9. Januar 1918
Imperial
Order Daughters of the Empire Canadian Red Cross Hospital for Officers, London, England

Come weal or woe

„Hallo du", begrüße ich Ken, als ich sein Zimmer betrete.

Er sitzt neben dem Fenster, ein Buch auf dem Schoß. Ein schneller Blick sagt mir, dass sein Zimmergenosse mal wieder nicht da ist. Es ist ein rundgesichtiger, rotwangiger Leutnant mit einer Armverletzung, der den Großteil seiner Zeit in den Gemeinschaftsräumen verbringt. Die paar Mal, die ich ihn bisher getroffen habe, war er stets ausgesprochen freundlich, aber ich weiß, dass Ken findet, er redet zu viel.

„Seit wann ist ‚du' eine angemessene Form der Anrede für den Mann deines Herzens?", will Ken jetzt wissen. Seine Augen funkeln amüsiert.

„Möchtest du wirklich, dass ich anfange, mir Kosenamen zu überlegen?", frage ich herausfordernd und hebe eine Augenbraue.

Ken lacht, schüttelt dann den Kopf. „Wohl besser nicht", gibt er zu.

Ich beuge mich zu ihm hinab, um ihm einen schnellen Kuss zu geben, ziehe mir danach Stuhl heran und setze mich neben ihn. Ken klappt derweil sein Buch zu und legt es auf das Fensterbrett neben eine sündhaft teuer aussehende Schachtel Pralinen. Vermutlich von Persis.

„Und, hattest du gestern einen schönen Tag mit Jem?", erkundigt er sich dann.

„Es war nett", bestätige ich, „Jem hat sein Talent, mich zur Weißglut zu treiben, zwar nicht verloren, aber im Großen und Ganzen war er friedfertig. Wir haben ein paar Besorgungen gemacht, waren schön Essen und abends noch im Shaftesbury Theatre und haben ‚Arlette' gesehen, eine Operette."

„Jem war freiwillig im Theater?", hakt Ken nach.

Ich muss lächeln über sein skeptisches Gesicht. „Überraschend, nicht wahr? Er hat dann allerdings auch die gesamte Vorstellung damit zugebracht, mich im laut hörbaren Flüsterton auf jede unlogische Handlung der Figuren auf der Bühne hinzuweisen. Die Erfahrung des Theaterbesuches hat dadurch nicht unbedingt gewonnen", erzähle ich und verziehe das Gesicht, um meine Worte zu untermauern.

Ken schüttelt lachend den Kopf. „Und wo ist Jem jetzt? Ist er anderweitig beschäftigt oder auf seine alten Tage noch taktvoll geworden?", will er wissen.

Ein wenig damenhaftes Schnauben entkommt mir. „Jem und taktvoll? Das ist nicht lache! Jem wird in diesem Leben nie mehr taktvoll sein und im nächsten vermutlich auch nicht", entgegne ich, „nein, er hat tatsächlich einfach bessere Dinge zu tun. Wir waren heute Morgen zum Frühstücken verabredet und danach ist er aufgebrochen, um einen alten Kollegen zu besuchen, der in einem Krankenhaus hier irgendwo im Londoner Umkreis stationiert ist."

„Gut", nickt Ken und sieht mich unverhohlen an, „dann habe ich dich wenigstens für mich."

Vor zwei Wochen hätte er mir mit einer solchen Bemerkung noch die Röte ins Gesicht getrieben, aber jetzt halte ich seinen Blick, schiebe ein ganz kleines Bisschen das Kinn vor. Als er es merkt, schmunzelt er.

Ich unterdrücke ein Lächeln. „Ist Persis denn schon wieder abgereist?", erkundige ich mich dann betont beiläufig.

„Sie musste den Mittagszug zurück nach Newcastle nehmen, um pünktlich wieder dort zu sein. Was du vermutlich sehr gut weißt und was der Grund ist, warum du erst jetzt hier auftauchst", erwidert Ken trocken.

Der strafende Blick, den ich ihm zuwerfe, scheint ihn nicht zu berühren. Stattdessen nimmt er meine Hand, verflechtet seine Finger mit meinen und sieht mich schließlich prüfend an. „Mal ehrlich – du bist nicht nur deswegen gestern und heute Morgen fern geblieben, weil du uns alleine lassen wolltest, oder?", fragt er.

