Kapitel 35

Das Verlorene

Robin galoppierte mit Regina im Arm die Straße entlang. Dunkelheit verwandelte die Bäume am Wegesrand in dunkle Schatten, tanzende Ungeheuer, die zu einer imaginären Melodie im Wind ihren schaurigen Reigen vollführten. Auf ihrem schnellen Ritt kam Regina immer wieder zu Bewusstsein und wimmerte, von Schmerzen geplagt. Robins Herz krampfte bei diesen Lauten. Sein Blick fiel auf ihr geschundenes Gesicht, die geschwollenen Wangen, die Verfärbungen um ihre Augen und die aufgesprungenen Lippen. Das Bild brannte sich in seinen Verstand ein und lockte den Wahnsinn hervor, der ihn vor kurzen überfallen hatte, doch dieses Mal kämpfte Robin dagegen an. Er musste einen kühlen Kopf bewahren und Regina zu einem Heiler bringen, damit er sich um sie kümmern konnte. Zu gern hätte er sie sofort nach Hause gebracht, doch der Ritt wäre nicht nur zu weit, sondern auch viel zu anstrengend für die verletzte Frau. Nun hoffte er, dass er in König Georges Reich die Hilfe finden würde, die sie benötigte.

Die Bäume lichteten sich und wurden mehr und mehr von kleinen Häusern ersetzt, bis sie zur Gänze verschwanden und Robin sich inmitten eines Dorfes wiederfand. Ohne zu überlegen, führte er sein Pferd zum Dorfplatz und hielt direkt vor einem Wirtshaus. Ein junger Mann, fast noch ein Junge, stand vor der Tür und schien nach jemandem Ausschau zu halten. Robin fühlte ein ganzes Bergmassiv von seinem Herzen fallen, als er ihn sah und sprach ihn an:
„Du da, ich brauche Hilfe." Der Angesprochene wandte sein Augenmerk auf den Neuankömmling, nickte heftige und eilte zu ihm hin. Vorsichtig ließ Robin seine kostbare Fracht in die Arme des Jungen gleiten, sprang vom Pferd und nahm Regina wieder auf seine eigenen Arme. Dabei bedankte er sich und machte einen Kopfdeut in Richtung des Umhangs, den der Fremde trug.
„Kannst du ihn mir geben? Du bekommst ihn gleich wieder, versprochen."

Der junge Mann zögerte einen Moment und starrte verwirrt auf die verletzte Frau, deren Kleid mehr entblößte, als es sollte, doch dann zuckte er zusammen, löste den Umhang von sich und reichte ihn Robin.

„Was ist geschehen, Sir?"

„Überfall. Ich brauche einen Heiler und ein Zimmer."

Sofort bedeckte er seine Gefährtin mit dem Stoff und wandte sich bereits zur Tür, als der andere antwortete:

„Hier im Wirtshaus werden sie ein Zimmer finden. Ich hole Heiler Nicols."

Robin schaute dem jungen Mann nicht hinter her, sondern stieß die Tür auf. Stimmgewirr und Gepolter, all die Geräusche eines gut gefüllten Wirtshaus bei Nacht, drangen in sein Gehör, doch Robins Aufmerksamkeit war einzig und alleine auf den Mann hinter dem Tresen gerichtet. Schnellen Schrittes bahnte er ich seinen Weg durch die Menschenmenge. Ein betrunkener Gast rempelte ihn an, so dass er beinahe das Gleichgewicht verlor. Schlagartig blitze eine unbändige Wut in seinen Augen auf, doch er bezwang den Impuls, diesen Mann zu verprügeln. Zielstrebig ging er weiter zum Tresen und sprach den Wirt an.

„Wir sind überfallen worden. Ich brauch ein Zimmer, es geht ihr nicht gut." Wie zur Untermalung seiner Worte, ächzte Regina auf und versuchte ihre Hand auf ihre Seite zu legen, doch ihr fehlte die Kraft. Im nächsten Augenblick verfiel sie wieder in ihren bewusstlosen Zustand.

„Alles gut, Liebes, gleich kommt Hilfe.", redete Robin auf seine Gefährtin ein und konnte nur mit Mühe und Not, den Tränen Einhalt gebieten, die sich ihm aufdrängten. Er versuchte sein Denken so weit auszuschalten, damit er das letzte bisschen Verstand, das er nach diesem Tag noch besaß, nicht auch noch verlor. Angestachelt von ihren Ächzen, drängte er den Wirt.
„Bitte Sir, SOFORT!"

Der Wirt stellte den Becher, den er gerade noch mit Bier gefüllt hatte, auf den Tresen ab und rief eine junge Frau mit blonden Locken herbei.

