A/N:
Zoodirektor: Woah, danke für das Lob! :-D Genau, die Szene auf der Tigerwitweninsel in Folge 59 hat mich im Prinzip zum letzten Kapitel inspiriert. Und dank der gelöschten Zeitlinie hat man ziemlich große dichterische Freiheit, ohne dem Canon zu widersprechen. :-)
Zane legte den Stift aus der Hand und betrachtete kritisch sein Werk.
"Unter Berücksichtigung aller zur Verfügung stehenden Daten wird das Gedicht mit 85,6-prozentiger Wahrscheinlichkeit die Nonnen zum Lachen bringen", ließ sich PIXAL vernehmen.
"Das ist zwar ein hoher Prozentsatz, aber leider keine Garantie für Erfolg. Wenn ich versage, wird Cole für immer ein Geist bleiben."
In diesem Moment klopfte es an der Zellentür und auf Zanes 'Herein' trat eine junge Nonne ein.
"Habt Ihr Euer Werk vollendet, Meister des Eises? Dann habt die Güte, mir in den Aufenthaltsraum zu folgen."
Im besagten Raum waren Bänke in mehreren Reihen hintereinander aufgestellt, auf denen die Nonnen nun Platz nahmen und erwartungsvoll zu einem Rednerpult am Ende des Raumes blickten. Die junge Ordensschwester bedeutete dem Nindroiden, sich dahinter aufzustellen. Zane gehorchte.
Nachdem Stille eingekehrt war, erhob sich die Hüterin der Pergamente und sprach: "Nun, Meister des Eises. Ihr habt unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Beginnt nun mit Eurem Vortrag."
Der Titanninja räusperte sich, strich sein Blatt Papier glatt und fing an zu lesen:
"Ein Ninja und ein Geist
die waren weit gereist,
um einen Clown zu sehen,
der konnte auf Händen gehen.
Doch die Vorstellung fiel aus.
Der Clown, der blieb zu Haus
und stampfte stattdessen Butter
für seine Schwiegermutter."
Nachdem Zane geendet hatte, blickte er auf - und starrte zu seinem Entsetzen ausnahmslos in ernste, nüchterne Gesichter. Es herrschte Totenstille. Dann war hier und da ein vereinzeltes Räuspern oder Füßescharren zu vernehmen. Schließlich erhob sich die Hüterin der Pergamente und sprach: "Nun, Meister des Eises, Ihr habt Euch redlich bemüht. Dafür zollen wir Euch Respekt."
Auf einen Wink von ihr begannen die Nonnen, verhalten zu klatschen.
Nachdem der bescheidene Applaus verklungen war, fuhr die Pergamenthüterin fort: "Eure Aufgabe habt Ihr jedoch nicht erfüllt. Es ist Euch nicht gelungen, uns zum Lachen zu bringen. Darum darf ich Euch das Pergament nicht aushändigen. Es steht Euch jedoch frei, einen weiteren Versuch zu wagen."
Wieder zurück in seiner Zelle ließ der verzweifelte Nindroid PIXAL gegenüber seinen Gefühlen freien Lauf: "Der erste Versuch ist fehlgeschlagen. Womöglich scheitert Coles Rückverwandlung an meiner Unfähigkeit, ohne meine Humorfunktion Andere zum Lachen zu bringen. Selbst wenn es mir im zweiten Anlauf gelingen sollte, den Ordensschwestern ein Lachen abzuringen, so dass ich das Pergament bekomme, bin ich nicht sicher, ob Sensei Yin dies zählen lässt, denn im Gedicht heißt es eindeutig: 'Versagt auch nur einer - wirst ewig Geist du sein.'"
"Wir können Geschehenes nicht ungeschehen machen, und solange auch nur ein Funken Hoffnung besteht, müssen wir alles tun, um Cole zu helfen", erwiderte PIXAL.
"Du hast Recht", pflichtete Zane ihr bei. "Es geht hier nicht um irgendwelche Wahrscheinlichkeiten, sondern um meinen Bruder. Machen wir uns also erneut ans Werk."
