Weiiii... ich hab einen Flow! Deshalb hier schon das nächste Kapitel - auch wenn es nur ein Zwischenchap ist - im nächsten geht es endlich mit den Verhandlungen los (und auch das ist schon mitten in der Mache!)! Hier gibts noch ein bisschen Familienzeit, ein paar Einblicke in die Gedankenwelt des Severus Snape und ein paar Infos über Hermines Geschichte.

Ich freu mich so darüber, dass noch so viele treue (stumme und nichtstumme :D) Leser dabei sind! Danke für die vielen Favs und Follows und danke euch für die Reviews! Ihr motiviert mich total :)

37. Meer

Severus Snape war sehr mit sich zufrieden. Er hatte die Reporterin am Rande eines Nervenzusammenbruchs zurück gelassen und noch vor den Toren von Hogwarts den widerlichen kleinen Spannerordner pulverisiert. Wissen in hohle Köpfe hinein zu prügeln (nur, damit es unten direkt wieder rausfiel) war nicht gerade eine erfüllende Lebensaufgabe und obgleich er eindeutig zu alt war, um jeden Tag Leben zu retten oder einen Krieg zu gewinnen, war es doch eine nette Abwechslung, zwischendurch mal wieder Angst und Schrecken über jemanden hereinbrechen zu lassen, der es zweifellos mehr als verdient hatte.

Alles in allem ein guter Tag.

Es ging ebenso gut weiter, denn er hatte Kontrollrunde bis Mitternacht und kam so in den Genuss, von drei Gryffindors, zwei Hufflepuffs und vier lerngestressten Ravenclaws Punkte abzuziehen, weil sie nach der Sperrstunde noch herumstreunten. Zu dieser ausgezeichneten Bilanz kamen vier Slytherin-Schüler hinzu, die zwar nach Bericht des Blutigen Barons erst weit nach der Nachtruhe in ihren Kerker zurück gekehrt waren, die er aber im Gegensatz zu den Hohlköpfen der anderen Häuser nicht erwischt hatte, was ihn ebenfalls mit stiller Genugtuung erfüllte.

Und so war er bester Stimmung als er kurz nach Mitternacht seine Räumlichkeiten betrat.

Hermine war von ihrem Hexenabend mit Minerva noch nicht wieder da und so genehmigte er sich einen Drink und ein gutes Buch, um den Abend ausklingen zu lassen.

Sie erschien tatsächlich erst gegen zwei Uhr morgens – kurz bevor er kapitulieren und ins Bett gehen wollte – und sie war eindeutig betrunken.

„Sev… wiesu bistu noch wach?" Ihre verwaschene Sprache ließ seine Augenbraue in die Höhe schießen.

„Nun, vielleicht habe ich vermutet, dass du bei deiner Rückkehr zu betrunken sein wirst, um den Weg ins Schlafzimmer zu finden."

Sie kicherte leise und ließ sich neben ihm aufs Sofa fallen. Er verzog das Gesicht, als er roch, dass Minerva offenbar ihren Whiskybestand mit Hermine geteilt hatte.

„Wobei du, wenn ich es mir recht überlege, vielleicht lieber auf dem Sofa schläfst."

„Aba wiesu?" Sie blinzelte ihn voller Unschuld an.

„Du riechst wie ein Matrose auf Landgang, Hermine."

Die äußerst trocken hervorgebrachte Beleidung kam bei ihr offenbar nicht als solche an, denn sie brach wieder in einen Kicheranfall aus und er verdrehte die Augen. Was zu viel Alkohol doch aus einem intelligenten Menschen machen konnte.

„Ach, Sevi, sei doch nich so."

Als sie sah, dass sein Blick ob des Kosenamens ungnädig wurde, prustete sie und hielt sich die Hände vor den Mund.

„Sorry… die große, böse Fledermaus mag keine Spitznamen." Ihre eigene Bemerkung ließ sie wieder in Kichern ausbrechen.

Genervt tippte Severus sich mit dem Zeigefinger auf den Nasenrücken, um sich selber zur Ruhe zu ermahnen.

