37. Verletzlichkeit
Einst war die Angst überall gewesen. Sie hatte das Blut in ihren Venen ersetzt, die Luft in ihren Lungen. Einst, vor langer Zeit, als sie glaubte die Angst wäre das Einzige, was ihr blieb. Doch dieser Schrecken war längst vergangen und manche Tage überzeugten sie gar davon, dass alles nur ein böser Traum gewesen war. In der Sicherheit seiner Umarmung war es selbst das nicht mehr. Dann wurde es zur fahlen Erinnerung eines Traumes in einem alten, zu oft gehörtem Lied. Mit der Zärtlichkeit seiner Küsse schwand das Entsetzen. Durch den tröstlichen Klang seiner Stimme zerfiel das Gefühl von Hilflosigkeit. Seine Gegenwart schob die Furcht vor dem Alleinsein, vor unerbittlicher Einsamkeit in eine Ferne, die es ihr erlaubte die Existenz dieser Angst zu leugnen. Aber jetzt... Jetzt fühlte sie die Angst wieder. Keine allmächtige Angst, die mit ihrem Schatten all ihr Sein verdunkelte. Nein. Es war eine stille, selbstsüchtige Angst und diese Angst hatte sie nie wirklich verlassen. Ruhig und geduldig hatte sie auf ihren Moment gewartet, von dem sie wusste, von dem auch Daenerys wusste, dass er kommen würde. Aber selbst als es soweit war, erwies die Angst ihr nicht die Gnade eines schnellen, sauberen Bisses. Gleichsam eines langsam wirkenden Giftes breitete sie sich aus und täuschte den Anschein von Sorglosigkeit vor.
Diesmal konnte sie sich jedoch nicht abwenden. Diesmal konnte sie nicht auf Verständnis hoffen. Diesmal blieb ihr ihre Zuflucht verwehrt.
Sie musste sich ihr alleine stellen. Um ihretwillen. Um seinetwillen. Für all die Tränen, die er aus ihrem Gesicht geküsst hatte. Für jeden Lichtstrahl, den seine Worte in ihre Verzweiflung gesandt hatten. Für jedes „Ich liebe dich"...
Mit tröstlicher Ebenmäßigkeit schlug Jorahs Herz gegen Daenerys' Ohr. Umhüllt von der schweren Wolle seines Mantels und einer staubigen Decke erschauderte sie von Zeit zu Zeit, ungeachtet des winzigen Feuers, das neben ihnen loderte. Ein einsames Glimmen inmitten scheinbar endloser Nacht. Doch mit einem Wimpernschlag gen Himmel zeigte sich, dass das zitternde Feuer nicht der einzige Streiter gegen die Dunkelheit war. Wenngleich die Lichter über ihnen nicht vom anziehenden Rotgelb der Flammen waren, sondern kalt, unerreichbar und leblos am Firmament hingen.
„Erscheinen die Sterne zu Hause auch so nah?"
Damals schwelte die verborgene Sehnsucht irgendwann den heimatlichen Nachthimmel, welchen Jorah ihr mit sehnsuchtsvoller Stimme beschrieben hatte, mit ihm zusammen zu betrachten, tief in ihrem Inneren. Aber nun hier, dicht an ihn geschmiegt zu liegen, mit dieser fremden Unendlichkeit über ihnen, entbehrte der Moment die erwartete Empfindung von Wunder und Staunen. Aber welche Schuld traf den Sternenhimmel, wenn sie es doch war, die ihre Versprechen nicht einhielt?
Tausende, Millionen, unzählige Edelsteine auf schwarzem Samt. Trotzdem wirkte das Firmament leer, und einen albernen Moment lang fürchtete Dany in das glitzernde Meer zu stürzen. Ein Meer ohne rettendes Ufer, ohne seichte Stellen und wohl auch ohne Grund, auf dem man aufschlagen könnte. Ein Meer, durch dessen Fluten Drachen tauchten. Irgendwo...
Gewaltsam zwang Daenerys ihren Blick zurück auf Erden und rückte vom Feuer ab, suchte stattdessen Jorahs Wärme, die im Augenblick verlockendere Versprechungen bereithielt. Eine große Hand ruhte auf ihrer Hüfte, während die Finger der anderen Hand formvollendete Kreise in die empfindsame Haut über ihren Nackenwirbel rieben.
Wie leicht wäre es zu glauben, dass sie im komfortablen Bett mit der Gänsefedermatratze lagen, in ihren Räumen, mit all den Annehmlichkeiten, hoch oben in der Pyramide, in der verhassten Stadt. Doch sie lehnten nicht an dem reich verzierten Kopfteil ihrer Schlafstätte, sondern an ausgebeulten Satteltaschen und es war keine weiche Matratze unter ihnen, sondern die schlichte Schlafmatte, durch welche sich eckige Kiesel und vertrocknete Grashalme, gleich spitzer Nadeln, drückten. Auch gehörte üblicherweise der blanke, in Reichweite des Ritters befindliche Stahl nicht zur Ausstattung ihres Schlafgemaches, und als Dany zu Jorah emporblickte, sah er sie nicht wie gewohnt mit einem liebevollen Lächeln an, noch funkelte ihr Begierde unter herabgesenkten Lidern entgegen. Der Mann, der sie schützend im Arm hielt, suchte nach unwillkommenen Unterbrechungen in der Nacht. Ohne Eile wanderten seine geweiteten Pupillen mal hier hin, mal dort hin. Einzig wenn ein gestaltloses Geräusch durch die Nacht schwirrte, riss er den Kopf herum, schloss die Hand um das Schwertheft und spannte jeden Muskel an. Stets dauerte es eine Zeitlang, ehe er sich wieder einigermaßen entspannt zurücksinken ließ, und sich seine Fingerspitzen nicht mehr schmerzhaft in Daenerys' Fleisch gruben.
Seitdem er zuletzt aufgeschreckt war, hatte der Widerschein des Feuers auf Jorahs Antlitz an Leuchtkraft verloren und Beweise anderer Grübeleien, fern von Wachsamkeit, hatten sich zurück auf seine Miene geschlichen. Beweise verborgener Gefühle, von denen er wohl im Schutz des Zwielichts hoffte, dass sie diese nicht entdecken würde. Oder aber ihm fehlte inzwischen einfach die Kraft seine Pein mit der bislang gezeigten stoischen Beherrschung auszudrücken.
Unentschlossen biss sich Daenerys auf die Unterlippe und betrachtete mit gerunzelter Stirn den immer häufiger blinzelnden Ritter und die sich deutlich an seinem Hals abzeichnende Sehne, als er zum wiederholten Male die Zähne aufeinander presste.
„Leg dich schlafen, mein Bär.", bat Dany besorgt, zog die scharfe Linie seiner Wangenknochen nach, und begegnete somit Jorahs müden Blick, „Ich kann ebenso gut in die Nacht lauschen, und ich verspreche, dass ich dich wecke, wenn es nötig sein sollte."
Die mit Schwielen überzogene Hand verschwand aus ihrem Nacken und rutschte unter ihr Kinn, wobei Jorahs Daumen beschwichtigend über ihre Kieferlinie glitt.
„Nicht ich, du solltest versuchen Ruhe zu finden."
Daenerys ignorierte seine Worte, so wie er die ihren unbeachtet ließ: „Ich bin hellwach und kann achtgeben. Zudem ist es unter Reisekameraden üblich die Nachtwache aufzuteilen, nicht wahr?"
„Wir sind jetzt Reisekameraden, ja?"
In seiner Stimme schwang Belustigung mit, obwohl sich nichts davon auf seinem Gesicht widerspiegelte.
„Natürlich sind wir das, und nun ist es an mir Wache zu halten.", erklärte Dany bestimmt und gab ihre halb liegende Position auf, um mit betont durchgestrecktem Rücken neben Jorah zu knien.
Noch bevor sie den Stoff ihres Gewands, das mittlerweile unleugbar nach Staub, Schweiß und Reittier roch, zurechtlegen konnte, richtete sich Jorah ebenso auf, und als wäre es ihm unmöglich den Kontakt zu ihr aufzugeben, eilte seine Hand zu ihrem Gesicht und strich wehende Haare hinter ihr Ohr.
„Ich stimme dir ja zu. ... Nur reisen die wenigsten in Gesellschaft ihrer Königin und wie soll ich meinen Pflichten nachkommen, wenn ich die Bedrohung verschlafe?"
Und wie willst du deine Pflicht erfüllen, wenn du dich vor Erschöpfung nicht einmal mehr auf dem Pferd halten kannst, fragte sich Daenerys im Stillen, allmählich frustriert über seine Dickköpfigkeit.
Nahezu den gesamten Abend über, seit sie für den heutigen Tag ihr Lager aufgeschlagen haben, hatte sie Jorah mehrfach dazu aufgefordert sich endlich auszuruhen und jedes Mal verwarf er ihre Bitte, die mit jeder Wiederholung mehr und mehr zum Befehl wurde. Er mochte noch soviel von ritterlicher Galanterie und seinen Verpflichtungen an ihrer Seite sprechen, rot geäderte Augen berichteten auch jetzt wieder etwas gänzlich anderes.
