Kapitel 37: Es ist nicht vorbei
„Neville", rief Blaise atemlos und stürmte weiter in die Kammer des Schreckens. Nicht nur wegen der eisigen Temperaturen in der Kammer wurde ihr kalt ums Herz, als niemand antwortete. Panisch sah sie sich in der zwielichtigen Halle um, der das Licht der Denkarien fehlte und nur noch von dem magischen Glühen der Steine, das langsam schwächer wurde, spärlich erhellt wurde. Schließlich entdeckte sie ihren Freund zwischen zwei zerstörten Säulen, wie er mit gesenktem Kopf regungslos darstand.
Besorgt und unsicher, was dies zu bedeuten hatte, zwang sie sich dazu sich ihm vorsichtig zu nähren. „Neville", wiederholte sie leise, legte ihm die Hände auf die Schultern und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über seine Schulter hinweg sehen zu können, was seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Ihr Herz frohlockte als sie den leblosen Körper von Lord Voldemort sah und sie hauchte endlos erleichtert, „Du hast es geschafft." „Nein", sagte Neville nach einigen stillen Augenblicken und schob sein Kurzschwert in die Scheide zurück. Dann bückte er sich und entwand die andere Waffe den kraftlosen Fingern des dunklen Lords, wonach er diese ebenfalls verstaute.
Abschließend nahm er seinen Zauberstab von Dobby mit einem anerkennenden Nicken entgegen und steckte ihn in das Holster. Erst als seine Ausrüstung wieder an ihrem Platz war, drehte er sich mit einem breiten Grinsen zu seiner Freundin um. „Nein, nicht ich habe es geschafft, wir alle haben es geschafft – gemeinsam", erklärte der Anführer der DA und auch Blaise musste lächeln. Erleichtert fielen sie sich in die Arme. Sie hielten sich fest und versanken ganz in ihrem Glück beide noch am Leben zu sein, als von oben ein dumpfes Rumoren erklang, das kurz darauf von dem Niederprasseln kleiner Steine begleitet wurde.
„Ich glaube, wir sollten gehen", erklärte Neville unnötiger Weise und beide wandten sich zum Ausgang. „Dobby, komm", forderte der Junge den Hauselfen auf, der noch unschlüssig zwischen der Stelle, wo Harrys Statue zerfallen war, und dem hinteren Teil der Halle hin und her schaute. Niedergeschlagen kehrte der kleine Elf der Kammer schließlich den Rücken und schloss mit schlurfenden Schritten zu dem Paar auf. Sie passierten gerade das eindrucksvolle Eingangsportal, als hinter ihnen eine Säule nach der anderen nachgab und mit einem lauten Knall die Fluten des Sees durch die Decke brachen.
Eilig machte Neville kehrt, als er merkte, dass die verzauberten Türen auf halber Strecke einfach stehen blieben und sich nicht wie gewohnt automatisch schlossen. Er schaffte es gerade so mit Dobbys Hilfe die Türen zu schließen, die einen Herzschlag später durch die abprallenden Wassermassen wie ein Gong erklangen. Doch selbst die beste handwerkliche Arbeit konnte ohne Magie das Wasser nicht aufhalten, das durch die kleinsten Ritzen mit umso mehr Druck schoss. Durch den Sprühnebel, der schnell den Gang füllte, liefen die Drei weiter und erreichten die magische Verbindung zwischen den Gängen unter dem See und der Tür im vierten Stock von Hogwarts.
Alle drei schrieen schmerzerfüllt auf, denn sie hatten das Gefühl, als würden sie beim Übergang mit dem Cruciatus-Fluch belegt. „Bei Merlins Eiern, was war das denn?", keuchte Blaise mit verzerrter Miene. „Harrys Magie scheint zu versagen", stöhnte Neville, während sie sich weiterschleppten, „Aber wir können von Glück sagen, dass das Portal uns nicht umgebracht hat." „Glück? Dobby spürt nichts von Glück", klagte der Hauself, der sich tapfer auf den Beinen hielt, mit fipsiger Stimme. Neville warf die letzte Tür hinter ihnen zu und nahm seinen Zauberstab zur Hilfe um sie endgültig zu versiegeln. Später, wenn die Lage im Schloss unter Kontrolle war, würde er sie mit dem Fidelius-Zauber belegen, damit niemand sie unbedachter Weise öffnete.
„Wohin jetzt?", wollte Blaise wissen, als alle Drei tropfend und von dem schmerzhaften Übergang gezeichnet in dem verwaisten Flur standen. „Wir suchen die anderen und bringen in Erfahrung, wie es um Hogwarts steht", schlug Neville vor und wollte gerade einen Patronus als Boten losschicken, als eine Gruppe von Zauberern um die Ecke gebogen kam. Sofort fielen er und Blaise in Kampfpositionen und sogar Dobbys Körper spannte sich wie eine Stahlfeder. Auch die Neuankömmlinge waren stehen geblieben und hatten ihre Waffen gehoben.
Misstrauische beäugten sich die beiden Gruppen. Neville hatte die Männer noch nie gesehen, aber sie trugen keine schwarzen Roben und machten auch keine Anstalten anzugreifen. Der vorderste der Männer gab ein Zeichen und die anderen senkten ihre Zauberstäbe, hielten sich aber bereit. Entweder waren es sehr clevere Todesser oder eine neue Partei mischte mit. Neville entschied sich das Risiko einzugehen und nahm den Arm herunter. „Wer seid ihr?", fragte er den Mann, der offenbar der Anführer der fünfköpfigen Truppe war.