Nachdem er eine ganze Weile gearbeitet hatte, ging plötzlich die Zellentür auf und herein spazierte zu Zanes maßloser Verblüffung - Jay! Einen Augenblick starrten die beiden Ninja sich gegenseitig sprachlos an, dann murmelte Jay: "Na so was, das ist ja gar nicht die Toilette."
"Wie um alles in der Welt kommst du bloß hierher?", fragte der Nindroid entgeistert.
Der blaue Ninja zuckte die Schultern, stellte ein braunes Holzkästchen, das er bisher mit beiden Armen an sich gedrückt hatte, behutsam auf dem Tisch ab und antwortete: "So ganz genau weiß ich das auch nicht. Ich war auf dem Rückweg zu Sensei Yin, als ich plötzlich ... na ja, ein natürliches Bedürfnis verspürte. Gerade als ich mich umblickte, ob mich auch keiner sehen könne, ist dieses seltsame Nonnenkloster vor mir aufgetaucht! Mann, stell dir bloß vor, wie peinlich mir das war! Na ja, ich hab dann jedenfalls mal geklopft, beziehungsweise gegongt, und eine nette Ordensschwester hat mich reingelassen und mir den Weg zum Gäste-WC erklärt. Aber wie's aussieht, habe ich mich in der Tür geirrt. ... Und jetzt erzähl mir, was du hier treibst!"
"Mein Auftrag von Sensei Yin lautet, ein Pergament zu beschaffen. Auf meinem Pfad nach Süden kam ich zu diesem Kloster und die Hüterin der Pergamente versprach mir zu geben, was ich brauche, wenn ich als Gegenleistung ein lustiges Gedicht erfände, das die Nonnen zum Lachen brächte."
Zane hielt inne, denn er bemerkte, wie das Gesicht seines Bruders plötzlich von aschfahler Blässe überzogen wurde. Ob ihm nicht gut war? Doch außer einem überraschten 'Was?!' sagte er nichts, und so fuhr der Nindroid fort: "Es ist eine außerordentlich glückliche Fügung, dass du hier erschienen bist. Möglicherweise kannst du mir helfen, meine Humorfunktion wieder in Gang zu setzen."
Er öffnete sein Bauchpanel und Jays Augen fielen ihm vor Entsetzen fast aus dem Kopf, als er den in der 'Aus'-Stellung festgeschmolzenen Humorhauptschalter erblickte. Zane runzelte die Stirn. Wenn Jay ein solches Gesicht machte, war der Schaden sicher nicht leicht zu beheben. Er hatte auch nicht damit gerechnet, dass der Meister des Blitzes mit passenden Werkzeugen und Ersatzteilen unterwegs wäre, aber er hatte gehofft, dass sein Bruder möglicherweise die Humorfunktion mit seiner Elementarkraft würde in Gang setzen können.
Endlich fand Jay seine Sprache wieder: "Du meine Güte! Ich hätte nicht gedacht, dass es gleich so schlimm sein würde ... also, das ... das kann ich nicht so einfach aus dem Stegreif reparieren."
"Kannst du die Humorfunktion mit deiner Blitzkraft aktivieren?"
Zu Zanes großer Überraschung reagierte Jay überaus schockiert. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen und er trat einen Schritt zurück, die Hände in Abwehr vor sich haltend.
"Oh nein, oh nein! Das wäre viel zu gefährlich! Wer weiß, was ich noch alles ... ich meine, das Risiko, lebenswichtige Systeme zu beschädigen, wäre viel zu hoch! Amm, nimm's mir nicht übel, Zane, alter Kumpel, aber ich muss jetzt wirklich dringend ... also, bis gleich!"
Und schon war er zur Tür hinaus.
Der Titanninja hob erstaunt die Augenbrauen. "Jays Körpersprache wies auf ein schlechtes Gewissen hin. Doch warum sollte er eines haben?", fragte er PIXAL.
