8. Zwischenspiel:

"Und Sie sind sich immer noch sicher, daß ich die Operation durchführen soll?"

Gendo Ikari blickte den Mann im weißen Chirurgenkittel durchdringend an.
"Natürlich, Doktor, sonst wäre ich nicht hier."

"Und auch nur bei örtlicher Betäubung?"

"Ja. Fangen Sie endlich an!"

Ikari saß in einem bequemen Sessel, den linken Arm zur Seite ausgestreckt, die geöffnete Hand auf einem schmalen Tisch mit dünnen Bändern fixiert. Neben dem Tisch befand sich ein Rolltisch, auf dem chirurgische Instrumente lagen, sowie der Koffer, den er aus dem Hauptquartier geholt hatte.

Die andere Person war ein kleiner gedrungener Mann in mittleren Jahren mit schütterem Haar und Adlernase. Ikari kannte ihn schon eine ganze Weile, hatte ihn schon gekannt, als er noch den Namen Rokubungi getragen hatte. Doktor Fuyuu Sekanden besaß schon lange keine ärztliche Lizenz mehr, sie war ihm vor dem Second Impact wegen unmoralischer Experimente aberkannt worden, doch das änderte nichts an seiner Qualifikation. Der Arzt hatte Ikari schon früher geholfen, hatte ihn mehrmals nach Schlägereien wieder zusammengeflickt, hatte sogar einmal eine Kugel aus seiner Schulter geholt. Früher war er hauptsächlich in der Forschung tätig gewesen, nach Verlust seiner Lizenz hatte er als Unterweltarzt gearbeitet. Und er hatte Ikari nach dem Impact, in den Anfangsjahren von NERV, geholfen, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, daß eines Tages Piloten für die EVANGELIONs rekrutiert werden konnten, auch wenn von einhundert Testkandidaten nur einundzwanzig überlebt hatten, auch wenn von den einhundert schwangeren Frauen, denen Sekanden das Medikament zur DNA-Veränderung der Ungeborenen verabreicht hatte, über 90% an den Nebenwirkungen gestorben waren. Aber die Erfolgsquote hatte Ikaris Erwartungen sogar übertroffen.

"Gut, ich beginne."
Der Arzt positionierte ein Laserskalpell über dem Operationstisch.
Der Einschnitt mit dem Skalpell war nicht mehr als ein heißes Kitzeln.
Vorsichtig schnitt Sekanden Ikaris Handfläche auf, klappte dann einen dreieckigen Hautlappen zur Seite.
"Noch kann ich abbrechen; wenn ich dieses Ding erst einmal eingepflanzt habe, werden Sie Ihre Hand nur noch eingeschränkt benutzen können."

"Machen Sie weiter!" knurrte Ikari.
Was kümmerte es ihn, ob er als Rechtshänder seine linke Hand nicht mehr richtig würde verwenden können, wenn der Preis, den es zu erringen galt, die Macht eines Gottes war?

Sekanden seufzte leise, wandte sich dem Koffer zu, klappte den Deckel auf, entnahm den Inhalt, einen handspannenlangen Zylinder, dessen Inhalt sich in einem tiefgefrorenen Zustand befand. Er öffnete den Zylinder. Feiner Nebel stieg zischend auf.
"Richtig so?"

"Ja."

Mit einer Zange holte der Arzt den Inhalt des Zylinders heraus.
"Das... sieht aus wie ein Fötus... nicht menschlich, würde ich sagen..."

"Pflanzen Sie ihn endlich ein!"

"Ich habe soetwas noch nie..."
Sekanden schluckte und plazierte das Objekt in der von ihm geschaffenen Wunde.

Ikari spürte eisige Kälte in seinem Arm aufsteigen. Und dann glühendes Feuer, als das, was von ADAM nach dem Impact übriggeblieben war, sich mit ihm verband, als die Macht des schlafenden Engels durch seine Adern zu pulsieren begann.

"Stimmt etwas nicht?" fragte Sekanden, als er Ikaris angespannten Gesichtsausdruck bemerkte.

"Nein, alles ist bestens."

"G-Gut. Eigenartig... das fremde Gewebe verbindet sich mit dem Ihren..."

"Reden Sie nicht soviel, nähen Sie die Wunde wieder zu!"

Wieder trat der Laser in Aktion, doch diesesmal, um die Ränder des wieder zurückgeklappten Hautlappens mit den Wundrändern zu verschweißen.
"Erstaunlich..." murmelte der Arzt nach Abschluß der Operation. "Wirklich erstaunlich..."

Ikari drehte sich, besah sich seine Hand näher.
Noch immer hatte er kein Gefühl in den Fingern, auch nach Abklingen der Betäubung würde er nie wieder etwas in der Hand spüren. Der Schnitt war nicht mehr zu sehen, ebensowenig wie Spuren des Lasers. ADAMs Regenerationskräfte wirkten bereits...

"Rokubungi, könnten Sie mir das erklären?" fragte Sekanden immer noch kopfschüttelnd.

"Ich könnte..." murmelte Ikari und entfernte die Bänder, die seine Hand an den Tisch gefesselt hatten. "Aber Sie würden es nicht verstehen."
Und damit zog er seine Pistole. Der eingebaute Schalldämpfer vereitelte jede größere Geräuschentfaltung, die Kugel stanzte ein Loch in Sekandens Kittel und sein Herz. Ohne einen weiteren Laut kippte der Arzt nach hinten.
Ein lästiger Mitwisser weniger...