„Quinlivan Murray, Zauberministerium, Leiter der Aurorzentrale", erwiderte der Mann mit angenehmem Timbre und stark gefärbtem Akzent, fügte dann erklärend an, „Irisches Zauberministerium." „Aha", machte Neville und musterte die Truppe gründlicher. Die grau-grünen Roben waren einheitlich und funktionell und ihre Haltung und Aufstellung sprach für eine Aurorausbildung, die Geschichte konnte also durchaus stimmen. Sein Blick glitt wieder zu dem Anführer. Der Mann musste in seinen Vierzigern sein, hatte ungefähr dieselbe Statur wie Neville, doch seine Haut war noch blasser als die des Junges und außerdem von Sommersprossen übersäht. Dies brachte die hellroten Haare richtig zur Geltung, die sich intensiv mit den grünen Augen des Mannes bissen.
„Und was tut ihr hier?", hakte Neville nach, nachdem er seine Inspektion beendet hatte. „Aidan O'Dwyer berichtete, hier gäbe es eine Krise und auf sein Anraten beschloss der Minister Hilfe zu schicken, um unsere Interessen zu wahren", erklärte der Ire. „Und was für Interessen wären das?", erkundigte sich Neville ein wenig misstrauisch, weil ihm der Unterton nicht gefiel. Kein Minister schickte seinen Chefauror aus Wohltätigkeit, sondern dahinter musste schon mehr stecken.
„Bevor wir dazu übergehen wäre es höflich, wenn ihr euch vorstellen würdet", blockte der Mann mit einem unverbindlichen Lächeln ab. „Neville Longbottom", erwiderte der Gryffindor knapp. „Blaise Zabini", zog seine Freundin nach und senkte erst jetzt ihre Waffe. „Dobby", kam es quietschend aber laut aus Kniehöhe. Alle Blicke richteten sich auf den Hauselfen, der den Kopf trotzig vorstreckte. Wenn jemand versucht war bei dem Anblick zu lachen, brannte Dobbys Blick diesen Wunsch aus.
Während sich die anderen Zauberer fragende Blicke zuwarfen, ließ sich Murray davon nicht aus dem Konzept bringen. Er war bei Nevilles Namen hellhörig geworden. „Du bist der Junge, von dem Aidan erzählt hat. Kein Wunder, dass er dich einen harten Hund nannte", sagte der Mann und ließ den Blick mit neuer Interesse über das Gesicht des Gryffindors wandern. „Ist Aidan der Kerl mit den schwarzen Haaren und dem unfreundlichen Benehmen?", fragte Neville unverblümt. „Ja", lachte der Anführer, „so wirkt Aidan im ersten Moment. Habt ihr den alten Haudegen gesehen? Wir haben ihn in diesem Labyrinth aus den Augen verloren." „Es tut mir Leid, aber er ist tot. Lord Voldemort hat ihn getötet", informierte sie Neville und versuchte dabei Anteilnahme in seine Stimme zu legen, aber so recht wollte es ihm nicht gelingen. Er hatte erst vor wenigen Momenten den Namen des Mannes erfahren, an den er nur wenige Erinnerungen hatte und die meisten davon negativ.
Die Iren waren von der Nachricht jedoch sichtlich betroffen. „Das ist schrecklich", brachte Murray schließlich raus, „Aidan war ein feiner Zauberer. „Mein Beileid. Ich wünschte ich hätte ihn besser kennen gelernt", versicherte der Anführer der DA und es entsprach der Wahrheit, denn wenn der Mann trotz seiner Erfahrungen auf Hogwarts sich dafür eingesetzt hatte, dass Irland Hilfe entsandte, verdankten ihm vermutlich viele Menschen ihr Leben. „Doch für Trauer ist später Zeit, wenn nach Voldemort auch seine Todesser besiegt sind", stellte Neville fest.
„Ihr habt Den, dessen Name nicht genannt werden darf, besiegt?", fragte einer der Iren skeptisch, doch Neville überging den Einwand. „Danach reden wir über eure Interessen", beschied der Junge und drängte sich an der Gruppe vorbei. Er schlug ein scharfes Tempo an und zauberte nebenbei Patroni, um die DA an der Bibliothek zu sammeln. Doch so leicht ließ sich Murray nicht abschütteln. „Wir haben ihnen geholfen, ohne es zu müssen. Deshalb gibt es nichts zu Reden, wir wollen den Wandler zurück", sagte der Auror mit Nachdruck.
„Das komische Etwas?", wunderte sich Neville desinteressiert. Er hatte die Kiste und dessen Inhalt komplett vergessen. „Dieses Etwas war eine Killermaschine, die viele meiner Männer ermordet hat und viel irisches Blut musste vergossen werden, um sie zu besiegen. Nur Dumbledore und sein Einfluss hat unseren Minister dazu bewogen der Auslieferung zu zustimmen. Dumbledore ist tot, also gehört der Wandler wieder uns", teilte ihm der Mann entschieden mit. „Also gut, nehmt ihn wieder mit – nachdem der letzte Todesser erledigt ist", entgegnete Neville kurz angebunden, während er im vorübergehen dem ersten Wachposten zunickte, der die Gruppe mit neugierigen Blicken passieren ließ.
In der Bibliothek warteten schon Ginny und ihre Gruppe auf ihn. Einige sahen ziemlich mitgenommen aus, aber ihre Gesichter zeigten unerschütterliche Entschlossenheit. „Schön euch zu sehen", begrüßte sie die Weasley und pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht. Neville nickte ihr und den anderen zu und sagte, „Voldemort ist tot, aber im Schloss halten sich vermutlich noch etliche Todesser auf." Sie versammelten sich um einen Tisch auf dem Neville die Karte des Rumtreibers ausbreitete. „Wo ist Ron?", fragte Ginny und ihr Blick huschte suchend über die Gesichter der Neuankömmlinge.
