Kapitel fünfunddreißig: Lebewohl, Winry

*Edwards Blickpunkt*

Das Begräbnis verlief still, trotz all der Leute die da waren.

Hawkeye war auch da, ich hatte sie eingeladen, weil sie Winrys Freundin war und weil sie eine der wenigen war, die von der Wiederauferstehung der Homunkuli wussten.

Die Tugenden trugen Winrys Sarg zum Friedhof von Resembool (Winry hatte sich gewünscht, dort an der Seite ihrer Eltern und Oma Pinako bestattet zu werden), auch wenn Diligence das alleine gekonnt hätte. Temperance bestand darauf, das Protokoll einzuhalten, also taten wir das auch.

Meine Frau wurde mit Skizzen von den Automails bestattet, an denen sie zuletzt gearbeitet hatte, anstelle von Blumen. Sie war noch nie der Blumentyp gewesen.

Die Sünden waren überrascht, dass sie eingeladen wurden, aber sie kamen, selbst Pride und Wrath.

Ausnahmsweise trugen die Tugenden nicht weiß. Sie trugen schwarz, genau wie die Sünden.

Und die Sünden trugen, ebenfalls ausnahmsweise, der Situation angemessene Kleider.

Lust trug ein hoch geknüpftes Kleid, das Chastitys Kleidern ähnelte, nur schwarz.

Envy hatte zur Abwechslung mal sein knappes Outfit abgelegt und trug wie seine Brüder einen schwarzen Anzug.

Alle schwiegen. Es gab keine Begräbnisreden, es brauchte keine.

Ich war taub. Ich fühlte nichts. Als wäre ich innerlich tot. Da war nichts. Keine Trauer, kein Schmerz, kein Herzschmerz, nicht einmal Traurigkeit. Nur Leere. Warum fühlte ich nichts?

Van und Nina begannen zu weinen, als Humility und Pride den Sarg, der Winrys Leiche enthielt, mit ihren Schattenarmen ins Grab senkten.

Und irgendwie war ich gelähmt. Meine Kinder weinten und ich tat nichts – warum konnte ich nichts tun?! Ich wollte sie trösten und stattdessen stand ich nur hilflos da. Warum tröstete ich sie nicht?! Mein Verstand schrie mich an, hinzugehen und sie zu trösten, sie in den Arm zu nehmen und ihnen zu erzählen, dass alles besser werden würde, aber...

Am Ende tat es ein anderer. Aber es war nicht Al, Mei oder selbst Hohenheim.

Alle gafften, als eine gewisse Palme sich vor den Kindern hinkniete, ihnen die Hände auf die Schulter legte und ihnen was zuflüsterte.

Nina nickte tapfer, schniefte und wischte sich die Tränen weg und ihr großer Bruder tat dasselbe.

Envy stand wieder auf und verfolgte weiter mit versteinertem Gesicht das Begräbnis, als wäre nichts geschehen.

Ich fühlte, wie die Schuld mich auffraß. Ich hätte das tun sollen … und der es tat, war … er.

*Envys Blickpunkt*

Mein Gesicht verriet meine Gefühle nicht, aber innerlich kochte ich vor Zorn.

Verdammter Mistkerl … zwingst mich, deine Kinder zu trösten, als wär ich ihr Betreuer oder so! Warum hast du nichts getan? Du solltest doch ihr Vater sein, Arschloch!

Ich hatte das nicht tun wollen.

Aber als sie anfingen zu heulen, der Junge noch mehr als seine kleine Schwester, hörte ich wieder Winry Elrics Worte in meinem Kopf.

Kümmere dich für mich um ihn und die Kinder.

Das hatte ich ihr versprochen.

Und als ich mich umsah und Wraths Hände vor Wut zittern sah, konnte ich den aufkommenden Ärger förmlich riechen.

Also tat ich das Einzige, was mir einfiel. Ich packte sie bei de Schultern und sagte ihnen, dass sie tapfer sein und leise weinen sollten, und dass alles besser werden würde.

Eine weitere Welle der Wut packte mich, als ich Edward Elric böse ansah, während keiner hinsah.

Du hättest das tun sollen, Edward Elric.

*Edwards Blickpunkt*

Als das Begräbnis vorbei war, blieb ich am Grab zurück. Ich war wie benebelt. Es konnte nicht sein, dass Winry, meine Winry, die Frau die meine Automails gemacht und mich mit ihrem Schraubenzieher beworfen hatte, wenn ich sie kaputt gekriegt hatte, die mir immer beigestanden hatte, die Mutter meiner Kinder, meine Kindheitsliebe nun nichts weiter war als eine Leiche begraben unter zwei Metern Erde und einem Stein mit ihrem Namen drauf.

Winry Elric, geborene Rockbell

1899 – 1928

geliebte Ehefrau, Mutter, Tochter, Enkelin, Mechanikerin und Freundin

Es war nur ein kalter Grabstein.

Meine Winry war fort.

Sie würde nie zurückkehren.

Warum also war ich so taub? Warum fühlte ich nichts?

„Warum hast du nichts getan?", fragte eine kratzige, androgyne Stimme hinter mir.

Envy.

Wie hatte ich ihn nicht bemerkt?

