Die kommende Woche wollte und wollte einfach nicht vorübergehen. Da Fitzwilliam während der meisten Zeit von seinem Vater in Beschlag genommen wurde, blieb mir nicht viel anderes übrig, als die Zeit mit meiner Schwiegermutter und Georgiana zu verbringen, mich um meine Kinder zu kümmern oder im Park spazierenzugehen. Viel Zeit mußte ich leider auch darauf verwenden, Lady Anne Gesellschaft zu leisten, wenn sie Besuch erhielt oder noch schlimmer: sie auf ihren Besuchen in der Nachbarschaft zu begleiten.
Hatte ich schon einmal erwähnt, wie sehr ich diese „Teekränzchen und Plauderstündchen mit ehrbaren Frauen" verabscheute? Auf Sandhurst Manor hatte ich solche Späße mit den Nachbarsdamen erst gar nicht angefangen. Fitzwilliam, der uninteressante Besucher nur um des Besuches willen sowieso nicht mochte, ließ mir diesbezüglich vollkommen freie Hand und war im Gegenteil sehr froh, wenn er damit nicht belästigt wurde. Auf Pemberley war das anders. Die Darcys waren zu Hause, also gehörte es sich so, daß man Besucher empfing – hauptsächlich aus der Nachbarschaft – und machte eben diesen auch oft seine Aufwartung. Das hieß, die Dame des Hauses war dafür zuständig. Einzig und alleine.
Von mir als Schwiegertochter, Ehefrau des Erben, Mutter des zukünftigen Erben, wurde selbstverständlich erwartet, daß ich daran teilnahm, solange ich auf Pemberley logierte und damit natürlich zum engsten Familienkreis gehörte. Die Männer hatten es besser, sie konnten den ganzen Tag ausreiten, in der Bibliothek lümmeln, sich im Arbeitszimmer einsperren, über Geschäfte plaudern oder Pächter besuchen. Und Fitzwilliam war sichtlich erleichtert, daß er nicht mit zu den Teekränzchen mußte, was ich ihm selbstverständlich sehr verübelte! Er leistete zwar sehr willig Wiedergutmachung in Form von äußerst erregenden Liebesnächten und darüberhinaus einem hohen Maß an Zärtlichkeiten, aber dennoch. Mir mißfielen diese „Nachmittage" sehr. Doch Lady Anne bestand auf den Konventionen und ich tat besser daran, sie nicht zu verärgern.
Allerdings spürte ich nur zu deutlich, daß sie über ihre Schwiegertochter, oder sollte ich sagen, über mein Verhalten, nicht sonderlich erfreut war. Es fing damit an, daß ich es rundheraus ablehnte, eine weiße Haube als Zeichen meines „ehrbaren Standes" als Ehefrau zu tragen. Ich trug auf Sandhurst Manor keine, ich würde hier auch ganz sicher nicht damit anfangen. Lady Anne bestand darauf, ich weigerte mich.
Fitzwilliam fiel die unangenehme Aufgabe zu, zwischen uns zu vermitteln. „Du würdest dir doch nichts vergeben, wenn du wenigstens bei Besuchen eine Haube aufsetzen würdest, Liebes," versuchte er es halbherzig. Ich wußte, er haßte dieses „Kleidungsstück" genauso sehr wie ich und suchte bloß nach einem Kompromiß, um es beiden Seiten recht zu machen. Doch so leid er mir auch tat, aber ich konnte nicht nachgeben. „Nein. Es tut mir sehr leid, daß du hier zwischen allen Fronten stehst, Liebling, aber ich werde mich nicht verbiegen lassen." Fitzwilliam seufzte bloß, küßte mich und sagte sich dabei, daß er sein Möglichstes versucht hatte.
Meine Meinung war diesbezüglich nicht zu ändern und schließlich begleitete ich Lady Anne und Georgiana ohne Haube zu meinem ersten Besuch in der Nachbarschaft. Eine Mrs. Winifred Parker hatte zum Tee geladen und außer Lady Anne, Georgie und mir waren noch vier andere Matronen aus der näheren Umgebung anwesend. Ich hatte den nicht von der Hand zu weisenden Eindruck, daß ich sozusagen die Attraktion des Tages war. Die Ladies beäugten mich neugierig und achteten äußerst genau auf alles, was ich sagte und tat. Ich fühlte mich wie auf einem Pferdemarkt.
