Die zweite Chance
Fanfiction von Slytherene
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Danke schön an Textehexe, Sally S., Moonlight, Reditus Mortis, Spitzohr und Alcina für Eure Reviews!
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Liebe Leserinnen,
hier das versprochene flotte und letzte Update vor dem Urlaub. Heute wird es romantisch, wenn auch eine Romantik der dunkleren Art.
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Beta-gelesen von TheVirginian, kiitos!
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Feel for you?
Distance is covering your way,
Tears your memory
All this beauty is killing me
Oh, do you care,
I still feel for you
So aware,
What should be lost is there
I fear I will never find anyone
I know my greatest pain is yet to come
Will we find each other in the dark
My long lost love
(Nightwish)
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36. Im Angesicht des Toten
„Du bist wirklich schweigsam", monierte Sirius und trampelte von einem Fuß auf den anderen.
Seit er erfahren hatte, dass Severus zu sich gekommen war, brannte er darauf, dem Tränkemeister einen Besuch abzustatten – doch er wollte nicht allein gehen.
„Du wärst nicht allein, Malfoy liegt auch dort im Zimmer", gab Remus zu bedenken.
Er ließ seine Sachen in den alten Koffer schweben, der ihn schon so viele Jahre begleitete. Poppy hatte am Morgen entschieden, dass Remus gesund genug war, den Krankenflügel zu verlassen.
„Wieso liegt der eigentlich nicht im St. Mungos oder in der Krankenstation von Askaban?", beschwerte sich Sirius. „Lucius kann sich doch mit Sicherheit ein Einzelzimmer leisten."
„Albus sagte mir, es gäbe noch zu viele Todesser auf freiem Fuß, man kann St. Mungos nicht hermetisch abriegeln. Askaban ist ohnehin voll davon. Malfoys Leben wäre dort in Gefahr. Das Ministerium will das nicht riskieren, sie wollen ihn vor Gericht." Remus zuckte die Schulter. „Falls ihm hier etwas passiert, ist natürlich der Orden verantwortlich, nicht das Ministerium."
Sirius pfiff durch die Zähne. „Clever ausgedacht. Wie sieht es aus, besuchen wir die Kellerassel?"
Remus nickte ergeben. Er hätte Severus lieber ohne Sirius im Schlepptau gesprochen. Es ging dem Tränkemeister noch immer schlecht, und Remus hatte das sichere Gefühl, dass vor allem Sirius' Besuch nicht eben zur einer Verbesserung beitragen würde. Doch wenn er sich weigerte, würde Sirius am Ende doch allein gehen, und Remus wagte nicht, sich auszumalen, was ein vermutlich übel gelaunter Severus und der temperamentvolle Sirius einander antun könnten – und sei es nur verbal. Ganz zu schweigen von einem ungebremsten Aufeinandertreffen zwischen Sirius und dem Gatten seiner Cousine.
Die wenigen Schritte waren schnell getan. Remus' Knie fühlte sich beinahe wie neu an, sah man von einem gewissen Taubheitsgefühl gegen Abend ab. Seine Schulter schmerzte noch immer, doch Poppy hatte gesagt, das würde vorübergehen, er müsse eben Geduld haben.
Remus staunte, als Sirius klopfte. Er hatte erwartet, dass sein Freund einfach die Tür aufreißen würde.
„Herein", schnarrte eine Stimme.
Malfoys Bett stand dem Eingang am nächsten. Der Slytherin sah nicht mehr sonderlich krank aus. Remus hatte bereits einmal mit ihm gesprochen, als er nach Severus sehen wollte, und sie hatten sich erstaunlich gut unterhalten. Allerdings war Malfoy der Mensch mit dem langweiligsten Literaturgeschmack, mit dem sich Remus jemals ausgetauscht hatte. Russische Klassiker – wer konnte sich allein die vielen Namen in den ersten Kapiteln merken?
Vermutlich nur jemand, der seine Ahnenreihe bis ins zweihundertste Glied auswendig wusste, auch in entlegenen, ausgestorbenen Zweigen der Familie.
Malfoy legte einen Finger auf die Lippen, als er Remus und Sirius erkannte, und wies zu Snapes Lager. Der Tränkemeister war so blass, dass sein Gesicht in den weißen Kissen zu verschwinden schien. Eine zierliche Gestalt in einer weißen Robe saß auf einem Stuhl neben dem Bett. Sie hatte sich weit nach vorne geneigt und hielt die Hand des Zauberers in der ihren. Ein geflochtener Zopf, durchzogen von silberig grauen Strähnen, lag über ihrer Schulter.
Remus erstarrte, als er Sanni erkannte. Er hörte Sirius schlucken und sah dann das grenzenlose Erstaunen auf dem Gesicht seines Freundes, das vermutlich seine eigene Miene widerspiegelte.
Sanni und Severus? Aber wie konnte das sein?
Die Hexe blickte jetzt auf und erkannte sie ebenfalls. Sie wirkte allerdings nicht peinlich berührt, sondern winkte die beiden Zauberer heran. Steif, als hätte er einen Ladestock verschluckt, folgte Remus dem Animagus.
„Gut, dass ihr kommt", sagte sie. „Ich wäre als nächstes hinüber in euer Zimmer gegangen. Es wird Zeit, sich zu verabschieden. Heute Nacht kehren wir nach Hause zurück. Matti kommt zu dir, sobald ich wieder bei meiner Mutter bin, Remus."
Die Worte erreichten ihn nur wie durch einen Schleier hindurch.