„Ruf deine Mutter und dann kümmer dich um die Gäste, Louise!" Die junge Frau verschwand und der Wirt wandte sich nun endlich Robin zu.
„Kommen sie mit, Sir. Wir sind ausgebucht, aber ich hab noch eine Kammer frei. Nicht groß, aber ein Bett steht drin."

Robin folgte dem Mann, der seiner Neugier freien Lauf ließ und Robin über den Überfall ausfragte. Zusammen stiegen sie eine Treppe hinauf und gingen einen langen schmalen Gang entlang. Sie passierten verschlossene Türen bis sie die letzte Tür erreicht hatten. Der Wirt öffnete diese und führte Robin in das winzige Zimmer. Robin legte direkt den Weg zum Bett zurück und legte Regina so sanft, wie es ihm nur vermochte, auf die weiche Matratze. Sie bewegte sich leicht, verzog ihre geschundene Lippen zu einer Maske des Schmerzes. Für einen Augenblick glaubte und hoffte er, dass sie erwachte, doch ihre Augen blieben verschlossen.

Mein Liebes...

Die Tür öffnete sich mit einem lauten Rums, als eine korpulente Dame mit blonden Locken und einer Schlafhaube im Raum erschien.
„Was ist passiert? Louise hat was von Verletzten erzählt." Ihr Blick fiel auf das Bett und somit auf Regina. Ihre Gesicht spiegelte Entsetzen und zugleich Mitgefühl wieder. Mit einem beherzten griff, zog sie den Schal, der um ihre Schultern geschlungen war, fester um sich und sagte:
„Sie braucht einen Heiler. Sofort!"

Robin schaffte es nicht seinen Blick von seiner Gefährtin zu nehmen. Das Bild seiner bewusstlosen Frau verschwamm vor seinen Augen, während sich ein anderes Bild auf seine Netzhaut abzeichnete. Sein Puls beschleunigte sich, als er vor seinem Inneren Augen den Mann mit heruntergelassenen Hosen sah und seine Wut auf Neue angepeitscht wurde. Mit grimmigen Gesichtsausdruck, antwortete er:

„Der Heiler ist unterwegs."


Das Gegenwärtige

Randall saß an seinem Stammplatz in Granny's Diner und beobachtete das Schauspiel mit unterdrückter Wut. Er wusste um die Manipulierbarkeit von Ruth, hatte es bereits in einer anderen Welt erfahren und doch hatte er nicht damit gerechnet, dass die junge Frau so über die Strenge schlagen würde. Abermals sah er seine Pläne gefährdet, was ihm ganz und gar nicht gefiel. Er hatte seinen Schatten ein wenig in ihren Verstand eindringen lassen und die Gedanken an Eifersucht weiter genährt, hatte ihre Furcht, dass sie Robin wieder verlieren könnte, intensiviert. Doch dass dieser kleine Schubs, wieder eine neue Katastrophe heraufbeschwor, frustrierte den schwarzen Mann. Hilflos musste er mitansehen, wie Regina komplett dicht machte und verletzt aus dem Restaurant verschwand. Er kannte die Narben auf ihrer Seele, kannte ihre Ängste und Gefühle besser, als sonst irgendjemand in diesem Raum und so wusste er um die Konsequenzen. Ruth hatte die angenehmen Gefühle, die Robin in ihr auslöste, in etwas schändliches verwandelt und beschmutzt. Seine Atmung schwoll an, während er auf dem Hocker saß, die Kaffeetasse in seinen Händen hielt und den entsetzt dreinblickenden Robin anstarrte. Das Weinen des Babys hatte wieder angefangen und mit dem Zorn in seinem Verstand und dem Geräusch des wehklagenden Kindes, stieg der Drang in ihm, das Kind einfach zu nehmen und seine Seele zu rauben. Er könnte auf gut Glück die nächste Zeit walten, bis er neue geeignete Kandidaten fand, die ihn mit dieser mächtigen Art von Seelen beglücken würden, doch er durfte sich nicht so einfach gehen lassen. Er musste seinen Verstand klären und die Wut zurückdrängen. Er durfte nicht handeln, wie ein verwöhntes Kind, oder sein ungeduldiger Kompagnon, der ihn in diese Bredrouille gestürzt hatte. Für einen Augenblick überlegte der schwarze Mann, ob er in der Vergangenheit nicht einen Fehler begannen hatte, seine ganze Konzentration auf Neal zu richten, anstatt ihn nur als ein weiteres Instrument zu nutzen. Noch während er diesem Gedanken nachhing, führte er den Kaffeebecher an seine Lippen und leerte ihn. Danach stellte er diesen wieder auf die Theke und bezahlte. Dabei überlegte er weiter, wie er den Schaden begrenzen konnte, wie er nicht nur Reginas Mauern zum Einstürzen bringen konnte, sondern wie er seine auserwählten Lieblinge dazu bringen konnte, Zeit miteinander zu verbringen, als das Bimmeln der Türglocke ihm die Antwort bescherte. Sein Blick ging zur Tür und das was er dort zu sehen bekam, zeichnete ihm ein erfreutes Lächeln auf das Gesicht. Er und rutschte von dem Hocker hinunter, um den Weg zum Krankenhaus anzutreten, als er lächelnd die neuen Gäste begrüßte.
„David, Mary Margaret...ähm...Henry." Er machte eine demonstrative Geste in Richtung David und sprach mit Anerkennung in der Stimme.
„Wie ich sehe, hat die Reha endlich gefruchtet."