Natürlich wurde das Fehlen der Haube als allererstes bemerkt und süffisant kommentiert. „Jetzt müssen sie uns aber aufklären, Lady Anne," sagte unsere Gastgeberin mit einem falschen Lächeln, „die junge Dame hier ist doch bereits mit Master Fitzwilliam verheiratet, nicht wahr?" Sie warf einen demonstrativen Blick auf meinen unbehaubten Kopf und ich wollte sie gerade etwas spitz angehen, warum sie mich gefälligst nicht selbst danach fragte, als meine Schwiegermutter bereits antwortete.
„Selbstverständlich, Mrs. Parker," sagte sie ruhig. „Mrs. Darcy ist bereits seit über einem Jahr Mutter von Zwillingen." „Natürlich, wie dumm von mir," säuselte Mrs. Parker und zupfte betont an ihrer eigenen Haube herum. „Ich dachte bloß…" wieder ein Blick zu meinem Kopf, „nun ja… in der heutigen Zeit nimmt es die Jugend wohl nicht mehr ganz so genau mit Sitte und Tradition. Es wird eben alles moderner…" Sie seufzte und die übrigen Damen – außer Lady Anne – seufzten ebenfalls und nickten zustimmend.
Liebe Güte, wo war ich hier gelandet! dachte ich im stillen. Mrs. Parker war offenbar entschlossen, so viel intime Themen wie nur möglich anzusprechen. Ihr Blick fiel auf meinen – flachen – Bauch und verweilte dort. „Ihre Kinder sind schon über ein Jahr alt, Mrs. Darcy?" fuhr sie fort, doch ich schwieg und nickte bloß. „Und? Ist denn auch der Stammhalter schon dabei?" „Ja." „Das ist erfreulich. Dann brauchen sie sich ja nicht so sehr zu beeilen mit weiteren Kindern…" Blick zu meinem Bauch, „so eine Geburt ist ja immer ein wenig… unangenehm, nicht wahr…" Sie seufzte. „Von der Prozedur, die dazu führt, einmal ganz abgesehen." Ihr Gesichtsausdruck zeigte regelrechte Abscheu. „Mir genügen meine beiden Söhne jedenfalls voll und ganz. Und ich bin sehr, sehr froh darüber, daß die Tradition, getrennte Schlafzimmer beizubehalten immer noch aufrechterhalten wird."
Die vier übrigen Damen nickten wieder und murmelten zustimmend, während Lady Anne zu meinem Erstaunen aber auch großen Vergnügen die Augen verdrehte. Georgie verkniff sich ein Grinsen. Getrennte Schlafzimmer, in der Tat! Das müßte ich Fitzwilliam heute abend mal vorschlagen! Interessanterweise schien auch meine erstaunliche Schwiegermama davon nicht viel zu halten.
Aber Mrs. Parker war noch nicht fertig mit dem Thema. „Obwohl die jungen Männer ja… wie soll ich es sagen… schon etwas frivoler sind heutzutage." Wissender Blick auf meinen Bauch. „Aber ich sehe mit Erleichterung, der junge Mr. Darcy scheint zu wissen, was sich gehört." Sie lächelte Lady Anne beifallheischend zu. „Selbstverständlich ist das alles eine Frage der Erziehung und des Standes. Nur Angehörige der unteren Schichten sind ständig schwanger und kennen in dieser Hinsicht keine Scham." Sie seufzte theatralisch und tätschelte meine Hand. „Sie haben großes Glück, Mrs. Darcy," wisperte sie vertraulich, „es ist sehr selten geworden heutzutage, daß sich ein junger Mann so konsequent in Enthaltsamkeit übt und den fleischlichen Versuchungen nur nachgibt, wenn es darum geht, einen Erben zu produzieren."
