Autorenanmerkung: Tut mir leid, dass ich es gestern nicht mehr geschafft habe. Ich war unter einem Berg aus mehr als 300 Emails begraben, und ich wollte noch in Ruhe die Reviews von TeddyHamster und Lesemaus beantworten (Reviewreplys sind raus).

Lustigerweise ist dieses Kapitel sogar extra lang, mit mehr als 3000 Wörtern. War nicht so geplant. Nehmt es als kleine Wiedergutmachung an. Ich habe es jetzt nicht extra geschrieben, damit es so lang wird. Ich habe eher noch was rausgekürzt bei meiner Korrektur vorm posten.

Okay, kleine weitere Anmerkung: Ich beziehe mich mal wieder auf eine Folge, wurde ja auch langsam Zeit. ;-)

Dank erneut an alle Leser und insbesondere ein Dank an die Leute, die gereviewt haben. Jedes Mal, wenn ich so ein begeistertes Review lese juckt es mir in den Fingern, dass ich doch schon das nächste Kapitel hochstellen könnte. Aber wenn ich da jedes Mal nachgeben würde, dann hätte ich jetzt wohl ein Problem, denn ich kam in der letzten Woche natürlich nicht zum Schreiben.

Auf jeden Fall wünsche ich viel Spaß mit diesem Kapitel!

-Edit-

Da wollte ich schnell updaten ohne vorher mich durch alle Emails zu wühlen (schon wieder so viele neue von der letzten Nacht), und prompt habe ich das Review von frl-smilla übersehen. Antwort gab es per E-Mail, da die Technik hier ja irgendwie bei dir nicht funktioniert und Reviewreplys nicht ankommen. Dankeschön und entschuldige bitte, dass ich es übersehen hatte!

-Edit Ende-


Kapitel 36: Küsse zum Nachtisch

Alle Hoffnungen auf eine lange Nacht neben Danny wurden zerstört als mein Handy mich aus dem Schlaf riss, und Danny gleich mit dazu. Wir hatten eine Leiche. Ich drückte Danny einen Kuss auf die Stirn und sagte ihm, er sollte weiterschlafen. Dann nahm ich meine Sachen und ging ins Wohnzimmer um mich dort anzuziehen und Stella anzurufen. Sie hatte Rufbereitschaft, also war es nur logisch, dass ich sie aus dem Schlaf reißen würde.

Ich sagte ihr, dass wir uns beim Labor treffen würden, um dort unsere Koffer zu schnappen. Mir fehlte für die Arbeit in der Kälte der Nacht auch eine angemessene Jacke. Außerdem wäre es praktischer, wenn wir beide gemeinsam am Tatort ankämen. Und unsere Leiche war eh schon tot, den würde es nicht interessieren, ob wir zwei Minuten früher oder später ankämen.

Natürlich bemerkte Stella, als wir uns im Eingangsbereich trafen, sofort, dass ich immer noch die Kleidung des Vortages trug. Sie zog eine Augenbraue hoch, sagte aber erst mal nichts.

Doch im Auto konnte sie sich nicht länger zurückhalten: „Hast du also bei Danny geschlafen?"

Ich nickte schließlich, schwieg aber und konzentrierte mich stattdessen lieber auf die Straße.

„Und?" fragte sie weiter.

Ich wusste, dass es zwecklos wäre weiter zu schweigen.

„Nichts und." sagte ich.

„Ach komm schon, Mac… Du hast mich rausgeklingelt während Danny direkt neben dir lag? Du hättest ihn genauso gut mit hierher nehmen können…"

„Du hattest Rufbereitschaft, er nicht."

„Bist du dir sicher, dass es nur das ist? Oder hast du ihn vielleicht etwas überanstrengt?"

Sie sah mich an, mit einem Grinsen, dass ich, selbst bei dem kurzen Blick den ich ihr nur zuwarf, weil ich mich auf die Fahrbahn konzentrieren musste, nur als dreckig beschreiben konnte. Sie dachte ganz offensichtlich, dass Danny und ich miteinander geschlafen hätten.

„Das ist ja nun nicht die erste Nacht, die wir zusammen verbringen…" sagte ich schließlich.

„Stimmt, aber es scheint die erste Nacht zu sein, in der du Dienstbereitschaft hast und nicht zu Hause geschlafen hast." Ich merkte schon, dass ich das Raubtier in Stella, das auf den Namen ‚Neugier' hörte, geweckt hatte.