„Ich glaube, du musst jetzt ins Bett, Hermine."

„Ja, Bett. Bett ist gut." Sie klimperte mit den Wimpern und schmiegte sich verführerisch an ihn. „Bett klingt sehr gut."

„…zum Schlafen. Und vorher wirst du dir die Zähne putzen."

Sie versuchte umständlich, mit den Händen eine Höhle vor dem Mund zu machen und hinein zu atmen, um ihren Atem zu riechen, doch betrunken wie sie war gelang ihr die Ausatmen-einatmen-Koordination nicht gut genug und schließlich gab sie es mit einem Kichern auf.

Severus schloss für einen Augenblick die Augen, um sich zu fassen, und erhob sich dann entschlossen, die schwankende Frau mit sich hochziehend.

„Ab ins Bad, junge Frau."

Summend ließ sie sich von ihm abführen.


Er hatte sie kaum ins Bett verfrachtet, als sie auch schon eingeschlafen war. Seufzend schlüpfte er zu ihr unter die Bettdecke und betrachtete die friedlich schlummernde Frau nachdenklich. Je näher die Verhandlungen rückten, desto größer wurde seine Angst vor dem Danach. Würde sie gehen? Würde sie bleiben? Und wenn sie blieb, was bedeutete das für ihn? Für sie? Was verband sie? Was wollte sie überhaupt von ihm? Was erwartete sie?

Er mochte dem, was er fühlte, noch immer keinen Namen geben. Dieses seltsame Bohren in der Magengrube, wann immer sie nicht in seiner Nähe war. Das leise Absacken in eine gewisse Ruhe, wenn sie dann schließlich wieder bei ihm war. Und nicht zuletzt das Flattern in seinen Eingeweiden, wenn sie lachte.

Merlin, er hatte die Frau sogar lieber betrunken um sich als gar nicht.

Aber es beim Namen zu nennen, bedeutete, sich vulnerabel zu machen. Und ein Severus Snape war nicht vulnerabel.

`Natürlich nicht`, piesackte ihn das fiese Stimmchen in seinem Kopf, das aus irgendeinem Grund klang wie Albus Dumbledore. Willkommen, Wahnsinn. ‚Die Frau hat dich und deine Männlichkeit so fest im Griff, dass du dich nicht mal einen Meter von ihr entfernen könntest, wenn sie es nicht wünscht. Und du lässt es nur zu gerne zu.'

Er war sich sicher, dass sie aus ihrem Alkohol induzierten Schlaf nicht so schnell aufwachen würde, und erlaubte sich deshalb, sanft über ihr Gesicht zu streicheln.

Ja, sie hatte ihn fest im Griff… ohne es zu ahnen. Und er würde in ihrer Nähe bleiben, solange sie ihn ertragen mochte. Auch nach den Verhandlungen. Und wenn sie ihn nicht mehr bei sich haben wollte, würde er gehen und nur im Verborgenen nach ihr und Elena sehen. Er hatte Hermine vor Jahren ein Versprechen gegeben. Und bei Merlin, er würde seinen letzten Atemzug dafür geben, es nicht wieder zu brechen.

Sie sah wieder so viel gesünder aus und obgleich der Schatten nie ganz aus ihren Augen verschwand, waren die Momente, in denen er in den Hintergrund trat, soviel häufiger geworden, als jene, in denen er präsent war.

Severus ließ sich davon nicht täuschen – es würde Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis sie von einer abgeschlossenen Sache reden konnten… aber Hermine Granger war eine so über die Maßen starke Persönlichkeit, dass es ihn jeden Tag, an dem sie besser zurecht kam als nur zu funktionieren, aufs Neue erstaunte.

Ihre Augen flatterten auf und er zog rasch die Hand zurück.

Sie machte einen fragenden Laut und suchte im Halbdunkeln nach seinem Gesicht und er brummte beruhigend: „Es ist alles gut, schlaf weiter."

Und mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn vor Emotion fast erstarren ließ, hörte sie auf ihn, schloss die Augen wieder und glitt wieder hinüber in den Schlaf, ohne richtig wach geworden zu sein.