Neville räusperte sich und kam damit Blaise zuvor, dann sagte er trocken, „Später." Bevor irgendwer anders eine Frage stellen konnte, begann er alle kampfbereiten Zauberer in umkämpfte Abschnitte zu entsenden, die er auf der Karte ausmachen konnte. Ginny und ihre Gruppe schickte er zum Keller, um einen Durchbruch der Slytherin zurückzuschlagen. Die Iren fügten sich zähneknirschend seiner Aufforderung der Gruppe um McGonagall und Snape gegen die letzte nennenswerte Konzentration von Todessern zu helfen. Blaise machte sich auf versprengte Gegner aufzusammeln, dabei wurde sie von Dobby und einer Gruppe hastig rekrutierter Freiwilliger begleitet. Neville gab ihr die Karte mit, denn sie würde sie eher brauchen als er.
Nachdem er alle kampffähigen Kräfte delegiert hatte, begann er den Transport der Verletzten in den Krankenflügel zu organisieren, die notdürftig von Madame Pomfrey zwischen den Bücherregalen versorgt worden waren. Dabei hielt er ständig Kontakt zu den verschiedenen Kampfplätzen und schon bald vermeldeten die Zwillinge und Ginny die ersten Erfolgsmeldungen. Der Ausfall der Slytherins war zurückgeschlagen. Bald darauf traf eine neue Welle von Verwundeten ein, sowohl Flammensänger wie auch Schüler aus Slytherin.
Die zurückgekehrten Kämpfer beauftragte der Junge auf den Fersen umzudrehen und die Leichen der Todesser und, Merlin bewahre, Schüler im Eingangsbereich zu bergen. Als die Zwillinge und Ginny sich der Gruppe anschließen wollten, signalisierte er ihnen zu warten. „Ihr solltet im dritten Stock suchen, bei der Büste von Tatter, dem Tattrigen", riet er ihnen. Mehr musste er nicht sagen. „Nein", hauchte Ginny und Tränen begannen ihre Augen zu füllen. Wie ein Körper drehten sich die Weasleys um und rannten aus dem Krankenflügel.
Kaum war der letzte rote Haarschopf außer Sicht, kam Luna schwankend näher. Sie hatte eine hässliche Beule am Kopf, aber man sah sofort, dass sie etwas anderes bedrückte. Wie aus Sturzbächen liefen ihr die Tränen über die Wangen und ihre Stimme zitterte so sehr, dass es kaum zu verstehen war. „Es tut mir Leid, Neville. Ich weiß, ich habe alles falsch gemacht. Es kam so plötzlich und es waren so viele, dass ich… ich, einfach die Nerven verloren und, … in mich gefahren, ich…solche Angst", kam es fahrig aus ihrem Mund und sie drehte ihren Kopf von einer Seite zur anderen, als wüsste sie nicht, wo sie hinschauen sollte.
Neville packte die Hexe an den Schultern und schüttelte das zierliche Mädchen, das wie eine Puppe zwischen seinen Armen hing. „Hör mir gut zu! Du hast dir nichts vorzuwerfen! Ich bin mir sicher, du hast dein Bestes getan und mehr kann niemand verlangen. Es wird genug Leute geben, die dir nachher Vorwürfe machen und tolle Vorschläge parat haben, wie man alles hätte besser machen können, aber diese Leute waren nicht da. Du warst da und hast alles gegeben. Ja, du hast vielleicht die Nerven verloren und Angst, aber trotzdem ist die Lage unter Kontrolle – dank dir. Ich bin stolz auf dich, weil du trotz deiner Angst gekämpft hast bis zum Schluss und du solltest es auch sein", sagte der Anführer der DA mit harter Stimme und so laut, dass alle im Raum es mitbekamen, sofern sie bei Bewusstsein waren.
Vernehmlich zog Luna die Nase hoch und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. „Ja, du hast Recht", gestand das Mädchen mit schwacher Stimme, „Danke." Sie drehte sich um, überlegte es sich dann aber anders und warf sich Neville an die Brust. Verwundert spürte Neville wie ein neuerlicher Weinkrampf das Mädchen schüttelte. „Dennis… Er wurde … vom Todesfluch… getroffen", schluchzte die Hexe, „der für mich… bestimmt war." Neville zögerte kurz, dann legte er vorsichtig die Arme um sie und drückte sie an sich. Ein wenig hilflos wiegte er sie und rieb ihr über den Rücken. „Das ist die Schuld der Überlebenden, mit der wir alle leben müssen", erklärte der Junge so sanft wie möglich, während die Bilder von Rons Tod im durch den Kopf gingen.
„Aber es ist so… ungerecht. Welcher Schüler wendet den… Todesfluch auf einen anderen… Schüler an?", wimmerte das Mädchen und krallte sich verzweifelt an ihn. „Jemand, der durch deine Hilfe zu Strecke gebracht wurde und keinen Schaden mehr anrichten wird", versicherte Neville ihr, doch sogar in seinen Ohren klang das nach einem schwachen Trost. Dankbar bemerkte er wie Blaise den Saal betrat und schob Luna behutsam in die wartenden Arme von Madame Pomfrey, die das Mädchen fortführte.
Er ging seiner Freundin entgegen und nahm ihre Hand. „Was ist mit ihr?", fragte die Slytherin und nickte in Richtung Luna. „Sie macht sich Vorwürfe. Dennis Creevey ist tot", berichtete Neville distanziert. „Und noch viele mehr", klagte Blaise und ihre Augen wurden feucht. Sie nahm Lunas Platz an Nevilles Brust ein und diesmal zögerte der Junge nicht die Arme um das Mädchen zu schließen. „Ja", stimmte der Anführer der DA zu, „Das ist der Preis, den wir zahlen mussten."
Blaise schniefte und stieß sich von ihm ab. „Wie kannst du bloß so kalt dabei bleiben? Ron war dein Freund!", sagte Blaise vorwurfsvoll – und laut. Sofort stand das Paar im Zentrum der Aufmerksamkeit. „Weil ich muss!", erwiderte der Junge ebenso laut. „Warum?!", hakte Blaise unter Tränen nach. „Es ist noch nicht vorbei. Harry wollte, dass es auch nach Voldemort weiter geht und solange kann ich mir keine Schwäche erlauben", brüllte Neville in einem Atemzug und musste danach erstmal tief Luft holen. „Seit wann ist es Schwäche, Mitgefühl zu zeigen?", schrie Blaise ihn an. Der Wortwechsel riss die tiefen Gräben am Anfang ihrer Beziehung wieder auf, doch unerwarteter Weise fanden sie sich auf der jeweils anderen Seite der Kluft wieder.