Zweifellos muss auch ihm bewusst sein, dass seine Aufmerksamkeit mit jedem Augenblick, den er sich zwingt wach zu bleiben mehr geschwächt wird. Jedoch stand es nicht in Daenerys' Absicht ihn zu beleidigen, indem sie jene Überlegungen laut aussprach.
Gedankenverloren rieb sich Jorah über nachwachsende Bartstoppeln zweier Tage und murmelte: „Außerdem bezweifle ich, dass es mir möglich ist in den Schlaf zu finden."
Dies konnte er schon vergangene Nacht nicht und auch wenn sie inzwischen den Grund dafür, und für sein irritierendes Verhalten vom Vortag kannte, hatte sie besorgt die dunklen Ringe unter seinen Augen zur Kenntnis genommen, als sie heute Morgen irgendwo in Meereens Hinterland aufgewacht war.
Dany wusste nur zu gut um die Entkräftung, die ein erholsamer Schlaf bereithalten konnte, wenn Alpträume erst einmal in der Wirklichkeit Fuß fassten, und so erkannte sie die Absicht hinter seinem Versuch dem Schlaf auszuweichen. Was der wache Verstand womöglich noch unter Verschluss halten konnte, entkam dem schlafenden Geist zumeist.
„Daenerys?", hatte der raue Klang ihres Namens irgendwann das stundenlange Schweigen unterbrochen, als sich gestern die Schatten in die Länge zogen. Hohl haben Jorahs Worte geklungen, als er erneut den Grund seines verzögerten Erscheinens angebracht hatte, um dann mit einem Ausdruck grimmiger Distanz zu offenbaren, dass bei dem morgendlichen Angriff der Unbefleckte namens Gwil getötet worden war.
Keine einzige Träne war aus dem Meer seiner Augen entkommen, als er sein Leid mit ihr geteilt hatte. Natürlich nicht. Das sonst so warme Blau hatte lediglich die für es vorherbestimmte Kälte angenommen. Kälte, Verachtung und Hass, deren Anblick Dany schmerzte, sobald sich ihre Blicke trafen.
„Es tut mir so unendlich leid, Jorah.", hatte sie mit erstickter Stimme beteuert, unfähig andere Worte zur Linderung seines Schmerzes zu finden, der ihn unbestreitbar erfasst haben musste.
Seitdem hatte Jorah kein Wort mehr darüber verloren und bis auf ihre erneute Bekundung wie leid es ihr doch tat, hatte auch Daenerys darüber geschwiegen, gleich so, als hätte er es nie erwähnt.
Was war der junge Unbefleckte auch schon, als nur ein weiterer Toter in der Reihe derjenigen, die durch die Maskierten gefallen waren? Tragisch und schmerzlich, ja. Dennoch kam sein Ende wenig überraschend. Auch dieser Tod dürfte sich nicht von all den anderen unterscheiden, die sie gelernt hatte mit nüchterner Resignation zu begegnen. Doch keinen anderen Tod zuvor wollte sie so dringend rückgängig machen. Kein Tod zuvor entfachte das Gefühl von Schuld in dem Maße, als hätte sie die Klinge selbst geführt. Kein Tod zuvor hatte diese Art von Gram für Jorah bedeutet. Und kein Tod zuvor hatte diese befremdliche Angst in ihr zurückgelassen...
In angestrengter Konzentration trafen sich Jorahs Brauen, als er seinen zu Boden gerutschten Umhang auflas und ihn sorgfältig um Daenerys wickelte. Kurz verweilten seine Hände auf ihren Schultern und der Nachhall überanstrengter Muskeln machte sich bemerkbar.
Trotz hart zusammengedrückter Lippen und überdeutlich missbilligender Blicke, hatte sie sich dem ungewohnt schweren Lederwams, noch ehe sie Tags zuvor zur ersten Rast hielten, entledigt. Endlose Stunden auf ihrem unbequemen Ebenholzthron hatten zumeist die gleiche Wirkung auf ihre Muskeln, aber das mit Metallplatten verstärkte Kleidungsstück hatte Dany ein gänzlich neues Verständnis, oder gar Achtung, für stundenlange Kämpfe in voller Rüstung gegeben.
Es waren aber nicht nur ihre Schultern, die sich über den so plötzlich gewandelten Alltag empörten. Wo sich ihre aufgeriebenen Hacken mit einer dicken Schorfschicht gehorsam in ihr Schicksal fügten, wiesen nun ihre Handflächen vom stundenlangen Halten der Lederzügel Blasen und brennende rosa Haut auf. Ihr ganzer Körper schien wund zu sein. Somit hatte sich zu Danys stillem Ärgernis die Befürchtung bewahrheitet, dass ihr während der Monate in der Pyramide die zähe Stärke der Khaleesi abhanden gekommen war. Nun, abhanden vielleicht, aber nicht verloren.
„Wir müssten noch ungefähr anderthalb Tagesritte von den Olivenhainen entfernt sein.", verkündete Jorah, während sein Blick flüchtig gen Himmel huschte, „Eine unbedeutende Strecke für einen Drachen. Jedoch könnten wir jed- ", fügte er in einem vorsichtig prüfenden Tonfall hinzu, ehe Daenerys ihn schärfer als beabsichtigt unterbrach.
„Mir ist durchaus bewusst, dass ihr letzter Sichtungsort lediglich eine grobe Orientierung ist."
Seit ihrem Abschied von Schwarzer Egel war es das erste Mal, dass einer von ihnen den Grund ihrer Reise ansprach, und ungeachtet der bequemen Entschuldigung, dass Jorahs nachdenkliche Schweigsamkeit der letzten Stunden sie davon abgehalten hatte, musste sich Dany eingestehen, dass sie jetzt absurde Verärgerung darüber empfand, dass er es war, der ihre Kinder so unverhohlen zur Sprache brachte.
Doch die Tatsache, dass sie nur einer vagen Hoffnung entgegen ritten blieb bestehen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Drachen bereits über das Jademeer fliegen, ist inzwischen ebenso groß wie die Möglichkeit, dass sie Königsmund in ihren Schatten tauchen. Oftmals hatte Dany von dem Gedanken gekostet, dass ihre Kinder noch vor ihr die nie gesehene Heimat erreichen könnten. Der Geschmack, den dieses Gedankenspiel hinterließ war gleichermaßen süß wie bitter. Aber wie könnte man es ihnen verdenken? Das andere Ende der Welt war für sie nur einen Flügelschlag entfernt. So wie es auch für dich sein wird.
Von einem Augenblick auf den anderen vergingen die sanften Geräusche der Nacht und ein wallendes Dröhnen legte sich auf Daenerys' Ohren, sodass ihr leicht schwindelte. Der Moment jedoch hielt nicht länger als einen Flügelschlag lang an und verging ohne ein Zeichen dafür, dass Jorah ihn bemerkt oder das seltsame Surren selbst gehört hatte.
„Meine Absicht war es keineswegs dich diesbezüglich zu belehren. Ich wollte lediglich anmerken, dass wir jederzeit auf einen der drei treffen könnten und du für diesen Fall ausgeruht sein solltest."
Mit den Überbleibseln des eingebildeten Rauschens kämpfend, wischte Daenerys ihre von kalten Schweiß bedeckten Handflächen an ihren Kleidern ab, merkte aber wie der am Stoff haftende Staub an ihren Händen kleben blieb. Womöglich war sie erschöpfter, als angenommen, und der kleine Schwächeanfall, der sie dankbar dafür sein ließ, dass sie saß, war ein Argument zugunsten Jorahs, der scheinbar immer noch darüber debattieren wollte, ob es für eine Königin angemessen war ihren Ritter zu bewachen.
„Und du bist frei von solch unwürdigen Schwächen, wie Erschöpfung?", fragte sie halb im Scherz, nicht willens das zittrige Gefühl in ihrer Brust nach Außen dringen zu lassen.
„Natürlich nicht. Aber deine Sorge sollte jetzt nicht mir gelten. Sobald wi- "
„Nein.", fuhr Daenerys ihm erneut ins Wort, wenngleich jetzt ein banger Klang ihre Stimme beherrschte, der nicht von dem kurzen Schwindel herrührte.
Beschwörend richtete sie ihren Blick auf Jorah, in der Hoffnung, dass er, wie schon unzählige Male zuvor, in ihren Augen las. Doch entweder verbargen sich ihre Gefühle zu gut, oder aber Jorah erkannte schlichtweg nicht welche Wirkung seine Worte hatten. Anzunehmen, dass sie sich nicht um ihn sorgte, vor allem angesichts seines Verlusts, war auf eine Art und Weise verletzend, von der sie glaubte, dass sie diese längst hinter sich gelassen hatten.
Nach kaltem Gestein riechende Winde aus den Bergen wehten plötzlich durch ihr kleines Lager, entlockte den trockenen Büschen, die überall um sie herum wuchsen ein raschelndes Gewisper, das ein blasser Zweig dem anderen zuraunte, schlüpfte unter Daenerys' Haare und drückten sie ihr, zu einem wilden Durcheinander verknotet, ins Gesicht, um dann einen Weg in die flackernden Flammen zu finden, welche bei dieser stürmischen Aufmerksamkeit freudig aufloderten.
