Kapitel 34
LEKTION 11
Mein Hut, der hat drei Ecken …
Ein lautes Scheppern ertönte.
Der magere Knabe ließ den Feudel fallen. Es gelang ihm gerade noch, die Flasche aufzufangen. Ein paar unschöne Flüche ausstoßend, stellte er sie zurück ins Regal. Zischend atmete er die Luft ein, als er erneut den Lappen in den Eimer tauchte. Seine Hände waren rissig und aufgesprungen, das Seifenwasser brannte in den offenen Wunden. Der Schmerz in seiner rechten Schulter war fast unerträglich. Das ständige Heben des Eimers, das Auf und Ab beim Putzen tat seinem kaum verheilten Knochen alles andere als gut.
Morton Crow war sauer auf Jack, und dies ließ er ihn Tag für Tag spüren. Doch auch in Jack brodelte es. Jede Faser, jeder schmerzende Muskel in ihm schrie förmlich nach Rache! Er hatte es satt, sich von allen Mitgliedern der Crew - Conolly ausgenommen - herumscheuchen zu lassen, als wäre er ihr persönlicher Sklave!
Wütend scheuerte er am Regalholz herum. Er wollte sich gerade dem obersten Fach widmen, da hörte er Schritte auf der Treppe.
„Hey Süßer!" Eine schmierige Stimme, die er nur allzu gut kannte. Sie gehörte zu dem Mann, der damals zuerst auf die Idee mit den nächtlichen Besuchen gekommen war - und diesen Geheimtipp an seine Kumpanen weitergegeben hatte …
„Du sollst die Kajüte des Kapitäns putzen!"
„Und danach ist Deckschrubben anges -", der zweite Mann verstummte. „Ich hab doch eben noch ein Geräusch gehört!" Fast belustigt sah Jack durch den Spalt der beiden Fässer, hinter denen er sich versteckt hatte, zu, wie der Pirat sich mißtrauisch umschaute.
„Der Junge kann doch nicht verschwunden sein!"
„Er wird eben woanders putzen", winkte der Andere ab.
„Ach? Und was war das eben für ein Geräusch?"
„Vielleicht eine Ratte?" Der erste der beiden räuberischen Seemänner lachte gehässig. „Vielleicht ist das Biest ausgerissen, weil es dachte, der dürre Bursche kommt und will es aufessen."
„Aufessen?" Während der Freund des Spottsüchtigen noch grübelte, biß der erboste Jack in seinem Versteck fest die Zähne aufeinander.
„Na sicher! Von was soll der Kleine sich denn sonst ernähren?"
„Rum?"
„RUM?!" Jetzt war es an dem ersten, blöd zu gucken.
Der andere Mann deutete auf die Flasche, die Jack zuvor runtergefallen war, wischte zum Beweis mit der Fingerkuppe über die Stelle im Regal.
„Die Flasche ist verschoben. Das Brett ist noch staubig, nur hier, wo vorher der Rum stand, nicht."
Stille. Offenbar dachte der spottsüchtige Pirat ernsthaft über die Worte nach, denn kurz darauf folgte ein: „Das würde es allerdings erklären …"
„Was?"
„Daß der Kleine nach Rum gerochen hat, als ich ihn zum ersten Mal genommen hab!" Unvermittelt stieß der Mann ein triumphierendes Lachen aus. „HAH, jetzt weiß ich's!"
„Wo der Junge ist?"
„Nein, aber was ich das nächste mal mit ihm mache! Ich werde ihn abfüllen, und wenn er am nächsten Morgen aufwacht, hat er sein Leben lang eine wunderschöne Singstimme! Und wir müssen nie wieder an diesem Eunuchenhafen vor Anker gehen …"
Ihre Schritte und auch ihre Worte entfernten sich. Jack ließ die Stirn gegen das Faß sinken, schloß die Augen. Seine Gefühle schwankten zwischen Scham, Wut und wahnsinnigem Haß. Lautlose Tränen liefen ihm übers Gesicht. Mit einer Hand umklammerte er den blau patinierten Bronzeknopf.
Niemand antwortete, als er wenig später an Crows Kabinentür klopfte. Den frisch aufgefüllten Putzeimer in der Hand, betrat er die Kajüte. Doch anstatt sich an die alltägliche Routinearbeit zu machen, blieb Jack wie angenagelt vor dem Schreibtisch stehen. Ein paar Seekarten lagen auf der Tischplatte, daneben stand eine halbleere Rumflasche. Demnach konnte der Captain nicht weit sein. Jack war sich sicher, er würde jeden Moment zurückkommen.
Wie hyptnotisiert hielt er seinen Blick auf den Gegenstand gerichtet, der auf dem Kopfende von Morton Crows Bett lag.
Es war ein Hut. Ein breitkrempiger Hut mit grauer Farbe, an dem eine schwarze Feder steckte. Unübersehbar und unbeaufsichtigt thronte er förmlich auf dem Kopfkissen. Ganz so, als würde er darauf warten, daß ihn jemand -
Jack schluckte schwer. Einst hatte Captain Crow ihm seinen eigenen Hut gestohlen. Doch seit er auf der Bloody Bonediente, hatten ihm immer wieder Tritte, Schläge und Hiebe mit der Peitsche geblüht, wenn er irgendwie aufgemuckt, etwas gestohlen oder sich noch so geringe Schnitzer erlaubt hatte.
Andererseits … es hatte ihm schon einmal geholfen. Und diesmal wäre es nichts anderes, als ein simples Tauschgeschäft …
Er starrte den Hut an. Schluckte nochmals den Kloß und mit ihm die Zweifel hinunter. Langsam, ganz langsam streckte Jack die Hand aus. Im nächsten Moment hatte er den Hut schon gepackt und in seinem Putzwasser versenkt.
Hastig stürzte der Junge Richtung Deck davon. Der schwere Eimer schlug hart gegen seine Schienbeine, hinterließ dort blaue Flecken, während er die Treppenstufen hinaufhetzte. Lediglich eine Spur aus Pfützen zeugte von seiner Tat.