"Vielleicht tut es ihm über die Maßen leid, dich warten zu lassen, während er sein natürliches Bedürfnis befriedigt. Außerdem ist es ihm höchst wahrscheinlich sehr peinlich, darüber zu reden."
"Das wird es sein. Scham und Schuld sind recht leicht zu verwechseln."
Es dauerte eine ganze Weile, bis der blaue Ninja wieder in Zanes Zelle erschien. Bevor der Nindroid ein einziges Wort sagen konnte, sprudelte Jay hervor: "Weißt du was? Ich habe mir Folgendes überlegt: Bei deinem Humorschalter kann ich vorerst nichts ausrichten, aber mit dem lustigen Gedicht könnte ich dir helfen. Lass mal sehen!"
"Ich halte das für keine gute Idee. Schließlich war es mein Auftrag, das Pergament zu beschaffen, also muss auch ich das Gedicht schreiben", entgegnete der Eisninja.
"Das wirst du auch - aber ich diktiere es dir."
"Das ... also, das erscheint mir doch recht unehrlich. PIXAL meint auch, das wäre Betrug. Ich sollte ein Gedicht erfinden ..."
"Sieh dich hier mal um", flüsterte Jay verschwörerisch. "Siehst du hier irgendwelche Überwachungskameras?"
"Ich verstehe nicht, was Überw..."
"Mensch, Frosti! Wir sind hier unter uns. Niemand schaut zu. Die Nonnen werden niemals merken, dass das Gedicht nicht von dir ist!"
"Aber möglicherweise Sensei Yin."
"So? Aber ihr Auftrag lautete lediglich, ein Pergament zu holen, oder? Das mit dem Gedicht ist eine Sache ganz allein zwischen den Nonnen und dir. Sobald du das Pergament bei Sensei Yin ablieferst, hast du ihren Auftrag erfüllt und es braucht sie nicht zu interessieren, wie du daran gekommen bist."
"Ich weiß nicht recht ... 'versagt auch nur einer - wirst ewig Geist du sein', hieß es. Mein erstes Gedicht war bereits kein Erfolg. Jetzt ist meine einzige Chance, die Scharte mit einem zweiten ..."
"Dein erstes Gedicht? Du hast also schon eins geschrieben?"
"Ja, aber es hat die Nonnen nicht zum Lachen gebracht."
"Zeig her!"
Zane kam der Aufforderung seines Bruders nach.
"Was zum ... Zane, was um aller Welt hast du dir dabei nur gedacht? Was soll daran witzig sein?"
"Nun", begann der Nindroid, "PIXAL hat eine Analyse aller Witze in meinen Datenbanken durchgeführt und recherchiert, welche Informationen zum Humor von Nonnen verfügbar sind. Leider waren diese nur sehr dürftig. Darum konnten wir nur eine sehr allgemeine Prognose erstellen."
"Was? Ich verstehe nur Bahnhof!", erwiderte der Meister des Blitzes ungeduldig.
"Laut PIXALs Recherchen finden 82,3 Prozent aller Menschen Clowns witzig, bei Schwiegermüttern sind es sogar über 90 Prozent ..."
"Du meine Güte, Zane!", unterbrach Jay seinen Bruder entgeistert. "Sag bloß, du hast einfach irgendwelche Sachen genommen, die laut irgendeiner Statistik Leute witzig finden, und hast sie so lange rumgewälzt, bis sie sich reimen?!"
"Nein, nein, nicht 'irgendwelche Sachen', sondern die mit dem höchsten Witzigkeitsfaktor", verteidigte sich der Nindroid.
"So? Wie groß ist denn der 'Witzigkeitsfaktor' für 'Ninja' - und wie bitteschön der für 'Geist'?"
"Oh, die darf man nicht einzeln betrachten, sondern als Held-Gegner-Paar. Nonnen gefällt es, wenn Gegner friedlich miteinander umgehen."
Eigentlich hatte der Eisninja noch mehr sagen wollen, doch er brach ab, als er bemerkte, wie Jay mit den Augen rollte und sich mit der Hand an die Stirn schlug.