„Ich weigere mich weiter darüber zu streiten. Ich übernehme eine Wache und du legst dich schlafen.", verkündete Daenerys und schob unbeirrt ihr Kinn vor, in Erwartung der unumgänglichen Widerworte.
Jorah hingegen nickte ergeben: „Wenn du es verlangst. … Nur überlasse mir die erste Wache."
„Um mich bei Sonnenaufgang zur Weiterreise zu wecken? Nein."
Ernüchtert schüttelte Dany den Kopf und sah in seinen Augen, dass auch er keinen Moment lang geglaubt hatte, dass sie sich darauf einlassen würde.
Plötzlich verfinsterte sich seine Miene und machte einem Ausdruck Platz, den Jorah selten für sie bereithielt, und doch sah sie jetzt wie er die Geduld zu verlieren schien, ob nun in der Tat mit ihr, oder mit sich selbst, war schwer zu deuten.
„Daenerys.", stieß der Ritter leise, aber zugleich mit solch fordernder Strenge hervor, dass sich Daenerys in die Innenseite ihrer Wange biss.
„Ich werde dich nicht ungeschützt der Nacht ausliefern."
Als wollte sie die Gefahren der Nacht dazu auffordern sich zu zeigen, hob Dany die Arme und deutete in das Dunkel. Doch falls etwas in der Dunkelheit lauern sollte, verhielt es sich still.
„Der Nacht ausliefern? Bis auf meine engsten Vertrauten weiß niemand, dass wir hier sind. Mitten im Nirgendwo."
Obwohl sich ihr Größenunterschied im Sitzen nicht dermaßen überdeutlich hervortat, wie dies im Stehen der Fall war, drückte Daenerys dennoch ihre Kreuz noch einmal durch, um in Angesicht des vor ihr thronenden Mannes an Größe zu gewinnen.
Beherrscht langsam schloss Jorah seine Augen, scheinbar unschlüssig was er erwidern sollte. Als er seinen Blick dann aber auf Dany richtete, war weder der Schmerz des Verlustes, noch die energische Sorge ihres Geliebten darin zu finden. Er hatte das Gesicht ihres Ratgebers angenommen.
„Wir können nicht annehmen, dass unsere Abreise niemanden außerhalb deines Kreises bekannt ist. Dies muss ich dir nicht sagen. Das Glück unbeschadet der Stadt entkommen zu sein, heißt auch nicht, dass dies unbeobachtet geschah. Ebenso könnten neugierige Augen die Vorbereitungen für die Reise verfolgt haben, und allein die Götter wissen, was Rhazam Ghazeen für eine geeignete Erwiderung auf … den Tod seines Vaters hält."
Das kurze Zögern, welches Daenerys glaubte bemerkt zu haben, war vielleicht nur ein etwas tieferer Atemzug gewesen. Vielleicht haderte ihr Gegenüber aber tatsächlich mit der passenden Bezeichnung für die Art Rhazar Ghazeens Ableben.
Als unbesonnen hatte Ser Barristan, um Höflichkeit seiner Königin gegenüber bemüht, ihre Entscheidung betitelt. Und wie auch nicht, wechselten die Empfindungen jener Königin diesbezüglich wie die Gezeiten des Meeres.
Mit feuriger Gewissheit glaubte sie an die Rechtmäßigkeit ihres Handelns. Von sachlichen Zweifeln befallen stimmte sie Barristan Selmys Urteil zu und schimpfte sich insgeheim unbesonnen. Mit glühendem Hass im Bauch wurde ihr Befehl erneut zur Gerechtigkeit.
Ungefähr eine Woche war vergangen seit Jorah auf dem Balkon erschienen war, die Harpyie hatte inzwischen ihre blutigen Schwingen über die Stadt ausgebreitet, als Rhazar Ghazeen zu nachtschlafender Zeit in der Großen Pyramide eintraf. Von einem plötzlichen Überfall auf seinen Familiensitz hatte er in theatralischem Eifer berichtet. Vielen Adligen Meereens, die sich für sie ausgesprochen hatten, war es so ergangen. Aber einzig Ghazeen hatte es als angemessen empfunden, unmittelbar nach dem Angriff zu ihr zueilen.
„Die braven Bürger dieser Stadt sind nicht länger sicher, nicht einmal mehr in ihren eigenen Pyramiden. Ihr müsst dagegen vorgehen. Ihr müsst den Schuldigen ihre gerechten Strafen zukommen lassen. Ihr müsst etwas tun.", hatte Ghazeen mit zitternden Hängewangen verlangt.
„Seit ich den ersten Schritt in eure Stadt gesetzt habe, bin ich dabei den Schuldigen ihre gerechte Strafe zuzuführen. Seid also gewiss, dass ich, wie schon die letzten Wochen, weiterhin versuchen werde den Schrecken ein Ende zu setzen, den meine Soldaten und eine eine Vielzahl Befreiter zum Opfer fallen."
All die üblichen Schmeicheleien vergessen, hatte sich im Angesicht der Bedrohung Ghazeens sonst so gut gehütete Zunge gelockert und seinen wahren Gedanken gebeugt.
„Natürlich, natürlich. Aber sicherlich erkennt selbst ihr, dass dies jetzt alles zu weit geht, und ernsthaft etwas getan werden muss. Angriffe auf die Pyramiden sind doch etwas gänzlich anderes, als erdolchte Bettler in dreckigen Hinterhöfen."
Wann genau sie die Entscheidung getroffen hatte, dass er im Recht war, und dass in der Tat etwas getan werden musste, dass es an der Zeit war für sich selbst Gerechtigkeit einzufordern, war im Nachhinein schwer zu bestimmen. Daenerys wusste nur, dass der Anblick des beleibten Meereeners in seinem gold gesäumten Nachtgewand, auf welchem Weinflecke auszumachen waren, zusammen mit seinen an sie gerichteten Anmaßungen die Kontrolle, die sie, um Diplomatie bemüht, erzwungen hatte, zunichte gemacht wurde. Und wie eigenartig es doch gewesen war. Stundenlang, tagelang hatte sie sich mit bedeutungslosen Entscheidungen und Nebensächlichkeiten gequält. Vor nicht allzu langer Zeit, war sie an Nichtigkeiten, wie der Auswahl ihrer Garderobe verzweifelt. Den Entschluss Valonqar hinter Ghazeen herzuschicken, hatte sie zwischen zwei Atemzügen getroffen.
„Und letzten Endes ist es kein allzu großes Rätsel wohin sich die Drachenkönigin aufgemacht hat, wenn ihr doch die Drachen fehlen.", setzte Jorah mit Bedacht hinzu und sah beinahe schüchtern unter einer Reihe golden flimmernder Wimpern zu Daenerys auf.
„Kein einziges Wort des Widerspruchs habe ich von dir vernommen, als ich mein Vorhaben Kund getan habe. Wenn du wahrlich denkst, dass uns ganz Meereen verfolgt und nach dem Leben trachtet, warum hast du dem hier dann überhaupt zugestimmt?"
Eher fühlte Daenerys Jorahs Anspannung, als dass sie Anzeichen dessen ausmachen konnte. Selbst seine Stimme war jetzt ruhig und fest: „Eben dies ist der Grund warum ich zugestimmt habe. Ganz Meereen trachtet dir nach dem Leben, und wärst du meine..."
Abrupt brach Jorah seinen Gedanken ab, augenscheinlich von seiner eigenen Zunge überrumpelt, die ohne Zwiesprache mit dem Verstand gehandelt hatte.
„Wäre ich deine was?", forderte Daenerys mit zu Schlitzen verengten Augen zu erfahren, dabei bemüht seinen nervös über den Bärenring streichenden Daumen zu ignorieren. Eine Geste, die Jorah stets verwundbar wirken ließ und jetzt ungewollt auch die kleine Falte zwischen ihren Brauen zum Vorschein brachte.
„Wäre ich deine was?", wiederholte Dany ihre Frage.
Vollkommen unbemerkt hatte der Wind gedreht und trug nun das Rauschen des Flusses heran, der sich ganz in der Nähe seinen Weg durch die Finsternis suchte. Aber trotz dieser leisen Erinnerung an eine Welt außerhalb des orangenen Scheins, wirkte es, als würde einzig hier, in diesem leuchtenden Kreis, Leben existieren.
„... Ich habe keinen Widerspruch erhoben, weil du im Recht bist. Drachen sind wertvoller als jede Armee. Selbst die doppelte Anzahl Unbefleckter könnte nicht den Respekt hervorrufen, den Drogon mit einem einzigen Flug über die Stadt einfordern wird. 8000 Mann, 16000, oder 100. Aegons Truppen waren im besten Falle 3000 Mann stark, als er die Küste Westeros' erreichte. Zahlenmäßig war er der Streitmacht der Lords von Westeros aussichtslos unterlegen. Doch mit drei Drachen im Rücken, erstarb selbst die größte Gegenwehr."