„Du hältst seine Hand", sprudelte Sirius plötzlich empört hervor. „Nach allem, was er dir damals angetan hat. Der ‚Illusionis', den er dir ins Glas gegossen hat…"
Remus hingegen fehlten die Worte. Seine Gefühle waren ein wildes Durcheinander aus Enttäuschung, Unverständnis und Eifersucht.
Sanni lächelte. Sie wirkte unnatürlich ruhig „Die Umstände waren damals nicht günstig für eine Freundschaft, doch ich schätze Severus. Er hat so viel für unseren Sieg getan. Es war seine Idee, an Eero zu schreiben und so die Hukkareiter zu rufen. Nach so langer Zeit ist es richtig, alte Rechnungen zu streichen, Fehler zu vergeben und die Hand zur Versöhnung zu reichen."
Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann räusperte sich Sirius und wandte sich an den Tränkemeister.
„Ich würde dir auch gerne die Hand zur Versöhnung reichen, Sni…Severus", verbesserte er sich. „Es erscheint mir lange überfällig. Du hast gut gekämpft."
Er bot Snape seine Rechte. Remus beobachtete, wie Severus Atem schöpfte und seine Kräfte sammelte. Zu einer scharfen Entgegnung? Die dunklen Augen funkelten. Boshaft? Man konnte den schnellen Pulsschlag an einer Ader auf Snapes Stirn sehen. Die beiden Löcher, die Naginis Biss auf seiner linken Wange und unter der Augenhöhle verursacht hatte, waren verschorft und von dunklem Blau umflossen. Die gesamte Gesichtshälfte war noch geschwollen und weißlich verfärbt. Das Gift hatte die Pigmente der Haut zerstört. Das bleiche Weiß würde bleiben, wie Remus von Poppy wusste. Auf der rechten Halsseite sah man die Narben des Gegenbisses.
Das verblasste Dunkle Mal auf Snapes Unterarm legte sich auf die Nummer aus Askaban in Sirius' Handgelenk, als er die angebotene Hand annahm.
Snapes Stimme war kaum mehr ein leises Krächzen. Das Gift hatte auch die Stimmbänder in Mitleidenschaft gezogen. Früher hatte der eine melodiöse, fast hypnotische Stimme besessen, wie die meisten Legilimenten.
„Wir werden niemals Freunde sein, Black, du und ich", flüsterte er heiser.
„Damit kann ich prima leben", antwortete Sirius leichthin. „Fürs erste reicht Respekt."
Sanni erhob sich. „Ich denke, wir sehen uns später noch", sagte sie. „Alles Gute, Severus. Ich hoffe, du wirst wieder gesund."
Remus sah ihr nach, wie sie kurz an Malfoys Lager verharrte. Ganz offenbar hatten diese beiden sich ebenfalls ausgesöhnt, denn Malfoys sarkastische Bemerkungen entbehrten der üblichen Schärfe, und Sanni lachte darüber.
„Sannitara." Malfoy hielt sie am Handgelenk fest. Seine Stimme hatte jeden scherzenden Unterton verloren, als er jetzt sprach. „Du hast mir etwas versprochen. Denke an Draco."
„Ich halte mein Wort", entgegnete sie.
Er atmete sichtbar auf. „Vater wäre stolz auf dich. Du warst ihm stets eine bessere Tochter als ich ein guter Sohn."
„Abraxas war weitaus liebevoller als Pate, denn als Vater", gab sie zurück. „Sein Patenkind zu sein war einfach. Ich habe mir oft für dich gewünscht, sie wären nicht so hart gewesen dir gegenüber, Abraxas und Veikko."
Mit diesen Worten verließ sie den Raum, und Remus starrte zur Tür, unfähig, sich zu bewegen. Seine Miene musste Bände gesprochen haben, denn er hörte Malfoy leise lachen.
„Nicht alle Liebesgeschichten finden ein gutes Ende, Lupin. Das zumindest lernt man bei den russischen Meistern", sagte er mit höhnischem Unterton.
Sirius verpasste dem blonden Slytherin eine Kopfnuss. „Wir sind hier im Land von Jane Austen, vergiss das nicht, Idiot."
Er schob Remus in den Flur hinaus. „Merlin, wenn dir noch was an ihr liegt, Moony, musst du langsam mal aktiv werden. Von selbst wird sie dir nicht wie eine reife Frucht in die Arme fallen."
Remus sah seinen Freund an, und endlich begann er zu erzählen: Von den verschwundenen Briefen und von Matti. Einige Stunden hatte er mit dem Jungen inzwischen am Kamin in seinem ehemaligen Lehrerbüro verbracht, sich die Geschichten von Mattis Kindheit angehört. Inmitten eines kanadischen Nationalparks in den Rocky Mountains aufgewachsen, mit einer ganzen Horde von Jungen, den jetzigen Hukkareitern, hatte es seinem Sohn an nichts gefehlt, außer an einem Vater. Veikko Nykänen hatte die Flucht seiner Tochter sorgsam vorbereitet, ohne sie einzuweihen. Als das Kommando Voldemorts erschien, angeführt ausgerechnet von Lucius, der sich auf Nykänen Maatula - immerhin das Landgut seines Paten – auskannte, war eine alte Frau aus dem nahen Dorf an Veikkos Seite gestorben. Vielsafttrank hatte ihr die Gestalt des Mädchens gegeben.
„Nach allem was wir wissen, war sie schwer krank. Großvater hat ihr angeboten, sie für einen Tag wieder jung zu machen, wenn sie danach bereit sei, zu ihren Ahnen zu gehen", hatte Matti erklärt.