Ich schweig erneut in der Hoffnung das Gespräch so zu einem Ende zu bringen. Letztendlich rettete mich unser Tatort vor mehr Fragen, denn kaum dort angekommen waren Stella und ich total professionell und jede private Unterhaltung wurde eingestellt. Wir machten unsere Arbeit, Flack ebenso. Nur aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie er eine Blondine wieder hinter die Absperrung verwies, während mein Handy schon wieder klingelte: In einer Telefonzelle, kaum von unseren Tatort entfernt, war Kleidung und eine Brille gefunden worden, anscheinend die eigentliche Kleidung unseres Opfers, das immerhin in einem Superman-Kostüm auf dem Asphalt lag.

Ironischerweise erzählte Danny mir später, dass das Opfer von seinem Fall (ich hatte ihn als Unterstützung für Lindsay rausgeschickt, als er zu seiner Schicht eintraf) den Spitznamen „Superman" hatte. Was sollte man dazu schon sagen? Nur bei ihm war es ein Sportler, der als Leiche endete. Mein Opfer hatte viele alte Wunden, wie Sid Stella und mir mitteilte. Aber viel wichtiger war erstmal, dass wir unser Opfer überhaupt identifiziert bekamen.

Der Fall wurde aber erst richtig verrückt, als Adam Glassplitter als „Krypton" analysierte und wir herausfanden, dass unser Opfer mit Vornamen Clark hieß, Clark Kranen. Er hatte sogar die gleichen Initialen wie Superman. Allerdings litt er definitiv unter psychischen Störungen.

Sein Bruder, Steve, war die Person, die wieder die dunklen Seiten von New York in mein Gedächtnis brachte: Obdachlos, verdiente sich sein Geld als Schuhputzer auf der Straße. Aber trotz allem schien er ein anständiger Mensch zu sein. Auch wenn er seinen Bruder immer und immer wieder belogen hatte, dass er ihn mit nach Hause nähme, zu einem Zuhause, dass es zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr gab.

Unser Opfer war durch seinen eigenen Pfleger getötet worden, einen Angestellten des Wohnheimes für Menschen mit psychischen Erkrankungen, durch einen Schlag in den Nacken. Und alles nur wegen eines Drogendeals. Es ging nur um den Verkauf eines Rezeptes, was unser ‚Superheld' hatte verhindern wollen. Immerhin konnte ich anschließend seinem Bruder erzählen, was passiert war.

Dann kam der Telefonanruf, der Stella und mich zum nächsten Tatort rief. Ich lief noch immer in dem Shirt herum, in dem ich vor ein paar Tagen zum Blutspenden gegangen war. Aber es spielte keine Rolle, wir hatten einen Job zu erledigen.

Nachdem wir den Tatort untersucht hatten und alle Beweise im Labor abgeliefert hatten machte ich Feierabend. Ich war langsam lange genug auf den Beinen. Während unseres Falls hatte ich mir immer nur eine kurze Nachtruhe gegönnt. Und Danny, der mit seinem eigenen Fall beschäftigt war, hatte ich nur gesehen, wenn er mir Berichte darüber ablieferte.

Ich fuhr nach Hause, duschte dort und zog endlich frische Kleidung an. Aus irgendeinem Grund hatte ich keine Ersatzgarnitur in meinem Schrank im Umkleideraum des Labors gehabt. Vermutlich hatte ich schlicht und ergreifend nach dem letzten Mal vergessen mir wieder frische Kleidung mitzunehmen und dort zu hinterlegen. Trotzdem fühlte ich mich besser, nachdem ich zu Hause geduscht und mich rasiert hatte. Für Notfälle hatte ich im Büro einen Elektrorasierer, aber nichts ging über eine Nassrasur. Rasierschaum auf dem Gesicht und eine Klinge, die die feinen, kurzen Härchen abschnitt.

Ich war gerade fertig als es an meiner Haustür klingelte. Meine Kleidung war wieder mal ziemlich unformell, wie oft, wenn ich es nicht erwartete ins Büro gerufen zu werden: Eine Sporthose und ein T-Shirt, ziemlich normal und durchschnittlich. Ich ging an die Sprechanlage um herauszufinden, wer da vor der Tür stand.