Still hatte Daenerys Jorahs Ausführungen gelauscht, die durchaus der Wahrheit entsprachen. Wiederum musste sie auch an Dorne denken, dem es gelungen war sich noch jahrelang erfolgreich gegen die Drachen zur Wehr zu setzten, und noch viel mehr. Rhaenys Targaryen, Aegons zweite Schwestergemahlin, wurde zusammen mit ihrem Drachen Meraxes vom dornischen Widerstand getötet. Ein einziger gut platzierter Pfeil ins Auge hatte genügt, um das stolze Geschöpf vom Himmel zu holen. Zu leicht konnte man vergessen, dass die mächtigen Kriegswerkzeuge der Targaryens, trotz ihrer sagenumwobenen Schilderung in den Liedern der Sänger, Wesen aus Fleisch und Blut waren. Wesen aus Fleisch und Blut sind. Und ganz gleich wie undurchdringlich Schuppen erscheinen, welch tödliche Verletzungen Krallen und Zähne hinterlassen können, oder wie heiß Drachenfeuer hinter ihrem furchteinflößenden Aussehen schlägt ein Herz, und ein Herz konnte man jederzeit zum Stillstand bringen.
So sehr Dany diese unliebsame Ermahnung der Vergangenheit auch beunruhigte, jetzt verschränkte sie die Arme vor der Brust und erwartete gebannt Jorahs Erklärung, als dieser erneut die Stimme erhob.
„Aber darüber hinaus bin ich um ein Vielfaches erleichtert Meereen fürs Erste entkommen zu sein. Ich weiß nicht wie lange es uns noch gelungen wäre jeglichen Schaden von dir fern zu halten. Und obwohl ich hier draußen nicht mehr jene allgegenwärtige Bedrohung verspüre, bin nur ich es, der dich hier vor Gefahr schützt. Nur ein einziger Mann."
Leicht verärgert über die mehr als ausweichende Antwort des Ritters, krallte Dany die Fingernägel in den Nesselstoff ihrer Kleidung und rutschte unruhig umher. Natürlich könnte sie es gut sein lassen, und zu der leidigen Diskussion, wer von ihnen beiden dringender Schlaf nötig hatte zurückkehren, aber ein Teil von ihr bestand energisch darauf das Ende seines abgebrochenen Satzes zu hören. Somit trug sie erneut jene Frage vor, die Jorah dazu veranlasste zischend einzuatmen. Jedoch schien sie nun Erfolg zu haben, denn im Licht des Feuers grau wirkende Augen bohrten sich in weit geöffnete violette und Jorah zuckte geschlagen mit den Schultern, ehe er zögerlich begann: „Ich... Es ist nur ein Gedanke, der mir unlängst einige Male durch den Kopf gegangen ist, insbesondere in Anbetracht der spannungsgeladenen Lage in Meereen. … Ich... Wärst du meine... Wärst du nicht meine Königin, dann... Wäre ich auf eine andere Weise für deinen Schutz verantwortlich..."
Das Ende ihrer Geduld erreicht, stützte sich Dany auf ihre Oberschenkel und war soeben im Begriff aufzustehen, als sie eine kräftige Männerhand daran hinderte. Kopfschüttelnd bat Jorah Daenerys zu bleiben und sah sie mit etwas im Blick an, das sie für Verlegenheit hielt.
„Wärst du meine Frau … meine Ehefrau, hätte ich ... als dein Gemahl, schon lange eine Entscheidung für uns beide getroffen, und dich aus der Stadt fortgeschafft."
„Aber das bin ich nicht.", platzte es sofort nachdem er verstummt war aus Daenerys heraus, und dann verstummte auch sie.
Selbst wenn sie mehr hätte sagen wollen, der Kloß in Danys Hals, zu dem ihre dumme Erwiderung geworden war, hätte dies verhindert.
„Das weiß ich,", seufzte Jorah, unfähig das Bedauern aus seiner Stimme zu verbannen, „Und als dein dir ergebener Ritter ist es meine Aufgabe dich zu schützen, auch wenn du schläfst. Unter allen Umständen."
Verwundert über seine Bekundung, die sie so gar nicht das fühlen ließ, was sie bei einer derartigen Äußerung erwartet hätte, bemerkte sie zuerst nicht, als er erneut nach ihrer Hand griff. Kurz hoffte Daenerys er würde sie zu seinen Lippen heben und einen Kuss auf jeden Knöchel hauchen, doch dann drehte er ihr Handgelenk um, schob den ausgefransten Ärmel zurück und entblößte die grässliche Narbe, bei deren Anblick ein Schwall jäher Enttäuschung über sie schwappte.
„Weil ich jener Aufgabe nicht nachgekommen bin, hast du das hier. Glaubst du ich lasse derlei erneut geschehen?", hauchte der Ritter in einem bleiern Ton, der selbst nach all den Wochen noch von unüberwindbaren Schuldgefühlen zeugte.
Empört, oder womöglich ebenso enttäuscht wie Daenerys, spuckten die schrumpfenden Flammen einen Schwall Funken in die Nacht, als einer der dürren Feigenbaumäste zu Asche wurde. Noch immer umschlossen Jorahs Finger ihren Arm und seltsamerweise musste Dany auf einmal all ihre Willenskraft zusammennehmen, um seine eben noch ersehnte Berührung nicht wegzustoßen.
„Ja, ich bin der Meinung, dass früher oder später dergleichen geschehen wird. … Vorletzte Nacht hast du vielleicht zwei Stunden geschlafen, letzte Nacht keine einzige, und in der Zwischenzeit hast du zu Pferd eine Vielzahl von Meilen zurückgelegt. In vielerlei Hinsicht waren es zwei erschöpfende Tage."
Daenerys erkannte genau, was ihre scharf hervorgestoßenen Worte anrichteten und obwohl sie ihn nicht verletzten wollte, jedenfalls nicht noch mehr, als sie es trotz ihres Vorsatzes ohnehin schon getan hatte, forderte die Wut in ihr, und auch die Verwirrung ob seines befremdlichen Geständnisses, weiterzusprechen.
„Es wäre ohnehin erstaunlich, wenn du nicht während des Wachehaltens vor Müdigkeit zusammensackst. Wie gedenkst du mich zu beschützten, erschöpft, unaufmerksam und deiner Kräfte beraubt? ... Und da ich nicht deine Gemahlin bin, sondern deine Königin, verlange ich, dass du dich meinen Wünschen beugst."
Sie hätte ihn ebenso gut ohrfeigen können. Wenn jetzt auch kein geröteter Handabdruck auf Jorahs Wange prangte, sein leicht geöffneter Mund, der sich in stiller Niederlage schloss und die sich überkreuzenden Falten in seinen Augenwinkeln, die erfüllt von Verlust tiefer wurden, genügten, um zu wissen, dass sie zu weit gegangen war. Schuldbewusst starrte Dany auf ihre noch immer nach oben gedrehte Handfläche und irgendwie erwartete sie tatsächlich ein zwirbelndes Brennen zu spüren.
Es war das Drachenblut in ihr. Das Erbe, welches sie einmal in mit Argwohn, Zweifel, und Bitterkeit erfüllte Dunkelheit stürzte, nur um ein anderes Mal rot schäumende Wut, Zorn und unbelehrbaren Widerwillen in ihr hochkochen zu lassen. Warum sonst sollte ihr nicht gelingen, was er augenscheinlich so mühelos vollbrachte? Nie war Jorah ihr mit schroffen Worten begegnet, selbst wenn sie noch so überzeugt von einem leichtsinnigen Standpunkt gewesen war. Energisch und fordernd waren sie womöglich gewesen, aber nie derartig unüberlegt verletzend wie die ihren eben.
Was hast du nur getan, empörte sich Dany und fühlte ihr Herz im Zorn über sich selbst immer schneller schlagen. Sie wollte ihn doch trösten, seinen Schmerz über den Verlust eines Freundes lindern, und nicht neuen Kummer hinzufügen.
Kaum sichtbar zitterte die Hand, welche sie zu Jorahs angewinkeltem Bein ausstreckte. Es war unmöglich die Furcht vor Zurückweisung zu verbergen. Doch heute war nicht sie es, die Zuspruch benötigte. Und so blieb nur eine Frage: Konnte sie nicht nur nehmen, sondern auch geben? Könnte sie ihm das sein, was er für sie schon so oft gewesen war?
Golden schimmerten seine langen Wimpern, sonst verborgen hinter ihrer blassen Farbe, als Jorah die Augenlider niederschlug und zu seinem Knie schielte, auf dem jetzt zaghaft Danys Hand ruhte. An der Grenze zwischen orangener Wärme und formlosen Schatten gab ihre Silberne ein leises Wiehern von sich. Der Hengst dahinter, dessen Fell zwischen dem warmen Ton von Ebenholz und dem dichten Schwarz von Maestertinte variierte, verschmolz mit der Nacht und war kaum zu erkennen. Lediglich ein geheimnisvolles Glimmen erstreckte sich über das seidige Fell und gab dem Tier erkennbare Konturen. Dieses Mal jedoch schien Jorah die kurzweilige Unruhe der Pferde nicht als Zeichen drohender Gefahr anzusehen und ergriff stattdessen Daenerys' Hand. Eine Weile betrachteten sie stumm ihre verbundenen Hände, umgeben von der Last ihrer absonderlichen Unterhaltung. Im Gedanken legte sich Dany bereits eine Entschuldigung zurecht, als ihr etwas ins Auge fiel.
„Du trägst dein Armband nicht."