„Ich kann jetzt nicht schwach sein!", verteidigte sich Neville mit einer guten Portion Verzweiflung in der Stimme. Doch Blaise war nicht bereit auf halben Weg stehen zu bleiben und brüllte mit aller Kraft, „WIESO?" In den folgenden Sekunden, war jeder Atemzug ein Donnergrollen in der frostigen Stille des Krankenflügels. „Weil ich sonst zerbreche", gestand Neville schließlich leise ein und ging an der erstarrten Blaise vorbei zum Ausgang. Er wollte weg, fliehen, fort von hier, doch er kam nicht weit. Er war noch fünf Schritte von der Tür entfernt, als diese aufschwang und einer mehr zufälligen wie inszenierten Prozession den Weg frei gab.
Zuerst kam Katie Bell hindurch, die vor sich den leblosen Körper von Cho Chang schweben hatte. In gleicher Weise transportierte Cormac McLaggen Christopher Summerby, den Jäger von Hufflepuff, dessen Gesicht in einer grauenhaften Maske des Schreckens erstarrte war. Mit ein wenig Abstand folgten Hermine, Susan und Michael Corner, die je einen Körper bei sich hatten. Um wen es sich dabei handelte, konnte Neville nicht erkennen, dafür waren die Gesichter zu sehr von dem todbringenden Fluch entstellt worden. Dafür brannte sich das Gesicht des nächsten Toten umso mehr in Nevilles Gedächtnis ein.
Es war Dennis Creevey, dem selbst der Todesfluch nicht die Spitzbübigkeit aus dem Gesicht nehmen konnte. Wie die sterblichen Hüllen von Mandy Brocklehurst, Steven Bellamy, Marc Aldritch und Romilda Vane an ihm vorbei getragen wurden merkte er gar nicht wirklich. Erst das Auftauchen der Iren, die ein Karree um ihren ermordeten Landsmann bildeten, rüttelte Neville wieder auf, sodass der Eintritt der Weasleys seine volle Aufmerksamkeit hatte.
Flankiert von den Zwillingen, deren Mienen versteinert waren, schwebte Rons geschundener Körper vor seiner Schwester, deren ohnmächtige Wut jede Träne hatte verdampfen lassen. Mit unwiderstehlicher Macht wurden Nevilles Augen von dem schrecklichen Anblick angezogen und so sehr er wollte, er konnte sich nicht abwenden. Als das Trio an ihm vorbeiging, zerbrach etwas in ihm. Er wurde weich und brach unter der erdrückenden Last der Verantwortung zusammen.
Niemand hätte sterben müssen, wenn er die DA besser trainiert hätte. Wenn er sie besser aufgestellt hätte. Wenn er sie besser geschützt hätte. Wenn er einfach mehr getan hätte. Jeder Tote war ein Beweis seiner Unfähigkeit. Mit Harry wäre das nicht passiert. Oder wenn Harry jemand anderes die Führung übergeben hätte. Ron und Hermine zum Beispiel.
Er ging auf die Knie, die plötzlich zu schwach waren ihn zu halten, und seine Ohren schienen mit Watte gefüllt. Seine Sicht verschleierte sich, als würde er durch trübes Glas gucken, sein Zeitgefühl machte sich auf und davon. Er spürte wie er berührt wurde, aber es berührte ihn nicht. Er hörte Stimmen, doch er verstand sie nicht. Er sah Gesichter vor sich, doch er sah nur die Toten. Einer nach dem anderen marschierten sie mit blassen Gesichtern an ihm vorbei, wieder und immer wieder, bis jemand seinen Mund aufzwang und Flüssigkeit seinen Rachen herunter rann. Dann umfing ihn gnädige Dunkelheit.
Die paar Stunden Schlaf, die ihm die KO-Tropfen verpassten, waren die einzigen die Neville in den nächsten zwei Tagen bekam. Und damit hatte er immer noch mehr als manch anderer, denn vieles musste organisiert und geregelt werden. Snape und die anderen Lehrer mussten das Dilemma im Haus Slytherin bereinigen und sich an die delikate Arbeit machen, Täter von Opfern zu trennen. Dabei traten immer wieder neue Merkwürdigkeiten zu Tage und mehr als einmal schalt sich Neville ob seiner Nachlässigkeit, wenn er wieder den neusten Stand der Ermittlungen erfuhr.
So hatten die Slytherins wohl ihre eigene Karte der Rumtreiber angefertigt und damit ihre Aktionen koordiniert. Ihr Werk war nicht so akkurat und ausgefeilt, wie das Original, aber es erklärte das Timing der Angriffe. Dass es überhaupt zu dem Angriff von innen heraus kam, wunderte im Nachhinein niemanden mehr, denn bei den eingehenden Befragungen der Schüler stellten Snape und die anderen Lehrer bei fast allen Slytherin zumindest unterschwellige Sympathien für die Ziele der Todesser fest. Dennoch war der Grund für die fast durchgängige Unterstützung wohl nicht Überzeugung, sondern Angst.
So hatte schon weit vorher ein internes Terrornetzwerk mit seelischer Gewalt die Einschüchterung begonnen, die kurz vor dem Beginn der Kämpfe in der exemplarischen Exekution eines Jungen, der sich den Einschüchterungen widersetzt hatte, eskaliert war. Dass der Plan, aus dem Inneren die Verteidiger anzugreifen, trotzdem nicht vollständig gelang, lag an dem überlegenen Training der DA, deren Einheit trotz Lunas Anflug von Panik bestand hatte und mit Hilfe der Weasley-Zwillinge genug Durchschlagskraft besaß, um den Kampfeswillen der Slytherin zu brechen.