Remus bedauerte, dass er keine Gelegenheit erhalten hatte, Veikko Nykänen wirklich kennenzulernen. Auf sein Geheiß war Sanni mit Enni und ihrer Mutter geflohen, und mehr als zwei Jahre hielten sie sich in einer einsamen Gegend Kanadas versteckt, bis endlich die Nachricht von Voldemorts Tod sie erreichte. Es sei Enni gewesen, die Sanni durch inständiges Flehen und zuletzt Drohungen davon abgehalten hatte, in dieser Zeit Remus zu kontaktieren, berichtete Matti. Tatsächlich habe seine Mutter noch vor dem Überfall der Todesser Remus aus Finnland einen Brief geschickt, in dem sie ihm von ihrer Schwangerschaft berichtete. Doch Tarvo, ihr Falke, sei nie zurückgekehrt.
Remus erinnerte sich an den toten Vogel, dem man einen Zettel, auf den das Dunkle Mal gekritzelt war, an die Brust geheftet hatte.
„Wo kamen denn all die anderen Kinder her?", erkundigte sich Sirius jetzt. „Ich meine, das können nicht wirklich Brüder sein?"
„Sannis Vater hatte in seiner Familie alle Verwandten instruiert, ihre männlichen Kinder, die zwischen 1977 und 1980 geboren wurden und ausreichend Sirenenblut besaßen, um Hukkareiter zu werden, zu einem bestimmten Zeitpunkt nach Kanada zur Erziehung durch die Laulajatar Noita zu bringen. Matti hat mir erklärt, dass dieses Vorgehen als „Ruf der Sängerin" eine uralte Tradition ist, der sich niemand widersetzt. Die Familie Nykänen und ihre engen Verwandten wussten alle darüber Bescheid. Schon vor Voldemorts Auftauchen stand fest, dass eine neue Generation Reiter ausgebildet werden würde."
„Das war klar?", fragte Sirius verblüfft nach.
„Sie tun es immer, wenn eine echte Sirene geboren wird. Das Blut führt die Sänger zueinander. Treffen zwei zusammen, die das Erbe – manchmal verborgen – in sich tragen, wird eine Laulajatar Noita geboren. Diese ruft irgendwann die Hukkareiter zusammen."
Sirius schüttelte den Kopf und fuhr sich durch das Haar auf der ungeschorenen Schädelseite. „Das ist doch einfach…ich weiß nicht. Wahnsinn. Diese Kinder werden ihren Eltern weggenommen…"
„Sie werden von den Eltern gebracht", korrigierte Remus. „Glaub mir, Pads, ich fand es zuerst auch mehr als fragwürdig. Doch Matti hat mir erklärt, dass es viele Jahre dauert, einen Hukka auszubilden – und auch der Reiter muss lernen."
„Eine Elite-Zaubererschule mit der Spezialrichtung magische Musik, Wolfsreiten und altnordischer Kampfsport, und das alles im Abenteuerurlaubsambiente ", stellte Sirius nüchtern fest.
„Wenn du es so sehen willst", gab Remus zurück.
„Merlin, du erzählst mir all das, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, so mit Kindern umzugehen. Mir scheint, du steckst bereits ganz tief drin in dieser merkwürdigen Welt aus Monstern, Kriegern und finnischen Mythen", bemerkte Sirius.
Remus zuckte die Achseln. „Das liegt vielleicht daran, dass ich selbst ein Monster bin, das ganz gut in dieses System aus Blutmagie und alten Mythen hinein passt. Sirius, du ahnst nicht ansatzweise, was es innerlich mit mir tut, Sanni zu sehen. Ich spreche nicht einmal von dem Schock, nach achtzehn Jahren die totgeglaubte Geliebte auf einem Schlachtfeld zu treffen, nicht von meinen Schuldgefühlen, dass ich nicht hellhöriger war, als Mette von einer jungen Frau erzählte, die in der Universität in Kopenhagen vor meinem Büro wartete, nicht von dem Augenblick, als mir klar wurde, dass wir einen gemeinsamen Sohn haben. Nein, ich spreche von etwas, das tiefer liegt. Es erinnert mich an den Ruf des Mondlichts, dem ich nichts entgegenzusetzen habe, so sehr ich auch jedes Mal wieder bete, die Verwandlung möge mir durch ein Wunder erspart werden."
„Du betest?", fragte Sirius, und eine steile Falte entstand auf seiner Stirn, die ihm einen besorgten Ausdruck verlieh. „Zu wem?"
Remus starrte ihn an. „Keine Ahnung. Zum Kosmos, zu Mutter Erde, zu den Kräften der Natur, was weiß ich denn."
Sirius wirkte erleichtert. „Ein bekehrter Werwolf hätte mein Weltbild erschüttert", sagte er mit entschuldigendem Lächeln. „Lass mich mal zusammenfassen: Deine Ex hat euren Sohn mit ein paar Kumpels im Wald groß gezogen, und es ist ihm gut bekommen. Das ist in Ordnung, es gibt miesere pädagogische Konzepte. So eine Jugend hätte ich auch gerne gehabt. Sanni ist bestimmt `ne tolle, liebevolle Mutter. Sie hat ihm Geige spielen beigebracht, zaubern und ein paar Fremdsprachen, er hat also fast eine klassische magisch-bürgerliche Bildung.
Du hingegen hast dir nach dem Tod deiner Jugendliebe eine neue Frau gesucht und warst sogar ein paar Jahre ganz zufrieden mit ihr; du hast die einzige Chance auf einen vernünftigen Beruf ergriffen, als sie sich bot. Das scheint mir auch in Ordnung.