Daenerys konnte sich nicht erinnern je bemerkt zu haben, dass er die klirrenden Glöckchen nicht bei sich hatte, jenen sichtbaren Beweis seines Sieges über einen Blutreiter, die für wissende Augen bestimmte Ehrung seiner Fähigkeiten als Kämpfer. Doch warum schenkte sie dem Fehlen der bescheidenen Zierde solche Aufmerksamkeit?
„Nein.", erwiderte Jorah neutral, ganz ohne den Klang verletzten Stolzes in der Stimme, und betastete nachdenklich sein Handgelenk, als würde auch er nach dem verlorengegangenen Schmuck suchen, ehe er seinen Kopf zu Daenerys wandte, „Es befindet sich nicht mehr in meinem Besitz."
Für einen dothrakischen Krieger war es Schmach und Schande die lang gewachsene Haarpracht und die darin eingeflochtenen Glöckchen zu verlieren. Eine Erniedrigung, welche einzig die Niederlage im Kampf brachte. Doch wenngleich er auch lange unter ihnen gelebt hatte, Jorah war nie ein Dothraki gewesen, und in gewisser Weise hatte er das Armband lediglich als ein Zeichen des Respekts getragen. Welcher Kampf hatte ihn also dazu gezwungen sich von dem Armband zu trennen?
Unmittelbar nachdem jene Frage in ihrem Kopf entstand, wusste Dany auch schon die Antwort darauf. Es war der eine Kampf, den er noch nicht einmal mehr gekämpft hatte.
„Es war das einzige, was ich ihm mitgeben konnte."
„Er hat es zurecht erhalten. Gwil hat mir als Soldat treu gedient, und was noch wesentlich bedeutsamer ist..."
Bei der Erwähnung Gwils zuckte Schmerz wie ein Blitzschlag über Jorahs Miene, verschwand aber gleichermaßen schnell wieder. Kurzerhand lehnte sich Daenerys dem im flackernden Schatten liegenden Gesicht entgegen, hob sanft sein Kinn an und beendete mit fester Stimme ihren Satz: „... was noch wesentlich bedeutsamer ist, er hat einst dein Leben gerettet."
Tief holte Jorah Luft und als er seinen Atem wieder entließ, klang es, als hätte dieser eine beschwerliche Reise durch die in seinem Inneren eingesperrten Empfindungen hinter sich. Allerdings verriet die Bewegung seiner Kehle, was der Ritter nicht offenbaren wollte, oder konnte.
„Ja. … Auf die ein oder andere Weise hat er das getan. Nur war es mir nicht vergönnt diese Höflichkeit zu erwidern."
Irritiert vernahm Daenerys seine Worte, die wenig nach dem Mann klangen, der um die Härte dieser Welt wusste und sich hütete Illusionen und nutzlose Wunschvorstellungen mit der Realität des Kämpfens zu vermischen.
Auf den ersten Blick unterschied sich dieser Verlust nur unmerklich von Rakharos Tod. Jorah hatte den jungen Dothraki ebenso geschätzt wie den Unbefleckten und trotzdem glaubte Dany eine andere, eine tiefere Art von Trauer zu spüren.
Der Unbefleckte namens Gwil war jünger als sie gewesen, doch konnten es kaum mehr als fünf oder sechs Jahre gewesen sein. Ehemals hatte sie Jorah um diese Freundschaft beneidet, und wahrhaftig gesprochen, hatte sie sogar Eifersucht empfunden. Aber das war davor gewesen. Später erkannte Daenerys etwas, wovon sie nicht wusste, ob es Jorah in dem Maße selbst bewusst war. Doch wie so oft brachte auch diese Erkenntnis unliebsame Eingeständnisse zu Tage.
Fünf Jahre, und doch glaubte Dany zu wissen, dass er in dem Jungen die ihm verwehrte Zukunft gesehen hatte. … Hätten die ihm geborenen Söhne gelebt, hätte der älteste ungefähr fünfzehn Namenstage gezählt. Jedenfalls hatte sich Dany das aus dem Wenigen, was sie wusste zusammengereimt. Ihn zu fragen wagte sie nicht, wollte es auch gar nicht. Diese Gedankenspiele rissen schon genug an den Fesseln, die sie um jene Wahrheiten gelegt hatte, zu qualvoll um überhaupt gedacht zu werden. Es gab Schrecken, die sogar Drachen fürchteten.
„Ihr wisst, dass ich bereits zweimal verheiratet war?"
„...Nach der ersten Totgeburt..."
...
Noch nicht einmal das könnte sie ihm geben. Auch wenn sie es wollen würde...
„Wärst du meine Frau, meine Ehefrau..."
Niemals könnte sie ihm das geben...
„Du bist nicht für seinen Tod verantwortlich. Es lag nicht in deiner Hand.", schwor Daenerys und schob all die anderen, befremdlich anmutenden Gedanken wieder in die Finsternis ihres Verstandes, in der Hoffnung, dass sie vorerst dort blieben.
„... Dennoch frage ich mich, ob ich es hätte verhindern können."
Der Glanz in seinen Augen rührte vom schwindenden Licht der Flammen her, aber die so kräftezehrende Mühe den Schmerz vor ihr zu verbergen oder ihn für sich selbst im Zaum zu halten, starrte Daenerys trotzdem überdeutlich entgegen. Und bei diesem Anblick traf sie eine übermächtige Woge der Scham, ob ihres zuvor gezeigten Verhaltens.
Natürlich erwartete sie kein gefühlsgeladenes Klagen oder gar schluchzende Trauer. Männer trauern nicht auf diese Weise, schon gar nicht um einen Waffenbruder. Dennoch blieb das Gefühl, dass es mehr zu sagen gab, und mit dem Blick auf sein Gesicht fragte sich Dany, ob er dies nur nicht tat, weil er sie trotz allem für zu schwach hielt. Wie sollte es auch anders sein, wenn eben das ihre eigene Angst war. War sie bereit oder überhaupt dazu fähig sie beide zu tragen, ohne ihn, als ihre Zuflucht, als Abschirmung vor allem Schlechten? Denn ganz gleich wo sie gewesen waren und was sie zu jener Zeit füreinander empfunden hatten, in Ser Jorah Mormonts Gegenwart hatte sich Daenerys allzeit sicher gefühlt. Und das war auch jetzt nicht anders. Nur dieses andere, vollkommen gegensätzliche Gefühl, das sie in seiner Präsenz befiel, manchmal fast schon überwältigte, kannte sie erst seit seiner Rückkehr.
Jorahs Anwesenheit gab ihr zum einen die ersehnte Sicherheit, zugleich fühlte sie in seiner Nähe eine Verletzlichkeit, die sie sich nur ungern eingestand. Aber hierbei gab es kein Leugnen, hatte sie die Wahrheit dieser Erkenntnis doch schon längst durchlebt. Ihn zu verlieren wäre eine kaum vorstellbare Qual. Ein Gedanke, den sie jedes Mal aufs Neue, wenn er es auch nur wagte sich zu nähern, weit zurück in das Dunkel schob. Jedoch schien es, als zog er bei jedem erneuten Erscheinen mehr Dunkelheit hinter sich her. Und Jorah jetzt so zu sehen, seine Verletzlichkeit unbestreitbar vor ihr ausgebreitet, riss große Stücke der Finsternis aus der Tiefe und brachte sie mit ans Licht.
„Ich werde ihn wirklich vermissen.", wisperte Jorah seinem schmucklosen Handgelenk zu und klang dabei, als würde ihn diese Tatsache überraschen.
„Ich weiß.", flüsterte Daenerys, während sie seine kratzige Wange in ihrer Hand barg, um dann nach einem Moment des Zögerns die Arme um Jorahs Hals zu schlingen.
Vorerst lagen seine Hände teilnahmslos auf ihren Schulterblättern und Dany fürchtete, dass diese längst überfällige Umarmung zu spät kam. Doch schon bald wickelten sich starke Unterarme um ihre Taille und zogen sie dichter an den anderen Körper. Der Ring, welchen sie verborgen vor neugierigen Augen an einer Lederschnur um den Hals trug, grub sich unangenehm in Daenerys' Dekolletee, aber ungeachtet dessen genoss sie die Kraft, mit der sie gegen ihn gepresst wurde oder vielmehr, mit der er sich an ihr festhielt.
Für eine lange Zeit hielten sie einander. Spürten einfach nur den anderen. Den anderen Herzschlag. Den Atem, der durch den anderen strömte. Die Wärme des anderen. Und ab und an, drückte er sie wieder fester an sich, wann immer er den Halt zu verlieren drohte.
Über Jorahs Schulter hinweg blickte Dany mit feucht schimmernden Augen in die Überbleibsel ihres Feuers, von dem immer wieder kleine scharlachrote Zungen emporschnellten, um von der kühlen Nachtluft zu kosten, und einen Moment lang fragte sie sich, ob es Jorah nach Rache für seinen gefallenen Kameraden verlangte. Nach feuriger Rache. Erwartete er dies von ihr? Sollte sie ihm jetzt Feuer und Blut versprechen, so wie sie es ihren Feinden schon viele Male geschworen hatte?