Es war Danny.

Ich freute mich, während ich ihm sagte, er solle rauf kommen und den Türöffner betätigte. Sehr deutlich merkte ich, dass mein Herzschlag sich beschleunigte, und meine Hände wurden feucht. Ich versuchte ruhig zu bleiben, es war ja nun nicht unsere erste Verabredung oder so was, aber irgendwie machte es mich trotzdem nervös. Plötzlich stand Danny dann vor mir. Nicht unerwartet, aber doch irgendwie überraschend. Ich war wohl so in Gedanken darüber gewesen wie mein Körper alleine auf die Möglichkeit seiner baldigen Anwesenheit reagierte, dass ich gar nicht gemerkt hatte, wie die Zeit verflog.

„Ich hab' uns was zu Essen mitgebracht." verkündete Danny und hielt eine Plastiktüte hoch. „Chinesisch."

Ich lächelte. Essen war gut, ich hatte irgendwie das Mittagessen verpasst, und in meiner Küche herrschte immer noch eine ziemliche Leere. Vielleicht wäre irgendwo noch eine Tiefkühlpizza oder ein ganzes Tiefkühlgericht zu finden gewesen, aber so war es viel schöner: Essen in Gesellschaft.

„Klingt fantastisch."

Danny war schon in meine Wohnung gegangen, stellte die Tüte auf dem Tresen ab und packte die Schachteln aus, während ich noch die Tür schloss. Irgendetwas fehlte mir in diesem Moment. Aber der Blick ihn in meiner Küche hantieren zu sehen glich das aus: Er suchte Besteck raus, stellte die Behälter auf den Tresen, Teller dazu, so dass wir nicht unbedingt aus den Schachteln würden essen müssen, und er füllte zwei Gläser mit Orangensaft, vermutlich weil es das einzige außer Wasser war, was ich im Haus hatte.

„Komm. Das Essen wird kalt." forderte er mich schließlich auf. Ich hatte ihn so lange beobachtet und war so in meine Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass er fertig war. Ich hatte ihn da nur hantieren sehen, mein Blick an seine Hände geheftet. Ich fragte mich langsam wirklich, wie es sich anfühlen würde, wenn diese Hände mich berühren würden, über meine nackte Haut streicheln würden. Allein der Gedanke verursachte bei mir nicht nur eine Gänsehaut sondern brachte auch mein Glied schon leicht zum Anschwellen.

„Hast du nicht was vergessen?" neckte ich ihn schließlich mit einem leichten Grinsen. In den letzten Monaten hatte man immer öfter ein Lächeln oder ein Grinsen auf meinem Gesicht sehen können, auch wenn ich immer noch nicht dazu neigte wieder aus vollem Hals zu lachen.

„Was denn?"

„Du hast mich gar nicht anständig begrüßt." Ich tat so als würde ich schmollen. Irgendwie war es auch wirklich so. Ich wollte mir nicht die wunderbare Chance entgehen lassen seine Lippen endlich wieder auf meinen zu spüren. Es war immerhin ein paar Tage her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Und auch wenn mein Team inzwischen Bescheid wusste (wenn man mal von Sheldon absah, ich glaube, darüber dass ich mit Danny zusammen war hatte ihn niemand in Kenntnis gesetzt, außer Stella oder Don hatten geplaudert), so tauschten Danny und ich keine Zärtlichkeiten im Büro oder Labor aus. Und ich musste sagen: Mir fehlte diese körperliche Nähe, diese Wärme.

Danny sah mich erstaunt, fast perplex an. Dann lachte er.

„Stimmt, habe ich total vergessen." Er war von dem Barhocker, auf dem er Platz genommen hatte aufgestanden, um den Tresen herum gegangen und kam auf mich zu.

„Hallo Mac!" Er nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Ganz leicht berührten sich nur unsere Lippen, und ich erwiderte diesen sanften, gerade zu unschuldigen Kuss ebenso. Keine Zunge, die ins Spiel kam, nur Lippen, die aufeinander trafen. Wir sahen uns kurz in die Augen und ich konnte spüren, wie Dannys Finger sanft über mein Gesicht streichelten. Ich wollte ihn gerade für einen weiteren, viel intimeren Kuss an mich heranziehen als er sich von mir löste und wieder zum Tresen ging.

