Einsamkeit
Sie war allein.
Darauf lief alles hinaus, egal wie man es drehte und wendete. Er war weg und sie war allein. Denn, ja, sie hatte Belle hier und die anderen Mädchen und sie hatte ihre Familie zu Hause und ihre Freunde und sie hatte Walt, endlich, wieder, aber es bliebt wie es war.
Sie war allein. Und sie würde ihn nie wieder sehen, nie mehr seine Stimme, sein Lachen hören, nie mehr seine Hand in ihrer spüren, sein Lächeln sehen oder den Blick, mit dem er immer nur sie angesehen hatte.
Alles, was sie hatte, alles, was ihr blieb, waren Erinnerungen.
Da waren die Kindheitsjahre, in denen er ihr bester Freund gewesen war, nur nach Walt geordnet, weil es unmöglich geschienen hatte, damals, dass irgendwer, selbst er, ihr einmal wichtiger sein könnte als ihr Zwillingsbruder. Wie falsch sie doch gelegen hatte.
Dann die späteren Jahre, in denen sie auseinander gedriftet waren, weil Zeit und Entfernung und Umstände es gefordert hatten, und ja, auch weil sie manchmal den Gedanken gehabt hatte, dass vielleicht er und Ruby… nun, daraus war ja nichts geworden.
Erst dieses eine Gespräch am Strand, kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag, hatte sie wieder näher gebracht. Er hatte mal gesagt, dass er sich an keine Zeit erinnern könnte, in der er sie nicht geliebt hatte, aber dass es dieser Tag erst gewesen war, an dem er angefangen hatte, es zu akzeptieren.
Sie fragte sie, ob es bei ihr nicht vielleicht der Zeitpunkt gewesen war, an dem sie begonnen hatte, sich in ihn zu verlieben, bloß ohne es zu merken. Der Gedanke ließ einen dumpfen Schmerz in ihrer Kehle zurück. Wie viel Zeit sie hätten haben können…
Aber es war ja sinnlos.
Was kam danach? Briefe, Telefongespräche, unzählige gestohlene Stunden im nächsten Sommer, aber alles nur Freundschaft, weil sie naiv gewesen war und er so verdammt edelmütig – oder vielleicht auch nur zu besorgt, wie sie reagiert hätte.
Dann der Krieg, dieser unendliche Schmerz, als sie ihn in seiner Uniform gesehen hatte, diese plötzliche Verzweifelung, die sie nicht hatte einordnen können, erst sehr viel später verstanden hatte und schließlich dank Ruby diese surreale Situation in Borden.
Es hätte ihr damals klar werden müssen, aber im Nachhinein ist man wohl immer schlauer. Sie hätte ihn nicht so verletzen können, wäre selber nicht so verletzt gewesen, wenn sie damals wirklich nur Cousins gewesen wären. Als er sie umarmte hatte zum Abschied, hätte er sie beinahe geküsst, hatte er erzählt, Jahre später. Nur noch eine verpasste Chance.
Die Jahre danach, ohne ihn – drei Jahre, wirklich? –, die Zeit mit Peter, an den sie seit Ewigkeiten nicht gedacht hatte, was vielleicht egoistisch war, aber zumindest wahr, und schließlich das Begreifen, die plötzliche Klarheit, trotzdem – oder gerade weil – es zu spät schien.
Sie war klargekommen. Mit der Gewissheit, dass sie ihn liebte ohne eine Chance zu haben. Es hatte weh getan, manchmal mehr als sonst, wie damals als Walts Brief gekommen war, in dem er von dem Foto einer Frau erzählt hatte, dass James bei sich trug – wie hätte sie denn wissen können, dass es ein Foto von ihr war? – oder dann in England, als sie ihn gesehen und gute Mine zum bösen Spiel gemacht hatte.
Dann dieser Novemberabend. Als die ganze Welt plötzlich heller, schöner, freundlicher schien, nur weil es ihn gab, weil er sie liebte. Als sie plötzlich trotz des Krieges, trotz Walts Verschwinden glücklich gewesen war, glücklich wie niemals zuvor.