Man mag dir vorwerfen, dass du einem Hinweis darauf, dass Sanni noch leben könnte, nicht nachgegangen bist, weil du zu beschäftigt, zu eingesponnen in dein neues kleines Glück warst. Es stimmt, vielleicht hättest du hellhöriger sein müssen. Fakt ist jedoch, du musstest davon ausgehen, dass Sanni tot ist. Sie hingegen wusste, dass ihr beide überlebt habt, sie wusste, dass ihr ein Kind habt. Sie ist nach Kopenhagen gekommen und hat festgestellt, dass du dich neu gebunden hast. Anstatt dich zu konfrontieren, hat sie den Schwanz eingezogen und ist verschwunden. Ich frage mich, warum sie das getan hat. Na schön, sie war erst mal geschockt und verletzt, vielleicht auch verärgert, aber sie musste doch von Eero wissen, dass du sie für tot hieltest. Dann hat sie dir ein paar Briefe geschrieben und keine Antwort bekommen. Das war Grund genug für sie, einfach wieder in ihre Berge und den Wald zurück zu kehren? Ich sage dir ganz ehrlich, Moony: Wenn ich jemanden geliebt hätte, würde ich ihn nicht so einfach davon kommen lassen. Ich hätte dich gestellt und dich gezwungen, mir ins Gesicht zu sehen – mir und dem Kind. Und davon mal abgesehen, du hattest ein Recht zu erfahren, dass du einen Sohn hast. Sie hätte mehr tun müssen, als ein paar Briefe zu schreiben."
„Was genau willst du mir mit diesem Monolog sagen?", erkundigte sich Remus bissig.
„Dass du verdammt noch mal die Schuld nicht immer bei dir suchen sollst. Du glaubst, du hättest kein Recht, etwas für sie zu empfinden, weil du denkst, dass du Fehler gemacht hast. Ich sage dir, sie hat sich mindestens ebenso falsch verhalten. Und jetzt benutze deinen Kopf; Remus! Die Sanni, die ich kannte, war ein Mädchen mit Herz und Gewissen. Sie weiß genau, was sie zu verantworten hat. Wer sagt dir, dass sie sich nicht ebenso für ihre Fehler schämt wie du? Vielleicht steht sie sich mindestens so sehr selbst im Weg wie du."
Remus starrte seinen Freund an. In dessen Augen konnte er lesen, wie sehr Sirius von seinen Worten überzeugt war.
„Und falls du dich irrst?", fragte Remus leise.
„Wenn du sie nicht fragst, wirst du das nie erfahren", gab Sirius zurück. „Willst du noch einmal achtzehn Jahre warten, nur um festzustellen, dass ich Recht hatte?"
Er legte Remus eine Hand auf die Schulter. „Schau, Moony, was hast du zu verlieren, was du nicht schon glaubst, verloren zu haben?"
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Auf dem feuchtkalten Boden des Verbotenen Waldes lag nur noch vereinzelt Schnee, als Remus seine Schritte der Heulenden Hütte näherte. Mit einem Schlenker seines Stabes verscheuchte er zwei Spinnen, so groß wie Rehe. Hagrid würde irgendwann etwas gegen diese Brut unternehmen müssen. Früher waren die Spinnen weder in diesem Teil des Waldes noch auf den Wegen anzutreffen gewesen.
Ganz unvorbereitet ging Remus nicht an den Ort vieler Verwandlungen zu Vollmond. Er wusste um die Gefahr, die für ihn als Werwolf von der Laulajatar ausging. Falls sie spürte, was er war – und das war nicht eben unwahrscheinlich – konnte sie zur Bedrohung werden. Die trollseidenen Stopfen in seiner Umhangtasche fühlten sich weich und warm an.
Er musste nicht einmal ganz bis zur Heulenden Hütte gehen. Zwei Gestalten zeichneten sich gegen das schneebedeckte Gras einer Lichtung am Rand des Weges ab. Die eine war in einen weiten Mantel gehüllt und saß schaukelnd auf einem quer liegenden Baumstamm. Ihre Klauen baumelten in der Luft. Sie jauchzte und klatschte in die Hände. Vor ihr stand Matti, dem die Kälte nichts auszumachen schien. Sein Umhang lag neben ihm auf dem Boden, die blonden Haare und der Bart waren eisverkrustet. Seine gesamte Konzentration galt der Violine in seinen Händen, der er ein Tanzlied entlockte, dessen Rhythmus so zwingend war, dass Remus sich beherrschen musste, um die Füße still zu halten. Obwohl Matti nur dieses eine Instrument spielte, waren auch eine Art Mandoline und ein Tamburin zu hören. Als Remus langsam näher kam, knackte ein dünner Zweig unter seinen Stiefeln. Die Laulajatar blickte auf. Ihre grünen Augen glitzerten.
„Ihmissusi!"
Ihr Ausruf ließ Matti innehalten. Die Musik verstummte. Die Violine glitt von seiner Schulter und er bedeutete Remus zu warten, während er zu seiner Großmutter ging und ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. Seine finnischen Worte waren für Remus nicht zu verstehen, doch Sannis Name fiel mehrmals; schließlich nickte die Sirene, und Matti winkte ihn heran.
Zögernd trat Remus näher. Die Sirene betrachtete ihn neugierig. An dem Abend ihrer Ankunft im Grimmauldplatz schien sie ihn kaum wahrgenommen zu haben. Doch dieses Mal, da war sich Remus sicher, wusste sie, wenn sie vor sich hatte. Remus hielt ihrem Blick tapfer stand. In ihren Augen brannte dasselbe Feuer wie in denen ihrer Tochter, wenn sie zornig war, doch die Flammen der Laulajatar hatten die Farbe im Sonnenlicht schimmernden Malachits.
