denn ich könnte ihn mit seinem eigenen Versprechen an mich binden. Dämonen sind äußerst schlau und man muss vorsichtig sein, sodass man nicht ausgetrickst wird.

„Was möchtest du?", stelle ich die Frage, die mich plagt.

Der Dämon scheint mich zu beschnüffeln. Tun alle Dämonen so was ? Wonach suchen sie? Das habe ich schon bemerkt – sie berühren den Magier nur selten, sondern mustern ihn oder beschnüffeln ihn.

„Deine Seele", sagt er schließlich.

Ich schnaube.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage", sage ich genervt. „Ich bin der Erbe der Dunkelheit! Ich brauche meine Seele! Denn ich muss für die Dunkelheit kämpfen, verstehst du?"

„Du brauchst nicht deine ganze Seele dafür", meint der Dämon.

Also dann. Der dunkle Lord hatte doch Recht. Ich atme tief durch.

„Ich muss dazu imstande sein, zu kämpfen und meine Magie zu benutzen", sage ich. „Und wenn die Dunkelheit die Welt beherrscht, werde ich dir Opfer bringen. Ich werde deine Dienste nicht vergessen."

„Schwörst du?", fragt der Dämon vorsichtig.

„Ich schwöre es", sage ich entschlossen. Aber das ist nur eine Phrase...

„Schön", sagt der Dämon und schwebt zum Altar hinüber. Ich hebe meine Hand und er mustert sein Zeichen, das ich mit meinem Blut auf ein Stück Papier gezeichnet habe.

„Gib mir einen Teil deiner Seele", sagt der Dämon. „Ich möchte die Chance haben, etwas zu empfinden und durch menschliche Augen zu sehen. Ich möchte die Welt der Sterblichen mit den Augen eines Sterblichen sehen. Dafür werde ich dir Macht geben, eine Fähigkeit, die du dir wünschst. Und ich werde kommen, wenn du mich rufst, um deine Aufgaben zu erfüllen. Aber ich werde kein Sklave oder Diener sein."

Stolz kann einen zerstören, geht mir durch den Kopf.

„Ich weiß, welche Fähigkeit ich möchte", sage ich. „Zwar bin ich schon dazu fähig, die Magie zu riechen, aber ich möchte imstande sein, sie nach Belieben sehen zu können. Das heißt, wenn ich mich auf einen Gegenstand konzentriere, möchte ich imstande sein, die Magie, die auf ihn angewendet wurde, zu sehen."

„Das ist zweifelsohne eine dunkle Gabe", meint der Dämon. „Die der Zauberer, der mich zuletzt beschworen hat, schon hatte."

„Ich trage sein Blut in meinen Adern", sage ich sofort.

„Das erklärt alles", meint der Dämon. „Im Vergleich zu ihm hast du keine Angst und du bist bereit, den Preis für meine Dienste zu bezahlen. Das gefällt mir."

Jetzt kann ich ihn viel besser sehen. Er ist über zwei Meter groß und vielleicht konnte ich am Anfang nur seine Augen sehen, weil sein Körper schwarz ist. Er hat breite Schultern und sein gesamter Körper ähnelt einem Schildpatt. Die Hörner auf seinem glatten Kopf sind gebogen und er scheint keine Körperhaare zu besitzen. Na ja, er ist ein Dämon. Mir kommt er stark vor... wie ein dämonischer Atlas oder so was.

„Warum ist der Pakt zwischen dir und meinem Vorfahren fehlgeschlagen?", frage ich neugierig.

„Weil der dunkle Lord mir nicht geben wollte, was ich von ihm verlangt habe", zischt der Dämon. „Ich muss ja etwas für meine Dienste bekommen."

Ach so, also Grindelwald war echt frech mit ihm und der Dämon wollte ihm nicht dienen. Verstehe.

„Nun, sicherlich können wir zu einem Einverständnis kommen", sage ich.

„Können wir", erwidert der Dämon und grinst breit. „Du bist noch sehr jung, Sterblicher. Vielleicht erinnerst du dich an dein früheres Leben? Kommen daher deine Macht und dein Wissen?"

