Kapitel 36 – Zeit
„Was haben Sie gesehen?" Merians Stimme war leise, aber sie hätte Glas zerschneiden können.
„Voldemort beschrieb nach dem Ausführen des Fluches kreisförmige und linienförmige Bewegungen und zum Schluss zeichnete er eine Sanduhr."
„Was bedeutet das?"
„Es ist ein magischer Zeitstempel. Diese Art Magie wird nur sehr selten verwendet."
„Was meinen Sie damit?"
„Sie sind ein Veela?"
„Ja."
Snape fixierte ihn einen Moment aufmerksam, bevor er die Frage stellte, von der alles abhing: "Mir ist eine große Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Ihrer Schwester aufgefallen. Waren Sie Zwillinge?"
Merian schwieg lange, bevor er antwortete. „Auch das trifft zu."
Snapes Gesicht entspannte sich sichtlich. „Weder Minerva noch Dumbledore konnten mir darüber Auskunft geben."
„Was spielt das für eine Rolle?"
„Es ist entscheidend."
Merian schien wie versteinert. Snape fragte weiter: "Wie gut kennen Sie sich mit schwarzer Magie aus?"
„Kaum."
„Das dachte ich mir", murmelte Snape.
„Sie wissen, dass ich gezwungen wurde, unter Malieri einen schwarzmagischen Trank zu brauen. Es hat mein Vertrauen in diese … Künste nicht gerade gestärkt.
Worauf wollen Sie hinaus, Snape?" drängte Merian ungeduldig.
„Als Veela besitzen Sie naturgemäß eine sehr starke positive Energie. Bei Veela-Zwillingen geht beim Tod des einen die Energie auf den anderen über. Er verleiht seinem Zwilling dadurch eine gewisse Immunität gegen dunkle Magie."
„Sie meinen also, Gemmas Tod hat mich all die Jahre geschützt?"
„Nicht ganz. Aber schwarzmagische Flüche wirken in solchen Fällen nur, wenn sie mit einem magischen Zeitstempel verbunden werden. Genau das hat Voldemort bei Ihnen praktiziert."
„Davon habe ich noch nie gehört."
„Zeitstempel legen die Wirkungsdauer des Fluches fest und verstärken diesen. Je länger die Dauer, desto komplizierter ist der Zauber. In der Regel verwendet man daher kurze Zeitspannen. Schwarzmagische Flüche wirken normalerweise sehr schnell."
„Ich bin nun bereits zwanzig Jahre dem Fluch ausgesetzt. Nennen Sie das kurz?", meinte Merian aufgebracht und sprang auf.
„Das ist in der Tat ungewöhnlich", gab Snape gelassen zu. „Aber entscheidend ist, dass die Dauer eines solchen Zeitzaubers nicht unbegrenzt festgelegt werden kann. Das Maximum beträgt ein Vierteljahrhundert."
Merian setzte sich bedächtig wieder hin.
„Interpretiere ich das jetzt richtig? Dieser Fluch, der bei anderen ewig währt, verliert bei mir spätestens nach 25 Jahren die Wirkung?"
„Exakt. Sobald der Zeitstempel abgelaufen ist. Es ist Ihr großes Glück, nicht nur ein Veela, sondern ein Veela-Zwilling zu sein. Im schlimmsten Fall müssen Sie also noch etwa 5 Jahre durchhalten."
Merian saß bewegungslos und verbarg, was in ihm vorging.
„Eine Sache interessiert mich noch", äußerte Snape. „Dass Voldemort vorausschauend den Zeitzauber ausgeführt hat, zeigt, dass er bestens über Sie und Ihre Abstammung informiert war. Aber wieso wusste Dumbledore nichts von Ihrer Zwillingsschwester? Dumbledore war geschult in den dunklen Künsten und hätte Ihnen die gleiche Auskunft geben können wie ich heute – und das schon vor vielen Jahren!"
„Niemand hier in England wusste, dass Gemma und ich Zwillinge waren", meinte Merian leise. „Mein Großvater und mein Vater waren schon vor unserer Geburt zerstritten und hatten seither keinen Kontakt mehr. Mein Großvater wusste zwar, dass mein Vater unter dem Namen seiner Frau lebte, Kinder hatte und irgendwann als Botschafter nach Italien ging, aber er existierte damals für ihn nicht mehr. Und wir auch nicht."
