Kapitel 35
Er war berauscht, im Übermaß euphorisch.
Hermines Blick, ihr Lächeln, ihre Worte ließen ihn zu einem Trottel werden. Es war albern, so entsetzlich albern und doch konnte er sich dem Zauber nicht entziehen.
Seinen Vornamen zu sprechen war ihr noch am Mittwoch so schwer gefallen, dass er befürchtet hatte, sie habe der vertrauen Anrede nur aus Gefälligkeit zugestimmt oder aus Höflichkeit. Vielleicht auch, weil seine Bitte sie zu sehr überrascht hatte.
Severus entwickelte sich wohl zu einem unsicheren Zweifler und Zauderer.
Nun stand sie vor ihm, lächelte, redete und nutze das Du mit einer Selbstverständlichkeit, die sein Herz höher schlagen ließ. Dabei war das doch nahezu bedeutungslos.
War es das?
Er ging mit ihr ins Wohnzimmer und reichte ihr ohne viele Worte zu sprechen eine Ausarbeitung der Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit, die er später Kingsley geben wollte. Sie sollte überprüfen, ob es in ihren Augen noch etwas zu ergänzen gab. Adrian würde noch eine seine eigenen Notizen hinzufügen.
Während sie sich auf das Sofa setzte und zu lesen begann, setze Severus sich an seinen Schreibtisch, um an einem Entwurf für eine mögliche Variation eines Stärkungstranks mit Drachenblut und eichenblättrigen Giftsumach zu arbeiten.
Die Idee war ihm schon vor einigen Wochen gekommen und in den letzten Tagen hatte er sie wieder aufgegriffen.
Er hatte Lust zu Brauen, er könnte etwas völlig neues entwickeln, im Einklang mit den Erkenntnissen, die er mit Hermine und Adrian erlangt hatte. Die ersten Ergebnisse aus der Hand zu geben, bedeutete schließlich nicht, die weitere Entwicklung und den konkreten Nutzen daraus aufzugeben.
Er setzte Formeln auf, ohne sie wirklich zu durchdenken und verwarf sie wieder.
Aber zumindest wollte er beschäftigt wirken, nichts wäre ihm unangenehmer, als von ihr beim Starren ertappt zu werden. Etwas was andernfalls zwangsläufig passieren würde, da er sich ihrer immer wieder erfolgenden, kurzen Musterung sehr bewusst war. Er spürte ihre Blicke.
Erstaunlich wie sie sich von einer äußerlichen Veränderung von ihm irritieren ließ. Empfand sie sie als positiv? Wertete sie sie überhaupt?
Seine Entscheidung, die Haare kürzen zu lassen, war keine der Eitelkeit gewesen.
Am Freitag war er zu einem der unzähligen Herrenhäuser nach Derbyshire apperiert, es war aber ein alles anderer als ruhiger Spaziergang gewesen, denn die halbe Welt hatte wohl ähnliche Pläne gehabt. Bewusst hatte er sich für eine Jeans und einen kurzen Wollmantel entschieden, allerdings völlig unüberlegt komplett in gewohntem Schwarz.
Die Blicke, die ihn getroffen hatten, hatten beweisen, dass er damit nicht unauffällig war. Er war der düstere Severus Snape in Mugglekleidung gewesen, aber kein Durchschnittsmuggle.
Sollte ihn jemand beschreiben, waren seine langen, dunklen Haare sicher eines der ersten Attribute, das genannt wurde, gefolgt von dunkler Kleidung.
Ein Aussehen, das immer Blicke auf sich zog, wohl gerade auch in der nichtmagischen Welt.
Doch woran hätte er festmachen sollen, ob er in Derbyshire von Fremden argwöhnisch gemustert, oder von einem Magier erkannt worden war?
Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, war er nach Hause apperiert.
Hier war schnell der Entschluss gefallen, sich so zu verändern, dass nicht jeder britische Magier ihn auf den ersten Blick würde erkennen können.
Poppy hatte sofort auf seine Bitte reagiert, bei ihm vorbeizukommen. Seit der Rückkehr in sein Haus, hatte sie ihm immer wieder die Haare geschnitten, doch die Aussicht ihm eine komplett neue Frisur zu verpassen, hatte sie verunsichert.
Erst Severus' Erinnerung daran, dass die Hexe ohne Probleme in der Lage wäre, durch einen Zauber einen möglichen Fehlschnitt zu korrigieren, hatte sie zur Tat schreiten lassen.
