Jill seufzte schwer, als sie das Hauptquartier verließ und die Tür hinter sich zufallen ließ.
Sie trat auf den Gehweg, registrierte kaum den steten Verkehr und die Leute, die an ihr vorbei eilten, auch den in schwarz gekleideten Mann nicht, der sie durch seine Sonnenbrille von der anderen Straßenseite aus beobachtete.
Nichts, drang momentan zu ihr durch, einzig das Gefühl völlig unkoordiniert zu sein.
Was?
Ja, sie war degradiert, suspendiert, das war wohl neuerdings das Modewort für gefeuert. Irgendwie wusste Jill nicht wirklich, was sie damit anfangen sollte.
War es gut? War es schlecht?
Immerhin hatte sie sich in den letzten Wochen seit ihrer Rückkehr immer wieder ausgemalt, wie es wäre, wenn sie alles hinschmeißen würde, doch jetzt, wo es offiziell war, kam es ihr doch komisch vor.
Die BSAA, der jahrelange Kampf gegen…Wesker und all die Biowaffen, war alles, was sie gehabt hatte, es war ihr ganzer Lebensinhalt gewesen.
Was sollte sie jetzt mit sich anfangen? Wer war sie denn überhaupt noch?
Diese Frage spukte ihr schon im Kopf herum, seit Chris ihr die Apparatur von der Brust gerissen hatte.
Für Jill, war nichts mehr wie gewohnt.
Drei Jahre hatte sie verpasst, war dann wieder nach vorne in die Welt der lebenden geschleudert worden, hatte ihre Freunde wieder getroffen, die ihr wohl bekannt und gewohnt waren, doch alles hatte sich dennoch verändert gehabt.
Jill hatte kein echtes Zuhause mehr und ihr eigener Vater, der immer ein Ohr für sie gehabt hatte, immer für sie da gewesen war, erkannte sie nicht und das tat ihr immer noch verdammt weh. Dieser starke Mann, zu dem sie als Kind aufgeblickt hatte, war nur noch eine kümmerliche Elendsgestalt. Es machte sie traurig, das sie ihm nicht helfen konnte oder ihm die Gewissheit geben konnte, bei ihm zu sein.
Alles erschien ihr sinnlos.
Andererseits war Chris nun da. Er war es schon immer gewesen und in diesem einen Punkt glaubte Jill zumindest, auf gewisse Weise ein Heim, einen Platz zum bleiben gefunden zu haben.
Warum hatte sie das nur so spät erkannt? Schon wieder fragte sie sich das.
Sie bereute ihr Verhalten. Klar, sie hatte schon immer Liebe für ihn empfunden, doch niemals hätte sie ihm das offen gesagt. Sie waren Partner, Liebschaften waren in ihrem Job einfach zu gefährlich gewesen, aber bei dem Gedanken, Chris zu verlieren, hatte sich alles in ihr auf schmerzlichste zusammengezogen. Das hatte ihr die Luft zum Atmen genommen, sie konnte sich einfach kein Leben vorstellen in dem es kein Chris Redfield gab.
Das war wohl schon immer so gewesen und da war der Grund, weshalb sie sich vor drei Jahren mit ihrem Erzfeind aus dem Fenster geworfen hatte. Es war keine Absicht die Klippen runter zu stürzen, vielleicht wäre es anders ausgegangen, wenn sie nicht ganz so viel Schwung benutzt hätte oder das Fenster nicht so nahe gewesen wäre.
Und dann?
Wesker war ihnen überlegen gewesen, irgendwann hätte er dann wohl beide erwischt, noch ehe die Verstärkung eingetroffen wäre. Das Gute daran wäre gewesen, das Wesker es niemals zustande gebracht hätte Uroboros zu kreieren, es hätte viele unschuldige Menschen verschont und ihr wären die drei Jahre in der Hölle erspart geblieben.