Die Nacht, diese verrückte erste Nacht, in der sie ihre ganze Erziehung missachtet und einfach gelebt hatte, und der Morgen danach, als sie in seinen Armen aufgewacht war und ihn beobachtet hatte, während er noch schlief, und die Hoffnung gehabt hatte, dass alles gut werden würde.
Ihre Hochzeit. Überhaupt nicht so, wie sie sich ihre Hochzeit vorgestellt hatte, aber ihr umso lieber, weil es ja nicht die Hochzeit war, sondern die Ehe, um die es ging, und selbst wenn, es hätte besser nicht sein können. Weil sie sich an seinen Blick erinnerte, als wäre sie alles für ihn, und daran, dass sie sich niemals in ihrem Leben mehr geliebt gefühlt hatte als in diesen kostbaren Stunden.
Gefolgt war die Sorge, weil er nicht wiedergekommen war, und schließlich diese unglaubliche Erleichterung, ihn wieder bei sich zu haben und dann seine verrückte Idee. Ein ziemlich einmaliges Erlebnis, wenn sie ehrlich war. Sie war vorher schon geflogen, aber so, mit ihm, im roten Licht der untergehenden Sonne…
Es hatte etwas Surreales an sich gehabt, beinahe magisch auf eine Art, die sie nicht erklären konnte, die rote Sonne, das kleine Flugzeug, dahinzufliegen über London, England, über der Welt – traumhaft, traumartig. Wie ein Traum, aus dem man niemals erwachen möchte.
Denn ja, es war ein Traum gewesen. Das alles, ihre ganze Zeit mit ihm. Und sie, töricht, hatte es als selbstverständlich genommen. Denn obwohl sie Angst gehabt hatte um ihn und obwohl sie gewusst hatte, dass sein Leben nicht sicher war, tief in ihrem Inneren hatte sie nie geglaubt, dass es eine Möglichkeit war.
Sie hatte nie gedacht, dass sie ihn verlieren könnte, nicht wirklich.
Und doch, hier war sie. Keine 23 Jahre alt und schon – verwitwet. Es war ein hässliches Wort.
Ein wandernder Sonnenstrahl traf ihr Gesicht und sie kniff unwillkürlich die Augen zusammen. Sie war alleine im Zimmer, lag in ihrem Bett, wie üblich, still, stumm, nicht mal weinend.
Sie hatte nicht ein einziges Mal geweint, hatte keine Träne gehabt. Es schien ihr komisch, normalerweise weinte sie recht schnell, aber diesmal nicht. Es war, als gäbe es in ihr keine Tränen, nur einen dumpfen, trockenen Schmerz, der ihr das atmen schwer machte.
Langsam drehte sie den Kopf, wollte gerade die Augen schließen und sich wieder dem gnädigen Schlaf übergeben, da traf ihr Blick auf einen Briefumschlag, der zuoberst des Stapels ungelesener Briefe lag, den Belle für sie sammelte, und dessen Rand durch das auffällige rot-blaue Muster eines Luftpostbriefes gekennzeichnet war.
Was genau sie dazu brachte, die Hand auszustrecken und den Brief zu nehmen, würde sie später nicht sagen können, vielleicht war es mehr ein Reflexverhalten, vielleicht eine unbestimmte Sorge, weil es ein Luftpostbrief war und es dafür einen Grund geben musste.
Sie hatte keine Briefe gelesen, seit diesem Tag, weil sie kaum Kraft für die essenziellen Dinge hatte, die zu tun Belle von ihr verlangte, aber auch, weil sie Angst hatte, was darin stehen konnte. Weil sie nicht wusste, wie ihre Familie reagieren würde und wie viel sie selber würde ertragen können.
Ein Blick auf den Luftpostbrief und für einen Moment bereute sie, ihn hochgenommen zu haben. Er war adressiert an Mrs. James Blythe und der beinahe physisch spürbare Schmerz der hochkam als sie die Worte las, führte zu einem plötzlichen Verlangen, diesen Brief zu zerstören, als könnte sie dadurch den Schmerz vernichten, aber dann fiel ihr Blick auf den Absender und sie hielt inne.
Mrs. Dr. James Blythe
Faith.
Vielleicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der ihren Schmerz verstehen konnte, der genauso fühlte. Schuldete sie ihr nicht, dass sie ihren Brief las? Wenigstens das?