In Gedanken versunken spielte Daenerys mit Jorahs Haarspitzen, zwirbelte sie zwischen Zeigefinger und Daumen umher, durchkämmte die sandigen Strähnen mit ihren Fingern, als sie irgendwann bemerkte wie ihre eigenen Haare von einer Schulter zur anderen wanderten und so ihre Haut der Nacht auslieferten. Doch federleichte Küsse entlang ihres Halsansatzes ersetzten den wärmenden Vorhang aus Haar. Verleitet von jenen betörenden Reizen glitt Danys Hand Jorahs Hinterkopf hinauf und ermutigte ihn in seinem Tun.
„Mhm, mein Herz.", erklang ein genießerisches Nuscheln in ihrem Nacken, und jetzt erkannte Daenerys die Torheit in ihren Grübeleien.
Niemals würde dieser Mann Feuer und Blut von ihr verlangen, etwas, was ihr alleine gehörte, und niemals würde er ihr seinen Schmerz aufbürden, sei es auch noch so sehr der ihre, wie der seine.
Sachte schob Daenerys Jorah von sich. Schwacher Feuerschein traf auf seinen Bart und setzte auf jede Stoppel einen goldenen Tupfen, malte kupferne Bäche in seine Brauen und tauchte auch die weichen Strähnen, welche ihm jetzt in die Stirn fielen in Gold. Schmunzelnd streichelte Dany die Haare aus seinem Gesicht und fuhr mit den Fingerkuppen über den Rand seines rechten Ohres, wodurch Jorahs Mundwinkel dazu verführt wurden sich leicht anzuheben. Zufrieden mit diesem Resultat schmiegte sie ihre Lippen an jene zuckenden Mundwinkel. Vielleicht lag ihrem Kuss ja die Macht inne diese Andeutung eines Lächelns festzuhalten, da sie an diesem Abend doch zum Teil mit verantwortlich für den bitteren Zug um seinen Mund ist. Aber Daenerys wartete nicht um dies zu überprüfen, sondern schob ihre Wange über seinen kratzigen Bart und liebkoste die alte Narbe an seinem Hals. Jorah antwortete mit einem seligen Brummen auf ihre Zärtlichkeiten und eine geraume Zeit lang verloren sie sich in milder Zuneigung. Berührungen so unaufdringlich, wie verwehende Sommerbrisen. Scheue Küsse, zu flüchtig um die nachtkalte Haut auf die sie trafen zu wärmen. Suchende Blicke, abgeschirmt von Reihen dichter Wimpern.
Milde Zuneigung, die nicht mehr werden sollte als das. Aber sein Puls, der mit jedem Herzschlag kräftiger gegen ihre Lippen pochte und der ungemein intensivere Duft nach Mann, nach Jorah, verführte Daenerys dazu den Kuss zu öffnen und mit ihrer Zungenspitze über eine sich hervorhebende Vene zu fahren. Der salzige Geschmack des Tages breitete sich in ihrem Mund aus, und als Dany die Unterseite seines Kinns erreichte, erstarrte Jorah unvermutet. Zu lange, als das es ein Zeichen von genüsslichen Innehaltens sein könnte, verharrte er in seiner Regungslosigkeit. Als Daenerys aber ihre Lippen von seiner Haut nahm, hörte sie auf einmal das ungeduldige Rascheln von Stoff, das einem nachgiebigen Drängen an der Rückseite ihrer Oberschenkel vorausging, als er ihre Beine auseinanderzog und sie vom Boden löste. Einen Augenblick später fand sich Dany auf Jorahs Schoß wieder.
Der zuvor gewissenhaft um sie gelegte Mantel lag vergessen, zu einem Haufen Schatten und Licht aufgebauscht im Sand, und trotz der nächtlichen Frische, die durch ihr fadenscheiniges Gewand drang, ihre nackten Waden streifte und in ihren Kragen kroch, störte sich Daenerys wenig an dem Kälteschauer, der über ihren Rücken jagte. Die Wärme vor ihr durchdrang ohnehin ihren gesamten Leib.
Seine Lippen auf ihren fühlten sich etwas spröde an. Seine Zunge in ihrem Mund war jedoch geschmeidig und nahm sich unverschämt viel Zeit, nachdem er sich so übereilt zwischen ihre Schenkel gedrängt hatte.
Es war ein langer, träger Kuss, der jeden einzelnen Zungenschlag mit großer Sorgfalt ausführte. Solche Küsse hatten sie schon oft miteinander geteilt, doch selten waren sie von diesem eigentümlichen Zusammenschluss aus gemeinsamer Erschöpfung und belebender Ruhe erfüllt gewesen.
Und wo war sie jetzt, diese Angst vor ihrer eigenen Hilflosigkeit? Die Gewissheit, dass sie ihn so viel mehr brauchte, als er sie, schien jetzt nicht mehr ganz so gewiss.
Einst hatte sie ihn in hemmungsloser Selbstsucht für ihr eigenes Wohl benutzt, womöglich tat sie dies auch heute noch. Wieder und wieder hatte sie ihn in den Sog ihrer Schwächen gezogen und erwartet, dass er diese vertrieb. Nein, sie hatte es noch nicht einmal mehr erwartet. Auf eine furchtbare Art und Weise hatte sie es als ihr Recht angesehen. Doch mit der Einsicht, dass auch die von ihm geborgte Stärke endlich war, fragte sich Daenerys immer häufiger, ob sie zu viel genommen hatte.
Als sich ihre Münder letztlich voneinander trennten, hielt Dany die Augen weiterhin geschlossen, schlug sie aber sogleich wieder auf, als ihre Wange zwischen Mund und Ohr von einem Schauer stechender Küsse getriezt wurde. Härchen stellten sich auf ihren Armen auf, während sie sich den feuchten Küssen entgegen drückte, die irgendwann die kleine Vertiefung zwischen ihrem Schlüsselbein fanden. Nicht länger dazu im Stande das kribbelnde Brennen in ihr zu ignorieren, wand sich Dany auf Jorahs Schoß, bemüht etwas Erleichterung zu finden. Daraufhin umfasste er mit unerwarteter Vehemenz Daenerys' Hüften, zog sie näher zu sich, während er gleichzeitig sein Becken vorschob und sie sein Verlangen spüren ließ. Heiß kroch Begierde ihr Brustbein hinauf und senkte sich zugleich tief hinab.
Ehe Dany die Geduld für jenes Spiel abhanden kam, ließ sie Jorah mit unnachgiebiger Inbrunst in einen Kuss versinken. Ihre Zunge stieß gegen seine, noch bevor ihre Lippen miteinander verschmolzen und der wohlige Basston, den er in der Tiefe seiner Brust erzeugte, verstärkte Daenerys' Sehnsucht das was sie hier begonnen hatten zu beschleunigen. Jorah empfand offenbar ebenso, presste sich seine Erregung mittlerweile unmissverständlich gegen ihren Unterleib.
War es das, was sie für ihn tun konnte? Schon jetzt waren seine Blicke frei von Kummer. Mehr Lust, als Liebe hatte die Trauer verdrängt. Vorübergehend. Allerdings konnte man auch hierbei kaum von einer selbstlosen Tat sprechen. Sie ersehnte die Süße ihres Zusammenseins ebenso herbei wie er. Unumstritten nahm sie auch, und gab nicht nur. Aber andererseits, auch Jorah hatte ihr mit seiner bloßen Nähe und mit Zärtlichkeiten Trost gespendet. Warum nur hatte sie dann das Gefühl, dass es nicht ausreicht? Weil es mehr als die Befriedigung von Lust war? Weil er sie schon lange bevor er zu ihrem Geliebten geworden war, glauben lassen konnte, dass sie stark genug für das vor ihr liegende war? … Doch was gab sie jetzt Jorah, und was spürte er davon? Liebe? Mitgefühl? Ihr Verlangen nach ihm? Stärke? Nichts?
Darüber nachzusinnen wie sie ihm helfen könnte und ob sie ihm mehr zu geben hatte, als die Banalität ihrer Vereinigung, rückte in den Hintergrund. Jetzt hatte sie ihm nur eines zu geben, und sie hoffte es würde genügen.
„Ich liebe dich, Jorah.", wisperte Daenerys der Nacht zu und als sich ihre Blicke trafen, flüsterte sie es auch ihm zu, „Ich liebe dich."
Das Feuer spendete eben noch genügend Licht, um ein unstetes Glimmen auf ihre Silhouetten zu setzten, aber Dany benötigte kein Licht, als sie in die Schatten zwischen ihre Körper griff und die Handfläche gegen die Wölbung unter rauem Leder drückte. Augenblicklich brandete hastig ausgestoßener Atem gegen ihren Halsansatz und unter einem hingebungsvollen Keuchen glaubte sie Wortfetzen herauszuhören, doch als Daenerys seine halbherzigen Versuche sie von ihrer Absicht abzubringen bemerkte, umschmeichelte sie mit geübten Fingern die harten Umrisse seiner Lust. Gekonnt tastete Dany nach den Schnüren seiner Hose und entfernte eilig den hinderlichen Knoten. Muskeln verkrampften sich, als ihre Fingernägel durch den dünnen Streifen Haar schwirrten, der einen verlockenden, abwärts wandernden Pfad bildete.