„Komm schon…" quengelte er ein bisschen. „Wir können auch nachher noch knutschen…"

Jetzt konnte ich ein leichtes Auflachen doch nicht unterdrücken. Ich ging zu ihm, setzte mich neben ihn auf den Hocker, an den Platz, den er für mich gedeckt hatte, und begann die Kartons danach zu durchstöbern, was er alles mitgebracht hatte. Dann packte ich mir von den Dingen, auf die ich Lust hatte, was auf den Teller.

„Und, was hast du heute noch so gemacht?" fragte ich schließlich, möglichst beiläufig klingend, nachdem ich schon eine gute Ecke meiner Portion verspeist hatte.

„Kids beschenkt…" antwortete Danny.

Mein Kopf zuckte fast augenblicklich zu ihm herüber. Mein Blick muss ziemlich ungläubig gewesen sein.

„Kuck doch nicht so, Mac." sagte Danny, bevor er etwas Licht in die Angelegenheit brachte. „Nach dem Fall mit dem ermordeten Football-Spieler habe ich gekuckt, ob ich irgendwo her eine Kiste mit Footbällen organisieren könnte. Du weißt doch, dass die Polizei immer wieder soziale Einrichtungen unterstützt. Nun ja, ich bekam Footballe und bin zu einem Kinderheim gefahren und habe sie dort verteilt. Du hättest das Leuchten auf ihren Gesichtern sehen sollen, als wäre Weihnachten…"

Ich lächelte. Dannys Begeisterung zeigte schon gut, wie es wohl gewesen sein musste.

„Weißt du noch, dass wir über Kinder redeten?" fragte er schließlich. Ich nickte. „Und auch, dass ich noch nicht darüber nachgedacht habe, ob ich welche haben wollen würde?" Ich nickte erneut. „Naja, ich glaube, ich hätte ganz gerne Kinder…" sagte er schließlich.

Auf der einen Seite war das eigentlich eine wunderschöne Aussage, auf der anderen Seite war es etwas, das uns biologisch zusammen nie möglich sein würde. Ich versuchte das Thema einfach nicht weiter zu vertiefen. Dafür war es sowieso viel zu früh, immerhin hatten wir immer noch nicht miteinander geschlafen. Alles schien mich immer wieder daran zu erinnern. Nicht, dass es zwingend nötig gewesen wäre, aber irgendwie hielt ich es schon für einen wichtigen Schritt in unserer Beziehung. Und Kinder vor dem Sex… Das wäre dann doch etwas sehr ungewöhnlich.

Ich beschloss mich weiter auf mein Essen zu konzentrieren, das war immerhin weniger gefährlich als mit Danny weiter Konversation zu betreiben. Ich hatte keinen Bedarf mit ihm über Stellas und meinen Tatort zu reden, und so wie es aussah wollte er wohl auch gar nicht über die Arbeit reden.

Wir aßen relativ schweigend, dann wuschen wir zusammen ab und räumten auf, und schließlich gab es Nachtisch: Küsse mit Danny auf dem Sofa. Er schmiegte sich an mich, ich schmiegte mich an ihn, und immer wieder fanden unsere Lippen zusammen. Wir saßen wohl fast zwei Stunden so auf dem Sofa. Ich hatte Kerzen angezündet gehabt, die Sonne war längst verschwunden und die Lichter der Stadt drangen durchs Fenster. Leise hörte man den Straßenlärm von den belebten Straßen New Yorks. Und wir schmiegten uns einfach nur aneinander, kuschelten und küssten uns.

Es war schön, es war sogar wunderschön. Es war toll Danny im Arm zu halten, und es war ebenso fantastisch von ihm im Arm gehalten zu werden.

„Don hat mich zum Essen für morgen Abend eingeladen, in seine Wohnung. Er sagte, er würde kochen. Und er schlug vor, dass du doch mitkommen könntest…" raunte ich Danny irgendwann leise zu. Bestimmt nicht die romantischste Einladung, aber es war irgendwie unsere erste Einladung als Paar.

Dannys Kopf, der auf meiner Brust geruht hatte, schnellte hoch.

„Er wollte mir doch Tim vorstellen. Und ich glaube, deine Meinung über seinen Freund ist auch gefragt." fügte ich schließlich hinzu.