Schließlich hatte sie sich mit Schere, Kamm und seinem Rasiermesser bewaffnet und entschieden, er solle sich am besten in die Küche setzen. Er hatte ihre Frage nach konkreten Vorstellungen nicht beantworten können, denn außer, dass er anders aussehen wollte, hatte er sich nichts vorgestellt.
"Severus, nenn mir einen Mann mit kurzen Haaren, mit einem Schnitt, den du dir für dich vorstellen könntest."
Es war sicher einiges an Zeit verstrichen, in der er gedanklich auf der Suche gewesen war. Er hatte eine optische Veränderung gewollt, aber schlicht und unauffällig. Als er schon resigniert hatte aufgeben wollen, war ihm eine Statue in Rom in den Sinn gekommen.
"Julius Cesear."
Poppy hatte kurz aufgelacht.
"Warum auch nicht wie ein großer Herrscher... "
Dann deutlich ernster
"Ich sehe es schwer vor mir, Severus. Die Haare fallen dann nach vorn, oder? Ein wenig ins Gesicht."
Sein Nicken war das Startsignal gewesen.
Die Hexe hatte sich Zeit genommen und konzentriert gearbeitet. Am Ende war sie zufrieden mit ihrer Arbeit gewesen.
Und Severus war es auch.
Die Veränderung war tatsächlich eindrucksvoll.
Sein Gesicht hatte immer lang und schmal gewirkt, etwas, was seine ohnehin auffällige Nase noch betont hatte. Nun schien alles harmonischer. Die hohe Stirn wurde durch die hineinfallenden Haare gemildert, der Blick auf seine Augen gelenkt. Er würde niemals eine Schönheit sein, aber dass die Veränderung positiv ausfiel, konnte er bei aller Selbstkritik nicht leugnen.
Die Frage, ob Hermine das wohl auch so sehen würde, hatte er sich seit gestern immer wieder gestellt, um sie im gleichen Moment von sich zu weisen. Warum sollte eine äußerliche Veränderung von ihm eine Wirkung auf sie haben? Warum sollte sie sich dafür interessieren?
In diesem Punkt hatte er sich wohl geirrt, denn in irgendeiner Form wirkte es wohl. Oder bildete er sich das am Ende nur ein?
Er sah zu ihr hinüber.
Zur Jeans trug sie heute eine schlichte Bluse. Doch so schlicht sie auch war, ihr Schnitt betonte Hermines zarte Gestalt so viel mehr, als die sonst üblichen, häufig von ihr getragen Langarmshirts.
Wobei sie inzwischen wohl eher dünn als zart war.
Ihr Blick huschte über die Zeilen. Sie wirkte entspannt und ruhig. Es war, als hätte es seine Aussage nicht gegeben. Nein, es war besser als das.
Diese Aussage hatte ihn gezwungen zu sprechen und er bereute es nicht. Allein dieser Anblick erschien ihm mehr als lohnend. Er war in den letzten Tagen nervös gewesen und angespannt, voller Zweifel. Aber das würde er ihr gegenüber vermutlich immer sein. Sie hingegen wirkte vollkommen ausgeglichen.
Er wandte sich wieder dem Pergament auf seinem Schreibtisch zu.
Das erneute Klopfen an seiner Tür riss ihn wenig später aber auch nicht aus ernsthaften Überlegungen. Als er Adrian geöffnet hatte, musterte dieser ihn einen Moment und sagte dann
"Das hättest du schon viel eher machen sollen."
Als sie schließlich zu dritt im Wohnzimmer waren, fragte Severus
"Tee? Der Minister konnte nicht genau sagen, wann er hier sein wird."
Hermine und Adrian nahmen sein Angebot dankend an.
Sie warteten gut eine Stunde auf Kingsley und während Severus anfangs befürchtet hatte, dass sich kaum ein Gespräch einwickeln würde, schienen sich Hermine und Adrian schon sehr gut zu unterhalten, als er nach kaum 10 Minuten mit einem Tablett das Wohnzimmer betreten hatte.
Der Heiler stand mit Hermine am Schallplattenregal und sagte gerade
"... Es ist also nicht verwunderlich, dass in der magischen Welt vor allem Klassik gehört wird. Das, was es an Musik von Hexen und Zauberern gibt, ist nur ein Nachahmen der Mugglemusik, allerdings ausschließlich mit unverfänglichen Texten. Prüde und unpolitisch."
Severus stellte das Tablett auf den kleinen Tisch vor der Couch und setzte sich. Adrian ließ sich davon nicht unterbrechen.