„Nein", sage ich schnell. Was soll das?

„Das wirst du sehen", sagt der Dämon und grinst noch breiter. „Also möchtest du imstande sein, die Magie zu sehen. Schön. Das ist machbar. Nimm eine Feder und verfasse unseren Vertrag."

Also möchte er alles schriftlich haben. Eins muss man ihm lassen, er ist schlau.

„Na schön", sage ich, eine Seite aus meinem Notizbuch, das ich neben dem Altar abgelegt habe, herausreißend.

Der Dämon schaut über meine Schulter, als ich schreibe.

„Ich, Harry James Potter, Erbe von Lord Voldemort, verspreche feierlich, dass ich dir einen Teil meiner Seele geben werde und dass ich deine Dienste belohnen werde. Du wirst kommen, wenn ich dich rufe und du wirst meine Aufgaben erfüllen. Du wirst mir gehorchen und du wirst dich nicht gegen mich wenden. Du wirst mir die Fähigkeit, die Magie sehen zu können, geben, und ich werde diese Gabe in meiner Seele tragen, sodass wenn ich sterbe, sie bei mir bleibt."

Ich unterschreibe den Vertrag und hebe die Feder in die Luft, sie dem Dämon gebend.

„Gib mir deinen Namen, Dämon", befehle ich ihm.

Der Dämon grinst breit, als die Feder in seine Hand hinüber schwebt. Er unterschreibt den Auftrag mit einer schnellen Bewegung, aber er benutzt sein Zeichen. Grindelwald hat darüber in seinem Buch geschrieben – die Dämonen benutzen ihre eigene Sprache, die aus Symbolen und Zeichen besteht. Und das ist eigentlich sein Name. Aus diesem Grund hat mir Azael sein Zeichen gegeben, denn er hat offensichtlich nicht gewusst, wie sein Name auf Englisch lauten würde. Zwar ist es normal, einige Dämonen, die oft beschworen sind, bei englischen oder lateinischen Namen zu nennen, aber so wie es aussieht, ist dieser bestimmte Dämon nicht sehr oft beschworen worden. Warum denn?

„Du kannst mich Memphisto nennen", sagt der Dämon, als er die Feder fallen lässt.

Er streckt seine Hand aus und ich nehme sie ohne zögern. Seine Hand – denn er hat keinen echten Körper – fühlt sich kalt an und ich spüre eine Welle von Entsetzen, als ich ihm die Hand schüttele, obwohl es ja nicht wirklich eine Hand gibt. Er ist uralt, geht mir durch den Kopf. Woher weiß ich das nur?

In jenem Moment blitzen seine roten Augen auf und er grinst breit.

„Jetzt werde ich meinen Teil der Abmachung nehmen", sagt er.

Augenblicklich saust er auf mich zu und scheint mit meiner Seele zu verschmelzen. Ich verspüre einen scharfen Stich in meinem Solarplexus und schreie auf. Ich spüre ihn in mir... Und obwohl es kein physischer Schmerz ist, schreit meine Seele vor Schmerzen, als der Dämon nach ihr greift. Er knurrt, als er etwas in die Hand nimmt; und ich versuche einzuatmen, weil mein Herz in meiner Kehle pocht und alles in mir versucht, sich dagegen zu wehren. Schließlich zieht er sich zurück und ich atme tief ein, aber die Luft hilft mir nicht. Sterne tanzen vor meinen Augen und ich zittere am ganzen Leib. Ich fühle mich so schwach... so leer... so kalt...

„Wir haben einen Pakt geschlossen, Erbe der Dunkelheit", höre ich die Stimme des Dämons aus der Ferne, die jedoch anders klingt. Sie ist nicht mehr so heiser. „Vergiss das nicht."

Als seine Gegenwart langsam schwindet, versuche ich aufzustehen, aber es gelingt mir nicht. Ich erstarre und schaue mich verwirrt um – etwas stimmt nicht. Etwas fehlt. Etwas ist nicht da. Bin ich tot? Denn ich bin mir sicher, dass der Tod sich so anfühlt.