Ich hebe die Schultern, halte sie einen Moment, bevor ich sie wieder fallen lassen. „Ach, ich weiß nicht", seufze ich, „ich glaube, es ist einfach… Persis und ich hatten nie viel miteinander zu tun und Selina ist ihre beste Freundin und dachte ich… naja, dass es vielleicht merkwürdig wäre."

„Die Sorge hätte ich dir nehmen können. Es gibt niemanden, der Selina ihre Entscheidung, unsere Verlobung zu lösen, mehr übel genommen hat als Persis", entgegnet Ken.

Überrascht mustere ich ihn. Das war mir in der Tat nicht bekannt.

„Nachdem Selina es den Familien verkündet hat, hat Persis wochenlang nicht mehr mit ihr geredet. Ich musste ihr unzählige Briefe schreiben und mit Engelszungen auf sie einreden, damit sie wenigstens ein bisschen nachgegeben hat", fährt Ken fort, „sie haben wenigstens wieder miteinander gesprochen, als Persis nach England abgehauen ist, aber wenn man bedenkt, dass sie vorher jahrelang unzertrennlich waren, ist das nicht viel."

Ich nicke langsam. „Persis kann sehr… durchsetzungsstark sein", merke ich vorsichtig an.

Ken grinst. „Sie ist stur wie ein Maulesel und nachtragend zudem", gibt er freimütig zu.

„Das hast du jetzt gesagt!", stelle ich klar. Ich weiß nämlich mit ziemlicher Sicherheit, dass Ken ausschließlich sich selbst das Recht zugesteht, so über seine Schwester zu reden. Wir waren zu Hause zu sechst, aber Persis und Ken hatten nur einander. Ich weiß, wie nah sie sich stehen. Vielleicht ist das noch ein Grund, warum ich mich noch nicht bereit gefühlt habe, Persis zu begegnen.

„Habe ich", bestätigt Ken derweil gut gelaunt, „oh, und übrigens ist Persis durchaus neugierig, dich zu treffen. Dein Brief vom Oktober hat sie nachhaltig beeindruckt. Sie hat noch in der gleichen Nacht, nachdem sie ihn gelesen hatte, ihre Sachen gepackt und ist abgehauen."

Ich öffne den Mund, stelle fest, dass ich absolut nicht weiß, was ich sagen will, und schließe ihn abrupt wieder.

„War nicht das, was du beabsichtigt hattest, oder?", fragt stattdessen Ken, aber er klingt entspannt, eher etwas neckend.

„Nein. Tut mir Leid", erwidere ich kleinlaut. Das war wirklich nicht das, was ich beabsichtigt hatte.

Zum Glück zuckt Ken nur mit den Schultern. „Wie gesagt, sie ist stur wie ein Maulesel. Sie wäre so oder so gekommen", stellt er fest.

Meinem schlechten Gewissen tut das allerding keinen Abbruch, was Ken offenbar nicht entgeht. Er drückt tröstend meine Hand und bemerkt: „Jetzt schau nicht so! Wenn hier jemand Schuld ist, dann bin das jawohl ich. Ohne meinen Auftritt damals hättest du diesen Brief doch niemals geschickt, oder?"

Er wartet, bis ich zaghaft nicke.

„Na, bitte", fährt er dann fort, „und außerdem… klar wäre es mir lieber gewesen, Persis wäre in Kanada geblieben, aber dafür, dass sie jetzt anderthalb Monate im Krankenhaus hinter sich hat, wirkte sie gestern ziemlich gefasst. Und sie ist in Newcastle! Das schlimmste, was ihr dort passieren kann, ist, dass sie Ruß in die Haare bekommt!"

Gegen meinen Willen muss ich lächeln und Ken nickt zufrieden. „Besser", verkündet er, beugt sich dann etwas vor, um einen Kuss zu stehlen.

Was mich zu der Frage führt…

„Sag mal, hast du Persis eigentlich gesagt, dass wir beide… naja, verlobt sind?", frage ich, nicht ohne Vorsicht, nachdem Ken wieder zurückgelehnt hat.