"Mit den Radiosendern ist es ähnlich, wie mit dem Tagespropheten.
Man wird kaum ein kritisches Wort zu unserer Gesellschaft zulassen. In der Musik herrscht eitel Sonnenschein. Das schlimmste ist aber, dass jede Weiterentwicklung darin, auch in der Rhythmik, erst einmal verschrien wird. Rock war schmutzig, Pop banal. Irgendwann wird dann doch kopiert, in einer weichgespülten Version.
Mein Neffe hat in Hogwarts einmal einen Verweis bekommen, als er darauf hinwies, dass ein gerade aktuelles Lied einer magischen Band, eine sehr schlechte und späte Kopie eines Songs der Rolling Stones war und den originalen Text verbreitet hat. Es war ein Skandal."
Hermine fragte
"Um welches Lied ging es?"
"Honky tonk woman."
Sie lachte auf.
Es war ein Vorfall, den Severus selbst als Schüler miterlebt hatte, und an den er sich noch lebhaft erinnern konnte.
Die magische Welt war wirklich prüde, er selbst, fünfzehnjährig, hatte beim Lesen des Textes rote Ohren bekommen. Lily hatte den Inhalt von zu Hause schon gekannt und sich amüsiert. Wohl vor allem wohl über seine Reaktion.
Erst als Todesser hatte er seine eigene Verklemmtheit überwinden können. Seine Macht hatte ihn in die Betten von Frauen getragen, die ihn ohne Voldemort wohl nicht einmal angesehen hätten.
Er hatte es genossen.
Auch wenn ihm zu jedem Zeitpunkt bewusst gewesen war, dass es keiner dieser Frauen um ihn gegangen war, nur um etwas, was sie sich erhofft hatten, so kam er nicht umhin, Sex an sich als etwas Wunderbares zu befinden.
Er hatte es nie bereut, sich genau diesen Genuss nur nicht mehr gewährt. Aber etwas Schmutziges gab es daran nicht, das man nur hinter vorgehaltener Hand besprechen durfte.
Sein Blick fiel auf Hermine, die herrlich amüsiert wirkte. Sie war nicht prüde.
Sie war eine Frau, die vor seinen Augen nackt in eiskaltes Wasser stieg und es ihm innerhalb kürzester Zeit verzieh, dass er sie dabei beobachtet hatte. Um diesen aufwühlenden Gedanken beiseite zu schieben, tat er Adrian den Gefallen und fragte das Offensichtliche.
"Woher kannte dein Neffe denn den Text?"
Das breite Grinsen des Heilers verriet deutlich, wie viel Freude es ihm machte, es sagen zu können.
"Er muss das Lied wohl bei mir gehört haben.
Meine Schwester hat mich dafür gehasst. Meine ganze Familie, mit all ihren Werten und Idealen muss mich gehasst haben. Alle, außer meiner Nichten und Neffen."
Mit einem amüsierten Lächeln fragte Hermine.
"Und woher kennen Sie die Rolling Stones?"
Adrian wurde deutlich ernster, als er sagte
"Eine sehr gute Freundin von mir war Mugglegeborene. Sie hat die Band geliebt und mich zur Mugglemusik gebracht."
Kurz befürchtete Severus, die Stimmung wäre damit gekippt, aber es war wohl so, wie Adrian es ihm gegenüber immer wieder beschrieben hatte. Das Erinnern an seine Verlobte warf ihn nicht aus der Bahn. Es war noch immer schmerzhaft, aber nicht mehr nachhaltig.
Nach einer kurzen Pause stellte Adrian fest.
"Und auch Sie kennen die Rolling Stones, Miss Granger. Und die „honky tonk woman".
Ich hatte schon für Sie befürchtet, Sie hielten es wie Severus und würden nur Klassik hören."
Hermine schüttelte den Kopf.
"Nein, ich mag Klassik, aber auch sehr viel anderes."
Der Heiler fragte unverhohlen neugierig
"Was denn?"
"Queen, U2, Michael Jackson, Depeche Mode, Sting, the KLF... "
Sie stockte und sagte dann
"In den letzten Jahren habe ich auch kaum noch etwas neues an Musik gehört. Also das ist eigentlich mein Geschmack von vor sieben Jahren."
Severus sagten diese Namen wenig bis gar nichts, Adrian hingegen augenscheinlich schon.
"Eine sympathische Wahl."
Ein Satz, der sie wieder lachen ließ, diesmal verlegen.
Adrian sagte in dieses Lachen hinein.
"Queen. Wie schade, dass es da nichts Neues mehr geben wird."
