Heute war einer der wenigen Tage, an denen ich mich liebend gerne nur in mein Bett verkriechen würde. Ich weiß nicht wieso, aber ich war einfach in einer recht melancholischen Stimmung. Selbst die Aussicht nach einem langen Schultag, in Severus Armen zu liegen, vermochte es nicht, mein Trübsal zu verscheuchen. Ich fragte mich ehrlich gesagt, weshalb ich gestern Abend nicht einfach bei Severus geblieben war.
Ich brauchte wirklich einmal Abstand von dem ganzen Mist, der momentan auf mich einprasselte. Wenn ich doch nur mit meinen Eltern nicht so auf dem Kriegsfuß stände. Jetzt könnte ich wirklich einen mütterlichen Rat und eine Umarmung von ihr gebrauchen. So wie früher. Bevor all der ganze Schlamassel mit Voldemort losging.
Ich merkte kaum, wie mir die Tränen in die Augen traten. Vehement schüttelte ich meinen Kopf. Weinen würde jetzt eh nichts bringen, also wischte ich mir kurz über die Augen und machte mich immer noch betrübt fertig für den Unterricht, da ich heute mein Frühstück ausfallen lassen würde. Ich würde jetzt sicher nichts runter bekommen, nicht bei meiner Stimmung.
Auf dem Flur zum Zauberkunstunterricht fing mich Ginny ab, der sofort aufzufallen schien, in was für einer Verfassung ich war, da sie sofort fragte: „Was ist los?" Dabei zog sie mich in eine freundschaftliche Umarmung.
„Ach, mir wächst das alles momentan ein wenig über den Kopf. Der Streit mit meinen Eltern. Die Trennung mit Ron. Severus. Die Bedrohung. Der Streit mit Harry. Die Prophezeiung. Die Verlobung. Einfach alles wir mir zu viel", meinte ich betrübt an ihre Schulter gelehnt.
Sie strich ein paar Mal über meinen Rücken, ehe sie begann, mit beruhigender Stimme zu sprechen: „Es wird schon wieder alles besser werden. Du wirst sehen. Und wegen deiner Eltern. Willst du nicht noch mal zu ihnen gehen? Vielleicht würde ein Gespräch helfen um die Streitigkeiten aus der Welt zu schaffen."
Stumm nickte ich nur und genoss die Nähe zu meiner Freundin. Es tat gut, wenigstens mit einer Person über alles reden zu können. Schon früh hatte ich gelernt, dass es nie gut war, alles in sich reinzufressen.
„Sollen wir mit McGonagall sprechen, ob sie dich heute vom Unterricht befreit und du zu deinen Eltern gehen kannst?", fragte sie beruhigend mit sanfter Stimme und erinnerte überhaupt nicht an den roten Wirbelwind, der sie so oft war.
Ich fragte mich, ob es eine gute Idee wäre einfach aufzukreuzen und mit ihnen zu reden. Schließlich hatten sie mir bei meinem letzten Besuch deutlich gesagt, was sie von mir hielten. Und auch ihr Geschenk zu meinem Geburtstag zeugte nicht davon, dass sie noch etwas mit mir, ihrer einzigen Tochter, zutun haben wollten. Aber wenn ich es nicht versuchen würde, würde unser Streit ewig andauern und das wollte ich nicht. Nicht jetzt, wo ich sie doch so sehr gebrauchen konnte.
Also entschied ich mich schließlich doch dafür und nickte erneut an ihre Schulter. Daraufhin zog sie mich vom Zauberkunstklassenzimmer weg und führte mich direkt zum Adler, der das Büro der Direktoren seit Ewigkeiten beschützte.
Bevor wir anklopfen konnten, schwang die Tür schon auf und die ältliche Dame schaute von einigen Unterlagen auf dem riesigen Schreibtisch auf.
„Miss Weasley? Miss Granger? Müssten sie beide jetzt nicht im Unterricht sitzen?", begrüßte sie uns irritiert, aber deutete gleichzeitig auf zwei Stühle, auf die wir uns setzten, da sie scheinbar instinktiv spürte, dass wir nicht einfach so hier waren.
Ich überließ es Ginny zu erklären, was ich wollte, da ich mich in diesem Moment nicht in der Lage fühlte, zu sprechen, ohne meiner leicht depressiven Stimmung zu verfallen.
„Natürlich dürfen sie zu ihren Eltern gehen, aber ich muss ihnen um ihrer Sicherheit willen, einen Lehrer an die Hand geben. Nach den jüngsten Ereignissen ist dies unabdingbar", richtete sie ihr Wort an mich, wobei sie mir nach ihrer Zusage direkt einen Magenschwinger verpasste.
„Wer?", hauchte ich tonlos. Betrübt sah sie in meine Augen. „Leider kann ich in solchen Zeiten nicht die Schule verlassen." Ihr Blick ruckte kurz zu den Bildern über der Tür und ich vermutete, dass sie zu Dumbledore sah, da er in meinem sechsten Jahr sehr oft die Schule verließ und ungeschützt gelassen hatte.
„Professor Snape, Professor Flitwick und Professor Hagrid könnten heute freigestellt werden, da diese drei heute nur ein oder zwei Stunden haben, die auf die Schnelle vertreten werden könnten", zählte sie mir die Alternativen auf.
Eigentlich wollte ich dieses Gespräch nicht so gern mit Severus an meiner Seite machen, doch er war die beste Variante. Hagrid war ein Halbriese und naja Flitwick war klein. Die beiden würden in der reinen Muggelgegend, in der meine Eltern lebten, schon sehr extrem auffallen.
„Dann Professor Snape, wenn er damit einverstanden ist", entschied ich mich dann letztendlich, was mir von ihr eine gerunzelte Stirn einhandelte. Kein Wunder. Ich entschied mich freiwillig für Severus. Das war schon etwas ungewöhnlich, wenn nicht sogar sehr kurios. Aber lieber er, mein Verlobter, der sich auch etwas in der Muggelwelt anpassen konnte, als meine anderen beiden Lehrer, die einfach zu sehr auffallen würden.
Sie richtete ihr Wort an Dumbledores Portrait, als sie nach Severus rufen ließ, der daraufhin auch schon aus seinem Rahmen verschwand um ihn zu suchen.
Schweigend wartete ich auf ihn, während sich Ginny auf zum Unterricht machte, nachdem McGonagall sie mahnend angesehen hatte.
Ich wusste nicht so recht, was ich zu meinen Eltern sagen sollte und wie ich das wieder kitten könnte. Nur ich wusste, das Ginny Recht hatte. Ich musste es irgendwie schaffen. Auch wenn ich schon lange kein kleines Kind mehr war, brauchte ich meine Eltern. Ich würde ihnen alles verzeihen, einfach weil sie meine einzigen Eltern waren. Ohne sie wäre ich nicht die, die ich heute bin. Also würde ich es ihnen auch nicht übel nehmen, dass sie mich momentan mit Missachtung straften.
