Kapitel 36
Askaban
Als sie aufwachte, fühlte sich Amanda vollkommen gerädert und noch müder als zuvor. Zwischen diesen kalten, dunklen Mauern schien auch nur einwenig Erholung unmöglich zu sein. Obwohl es draußen sicherlich ein warmer Sommertag war, so war es in ihrer Zelle kalt und feucht. Frierend wickelte sich Amanda etwas fester in den Stoffrest, der wohl mal eine Decke gewesen war und zog die Knie an die Brust. Es waren zwei Tage seit der Anhörung vergangen und inzwischen fragte sie sich immer öfter, ob sie hier je wieder herauskommen würde. Ihre Gedanken schweiften immer wieder zu Severus, dem es sicherlich viel schlechter ging als ihr und das schlechte Gewissen wuchs dabei nur noch mehr.
Ein Dementor ging an Amandas Zelle vorbei und für einen kurzen Moment war ihr Kopf ein Wirrwarr aus Alpträumen. Auch wenn sie das schon einmal zwei Wochen überstanden hatte, wurde es nicht besser, sondern von Mal zu Mal schlimmer. Sie konnte nur noch hoffen, dass diese verfluchte Fehde bald ein Ende haben würde.
Snape befand sich ein gutes Stück von Amandas Zelle entfernt. Ihm war das dubiose Vergnügen zuteil geworden, eine Zelle im Hochsicherheitstrakt zu bekommen - dort, wo früher alle gesuchten und gefürchteten Todesser eingesperrt wurden.
Dementsprechend ausgeprägt war dort auch heute noch die Bewachung durch Dementoren, obschon die meisten Insassen mittlerweile längst gestorben, oder verrückt geworden waren, durch die ständige Anwesenheit der hungrigen, verhüllten Kreaturen.
Auch Severus hatte schon mit den Folgen ihrer ständigen Anwesenheit zu kämpfen. Obwohl er erst zwei Tage hier weilte, kamen ihm sein Aufenthalt schon langsam wie eine Ewigkeit und die letzten Wochen wie ein Traum vor.
Zusammengekauert, um nicht zu frieren, saß er in einer Ecke seiner Zelle und fristete ein mehr als trostloses Dasein, welches nur von regelmäßigen, alptraumartigen Déjà-vus unterbrochen wurde – immer dann, wenn ein Dementor vorbeischwebte.
Snape hatte das Gefühl, seine ganze Vergangenheit noch einmal zu erleben. Jedes Mal, wenn wieder eine verhüllte Gestalt in seine Nähe kam, nistete sich eine andere Erinnerung, die er am liebsten vergessen hätte, in seinem Kopf ein und quälte ihn nun wieder.
Wieso musste ihm seine Vergangenheit auch noch heute alles zerstören? Hatte er, aufgrund eines dummen Fehlers in seiner Jugend, kein Glück mehr verdient und musste stattdessen nun ewig dafür büßen, dass er damals so verblendet war und Todesser wurde? Diese Gedanken schossen ihm auch gerade wieder, während eines lichten Momentes, durch den Kopf.
Doch er hatte keine Zeit, länger darüber zu philosophieren, denn zwei Minuten später schwebte erneut ein Dementor vorbei und ließ Schmerzensschreie zweier Personen in Snapes Kopf dröhnen, die vor Jahren Opfer seiner Folter wurden… Eine weitere Erinnerung, die er schon fast vergessen hatte und die nun wieder völlig aufzuleben begann.
Dumbledore hingegen hielt sich den überwiegenden Teil der letzten zwei Tage im Ministerium auf und versuchte, sein Versprechen, dass er Severus gegeben hatte, einzuhalten.
Er ließ seine Kontakte spielen und setzte alle Hebel in Bewegung, um möglichst schnell Licht in diese dubiose Verhandlungssache zu bekommen. Unterstützt wurde er durch seine Kollegen, die auch ein Interesse daran hatten, zu erfahren, warum sie nicht zur Anhörung geladen worden waren.
Langsam rappelte sich Amanda auf, ging hinüber zu der kleinen Fensteröffnung und versuchte den Himmel zu sehen. Doch es gelang ihr nicht, auch nur ein kleines Stück Blau zu erhaschen. Die Wände waren einfach zu dick und das Fenster zu hoch. Leise seufzte sie und ging unruhig in ihrer Zelle umher. Welch böse Ironie des Schicksals es doch war… Kaum hatte sie mit dem Tod Brightons und dem darauf folgenden Gefängnisaufenthalt abgeschlossen, war sie schon wieder hier. Sollte die Nachricht ihrer zweiten Verhaftung in die Öffentlichkeit geraten und sie dann je wieder herauskommen, würde es ihr nachher noch den letzten Kunden von Felonwood kosten. Was wohl ihre Familie dachte? Ihre Mutter würde wohl sicher zufrieden sein, während ihr Vater und Bruder wohl besorgt waren. Vielleicht würde man ihnen ja diesmal wieder erlauben, sie zu besuchen.