Die beiden setzen sich und sprachen, bald mit der Teetasse in der Hand, über Lieder, Texte und deren Interpretationen und beide waren so vertieft, dass Severus' Blicke auf Hermine nicht auffielen.
Sie wirkte ernst und nachdenklich, als sie Hintergründe zu Texten erklärte und über das Leben eines Sängers berichtete. Severus beneidete den Heiler um seine Fähigkeit, einfach ein Gespräch zu beginnen. Hermine sprach, wie er es sich vorgestellt hatte, mit Witz, Ironie, schonungslos ehrlich.
Voller Selbstverständlichkeit erzählte sie vom ausschweifenden Leben des homosexuellen Sängers. Nein, sie war nicht verklemmt.
Es gefiel ihr zu sprechen, aber gänzlich anders als früher, sah Severus darin kein Buhlen um Aufmerksamkeit und Anerkennung, keine Überheblichkeit. Sie wusste einfach viel und wollte es teilen.
Erst ein weiteres Klopfen an seiner Tür beendete das Gespräch, an dem er sich aus Unwissenheit kaum beteiligt, das er aber trotzdem genossen hatte.
Er öffnete Kingsley und war gespannt auf dessen Reaktion, sobald er das Wohnzimmer betreten würde.
Er wollte nicht zweifeln und tat es dennoch.
Die Anwesenheit von Hermine sollte den Minister überraschen. War das nicht der Fall, wäre er von der Hexe enttäuscht.
Zunächst überraschte aber auch Kingsley das veränderte Aussehen von Severus.
"Was hast du mit deinen Haaren gemacht?"
Fragte er in einem so irritierten Ton, dass Severus sich ein kurzes Lachen nicht verkneifen konnte, was den Gast wohl nur noch mehr verwirrte. Dann sagte er ohne auf die unsinnige Frage einzugehen
"Komm rein, Kingsley."
Er nahm dem Minister seinen Umhang ab ließ ihn voraus ins Wohnzimmer gehen. Die Szene erinnerte ihn sehr an Hermines ersten Besuch, denn dieser blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen und verharrte dort einige Sekunden.
Dann ging er langsam hinein
"Welch illustre Runde. Heiler Bergstrom. Hermine."
Sagte er mit je mit einem Nicken zur Begrüßung an die angesprochene Person. Dann drehte er sich zu Severus um und sagte
"Du verstehst es immer wieder, mich zu überraschen."
Ja, überrascht wirkte er tatsächlich.
Alles Weitere wurde zum Selbstläufer. Kingsley las die Unterlagen und war begeistert. Er fragte Details nach und war mehr als dankbar, dass sie ihm diese Arbeit überlassen wollten, dass das Ministerium sogar die Lorbeeren ernten sollte.
"Herr Minister, es wird nicht nur Lob zu hören sein. Stellen Sie es nicht als großmütig dar."
Sagte Adrian entschieden.
Irgendwann, sehr viel später, erhob sich Kingsley. Doch er ging nicht sofort.
Severus musste sich noch Kritik dafür gefallen lassen, dass er nach dem Verlust seiner Magie außer von Adrian und Poppy keine Hilfe eingefordert hatte, um sich behandeln zu lassen.
Die Reaktion darauf war kurz und knapp.
"Das hätte in meinen Augen die Geschichte vor allem sehr schnell an die große Glocke gehängt.
Ich habe damals nur Poppy und Adrian vertraut, den Mund zu halten.
Nein, es waren die Einzigen, denen ich zugetraut habe, mir wirklich helfen zu wollen. Dafür werde ich mich nicht rechtfertigen."
Das resignierte Seufzen von Kingsley verriet nicht, ob er das verstand oder es kritisieren wollte. Klarer wurde es, als er sich an Hermine wandte.
Es war wohl eine Kritik.
"Du hast hier eindeutig zu viel Zeit verbracht.
Ich wüsste nicht, dass du früher Meisterin im Lügen und Verheimlichen warst. Ein Therapiebesuch mittwochs und samstags? Minerva ist voller Sorge."
Hermine wirkte ob dieses Vorwurfs einen Moment erschrocken und Severus wollte schon einwerfen, dass er sie zum Lügen aufgefordert hatte, dass es eine der Bedingungen gewesen war, sie überhaupt mitarbeiten zu lassen.
Doch sie fing sich und konterte völlig ruhig.