Prinz Charming hob seinen Gehstock hoch und lächelte glücklich.
„Oh ja, ich brauch nicht einmal mehr Krücken, sondern ein Stock reicht fürs Erste. Dr. Whale sagt, dass ich bald ganz ohne kann. Wir wollten das hier mit Milchshakes feiern, gesell dich zu uns. Mary Margaret und Henry haben bestimmt nichts dagegen."

Die beiden anderen nickten als Zustimmung, doch Randall antwortete mit einem Kopfschütteln.
„Nichts lieber als das, aber die Arbeit ruft. Ihr wisst doch, in der Pflegebranche hat man kaum Zeit zum Feiern, nicht einmal Erfolge." David sprach sein Bedauern aus und verabschiedete den Pfleger. Der großgewachsene Mann verabschiedete sich ebenfalls, jedoch nicht ohne das Wort nochmal an Henry zu richten.

„Vielleicht versuchst du mal, den Schokobananenshake, aber sag den Jungs sie sollen dir Kirschen mit rein mixen. Es ist ein Gedicht." Er quittierte Henrys Lächeln mit seim eigenen und verließ endlich den Diner.
Randalls ganzer Körper zitterte, kaum dass er an der frischen Luft war. In seinem Kopf begannen Stimmen zu streiten. Verlangen begehrte gegen Vernunft auf, Frustration gegen Wut. Er setzte seinen großen Körper in Bewegung, sog die kühle Luft in seine Lungen und gab sich den vielen Gedanken hin, die auf seinen Verstand einstürmten. Er hatte so lange gewartet, hatte so viele Male versucht das Ruder zu seinen Gunsten wieder herumzureißen und doch schien es, dass ihm immer wieder etwas zwischen die Beine geworfen wurde, wenn er seinem Ziel einen Schritt näher kam. Wehmütig erinnerte er sich an den Moment, als er seine Lieblinge dazu gebracht hatte einander vollkommen zu vertrauen. Er erinnerte sich an das Hochgefühl, als er Regina an dem Tag vor dem Spiegel beobachtete, als sie alle Angst zur Seite schob und zum Diner ging und in dieser Erinnerung gefangen, hielt er abrupt an und bog links in eine Seitengasse, am Diner vorbei. Es half alles nichts. Er würde noch einen letzten Versuch wagen, bevor er seinen Plan aufgab und sich das Baby schnappte und die einzige Quelle für Nachschub verlor.

Es tut mir Leid...aber im Leid, hast du keine Kraft mehr, für deine Mauern...meine Teure


Das Verlorenen

Kerzen brannten auf dem Tisch und tauchten den Raum in ein spärliches Licht. Der Heiler stand am Bettrand, packte einige Phiolen zurück in seine Tasche und eine Dose auf den Nachttisch. Dabei sprach er mit Robin.

„Ihre Rippen sind gebrochen und sie hat einiges am Kopf abbekommen. Wahrscheinlich wird sie über Übelkeit und Bauchschmerzen klagen." Der Heiler machte ein mitfühlendes Gesicht und zeigte auf Reginas Körpermitte. „Sieht so aus, als wenn sie ein paar Tritte in den Magen bekommen hat. Das wird sich noch alles weiter verfärben, also nicht erschrecken.", während er weiter redete, legte er die Decke über Reginas Gestalt. „Ich habe ihr etwas zum Schlafen verabreicht, damit sie die Schmerzen besser erträgt. Schlaf wird helfen."