Abrupt griff Jill sich ans Nasenbein. Noch immer tat ihr der Kopf weh und sie freute sich schon darauf sich endlich hinlegen zu können. Die Anhörung vorhin hatte sie mehr aufgewühlt, als ihr lieb war. Es hatte ihr nicht gefallen, alles so offen zu sagen, noch nicht mal Chris hatte das gewusst, doch sie wusste, das er es verstehen würde.
Plötzlich lächelte sie hauchzart, als ihre Gedanken zurück an ihren Liebsten schweiften.
…Zusammengekommen?…
Das hörte sich genauso komisch an, wie das `ineinander verliebt sein´, aber genau das war passiert. Sie und Chris waren wohl jetzt irgendwie ein Paar und plötzlich dann verging ihr das Lächeln, als sich Zweifel in ihr nach oben spülte.
Jill hatte so viel Mist in ihrem Leben gebaut, so viel Unheil verbreitet, das sie sich das wohl niemals verzeihen konnte, egal wie viele aufmunternde Worte er ihr auch sagen würde. Es wunderte sie also, das Chris nach allem noch immer zu ihr hielt. Was fand er nur an ihr?
Warum hielt er nur an ihr fest?
Er hätte jemand besseren verdient. Jemand, der ihm das geben konnte, was er wollte und brauchte. Jill wusste nicht, ob der Beziehungskram ihr Ding war.
Sie wusste es wirklich nicht, denn noch nie war sie gut in solchen Dingen gewesen. Ihre Früheren Beziehungen, waren nie von Dauer gewesen, sie war vom ersten Dreckskerl zum zweiten gestolpert, schien diese kriminellen Typen magisch anzulocken. Vielleicht war sie auch einfach nur jung und dumm gewesen, zu naiv und seit sie den Beruf gewechselt hatte, hatte sie ohnehin nie mehr eine ernste Beziehung gehabt.
Das Einzige, was sie dagegen recht gut konnte, war einbrechen und stehlen, Autos kurzschließen, mit Sprengstoff umgehen, mit jeglichen Waffen schießen und im Kampf ordentlich austeilen. Würde sie also überhaupt dem gerecht werden, auf was sie mit Chris im Begriff war zuzusteuern?
Er war es, das wusste sie. Schon immer war Chris gut, der Beste in allem gewesen…
,,Jill!"
…Chris?…
Jill drehte sich um und als ihre Gedanken abrissen, registrierte sie, das nicht er es war, der nach ihr rief, sondern Carlos Oliveira.
Hastig schritt er auf sie zu, sein Blick aufgehellt, doch irgendwie besorgt.
,,Mann, Jill!…" er umarmte sie zur Begrüßung, drückte sie stürmisch und abrupt an sich, ,,…Wo hast du nur gesteckt? Du warst einfach so weg…Ihr alle wart weg!"
Die Blonde löste sich von ihm und wirkte überrascht, über seine überfahrende Begrüßung: ,,Carlos?…Em was machst du denn hier?"
,,Ich kreuze jeden Tag hier auf und versuche herauszufinden, was los ist, seitdem du verschwunden bist. Kein Anruf, keine Nachricht, nichts…" Carlos erblickte das Pflaster an ihrer Stirn und den Verband um ihren Arm, ,,…Was ist passiert?"
Jill beruhigte ihn: ,,Schwer zu erklären…Wir waren auf einer em…Mission…Chris, Claire, Barry und ich und irgendwie naja…" sie brach ab, als sie in seine Augen blickte. Irgendwie wurde ihr komisch. Carlos stand vor ihr, wohl überglücklich das es ihr gut ging und glaubte, das wohl alles in Ordnung sei. Zwischen ihnen.
Das war es zwar, aber nicht auf die Art, die Carlos wahrscheinlich gerne hätte. Jill hatte die Treffen mit ihm nicht vergessen, auch den Kuss nicht und sie würde ihm das mit Chris sagen müssen. Jetzt…
,,Hey, bist du in Ordnung?" Carlos hatte ihre Nachdenklichkeit bemerkt und ihr eine Hand an die Schulter gelegt. Eindringlich blickte er sie an.
Jill besann sich und nickte: ,,Ja…"
,,Komm, setzen wir uns…" er deutete mit dem Kopf auf eine Bank am Straßenrand, neben der Bushaltestelle.
