Tee um Drei, Kapitel 37
Über die Nachricht, das Rilla ein Kind erwarten würde, hatten sich alle sehr gefreut. 1922 versprach ein Kinderreiches Jahr zu werden. Faith, Emily und Rilla, diese drei jungen Frauen würden Gilbert und Anne sowie Owen und Leslie zu stolzen Großeltern machen. Rilla erwischte sich oft dabei, wie sie ihre Arbeit vernachlässigte und ihrer Fantasie freien lauf lies. Sie malte sich aus wie ihr Kind eines Tages mit seinen Cousinen und Cousins spielen würde. Wie es lachen würde oder sie zum ersten mal 'Mama' nannte. Sie sah es alles vor ihrem inneren Auge. Es spielte sich wie ein Kinofilm in ihrem Kopf ab.
Sie genoss den Gedanken im Juni Mutter zu werden in vollen Zügen, währe nur diese schreckliche morgendliche Übelkeit nicht.
Rilla wusste, das Kenneth sich insgeheim einen Jungen wünschte. Mit dem er Fußball spielen konnte, zum Angeln gehen oder mit ihm über Autos reden konnte. Ihr war es im Grunde egal was es werden würde. Junge oder Mädchen, dass war doch egal. So lange es gesund zur Welt kam war ihr das Geschlecht egal.
So saß Rilla Ford wie in den vergangen letzten Tagen vor dem Kamin und nähte bereits an einem Taufkleid. Sie wusste es war noch etwas zu früh, aber sie hatte nicht widerstehen können. Der Gedanke, für ihr eigenes Kind ein Taufkleidchen zu nähen, war einfach zu schön. Kenneth war wie immer in der Bibliothek. Er hatte sich bereits mehr Zeit genommen, verbrachte mehr Abende zuhause. Doch Rilla fühlte sich immer noch einsam. Würde sie nur Freunde finden, dann währe alles halb so schlimm. Rilla legte ihr Nähzeug kurz zur Seite, nahm einen schlug Tee zu sich und blickte zur großen Standuhr.
15.00 Uhr, sie musste nur noch vier Stunden warten, dann würde Kenneth endlich Heim kommen. Ein kräftiges klopfen an der Haustür riss Rilla aus ihren Gedanken. Nanu, wer kann das denn sein? Vielleicht sind es Persis und Michael, dachte sich Rilla und war aufgestanden. Sie ging in den Flur und warf eine Blick in den Spiegel. In Ordnung, so konnte sie Besuch empfangen.
Rilla
öffnete die Tür und ihr blicken zwei total fremde Gesichter
entgegen.
Sie blickte verwundert in die Gesichter der fremden
Frauen. "Guten Tag. Kann ich ihnen behilflich sein?",
fragte sie.
"Natürlich können sie das! Wir sind
gekommen um sie und ihren Gatten hier in der St. Patricks-Lane
willkommen zu heißen.", sagte eine der Frauen. Die ältere
der beiden Damen die einen Korb voll mit Honig, Salz und frisch
gebackenem Brot trug warf Rilla ein Lächeln zu.
"Wenn
das so ist, bitte drehten sie ein", meinte Rilla und machte eine
einladende Handbewegung Richtung Wohnzimmer. Die Damen lächelten
und betraten das Haus.
"Oh, sehr gemütlich",
meinte die jüngere und lies ihren Blick durch das Haus
schweifen.
"Vielen Dank. Aber nehmen sie doch bitte Platz.
Möchten sie etwas trinken? Tee? Kaffee?", fragte die
Gastgeberin.
"Tee währe nicht schlecht", lächelte die ältere. "Da stimme ich dir ausnahmsweise zu Becca", meinte die andere. Rilla lächelte die Damen an und ging in die Küche. Sie setzte Teewasser auf und richtete ein Tablett mit selbst gebackenem und dem besten Porzellan her. Der erste Eindruck ist doch der wichtigste! Jedoch wunderte Rilla sich. Sie und Kenneth bewohnten Ivy Porch nun seit gut zwei Monaten und bisher hatte sich niemand in dieser Straße auch nur die kleinste Mühe gemacht, um mit ihnen Bekanntschaft zu schließen. Und wie aus dem nichts, kam diese beiden Damen nun. Rilla schlug sich ihre Zweifel aus dem und war glücklich darüber, endlich Besuch zu haben.
Sie kam mit einem beladenen Tablett zurück und goss den Damen Tee ein. "Einfach vorzüglich", meinte die jüngere und stelle ihre Tasse ab. "Sie sind Mrs. Kenneth Ford, nicht wahr? Sie haben den Sohn des berühmten Schriftstellers Owen Ford geheiratet. Ich weis bestens über sie bescheid", meinte die jüngere. "Ihre Hochzeitsanzeige war die größte in der Zeitung."
"Ja, da haben sie recht. Aber leider weis ich immer noch nicht wer sie sind", lächelte Rilla ihre Besucherinnen an.