Robin fuhr sich mit der Hand durch das Haar und unterdrückte das Bedürfnis das Zimmer kurz und klein zu schlagen. Seine Atmung ging schwer, als er alles an Selbstbeherrschung an den Tag legen musste, um nicht wieder die Nerven zu verlieren. Er riss sich von dem Anblick seiner Verlobten los und schaute dem Heiler ins Gesicht. Seine Hand ging in seine Hemdtasche und fischte einige Goldmünzen heraus.
„Vielen Dank.", sagte er und bezahlte den Heiler, der nicht nur das Geld annahm, sondern ihn eindringlich betrachtete.
„Sie sollten ihr Gesicht etwas Kühlen und auch etwas von der Salbe drauf packen. Sie haben wohl auch etwas abgekriegt."? Robin winkte jedoch ab. Der Schmerz der in seinem Schädel pochte, war genau das, was er in seinen Augen verdient hatte und er würde den Teufel tun, und sich diesem entledigen, solange seine Gefährtin wie ein Häufchen Elend in dem Bett lag. Aus dem Augenwinkel nahm er die Gestalt der Wirtin wahr. Emsig wuselte sie in dem Zimmer herum, stellte eine Waschschüssel auf den Nachttisch und tauchte Lappen in das warme Wasser. Auf ihrem Schoß lag ein frisches Nachthemd und gerade, als die Frau die Decke zurückschlagen wollte, wandte Robin sich vom Heiler ab und packte grober als beabsichtigte, nach der Hand der Wirtin.
„Nicht!"

Die Frau schaute ihn mit großen Augen an. Sofort tat ihm seine Grobheit leid und er versuchte seine Anspannung zu verdrängen.
„Es tut mir Leid, aber ich mach das, okay. Sie haben schon genug getan und ich bin wirklich dankbar dafür."

Die Wirtin erhob sich und reichte ihm das Nachthemd.

„Meine Räume liegen den Gang entlang, die erste Tür an der Treppe. Wenn Sie noch etwas brauchen, Sir, dann zögern Sie nicht." Robin nickte als Zeichen des Verständnis. Eine emotionale Müdigkeit hatte sich über sein Gemüt gelegt und lähmte seine Zunge. Er zog einen Stuhl an das Bett und setzte sich. Sein ganzer Körper war angespannt, während er das Stück Stoff mit seinen Händen knetete. Robin wartete bis die beiden Anderen das Zimmer verlassen hatten und kaum drang der vertraute Klang, einer sich schließenden Tür, in sein Ohr, ließ er seine Schultern sinken und unterdrückte ein Aufseufzen. Seine Hand ging an seinen Mund, als könnte er den Schrei in seinem Innern zum Schweigen bringen. Seine Augen hafteten sich auf Reginas geschundenes Gesicht; den blauen und lilafarbenen Flecken an Augen und Wangen, den verkrusteten Lippen und dem Dreck, der ihre sonst so blasse Haut verunreinigte. Vorsichtig, als könnte das Tuch zerreißen, tauchte er es in das Wasser und begann ebenso vorsichtig Blut und Dreck von ihrem Gesicht zu waschen. Tränen perlten an seinen Wimpern, doch Robin schenkte ihnen keine Beachtung. Behutsam befreite er seine Gefährtin von dem Staub, den getrockneten roten Rinnsalen. Danach tupfte er ihr Gesicht trocken und griff nach der Dose, die der Heiler zurückgelassen hatte. Vorsichtig trug er die Salbe auf und hielt immer wieder inne, als Regina ihre kaputten Lippen im Schmerz verzog und ihre Atmung anschwoll. Gespannt erwartete er, dass sie erwachte, doch das Zeug, das der Heiler ihr eingeflößt hatte, wirkte. Robin stellte die Dose wieder auf den Nachttisch und hielt einen Moment inne. Er fürchtete sich davor, die Decke zurückzuschlagen, fürchtete sich vor dem Anblick, doch es half alles nichts und so deckte er Regina auf. Für einen Augenblick schloss er die Augen und versuchte, gegen das Gefühl der aufsteigenden Übelkeit anzukämpfen. Erst jetzt begriff er das Ausmaß. Er öffnete seine Augen und gab einen Schwall Tränen frei. Robin wischte sich mit dem Unterarm über das Gesicht und starrte wie in Trance auf ihren gemarterten Körper. Wie der Heiler vorausgesagt hatte, verfärbte sich ihre Haut an Brust und Bauch und gaben ein Antlitz des Schreckens (für den Mann) preis. An ihrem Hals erkannte er die Würgemale und verteufelte Little John, dass er ihn davon abgehalten hatte, es diesem Mistkerl zurückzuzahlen. Immer und immer wieder schüttelte er seinen Kopf, als könnte er das damit Bild seiner geschundenen Frau vertreiben, als könnte er die Emotionsgewalt, die in seinem Magen brodelte, endlich auslöschen. Robin brauchte einige Sekunden bis er sich soweit gefangen hatte, dass er seiner Arbeit weiter nachkommen konnte. Er klappte den Stoff ihres Kleides zurück, welches der Heiler zerschnitten hatte, um sie anständig untersuchen zu können und wusch sie mit zittrigen Händen, ehe er auch auf ihrem Oberkörper die Salbe verteilte. Ein leises Wimmern entfleuchte ihren Lippen und zwang Robin, immer wieder aufzuhören, um ihr nicht noch mehr Schmerzen zu bereiten. Er konnte erahnen, wie sehr sie auch jetzt noch im Schlaf gequält wurde und doch ertappte er sich dabei, dass er froh darüber war, jetzt nicht in ihre Augen blicken zu müssen. Er wusste nicht, ob er ihrem gebrochenem Blick standhalten konnte, ohne erneut den Verstand zu verlieren.