,,…du musst mir nichts genaues erzählen, ich bin ja kein Agent der BSAA mehr." vollendete Carlos derweil.
Jill atmete durch, als sie nebeneinander saßen und sagte: ,,Ich auch nicht…"
Abrupt drehte er sich zu ihr: ,,Was?"
Sie nickte: ,,Ja em…hat einiges mit meiner…Vergangenheit zu tun und auch der eben angesprochenen Mission. Ist etwas schief gelaufen, wie du unschwer an den Wunden erkennst und die haben mich suspendiert, zuvor aber noch degradiert."
,,Echt jetzt?…Aber…"
,,Carlos…" Jill unterbrach ihn, ,,…es ist okay, vorläufig. Ich weiß sowieso nicht wirklich, was ich machen will."
Carlos nickte: ,,Na, lass erst mal Gras drüber wachsen, ich bin sicher, die werden ihre Entscheidung noch mal überdenken." Er wusste, das Jill eigentlich immer an ihrem Job gehangen hatte. Sie hatte es trotz der Gefahr gerne gemacht.
Die Ex-Agentin zuckte derweil mit den Schultern und schwieg. Sie war sich dessen nicht so sicher, sie selbst würde sich im Ernstfall keine zweite Chance geben.
,,Ich em…bin allerdings froh, das du in einem Stück wieder da bist und du hast ja jetzt Zeit dich von allem mal richtig zu erholen." sagte er.
Sie nickte und blickte weiterhin zu Boden.
Carlos bemerkte es. Etwas an ihr hatte sich verändert, war anders, als noch vor ein paar Tagen und doch auch eigentlich nicht. Er bemerkte eine gewisse, wohl ungewollte Distanz, die von Jill ausging.
Behutsam legte er eine Hand an ihre Schulter und das führte dazu, das Jill, wie von ihm gewünscht, den Augenkontakt zu Carlos suchte. Er hielt ihre Hand und strich mit seiner freien ihr das Haar hinters Ohr.
,,Es ist gut, das du wieder da bist…" wiederholte er und näherte sich ihr. Sanft nahm er ihre Hand, festigte ihren Blick, als sie ihm in die Augen sah.
Jill ahnte es erneut, sie wusste, was er im Begriff war zu tun und blitzschnell huschte ihr die Erinnerung an Chris durch den Kopf. Sie konnte nicht anders handeln, als dem Mann ihr gegenüber weh tun. Kurz bevor Carlos seine Lippen mit ihren verschließen konnte, zog sie ihre Hand zurück und drehte den Kopf weg: ,,…Nein, bitte…"
Carlos hielt inne.
Er sah sie mit seinen großen, dunkelbraunen Augen wissend an, sein Versuch sie zu küssen hatte es ihm gezeigt. Er hatte es schon vorher geahnt, konnte es sich denken und war dennoch enttäuscht, der Stich in seiner Brust tat weh.
Der Söldner schluckte und zog sich etwas zurück. Schwer atmete er durch. Er nickte nach einem fast unangenehmen Schweigemoment: ,,Es ist Chris, nicht wahr?"
Jill wirkte geschockt, als sie ihm wieder in die Augen sah.
,,Na, Redfield…ich kann es in deinen Augen sehen, Jill…und in deinem Verhalten spüren."
Sie blickte zur Seite und versuchte zu erklären: ,,Carlos, ich…"
,,Nein, das ist schon okay…" sanft strich er ihr über das Kinn und wieder blickte sie zu ihm hoch, als er weiter sprach, ,,…Gegen den Wunderknaben hatte ich noch nie eine Chance…Ich konnte es mir wohl schon immer irgendwie denken. Schon als du damals in Raccoon City dir das Virus eingefangen hast und volle zwei Tage bewusstlos im Fieberwahn warst, hab ich deutlich seinen Namen aus deinem Mund gehört."