"Kingsley, ich habe hier in den letzten Wochen sicher viel gelernt, aber lügen konnte ich schon immer gut. Das dir das bisher keiner gesagt hat, ist dann vielleicht sogar ein Beweis dafür. Wenn du dich an der Tatsache hochziehen willst, dass ich in diesem Punkt unehrlich war, dann tue es.
Aber keiner hat angezweifelt, dass ich eine Therapie nötig haben könnte. Vielleicht ist die Sorge also auch berechtigt."
Der Minister schwieg einen Moment und nickte dann.
Schon viel versöhnlicher sagte er
"Aber schulfrei scheint dir gut zu tun. Du siehst besser aus, als in den letzten Wochen."
Als Hermine darauf nickte, fügte er hinzu
"Das Angebot steht noch immer. Du brauchst den Abschluss nicht."
Ein plumper Versuch, sie ins Ministerium zu locken, wie Severus fand. Sie schien es ähnlich zu sehen, ein spöttisches Lächeln trat in ihr Gesicht.
"Danke. Aber so verlockend du es auch anbringst, ich will ihn haben, den Schulabschluss."
Wesentlich leiser fügte sie hinzu.
"Auch wenn sich alles in mir sträubt, das Schloss zu betreten."
Kingsley sagte darauf
"Sprich mit Minerva. Ich schwöre dir, sie wird es verstehen."
Es waren so eindringliche Worte, dass Hermine irritiert nickte.
Kurz darauf ging der Minister.
Severus stellte seine Überlegungen zu einem Stärkungstrank vor und da weder Adrian noch Hermine einen andere Vorstellung davon hatten, wie sie weiter mit ihren Erkenntnissen arbeiten sollten, einigten sie sich für den Mittwoch darauf, eine Versuchsreihe zu beginnen.
Dieser Abend begann damit, dass sie das Labor mit Schutzzaubern belegten.
Hermine und Severus arbeiteten an zwei unterschiedlichen Rezepturen. Adrian überwachte beide Arbeiten immer dann, wenn sie selbst gerade kein Auge darauf werfen konnten, da sie diskutierten oder den nächsten Zubereitungsschritt vorbereiteten.
Zwischenzeitlich überprüften sie die Sude immer wieder unter dem Feldionenmikroskop oder - wenn einer der Kessel den Eindruck erweckte, es müsse schnell gehen - mit dem von ihnen entwickelten Zauber.
So sehr Severus sich bewusst war, dass die angewandte Magie Einfluss auf den Trank nehmen würde, so wenig Lust verspürte er auf der anderen Seite nach einer Kesselexplosion.
Das Drachenblut war eine schwer beherrschbare Trankkomponente, nicht nur was die Stabilität des Gebräus anging, sondern auch in seiner Wirkung.
Es wirkte belebend, so sehr, dass bisherige Versuche in medizinischen Tränken immer an einer Überstimulanz gescheitert waren, etwas, was der Giftsumach wohlmöglich ausgleichen konnte.
Eine Erkenntnis, die nur ein fertiger Trank liefern konnte. Die meisten Versuche in eine solche Richtung waren aber eben schon im Entwicklungsstadium gescheitert.
Auch ihre ersten Versuche verwandelten sich in eine klebrige Masse am Kesselboden, Kohle oder in einen widerlich stinkenden Schaum, sobald das Drachenblut zu den anderen Komponenten in den Kessel kam. Aber auch wenn der Abend im wissenschaftlichen Sinne ein Misserfolg war, einer mit dem er gerechnet hatte, genoss Severus ihn dennoch. Hermine taute immer mehr auf, sie kommentierte sarkastische Spitzen mit ihrer eigenen Ironie.
Immer wieder schweiften Gespräche der drei ab und das Persönliche, was sie dann von sich preisgab, gefiel ihm. Augenscheinlich hatte sie einen ähnlichen literarischen Geschmack wie er, sie war interessiert an Geschichte. Er genoss ihre Anwesenheit. Ein Schatten legte sich allerdings immer dann auf ihr Gesicht, wenn ein Wort in Richtung Todesser, Voldemort oder des Prozesses fiel.
Einer Eingebung folgend fragte Severus
"Wann wirst du aussagen?"
Seine Frage ließ sie regelrecht zusammenzucken.
"Nächsten Donnerstag. Mittwoch früh muss ich schon ins Ministerium, um nicht irgendwie mitzubekommen, was Dean und Luna aussagen werden... "
Sie brach ab, schien nach Worten zu suchen, beließ es aber dann doch dabei.