Ich starrte Mrs. Parker erschüttert an und wußte nicht, ob ich lachen oder weinen oder gar schreien sollte. Die alte Matrone glaubte tatsächlich, sie könnte anhand meines Bauchumfangs festmachen, wie sich mein Liebesleben abspielte? Sie glaubte daraus zu erkennen, daß wir getrennte Schlafzimmer hatten und nur das Bett miteinander teilten, um ein Kind zu zeugen? Und da wir ja bereits zwei hatten, war selbst das jetzt nicht mehr nötig? Ich konnte es kaum glauben. Lady Annes Gesichtsausdruck war undurchdringlich, doch sie äußerte sich nicht zu diesem Thema und glücklicherweise konnten wir fünfzehn Minuten später diese „nette Plauderrunde" verlassen, nachdem noch einmal kräftig Abscheu über jegliche Art fleischlicher Lüste geäußert worden war und die allgemeine Meinung vertreten wurde, daß ich trotz fehlender Haube eine anständige junge Frau sein mußte. Ich konnte kaum erwarten, diesen unwirklichen Nachmittag Fitzwilliam zu erzählen.
„Du darfst Mrs. Parkers Gerede nicht ernstnehmen," meinte Lady Anne später in der Kutsche. „Sie ist erst nach dem Tod ihres Mannes so wunderlich geworden – der feine Herr starb sehr überraschend an einem Herzschlag, im Bett seiner Mätresse." Ich starrte meine Schwiegermutter mit offenem Mund an. Na das erklärte natürlich einiges!
Lady Anne schaute mich nachdenklich an. „Ich weiß, daß du und Fitzwilliam eine glückliche Ehe führt, Elizabeth," sagte sie leise. „Und ich bin sehr froh darüber. Auch wenn ich früher vielleicht anderer Meinung war, ich möchte dir hiermit sagen, daß ich weiß jetzt, wie gut du ihm tust und…" sie lächelte fast ein wenig scheu, „und daß ich mich sehr über weitere Enkelkinder freuen würde. Egal was diese alte Schachtel sagt!"
Georgie, die ich ganz vergessen hatte, prustete unvermittelt los, als sie diese völlig ungewohnten Worte aus dem Mund ihrer Mutter vernahm, ich starrte die beiden Darcy-Frauen einen Moment sprachlos an – es war plötzlich totenstill in der Kutsche – und schließlich mußten wir alle drei unvermittelt loskichern.
Unnötig zu sagen, daß ich von diesem Augenblick an ein wesentlich besseres Verhältnis zu meiner Schwiegermutter hatte als je zuvor.
Als ich Fitzwilliam am Abend mit vollkommen ernster Miene vorschlug, doch aus Gründen der Schicklichkeit in Zukunft getrennte Schlafzimmer zu beziehen, entschädigte mich sein entsetzter Blick für diesen unsäglichen Nachmittag aufs beste. Ich hatte größte Mühe, mir das Lachen zu verkneifen, doch ich blieb ernst. „Aber… warum?" flüsterte er verwirrt und starrte mich ungläubig an. „Weil ich heute nachmittag gelernt habe, daß es unschicklich ist, miteinander zu schlafen – es sei denn, man will einen Erben zeugen."
„Wer sagt so einen Unsinn?" wollte Fitzwilliam wissen. Er sah aus, als wolle er dem Übeltäter gehörig die Meinung sagen, sollte er ihn je in die Finger bekommen. „Mrs. Parker hat mir heute eine wichtige Lektion in Sachen Anstand, Sitte und Moral erteilt," sagte ich ernsthaft. „Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß sie vollkommen recht damit hat."
Fitzwilliam sah mich skeptisch und mit gerunzelter Stirn an, meine Lippen begannen zu zittern und ich konnte nicht mehr, ich fing an zu lachen und mein Ehemann packte mich, bevor ich davonrennen konnte. „Elizabeth Darcy!" knurrte er und zog mich hart an sich. „Du impertinentes, widerborstiges, freches kleines Wesen …" Ehe ich es mich versah, fand ich mich auf meinem Bett wieder, auf dem Rücken liegend, meine Hände neben meinem Kopf in die Kissen gepreßt, meinen Ehemann über mir knieend.
