Der Racheengel
Kapitel 35
Einige Stunden später, Palpatines Privaträumlichkeiten
Als der Morgen graute saß er in einem Sessel am Fenster des kleinen Salons und starrte einfach nur nach draußen in die aufgehende Sonne. In eine Decke gehüllt, mit angezogenen Beinen. Er machte sich klein. Vorhin war er sogar etwas in dieser Position eingedöst. Aber er schätzte, dass es sich rächen würde, er spürte schon, dass seine Knochen zu schmerzen begannen.
Egal…alles ist egal…
War es an der Zeit, bereits aufzustehen? Er wusste es nicht und es war ihm auch egal. Es war ihm gleich. Er war tief in seine Gedanken versunken, aber seine Gedanken waren leer. Diese Gleichgültigkeit gegenüber der Tag und Nächte, seinem Alltag, wurde von Jahr zu Jahr größer, es frustrierte ihn, dass es kaum mehr Herausforderungen gab. So wie es sie einst gegen hatte…damals. Als Senator, als Oberster Kanzler,…in seinen ersten Jahren als Imperator. Aber jetzt? Jetzt war da nichts, nur Leere.
Nagende Leere.
Innere Leere.
Bedeutungslosigkeit.
Er seufzte. Erlösung gab es nicht für ihn,…zumindest war er davon überzeugt. Vielleicht sollte er überlegen, irgendetwas…Ungewöhnliches…in seinem Leben zuzulassen. Irgendetwas, ihm war mittlerweile egal was genau.
Schließlich, ohne eine befriedigende Lösung oder gar eine Antwort gefunden zu haben, erhob er sich aus dem Sessel, reckte sich kurz und versuchte seine Knochen vom Schmerz zu befreien.
Er schlurfte in Richtung seines Schlafzimmers, schloss sich dort ein, würdigte sein Bett keines Blickes, sondern durchquerte das Zimmer und verbarrikadierte sich im Bad. Dort entkleidete sich, blickte, wie so oft, nicht in den Spiegel. Das wagte er nicht. Er wusste, was er dort sehen würde. Und es ekelte ihn an. Er ekelte sich vor sich selbst. Seine Haut hing von den Knochen hinab, war teilweise von Blasen bedeckt oder anderen Dingen, die der Tribut ihm geschickt hatte.
Er duschte, kleidete sich an und versuchte zu frühstücken. Es war nicht einmal 0700 und sein Tag schien bereits vorbei. Der Tag war wie jeder andere auch.
Unerbittlich, gnadenlos.
Manchmal fragte er sich, wie viele Tage er noch so verbringen müsste, bevor ihn das Chaos des Sith-Nexus bereitwillig aufnahm. Auch keine schöne, begehrenswerte Vorstellung. Aber eine Abwechslung, auf die er aber, da war er sich sicher, liebend gerne verzichten wollte.
Palpatines öffentliches Arbeitszimmer
Lord Vader war zurück. Sein Schüler.
Sein Schoßhündchen,…in gewisser Weise.
Manche bezeichneten ihn so…
Nun gut, er konnte ihn necken, sogar quälen, mit ihm spielen, ihm Streicheleinheiten zukommen lassen und musste doch Vorsicht walten lassen, denn irgendwann würde selbst das Schoßhündchen Vader zuschnappen. Es war nur eine Frage der Zeit.
Nur eine Frage der Zeit…
Er würde Lord Vader heute noch empfangen. Er würde ihm, wenn es möglich war, gerade passte, Kimea Kenobi vorstellen. Wahrscheinlich kannte der Ex-Jedi sie vom Sehen her, von einst…
Mit ihrem Namen jedoch, würde er sie leichtens erkennen…und wahrscheinlich seine Erinnerung überdenken müssen. Anakin Skywalker wäre aus dem Orden ausgeschlossen worden, weil er verheiratet war und Vater wurde,…zumindest hatte Anakin dies angenommen. Vader glaubte es auch.
Dass aber sein eigener Meister, Obi-Wan Kenobi, eine Beziehung zu einer anderen Jedi geführt hatte und Vater geworden war, das hätte Anakin wahrscheinlich weit von sich gewiesen. Für ihn war Obi-Wan perfekt gewesen, unerreichbar und unerträglich perfekt.
Jetzt würde der Ex-Padawan Kenobis erfahren, dass dem nicht so war. Seine Welt würde davon kaum zusammenbrechen,…oder?
Wie würde überhaupt seine Beraterin auf Vader reagieren? Würde sie reagieren? Oder würde sie ihm lediglich grüßend zunicken und abwarten, wie sich alles Weitere entwickeln würde?
Die wievielte Tasse Tee trank er eigentlich gerade? Das Koffein sollte ihn puschen, sollte verhindern, dass er allzu müde würde oder erschien. Schlimm jedoch war, dass er sich wegen all dem Koffein, und des Mangeln Schlafes, kaum noch zu konzentrieren vermochte. Irgendwann pfefferte er den Schreiber in eine Ecke, holte diesen via Macht zurück und legte ihn weg.