„Ich habe ihr nichts über uns gesagt. Sie hätte Fragen gestellt und so ganz viele Antworten hätte ich darauf nicht gehabt. Es war für den Moment einfacher, es zu lassen", antwortet Ken schulterzuckend.

Verwirrt runzele ich die Stirn. „Was für Fragen meinst du?", hake ich dann nach.

„Nun, wann wir heiraten wollen, wo es stattfinden soll, wer dabei sein wird, solche Sachen", gibt er Auskunft, zuckt erneut kurz mit den Schultern.

Womit wir nun auch bei dem Thema wären. Ich hole tief Luft, sammele mich und erkläre dann: „Darüber wollte ich ohnehin mit dir reden. Ich habe nämlich nachgedacht."

Kens Blick wird aufmerksam. „Nachgedacht", wiederholt er langsam, „muss ich mir Sorgen machen?" Er hält den Tonfall leicht, aber ich meine, in seinen Augen tatsächlich so etwas wie Besorgnis erkennen zu können.

Erneut schüttele ich entschieden den Kopf. „Im Gegenteil, glaube ich", erwidere ich dann. Ich fühle mich unsicherer als mir lieb ist.

„Gut, in Ordnung", nickt Ken, „magst du mich dann in deine Gedanken einweihen?" Er drückt erneut meine Hand. Augenblicklich werde ich ruhiger.

Trotzdem dauert es einen Moment, bis ich die Worte zusammengesammelt habe, die ich brauche. Ansehen kann ich ihn nicht, richte meinen Blick daher auf unsere verschlungenen Hände hinab.

„Ich weiß, dass wir noch nicht wirklich über unsere – naja, unsere Hochzeit gesprochen haben", beginne ich dann, „aber ich glaube, ich habe Recht, wenn ich sage, dass du… lieber nicht mehr allzu lange damit warten würdest?" Fragend sehe ich zu ihm hoch.

„Stimmt. Aber du möchtest deine Arbeit nicht aufgeben, richtig?", entgegnet Ken ruhig.

Zögernd nicke ich. Ich will etwas sagen, aber Ken ist schneller.

„Klar, natürlich hätte ich es lieber, wenn wir bald heiraten würden", erklärt er, „aber ich habe selbst erlebt, wie ernst du deine Arbeit nimmst und ich respektiere das. Wenn du noch warten möchtest, dann ist das zwar nichts, über das ich in Jubel ausbrechen werde, aber das heißt nicht, dass ich nicht warten kann oder werde. Meinetwegen auch bis nach dem Krieg."

„Wenn du dann noch –", ich breche ab, kann die Worte nicht aussprechen. Mein Hals fühlt sich eng an.

Ken dagegen nickt. „Wenn ich dann noch am Leben bin", vervollständigt er sachlich, „das ist natürlich die Voraussetzung."

Ich mag es nicht, wenn er so selbstverständlich von seinem eigenen Tod redet.

Mein Blick gleitet zum Fenster hinüber, durch das ich den wintrigen Hyde Park sehen kann. Eine Stille entsteht zwischen uns, mehrere Augenblicke lang.

„Es ist merkwürdig", bemerke ich schließlich langsam, „ich habe vorher noch nie darüber nachgedacht, aber als Jem gestern sagte, dass du vermutlich spätestens im Herbst wieder an der Front bist… das war das erste Mal, das ich begriffen habe, dass das irgendwie auch meine Schuld ist."

„Wieso deine Schuld?", fragt Ken vorsichtig. Sein Daumen streicht über meinen Handrücken.

Ich zögere einige Sekunden, suche nach den richtigen Worten. Wenn es so etwas wie richtige Worte überhaupt gibt. „Weißt du… als sich im November die Frage stellte, ob amputiert wird oder nicht, habe ich nur darüber nachgedacht, was eine Amputation für Einschränkungen in deinem weiteren Leben bedeuten würde", gestehe ich, „woran ich gar nicht gedacht habe… hätten sie das Bein genommen, wärst du nach Hause gekommen." Fast ein wenig widerwillig wende ich den Blick vom Fenster ab, sehe ihn an.

Ken wirkt sehr gefasst. „Aber zu welchem Preis?", entgegnet er ruhig.