"Wie würdest du denn vorgehen, wenn du nicht einfach so erkennen könntest, was witzig ist und was nicht?", fragte der Nindroid leicht gekränkt.
Jay seufzte. "Nichts für ungut, Frosti, aber jetzt schreib, was ich dir diktiere, ja?"
"Ich denke immer noch, dass ich allein ..."
"Ach was! Hat der Sensei uns nicht ermahnt, zusammenzuarbeiten? Es geht um Coles Erlösung! Da sollte uns jedes Mittel recht sein! Außerdem ... das Kästchen hier, das ich holen sollte - also, das hat eigentlich Cole beschafft."
"Was denn, Cole? Wo ist er jetzt? Und wieso war er im Osten?"
Jay zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Er war plötzlich da, als ich ... äh, als ich ihn dringend brauchte. Jetzt ist er zu seiner Aufgabe zurückgekehrt. Und er zählt auf uns! So, und jetzt nimm endlich deinen Stift und schreib:
Es war einmal ein Mann,
der hatte gar nichts an,
und als er auf die Straße lief,
die Polizei sogleich man rief."
"Das ist ein ungeeignetes Gedicht."
"Wieso das denn?"
"Nonnen lachen nicht über unbekleidete Leute."
"Da könnte was dran sein", gab Jay zu. "Na schön, dann eben ...
Ein schuss'liger Spinjitzu-Meister
nahm statt Seife einmal Kleister.
Doch das machte ihn nicht froh,
denn die Hände klebten so."
Doch auch diesmal schüttelte der Nindroid den Kopf.
"Auch wenn 58,9 Prozent der Witze in meiner Datenbank Schadenfreude beinhalten, so sind Nonnen bekannt für ... Jay? Alles in Ordnung mit dir?"
Der blaue Ninja war bei der Erwähnung des Wortes 'Schadenfreude' merklich zusammengezuckt und blass geworden. Jetzt scharrte er aufgeregt mit dem Fuß und nestelte nervös an seinem Gi herum.
"Jay? Ist dir nicht gut?"
"Waas? Oh, nein, alles bestens!"
Nach einer kurzen Pause fuhr Jay unverhofft fort: "Ha! Jetzt habe ich ein gutes Gedicht!"
Kurze Zeit später stand Zane abermals am Pult im Aufenthaltsraum und blickte in die Reihen der vor ihm sitzenden Nonnen. Er holte tief Luft und las:
"Die Großmutter ist hochbetagt,
wird von Schwerhörigkeit geplagt.
Sagt man zu ihr: 'Die Sonne scheint',
versteht sie nur: 'Die Tonne greint'.
Und aus einem 'Gemüsetopf'
wird gleich bei ihr ein 'Hosenknopf'.
Des Enkels erster Wackelzahn
wird leicht verdreht zu 'Dackelhahn'.
Und fragt man sie nach 'Butter',
holt sie die Schwiegermutter!
Da kann man wohl nichts machen,
doch hat man was zu lachen."
Bereits nach wenigen Sekunden war vereinzeltes Kichern zu hören gewesen. Jetzt dröhnte der ganze Saal vom hemmungslosen Gelächter, Johlen, Füßestampfen und Klatschen der Nonnen. Zane blickte zufrieden in die Runde, obwohl er nicht nachvollziehen konnte, wieso ehrbare Ordensschwestern über die Missgeschicke einer hörgeschädigten alten Dame lachen konnten. Dann wandte er den Kopf zur Tür und zwinkerte verstohlen dem dort stehenden Jay zu.
Nachdem endlich wieder Ruhe eingekehrt war, erhob sich die Hüterin der Pergamente und sprach: "Fürwahr, Meister des Eises, Ihr habt Eure Aufgabe gar trefflich erledigt. So folgt mir nun in die Bibliothek, um Euren wohlverdienten Lohn zu empfangen."
A/N: Vielen Dank an Sunshine für die Rückmeldung zu den Gedichten.