Ein weiterer, wenn auch indirekter, Faktor, war das Eingreifen von Cho Chang außerhalb der Schlossmauern. Die Ravenclaw hatte in höchster Not ältere Schüler überzeugt sich dem Kampf doch noch anzuschließen und sie zum Astronomieturm geführt. Gerade noch rechtzeitig war sie eingetroffen, um Ginnys Truppe, die sich durch einen Köder in einen Hinterhalt hatten locken lassen, den Rücken freizuhalten. Zumindest lang genug damit sich die DA ins Innere hatte zurückfallen lassen konnte. Ihren Mut, bis zuletzt die vorwärts drängenden Todesser aufzuhalten, damit ihre Begleiter sich in Sicherheit bringen konnten, bezahlte das Mädchen leider mit dem Leben, was für Ginny neben dem Verlust ein weiterer schwerer Schlag war.
Die Weasley machte sich Vorwürfe, weil sie sich von ihrem Temperament dazu hatte verleiten lassen, auf die Falle der Todesser rein zu fallen, die mit einem kleinen Trupp den deutlich sichtbaren Lockvogel gespielt hatten, während eine größere Gruppe sich unter Tarnumhängen und Unsichtbarkeitszaubern von der anderen Seite auf Besen genährt hatte. Doch nicht nur das. Belastend hinzukam, dass Ginny als vorletzte das Schlachtfeld geräumt hatte – vor Cho. In ihren Augen ein weiteres Versagen und kein Zureden anderer, konnte sie davon überzeugen, dass Chos Tod nicht ihr Verschulden war, sondern dem guten Angriffsplan der Todesser.
Ja, in den Tagen nach dem Angriff, gab es in den Mauern von Hogwarts keinen Mangel an ungerechtfertigten Selbstzweifel und eingebildeten Schuldvorwürfen, wie Neville an der eigenen Seele zu spüren bekommen hatte. Doch im Gegensatz zu Ginny konnte er sich davon frei machen. Zumindest nachdem Mad-Eye Moody, Kingsley Shacklebolt und Murray ihm alle versichert hatten, dass keiner von ihnen mit so wenig Verlusten Hogwarts hätte verteidigen können. Die Tatsache, dass er im Zuge der Schlacht Voldemort besiegt hatte, trat in den Augen der Auroren dabei sogar in den Hintergrund. Auch die meisten anderen machten um diesen Umstand wenig Aufhebens; zu frisch waren die Verluste, zu nah die Eindrücke des Kampfes für alle Beteiligten.
Das galt natürlich nicht für den Tagespropheten, der in Form von Rita Kimmkorn zur Tür hineinschneite und nach besten Möglichkeiten alle Versuche zur Normalität zurückzukehren sabotierte. Ihre Beharrlichkeit, mit der sie Nevilles Sieg über Voldemort in Zweifel zog, brachte Neville schließlich so weit, dass er ihr drohte, sie neben Voldemorts Leiche auf dem Grund des Sees zu befördern. Ihr Blick danach sagte ihm, dass er diese Worte bereuen würde, aber eingeschüchtert war die schreckliche Frau danach von dannen gezogen – vorerst.
Aber es gab genug um Neville abzulenken. Erst schlug Murray Alarm. Der Wandler war verschwunden und es war nicht festzustellen, ob er während des Kampfes fortgeschafft worden oder von den Toten auferstanden war. Da man dagegen erstmal aber nichts unternehmen konnte, schob Neville die Angelegenheit trotz Murrays eindringlichen Warnungen erstmal auf die lange Bank, da es ihm wichtig war mit den Angehörigen der Opfer unter seinen Mitstreitern zu reden.
Nach den Unterhaltungen regte er an, die Toten auf dem Hogwartsgelände zu begraben, natürlich mit der Zustimmung von McGonagall. Sein Vorschlag wurde wohlwollend aufgenommen, denn das prägende Gefühl nach der Trauer über den Verlust ihrer Kinder, war der Stolz der Eltern auf den Mut und den Willen ihrer Söhne und Töchter. Beidem – Trauer und Stolz – sollte an der Stätte des Geschehens ein andauerndes Denkmal gesetzt werden. Neville fragte Dobby, ob er diese Aufgabe übernehmen wolle und der Hauself willigte begeistert ein.
Die wenige freie Zeit, die dem Anführer der DA zwischen diesen Aufgaben blieb, nutzte er für hastige Mahlzeiten und kurze Gespräche mit Blaise, die vor allem Snape zur Hand ging, um in ihrem eigenen Haus Ordnung zu schaffen. Quasi parallel zu all dem bereitete Neville eine Rede vor, die auf der Trauerfeier gehalten werden sollte. Er hatte darauf bestanden, diese Rede selbst zu halten, da er es als seine Pflicht sah, dafür die Verantwortung zu übernehmen. McGonagall hatte dem aber nur unter der Bedingung zugestimmt, dass sie selbst an der Gestaltung des Inhaltes mitbestimmen konnte.
Am dritten Morgen nach der Schlacht war es soweit. Die Hauselfen hatten tausende von Stühlen auf der Wiese vor Hogwarts aufgestellt, die jedoch bei weitem nicht für die zahlreichen Besucher ausreichten, die sich an diesem schönen Sommertag auf dem Gelände einfanden. Hinter einem niedrigen Podium, auf dem ein Leserpult mit magischem Mikrofon stand, waren die sechzehn gleichgroßen Särge strahlenförmig mit dem Kopfende zu einem breiten Sockel aus Granit im Zentrum positioniert worden. Auf der rechteckigen Erhöhung befanden sich drei steinerne Abbildungen von Phönixen, deren ausgebreiteten Flügel sich an den Spitzen berührten.