Nachdem er ihr sorgsam die Reste ihres Kleides aus- und das Nachthemd angezogen hatte, zog er die Decke wieder über ihre Gestalt und setzte sich auf den Stuhl. Sein Blick blieb weiterhin starr auf Regina gerichtet, während er seine Arme vor der Brust verschränkte und in düstere Gedanken versank.

Die Nacht schritt voran und nahm ihren Kampf gegen den neuen Tag auf. Irgendwo am Horizont würde ein Lichtstreifen von einem neuen Tag künden, doch Robin interessierte es nicht. Er saß unverändert da und wachte über den Schlaf seiner Gefährtin, die hin und wieder leise ächzte, wenn sie sich bewegte. Robins Kopf dröhnte bei jedem laut und drohte zu zerbersten. Unwillkürlich blitzen Bilder der vergangenen Stunden in seinem Verstand auf und tauchten seine Gedanken in ein weißes Rauschen. Wut und Selbsthass vermischte sich in seinen Adern und strömten durch seinen ganzen Körper, während er dem Gefühl erlegen war, wieder losheulen zu müssen, doch er verbot es sich. Erst Reginas Stimme lockte ihn fort aus seinen Gedanken.

„R … Ro … Roo … land ...", ächzte sie, während sich ihr Kopf unruhig bewegte. Ihre Brust und hob und senkte sich, in einem ansteigenden unsteten Rhythmus. Sofort erhob Robin sich von dem Stuhl und setzte sich auf die Bettkante. Keuchend drang ihr Atem in sein Ohr und trieb die Sorge zu neuen Höchstleistungen. Seine Hand legte sich sanft auf ihre Wange und streichelte sie beruhigend. Leise sprach er auf sie ein:
„Psch, alles gut, Liebes. Du bis in Sicherheit."
„Roland.", ihre Atmung wurde hektisch, während sie ihren Körper auf der Matratze wand, bis sie schlussendlich versuchte mit ihrem Oberkörper aufzufahren.
„Ahhhh!", stieß sie einen Schmerzenslaut aus und sog angestrengt Luft in ihre Lungen. Robin packte sie und drängte sie sanft zurück in eine liegende Postion, um ihr den Schmerz erträglicher zu machen.
„Roland, wo ist Roland?", wehrte sie sich gegen Robins Hände, die sie festhielten, damit sie ihre Rippen nicht noch weiter schädigte.
„Roland ist zu Hause, er ist in Sicherheit, genau wie du. Bitte beruhige dich, Liebes. Deine Rippen sind gebrochen und es wird noch schlimmer, wenn du dich so hektisch bewegst." Ihm war, als würde er gegen eine Wand anreden und gleichzeitig versuchen, eine aufgebrachte Katze auf seinem Armen halten zu wollen. Regina versuchte weiter mit ihrem Oberkörper aufzufahren und nuschelte dabei immer wieder Rolands Namen. Tränen drängten sich erneut in Robins Augen, doch er schluckte sie einfach runter. Wenn er sie schon nicht beschützen konnte, so konnte er ihr jetzt wenigstens zur Seite stehen. Für einen winzigen Moment blendete er alles um sich herum aus und zwang sich zur völligen Konzentration. Er machte einen tiefen Atemzug und als er den Atem aus seinen Lippen entließ, baute er selbst eine Mauer um die aufgebrachten Gefühle in seinem Innern, um ihr den Halt zu geben, den sie augenscheinlich benötigte. Er redete weiterhin sanft auf sie ein, in der Hoffnung zu ihr durchzudringen und als sie sich endlich beruhigte, atmete Robin ruhig durch. Er saß noch immer auf der Bettkante und streichelte über ihren Kopf, wie er es in manchen Nächten getan hatte, wenn sie von Alpträumen und Flashbacks gequält wurde. Robin konnte sehen, wie ihre Atmung sich verlangsamte, bis sie einen langen und tiefen Seufzer ausstieß.

