Kapitel 37

Wie sich herausstellte, hatte Albus ihn schon erwartet.

In Albus Büro stand bereits sein Lieblingstee frisch aufgebrüht mit ein paar frisch gebackenen Ingwerkeksen, einer der wenigen Sorten an Keksen, die selbst er einigermaßen mochte.

Hinter seinem Schreibtisch saß der Schulleiter und strahlte Severus mit funkelnden Augen an: „Ah, mein Junge, es freut mich, dich so rasch wiederzusehen."

Severus erwiderte das strahlende Lächeln etwas weniger enthusiastisch und bedachte den Tee mit einer fragend erhobenen Augenbraue.

Albus schmunzelte vergnügt: „Poppy hat mir bereits berichtet, dass du mit Harry hier bist. Ein kleiner Unfall nehme ich an?"

Severus nickte, wobei er sich eigentlich kaum wunderte, dass Albus schon von ihrer Anwesenheit wusste. Es schien meist so, als wüsste Dumbledore so gut wie Alles, was vor sich ging: „Harry fiel beim Spielen von der Schaukel. Was sich aber hätte gänzlich verhindern lassen, wenn der Junge auf das gehört hätte, was ich ihm nicht fünf Minuten vorher gesagt hatte."

Der Gesichtsausdruck des alten Zauberers wurde ernster: „Wie geht es Harry im Allgemeinen?"

Severus hielt kurz inne, eh er, bedacht auf seine Wortwahl, mit ebenfalls ernster Miene antwortete: „Das ist schwer zu sagen, Albus. Harry hat sich relativ gut in Prince Manor eingelebt. Doch ständig treten Situationen auf, in denen mir bewusst wird, wie stark er geschädigt ist und wie äußerst labil das Kind ist."

Albus nickte, während jegliches Lächeln aus seinem Gesicht gewichen war und er leise sagte, so als würde er eher mit sich selber sprechen: „Und die Schuld an all dem trage ich alleine."

Severus betrachtete den Mann eindringlich, den er als eine Art Mentorfigur ins Herz geschlossen hatte. Es schmerzte ihn, den mächtigen Zauberer so voller Reue zu sehen und ihn nicht trösten zu können.

Denn Albus hatte Recht, er hatte Harry bei seinen Verwandten untergebracht. Albus hatte nicht nachgefragt, ob sie das Kind überhaupt aufnehmen wollten. Er hatte es fünf lange Jahre lang versäumt nach dem Jungen zu sehen.

Und der Schaden den diese fünf Jahre hinterlassen hatten, war immens und würde vermutlich für immer Spuren in dem Kind zurückbleiben lassen.

So schwieg Severus und wartete darauf, dass Albus seine Fassung wieder erlang.

Nach einigen Momenten des schweren Schweigens schüttelte der ältere Zauberer leicht mit dem Kopf und zwang offenbar den Hauch eines Lächelns zurück in sein faltiges Gesicht, was die blauen Augen aber nicht erreichte.

„Hast du bereits begonnen Harr y zu unterrichten?", fragte Albus interessiert.

Severus verneinte: „Harry war bis jetzt noch damit beschäftigt, sich an einen normalen Tagesablauf zu gewöhnen und ein klein wenig körperliche Stärke aufzubauen. Ich werde aber bald damit beginnen, wobei vermutlich zu Anfang eine Stunde täglich vollkommen ausreichend sein wird. Doch ich habe darüber nachgedacht für meinen Sohn eine Therapie zu arrangieren."

Albus sah ihn verwundert an: „Wieso das denn?"

Leicht entnervt antwortete Severus ungeduldig: „Weil ich nicht dafür ausgebildet bin, psychologische Traumata dieses Ausmaßes zu kurieren. Das, was der Junge durchlebt hat, übersteigt meine schlimmsten Befürchtungen bei Weitem, Albus. Ich bin schlichtweg überfordert damit. Ich möchte nichts falsch machen und ich glaube nicht, dass es ausreicht, dem Kind einfach nur zuzuhören und für ihn da zu sein."

Albus nickte leicht und seufzte dabei schwer: „Ich werde dir helfen, einen vertrauenswürdigen Psychologen zu finden, Severus."

„Ich hatte gehofft, dass du Kontakte in diese Richtung hast.", bestätigte Severus.

„Doch das wirft ein Problem auf. Das Hinzuziehen eines Therapeuten macht es notwendig, dass ein Gerichtsverfahren über die Misshandlungen stattfinden wird.", erleuchte Albus den jüngeren Zauberer.

Severus zog die Augenbrauen zusammen. Wieso sollte das zwangsläufig eine Gerichtsverhandlung voraussetzen?