Snape nickte. Das klang typisch nach seinem alten Lehrmeister. „Wie kam es, dass er Minerva ansprach und Sie nach Hogwarts holen ließ?"
„Er erfuhr zufällig aus der italienischen Presse von meiner Verhaftung und später vom Mord an Gemma. Anscheinend wurde sein Gewissen nach all den Jahren geweckt und er schrieb an meinen Vater. Als der nicht reagierte, schaltete mein Großvater Minerva ein. Der Umstand, dass wir Zwillinge waren, wurde in der Presse nie erwähnt. Aber für Voldemort war es sicherlich ein Leichtes, die entsprechenden Informationen aus Italien zu beziehen."
„Nun sind Sie aber schon zwanzig Jahre wieder in England. Sie werden doch sicherlich bei der einen oder anderen Gelegenheit mit Ihrem Großvater oder Minerva über Ihre Familie gesprochen haben?"
„Wenig. Mein Großvater vermeidet das Thema. Über meine Schwester vermochte ich in all den Jahren fast nie zu sprechen. Woher sollte ich denn wissen, dass dieser Umstand, dass wir Zwillinge waren, so wichtig ist?"
„Eine tragische Verkettung unglücklicher Faktoren also", bemerkte Snape trocken.
„Führen Sie mich zurück zu dieser Erinnerung, Severus. Ich möchte Gewissheit, wie lange ich noch unter diesem Fluch stehe. Und wir müssen herausfinden, wer meine Schwester getötet hat." Seine Wangen bekamen rote, hektische Flecken.
„Wenn Sie wieder im Vollbesitz Ihrer Kräfte sind, keinen Tag früher."
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„Und du bist sicher, dass das Maximum 25 Jahre sind?"
„Ja."
Minerva und er standen in seinem ehemaligen Labor und er ließ seinen Blick aufmerksam schweifen. Es wirkte fast unverändert, stellte er erstaunt fest. Jenkins hatte zwar weitere Regale aufgestellt, aber sie waren ähnlich strukturiert. Auffallend war lediglich, dass sich weniger Tische als früher im Raum befanden und sie weit auseinander standen.
Minerva bemerkte seinen Blick. „Seit dem Unfall haben wir die Arbeitsgruppen verkleinert und die Sicherheitsmaßnahmen erhöht. Möchtest du noch mehr sehen?"
Snape schüttelte den Kopf und verabschiedete sich.
„Lass von dir hören Severus", bat sie.
Nachdem er das zugesagt hatte, verließ er Hogwarts aufatmend.
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Minerva McGonagall nippte abwesend an ihrem Tee. Irgendetwas war ihr heute anders an Severus erschienen, was sie nicht benennen konnte. Er wirkte einerseits fast beschwingt – sie schmunzelte über ihre Wortwahl, denn „beschwingt" war kein Ausdruck, den sie bisher im Zusammenhang mit Severus Snape gebraucht hätte – und andererseits verschlossener als bei ihren letzten Treffen.
Seine Neuigkeiten über Merian waren überraschend und hoffnungsvoll. Hauptsache, Merian brachte sich nicht selbst unnötig durch vorschnelle Aktionen in Gefahr. Weitere Legilimentik war ein Risiko, wenngleich sie verstehen konnte, dass er nicht einfach 5 Jahre abwarten wollte, sondern nach Gewissheit verlangte.
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Zurück in seinen Räumlichkeiten holte Snape die Erinnerung an den vergangenen Abend wieder ein.
Sie waren sich zu nah gekommen. Er hatte diese Nähe selbst mit heraufbeschworen, indem er sie in einem schwachen Moment bat, zu bleiben. Aber sie hatte die Grenzen aufgelöst und ihn in Verwirrung gestürzt.
Er musste sich eingestehen, dass er in den vergangenen Monaten daran gescheitert war, die Ursachen für Hermiones Zuneigung zu ergründen. Selbst während seiner zwischenzeitlichen Unleidlichkeit wegen Jenkins hatte sie weiterhin unerschütterlich seine Gesellschaft gesucht, eine Tatsache, die allein ihn schon erstaunte. Und doch zweifelte er nach wie vor, ob ihr die Tragweite seiner Entscheidung, nicht in die Zaubererwelt zurückzukehren, überhaupt bewusst war.