„Hm…" brummelte Danny während er seinen Kopf auch schon wieder auf meine Brust legte. Ich fragte mich, ob er meinem Herzschlag wohl lauschte. Oder ob er sich eher auf das Heben und Senken meines Brustkorbes konzentrierte, oder ob es doch die Körperwärme war, die er gerade so genoss. Inzwischen lagen wir auf dem Sofa, er halb auf mir.

Irgendwie hatte ich mir seine Reaktion allerdings anders vorgestellt. Don Flack hatte mich zwar so direkt wegen Tim angesprochen gehabt, aber er hatte wirklich gesagt, dass ich Danny gerne zu dem Essen mitbringen könnte, wenn er denn dienstfrei hätte. Und Danny hatte am nächsten Abend frei. Wieso zögerte er so? Ich versuchte nicht sofort misstrauisch zu werden. Bestimmt gab es eine ganz einfache Erklärung für sein Zögern.

„Kommst du mit?" fragte ich erneut.

„Hm…" Er schmiegte sich noch etwas enger an mich, wenn das überhaupt ging.

„War das ein Ja?"

„Hm…"

„Bist du müde?"

„Hm…" Dannys Augen waren inzwischen schon halb zugefallen.

„Dann geh schon mal Zähneputzen und dann ins Bett. Ich komme gleich nach."

Während Danny tatsächlich im Badezimmer verschwand zog ich mich um. Es gab einen Grund weshalb Danny mich noch nie oben ohne gesehen hatte. Selbst in den Umkleideräumen unserer Arbeitsstelle vermied ich es mich ohne Oberbekleidung zu zeigen. Nicht, weil ich mich schämte, sondern weil jedes Mal Fragen kamen. Und manche Fragen wollte man nicht immer und immer wieder beantworten. Die Narben auf meiner Brust waren von einer Kriegsverletzung. Ein Einsatz mit den Marines. Sie war in etwa in der Region wo mein Herz sich befand.

Das alles war sogar noch vor Claires Zeit passiert. Claire hatte ich kennen gelernt, als ich gerade erst als CSI angefangen hatte. Ich war erst wenige Monate in der Stadt gewesen, sie ebenso, als wir uns begegneten. Und auf welche Idee kamen zwei Stadtfremde? Wir wollten gemeinsam die Stadt erkunden. Jeder von uns hatte zu der Zeit schon die ersten Lieblingsplätze gefunden gehabt. Die üblichen Attraktionen der Stadt kannten wir natürlich beide von Postkarten und so weiter. Besucht hatten wir aber noch nicht alles. Wir beschlossen gemeinsam Touristenattraktionen zu erkunden.

Aber nicht nur das: Claire wusste, wo man die besten Bagels bekam. Ich konnte ihr schon nach wenigen Monaten sagen, welche Gegenden man in New York besser als Frau mied, egal am Tag oder in der Nacht, und wie sie sich am besten verteidigen konnte. Ich weiß nicht, ob es sie beeindruckte. Sie sagte es mir niemals. Aber ich weiß, dass wir beide gemeinsam das Empire State Building besuchten. Ich weiß nicht, ob es deswegen auch etwas komisch gewesen war, als ich zu dem Fall mit dem Freeclimber an ausgerechnet diesem Wolkenkratzer gerufen wurde. Ich konnte mich nämlich nur noch zu gut erinnern, wie Claire und ich uns auf dem Turm geküsst hatten. Es war nicht der erste Kuss gewesen, aber es war der erste Kuss gewesen, der kein Abschiedskuss war.

Ich war bereits in meiner Nachtkleidung als Danny aus dem Badezimmer kam. Er hatte heute einen Rucksack und seine Sachen dabei, immerhin war er nicht total spontan vorbeigekommen, auch wenn wir nicht verabredet gewesen waren. Während ich Zähne putzte zog er sich um, und als ich ins Schlafzimmer kam saß er auf dem Bett, in der Hand hielt er einen Bilderrahmen mit einem Foto von Claire.