Die Frage hatte ihm wohl allzu deutlich in den Augen gestanden, denn Albus fuhr fort: „Ein Therapeut steht zwar unter direkter Schweigepflicht. Doch er ist auch verpflichtet Missbrauch bei Minderjährigen ohne jegliche Ausnahmen zu melden. Gleichzeitig würde er aber noch mehr tun. Ein Therapeut tritt in solchen Fällen als Ankläger ins Gericht und seine Aussagen reichen völlig aus. Die eigentlichen Opfer werden nicht in den Fall involviert und wissen häufig nicht einmal, dass es eine Verhandlung darüber gibt."

In Severus Kopf überschlugen sich die Gedanken förmlich. Die Dursleys würden offiziell bestraft werden und Harry würde es erspart bleiben, im Gericht selber eine Aussage zu machen. Aus seiner Sicht konnte er da grade nur positive Aspekte dran erkennen.

„Und wo ist der Haken an der Sache?", fragte er schließlich nachdenklich.

Albus zögerte leichte: „Nun, selbst mein Einfluss und der von Mr. Malfoy zusammen könnten nicht bewirken, dass in diesem Fall nichts bekannt werden würde. Die Presse hat seit jeher großes Interesse an Prozessen über Missbrauchsfälle. Selbst ohne Harrys Präsenz würde schnell bekannt werden, um wen es ging und auch wessen Kind er nun ist."

Nun war es an Severus zu seufzen. Doch andererseits, wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass es ewig dauern würde, eh bekannt würde, dass nicht James Potter der Vater des Kindes war.

Hatte es nicht eventuell auch etwas Gutes, diesen Aufschrei der Öffentlichkeit hervorzurufen, bevor es für Harry an der Zeit war, Hogwarts zu besuchen. Schließlich war er jetzt noch so jung, dass das Kind die Presse nicht lesen würde und auch die Reaktionen der Öffentlichkeit kaum mitbekäme.

„Früher oder Später würde das sowieso herauskommen, Albus. Es ist enorm naiv anzunehmen, dass wir dieses Geheimnis lange hüten können. Und jetzt ist Harry noch jung. Die Öffentlichkeit wird sich beruhigt haben, eh er wirklich in Hogwarts ist und der Presse ausgesetzt sein wird.", sprach Severus seine Gedanken aus.

Dumbledore betrachtete den jüngeren Zauberer nachdenklich. Für Severus war es offensichtlich, dass der Ältere seine Ansichten nicht teilte. Albus war schon immer davon überzeugt gewesen, dass Verwandtschaft alleine für ein gutes Miteinander garantieren würde und es schien dem älteren Mann schwer zu fallen das Konzept von Missbrauch innerhalb einer Familie zu verstehen.

Severus begegnete der schweren Stille mit ebenso gelassener Ruhe, er hatte nicht vor von seinem Standpunkt zurückzuweichen.

Er versuchte das zu tun, was auf lange Sicht für seinen Sohn das Beste sei. Eine Therapie würde dem Kind bei Dingen helfen, bei denen er selber machtlos war. Aus seiner Sicht war es bloß ein Zugewinn, dass die Dursleys rechtlich verfolgt werden würden. So würde er zwar die Chance verlieren, sich persönlich zu rächen. Doch das war vermutlich auch eher positiv, eh er sich noch selber dabei vergaß und im Schluss selbst im Gefängnis sitzen würde.

„Du musst tun, was du für richtig hältst, Severus.", sprach Albus schließlich nach längerer Pause mit widerwilligem Unterton.

Severus nickte knapp: „Lässt du mir Kontakte von zuverlässigen Therapeuten zukommen?"

Mit einem Seufzen nickte Albus letztendlich, wobei ihm deutlich ansehbar war, dass er nicht wirklich einverstanden war.

Wobei Severus sich nicht wirklich sicher war, wieso Albus so offenbar gegen das Hinzuziehen eines Psychologen war. Er konnte sich nur vorstellen, dass sich Albus davor fürchtete, wie er selber dastehen würde, wenn bekannt wurde, dass er den Retter ihrer Welt bei Verwandten abgeladen hatten, die das Kind nicht wollten. Und das es fünf lange Jahre gedauert hatte, eh dem Führer der hellen Seite der Zaubererwelt einfiel, sich nach dem Kind zu erkundigen und zu kontrollieren, dass es dem Jungen wirklich gut ging.

Allerdings musste Severus auch wieder an Lucius Worte denken. Die breite Masse der Zauberer würde alles andere als positiv auf die Nachricht reagieren, dass ein magisches Kind von Muggeln jahrelang missbraucht worden war.

Missbrauch kam in Zaubererfamilien in diesem Maßstab äußerst selten vor. Es wurden selten genug magische Kinder geboren, dass sie für die kleine Gesellschaft kostbar waren. Zudem hatten die Dursleys Glück, dass sich die Magie des Kindes in all den Jahren nicht gewehrt hatte. Denn es konnte durchaus passieren, dass sich Kinder gegen körperliche Angriffe mit Magieausbrüchen wehrten. Zugegebener Maßen hatten reinblütige Zaubererfamilien häufig eine sehr strenge Disziplin und Erziehung, doch sie wurde nur äußerst selten wirklich gewalttätig.