Frustriert seufze ich. „Es mag Menschen geben, die halten ein Bein für einen adäquaten Preis für ein Leben", stelle ich fest. Meine Stimme ist ein klein wenig herausfordernd.

„Du sagst das, als wäre ausgemacht, dass ich sterben muss", erwidert Ken und auch bei ihm klingt jetzt eine gewisse Anspannung mit, „dabei weiß niemand, was passieren wird. Es wird Monate dauern, bis ich wieder halbwegs wiederhergestellt bin. Vielleicht ist der Krieg bis dahin längst vorbei – gewonnen, verloren, wer weiß das schon?" Er zieht beide Augenbrauen hoch.

Ich zucke mit den Schultern, lehne mich ein wenig in meinem Stuhl zurück. Ich will nicht streiten, aber der Stimmungswechsel ist so plötzlich gekommen, dass ich nicht weiß, wie ich ihn auflösen soll.

Als ich meine Hand zurückziehen will, hält Ken fest.

Ein, zwei, drei Sekunden schweigen wir.

Dann seufzt Ken, fährt sich mit einer Hand durch die Haare. Als er spricht, klingt er versöhnlicher: „Erinnerst du dich, als ich bei dir im Lazarett war und gesagt habe, manchmal denke ich, der Tod hat bisher bloß vergessen mich mitzunehmen?"

Vorsichtig, ein wenig misstrauisch, nicke ich.

Nun ist es Ken, der den Blick zu Fenster richtet, nachdenklich hinaus sieht. „Als ich verwundet wurde, stundenlang dort im Schlamm lag, durstig, das Bein schmerzend wie Feuer, die Granaten und Kugeln um mich herum, die Welt zu einem völlig bizarren Ort verzerrt, da habe ich gedacht, dass es jetzt soweit ist. Dass er mich jetzt holen kommt", bemerkt er abwesend, „und für einen Moment lag ich dort und dachte, na dann, dann ist das wohl in Ordnung. Das ist das letzte woran ich mich erinnere. Ich war mir sicher, dass das das Ende ist – und als ich aufwache, sitzt ausgerechnet du neben mir." Er lacht ungläubig.

Ich bin ganz still.

„In den ersten Minuten, und irgendwie sogar während der ersten paar Tage, war ich mir ziemlich sicher, dass nichts davon echt ist. Am wenigsten von allem du. Ob Himmel oder Hölle wusste ich nicht, aber was immer es war, ich hätte mich gehütet, es zu hinterfragen", fährt Ken fort, „wenn das das Jenseits seien sollte, dann war mir das nur Recht. Ich erinnere mich, dass ich gedacht habe, der Schmerz hätte etwas weniger sein können, aber ich hatte dich oder wenigstens eine Projektion von dir und alles in allem war das so in Ordnung für mich." Immer noch sieht er zum Fenster, als könne er dort die Erlebnisse dieser Tage erneut vor sich sehen.

„Irgendwann habe ich begriffen, dass es nicht das Jenseits ist, dass der Tod, aus welchen Gründen auch immer, entschieden hat, mich hier auf dieser Welt zu lassen. Er hätte mich so leicht auflesen und mitnehmen können, aber er hat mich auf diesem Schlachtfeld liegenlassen. Und… das mag jetzt abergläubisch klingen, aber warum sollte er mich noch holen, wenn er die Möglichkeit doch bereits hatte und mich nicht wollte?", fragt Ken. Endlich sieht er mich wieder an. Sein Blick ist offen, fragend, als erwarte er wirklich eine Antwort darauf.

Ich schlucke, blicke einige Sekunden hinab auf unsere Hände. „Jerry hat er auch beim zweiten Mal erst geholt", erinnere ich. Meine Stimme ist rau.

„Ich glaube, der Tod wollte Jerry überhaupt nicht holen. Er hatte bloß keine andere Wahl", entgegnet Ken fest.

Ruckartig sehe ich hoch. „Das heißt, du denkst…?", beginne ich, breche dann ab. Ich weiß, dass die Frage kein Ende benötigt.

„Ich denke, Jerry war nicht mehr er selbst", antwortet Ken, „und das macht seinen Tod ganz besonders traurig."