In dem Dreieck, das auf diese Weise von den Statuen gebildet wurde, erhob sich eine schlanke Säule etwa manneshoch, auf deren rundem Ende ein filigranes Geflecht aus Silberfäden schwebte. Nur wem man nah an den Strahlenkranz aus Sarkophagen heran ging, konnte man erkennen, dass es sich bei dem Gebilde um das Wappen Hogwarts handelte, das sich langsam drehte.
Die Särge an sich waren schlichte, aber sauber behauene, Steinquader. Nur auf ihrer Oberseite hatte Dobby sein ganzes handwerkliches Talent aufgebracht und den Stein zu lebensechten Ebenbildern des jeweiligen Toten geformt. Dabei zeigten ihre Gesichter die vorteilhaftesten Züge, die sie zu Lebzeiten ausgezeichnet hatten. So strotze Rons Miene vor Entschlossenheit, Dennis reckte sein Gesicht neugierig dem Betrachter entgegen – Dobby hatte bei ihm sogar an die Kamera am Gürtel gedacht. Harrys Antlitz strahlte eine besonnene Ruhe aus, Cho hatte Dobby dagegen einen energischen Ausdruck gegeben. Dumbledore lächelte verschmitz, als gäbe es einen Witz, den nur er verstehen würde.
Auch die Anderen hatte Dobby mit so traumhafter Sicherheit getroffen, dass Neville sich fragte, wie viel die Hauselfen nicht wussten. Aber besonders beeindruckt war der Junge vom sechzehnten Sarg. Nicht wegen der Person, die darin lag, denn das Grab war leer, sondern wegen der Verzauberung auf dem Gesicht des Reliefs. Sie zeigte jedem Betrachter ein anderes Gesicht, niemanden, den er kannte, aber jemanden, der ihm bekannt vorkam, und anstatt des Namens in goldenen Lettern hatte Dobby folgende Inschrift an das Fußende gemeißelt:
„Ich starb für dich –
lebe du für mich."
Voller Bewunderung für die Schaffenskraft des kleinen Helfers ging Neville an dem Morgen an der Gedenkstelle vorbei auf das Podium, Blaise an seiner Seite. „Er sollte ein Geschäft aufmachen", hauchte sie ihm ins Ohr und Neville musste Grinsen. „Wenn du Geschäfte mit ihm machen willst, bist du zu spät. Die Zwillingen haben ihn gestern Abend nach der Enthüllung schon zum Partner ernannt", schmunzelte der Junge, aber das Lächeln verschwand wieder, als er der Menschenmenge gewahr wurde, die auf das Podium blickte. McGonagall war schon an das Sprecherpult getreten und hatte die Gäste begrüßt. Fliegende Lautsprecher, die etwas antik wirkten, trugen ihre Stimme bis zu den hintersten Reihen und darüber hinaus.
„Jetzt wird Mister Longbottom, der das dunkle Kapitel unserer Geschichte geschlossen hat, sich im Namen aller Schülerinnen und Schüler an Sie richten, deren Stimmen wir leider nicht mehr hören werden", sagte die neue Schulleiterin mit ergriffener Stimme und machte Neville Platz. Blaise drückte noch mal seine Hand, dann trat der Anführer der DA nach vorne. Als McGonagall ihm entgegenkam, sah die Frau ihn merkwürdig an, als würde etwas nicht stimmen. Der Junge ging einen Schritt schneller und wich ihrem Blick aus.
Am Pult angekommen zog er das Pergament mit der Rede heraus und breitete es vor sich aus. Er starrte auf die Worte. Es war eine gute Rede, voller Anteilnahme und Mitgefühl für die Trauernden, aufmunternde Worte für die Zweifelnden, ein Schuss Hoffnung und Optimismus um die Sache abzurunden, mit schönen Dankesworten. Neville hob den Blick und betrachtete die wartenden Zauberer. In den ersten Reihen saßen die Angehörigen der Toten hinter ihm, dahinter die Schüler Hogwarts bis auf die wenigen, die noch in St. Mungo waren. Aber es waren nicht deren Blicke, die er suchte. Diese Menschen wussten alles, was es zu wissen gab. Ihn interessierte die Masse weiter hinten.
Er sah Dolores Umbridge. Sie war beim Angriff auf Hogwarts dabei gewesen, angeblich unter dem Imperius-Fluch. Am Rand stehend entdeckte er Rita Kimmkorn, die ihm giftige Blicke zuwarf. Sein Blick glitt weiter, über die Menschenmenge hinaus, hin zum Verbotenen Wald. Dort hatten die Zentauren und die anderen magischen Wesen von den meisten unbeachtet gegen eine Armee von dunkeln Kreaturen gekämpft, die der dunkle Lord um sich geschart hatte. Hagrid hatte ihm erzählt, dass es schreckliche Kämpfe gewesen waren.
Die wartende Menge wurde unruhig. Deutlich war das hektische Kratzen von Kimmkorns Flotte-Schreibe-Feder zu vernehmen, doch Neville wurde ganz ruhig. Er sah auf die Pergamentbögen zwischen seinen Händen hinunter. Dann nahm er sie und zerriss sie in kleine Fetzen, bis sie in seine hohle Hand passten. Eine Flamme schoss aus seiner Handfläche hervor und verbrannte die Reste der Rede in sekundenschnelle. Nervöses Getuschel wurde vor ihm laut und hinter sich hörte er McGonagall nach Luft schnappen, doch seine Aufmerksamkeit galt der Asche, die von einer sanften Brise davongetragen wurde.
Murray hatte ihm zum Abschied vor einigen Stunden gesagt, O'Dwyer würde in seiner Heimat verbrannt werden, damit seine Reste sich mit dem gesamten Land verbanden. Neville hielt das für einen guten Brauch. Der Ire hatte ihn auch noch mal ausdrücklich vor dem Wandler gewarnt, sollte dieser doch noch leben. Auch davon war nichts in der Rede gewesen.