Ingleside, Glen St. Mary
17.06.1944
Liebe Ally,
ich habe gerade einen Brief von einer Belle Faraday erhalten. Sie schreibt, sie sei deine Freundin und das sei wohl der schwierigste Brief, den sie jemals geschrieben hat. Ich glaube es ihr gerne. Richte ihr doch bitte meinen Dank aus, wenn du sie siehst. In dem Brief scheint es, als sei sie unsicher, ob sie ihn überhaupt abschicken sollte und ich möchte, dass sie weiß, dass sie das Richtige getan hat.
Sie hat von den Nachrichten erzählt, die du erhalten hast. Wegen meinem Sohn. Nachrichten, die sie jetzt dir mitteilen und mir nicht mehr, weshalb sie beschlossen hat, es mir zu schreiben. Sie schreibt außerdem, dass du nicht in der Lage seiest, irgendetwas zu tun, schon gar nicht, so einen Brief zu verfassen. Du ahnst kaum, wie gut ich es verstehe. Ich schreibe dir auch jetzt, kaum dass ich ihren Brief gelesen habe, weil ich es gleich nicht mehr können werde.
Ihr habt also geheiratet, ja? Du und er. Ich möchte, dass du weißt, Ally, wie sehr es mich freut, dass ihr euch gefunden habt, dass er glücklich war mit mir. Ich glaube, es wird vieles leichter machen, am Ende, für uns beide. Ich habe immer gewusst, dass da etwas war, wie wichtig du ihm warst und auch die Veränderung in seinem Ton in den letzten anderthalb Jahren ist mir nicht entgangen. Er war wirklich glücklich. Eine Mutter merkt so etwas.
Ich habe auch gemerkt, dass ich ihn verloren hatte. Einordnen konnte ich es nie ganz, aber jetzt verstehe ich natürlich. Er hat dir gehört. Wahrscheinlich viel länger schon als wir alle ahnen, aber sicher in der letzten Zeit. Er war immer mein Sohn, ist es noch, aber er war nicht mehr mein. Er hat dir gehört, völlig, und es ist kein leichter Gedanke für mich, aber es macht mich glücklich zu wissen, wie glücklich er gewesen sein muss.
Ich kann dir keine tröstenden Worte geben, Ally, dafür brauche ich Trost selber viel zu sehr, aber ich möchte, dass du ein paar Dinge weißt. Ich könnte mir keine bessere Schwiegertochter, keine bessere Frau für James vorstellen als dich und solltest du jemals wollen, so steht Ingleside stets offen für dich. Es ist nicht viel, ich weiß, aber ich habe kaum mehr anzubieten.
Es gibt nur noch eine Sache. Du weißt über Asteria Bescheid, sicherlich, und jetzt, da das Schicksal es für richtig gehalten hat, mir zwei Kinder zu nehmen, wie deiner Großmutter, habe ich nur eine Gewissheit. Der Schmerz geht niemals weg, er wird dich immer begleiten, aber so grausam das klingt, er wird irgendwann kein Feind mehr sein. Denn der Schmerz hält die Erinnerung am Leben, Erinnerungen an glückliche Zeiten.
Du wirst das wahrscheinlich nicht verstehen, noch nicht, Nan hat es auch nicht verstanden. Sag, weißt du es überhaupt? Blythe ist gefallen, drei Tage vor James. Die Nachricht kam per Telegramm. Es ist ein komischer Zug des Lebens, dass ich Nan bemitleidet habe, die letzten Tage und plötzlich bin ich in der gleichen Position wie sie. Oder vielleicht nicht ganz. Ist es nicht komisch, wie viel Trost ich aus der Tatsache ziehen kann, dass er das Glück hatte, dich zu lieben, sogar zu heiraten?
Zum einen, weil ich das Gefühl habe, er hat möglichst viel mitgenommen in seinem Leben und zum anderen, weil ich mich weniger alleine fühle. Bloß die Gewissheit, dass es dich gibt, eine Frau, die ihn ebenso geliebt hat wie ich und die ihn ebenso betrauert, irgendwie hilft das. Vielleicht wird auch dich der Gedanke etwas trösten, was ich sehr hoffe, denn du bist jetzt meine Tochter, Ally, nicht weniger als meine Mädchen es sind.
Faith