Jill griff seine Hand, jedoch fand sie die Worte kaum: ,,Ich em…Es tut mir leid…Ich wollte nicht, das du…"
Carlos war sichtlich enttäuscht, schluckte abermals den dicken Kloß in seinem Hals hinunter: ,,Weißt du…damals, diese eine, wahnsinnige Nacht mit dir, kurz bevor du mit ihm nach Russland geflogen warst…Ich habe nie wirklich verstanden, wieso du hinterher einen Rückzieher gemacht hast, jetzt verstehe ich es."
,,Ich wollte dir nicht weh tun…" entgegnete Jill leise, als sie sich zurück erinnerte, ,,…und ich bereue diese Nacht auch nicht, keine Sekunde, du warst wundervoll und ich dachte wirklich, ich würde dich lieben, ein Teil von mir tut es auch, aber für Chris empfinde ich mehr." Sie wusste noch genau, wie es war, als sie am nächsten morgen aufgewacht und zu der Erkenntnis gekommen war, das er nicht das war, was sie wollte.
Sie wusste selbst nicht, wieso sie mit ihm geschlafen hatte. Ja, sie war wohl einsam gewesen, hatte Nähe gesucht, aber ihn niemals ausgenutzt. Ihre Freundschaft war seit Raccoon sehr innig gewesen. Sie wollte das nicht zerstören, indem sie eine Liebschaft anfing, zu der sie nicht zu einhundert Prozent ja sagen würde.
,,Ich bereue es auch nicht, Jill, im Gegenteil, ich liebte es, dich zu lieben…" er atmete kurz durch und fasste sich wieder einigermaßen, begriff jedoch, das er sie verloren hatte. Nach diesem einen Mal mit Jill vor einigen Jahren, selbst nach ihrem Schlussstrich, hatte er immer gehofft, ihr vielleicht doch noch einmal näher zu kommen. ,,…und ich bin verliebt in dich…aber du hast es verdient, das zu bekommen, was du willst…Wenn Redfield es eben ist, der dich zufrieden stellt, der dich glücklich machen kann, dann bin ich froh darüber, das du ehrlich zu mir bist…Jetzt kann ihm wohl nur noch Superman gefährlich werden."
,,Carlos…" Jill ließ die Schultern hängen, es tat ihr weh, seine Enttäuschung zu sehen. Sie hatte Angst ihn als Freund zu verlieren. Ihre Hand wollte seine Schulter greifen. Sie hörte an seiner Stimme, das es ihm nicht gefiel.
Er schloss kurz die Augen und wank ab, brachte sie zum schweigen und ihre Hand zum Rückzug. Dann sah er ihr wieder in die Augen: ,,Ich werd schon drüber weg kommen…irgendwie, aber eins sag´ ich dir, sollte der Typ dir wehtun, dann können ihm all seine Muskeln auch nicht helfen…"
,,Das wird nicht passieren…" Chris stand plötzlich neben der Bank und funkelte den Söldner durchdringend an.
Jill drehte den Kopf, ebenso wie Carlos.
,,Nein, der Wunderknabe höchst persönlich!…" der Söldner lächelte gespielt schlug die Beine gestreckt übereinander, lehnte sich entspannt gegen die Rückenlehne der Holzbank, ,,...Und? Wie ist die Lage? Heute schon ´ne Ladung Anabolika geschluckt?"
Chris schwieg einen kurzen Herzschlag und atmete einfach nur durch. Er mochte diesen schleimigen Typen kein bisschen und hasste es, das er ihn immer reizen musste. Er trainierte nun mal hart, aber alles, was an ihm dran war, hatte er sich über die Jahre hinweg ohne Hilfsmittel erarbeitet.
,,Was machst du hier?" verlangte Chris zu wissen.
Carlos zeigte auf sich selbst: ,,Ich? Das hier ist Amerika, ein freies Land, schon vergessen, Amigo?"
,,Ich bin nicht dein Amigo…" hielt Chris dagegen und sein Blick ging zwischen ihm und Jill huschen hin und her. Er mochte den Söldner noch nie und daran würde sich auch nichts ändern. Ein bisschen Eifersucht spielte mit, weil Chris wusste, das Jill und Carlos sich sehr nahe standen.