„Ich bin Remus", sagte er schließlich. „Wir sind einander noch nicht vorgestellt worden."
Matti lachte über Remus' förmliche Worte. Doch die Sirene streckte ihre welken Hände aus und fuhr mit den Fingern über seine Wange. Sie öffnete den Mund und intonierte ein Lied, leise und zart wie der Gesang eines Vogels. Remus fragte sich, ob sein Herz nun stehen bleiben würde und seine Augen aus den Höhlen quellen, wie er es bei den Männern aus Fenrirs Rudel gesehen hatte, aber er verspürte kein Gefühl der Bedrohung, sondern nur tiefen Frieden.
„Es ist nur ein Lied", raunte Matti. „Du wirst nicht gleich davon sterben. Es ist ein Geschenk."
„Ich bedanke mich. Kiitos paljon", antwortete Remus, als sie geendet hatte.
Die Sirene verzog die Lippen zu einem Lächeln, das erstaunlich weiße, gleichmäßige Zähne entblößte.
„Wovon handelt das Lied?"
„Sie singt von einem Mann, dessen Diamanten Flüsse füllen", übersetzte Matti.
Für einen Moment sann Remus über das Rätsel nach.
„Was tust du hier?", erkundigte sich Matti.
„Ich suche deine Mutter", gab Remus zur Antwort. „Sie sagte vorhin, dass ihr abreist?"
Matti nickte. „Heute Nacht. Der tote Hukka ist verbrannt, die Verletzungen von Jukka, Lasse und Penti sind soweit geheilt, und es wird Zeit, Rasmus zu beerdigen. Seine Eltern bereiten bereits alles vor."
Remus nickte und biss sich auf die Lippen. Nicht nur er selbst hatte Freunde verloren.
„Ihr geht nach Finnland?", fragte er.
„Ja, nach Tampere. Dort wohnt Rasmus' Zweig der Familie." Matti sah Remus an. „Ich werde nicht lange bleiben. Meine Heimat ist Kanada. Im April gehe ich mit Iikka nach Kalifornien, da gibt es eine neue Musikhochschule."
„Was ist mit der guten alten Sibelius-Akademie in Helsinki?", erkundigte sich Remus.
Matti verdrehte die Augen. „Du klingst wie Mutter, das fragt sie auch immer. Fakt ist, dass sie uns dort nichts mehr beibringen können. Außerdem will ich andere Musik machen als Sibelius. Er ist schon vierzig Jahre tot."
Mattis Großmutter summte eine Melodie, die Remus vage bekannt vorkam.
„Ja, ich weiß", sagte Matti zu der alten Zauberin, „Mozart ist bereits 206 Jahre tot und seine Musik lebt immer noch. Aber ich habe dir schon tausendmal und mehr erklärt, dass ich Rock und Metal spielen will, nicht Klassik."
„Sieht mir nach einem klassischen Generationenkonflikt aus", stellte Remus fest.
„Oma ist noch ein Schatz", seufzte Matti. „Du müsstest Mutter mal hören, über die Vergeudung von Talent, mangelnde Ehrfurcht vor der Gabe,…" Er zuckte die Schultern. „Nun ja, wenn du vor April nichts Besseres vorhast – wir wohnen etwa hundert Meilen nördlich von Canmore. Oder du schaust im Frühjahr mal, wer den Generationenkonflikt für sich entscheiden konnte. Sollte ich doch in Helsinki landen, schicke ich dir eine Eule."
„Das ist keine gute Idee", winkte Remus ab. „Mit Eulenpost habe ich keine besonders guten Erfahrungen gemacht, was dich und deine Mutter angeht. Canmore klingt ziemlich annehmbar."
Er hatte zwar weder eine Ahnung, wie er eine Reise nach Kanada finanzieren sollte, noch ob es auch in Sannis Sinn war, Matti dort zu besuchen. Doch das letzte, das er wollte, war den Jungen zu enttäuschen. Matti hatte nicht den leisesten Zweifel an Remus' Worten geäußert, dass er Sannis Briefe nicht erhalten habe. Obwohl mit siebzehn Jahren formal erwachsen, schrie alles an dem Jungen nach einem Vater, und Remus würde tun was nötig war, um seine Versäumnisse zumindest aufzuarbeiten. Ihm war klar, dass er die Zeit nicht zurückdrehen konnte. Doch schon jetzt zeigte ihm die Aufhellung in Mattis Miene, wie sehr er sich über Remus' Zusage freute.
„Klärst du die Details mit Mutter nach dem Essen?", erkundigte sich Matti. „Ich habe meiner Großmutter noch einen Spaziergang versprochen, und es wird bald dunkel."
„Essen?", erkundigte sich Remus erstaunt.
„Professor Dumbledore gibt ein Dinner in der Großen Halle. Die Decke ist bereits repariert, hieß es vorhin. Wir sind alle eingeladen. Ist eine Art spontanes Event, war die Idee von Fleur und Sirius Black, als sie gehört haben, dass wir abreisen. Black, der ist doch dein Freund?"
Remus nickte.
„Eero hat mal von ihm erzählt", informierte ihn Matti. „Er macht auch Musik, heißt es."
„Deine Mutter hat ihm Unterricht gegeben, damals", sagte Remus und versank einen Moment in der Erinnerung. Er sah Sanni vor sich, wie sie auf dem zerschlissenen Teppich in seiner winzigen Bude hockte und Sirius Anweisungen gab, über den Knien ihre schwarze Gitarre. Er versuchte, das Bild abzustreifen. „Wo ist Sanni eigentlich?"