Neville räusperte sich und wandte sich wieder dem Publikum zu, das erwartungsvoll inne hielt. „Es ist nicht vorbei", sagte Neville laut und deutlich und nicht wenige zuckten zusammen, als die Kraft seiner Stimme sie überrollte. „Es ist nicht vorbei", wiederholte der Junge. „Nicht gestern, nicht heute, nicht morgen. Was hier vor drei Tagen geschah war bloß ein Ausbruch eines schwellenden Konflikts. Eines Konfliktes, der älter ist als ich, älter als Voldemort, älter als Hogwarts. Und er ist auch nicht vorbei.
Denn in diesem Kampf geht es nicht um Personen oder Vorstellungen wie gut und böse. Voldemort war bloß das Produkt einer Gesellschaft, oder anders gesagt, ein Symptom der Krankheit, an der fast jeder hier erkrankt ist. Ich rede von der Angst. Voldemort wurde von seiner Angst vor dem Tod geleitet, seine Anhänger von der Angst vor ihm und jeder der nichts tat, um sie aufzuhalten, tat dies aus lähmender Angst", urteilte Neville mit ruhiger Stimme, aber seine Augen sprühten vor Wut. Die Menschen nahmen seine Worte schweigend zur Kenntnis. Einige waren sprachlos, weil sie sich angegriffen fühlten, andere einfach nur blockiert, da diese Rede sie aus heiterem Himmel traf. Viele waren auch einfach fasziniert.
Neville berauschte sich dabei an sich selbst. Die Worte und Gesten kamen intuitiv, ohne, dass er nach ihnen suchen musste, und sie fühlten sich richtig an. Er wollte nicht mehr trösten, sondern aufrütteln, damit sich die Geschichte nicht wiederholte. Er hatte einen Moment der völligen Klarheit, die nur wenigen Menschen zuteil wurde, und diesen Moment galt es zu nutzen. Er deutete mit dem ausgestreckten Arm hinter sich und sprach nach einer kleinen Pause weiter, „Diese Menschen waren meine Freunde, meine Lehrer und Schüler, meine Kampfgefährten. Auch sie hatten Angst. Aber sie überwanden sie mit Mut und Entschlossenheit. Sie starben im Kampf und dennoch bin ich überzeugt, keiner von ihnen bereute es gekämpft zu haben. Weil sie glaubten, dass es richtig war.
Diesen Glauben habe ich verloren! Denn nicht nur die Zauberer, die für Voldemort und seinen Wahnsinn kämpften, tragen die Schuld an ihrem Tod, sondern auch jeder Zauberer, der nicht gegen Voldemort kämpfte, ist dafür verantwortlich. Jeder Zauberer, der auf die anderen Menschen herabsieht, und jeder Mensch, der andere Lebewesen als weniger wert erachtet, hat ihrem Tod Vorschub geleistet. Und das sind viele, der hier anwesenden", stellte Neville fest, dessen Stimme sich mehr und mehr abkühlte, und dessen Blick nicht zufällig häufiger Umbridge und Kimmkorn streifte, während er über die Menge glitt.
„Deshalb fordere ich im Namen von Albus Dumbledore, Cho Chang, Jeremia Trent, Ronald Weasley, Esmeralda Hickory, Dennis Creevey, Steven Bellamy, Mandy Brocklehurst, Marc Aldritch, Steve Andrews, Romilda Vane, Katie Hall, Geoffrey Hooper, Megan Jones und Harry Potter, die ihre Leben im Kampf verloren haben, dass jeder von uns in sich geht, wirklich tief in sich geht, und erkennt, dass jeder von uns Verantwortung für die Gesellschaft tragen muss, in der wir leben wollen. Dann, und erst dann, sollte er wieder hier her kommen und am Grab dieser mutigen Menschen Abbitte leisten und sich bei ihnen für ihr Opfer bedanken", forderte der Anführer der DA.
Dann wurde sein Ton etwas wärmer, als er sagte, „Denn sie wurden hier zur letzten Ruhe gebetet, weil sie uns erinnern sollen. Daran was geschehen ist – und was geschehen wird, wenn wir uns nicht ändern. Denn wenn wir nichts ändern, sitzt der nächste Voldemort unter uns." Damit endete Nevilles Rede und er ließ die verstörte Zuhörerschaft zurück. Viele merkten überhaupt nicht, dass er ging, weil sie verschämt den Blick gen Boden gerichtet hatten, andere blickten entgeistert in die Luft und einige warfen Neville giftige Blicke zu.
Als er an McGonagall vorbeiging, schnappte der Mund der Lehrerin auf und zu, ohne dass ein Wort herauskam. Entsetzen und Verwunderung hatten ihr die Sprache verschlagen. Blaise gesellte sich an seine Seite und gemeinsam hielten sie vor Harrys Grab inne. Leider war auch dieser Sarkophag leer, da Harry auch seinen Körper seinem Ziel geopfert hatte, aber hier wäre sein Platz gewesen, das fühlte Neville. Eine Träne rann über seine Wange und sein Arm schlang sich um Blaise' Hüfte, als er daran dachte, wie viel das Leben von Harry abverlangt hatte.
Vielleicht hätte er doch ein paar tröstende Worte in die Rede mit einfließen lassen sollen, aber er hatte die bittere Medizin nicht verdünnen wollen. Seine Augen sprangen von Grab zu Grab und mit jedem steinernen Gesicht kamen andere bittersüße Erinnerungen. Nein, er hatte die richtigen Worte gefunden, denn wenn sie etwas bewegten, ehrte er ihr Andenken besser, als wenn er ihnen mit schönen Worten geschmeichelt hätte. Er wollte sich gerade von dem Denkmal abwenden und ins Schloss zurückkehren, um endlich etwas Schlaf zu bekommen, als er eine Stimme hinter ihm hörte, „Mister Longbottom. Mister Longbottom!"