Und was war wohl mit Alan? So ganz sicher war sich Amanda nicht. Auch wenn er nicht ganz zufrieden mit seine Arbeit war, so brachte er dem Ministerium schon viel Vertrauen entgegen. Wahrscheinlich machte er sich auch nicht nur um sie Sorgen… Das erinnerte Amanda wieder daran, was sie Alan noch unbedingt sagen musste und sie hoffte, dass die Presse nicht zuviel mitbekam.
Erneut seufzte sie und ließ sich wieder auf den Boden sinken. Eigentlich war die Hilflosigkeit das Schlimmste. Immer darauf hoffen zu müssen, dass jemand anders, da draußen, alles wieder richten und dafür sorgen würde, dass sie bald wieder frei sein würde - und mit ihr Severus.
Die hintergangenen Zauberer des Wizengamots und vor allem Dumbledore waren indes hin und her gerissen zwischen der Freude, zwei unschuldige Personen nicht mehr viel länger in Askaban festhalten zu müssen und den schockierenden Tatsachen der ganzen Hintergründe dieses Falls.
Der Vorsitzende des Wizengamots hatte wohl wirklich keine Ahnung von dem gehabt, was tatsächlich im Verborgenen, hinter seinem Rücken, vor sich ging.
Und Birch hatte wohl tatsächlich die Absicht gehabt, sich nach so langer Zeit nun doch noch die Genugtuung zu verschaffen, Snape nach Askaban zu schicken. Dass dafür Amanda, die mit ziemlicher Sicherheit unschuldig war, unrechtmäßig verurteilt werden musste, störte ihn dabei offensichtlich wenig. Mithilfe seiner guten Kontakte innerhalb des Ministeriums hatte er die Möglichkeit gehabt, Beweise zu vernichten oder zu verfälschen und die Post an einige Mitglieder des Wizengamots zurückzuhalten, um sein Ziel zu erreichen.
Kaum war diese Sache so langsam ans Licht gekommen und dem Vorsitzenden, sowie dem Zaubereiminister unterbreitet worden, kam es schon zu ersten Suspendierungen und Entlassungen. Birch war allerdings, aufgrund seines Einflusses einer der Letzten, die gehen mussten.
Natürlich blieb es in einem Fall dieser Tragweite nicht nur bei den Entlassungen. Die Beteiligten wurden alle vorsorglich in Gewahrsam genommen, um sie später wegen Justizbetrug und anderer Dinge der Gerichtsbarkeit vorführen zu können.
Die ganzen Nachforschungen, sowie die Berufung neuer Mitglieder ins Wizengamot, beanspruchten natürlich, auch bei aller gebotenen Eile, einige Tage.
Doch nach knapp einer Woche war es dem neu gebildeten Wizengamot unter Leitung des alten Vorsitzenden möglich, den Prozess um Amanda und Snape neu zu verhandeln und aufzurollen.
Ganz sicher war Amanda sich nicht, wie viel Zeit seit dem Verhandlungstag nun schon vergangen war. In Askaban verlor der normale Tagesrhythmus zu schnell an Bedeutung. Aber wahrscheinlich waren es fünf oder sechs Tage, auch wenn es ihr sehr viel länger vorkam. Es beunruhigte sie langsam, dass die ganze Zeit noch niemand bei ihr gewesen war, um ihr mitzuteilen, wie und wann es nun weiter ging.
Das war schon seltsam, obwohl da im Ministerium wohl etwas ziemlich im Argen liegen musste, wenn jemand wie Birch eine Gerichtsverhandlung so sehr nach seinem Sinn umlenken hatte können. Amanda hoffte einfach, dass sich alles möglichst schnell als die große Verschwörung auftun würde, die es allem Anschein nach war.
Auch wenn sie sich müde und ausgelaugt fühlte, ging es ihr noch recht gut. Vielleicht lag das auch daran, dass sie sich dauernd vor Augen führte, wie es wohl Snape ging und dass sie im Vergleich zu ihm gar keinen Grund hatte, sich schlecht zu fühlen.
Eine Weile sinnierte sie noch vor sich hin, bis plötzlich jemand ihre Tür öffnete. Es war ein Ministeriumszauberer, der sie aufforderte, mitzukommen. Überrascht folgte Amanda seiner Aufforderung und fragte sich, was nun passieren würde.
Auch als sie schließlich vor der großen, schweren Tür standen, die ins Freie führte, beantwortete der Zauberer neben ihr diese Frage nicht.
Plötzlich hörte Amanda die Schritte weiterer Personen näher kommen und drehte sich um. Sie sah Snape, in Begleitung zweier Männer auf sich zu kommen. (A/N: Hehe. Die Hochsicherheitseskorte. *GG*) Auch wenn sie sich bemühte, konnte Amanda ihre Gefühle zwischen Mitleid und Schrecken nicht ganz verbergen. Severus hatte jegliche Farbe aus dem Gesicht verloren und seine Augen waren leerer und ausdrucksloser als sonst. Lange konnte sie ihn jedoch nicht ansehen denn der Mann neben ihr schob sie am Arm gepackt vorwärts.