„Ich kann nicht glauben, daß ich dir das um ein Haar abgenommen hätte!" brummte Fitzwilliam und senkte seine Lippen auf meine. „Kleine, schamlose, verruchte Teufelin…" murmelte er und wir versanken in einem sehr unschicklichen, leidenschaftlichen Kuß. Getrennte Schlafzimmer, pah!
Kurze Zeit später spürte ich Fitzwilliams Hände an meinem Körper hinabgleiten, meine Röcke wurden ohne viel Federlesens nach oben geschoben – ich war noch nicht für die Nacht umgezogen – und mit einer Hand machte sich Fitzwilliam hastig an seiner Hose zu schaffen, die unbeachtet zu Boden fiel. „Ich glaube, ich werde dir nun eine wichtige Lektion in Sachen 'Wie gehorche und diene ich meinem Ehemann' erteilen müssen, Eheweib!" murmelte er heiser und schon waren meine Beine auseinandergeschoben und im nächsten Augenblick spürte ich all seine Macht tief in mir drinnen.
Oh, wie ich solche Lektionen liebte! dachte ich benebelt, als Fitzwilliam wenig später aufstöhnte und erschöpft auf mir zusammenbrach, kurz nachdem er mich zu einem atemberaubenden Höhepunkt gebracht hatte. Wäre es nicht ein schrecklicher Verlust, auf diese „Lektionen" zu verzichten? Und außerdem würde ich wahnsinnig werden, wenn ich jede Nacht alleine einschlafen und am nächsten Morgen wieder ebenso alleine aufwachen müßte.
Oh ja, ich konnte mich schon sehr glücklich schätzen mit meiner Ehe. Wieviele Ehen gab es wohl in der heutigen Zeit, in denen der Ehemann seine Gemahlin einmal pro Woche nachts aufsuchte, nur um dann gleich nach dem Akt wieder in seiner eigenen Schlafkammer zu verschwinden – und das auch nur solange, bis ein Kind empfangen war? Wieviele Ehefrauen lagen, aus Mangel an besserem Wissen oder fehlender Erfahrung, einfach nur bewegungslos auf dem Rücken und warteten geduldig, bis ihr Gatte seine Pflicht erfüllt hatte? Wieviele Ehefrauen gab es, die überhaupt nicht wußten, was ihnen im Ehebett entging? Und wieviele Ehemänner hielten sich nebenher Mätressen, weil diese eben so viel besser wußten, wie sie ihre Liebhaber zufriedenstellten?
Nein, ich hatte kein schlechtes Gewissen und ich fühlte mich auch nicht im geringsten unmoralisch oder schamlos, nur weil ich das Zusammensein mit meinem Ehemann genoß. „Ich liebe dich," murmelte ich, als ich langsam in einen wohltuenden, ruhigen Schlaf hinüberglitt, behütet und beschützt an den Bauch meines Gatten gekuschelt. Fitzwilliam, ebenfalls im Halbschlaf, sagte nichts, doch er zog mich an sich und ich spürte seine Lippen kurz auf meiner Wange.
Und dann war die Woche endlich vorbei und der Ball stand vor der Tür. Ich freute mich darauf, ich freute mich sogar sehr. Es war eine Gelegenheit, neue Bekanntschaften zu schließen, endlich wieder einmal zu tanzen, die neue Garderobe vorzuführen, einfach einen schönen Abend in eleganter Atmosphäre zu verbringen. Fitzwilliam konnte mit meiner Euphorie naturgemäß eher wenig anfangen. Der Ärmste, er würde es nicht gerade mit Wohlwollen sehen, daß ich mir fest vorgenommen hatte, mich zu vergnügen. Aber da Bälle auf Sandhurst Manor Mangelware waren – um nicht zu sagen, überhaupt nicht erst stattfanden – und die Saison in London dieses Jahr für uns ausgefallen war, konnte ich auf meinen Gatten diesbezüglich leider keine Rücksicht nehmen. Wenn er nicht mit mir tanzen wollte – andere würden es sicher tun. Außerdem war ich unheimlich gespannt auf Mr. MacAlister!