„Sie ist nach London gefloot. Ein Gespräch mit Lawbender, dem Anwalt. Na, du hast ihn ja kennen gelernt. Danach wollte sie zum Grab ihres Paten."
„Abraxas? Liegt er nicht auf Malfoy Manor begraben?", fragte Remus, und eine seltsame Nervosität bemächtigte sich seiner. Dort draußen liefen vermutlich noch einige Todesser frei herum, und der Landsitz der Malfoys war wohl kaum ein sicherer Ort für eine Person wie Sanni.
„Nein", erwiderte Matti. „Sie hat mich schon ein oder zwei Mal mit zum Friedhof genommen, er ist irgendwo mitten in London. Aber ich war noch ein Kind damals. Sicher kann Lucius Malfoy es dir sagen."
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Natürlich wusste Lucius, wo sein Vater begraben lag. Es gab einen alten Friedhof in der Nähe des Londoner Geschäftshauses der Malfoys.
Es regnete in Strömen, als Remus durch das schmiedeeiserne Gitter ging und über die kiesbestreuten Wege zwischen riesigen Steinengeln und Kreuzen entlang. Einige der Statuen schienen ihm mit den Augen zu folgen, und einmal hätte er schwören können, dass einer der Engel laut aufseufzte. Hinter einer Gruppe aus Blutbuchen und Trauerweiden lag eine kleine Mauer. Remus stieg hinüber, wie Lucius es ihm beschrieben hatte. Er hatte seinen Stab in der geballten Faust. Das hier war ein Ruheort schwarzer Magier und alter Familien. Wann immer man einen Verstorbenen nicht auf den heimischen Landsitzen beerdigen wollte, bestattete man ihn hier. Remus durchschritt die starken Muggelabwehrzauber, die diesen Bereich des Friedhofs von dem vorderen trennte. Anstelle der Steinengel bestimmten nun groteske Gargoylen und die Statuen von Thestralen die Szenerie. Rechts und links des Weges standen aufwändig behauene Grabsteine, weiter hinten unter tiefhängenden Ästen verbargen sich Mausoleen und Gedenktafeln, auf denen Raben und Eulen in Granit gemeißelt thronten.
Malfoys Grab lag am Ende einer Reihe hoher, grauer Steine, deren Inschriften bereits zum größten Teil verwittert waren. Ein Strauß weißer Rosen und violetter Lilien schmiegte sich an den Sockel des Grabmonuments, auf dem ein finster dreinschauender Engel mit spitzen Ohren und Zähnen in vollem Harnisch ein Schwert in den kalten Himmel reckte.
Leise näherte sich Remus.
Auf Knien kauerte eine Gestalt vor dem Grab, die Hände in die dunkle Erde gegraben. Das Haar hing ihr in feuchten Strähnen vom Kopf, ihr Mantel war mit Erde beschmiert. Der Anblick schnürte Remus die Kehle zu. Für einen Augenblick war er versucht, Sanni ihrer Trauer zu überlassen und wieder zu gehen, doch schließlich entschied er, zu bleiben. Die Inschrift des Grabsteins berührte ihn: „Die Erde verbirgt Dich, aber mein Herz sieht Dich immer".
Er wartete eine ganze Weile, während derer Sanni sich nicht rührte. Unablässig fiel der Regen herab und durchnässte schließlich auch Remus' Umhang. Als ihm das Wasser in den Hemdkragen und den Rücken hinunter lief, trat er näher an das Grab heran. Der Kies knirschte unter seinen Schuhen. Sanni sah nicht auf.
„Er wird nicht wieder lebendig, wenn du dir den Tod holst", sagte er sanft und ging neben ihr in die Hocke.
Erstaunt sah sie ihn an. „Dich hatte ich hier nicht erwartet", gab sie leise zurück. „Ich kann frieren, aber niemals erfrieren. Ich bekomme nicht einmal Schnupfen."
„Früher war dir öfter kalt", sagte er leise.
„Du hättest irgendwann etwas bemerkt, ich wollte dich nicht verschrecken", erwiderte sie.
„Ich bin ein Werwolf und schwer zu verschrecken. Ich gebe gerne zu, dass du sehr furchterregend sein kannst, dennoch hatte ich niemals Angst vor dir."
Sie schwiegen.
„Warum bist du hierher gekommen?", fragte sie.
„Du hast Lucius verziehen, dass er deinen Vater seinen Mördern ausgeliefert hat." Remus sah in ihr noch immer tränennasses Gesicht. Ihre Augen waren gerötet. Er holte tief Luft. „Ich hoffte, wenn du ihm derartiges vergeben kannst, wiegen meine Fehler nicht zu schwer."
Sie sah ihn an. „Du willst Vergebung? Ich bin keine Priesterin. Du hast geglaubt, ich sei tot und dich mit einer neuen Liebe getröstet. Daran ist nichts verwerflich. Es gibt nichts zu verzeihen, Remus."
„Ich habe deine Briefe nie beantwortet."
„Du hast sie nie erhalten. Das hat mir Eero bereits berichtet." Auf seinen fragenden Blick setzte sie hinzu: „Behalten wir diese Sprachregelung bei, Remus. Für Matti ist es sicher leichter, damit zurecht zu kommen als mit der Wahrheit."
Remus klappte der Unterkiefer herunter. „Wie bitte?
„Ich erwarte nicht, dass du mir deine Motive erläuterst, Remus. Nicht nach all diesen Jahren. Dennoch, da wir nun unter vier Augen sprechen, solltest du wenigstens den Mut haben, zu deinen Entscheidungen zu stehen. Für Matti würde ich mir wünschen, dass er irgendwann von dir die Gelegenheit bekommt, den Bruder kennen zu lernen, dessentwegen er selbst keinen Vater hatte."