Wie und wann genau war es dazu gekommen, dass er ihre Gesellschaft nicht mehr missen wollte? Wann hatten sich seine Gefühle für sie verändert? Er vermochte es nicht zu sagen. Wenn er doch nur sicher sein könnte, dass ihre Nähe nicht nur flüchtiger Natur war, sie sich nicht einfach in Luft auflösen würde, wenn er zuließ, dass ihre Begegnungen über das geistige, freundschaftliche Verhältnis hinausgingen!
Er erkannte das Gefühl wieder, das ihn befiel, sobald er sie sah und an sie dachte und wusste, dass er es automatisch mit Schmerz und Seelenqual verband. So wie früher.
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Er beschloss, noch einen Tag abzuwarten, um mehr Klarheit in seine Gedanken zu bekommen. Seine Nachtruhe war von kurzer Dauer, stattdessen wanderte er ziellos über die Wiese, atmete die kalte Nachtluft und betrachtete den Sternenhimmel. Ein Universum, in dessen Zentrum er sich in solchen Momenten fühlte und doch so klein.
Was hatte Albus zu ihm gesagt? Dass er den Schmerz vorwegnehmen und sich damit von vornherein alle Möglichkeiten blockieren würde? Es stimmte. Doch zu oft hatte er schon gehofft und war enttäuscht worden. Sich von vornherein vieles zu versagen, was zu dieser Enttäuschung führen könnte, war eine Überlebensstrategie, auf die er häufig zurückgriff. Aber in Hermiones Fall funktionierte sie nicht.
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Am nächsten Nachmittag lenkte er seine Schritte zu Potters Hütte.
Hermione war sehr erleichtert, als er vor ihrer Tür stand. Zweifel waren bereits durch ihren Kopf gegeistert, ob und in welcher Verfassung er sie aufsuchen würde.
„Komm herein, Severus."
Er ließ sich zögernd in der Küche nieder.
„Willst du deinen Umhang nicht ablegen?"
Er wich ihrem Blick aus. Die Maske hatte ihren Platz zurückerobert.
„Ich war gestern in Hogwarts", begann er neutral.
„In Hogwarts?! Hat dich Minerva gerufen oder wollte Merian mit dir sprechen?"
Ihr eifriger Ton trug dazu bei, dass sich Snape plötzlich entspannte. Seine Lippen verzogen sich amüsiert. „Noch immer so überaus … wissbegierig, Hermione?"
„Noch immer so … sarkastisch, Professor Snape?", konterte sie und hob ihr Kinn provozierend.
Die Atmosphäre lockerte sich auf. Mit einem sardonischen Ausdruck lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme und schwieg.
„Weshalb warst du in Hogwarts?", fragte sie erneut.
„Ich habe mit Jenkins gesprochen."
„Worüber?"
Ihre offensichtliche Ungeduld genießend, beugte er sich vor und flüsterte: „Über Schwarze Magie."
Ihre Augenbrauen zogen sich unheilvoll zusammen.
„Ich habe etwas entdeckt, was Jenkins Fall ändern könnte", meinte er ruhig und wiederholte, was er schon Merian erläutert hatte.
Hermione hörte mit wachsendem Erstaunen zu. „Fünf Jahre sind eine lange Zeit, aber immerhin eine Perspektive, nachdem er die Hoffnung schon aufgegeben hatte."
„Er will natürlich Gewissheit haben, ob es wirklich noch fünf Jahre sind oder ob der Fluch vielleicht schon früher gelöst wird."
„Hat der Vorfall neulich nicht gezeigt, dass Legilimentik bei ihm zu gefährlich ist? Er hätte sterben können."
„Das wird ihn nicht davon abhalten", vermutete Snape.
„Voldemort hat also gewusst, dass Merian ein Veela-Zwilling ist und entsprechende Vorkehrungen getroffen, damit der Fluch auch wirkt. Es muss ziemlich einmalig sein, dass jemand so lange überlebt hat."
„Das ist es. Hogwarts hat ihn gerettet und er scheint ein beneidenswert zähes und unbekümmertes Naturell zu besitzen."
„Ich wünschte, du hättest ein wenig mehr von diesem unbekümmerten Naturell", murmelte Hermione kaum hörbar, doch Snape verfügte über ein feines Gehör.
„Siehst du nun, warum es keine gute Idee war, dass wir uns so nahe gekommen sind?", bemerkte er kühl.