Gebannt betrachtete sie das Gesicht des Ritters, das von einer augenscheinlich verzerrten Mischung aus Qual und Verzückung beherrscht wurde, doch so gern gesehen dieser verzagte Ausdruck auch war, spürte Dany ebenso ihre eigene ansteigende Frustration, und nahm erleichtert Jorahs Hände unter ihren Röcken wahr, welche über ihre Beine streichelten, wobei sie ein Kichern unterdrücken musste, als er ihre Kniekehlen entlangtastete, um sich dann endlich zu ihr zugesellen, in den mit Lust angefüllten Raum zwischen ihnen.
Die erhoffte leidenschaftliche Berührung blieb allerdings aus. Feingliedrige und gleichzeitig kräftige Finger unterbrachen abrupt ihre Wanderung und tauchten umgehend aus den Stofffalten ihrer Robe auf, um sodann ihre Berührung von ihm zu lösen. Wenig nur konnte Daenerys Jorahs Kraft entgegensetzen, als er ihre Hände emporzog, an seine Brust drückte und sich ihr entgegen lehnte. Dany spürte wie sie von seinen Beinen zu rutschten drohte und presste die Knie in seine Taille, aber sein sich ihr nähernder Körper drängte sie zurück. In Erwartung des harten Bodens, der ihr die Luft aus den Lungen schlagen würde, kniff sie reflexartig die Augen zusammen, doch die aufgefächerte Hand in ihrem Rücken legte sie behutsam nieder.
Überzeugt jeden Moment das zu spüren, was er ihr eben noch verwehrt hatte, schlug Daenerys verwundert die Augen auf, als sich frische Nachtluft zwischen ihre Hitze abstrahlende Körper legte. Nur vage erkannte man den fahlen Fleck Jorahs Gesichts, das im Zwielicht eine handbreit über Dany schwebte und sich auf sie zubewegte, aber nicht wie sie annahm, um sie zu küssen, sondern, um eine kalte Nasenspitze an ihre zu reiben.
Daenerys hätte nicht erwartet, dass Jorah an den Neckereien, welche oftmals ihr Liebesspiel begleiteten, hier draußen, inmitten der von Gefahr durchdrungenen Nacht, wie er selbst angemerkt hatte, festhalten würde. Vielmehr hatte sie mit einem leidenschaftlichen, aber eher kurzen Zusammenkommen gerechnet. Wenn er jedoch darauf bestand. Sie hatte nichts gegen zusätzliche Liebkosungen einzuwenden, beschloss Dany und begann über seine Oberarme zu reiben, die sie zu beiden Seiten einschlossen.
„Daenerys?", wehte ihr Name durch das sie umgebene schummrige Licht, wobei der Klang der Stimme so gar nicht von Begierde oder süßen Worten des Nichts zeugte.
Besorgt hörte er sich an. Besorgt und von etwas ergriffen, das man leicht für Zweifel halten könnte. Dany allerdings eher an jene Tage erinnerte, als jedes Wort, das er an sie richtete von vorsichtiger Zurückhaltung unterlegt gewesen war.
„Was ich vorhin gesagt habe. … Ich wollte nicht anmaßend klingen, oder dich beleidigen."
„Mich beleidigen? Wovon sprichst du?", fragte Dany abgelenkt von Jorahs warmen Atem auf ihren Lippen, der zu ihrer Ohrmuschel wanderte, als er wispernd behauptete: „Du weißt was ich meine."
Und das tat sie.
Bereits vorhin, als er ohne jede Vorwarnung von Dingen gesprochen hatte, die nicht sind, nie sein können, hatte sich Daenerys' Verstand gewehrt sie überhaupt darüber nachzudenken zu lassen, und jetzt darüber zu reden, stand noch weniger in ihrer Absicht. Insbesondere mit Jorahs erregtem Körper über ihr, der immer noch Versprechungen einzulösen hatte.
Doch Dany sah in dem schmalen Glitzern seiner zusammengekniffenen Augen, dass er wahrlich fürchtete zu viel gesagt zu haben. Dieses Mal konnte sie jedoch nicht benennen, ob es das Bangen ihres Ritters oder das ihres Liebsten war. Aber andererseits... Sollte ihr Liebster in den gesprochenen Worten überhaupt Grund zur Sorge finden? War es nicht richtig, dass der Mann mit dem sie das Bett teilt, dem sie vertraut, den sie achtet, den sie liebt, derlei Gedanken hegt? Und trotzdem. Trotzdem war da dieses Gefühl, das sie nicht abzuschütteln vermochte. Etwas unangenehmes, das man lieber übersah, das man in beschattete Ecken schob, um es hoffentlich zu vergessen.
Wärst du meine Frau...
„Es ist alles gut, mein Bär.", versicherte Daenerys heiser und schlang in einer fließenden Bewegung die Arme um Jorah, „Lass uns jetzt nicht darüber reden."
Sanft berührte sie seine Lippen mit ihrer Zunge und fühlte mit Genugtuung wie er, von ihrer unvorhergesehenen Annäherung kurz aus dem Gleichgewicht gebracht, sie mit seinem Gewicht bedeckte. Darauf bedacht sie nicht zu erdrücken, verlagerte Jorah eilig seine Position, wobei sein linkes Bein ihre Oberschenkel überkreuzte, sodass sein Knie gegen ihre Hüfte drängte, und sie näher an seine Wärme schob.
Wärst du meine Frau...
Bin ich das denn jetzt nicht?, sprang die Frage plötzlich in Danys Bewusstsein, als sie mit den Fingerspitzen über die erhitzte Kopfhaut unter Jorahs, vom Nachtwind kalten Haaren fuhr.
Wärst du meine Frau...
Sie war die Frau, der seinen Respekt galt. Sie war die Frau, die er bewunderte. Sie war die Frau, der er vertraute. Sie war die Frau, der er sein Leben verschworen hatte. Sie war die Frau, die er begehrte. Doch sie war nicht seine Frau.
Sie war seine Königin. Sie war die Frau, die er liebte.
Wärst du meine Frau...
Wärst du meine Ehefrau...
Von einer sinnlosen Woge zorniger Verzweiflung gepackt, presste Daenerys ihren Mund auf seinen, spürte sein Erstaunen über ihre jähe Heftigkeit, hörte das Keuchen, als sie ihn auf die Unterlippe biss, und das Seufzen, als sie mit nicht minder starker Unnachgiebigkeit den Bund Jorahs Hose über seine Hüften schieben wollte.
„Nicht.", presste der Ritter das leise gesprochene Wort hervor, als hätte er jeden Gesichtsmuskel einzeln dazu zwingen müssen, seine Lippen zu bewegen.
„Wir können nicht. ... Nicht hier. Nicht jetzt.", erklärte er weiter und gab nur langsam ihre von ihm eingefangene Hand wieder frei.
Daenerys lag immer noch auf dem Rücken, starrte zu Jorah hoch, der mit in Falten gelegter Stirn über das stumpfe Braun ihrer Haare strich und wartete auf die Worte, die zweifellos seinem spöttischen Schnauben, das nun erklang, folgen würden.
„Selbst im Schlaf würde ich wohl mehr von der Welt um mich herum mitbekommen, als in deiner Umarmung eingeschlossen und in deinen sterngleichen Augen versunken."
Obwohl ihre Mundwinkel gegen ihren Willen handelten und sich von seiner albernen Schmeichelei verführt, heben wollten, schaffte es Dany Jorah einen verdrießlichen Blick zuzuwerfen.
Ob ihm wohl bewusst war, dass er in den zurückliegenden Minuten gänzlich entgegen seiner eigenen Worte gehandelt hatte, überlegte Dany. Denn es hatte durchaus den Anschein gehabt, als hätte der Ritter mehr als einmal die Welt um sich herum vergessen. Da sie sich jedoch ohnehin schon wunderte, dass der Himmel nicht längs das zarte Grau des Morgens angenommen hatte, schwieg sie. Ebenso wie sie die Frage, wann sich eine weitere Gelegenheit bieten würde, die er für passend hielt, in den Hintergrund schob. Wenn beim nächsten Mal doch schon ein urteilend dreinblickender Drache neben ihnen sitzen könnte, bezweifelte Dany, dass Jorah dann dazu fähig wäre ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Trotz des unzureichenden Lichts und der Enttäuschung, zwang sie sich letztlich doch noch zu einem angestrengten Lächeln, das Jorah jedoch nicht zu täuschen vermochte. Über sie gebeugt, verharrte der Ritter eine Zeitlang und verursachte mit seinem im Schatten liegenden Blick, der auf die Reste ihrer Lust gerichtet war, ein Gefühl völliger Entblößung.
Daenerys schlug die Augen nieder, währenddessen die abebbenden Wellen der Lust über sie hinweg rollten, und kurz spielte sie mit dem Gedanken ihn einfach auf sich zu ziehen. Denn gleichgültig seiner ehrenvollen Worte, Dany wusste ebenso gut wie er, dass es alleine in ihrer Macht lag ihre Zärtlichkeiten endgültig zu beenden. Ein sehnsüchtiger Blick. Ein flehendes Wort. Eine weitere verführerische Berührung. Ein weiterer sinnlicher Kuss... Jorah würde ihr nicht widerstehen können. Doch was den Ritter betraf, war sie sich da nicht so sicher.