Abend, Thronsaal
Was sollte sie denn hier?
In den letzten Wochen war er relativ selten hier gewesen, so dass sie diesen Saal noch nie betreten hatte. Sie fand sein Benehmen nahezu albern. Aber gut. Lord Vader kam. Wahrscheinlich wollte Palpatine seinem Schüler stets vor Augen führen, wer der Meister und wer der Schüler war. Obwohl dies doch total unnötig erschien, zumindest ihr erschien es unnötig. Und übertrieben. Und überheblich. Wenn man es genau nahm, trampelte Palpatine stets auf Vader –Anakin Skywalker- herum und stocherte in dessen Wunden. Für sie erschien es…ein Wunder, dass Vader nicht bereits gegen Palpatine vorgegangen war. Dass er sich noch immer alles von seinem Herrn gefallen ließ.
Ihr kam etwas in den Sinn, dass ihr Vater einst zu ihrer Mutter geäußert hatte. Vor einigen Jahren, kurz nachdem Obi-Wan herausgefunden hatte, dass Anakin Mustafar überlebt hatte. Und dass es sich bei Darth Vader, Lord der Sith, um eben Anakin Skywalker handelte.
Einst ein Sklave, nun erneut ein Sklave…
Ihr Vater hatte damit mehr als Recht. Vader war ein Sklave,…Palpatines Sklave. Und ein Sklave seiner selbst. Seiner Wut, seines Hasses, seines tiefen Falls.
Neben ihr war auch Sate Pestage anwesend…wahrscheinlich wollte Palpatine nicht, da es allzu offensichtlich war, dass er Vader seine neue Beraterin, nämlich sie, Kimea Kenobi, vorstellen wollte. Pestage diente nur als Alibi…und dessen schien sich Pestage auch bewusst zu sein.
„Das bin ich schon gewohnt", flüsterte Pestage zu ihr, grinste, „Er meint, dann fiele seine offensichtliche Absicht nicht sofort ins Auge."
Palpatine hörte ihr Flüstern nicht, oder er ignorierte es.
Kimea seufzte: „Er hätte mich auch ganz normal Vader vorstellen können."
Pestage zog nur eine Augenbraue in seinem blassen Gesicht hoch, als würde er sagen wollen „Glaubst du?".
Lord Vader war in seiner schwarzen Rüstung und den schwarzen Gewändern natürlich eine imposante Erscheinung und sie verstand nur zu gut, weshalb die überlebenden Jedi ihn fürchteten. Gleichfalls aber, wenn sie all dies von sich schob, erkannte sie immer noch Anakin hinter der Maske. Da konnte sich dieser auch noch so sehr verstecken. Selbst ihr Vater erkannte ihn auch noch so, sprach sogar von Anakin/Vader, bezeichnete ihn aber als „Maschine, kein Mensch".
Kimea wusste nicht genau, wie viel Anakin noch in Vader steckte, aber sie befürchtete, dass es mehr war, als es Palpatine gefallen würde.
Nachdem Vader seinen Bericht recht unterwürfig vorgetragen hatte und Palpatine ihn gelobt hatte,…oder Palpatine behaupten würde, er hätte Vader gelobt, ging die Vorstellung ihrer Person vonstatten.
Etwas ungewöhnlich…gewöhnungsbedürftig.
Der Imperator erwähnte, dass er eine neue Beraterin habe, die sich mit der Allianzfrage beschäftige. Dann nannte er ihren Namen.
Vader/Anakin wandte seinen Blick zur Seite, sie nickte ihm zu. Grüßend. Den Kopf brav geneigt, mit ausdrucksloser Miene. Sie ließ ihre Maske fallen, ließ ihn spüren, dass sie machtsensitiv war. Nur kurz, dann verbarg sie sich wieder. Spätestens jetzt würde Vader/Anakin begriffen haben, wer da vor ihm stand. Und mit allergrößter Sicherheit würde er sie bald aufsuchen. In ihrem Büro, oder schlimmer noch, in ihrem neuen Zuhause.
Und das war's dann auch mit der Audienz, die der Imperator für seine besten Diener eingeplant hatte. Palpatine erhob sich, ordnete seinen Mantel und wandte sich zum Gehen um, ließ Lord Vader einfach dort unten am Fuß der Treppenstufen stehen. Sate und Kimea schlossen zu ihm auf und begleiteten ihn hinaus. Sie spürte Vaders Blick in ihrem Rücken. Etwas unbehaglich war ihr doch schon…vor allem, wenn sie an all die Geschichten dachte, die man ihr erzählt hatte. Über Vader.
Oh, es würde nicht lange dauern, bis sie ihn wieder sehen würde…