Seine Frage hatte die Stimmung ruiniert und er bereute sie. Etwas Unklares hing in der Luft, etwas Unausgesprochen. Es war für ihn deutlich zu spüren, Hermine wirkte nachdenklich und manchmal hatte er das Gefühl, dass sie doch noch etwas sagen wollte. Er wagte es aber nicht, sie darauf anzusprechen, aus Furcht, es noch schlimmer zu machen.
Nachdem sie gegangen war, sagte Adrian
"Die Aussage scheint ihr ganz schön zuzusetzen. Hast du eine Ahnung, was sie sagen wird?"
Nein, hatte er nicht.
Aber ihrem Verhalten nach befürchtete er, dass es etwas mit ihm zu tun haben könnte.
Es geschah im stummen Einvernehmen, aber am Samstag, dem letzten Treffen vor Hermines Aussage, mieden Severus und Adrian jedes Thema, dass auch nur im Entferntesten mit den Todessern in Verbindung gebracht werden könnte. Dennoch war die Anspannung der jungen Frau vom ersten Moment an zu spüren, sie wirkte fahrig, nervös und in sich gekehrt.
Die Entscheidung sie zur Konzentration zu zwingen, fällte Severus kurzfristig.
An diesem Abend sollte nur sie brauen und er würde ihr bei jedem Schritt auf die Hände sehen. Er würde sie notfalls mit Trivialwissen rund um die Trankzutaten füttern, die sie bearbeitete, so lange sie ihn nur nicht mit diesem Blick striff, der ihm entgegen zu schreien schien, dass Unheil drohte.
Er würde alles tun, um sie abzulenken.
Während er ihr gerade die nötigen Handgriffe zeigte, um sich den von Mugglen auch gern Giftefeu genannten Giftsumach so zurechtzulegen, dass sie sich beim Zerkleinern keinen schweren, allergischen Ausschlag an den Fingerspitzen zuzog, fragte er, was ihn seit dem Treffen mit Kingsley beschäftigte.
Er musste etwas sagen, denn sie stand ihm fürchterlich nah. Er roch den Duft ihrer Haare, der ihm erschreckend bekannt vor kam und spürte ihren Blick auf seinen Händen. Sie machte ihn nervös.
"Was wirst du nach der Schule machen, Hermine?"
Er fragte es bemüht beiläufig, auch wenn er sich gar nicht so fühlte. Das war die erste direkte, bewusst private Frage, die er an sie richtete.
Sie sah zu ihm auf, doch er konnte ihren Blick unmöglich erwidern und schnitt weiter die Blätter, indem er sie mit einem zweiten Messer in seiner linken Hand auf das Schneidbrett drückte.
"Ins Ministerium werde ich wohl nicht gehen. Ich bin froh, im Sommer abgelehnt zu haben. Dort würde ich irgendeinen Verwaltungsposten einnehmen ohne noch viel zu lernen. Der einzige Zauber in meiner Arbeit wäre ein "Accio" für das Aufrufen von Akten."
Adrian lachte, während Severus sagte
"Lass das nicht die Familie Weasley hören..."
"Sie kennen meine Meinung schon und teilen sie.
Charlie Weasley wird wohl auch ins Ministerium wechseln und er scheint unglücklich damit, denn er kann sich auch kein Leben in einem einsamen Büro vorstellen."
Sie seufzte und er glaubte schon, sie sei noch vollkommen unentschlossen. Doch dann drehte sie sich zum Kessel, der von Adrian überwacht wurde.
"Heiler Bergstrom, was müsste ich tun, wenn ich im St Mungo eine Ausbildung beginnen wollte?"
Severus unterbrach nun doch seine Arbeit und sah überrascht zu den Beiden.
"Werden Sie die erforderlichen UTZ Prüfungen ablegen?"
Sie nickte.
"Ja, Professor McGonagall und ich haben uns auf einen Weg geeinigt..."
Ehe sie sich weiter erklären musste, sagte der Heiler.
"Schicken Sie der Klinikleitung eine Eule, wenn Sie sich tatsächlich dafür entscheiden sollten. Ihnen steht wohl so ziemlich jede Tür in der magischen Welt offen."
Hermine nickte, wenn auch skeptisch.
Severus nutze die Pause und fragte
"Wie bist du mit Minerva verblieben?"
Sie überprüfte den Inhalt ihres Kessels und rührte entsprechend Severus' Rezeptur fünf Mal gegen den Uhrzeigersinn, während sie antwortete.
"Ich nehme am Unterricht nicht mehr teil, wenn ich Fragen habe, kann ich mich aber jederzeit an die Professoren wenden.