Ruhe kehrte in das Zimmer zurück und wurde durch Reginas schwere Atmung begleitet. Ihre Hände zitterten, als sie versuchte mit ihren Fingern an ihrem Handgelenk herumzunesteln. Ohne ihn anzusehen, sprach sie mit dünner, belegter Stimme.

„Nimm es mir ab, nimm es mir ab!" Robin verstand im ersten Moment nicht, doch dann fiel sein Blick auf den schmalen Goldreif, der sich um ihr Handgelenk schlängelte. Ihre Augen blitzen aufgebracht.. Das Zittern ihrer Hände breitete sich über ihren ganzen Körper aus, während sie immer aaufgewühlter wurde. Wie ihm Wahn zerrte sie an dem Gold und brach damit Robin das Herz aufs Neue. Robin packte sanft nach ihrer Hand und versuchte ihren Blick zu bannen.

Schau mich an Liebes, bitte schau mich an

Flehte er in seinen Gedanken, doch ihre Augen bewegten sich unruhig in ihren Höhlen. Er erkannte die Mauern, die Eisschicht, die ihren Wahn umgab und schluckte hart. Wie in ihrer eigenen Welt gefangen, galt ihre ganze Aufmerksamkeit, nur dem lästigen Schmuck, der mit Schuld an ihrer Misere trug. Robin musste mehr Druck an den Tag legen. Seine Hand glitt an ihre Wange, zwang sie sanft, ihn endlich anzuschauen und hielt ihr Gesicht fest.

„Hör mir zu Gin!"

„Nimm es ab, Nimm es ab!", kam es wie ein Mantra über ihre Lippen, doch der weinerliche Ton in ihrer Stimme, jagte Robin eine Gänsehaut über den Rücken. Mit einem Ruck unterband er das herumwinden, hielt sie fest und flüsterte so sanft es ihm erlaubt war, in ihr Ohr.

„Du darfst nicht einfach verschwinden, wenn ich es dir abmache. Verstehst du das? Ich weiß, du willst weg, aber du darfst nicht einfach verschwinden und mich hier zurücklassen."

Regina begann zu weinen, während sie gegen seinen Griff ankämpfte, doch dann ergab sie sich. Sie stellte das Kämpfen ein und lag ruhig, mit tränenbenetzten Wangen auf dem Bett und starrte ihn an.

„Bitte, Gin. Dich hat es ganz schön erwischt. Wir sind viele Meilen von zu Hause fort und ich verspreche dir, ich drehe durch, wenn ich dich heute Nacht nochmal suchen muss." Die Ehrlichkeit seiner Worte legte sich als trauriger Glanz über seine Augen. Für einen winzigen Augenblick hielt er die Luft an und die Hoffnung hoch, dass er zu ihr durchdringen konnte. Der Moment zog sich dahin, doch dann hob Regina schwerfällig ihre Hand und betastete mit ihren Fingerspitzen die lilafarbenen Stellen, auf Robins Haut. Langsam strich sie mit zittrigen Händen über die Schwellungen und schaute ihm direkt in die Augen. Robin entließ die angehaltene Luft in einem Atemzug der Erleichterung. Ihr Blick war klar, er hatte sie für einen Moment ins Hier und Jetzt gelockt.

„Bitte...", ihre Stimme war so dünn wie ein Windhauch. Robin nickte und öffnete den Armreif. Für eine Schreckenssekunde glaubte er, dass sie sich in lila Nebel auflösen würde, doch sie blieb da. Ihre Brust hob und senkte sich schwerfällig.

„Mir tut alles weh und mir ist schlecht.", sie brauchte für den Satz eine gefühlte Ewigkeit.

„Ich weiß Liebes, versuch wieder zu schlafen, dann wird es besser.", wiederholte er die Anweisung des Heilers, doch Regina schüttelte ihren Kopf. Dabei verzog sie ihre Mundwinkel gen Boden und Robin wusste, dass dieses Gebärden ihr Schmerzen verursachte.

„Bleib ganz ruhig liegen, Gin.", seine Hand hielt die ihre, ohne dass er es bemerkte.

„Gib … gib … Spiegel."

Robin schüttelte seinen Kopf.

„Nicht, Gin. Tu dir das jetzt nicht an, bitte.", flehte er fast schon, doch ihre Hand krallte sich an die Seine.
„Spiegel, Robin!"