,,Hey, hey, nicht gleich so gereizt!…" der Söldner stand auf und hob beide Hände, ,,…Ich wollte nur mal nachsehen, wie es unserer Chica geht, brauch ich dafür jetzt eigentlich deine Erlaubnis?"
,,Sie ist nicht unsere Chica…"
,,Ach nein, entschuldige…`deine´, wollte ich natürlich sagen…" Carlos grinse einfälltig und provozierte Chris damit ganz bewusst. Es war deutlich die Feindseligkeit zwischen den beiden Männern zu hören.
Bevor Chris allerdings entgegnen konnte, das Jill niemandem außer sich selbst gehörte, war sie es, die aufstand und sich zwischen die beiden stellte.
,,Könntet ihr zwei bitte aufhören euch anzusehen, wie kläffende Hunde, die sich gleich um ein Weibchen zerfleischen?…Vorweg mal eins klar gestellt, ich mag keine Machos, Egotrip hin oder her!"
,,Keine Sorge, ich habe keine Lust mir an dem da die Hände schmutzig zu machen." sagte Chris, ohne den durchdringend, fixierenden Blick von den Augen des Söldners zu lassen.
Carlos seufzte und provozierte Chris aufs neue: ,,Zu schade, da lässt der Wunderknabe sich von seinem Frauchen an die Leine nehmen, wie ein kastrierter, räudiger Köter."
Zu viel.
Im selben Moment zischte Chris´ Faust an Jill vorbei und traf den Söldner mit einem Knallen hart im Gesicht.
Carlos stürzte auf den Asphalt des Gehwegs. Vorbeigehende Passanten blickten neugierig drein. Jill glaubte kaum, was geschehen war: ,,Chris!"
Carlos kam wütend auf die Beine und stürmte auf den Agenten zu, seine Lippe blutete: ,,Hey, hijo de la puta!…" Er holte zum Schlag aus.
,,Nein!…" Jill ging abermals dazwischen, drückte Carlos und Chris strickt auseinander, ,,…Hört auf! Euer Verhalten ist doch total kindisch! Wie alt seid ihr? Fünfzehn?" Es war ihr unangenehm. Sie war nicht gerne das Objekt der Begierde, doch schon immer war sie der Grund dafür, das Chris und Carlos sich nicht wirklich verstehen konnten, oder zumindest freundlich miteinander umgegangen sind.
Chris´ Augen ließen nicht von Carlos ab. Beide Männer waren wütend, funkelnden sich gefährlich an. Klar, jeder der beiden wollte Jill nicht verlieren.
Jill blickte Chris an: ,,Warum gehst du nicht schon mal vor und wartest am Wagen, ich brauche nur noch einen Augenblick."
Chris´ Kiefer mahlten aufeinander. Er hatte Mühe sich zu zügeln, um nicht noch einmal auf den Söldner einzuschlagen, doch er atmete durch und besann sich seines Verhaltens. Er nickte dann: ,,Okay, ich warte." Er wandte den Blick von ihm zu ihr, drehte sich dann um und ging…
Als Jill sich dann wieder zu Carlos umgedreht hatte, sagte dieser, als Chris außer hörweite war: ,,Tja, em…zur Hochzeit werd ich wohl nicht eingeladen, zu schade, denn ich steh´ auf Brautentführung."
Jill blickte ihn ernst an: ,,Könntest du mit diesen dämlichen Witzen aufhören?…Was sollte das denn? Warum musst du ihn immer so reizen? Du kennst sein Temperament."
,,Sorry…" Carlos blickte Jill an, ohne es zu bereuen und sagte dann: ,,…Was kann ich denn dafür, das der Kerl sich nicht im Griff hat."
Sie schüttelte den Kopf: ,,Männer…" dann griff sie in ihre Hosentasche und zückte ein Stofftaschentuch, ,,…Hier, für deine Lippe."