„Was tust du bloß mit mir", fragte er sie nicht zum ersten Mal tonlos, bevor er das Licht löschte, sie vorsichtig in seine Arme zog, gleichgültig dessen, dass ihr noch immer eine leichte Whiskyfahne entfloh, und alle Gedanken beiseiteschob, um selber ebenfalls einschlafen zu können.


Es war das erste Mal seit Tagen und so brauchte er einen Moment, um zu begreifen, was passierte.

Seine innere Uhr meldete, dass der Morgen noch nicht graute, als ein entsetztes Wimmern ihn aufweckte.

Es benötigte besagten Moment, bevor sich seine Spionageinstinkte einschalteten und er rational die Situation erfasste.

Erstens: Es war dunkel. Zweitens: Seine Arme waren leer und er spürte keinen mittlerweile vertrauten Körper neben sich. Drittens: Neben ihm wimmerte jemand, nur unterbrochen von trockenen Schluchzern. Hermine.

Im nächsten Augenblick hatte er mit einem Wink seines Zauberstabes das Zimmer sanft erhellt. Er kniff die Augen vor der Helligkeit zusammen und sah sich um.

Hermine hatte sich irgendwie, ohne dass er es gemerkt hatte, aus seinen Armen gelöst und unter der Bettdecke freigestrampelt. Nun lag sie zusammengekauert, offenbar frierend auf der kalten Seite des Bettes und schien gefangen in einen Albtraum.

Seufzend rückte er näher an sie heran und deckte sie wieder zu. Dann legte er vorsichtig von hinten die Arme um sie und drückte das Gesicht in ihr Haar.

Er hatte vor einiger Zeit herausgefunden, dass diese Art der Annäherung am besten geeignet war, um sie aus einem Albtraum zu holen – sie engte sie nicht ein und gab ihr trotzdem einen Anker in die Wirklichkeit.

Für einen kurzen Moment überlegte er, was den Albtraum getriggert haben könnte, schob es dann aber auf eine Nebenwirkung ihres unüblichen Alkoholkonsums.

Glücklicherweise schien die gewohnte Art der Beruhigung zu wirken, denn das Wimmern verstummte und ihre Atmung wurde wieder tiefer und gleichmäßiger.

Mit einem müden Flick seines Zauberstabes wurde es wieder dunkel im Zimmer und er gestattete sich, wieder einzuschlafen.


„Angeklagter Lestrange! Haben sie etwas zu den Verbrechen, die ihnen zur Last gelegt werden, zu sagen?!"

Hermine saß so aufrecht wie ein Stock in dem Gerichtssaal, Severus Snape neben sich. Er hielt ihre Hand mit festem, beruhigendem Griff und sie fühlte sich, als wäre er ihre lebensrettende Leine im Ozean.

Lestrange warf ihr einen widerlich lechzenden Blick zu: „Es hat Spaß gemacht. Jede einzelne Minute. Nicht wahr, mein Mädchen? Dir hat es auch gefallen, nicht wahr?"

Hermine hielt es nicht mehr aus.

„Riddikulus!"

Im nächsten Augenblick stand der Mann wieder einmal in einem Drag Queen Kostüm herum und blickte – im wahrsten Sinne des Wortes – dumm aus der Wäsche.

Severus seufzte. „Vermutlich wird Miss Bones nicht zulassen, dass er so mit dir umspringt, aber bitte denk am Dienstag daran, dass du nicht mitten in der Verhandlung aufspringen und ‚Riddikulus' schreien kannst."

„Vielleicht darf ich die Verhandlung dann als unzurechnungsfähig verlassen." Der Scherz war so müde, dass er ihr nur einen langgezogenen Blick zuwarf und nichts erwiderte.

Sie sackte etwas in sich zusammen.