„Dann glaubst du, Jerry hat auch sein… sein Jenseits bekommen? Selbst wenn er…", wieder lasse ich das Ende der Frage unausgesprochen in der Luft schweben.

Ken nickt langsam. „Ich weiß nicht, ob es wirklich irgendwo einen Gott gibt", bemerkt er dann nachdenklich, „aber wenn es ihn gibt und wenn er keine Gnade für jemanden wie Jerry hat, der einige der schlimmsten Dinge erlebt hat, die ein Mensch erleben kann, dann ist der Himmel sicherlich kein Ort, den anzustreben sich lohnen würde."

„Das heißt, du schließt die Existenz eines Gottes doch nicht ganz aus?", hake ich nach, lege dabei den Kopf etwas schief. Zwischen den Themen ‚Gott' und ‚Jerry' scheint Gott mir das leichtere zu sein.

„Irgendetwas oder irgendjemand hat mich von diesem Schlachtfeld geholt und zu dir gebracht. Ob Gott, der Tod, ein Schutzengel, Schicksal oder purer Zufall, wer weiß das schon? Ich bin in jedem Fall gerne bereit, ungerichtete Dankbarkeit gegenüber wem auch immer zu empfinden", erklärt Ken mit einem schiefen Lächeln.

Ich jedoch kann über den Scherz nicht lachen. Dafür bedrückt mich dieses Gespräch etwas zu sehr. Ich bin nicht so abgebrüht wie er es ist.

Stattdessen kehre ich zum Ursprungsthema zurück. „Ja, irgendetwas hat dich dieses Mal zurückgebracht", bemerke ich zögernd, „vielleicht wird es das auch ein zweites Mal tun. Falls nicht… nun, wenn wir uns vornehmen, mit unserer Hochzeit bis nach Kriegsende zu warten, dann besteht die Möglichkeit, dass es nie eine Hochzeit geben wird. So wichtig mir meine Arbeit ist, du bist mir wichtiger. Und ich würde es auf ewig bereuen, wenn – wenn dir etwas zustoßen würde und wir nicht einmal dieses bisschen Zeit miteinander gehabt haben."

Aufmerksam mustert Ken mich. Er hebt die freie Hand, berührt meine Wange. „Also heiraten wir?", fragt er. Er klingt vorsichtig, aber in kann in seinen Augen einen gut kontrollierten Hoffnungsschimmer sehen.

Ich hole tief Luft, schließe kurz die Augen und erkläre dann: „Ich habe mir folgendes überlegt: Solange du noch hier bist, arbeite ich weiter. Ich will versuchen, mich nach England zurück versetzen zu lassen. Die meisten unserer Krankenhäuser sind im Süden, ich wäre also nicht weit weg. Dann können wir einander sehen, aber ich kann mich trotzdem noch eine Weile nützlich machen. Außerdem findet Frances ohnehin, ich sei übervorsichtig und traue dir zu wenig zu, vielleicht ist es deiner Genesung sogar zuträglich, wenn ich auf eine Besucherrolle beschränkt werde." Ich versuche mich an einem Lachen, das etwas wackelig gerät.

„Geht das denn? Dass du dich so einfach nach England zurückversetzen lässt?", fragt Ken überrascht.

„Das geht schon, glaube ich. Ich werde es einfach damit begründen, dass ich irgendwohin möchte, wo es keine Luftangriffe gibt. Dafür haben sie meistens Verständnis", erkläre ich schulterzuckend.

Ken presst die Lippen aufeinander und ich brauche einen Moment um zu begreifen, dass es an den Luftangriffen liegt, die ich erwähnt habe. Es ist für ihn vermutlich eine ziemlich neue Erfahrung, mal ausnahmsweise nicht derjenige in Gefahr zu sein, sondern der, der zurückbleibt und wartet.

„So schlimm ist es gar nicht", beeile ich mich, zu versichern, „gut, in Flandern waren wir manchmal ziemlich nah dran, aber du hast ja selbst erlebt, dass es in Arques so häufig gar keinen Luftalarm gibt. Und ernst ist es bisher sowieso nicht geworden."

„Ich habe vor allem erlebt, dass du eine ausgemacht Abneigung gegen Luftschutzräume hast", entgegnet Ken trocken.