"Oh nein, wo sind den nur unsere Manieren Becca! Wir sitzen hier, trinken Tee und essen gebackenes. Und sie weis nicht einmal mit wem sie das vergnügen hat. Also nein", sagte die jüngere und blickte die andere an, " du hättest wirklich etwas sagen können Becca."
"Ich bin Mrs. Julia Spencer-Boyd und das hier ist
Rebecca Johnson", meinte sie und zeigte auf die ältere.
"Danke Julia, ich wollte uns ja schon längst
vorstellen, aber bei dir kommt man einfach nicht zu Wort.",
lächelte Rebecca zuckersüß. Mrs. Spencer-Boyd
errötete kurz. "Papperlapapp. Ist ja nun egal, sie weis ja
nun wer wir sind. Auch wenn es etwas länger gedauert hat.",
winkte Julia ab und nahm einen kräftigen schluck Tee.
"Mrs. Ford, sie wundern sich bestimmt warum wir erst jetzt kommen. Das tut uns wirklich sehr leid, aber wir sind erst gestern Abend aus Buffalo zurück gekommen und da wollten wir nicht stören. Mrs. Spencer-Boyd und ich befanden uns die letzten zwei Monate bei einer Verwandten von uns, die im sterben lag. Vor einer Woche ist sie von uns gegangen und so beschlossen wir, wieder nach Hause zu kommen", erklärte Rebecca.
Das erklärt natürlich
alles, dachte sich Rilla und bot ihren Gästen noch Plätzchen
an. "Sie sind also mit einander Verwandt? Das ist ja
interessant. Sie sehen sich kein bisschen ähnlich", meinte
Rilla.
"Zum Glück nicht", rief Rebecca aus.
"Becca, ich bitte dich", meinte Julia und warf ihr
einen bösen Blick zu. "Du sollst mich nicht immer Becca
nennen", zischte Rebecca.
"Unsere Mütter waren
Cousinen. Die Verwandte, die gestorben ist, war eine Cousine unserer
Mütter. Wir waren die letzten Verwandten die sie noch hatte.",
erklärte Rebecca.
"Ich verstehe. Mrs. Spencer-Boyd, noch Kuchen oder Plätzchen?", fragte Rilla nach. "Nein vielen dank, Mrs. Ford. Ihre Plätzchen sind wirklich gut. Ich habe schon lange nicht mehr so etwas gutes gegessen. Das letzte mal auf Tante Muriels Beerdigung", meinte Julia.
So verstrich der Nachmittag langsam. Die drei Damen unterhielten sich noch eine ganze Weile und so erfuhr Rilla einiges über die beiden. Mrs. Spencer-Boyd, die sich geweigert hatte ihren Mädchennamen abzugeben, lebte mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann, zwei Straßen entfernt. Julia Spencer-Boyd schien eine Mischung aus Cornelia Elliott und Mary Douglas zu sein. Rilla hatte sich oft auf die Zunge beißen müssen, bei den Worten von Julia. Sie ließ an nichts und an niemandem ein gutes Haar. Sie ist bestimmt die scharfzüngigste Person in ganz Toronto. Aber ich glaube sie trägt das Herz auf dem rechten Fleck, überlegte sich Rilla.
Über Rebecca erfuhr sie nicht sehr viel, da Rebecca anscheinend nicht sehr gerne über die Vergangenheit redete. Mrs. Johnson war Witwe und bewohnte das Haus gegenüber von Ivy Porch, worüber Rilla sehr erfreut war. Rilla hatte Rebecca, die zweit beste Köchin nach Susan wie sie fand, sofort ins Herz geschlossen. Sie war eine kluge, offene, Herzensgute Frau. Obwohl sich bereits einige Falten in ihrem Gesicht befanden, schien sie einst eine schöne Frau gewesen zu sein.
Kenneth hatte am Abend über Julia Spencer-Boyd lachen müssen. Rilla schilderte sie in allerlei Farben die man sich vorstellen konnte. "Zum glück war ich nicht hier, als diese Person hier war. Ich kenne sie aus den Erzählungen meiner Mutter. Mum meint, Julia Spencer-Boyd und ihre Familie gehören zur guten Gesellschaft von Toronto. Sie mischt sich zwar in alle Dinge ein, die sie nichts angehen aber sie scheint wiederum kein schlechter Mensch zu sein. Wenn du ihr gefallen hast, und davon bin ich überzeugt, hast du seit heute Nachmittag eine neue Freundin gefunden. Ich wette mit dir Julia Spencer-Boyd und Rebecca Johnson werden nun öfters hier rein schauen", meinte Kenneth.
„Ich mag Rebecca. Ich habe sie schon ins Herz geschlossen. Ich glaube, sie ist eine Verwandte Seele. So würde es Mum jedenfalls sagen", lächelte Rilla und blickte auf das Familienfoto das auf dem Kamin stand.
Womöglich hatte Kenneth recht. Vielleicht versprach dies nun endlich der Anfang einer Freundschaft zu werden.