Es war Sonntag und sie waren seit drei Stunden hier im Raum der Wünsche und übten. Immer wieder ließ Severus den Irrwicht los und immer wieder zerbrach Hermines Standhaftigkeit irgendwann unter seinen stetig widerwärtiger werdenden Anspielungen und Anzüglichkeiten. Aber sie hatten nicht mehr viel Zeit und so war Severus unbeirrbar. Er wusste, dass der Stress und der Druck in der echten Verhandlung noch viel gewaltiger werden würde als hier in einem leeren Raum mit einem Irrwicht, der nur so tat als ob, und so gab es keine andere Möglichkeit als zu üben.

„Rezitier irgendetwas", schlug er vor und streichelte ihr in einer sehr unsnapeischen Geste aufmunternd den Rücken. „Zaubertrankzutaten. Landmarken in den Goblinkriegen. Oder ruf dir in Erinnerung, wie viele Falten das Kleid der Fetten Dame hat."

Sie warf ihm einen irritierten Blick zu und er zuckte mit den Augenbrauen.

„Erlaubt ist, was dir beim Fokussieren hilft."

Einen Moment erlaubte er ihr, in finsteren Gedanken zu versinken, bevor er ihr auffordernd auf den Rücken klopfte.

„Noch einmal, Miss Granger."

Mit einem Flick seines Zauberstabes begann das Spektakel von neuem.

Eine unsichtbare Stimme verlas erneut die Taten, derer Lestrange angeklagt war, während der Irrwicht in der bekannten Gestalt vor ihnen auf dem Anklagestuhl saß und nur überlegen grinste.

Dann kam erneut die Frage nach Äußerung des Angeklagten und die Anspielungen gingen von vorne los.

Severus warf einen Blick auf Hermines Gesicht, die mit verbissener Miene auf den Irrwicht starrte. Ihre Lippen bewegten sich kaum sichtbar und aus irgendeinem Grund war er sich sicher, dass sie in diesem Moment Zaubertrankzutaten herunter betete.

Nach einer Viertelstunde andauernder Verhöhnung erlöste er sie und verbannte den Irrwicht wieder in seine Kiste.

Hermine sah ihn an, als er sie sanft an der Wange berührte.

„Das war sehr gut, Löwin."

Sie lächelte schwach. „Das ist doch nur eine Trockenübung, Sev. Der Raum ist leer und das da vorne ist ein Irrwicht und nicht der echte Lestrange…"

Er legte seine große Hand nun vollständig an ihre Wange. Mittlerweile kamen ihm diese kleinen, beruhigenden Berührungen völlig selbstverständlich vor, auch wenn es ihn stets aufs Neue verwunderte, wie sehr Hermine mittlerweile auf seine Stimme und eben diese Berührungen reagierte, auch wenn sie tief in sich versunken war. Irgendwie half beides ihr dabei, sich auf ihn zu konzentrieren und ihre finstere Gedankenwelt fahren zu lassen. Und er würde lügen, wenn er abstritt, dass ihn dieser Umstand mit tiefer Zufriedenheit erfüllte. Natürlich wollte er nicht, dass Hermine von ihm und seiner Nähe abhängig war, weshalb er ihre leisen Tastversuche in die Außenwelt und zu anderen Menschen niemals unterbinden würde… aber die Natürlichkeit, mit der sie bei ihm nach Komfort und Ruhe suchte, ließ immer wieder willkommene Wärme durch seinen Körper strömen. Er hatte sich nie als jemanden gesehen, der für irgendjemanden gut war. Severus Snape war nicht gut für andere. Er war nützlich. Vielleicht hilfreich. Aber niemals gut im zwischenmenschlichen Sinne. Die Erfahrung war neu und er mochte es.

Es brachte Licht und Hoffnung in die Welt aus Selbstvorwürfen, in der er sein ganzes Leben lang existiert hatte, und plötzlich schien es nicht mehr so abwegig zu sein, dass er vielleicht doch würdig war, mal mit sich zufrieden zu sein.

„Die Situation wird natürlich anders sein. Aber obwohl das Umfeld stressiger sein wird als dieses hier, wird der Einfluss von Lestrange geringer sein. Er wird niemals so viel Redefreiheit haben, Löwin."

Ihr Kopf lastete schwerer auf seiner Hand als sie das Gesicht in seine Handfläche schmiegte und dann nickte.