Schließlich ergab sich Daenerys in ihr Schicksal und wollte sich soeben aufsetzten, da beugte sich Jorah vor und bat mit einem keuschen Kuss nochmals um Verzeihung.
„Ich liebe dich."
Nachdem sie sich voneinander gelöst hatten, ordnete Daenerys ihre Kleider, und beobachtete Jorah dabei wie er die Überbleibsel des Feuers mit neuen Zweigen fütterte. Flackernd erhoben sich die Flammen mit neuer Stärke und hielten die Kälte auf Abstand.
Geistesabwesend schloss sie die grob geschnitzte Holzspange des wollenen Umhangs und bemerkte nun doch wie sich gewachsene Müdigkeit, zusammen mit dem Mantel um sie legte. Falls Jorah beschließen sollte den unsinnigen Disput von vorhin wieder aufzunehmen, wusste Dany nicht wie überzeugend ihre Gegenwehr jetzt noch klingen würde. Wenig begeistert von dieser Einsicht verzog sie den Mund, ging zu Jorahs Schatten, der immer noch wachsam vor den tanzenden Flammen hockte und legte ihm die Hand auf die Schulter. Woraufhin sich die Muskeln des Ritters merklich entspannten.
Gebannt starrte Daenerys in das gleißend helle Leuchten des Feuers. Unbändig wirbelte die Hitze um einen zu Asche gewordenen Ast, zuckte aufgebracht in alle Richtungen, nur um das grau gewordene Holz erneut zu umfangen. Beinahe schien es, als wollte das Feuer selbst seinem zerstörerischen Wesen entkommen. Doch mit brennenden Klauen hielt der glühend heiße Sturm die sich verzweifelt windende Flamme fest.
Feuer ließ nur selten von seiner Beute ab, wusste Daenerys, hatte sie den Flammen doch schon mehr als einmal ihre Beute in den feurigen Schlund getrieben. Die Maegi, der Hexenmeister, der Sklavenhändler, die Frau. All jene hatte sie im Todeskampf zuckend im Feuer gesehen und sie alle haben in unvorstellbarer Qual geschrien, als das Fleisch von ihren Knochen fiel. Und sie werden nicht die letzten sein. Bei diesem Gedanken jagte ein eigenartiges Kribbeln über Danys Haut, doch sie vermochte nicht zu sagen, ob es das Wissen um jene Unausweichlichkeit dahinter war, oder ein namenloses Gefühl von Erwartung. Angsteinflößende Erwartungen. Freudige Erwartungen.
„Jorah."
Als der Ritter seinen Kopf zu Daenerys drehte, floss der Feuerschein über sein Gesicht und erhellte schonungslos die darauf eingesunkene Erschöpfung.
„Du solltest wirklich- "
„Ich sollte versuchen etwas Ruhe zu finden. Und das werde ich jetzt auch tun."
Mit einem reumütigen Schmunzeln auf den Lippen richtete er sich auf, nahm behutsam ihr Gesicht in beide Hände und legte seine Stirn an ihre.
„Du hattest Recht. Müdigkeit ist kein guter Verbündeter, wenn man gedenkt Wache zu halten."
„Ich passe auf dich auf.", versprach Dany und fügte mit Nachdruck hinzu, „Du kannst mir vertrauen, Jorah."
„Darum geht es nicht. Dir vertraue ich."
Nur den Rest der Welt nicht, dachte Daenerys, überzeugt davon, dass dies auch seine Gedanken waren. Wortlos zog sie seine Hände von ihren Wangen und führte ihn zu den im kalten Sand ausgebreiteten Schlafmatten.
Einen letzten prüfenden Blick ließ der Ritter durch das Dunkel der Nacht schweifen, ehe er den Platz neben seiner Königin einnahm.
„Komm.", forderte Dany ihn auf seinen Kopf in ihren Schoß zu legen, als er sich eine der unförmigen Satteltaschen unters Haupt schieben wollte. Mit einem stillen Nicken nahm Jorah ihr Angebot an und schob sich dicht an Daenerys heran, um dann mit einem eindringlichen Blick zu sagen: „Wenn der Mond seinen höchsten Stand verlässt, weckst du mich, und natürlich, wenn dir irgendetwas eigenartig erscheint."
Das Ungemach und die Zweifel an seinem Tun standen ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, dennoch ließ er es geschehen von Daenerys hinabgezogen zu werden. Einen Augenblick verbrachten sie damit die für jeden bequemste Position zu finden, doch dann lag Jorahs Kopf auf ihren Oberschenkeln und auf einer Art und Weise, die sich selbst nicht ganz erklären konnte, fand Dany Trost in dem Gefühl seines Gewichts auf ihren Beinen.
„Schlaf.", hauchte sie kaum vernehmbar und streichelte dem von Erschöpfung und auch von Trauer besiegten Mann ein letztes Mal durch das feine Haar.
Vor zwei Tagen, während der Flucht aus Meereen, hatte kein Mond am Himmel gestanden und die schmale Sichel, die sich jetzt als solcher versuchte auszugeben, war zwischen den zahllosen Sternen nur schwer auszumachen. Allerdings hatte Dany nicht vor den Lauf des Mondes zu bewachen, geschweige denn Jorahs Schlaf vor den ersten Sonnenstrahlen zu unterbrechen. Falls dir das gelingt, dachte sie säuerlich und unterdrückte ein Gähnen. Aber sein bereits jetzt schon ruhig fließender Atem bewies lediglich wie notwendig diese aufgezwungene Ruhe war, und vielleicht hatten die leidenschaftlichen Momente ihr Übriges zu seiner Bereitschaft zu schlafen beigetragen, auch wenn sie zu keinem befriedigenden Ende gefunden haben. Wehmütig ließ Daenerys den Blick über die lange Gestalt Jorahs gleiten und mühte sich die enttäuschten Reste ihrer Begierde auszublenden.
Es dauerte nicht lange, bis zwischen Jorahs tiefer fließenden Atemzügen dann und wann leises Schnarchen zu hören war und Dany regelrecht zusehen konnte, wie der Schlaf, ganz anders als sie befürchtet hatte, die Schwere aus seinem Gesicht löschte.
Eine Zeitlang lauschte sie einfach in die von großen und kleinen Klängen erfüllte Stille, die hinter dem Knistern des Feuers, den gelegentlichen Lauten der Pferde und dem friedlichen Schlaf auf ihrem Schoß, lagen. Immer noch wehte der Wind durch die trockene Vegetation und wirbelte manchmal kleine Sandschauer auf, die dann prasselnd auf das Gestrüpp verflochtener Büsche trafen. Schreie, die zu Tieren gehörten, welche Dany nicht bestimmen konnte, erhoben sich mal in weiter Ferne, und dann schienen sie wieder so nah zu sein, dass Daenerys in Erwartung jene Nachtwesen direkt neben sich zu sehen, den Kopf herumriss. Nach einer Weile jedoch war selbst die Stille um sie herum nicht mehr laut genug, um den Widerhall Jorahs Worte in ihrem Kopf zu übertönen.
Als Königin sollte sie schockiert sein über jene Anmaßung, und die Königin in ihr war dies womöglich auch. Wiederrum wollte Daenerys keine ihre Liebe zu ihm herabsetzende Überlegungen, wie seinem Rang, den Einfluss seines Hauses oder eventuellen zukünftigen Allianzen zulassen. Gleichwohl war dies nicht der eigentliche Grund, warum seine Bekundung sie dermaßen irritierte. Nicht ganz zumindest.
Wärst du meine Ehefrau...
Das war sie nicht, wie sie ihm unnötigerweise mitgeteilt hatte. Aber auch wenn die Vernunft in ihr, der kalt und logisch denkende Teil, diesen Gedanken als ausgeschlossen abtat, hatten seine Worte ihr Herz zum Flattern gebracht. Denn ganz gleich was die Königin darin sah, für Daenerys lag in ihnen doch das blasse Versprechen einer noch viel blasseren Möglichkeit. Die Erinnerung an dumme Träume, die wohl jede junge Frau einmal geträumt hatte. Träume von Glück. Träume von Liebe. Träume von Familie.
Nahezu unbemerkt rann die einsame Träne über Danys Wange, hing zitternd an ihrem Kinn, ehe sie vom Wehen der Nacht getrocknet wurde. Sie hatte jene dummen Träume vor langer Zeit gegen etwas Größeres eingetauscht. Sie hatte Möglichkeiten gegen Schicksal eingetauscht.
Mit einer drückendem Leere in der Brust hob Daenerys den Blick gen Sternenzelt und kämpfte gegen den Drang an zu dem schlafenden Mann hinabzusehen. Das Bedürfnis ihn zu wecken und im Schutz seiner Umarmung zu versinken war jetzt schon unerträglich groß. Stattdessen legte sie den Kopf in den Nacken und wartete darauf, dass sich die Sterne verdunkelten.
...
Schuppen. Schuppen und Krallen, und armlange Zähne, an denen Flammen leckten. Dampfendes Blut, und überall nur kalte, scharfe Kanten, die schwarze Linien in weißen Grund ritzten.
Zur Stärke Aegons Eroberungsstreitmacht gibt es unterschiedliche Angaben von den Maestern. Einige Werke behaupten es waren nur wenige hundert, andere sprechen wiederum von bis zu dreitausend Mann.