Remus starrte Sanni an. „Wovon zum Teufel sprichst du? Er hat keinen Bruder. Jedenfalls nicht von meiner Seite."
Sannis Augen verengten sich vor Zorn. „Wodans Raben! Remus, du wagst es, mir hier im Angesicht von Abraxas' Grab ins Gesicht zu lügen?"
Ärgerlich erhob sie sich und wischte die Erde von den Händen. Sie sah aus, als habe sie ihren Paten eben gerade persönlich eingegraben.
„Ich dachte, ich kenne dich, Remus Lupin. Doch wie es scheint, hatte mein Vater recht, als er alle Vargen als triebgesteuerte, promiskuitive…"
„Jetzt wirst du ausfallend", unterbrach Remus ihre Rede. Merlin, er fühlte sich, als habe sie ihm ins Gesicht geschlagen. Es schmerzte viel heftiger, als er je erwartet hatte.
Sanni drehte sich um und schickte sich an, ihn einfach hier stehen zu lassen. Mit zwei Schritten war er bei ihr und packte sie grob am Arm. Sie wirbelte herum.
„Du tust mir weh!"
„Das tut mir Leid, es ist nicht meine Absicht", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Aber ich kann eine solche Anschuldigung nicht im Raum stehen lassen. Wenn du mich anhörst, lasse ich dich los."
„Ich könnte dich töten", drohte sie.
„Ja", erwiderte er schlicht. „Auch mich würde es nur einen Schlenker meines Stabes kosten, aber ich kann dir ebenso wenig etwas antun wie du mir. Und du hast nicht meinetwegen Dolohov erledigt, um mich jetzt umzubringen. Sanni, hör mir zu. Ich habe deine Briefe niemals bekommen, das ist die Wahrheit. Und ich weiß nichts von einem Halbbruder unseres Sohnes, wie in Merlins Namen kommst du nur auf diese Idee?"
„Deine Frau hat es mir gesagt", war die prompte Antwort.
Remus erstarrte. Was immer er erwartet hatte, das war es nicht.
„Hast du geglaubt, ich würde mich davon abschrecken lassen, dass meine Briefe unbeantwortet blieben?", fragte Sanni energisch. „Ich habe dich geliebt, verflucht noch einmal! Natürlich war ich schockiert, als ich nach Kopenhagen kam und feststellen musste, dass du verheiratet warst. Als mein Falke zum dritten Mal ohne Antwort, aber mit der Bestätigungsmarke, dass die Briefe angenommen waren, zurückkehrte, bin ich ein weiteres Mal nach Dänemark gereist. Du warst nicht zu Hause, aber ich habe mit deiner Frau gesprochen. Sie hieß Mette, eine freundliche, sanfte Person."
„Du warst dort?", fragte Remus verblüfft. Er war so überrascht, dass ihm alle weiteren Worte fehlten.
„Ein hübsches Haus, Remus, besonders im Sommer, mit dem kleinen Garten und dem Sandkasten. Deine Frau sagte mir, wie zerrissen du innerlich wärest wegen meiner Briefe. Wie sehr es dir zu schaffen mache, insbesondere weil ihr euer erstes Kind erwartetet. Sie hat geweint, sie hatte solche Angst, dass du sie verlassen würdest. Ich konnte sie so gut verstehen, wusste ich doch selbst, wie schwer es ist, alleine zu sein, wenn man ein Baby erwartet. Sie tat mir Leid. Natürlich verstand ich, welches Glück du dort hattest, mit dieser netten, normalen Frau, einem Baby unterwegs und der Stelle an der Universität. Arithmantik, davon hattest du immer geträumt, das hatte ich nicht vergessen. Wer war ich, dieses Glück zu zerstören? Es waren ja nur ein paar Wochen, die wir damals zusammen waren, du und ich. Jetzt trug sie dein Kind. Ich hatte kein Recht, eure Zukunft zu zerstören. Also bin ich gegangen."
Remus spürte, wie ihm die Tränen warm am Hals in den Kragen liefen. Sie mischten sich mit dem heftigen Regen, der ihm übers Gesicht rann und seine Kleidung stetig immer mehr durchnässte. Er begriff, dass Sanni ihn genug geliebt hatte, um loszulassen. Genug geliebt, um zu verzichten.
„Du hast sie selbst gebeten, mir zu sagen, ich möge gehen. Sie meinte, wenn du bereit wärest, würdest du dich melden, um Matti zu sehen. Ich gab ihr die Adresse in Kanada. Jedes Jahr habe ich gewartet. An seinem Geburtstag, an Weihnachten. Es kam nie ein Brief." Sie sagte es mit unterdrücktem Bedauern. „Es war deine Entscheidung, Remus. Hätte ich dich drängen sollen? Was nützt einem Kind ein Vater wider Willen?"
Als er nicht antwortete, zuckte sie hilflos die Schultern. „Ich muss gehen. Es wird Zeit."
Sie drehte sich um und ließ ihn stehen. Es dauert einen Moment, bis Remus seine Fassung soweit wieder gewonnen hatte, um ihr nachzulaufen.
„Bleib stehen!"
Mit ein paar Schritten hatte er sie erreicht.
„Mette hat gelogen", rief er atemlos.
Sanni fuhr auf dem Absatz herum.
„Ich habe deine Briefe niemals gesehen, Sanni. Bis eben wusste ich nichts von eurem Gespräch. Außerdem gibt es ganz sicher kein Kind. Meine Ehe mit Mette ist gescheitert - wegen Kinderlosigkeit."
Sanni starrte Remus ungläubig an.