„Du hast Recht."

Er schenkte ihr einen spöttischen Blick. „Natürlich habe ich das."

Das schickte wie üblich ein Lächeln über ihr abgespanntes Gesicht, das er schmal erwiderte, bevor er einen Blick auf seine Taschenuhr warf, sich erhob und sie mit sich hochzog.

„Genug für heute. Ich hab eine Überraschung für euch."

„Euch?"

„Für dich und Elena." Er hielt ihr die Tür auf und gemeinsam traten sie auf den dämmrigen Flur.

„Was für eine Überraschung?"

„Wenn ich es dir sagen würde, wäre es keine Überraschung mehr." Er warf ihr ein gemeines, kleines Lächeln zu und sie verdrehte übertrieben die Augen, bevor sie ihm in Richtung Eingangshalle folgte.

Unterwegs rief er ihre Mäntel und Schals herbei und so betraten sie die Eingangshalle fertig angezogen.

Elena, pünktlich wie immer, wartete dort schon auf sie und begann, aufgeregt auf und ab zu hüpfen, als sie ihre Eltern sah. Irritiert registrierte Hermine, dass ihre Tochter keine Schuluniform trug, sondern Muggelkleidung und ebenfalls Schal und Mantel.

„Mom! Dad!", rief sie, woraufhin einige vorbeieilende Schüler aufgeregt anfingen zu tuscheln.

Nonchalant ignorierte Elena sie und hängte sich stattdessen demonstrativ mit einem Arm bei ihrer Mutter und mit dem anderen bei Severus ein.

„Wohin gehen wir denn?", fragte sie ohne weitere Begrüßung aufgeregt und wenn Severus aufgebracht über ihre kleine, demonstrative Familienshow war, ließ er es sich nicht anmerken.

„Das wirst du schon sehen."

Die aufgeregt plappernde Elena in ihrer Mitte verließen sie das Schloss und strebten in Richtung Schlosstor.

„Ich nehme an, die Aktion ist von Professor McGonagall genehmigt?" Hermine sah streng von ihrer Tochter zu dem Zaubertrankprofessor und beide nickten einhellig. Seufzend kapitulierte sie und fragte nicht mehr weiter, bis sie am Apparationspunkt angekommen waren.

„Wohin?"

„Wir apparieren im Tandem", lautete die einsilbige Antwort und Hermine fühlte sich langsam so aufgeregt, wie Elena ganz offensichtlich war, wenn man von ihrem hibbeligen Hin- und Herwackeln auf ihren Aufregungsgrad schließen durfte.

„Halt dich gut an mir fest", wies Severus Elena an, die ohne weitere Umschweifen die Arme um seinen Rücken schlang und sich hinten an seinem Umhang festklammerte.

Er sah Hermine auffordernd an, die ihn anlächelte und dann ebenfalls über Elena hinweg nach seinem Umhang griff.

Mit einem Arm drückte er seine beiden Frauen an sich und sie apparierten mit einem ‚Plopp'.


Das Rauschen von Wellen und ein scharfer, nach Salz und Tang riechender Wind begrüßte sie.

„Oh, Sev…" Hermines Stimme war ganz leise vor Rührung, als sie sich umsah und die wilde, spätwinterliche Strandlandschaft in sich aufnahm.

Es war bewölkt, grau und kalt, aber das alles interessierte Hermine nicht. Sie liebte das Meer und sie konnte nur vermuten, dass irgendjemand, entweder Albus, Minerva oder Elena, Severus einen Tipp gegeben hatte. Nichts wirkte so beruhigend auf sie wie das stetige Rauschen der Wellen, ganz gleich ob es ein Südseestrand war oder ein englischer.

Elena schrie ebenfalls auf vor Freude, machte sich rasch von ihren Eltern los und rannte zum Wasser, um die Hände in die eisigen Fluten zu tauchen und vor den Wellen zurück zu springen.

„Ich dachte, bevor der Stress richtig los geht, können wir uns noch einmal einen ruhigen Tag weg von allem gönnen", murmelte Severus und Hermine wandte sich ihm zu.