Immerhin wusste sie nun was los war: Die Gerichtsverhandlung stand an.
Das Eintreffen der beiden Ministeriumsbeamten und das Öffnen seiner Zellentür nahm Snape nur durch einen dumpfen Schleier wahr, denn kurz vorher hatten noch zwei Dementoren kurz nacheinander seine Zelle passiert und ihm wieder eine alptraumartige Erinnerung nach der anderen aufgezwungen.
Die Aufforderung des einen Beamten, aufzustehen und mitzukommen, riss Snape wieder etwas aus seiner Lethargie und klärte seine Sinne wieder soweit auf, als dass er sich die Frage stellen konnte, wohin sie ihn bringen würden.
Er wusste nicht mehr, wie viele Tage er nun schon hier in dieser Zelle verharrt hatte, aber es war schon zu viele gewesen, als dass er noch daran glauben konnte, dass Dumbledore mit seinem Versuch, ihn erneut aus Askaban zu retten, Erfolg haben würde.
Seine Gedanken kreisten in den wenigen stillen, dementorfreien Momenten immer wieder um die gleichen Themen: Amanda und sein offensichtlich verpfuschtes Leben.
Auch wenn er sich schon so langsam an den Gedanken gewöhnt hatte, den Rest seiner Tage im Gefängnis zu verbringen, so hoffte er doch immer noch, dass es wenigstens für Amanda noch eine Chance geben würde, wieder freizukommen.
Von den beiden Ministeriumsbeamten flankiert, ging er den Gang entlang und mit jedem Schritt spürte er, wie ein wenig der inneren Beklemmung, die durch die permanente, hohe Bewachung durch Dementoren ausgelöst wurde, von ihm abfiel.
Sein Geist wachte so langsam wieder aus der lähmenden Lethargie auf und damit verbunden spürte Snape erst so richtig, wie schlecht er sich eigentlich fühlte. Er fühlte sich alt - alt und verbraucht. (A/N: *schnief*)
Doch so schnell wie sein Verstand den Zustand seines Körpers erfasst hatte, so schnell war er auch schon wieder bei den beiden zentralen Themen der letzten Tage. Er fragte sich, wo Amanda war und wie es ihr ging. Vielleicht war sie auch schon gar nicht mehr hier und er würde nur in eine andere Zelle verlegt werden? Oder Birch wollte ihn noch einmal so richtig durch die Mangel nehmen, bevor er für immer in den Tiefen von Askaban verschwand…
Als sie jedoch noch eine Biegung der vielen Gänge hinter sich gelassen hatten, wurden einige der Fragen, die Snape gerade noch beschäftigt hatten, beantwortet.
Er sah sich Amanda gegenüber, die in Begleitung eines weiteren Ministeriumsbeamten war. Er wusste nicht, ob er sich nun über das Wiedersehen freuen oder trauern sollte. Er hatte gehofft, sie wäre schon längst wieder aus Askaban entlassen worden, doch dem schien nicht so gewesen zu sein. Dennoch… Er war froh und erleichtert, dass sie wenigstens einigermaßen wohlauf schien. Dass er selbst aussah wie ein Gespenst, war ihm nicht bewusst, auch wenn er sich nicht besonders gut fühlte.
Als er fast bei ihr war, versuchte er sie mit einem kleinen Lächeln zu begrüßen, doch es gelang ihm nichts, das auch annähernd nach dieser Gefühlsregung aussah. Lediglich seine Mundwinkel zuckten etwas nach oben, wodurch sich seine Lippen ein wenig verschmälerten, was schlussendlich eher nach einem kurzen, verbitterten Zusammenpressen der Lippen aussah, als nach einer freundlichen Geste.
Auch sein Blick konnte momentan nichts als Leere preisgeben. Noch zu nahe waren all die Gedanken, die ihn in der Gefängniszelle gequält hatten.
Die Beamten ließen ihnen keine Zeit sich zu begrüßen oder zu unterhalten. Sobald sie alle beisammen waren, wurden sie nach draußen und von dort weiter ins Ministerium und in den Verhandlungssaal gebracht. Als sie ankamen, schien alles nur noch auf sie zu warten.
Snape sah sich kurz um. Die Ränge waren diesmal gefüllt mit Mitgliedern des Wizengamots, wovon etwa ein halbes Duzend neu berufen schien, denn er hatte sie noch nie zuvor hier gesehen. Auch Dumbledore saß unter ihnen.
Nun war es also doch noch wahr geworden, an was er kaum noch geglaubt hatte, dachte sich Snape. Dumbledore hatte Wort gehalten. Jetzt war nur noch zu hoffen, dass seine Nachforschungen positive Ergebnisse in Bezug auf ihn und Amanda gebracht hatten.