„Ich weiß es nicht", sagte ich leise.

Er trat neben mich und ließ seine Hände über Winrys schwarzen Grabstein gleiten.

„Sie ist wirklich weg, nicht wahr … ich hasse diese menschlichen Gefühle", flüsterte er bitter.

Natürlich tust du das, dachte ich, sagte aber nichts.

„Sie bringen nur Schmerz und Demütigung. Sieh nur, wie tief ich gesunken bin. Ausgerechnet an einem sterbenden Menschen zu hängen. Ich bin Envy, ein Homunkulus! Ich sollte an niemandem hängen! Und dann musste sie es sein!"

Seine Stimme war so zittrig … da fragte ich mich doch...

„Hast du sie geliebt?", fragte ich tonlos.

„Nicht so wie du meinst", antwortete Envy. „Ich würde dich ja für diese Frage auslachen, aber … ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie so abwegig ist. Aber nein, es war nicht so. Nicht mit ihr."

Wie dann?, wollte ich fragen, doch dann fuhr Envy fort: „Du weißt doch, wie Greed für seine Freunde gegen seine Natur handelt? Oder wie gern Pride Mrs. Bradley hat?"

Oh. So hast du also empfunden...

Endlich fühlte ich etwas, doch nicht, was ich fühlen sollte.

Der Homunkulus lachte bitter: „...Echt bescheuert. Ich bin fast hundertachtzig Jahre alt und sie war neunundzwanzig. Aber Pride und Greed haben mir mal erzählt, wie es ist eine Mutter oder Freunde zu haben und … vielleicht war es das."

Seine Stimme begann wieder zu beben. „Ich meine … sie war so nett zu mir … hat mir immer zugehört … mir nie Vorwürfe gemacht, oder mich verurteilt – obwohl sie wusste, was ich getan hatte – und sie hatte immer eine Antwort auf meine Fragen. Sie … sie hat sich Gedanken um mich gemacht! Freunde und Mütter tun das, richtig?"

Ich dachte an meine Kindheit und an meine Mutter, die mir und Al bis zuletzt alles gegeben hatte. Ich dachte daran, wie Winry unsere Kinder geliebt hatte.

„...Ja. Sie tun das." Das und so viel mehr.

Plötzlich fiel mir auf: der Homunkulus bebte am ganzen Körper. Envy … er würde gleich weinen!

„Hey", sagte ich sanft und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wenn du weinen willst, ist das okay..."

„HALT'S MAUL!", schrie Envy und packte meine Arme, „WEISST DU WIE SCHEINHEILIG DU GERADE KLINGST?! DU BIST IHR VERDAMMTER EHEMANN, DU SOLLTEST DIR DIE AUGEN AUSHEULEN UND ICH SEHE NICHT EINE TRÄNE IN DIESEN GOLDENEN SCHEISSTEILEN, DIE DU AUGEN NENNST! NICHT MAL NASS SIND SIE! DEIN GESICHT IST SO AUSDRUCKSLOS – ALS WÄRST DU TOT! ICH HASSE ES! DAS IST NICHT DER EDWARD ELRIC, DEN ICH KENNE! DU BIST NICHT MAL TRAURIG, WAS?! SIE WAR DEINE FRAU, ICH DACHTE DU LIEBST SIE! WIESO BIN DANN ICH ES DER HEULT, WO ICH DOCH NICHT MAL-"

Der Rest ging in leisem Wimmern und Klagen unter, als der Homunkulus auf die Knie sank und begann, haltlos zu weinen. „Verdammt!", rief er gequält, „Verdammt, verdammt, VERDAMMT!"

Die Art wie er weinte erinnerte mich viel zu sehr daran, wie er damals gestorben war.

Ich schlang die Arme um das androgyne Wesen und umarmte ihn fest.

„Du hast recht. Mit allem", gestand ich. „Ich will trauern. Ich will traurig sein. Bis jetzt habe ich mich geweigert zu weinen, aus Stolz. Aber jetzt will ich es und kann nicht. Ich sollte todunglücklich sein. Aber ich fühle nur Taubheit. Als wäre ich tot. Ich hätte vorhin meine Kinder trösten sollen. Und ich hab nichts getan. Nur dagestanden wie ein herzloser Mistkerl, weil ich wie verdammt gelähmt war. Und der sie getröstet hat … das warst du, Envy. Danke dir."

Envy war zu sehr damit beschäftigt an meiner Brust zu heulen um was zu sagen oder auch nur was wahrzunehmen.

Mir fiel auf, wie klein und zerbrechlich der schwarzhaarige Jugendliche in meinen Armen sich anfühlte. Und das war die psychopathische, arschige Palme, die mich früher Knirps genannt hatte...

Ich sah zum Grabstein, dem einzigen Zeugen dieser Szene.

Winry … du hast es gewusst, nicht wahr? Du hast mehr gewusst, als ich je wissen werde. Bitte vergib mir. Ich bin ein schrecklicher Ehemann und Vater …

Ich hielt den schluchzenden Homunkulus fester und kniff die Augen zu.

Es tut mir so leid...

Hier gibt es noch mehr Angst. Ich habe keine Entschuldigung.