Ich brauchte ihr dafür nur sagen, dass ich es im Schloss nicht mehr aushalte. Da hat sie mir doch tatsächlich gesagt, dass es ihr genauso geht und sie lieber heute als morgen aus Hogwarts verschwinden würde. Bis zu den Ferien bleibt sie noch, aber sie hat zum Schuljahresende gekündigt."
Für einen Moment verschlug es Severus die Sprache. Minerva hatte für die Schule gelebt, sie war Lehrerin mit Leib und Seele.
"Damit hätte ich nicht gerechnet."
Hermine sah nun wieder zu ihm und nickte.
"Ich auch nicht."
Er übergab ihr die beiden Messer und sie schnitt den Giftsumach in gleichmäßige Stückchen, die sie dann unter langsamen Rühren dem Sud beimischte. Talentiert wie sie war, hätte sie eine wirkliche Meisterin der Zaubertränke werden können. Aber alles war besser, als das Ministerium, da gab er ihr uneingeschränkt Recht. Es wäre eine absolute Verschwendung von magischem Talent.
Nachdem sie die magische Färbung überprüft hatte, es war ein tiefes rot, gab sie zehn Tropfen des Drachenbluts in den Kessel.
Es war der erste Versuch, der stabil schien.
In den folgenden Minuten beobachteten sie den Brauprozess aufmerksam. Der Sud verhielt sich weiterhin unauffällig, die magische Färbung hatte sich zu einem hässlichen rotbraun verschoben.
Hermine lächelte kurz zufrieden, als ihr Blick auf den von Severus traf. Er erwiderte es automatisch und wurde sich dessen erst bewusst, als es schon wieder aus seinem Gesicht verschwunden war.
Adrian nutze die Pause um zu verkünden, dass nicht nur Minerva Hogwarts im Sommer den Rücken kehren würde, sondern auch Poppy und die allgemeine Aufregung darüber war groß genug, um den Kessel kurz vergessen zu lassen.
Hermine wurde sich der Leichtsinnigkeit als Erste bewusst, vielleicht sah sie auch aus dem Augenwinkel die ersten Schwaden aufsteigen, in jedem Fall war sie an der Feuerstelle, ehe Severus sie aufhalten konnte. Sie handelte geistesgegenwertig und richtig, löschte das Feuer und sprach einen Bannspruch auf den Kessel. Dennoch wäre es ihm lieber gewesen, sie hätte es nicht getan, sondern er.
Adrian war sofort bei ihr, als sie den ersten Schmerzenslaut tat. Er dirigierte sie zu einem Stuhl und drückte sie darauf.
Die Dämpfe hatten eine starke Hautreaktion ausgelöst, ihr Gesicht und ihre Hände waren von roten Läsionen übersät, dass einsetzende Pfeifen ihrer Lungen bewies eindrucksvoll, dass sie etwas davon eingeatmet haben musste und ihre Schleimhäute gefährlich anschwollen.
Eichenblättriger Giftsumach.
Noch ehe der Heiler etwas sagen musste, ging Severus an den Schrank, in dem er in weiser Voraussicht einige Notfallmedikamente deponiert hatte und entnahm ihm eine Phiole mit einem antiallergischen Trank. Adrian entkorkte sie im blinden Vertrauen und setze sie Hermine an die Lippen. Dann nahm er seinen Zauberstab und behandelte sie offensichtlich mit dem Anapneo, denn kurz darauf konnte sie wieder etwas leichter atmen.
Der Heiler übernahm das Kommando.
"Miss Granger, schaffen Sie es die zwei Treppen hinauf in das große Bad?"
Sie nickte und Severus war sich sicher, dass es sich dabei eher um einen Automatismus in ihrer Reaktion, als um wirkliches Bewusstsein ihrer Kräfte handelte. Adrian ergriff ihren Arm um sie zu stützen, was sie aufschreien ließ.
Schon im Gehen sagte der Heiler
"Severus, bring mir bitte die Heilsalbe mit dem Kreilharz hinauf, ich weiß, dass ich sie damals für die Versuche gekauft habe und Hermine sie hergestellt hat. Und eine kleine Phiole mit Schmerzmittel. Egal welches."
Er suchte alles heraus.
Als er den beiden ins Bad folgte, zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen.
Er hörte Hermine qualvoll stöhnen. Sie setzte sich gerade auf dem Toilettendeckel, als er kurz darauf sein Badezimmer betrat und Adrian streckte ihm die Hand entgegen, um die Heilmittel an sich zu nehmen.