Das kann ich nun nicht einmal abstreiten.

Theoretisch weiß ich zwar, dass wir in einem gesicherten Unterstand deutlich besser untergebracht sind, sollte eines der Flugzeuge mal nicht einfach über uns hinwegfliegen, aber praktisch… Es macht mich nervös, die Enge, die Dunkelheit, der Lärm, die Menschen. Es gab mehr als einen Moment, da schien mir die mögliche Gefahr eines Flugzeugs deutlich leichter zu ertragen als die Realität der Luftschutzbunker. Öfter als nicht habe ich es deswegen einfach darauf ankommen lassen.

„Ich passe auf mich auf, ja?", verspreche ich trotzdem, hebe unsere verschlungenen Hände und drücke ihm einen Kuss auf den Handrücken.

Ken seufzt. Er wirkt nicht überzeugt, aber ich kann sehen, wie er sich zwingt, nichts mehr dazu zu sagen. Ein oder zwei Sekunden verstreichen, dann schüttelt er kurz den Kopf, als wolle er einen unliebsamen Gedanken loswerden.

„Also lässt du dich nach England versetzen?", greift er dann das vorherige Thema wieder auf.

„Das ist der Plan. Ich dachte mir, ich arbeite so lange, bis du wieder soweit gesund bist. Und dann bitte ich um meine Entlassung und wir heiraten, bevor sie dich zurück nach Frankreich schicken", vervollständige ich.

„Hmh", macht Ken nachdenklich, „und das mit der Entlassung geht auch so einfach?" Er klingt etwas ungläubig und ich kann es ihm kaum verdenken. Für ihn, wie für jeden männlichen Soldaten, ist eine Entlassung aus der Armee schlicht unmöglich. Es geht nicht. Wer kampffähig ist, hat zu kämpfen, bis es nichts mehr zu kämpfen gibt.

„Bei uns ist das anders als bei euch. Einem begründeten Entlassungsgesuch wird wohl praktisch immer stattgegeben und eine Heirat ist die beste Begründung, die man haben. Zumindest wenn die betreffende Krankenschwester mehr ein Jahr Dienst in Europa getan hat, ist es in der Regel daher kein Problem. Polly hat es gemacht. Wir dürfen nämlich nicht verheiratet sein und weiter als Armeeschwestern arbeiten, aber die Armee ist schon der Meinung, dass wir heiraten können sollten. Wir sind schließlich Frauen – welch höhere Ambition könnten wir im Leben haben als eine Ehe?", ich ziehe eine kleine Grimasse bei meinen eigenen Worten.

Ken lächelt ein wenig über meine Worte. „Und trotzdem möchtest du meine Frau werden", bemerkt er dann.

„Natürlich möchte ich das! Ich möchte nur nicht, dass das alles ist, was ich für den Rest meines Lebens tue", erkläre ich, „allerdings müssen wir ja sowieso erst einmal heiraten. Also... wie findest du denn nun eigentlich meinen Plan?" Mein Herz klopft plötzlich doppelt so schnell wie sonst.

Einen Moment geschieht gar nichts, dann nickt Ken langsam. „Ich halte das für eine ganz exzellente Lösung", erwidert er. Seine Stimme und sein Gesicht sind ernst, aber in seinen Augen funkelt es.

Ich atme tief aus. Die Anspannung verlässt mich.

„Allerdings", fährt er dann fort und augenblicklich werde ich wieder starr, „würde mich doch interessieren, ob ich wohl noch einen Kuss bekommen könnte, bevor Schwester Thompson hereinkommt und das Abendessen bringt." Auf seinem Gesicht erscheint das unverschämte, triumphierende Grinsen, das nur er eigen hat.

Ich lache erleichtert, hole jedoch gleichzeitig mit der freien Hand zu einem Schlag aus, den Ken leicht in der Luft abfängt. „Du bist unmöglich und ich sollte dich wirklich nicht küssen, du schlimmer Mensch!", verkünde ich dann mit aller empörten Rechtschaffenheit, die ich zusammenklauben kann.

Aber dann küsse ich ihn doch. Natürlich tue ich das.


Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „When you're away" aus dem Jahr 1914 entnommen (Text von Henry M. Blossom, Musik von Victor Herbert).