Zwei Arme heben mich hoch und ich blinzele. Ich triefe vor Schweiß und mir ist heiß und kalt zugleich. Mein Herz schlägt so schnell, als wäre ich einen Marathon gelaufen.

„Du musst dich ausruhen", höre ich die Stimme des dunklen Lords, der mich mit Leichtigkeit trägt. Ich wünsche mir, ich könnte das Bewusstsein verlieren, aber das kann ich nicht. Ich zittere noch immer und mein Verstand scheint darauf erpicht zu sein, wach zu bleiben und über alles nachzudenken. Mich mit dem Nachdenken weiter zu quälen.

„Und so ungefähr fühlt es sich an, wenn man die Seele zersplittert", murmelt der dunkle Lord. „Aber es wird besser. Du wirst dich an das Gefühl gewöhnen."

„Ich...", flüstere ich. Meine Kehle ist trocken. „Ich bin so leer..."

„Ich weiß", sagt Voldemort, der mich auf das Sofa legt. „In diesem Zustand kannst du nicht in die Schule gehen. Falls du dich heute nicht erholst, wird sich der junge Malfoy für dich ausgeben, bis es dir besser geht."

„Ich weiß nicht, was mir fehlt", wiederhole ich verwirrt. Sogar sein Gesicht kommt mir anders vor.

„Ein Teil deiner Menschlichkeit", erwidert Voldemort ernst. „Schlafe."

„Kann ich nicht", murmele ich. „Mir ist schwindelig und übel."

Der dunkle Lord seufzt und setzt sich mir gegenüber. Er mustert mich wortlos und ruft Higgy, ihr befehlend, sie solle Tee und Kekse bringen.

Er lehnt sich nach vorne, während ich versuche zu atmen. Mein gesamter Körper trieft vor Schweiß und mir ist furchtbar kalt. Der dunkle Lord zieht eine Decke über mich und setzt sich wieder.

„Der Weg zur Großartigkeit ist schwierig, Harry", sagt er leise. „Ich war immer bereit, alles für die Macht zu opfern und mein einziger Wunsch war, magisch zu wachsen. Das tue ich noch immer. Das Lernen hört nie auf."

Er spricht wie ein Freund zu mir. Nachdem wir so viele Monate zusammen arbeitend verbracht haben, habe ich Lord Voldemort besser kennen lernt. Er ist ein unbarmherziger Mann, der viel von den anderen erwartet, einfach weil er es gewohnt ist, viel von sich selbst zu erwarten. Anders geht es mit ihm nicht. Er schätzt das Wissen und harte Arbeit. Aber er ist auch bereit, mir zu helfen und mit mir zu reden, wenn ich Probleme habe. Dies ist einer seiner Züge, den ich schon bei Tom bemerkt habe, aber ich hätte mir nicht vorstellen können, dass er noch immer in Lord Voldemorts Persönlichkeit anwesend ist. Nachdem er all diese Jahre als Geist verbracht, seine Seele zersplittert und alles geopfert hat, um mächtiger zu werden, hat er trotzdem jene Züge, die er schätzt und als Tugenden betrachtet, behalten. Und in jenem Moment wird mir klar, dass ich in seine Fußstapfen treten möchte und dass ich solch einen erstaunlich starken Willen und solche Macht eines Tages selbst haben möchte. Er ist zum Inbegriff allem, nach dem ich strebe, geworden. Und ich habe gerade den ersten Schritt in diese Richtung gemacht. Ich habe einen Teil meiner Seele einem Dämon gegeben, um an mehr Macht zu gelangen.

„Und ich werde dir nicht sagen, du seist zu jung für so was gewesen", fährt er ernst fort. „Denn das kann man mit dem, was ich in deinem Alter gemacht habe, nicht vergleichen. Ich habe mit dunkler Magie experimentiert und manchmal war ich nicht erfolgreich."

Nur manchmal? Ich lächele schwach und ziehe die Decke höher.

„Aber ich hatte keinen Lehrer. Ich konnte mich nur auf mich selbst und ein paar Bücher verlassen und so war ich manchmal gezwungen, meine eigenen Theorien an mir selbst auszuprobieren."