Er sah sehr zufrieden mit sich aus und sie konnte nicht anders als ihn zu umarmen. Zu ihrer Erleichterung schien ihm die doch sehr öffentliche Zuneigungsbekundung nicht auszumachen – vielleicht, weil sie mutterseelenallein hier am Strand waren und Elena gerade mit dem Wasser beschäftigt war – denn er schlang seinerseits einen Arm wieder um sie.

„Man hat mir zugetragen, dass du das Meer magst", raunte er in ihr Ohr und sie lächelte ihn so strahlend an, dass er den kalten Wind nicht mehr bemerkte.

„Wer auch immer dir das zugetragen hat, hat etwas gut bei mir."

„Es gefällt dir also?" Er sah aus wie eine Katze, die Sahne geschleckt hatte, und sie lachte.

„Es ist die beste Überraschung seit langem, Sev. Danke."

„Gerne… komm, wir gehen ein Stück."

Hermine schien nicht gewillt zu sein, ihn los zu lassen und so ließ er seinen Arm um ihre Schultern geschlungen, als sie langsam am Wasser in sicherer Entfernung zu den Wellen entlang schlenderten. Zu seiner Erleichterung schien Elena es auch nicht seltsam zu finden, denn sie schenkte ihnen nur einen halbinteressierten Blick. Andererseits hatte sie natürlich auch schon gesehen, wie er ihre Mutter geküsst hatte – wenngleich auch nur in einer Vision, aber gesehen war gesehen.

„Wo genau sind wir?"

„Immer noch in Schottland. In der Nähe von Aberdeen."

Er steuerte sie langsam weiter den Strand entlang und versicherte sich mit einem kurzen Blick, dass Elena ihnen folgte, bevor er sich wieder auf die Frau an seiner Seite konzentrierte.

Sie lächelte ihn warm an, bevor ihr Blick wieder auf das Wasser glitt.

„Kurz nach Elenas Geburt bin ich mit ihr nach Australien gezogen. Unser Haus war direkt am Strand in einer kleinen Bucht. Sie ist quasi im Wasser groß geworden."

„Australien?"

Sie zuckte die Achseln. „Es war der Ort, der mit am weitesten von allen Problemen weg war und wo ich mich trotzdem heimisch fühlen konnte, weil es keine Sprachbarriere gab. Ein Übersetzungszauber ist einfach nicht dasselbe. Und Neuseeland zählt nicht, weil die Zaubergemeinde dort so winzig ist, dass man sie an Händen und Füßen abzählen kann. In Australien scheint quasi dauernd die Sonne und die Zaubergemeinde dort ist sehr entspannt. Voldemort war dort unendlich weit weg – eine Gruselgeschichte, von der man nur in der Zeitung las."

Severus nickte. Das leuchtete ein. Es wäre kein Land für ihn, aber für Hermine schien es wie geschaffen.

„Wann seid ihr zurückgekommen?"

Für einen Augenblick musste sie darüber nachdenken. „Kurz nach Elenas achtem Geburtstag, glaube ich. Im St. Mungos war eine Stelle frei und ich wollte, dass sie sich wieder etwas an England gewöhnt, bevor sie nach Hogwarts kommt. Ich hatte zwar das Haus schon eine ganze Weile, aber wir haben es nur als Ferienwohnung genutzt und nicht mal in den Ferien waren wir viel dort, weil wir die meiste Zeit bei den Potters verbracht haben."

„Dann bist du ja noch gar nicht lange wieder hier…"

„Ziemlich genau fünf Jahre…" Sie sah nachdenklich drein. „In Australien war es leichter. Die Gefahr, dass meine Tarnung auffliegt, war geringer, niemand kam auf die Idee dort nach mir Ausschau zu halten und niemand hat sich besonders für das Goldene Trio interessiert. Wenn Ginny mit den Kindern bei mir war, hat sie auf der Straße niemand erkannt. Harry natürlich schon – ich glaube, er ist auf der ganzen Welt bekannt, der Arme, aber Ginny und die Kinder waren dort völlig anonym unterwegs, was für sie auch sehr schön war. Ich konnte dort meine Weiterbildungen machen und ich hatte sogar eine kleine Forschungsstelle in Sydney an der Sydney University of Wizardry and Witchcraft." Sie schüttelte den Kopf. „In England war ich ständig unter Strom. Lestrange lief frei rum, ebenso wie ein Haufen anderer Todesser, und ich hatte nur die optischen Veränderungen einer Abwesenheit von acht Jahren und anderer Haare aufzuweisen, um nicht aufzufallen."