So mussten sie tatsächlich damit rechnen, dass es einen ordentlichen Aufschrei der Öffentlichkeit geben würde und sich der Hass auf Muggel für einige Zeit aufs unermessliche steigern würde. Severus konnte nur hoffen, dass sich daraus kein ernsthaftes politisches Problem entwickeln würde. Doch andererseits sollte Harrys Schicksal nicht unbedingt geheim gehalten werden. Das könnte später bei dem Kind den Eindruck erwecken, als hätte der Schulleiter alles getan, um solch eine „peinliche Angelegenheit" aus der Welt zu schaffen und um allen Preis nicht bekannt werden zu lassen.

Als Severus sich von dem älteren Mann verabschieden wollte, hielt ihn Albus zurück: „Bist du dir sicher, dass das der richtige Weg ist? Glaubst du wirklich, dass du nicht alleine mit dem Jungen fertig wirst?"

Die Art und Weise, wie Albus „dem Jungen" ausgesprochen hatte, gefiel ihm nicht und so antwortete Severus gereizt mit einer Gegenfrage: „Wovor hast du eigentlich solche Angst, Albus? Um deinen Ruf? Um all die Muggel? Um die Gerüchte um Lily und mich?"

Doch Albus schüttelte müde den Kopf: „Gerüchte werden vergehen, Severus. Und sollte mein Ruf dadurch Einbußen erlangen, ist das allein meine Schuld. Aber ich fürchte darum, wie man von dem Kind denken wird. Die Zaubererwelt ist davon überzeugt, dass der Junge ein Wunderkind ist, der stark genug war, im Alter von einem Jahr den dunkelsten Zauberer zu Fall zu bringen. Aber, wenn das nun rauskommt, fürchte ich…"

Severus ließ den alten Mann nicht zu Ende sprechen und fuhr heftig dazwischen: „Du allein hältst Harry für ein Wunderkind, Albus. Du alleine. Niemand sonst weiß von der Prophezeiung. Und Prophezeiungen müssen sich nicht immer erfüllen, alter Mann. Und wage es ja nicht auszusprechen, dass du der Meinung bist, dass Harry dadurch, dass er sich gegen einen erwachsenen Mann als Kleinkind nicht wehren konnte, schwach ist."

Als Severus diese Worte sagte, sah er in den blauen Augen des Schulleiters für einen kurzen Augenblick etwas aufblitzen und er musste leider erkennen, dass Albus vermutlich wirklich genau das glaubte.

„Das wollte ich auch nicht sagen, mein Junge.", versuchte Albus den offenbar wütenden Mann vor sich zu beschwichtigen, „ich werde euch beide selbstverständlich unterstützen."

Doch Severus hörte ihm kaum noch zu, denn in seinen Gedanken hatte er eine beängstigende Vermutung. Albus war schon immer ein Mann gewesen, der für das große Ganze Opfer brachte oder sie allzu häufig von anderen um sich herum bringen ließ.

Was war nun, wenn Albus das Kind bewusst dort platziert hatte. Er wusste, dass Albus nicht wollte, dass aus dem Kind ein verzogener Bengel wurde. Vielleicht hatte Albus darauf spekuliert, dass in diesem Haus keine Liebe für das Kind übrig bleiben würde und Harry hier in Hogwarts ankommen würde, als ein Kind, was alles tun würde, um sich vor dem großen Albus Dumbledore zu beweisen und ein klein wenig Anerkennung zu erhaschen.

Doch selbst wenn das Albus ursprüngliche Absicht gewesen sein sollte, was sie völlig gescheitert. Albus hatte offenbar nicht mit einkalkuliert, wie schlecht man das Kind dort wirklich behandeln würde.

So hatte er nun keine perfekte kleine Schachfigur, die ohne Fragen alles tun würde und sich mutig in Gefahren stürzen würde.

Denn im Moment hatte Harry viel zu viel Angst vor Allem. Würde er nun dem dunklen Lord gegenüberstehen, würde es ausreichen, dass dieser die Hand zu einer Ohrfeige erheben würde und der Junge würde vor Angst bebend zu seinen Füßen kauern.

In Gedanken versunken verabschiedete er sich schließlich von Albus, der die letzten Minuten auf ihn eingeredet hatte, ohne, dass er ein Wort wirklich verstanden hatte, und machte sich wieder auf den Weg hinunter in die Kerker zu seinem wohl noch schlafenden Sohn.

Sollten sich seine Vermutungen über Albus bestätigen, müsste er sehr sehr viel vorsichtiger damit sein, in wieweit er den alten Mann Einfluss auf seinen Sohn erlauben würde, oder ihn womöglich besser von dem Kind fernhalten würde.

Denn er weigerte sich, für Albus seine perfekte kleine Waffe großzuziehen. Sein Sohn würde keine Schachfigur in Albus großem Spiel des Lebens sein, dafür würde er mit aller Macht sorgen.