Er verzieht das Gesicht und schlägt die Beine übereinander.

„In deinem Alter habe ich endlich erfahren, wie man die Seele zersplittern kann", fährt er fort. „Bis dahin habe ich mit allerlei Sachen rumexperimentiert. Ich habe meine eigenen Zauber und Flüche erfunden. Ich habe mir einen Namen ausgedacht und ich wollte, dass eines Tages die ganze Welt vor meinem Namen vor Angst zittert. Ich wollte großartige Sachen bewirken – und ich habe gewusst, dass ich dafür bestimmt bin. Das, was ich mit meiner Seele getan habe, war eine wichtige Lektion für mich. Denn ich habe gelernt, dass der Tod des Körpers nicht das Ende ist. Später habe ich den alten Körper verloren und einen neuen bekommen. Aber ich bin noch immer Lord Voldemort. In ein paar Tagen wird dir klar sein, worüber ich rede."

„Und ich denke, dass das, was der Dämon dir sagen wollte, ist, dass eine Möglichkeit besteht, dass du dich an dein früheres Leben erinnerst. Das würde einiges erklären. Zwar bist du für die Rituale begabt, aber vielleicht trägst du das Wissen und das Können in deinem Unterbewusstsein."

„Kann man... so was herausfinden?", frage ich leise. Meine Kehle ist trocken. Aber ich finde es gut, dass der dunkle Lord bei mir geblieben ist, weil er eine Ablenkung ist. Er lenkt mich von dem Schmerz und diesem entsetzlichen Gefühl der Leere und Kälte ab.

„Nun, man sollte nicht nur so im Unterbewusstsein einer Person rum wühlen", meint der dunkle Lord. „Denn es kann einfach zu viel sein. Denk darüber nach. Wir wissen nicht, wie viele Leben du schon durchlebt hast. Und wenn du dich an jedes einzelne erinnern würdest, wäre es eindeutig zu viel für dich. So was könnte dich in den Wahnsinn treiben."

„Klar, aber ich möchte mich nur an mein letztes Leben erinnern", sage ich.

„Vielleicht gibt es einen Weg, genau das zu tun", sagt Voldemort nachdenklich. „Und vielleicht werde ich ihn dir einmal beibringen. Jetzt aber ist Schluss mit deinen Experimenten und dunklen Ritualen. Du wirst dich ausruhen und dich für Dumbledores Tod vorbereiten. Und das ist ein Befehl."

„Ja, Meister", antworte ich.

Ich weiß selbst, dass ich es übertrieben habe. Diese Müdigkeit, die ich seit Monaten spüre, spüre ich in diesem Moment klarer denn je. Alle meine Muskeln tuen weh und zucken. Ich muss damit aufhören, stablos zu zaubern und meine rohe Magie so gnadenlos zu verwenden. Ich weiß ja, dass die bloße Verwendung von roher Magie meine Magiereserven schwächt, was insbesondere merkbar ist, weil ich noch immer wachse. Also kann das auch heißen, dass ich selbst ein Hindernis für meine magische Entwicklung bin. Und das geht nicht.

„Du hast das gut gemacht", meint der dunkle Lord aufstehend. „Du bist nicht von der Stelle gewichen. Du hast klare Absicht und Macht gezeigt – und du hast schon wieder das bekommen, was du wolltest."

Sein Blick landet auf meiner schweißgebadeten Stirn und er nickt.

„Ich werde dir einen Schlaftrank geben", sagt er. „Wenn du wieder wach bist, werden wir sehen, was weiter zu tun ist."

Als ich meine Augen schließe, ist er noch immer da. Er sitzt in seinem Sessel mit einem Buch im Schoß und raucht eine Pfeife. Aber der bloße Anblick meines Lehrers, der mir gegenüber sitzt und bei mir geblieben ist, ist tröstend. Ich schlafe schnell ein und sehe zwei rote Augen vor meinem geistigen Auge, die ich nicht aus dem Kopf vertreiben kann.

Memphisto...