„Mach es dir nicht so einfach, Severus. Ich wünschte, du hättest mehr von seinem Wesen, um wieder zu leben, mir zu vertrauen."
„Ich lebe bereits."
„Ja. Aber du hast kein Vertrauen, grenzt dich ab, baust meterhohe Schutzwälle um dich herum auf. Du traust mir keine beständigen Gefühle zu, zweifelst an meinen Motiven. Ich bin kein wankelmütiger Mensch! Ich weiß in der Regel genau, was ich will und was ich nicht will!"
„Wirklich? Du willst Nähe zu einem Einsiedler, über den du Stillschweigen bewahren musst?"
„Ja."
„Zu einem Einsiedler, den du gelegentlich am Wochenende siehst, sofern du nicht arbeitest?"
„Du kannst mich jederzeit in London besuchen..."
„Es genügt dir, immer nur mit einem Fremden gesehen zu werden, einem alten Mann, und nie in Begleitung eines Freundes oder Mannes?"
„Ja. Außerdem wissen noch ein paar Leute, dass du am Leben bist."
„Dir ist bewusst, dass ich schon gelebt habe, als Voldemort zum ersten Mal an der Macht war? Und ich war dein Lehrer und in deinem jetzigen Alter, als du nach Hogwarts kamst."
„Ja. Und? Die Vergangenheit spielt für mich keine Rolle. Wir leben JETZT."
Wieder sah sie die Zweifel fast greifbar in seinem Gesicht.
„Also gut, Severus. Ich weiß wirklich nicht weiter. Was soll ich tun, damit du mir vertraust?"
Sein Gesicht war versteinert und keine Regung darin ablesbar.
„Severus?" Die Situation erschien ihr mit einem Male aussichtslos und festgefahren. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle und sie wusste nicht, wie lange sie ihn unterdrücken konnte. Sie erhob sich.
„Ich muss hier raus. Zieh bitte die Tür hinter dir zu, wenn du gehst, dann werden die magischen Siegel aktiviert." Mit diesen Worten ergriff sie ihren Umhang und eine Sekunde später fiel die Tür ins Schloss.
„Hermione", rief ihr Snape hinterher, der aus seiner Erstarrung erwachte, doch sie war schon außer Hörweite.
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Erst am See verlangsamte sie ihre Schritte und atmete tief durch. Was sollte sie nun tun? Hatte sie nicht unendliche Geduld bewiesen in den vergangenen Monaten? Seine Gegenwart tat ihr inzwischen fast körperlich weh. Wie wunderbar war es gewesen, als er vor zwei Tagen für einen Moment alle Vorbehalte und Zweifel hinter sich gelassen hatte. Warum verleugnete er noch immer so konsequent, dass auch er ihre Nähe ersehnte?
Würde sie es schaffen, einfach zu ihrem Leben in London zurückzukehren, ihn zu vergessen? Bei diesem Gedanken verstärkte sich ihre Traurigkeit. Nach einigen Minuten hatte sie das Gefühl, keine Tränen mehr zu haben. Der See plätscherte friedlich vor sich hin und nach und nach beruhigte sich ihr aufgewühltes Gemüt.
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Der Verlauf des Gesprächs war in eine Richtung gegangen, die er so nicht gewollt hatte. Doch ihre ruhigen, sicheren Antworten hatten ihn provoziert, er wollte eine Schwachstelle finden, eine Rechtfertigung für sich selbst, warum es unmöglich war, sein Leben in ihre Hände zu legen.
Er folgte ihr mit etwas Abstand zum See. Als er das Ausmaß ihrer Traurigkeit sah, wusste er, dass eine rein freundschaftliche Verbindung zwischen ihnen unmöglich geworden war. Die Entscheidung lag nun allein bei ihm.
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„Hermione!"
Sie blickte auf, fühlte sich einer erneuten Konfrontation noch nicht gewachsen. Er kam ihr mit schnellen Schritten und wehendem Umhang entgegen. Trotz ihrer Niedergeschlagenheit sah er für einen Moment all das in ihren Augen, was er so konsequent verleugnete.
Mit einer überraschenden Bewegung zog er sie an sich und hielt sie einen Moment fest, bevor er sie küsste.
Die Charaktere sind – bis auf Merian Jenkins und seinen Großvater – von J. K. Rowling ausgeliehen. Das Schreiben bringt keine finanziellen Vorteile, aber viel Freude.