Widerwillig blieb der Junge stehen und wartete bis der Zaubereiminister schnaufend herangekommen war. Scrimgeour war von Voldemort persönlich mit dem Imperio belegt und als einer der ersten gegen die Barrikaden geschickt worden. Doch der Mann hatte Glück gehabt und war von einem Reduktor gegen eine Wand geschleudert worden, wobei er das Bewusstsein verloren hatte, aber von den anderen Todessern für tot befunden wurde. Eine Schlinge hielt seinen gebrochenen Arm am Körper, doch er gab sich, als sei es eine Tapferkeitsauszeichnung.
„Mister Longbottom, was in Merlins Namen hat Sie geritten?", jammerte der Politiker und fuchtelte anklagend mit seiner Hand in Nevilles Richtung. „Ich habe den Leuten gesagt, was sie nicht hören wollten. Die Wahrheit", entgegnete Neville kühl und traf damit einen empfindlichen Nerv. „Eine Frechheit", empörte sich der Minister, „Sie können doch keine Gesellschaft für die Taten eines Mannes an den Pranger stellen!" „Voldemort war Teil dieser Gesellschaft, genau wie seine Todesser", sagte Neville bissig und Scrimgeour gingen die Augen über.
„Es werden weitreichende Untersuchungen in dieser Sache angestellt", wehrte sich der Minister, „Bis dahin verwahre ich mich gegen solche Urteile." „Und was wollen sie nach diesen Untersuchungen tun?", ätzte der Gryffindor. „Auf keinen Fall solche populistischen und reißerischen Shows abziehen wie sie", knurrte der Mann und bedachte Neville mit einem abfälligen Blick, „So etwas bringt man schonend und in langfristigen Kampagnen an die Öffentlichkeit." „Ich zeige Ihnen mal was", sagte Neville mit einem diabolischen Lächeln auf den Lippen, legte dem Minister den Arm um die Schultern und drehte ihn zu der immer noch verdächtig stillen Menge.
Dann zog er seinen Zauberstab, hob ihn zum Himmel und bellte, „Morsmorde!" Schaurig und bedrückend entfaltete sich das dunkele Mal vor dem blauen Hintergrund und es kam Bewegung in die Menschenmasse, die bisher an ihrem Platz verharrt hatte. Schreie waren zu hören, Chaos breitete sich aus. Für ein paar Sekunden wand sich die Schlange aus dem Mund des Totenschädels hin und her, dann wurde das Zeichen von mehreren Dutzend Gegenflüchen auseinander gerissen.
„Da haben Sie ihre Untersuchung, Minister. Wenn sie nur das Zeichen von Voldemort sehen, kauert sich ihre geschätzte Öffentlichkeit am Boden zusammen und hofft, dass es nicht sie trifft. Meine Leute hingegen tun etwas", eröffnete der Anführer der DA dem Mann genüsslich und deutete auf die Gruppe von Schülern, die sich in Sekundenschnelle zu einer Abwehrstellung formiert und anschließend das Mal gebannt hatten. „Ich hoffe, sie denken sich eine gute Kampagne aus. Ich ziehe in der Zwischenzeit meine Show ab und lasse Taten sprechen", teilte der Junge Scrimgeour mit, als hinter ihnen jemand „Vita ascendo" quiekte und anstelle des dunklen Mals einen majestätischen Phönix erschienen ließ, der mit gemächlichen Flügelschlägen über die Köpfe der Menschen hinweg flog.
„Dobby hat verstanden was ich meine", feixte Neville, klopfte dem erstarrten Minister auf die Schultern und ging mit Blaise Richtung Schloss. Auf dem Weg nahm er Dobbys Hand und setzte den Hauselfen auf seine Schultern. „Vielleicht solltest du dich als Zaubereiminister bewerben", scherzte der Junge und der Elf blickte schnell zurück, schüttelte dann entschieden den Kopf. „Nein, Minister stehen nur blöd in der Gegend rum. Dobby wird großer Handwerker, ohja", erklärte er mit großen, leuchtenden Augen.
Lachend ging sie weiter. Hinter ihnen folgte die DA, von denen es sich einige nicht nehmen ließen, dem Minister ebenfalls auf die Schulter zu klopfen. Der starrte immer noch, wie vom Blitz erschlagen, in den Himmel. „Oh, oh", machte Blaise plötzlich mit einem Blick auf Hogwarts und Neville sah sie fragend an. „Mir fällt grade ein, dass nächste Woche unsere Prüfungen beginnen und ich habe bisher noch gar nicht gelernt", lachte die Slytherin, weil der Gedanke an das normale Schülerleben nach diesen Wochen etwas Absurdes hatte.
Neville schnitt eine Grimasse. „Man sollte meinen, nach der ganzen Sache mit Voldemort sei uns ein wenig Ruhe gegönnt", seufzte der Junge. Blaise lachte, „Wir sind Schüler, schon vergessen?" „Ja, irgendwie schon", wurde Neville nostalgisch, dann hellte sich seine Miene auf, „Aber es ist nicht vorbei!"
A/N: ...und irgendwie doch! Das wars, zumindest von meiner Seite. Ich weiß, ich weiß, ich hatte einen Epilog versprochen und ist doch wieder ein Kapitel geworden. Aber so ist das im Leben, alles kommt anders als man denkt, und jeder Leser muss sich seinen eigenen Epilog erträumen - wenn er ein Ende finden will. Gibt es überhaupt ein Ende? Und wenn ja, wo fängt es an? Dass sind Fragen, die jeder für sich beantworten sollte.
Mir bleibt nur noch mich bei Atyan bedanken, der als Beta eine große Leistung vollbracht hat, die oft über bloßes Fehlersuchen hinaus ging.
Auch allen Reviewern möchte ich meinen Dank aussprechen, es war immer eine Freude eure Kommentare zu lesen.
Macht es gut, gehabt euch wohl,
bis zum nächstem Mal,
mit freundlichen Grüßen,
Daly