Er schloss die Augen, wog ab, was er tun sollte und erhob sich zum Schluss. Unwillig legte er den kurzen Weg zum Tisch zurück, auf dem ein Handspiegel lag und reichte ihn ihr. Regina nahm das Utensil an und starrte ihr Spiegelbild an. Robin konnte nur mit Müh und Not zuschauen, wie sie ihre Wunden betrachtete. Tränen quollen aus ihren Augen, legten einen feuchten Glanz auf der geschundenen Haut. Danach schlug sie die Decke zurück und schob ihr Nachthemd bis zum Hals hoch. Ein Aufschluchzen entfleuchte ihre Kehle, das Robin als Zeichen ihres Abscheus erkannte. Seine Hand legte sich auf die Hand, die den Spiegel hielt. Er wollte etwas sagen, wollte ihr Mut machen, doch seine Worte klangen in seinem Verstand schon so nichtssagend, dass er sich nicht traute, sie in die Freiheit zu entlassen. Regina ließ den Spiegel los und schloss ihre Augen, während Robin den Spiegel auf den Nachttisch legte.

„Soll ich dir noch was geben, damit du schläfst?", fragte er, doch er bekam keine Antwort. Stattdessen durfte er zuschauen, wie Reginas Hände über ihr Gesicht glitten und eine Spur von Licht über dieses zogen, bevor sie diese Wanderschaft über ihren Oberkörper fortführte. Dort wo das Licht erlosch, konnte Robin sehen, wie die Wunden und die Verfärbungen und sogar die feinen roten Linien ihrer Schwangerschaft verschwanden und nur blasse Schatten von dem Grauen zeugten, die in der vergangenen Nacht geschehen waren.

„Du, du hast dich geheilt?", kam es halb überrascht aus Robins Mund. Auch wenn ihm ihre Macht bewusst war, so überraschte es ihm immer wieder, wenn er sie zu sehen bekam. Schwerfällig setzte Regina sich auf und ächzte dabei.

„Nur äußerlich", war ihre kurze Erklärung, während sie versuchte aufzustehen: Sofort packte Robin nach ihr, damit er sie halten konnte.
„Leg dich hin und ruhe dich aus."

„Nein, ich will nach Hause.", noch bevor Robin ihr Widersprechen konnte, umgab ihn lilafarbener Nebel und das Zimmer löste sich in Luft auf.


Das Gegenwärtige

Henry saß mit Mary Margaret und David an einem der Tische und führte sich, den von Randall empfohlenen Milchshake, zu Gemüte. Es war nicht das Beste, was er jemals getrunken hatte, aber er würde sich nicht beschweren. Sein Blick ging immer wieder hinter die Theke, wo die beiden Jungen ihre Arbeit verrichteten. Seit Roland im Krankenhaus lag, hatte er sie kaum gesehen. Die meiste Zeit blieb er bei seiner Mutter, Emma oder seinen Großeltern, da alle der Angst erlegen waren, dass auch ihm etwas so Schlimmes, wie Roland passieren konnte. Henry musste sich eingestehen, dass er selbst Angst verspürte, seit er das von seinem Freund gehört hatte, doch wenn er genau darüber nachsann, dann kam er zu dem Schluss, dass diese Furcht schon viel länger in seinen Knochen steckte. Er hatte niemanden von den Alpträumen erzählt, die ihn eine Zeit lang geplagt hatten, hatte niemanden von dieser Kälte erzählt, die ihn des Nachts heimsuchte, als würde ein Teil in ihm nicht wollen, dass irgendwer davon erfuhr. Henry konnte sich diese Gefühle nicht erklären und so versuchte er diese meist zu verdrängen.
„Hey, darf ich ein bisschen an die Theke und mit Eddy und Jeff quatschen?"

Mary Margaret und David wirkten im ersten Moment enttäuscht, dass der Junge nicht bei ihnen sitzen bleiben wollte, doch dann ließen sie ihn willig ziehen, immerhin war er ein Kind, das seine Freunde vermisste.

Henry erhob sich von der Bank, ging zum Tresen und schob sich auf einen der Hocker. Sein Gesicht spiegelte die Freude wieder, welche die Anwesenheit der beiden anderen Jungen, in ihm hervor rief.
„Hey, ihr beiden. Viel zu tun heute?"

Jeff hielt mit seiner Bewegung, ein Glas zu spülen, inne und wandte sich freudig strahlend seinem Kumpel zu.
„Heute war rappel voll."

„Ja, war die perfekte Showbühne für Ruth und deine Mom.", fiel Eddy ihm ins Wort und plapperte weiter, wie ihm der Schnabel gewachsen war.

„Wusstest du, dass Robin und deine Mom ... AUA!"

Eddy rieb sich über seinen Kopf genau an der Stelle, wo Jeffs Schlag schmerzte.
„Was soll das?"