„Sie war niemals schwanger von mir. Sie hat sich ein Baby gewünscht, bei Merlin, aber es hat einfach nicht funktioniert." Er schluckte schwer, weil in Sannis Augen noch immer Unglauben lag. „Habe ich dich jemals belogen? Bitte, Sanni, das ist die Wahrheit. Ich wusste nichts von dir, nichts von Matti."
Er stand jetzt nah vor ihr. Die Erkenntnis, wie nah sie beide damals ihrem Glück gewesen waren, traf ihn selbst mit voller Wucht. Merlin, alles hätte so anders verlaufen können! Der Gedanke war ebenso schmerzhaft wie quälend. Hätte Sanni nur Mettes Lügen nicht geglaubt…
„Wie sehr ich wünschte, du wärest nicht so verflucht anständig gewesen damals", presste Remus hervor.
Sanni sagte nichts. Ob sie keine Worte fand oder ihm noch immer nicht glaubte, konnte er nicht erkennen. Vorsichtig streckte er die Hand nach ihr aus. Seine Finger zitterten vor Anspannung, als er ihr eine pitschnasse Strähne aus dem Gesicht schob und sachte über ihre Wange strich. Nur einen Herzschlag lang sah es so aus, als würde sie seine Hand fort schieben, doch dann schlossen sich ihre Finger um die seinen, und sie schmiegte ihre Wange in seine Handfläche. Eine halbe Ewigkeit, so schien es ihm, verharrten sie unbeweglich, zwei Dunkle Geschöpfe, den finsteren Statuen um sie herum gleichend, und doch ganz anders. Remus spürte Sannis Puls, dort wo seine Fingerkuppen die zarte Haut ihres Halses berührten. Sie war kalt wie Marmor, und doch verursachte ihre Berührung schmelzende Wärme in seinem Magen, die mit jeden Herzschlag, den sie sich ihm nicht entzog, spürbarer, fassbarer wurde.
Ein Zittern lief durch ihren Körper. Remus zog sie näher an sich und legte die Arme um ihre schmalen Schultern. Sie lehnte sich in seine Umarmung und schmiegte sich an ihn wie eine nasse Katze. Remus vergrub die Nase in ihrem Haar und sog gierig den feinen Duft nach Schnee und Winter ein, der ihr anhaftete. Sein Herz schlug schnell, er hatte das Gefühl, als stolpere es vor Aufregung und unterdrückter Freude. Nah wie sie ihm war, musste sie es hören. Spüren. Obwohl sie eng beieinander standen, schien jeder von ihnen in den eigenen Gedanken gefangen. Remus fragte sich, ob Sanni die vergebene Chance auf ein gemeinsames Leben ebenso bedauerte wie er selbst, oder ob sie lediglich unter dem Schock der maßlosen Lüge stand, die ihrem Sohn den Vater vorenthalten hatte.
Remus wagte lange nicht, sich zu rühren, zumindest für den Moment konnte er ihr Halt bieten, und er war nicht sicher, ob es jemals mehr als diesen Augenblick geben würde.
Doch er wusste, sie konnten nicht ewig hier stehen bleiben. Mochte Sanni sich auch nicht erkälten, er selbst war vermutlich dabei, sich eine ausgewachsene Lungenentzündung einzufangen. Längst waren es Kälte und Nässe, die ihn zittern ließen, außerdem fiel die Nacht bereits wie ein dunkles Tuch über den stillen Friedhof.
„Deine Familie macht sich bestimmt bereits Sorgen", brach er irgendwann schweren Herzens das Schweigen.
Sanni richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. „Vor allem wird ihnen allen der Magen knurren, wenn wir nicht pünktlich zum Essen kommen. Du machst dir keine Vorstellung von einer Horde hungriger Teenager."
Remus gestatte sich ein Lächeln. „Doch, das tue ich allerdings."
Noch immer waren ihre Finger miteinander verschlungen, weil Remus nicht losgelassen hatte. Sanni blickte von ihren Händen zu ihm auf.
„Der Kamin ist in der Kapelle im vorderen Teil des Friedhofs", sagte sie. „Willst du mich bis dorthin begleiten?"
„Ein beträchtlicher Weg, und es regnet immer noch in Strömen. Hier besteht keine Apparitionssperre", erwiderte er verwundert.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Das mag sein. Doch du erinnerst dich vielleicht, ich bin keine ausgebildete Hexe. Ich habe es nie gelernt."
Remus war für einen Augenblick sprachlos. Andererseits: Zauberer, die das Apparieren mieden, gab es nicht einmal so selten. Fehler führten zu schweren Verletzungen, die man nicht grundlos riskierte.
„Ich würde dich gerne nach Hogwarts bringen", bot er an und zog sie sachte zu sich. „Das heißt, wenn du mir vertraust?"
Sie sah sich um. „Nun, in Anbetracht des schlechten Wetters…was bleibt mir anderes übrig? Doch ich bitte dich, mich bei der Heulenden Hütte abzusetzen. Ich muss mich um meine Mutter kümmern, bevor es Zeit wird, zum Essen zu gehen."
Remus schloss Sanni in seine Arme. Stilles Glück durchflutete ihn in sanften Wellen, und für einen letzten Moment noch genoss er ihre Nähe und ihren Herzschlag an seinem, dann konzentrierte er sich auf die Apparition. Er wusste nicht, ob der Weg vor ihnen Sanni und ihn wieder zueinander führen würde, doch zumindest standen jetzt keine Lügen mehr zwischen ihnen.
TBC
Finnisch mit Sanni:
Ihmissusi heißt natürlich „Werwolf"