„Vielsafttrank hätte das Problem gelöst."

„Ich hasse Vielsafttrank und seit dem Vorfall mit Barty Crouch Jr. damals haben die offiziellen Stellen einen Blick auf den Verkauf von Baumschlangenhaut. Ich habe extra für meinen Zweck einen Ignorierzauber so abgewandelt, dass die Leute mich zwar sehen, aber mich trotzdem übersehen… verstehst du, was ich meine? Sie registrieren meine Anwesenheit, aber sie denken nicht über mich nach."

Ihm entfloh ein Lachen. Am Übersehen-werden litten Generationen an aufmerksamkeitsdefizitären Teenagern und Hermine Granger baute sich einen Zauberspruch, nur um genau das zu erreichen.

„Entschuldige, wenn ich dir sage, dass dieser Spruch niemals salonfähig werden würde."

Die finsteren Gedanken verflogen aus ihrem Gesicht und sie lachte ebenfalls, seinen Gedankengang nachvollziehend.

„Damit magst du Recht haben. Er hat aber auf jeden Fall zu meiner geistigen Gesundheit beigetragen… mehr oder minder. Trotzdem waren die letzten Jahre… nicht entspannt." Der Tonfall und ihr Gesichtsausdruck machten deutlich, wie wenig „entspannt" die Jahre tatsächlich gewesen waren.

„Sehr verständlich. Und trotzdem hast du einiges in ihnen geschafft… wenn das hier alles vorbei ist, würde ich mich freuen, wenn ich bei einigen von deinen Forschungsprojekten… assistieren dürfte."

Das Strahlen auf ihrem Gesicht war mit einem Mal wieder angeknipst. „Das wäre wunderbar, Sev!"

Sie wollte ihn weiter sehen! Seine Eingeweide machten einen kleinen Freudenhüpfer und er drückte sie etwas fester an sich.

„Mom! Guck mal!"

Sie wandten sich zu Elena um, die eine große Muschel gefunden hatte und sie Hermine ans Ohr hielt, damit sie auf das Rauschen hören konnte.

Hermine lächelte sie an. „Sie ist sehr schön."

„Hör mal, Dad!" Elena hielt auch ihm die Muschel ans Ohr und er bewerkstelligte ein beeindrucktes Nicken, während seine Eingeweide wieder hüpften.

Elena schien die neue Möglichkeit, jemanden ‚Dad' zu nennen, aus vollen Zügen zu genießen und mit jedem Mal, dass sie ihn so nannte, gefiel ihm der Klang des Namens besser. Und Hermines glückliches Lächeln machte das Ganze noch ein bisschen besser.

„Du kannst noch ein paar kleinere Muscheln sammeln, Elena", bemerkte er rasch, um von seiner emotionalen Lage abzulenken. „Versuch, so weiße wie möglich zu finden. Dann zeige ich dir nach den Verhandlungen, was man aus Muschelstaub für Tränke brauen kann."

Elenas begeisterter Ausruf erfüllte ihn wieder mit tiefer Genugtuung und für die nächsten zwei Stunden waren sie in ihrer Arbeitsteilung alle sehr zufrieden – Hermine und Severus schlenderten weiter den Strand hinab und unterhielten sich über ihre Forschung und Elena sammelte exzessiv so viele Muscheln, wie sie tragen konnte.

Sie apparierten erst in der Dämmerung wieder zum Schloss zurück.


Und im nächsten Kapitel wird's ernst. Seien sie wieder dabei, wenn es beim nächsten Mal wieder heißt: "Magst du mich oder nich?!" (Reviews motivieren mich! :D)