Carlos fuhr mit der Zunge über den Riss und schmeckte Blut. Er sah Jill an, die eine Hand in sein Genick legte und mit der anderen vorsichtig das Blut abwischte. Ein murren entglitt ihm, doch genoss er ihre sanften Hände. Gerne würde er sie noch mal küssen, sie war einfach perfekt für ihn, doch wieder rief er sich in Erinnerung, das es nun endgültig keine Chance mehr für ihn gab.
Der Söldner nahm ihre Hand in seine und flüsterte: ,,Danke."
Jill hatte ihm in die Augen geblickt, nickte kaum merklich und zog die Hand aus seinem Genick zu sich zurück. ,,Du solltest da einen Arzt drüber schauen lassen. Rebecca ist in ihrem Büro. Vielleicht muss es genäht werden." sie deutete auf das Hauptquartier der BSAA.
,,Ich könnt den Kerl glatt verklagen!" Carlos sah unter sich. Er hasste Chris Redfield.
Jill zog auch noch ihre andere Hand zu sich zurück, nachdem sie ihm das Tuch gegeben hatte. Sie sagte nichts, steckte ihre Hände verlegen in die hinteren Hosentaschen ihrer Jeans. Starr blickte sie zu Boden.
,,Aber nein…" Carlos blickte auf sie herab, ,,…das könnte ich dir nicht antun. Ich weiß, das du ihn liebst, auch wenn es ein Arschloch für mich ist, deshalb würde ich nie etwas tun, was dir weh tut…Entschuldige das von vorhin."
Jill nickte, wusste das er die Provokation meinte.
Nach einem weiteren Moment des Schweigens, in dem Carlos Jill seufzend anblickte und nun wirklich erkannte, das er verloren hatte, nickte er resignierend: ,,Ich werd dann mal verschwinden. Mein Flieger geht bald."
,,Was?…" sie war überrascht, sah abrupt zu ihm auf.
,,Ja, meine Jungs haben angerufen, schon vor zwei Tagen. Es geht nach Venezuela. Du kannst dir ja denken, Waffenschmuggel und so."
Sie atmete durch und sah ihn schuldbewusst an: ,,Es tut mir leid, Carlos…"
Er blickte zu Boden, mied es jetzt, ihr in die Augen zusehen. Es war ihm deutlich anzusehen, das er enttäuscht war. Bitter nickte er dann: ,,Schon okay…ich habe Biowaffen überlebt, da werde ich deinen Verlust auch überleben…irgendwie..." Carlos hielt kurz inne und fragte dann, ,,…Kann ich, dich wenigstens anrufen oder so? Jetzt mit der Gewissheit zu gehen, dich nie wieder zu sehen, deine Stimme nie wieder hören zu dürfen, ist echt scheiße."
Jill griff seine freie Hand, wartete, bis seine Augen die ihren trafen, dann sagte sie: ,,Natürlich…und wir werden uns auch wieder sehen, wir sind immer noch Freunde, Carlos, ich mag dich noch immer sehr, auch wenn es zwischen uns nicht reicht für mehr."
Traurig sah er sie an: ,,Von meiner Seite aus, hätte es gereicht…"
Sie sagte nichts, drehte nur beschämt den Kopf weg.
,,Hey…" Carlos versuchte sich zu fangen und fasste an ihre weiche Wange. Sanft drehte er ihren Kopf zu sich und blickte ihr in die Augen, ,,…ich wünsche dir wirklich, das du glücklich wirst, ehrlich. Niemand auf dieser gottverdammten, beschissenen Welt verdient es mehr als du."
Sie nickte bitter, denn offensichtlich hatte sie ihm das Herz gebrochen, sie sah es ihm an. Das hatte Jill zwar nicht gewollt, jedoch war es die einzige Möglichkeit gewesen, ihn mit den neuen Tatsachen zu konfrontieren.
,,Ich zieh dann mal Leine." er stupste aufmunternd ihr Kinn und schniefte.
Jill nickte abermals.
Carlos drückte die Blonde noch einmal an sich, atmete tief durch, als sie die Umarmung entgegnete und genoss diese letzte Nähe. ,,Machs gut, Chica."
Sie sah ihm zu, wie er ging…