"Hol ein Handtuch und was immer du hast, um die Haut von Trankspuren zu befreien."
Und an Hermine gewandt
"Der Trank ist zu großen Teilen verdampft, Hermine, ein Teil davon scheint auf deiner Haut zu kleben. Du gehst jetzt duschen."
Severus' Handgriffe wurden zunehmend fahrig, als er in seinem Schlafzimmer aus der Kommode erst ein Duschtuch und dann aus der Schublade einen Tiegel entnahm. Er enthielt eine klebrige Paste mit Hamamelis und Honig der Mondblume.
Zurück im Bad fiel sein Blick sofort auf Hermine, der Adrian schon ihr Shirt ausgezogen hatte und die damit am Oberkörper nichts weiter trug, als ihren BH. Ihre Augen waren geschlossen und die Hände lagen verkrampft in ihrem Schoß, es war offensichtlich, dass sie starke Schmerzen erlitt.
Der Heiler sprach einige Heilzauber auf ihre Haut, ihr gesamter Oberkörper schien eine einzige erhabene Rötung zu sein.
Wie elendig bekannt ihm ihr Anblick war.
Er sah sie vor sich auf dem Bett in diesem hässlichen Pensionszimmer liegen, sah seine Hände auf ihrer nackten, verbrühten Haut. Er hatte sie damals tatsächlich berührt, nahezu jeden Zentimeter ihres Körpers.
Er schluckte hart.
Als sein Blick wieder auf ihr Gesicht fiel, stellte er erschrocken fest, dass sie ihre Augen geöffnet hatte.
Sie musste seine Blicke und seine Reaktion bemerkt haben. Waren sie zunächst frei von Hintergedanken gewesen, schämte er sich doch für die Gedanken, die sie in ihm ausgelöst hatten. Dieses Gefühl machte es mit Sicherheit noch schlimmer, denn er konnte sich nicht schnell genug abwenden, um das peinliche rot auf seinen Wangen vor ihr zu verbergen.
Wunderbar. Er gratulierte sich dazu, sich in ihren Augen wohl gerade zum Spanner degradiert zu haben, als er das Badezimmer verließ.
Das Schmerzmittel und die Sprüche des Heilers mussten bereits eine Wirkung zeigen, denn als Adrian Hermine fragte, ob sie es allein unter die Dusche schaffen würde, war ihre Stimme bei der Bestätigung schon wieder sehr vehement.
"Beeilen Sie sich bitte, Miss Granger, das Antiallergikum ist sehr stark und hat eine einschläfernde Wirkung.
Und werfen Sie Ihre Sachen vor die Badezimmertür, damit ich sie reinigen kann."
Die Bilder die sich in Severus' Geist formten, ließen ihn mit immer schnelleren Schritten ins Wohnzimmer fliehen. Doch es genügte seiner Phantasie auch, von dort aus das Wasser rauschen zu hören.
Er hörte Adrian mit schnellen Schritten ins Labor laufen, zweifellos, um ihre Kleidung in eine neutralisierende Lauge zu tauchen.
Der Tränkemeister war froh, dass keine weitere Hilfe von ihm gefordert wurde. Er war zu sehr damit beschäftigt, sich in seiner Scham zu ertränken. Das Adrian mit der gereinigten Kleidung wieder nach oben lief, dass irgendwann das Wasser ausgestellt wurde und auch die erneuten Schritte auf der Treppe nahm er nur am Rande war.
Als Hermine von dem Heiler ins Wohnzimmer geführt wurde, konnte sie schon kaum noch ihre Augen offen halten. Sie brauchte auch nicht aufgefordert werden, sich auf das Sofa zu legen. Sie rollte sich darauf zusammen und schloss die Augen.
Adrian kam zu Severus an den Schreibtisch und sagte leise
"In einer halben Stunde dürfte der Spuk vorbei sein. Dann werde ich sie nach Hause bringen.
Ich hoffe, sie kann mir ihre Adresse noch nennen."
Hermine hörte wohl jedes Wort, denn sie nannte ihre Anschrift in einem der anderen Vororte von London, wenn auch mit schwerer Zunge.
Severus sah zu ihr hinüber und wieder trafen sich ihre Blicke und diesmal zwang er sich ihrem standzuhalten.
Wie sollten sie sich beim nächsten Mal gegenüber treten, wenn sie heute in Verlegenheit auseinander gingen?
Aber verlegen war wohl nur er, denn Hermine lächelte ganz sacht, als sie wieder ihre Augen schloss.