Ich hatte nicht viele Bilder von ihr in meiner Wohnung, und dieses Bild hatte lange in meinem Arbeitszimmer gestanden. Erst ein paar Tage vorher hatte ich es in mein Schlafzimmer geholt gehabt. Wieso konnte ich auch nicht so genau sagen. Manchmal tat man Dinge einfach. Es tat nicht mehr so weh, wenn ich ihr Bild ansah, wie es noch vor einiger Zeit geschmerzt hatte, wenn ich an sie erinnert wurde. Vielleicht wollte ich inzwischen an sie erinnert werden, auch weil der Schmerz langsam nachließ. Noch immer vermisste ich sie, das konnte ich nicht bestreiten. Ich würde sie vielleicht immer irgendwie vermissen.

„Sie war hübsch…" sagte Danny. Dabei hatten sie sich ja sogar noch kennen gelernt, auch wenn sie sich wohl nur kurz gesehen hatten. Ich wusste es gar nicht so genau.

„Das war sie." Mehr konnte ich in dem Moment nicht sagen. Danny stellte den Bilderrahmen wieder zurück auf den Nachttisch.

„Stört es dich?" fragte ich ihn. Nicht, dass es etwas daran geändert hätte, aber ich wollte es wissen. Wegen Danny würde ich bestimmt nicht all meine Bilder von ihr in eine Kiste verbannen, vor allem nicht, weil ich gerade erst wieder in der Lage war, die wenigen Bilder die ich gerahmt hatte, überhaupt anzusehen.

„Nein." antwortete Danny. „Es ist okay, sie war deine Frau. Du hast sie geliebt. Du liebst sie vermutlich immer noch." Er machte eine Pause. Während seiner Worte waren mir schon Tränen in die Augen gestiegen. Vielleicht weil so viel Wahrheit in seinen Worten lag, vielleicht, weil ich so dankbar für sein Verständnis war. „Es wunderte mich eher, dass du kein Foto von ihr auf deinem Nachttisch hattest, als ich das erste Mal bei dir übernachtete." Er konnte sich noch genau daran erinnern. „Was ist passiert?" wollte er wissen.

„Du bist passiert…" kam es über meine Lippen, bevor ich darüber nachdachte.

„Ich weiß nicht, aber es ist anders, seitdem wir zusammen sind. Ich denke weniger an sie, es tut weniger weh, wenn ich an sie denke. Ich kann ihr Bild wieder ansehen, ohne dass ich gleich weinen muss." Ich war bereit diese Schwäche vor Danny einzugestehen. Jemanden zu lieben hieß ihn mit all seinen Schwächen und Stärken zu lieben, und auch keine Geheimnisse vor ihm zu haben. Zumindest keine so existentiellen wie zum Beispiel meine Gefühle für meine verstorbene Frau.

„Ist das gut oder schlecht?" wollte Danny wissen. Mich verwunderte diese Frage etwas. Ich hatte nie darüber nachgedacht. Für mich hieß es einfach nur, dass ich nach und nach ihren Tod verarbeitete. Den Verlust verarbeitete. Die Lücke, die ihr Tod in meinem Leben hinterlassen hatte wieder etwas füllte ohne sie dabei zu ersetzen.

„Ich glaube, es ist gut." antwortete ich schließlich, und nahm Danny in den Arm. Die Tränen, die gerade noch in meinen Augen geschimmert hatten waren wieder verschwunden, ich stand hinter ihm und legte meinen Kopf auf seine Schulter und betrachtete Claires Bild.

„Ich stelle mir immer vor, dass sie irgendwie bei mir ist… Dass sie mich irgendwie sieht…" gestand ich Danny. So absurd das vielleicht auch in seinen Ohren klingen mochte.

„Hm." brummelte er zustimmend und müde. Schließlich drehte er sich in meiner Umarmung um, so dass er mich ansah.

„Sie wird immer in deinem Herzen sein." Er legte eine Hand auf meine Brust, und ohne dass er es wusste legte er sie genau auf meine Narbe. „Und das ist auch gut so. Du solltest sie nie vergessen, denn sie hat dich auch zu dem Menschen gemacht, der du heute bist."

Irgendwie hatte ich das Gefühl, als würde er noch mehr sagen wollen, aber er sagte nichts. Vielleicht war dies einer der Momente, von denen er mir irgendwann erzählte, einer der Augenblicke in denen er schon versucht gewesen war mir zu sagen, dass er in mich verliebt war. Aber, nachdem wir uns unsere Gefühle eingestanden hatten, sagte er selber auch, dass jeder Zeitpunkt davor zu früh gewesen wäre.