„Nichts, ich finde nur, du musst hier nicht rum tratschen, vor allem nicht vor - ", er bewegte seine Augen in einer unnatürlichen Bewegung ein paar Mal Richtung Henry und hoffte, dass der Junge nicht merkte, dass man über ihn sprach. Henry seufzte innerlich, als er dem Gebärden einen Moment zuschaute, doch dann siegte die Neugier.

„Ich sitz hier, Jeff, also hör auf mit den Verrenkungen und erzähl mir lieber was mit meiner Mom ist."

„Deine Mom -", begann Eddy erneut und stellte sich demonstrativ von Jeff weg, damit er ihm nicht wieder eine über die Rübe ziehen konnte. „- und Robin haaaaaauuuuuu", rief der rothaarige erschrocken auf, als sich Grannys Finger an seinem Ohrläppchen festkrallten.
„Ich bezahle dich nicht, damit du hier schlechten Klatsch verbreiten kannst, also zurück an die Arbeit, Eddy!"

Ihr Blick verriet, dass sie keinen Widerspruch duldete, während sie fest an dem Ohrläppchen des Jungen zog. Eddy jaulte auf und versprach der alten Frau, sich sofort wieder an die Arbeit zu machen. Sie stellte ihm ein Tablett mit Hamburgern hin und der Junge schnappte sich die Bestellung und brachte sie an den Tisch. Granny wandte sich indes Henry zu und sprach ihn an.
„Schau nicht, als wenn der Weltuntergang vor der Tür steht. Es war nichts. Nur dumme Worte, von dummen Jungen. Soll ich dir noch einen Milchshake machen?"

Henry schüttelte seinen Kopf. Zu gern wüsste er, was Granny und auch Jeff versucht hatten ihm vorzuenthalten und so fasste er den Plan, dass er sich gedulden müsste, dass er später Eddy anrufen würde, um endlich zu erfahren, was Granny und Jeff verschweigen wollten.

„Ich muss mal eben." Mit diesen Worten verließ er die Theke, lief zu den Toiletten und betrat das kleine Badezimmer. Er warf einen kurzen Blick in den Spiegel, als er zu den Toilettenkabinen ging und fragte sich, warum es hier drin so kalt war. Er schaute zum Fenster, welches geöffnet war und versuchte die Kälte damit zu erklären, doch seltsamerweise fühlte sich die Luft, welche hinein wehte, nicht annähernd so kalt an, wie diese Räumlichkeiten. Henry zuckte mit den Schultern und öffnete die Tür von einer der beiden Kabinen. Sein Magen begann zu rumoren, während ein eisiger Schauer über seinen Rücken jagte. In seinem Kopf begannen verschiedene Bilder herumzuwirbeln, vermischten sich zu einem dunklen Knäuel und lösten ein Gefühl der Angst in ihm aus. Er sah das Gesicht seiner Mutter, die für einige Zeit kränklich wirkte und nun geschlagen wie ein Hund; sah Emma, die anscheinend vor ihm und der Rest der Welt etwas verheimlichte und Neal, der ihm viel zu oft einredete, dass er zurückziehen sollte. Die Furcht ihn zu enttäuschen, nagte schwer an seinen Eingeweiden, als sein eigener Wille, daheim wohnen zu bleiben, mit dem seines Vaters kollidierte. In seinem Kopf hörte er immer wieder den Streit zwischen Emma und Neal, ihre Worte, die ihm nur all zu deutlich zu verstehen gaben, dass er nicht ganz normal wäre. Tränen sammelten sich in seinen Augen, als Henry versuchte zu ergründen, wo diese Gedanken auf einmal herrührten. Die Stimmen und Bilder überschlugen sich in seinen Gedanken und intensivierten das schäbige Gefühl in seinem Magen. Schnell öffnete er den Gürtel seines Hose, weil der Druck auf seinem Darm und seiner Blase immer stärker wurde, als er plötzlich zu frösteln begann. Das Tageslicht, welches das Badezimmer erhellte, schien verschwunden. Finsternis legte sich auf den Raum, als wäre die Nacht über das Städtchen eingebrochen. Henrys Atmung schwoll an. Die Härchen in seinem Nacken stellten sich auf, während er versuchte die Knöpfe seiner Hose zu öffnen. Seine Hände zitterten und sein Herz begann zu rasen. Auf einmal war ihm, als wenn es nicht genügend Luft in diesem Raum gab. Gern wäre er einfach wieder zurück zu seinen Großeltern, zurück zu dem hell beleuchteten Saal, doch er musste so sehr, dass er sich in die Hose machen würde, wenn er jetzt ging.

Ist da jemand?

Schoss es ihm durch den Kopf. Mit angespannten Nerven, rief er seiner kindlichen Hoffnung erlegen:
„Hallo? Gramps?" Als Antwort erklang ein Pfeifen. Eine Melodie, die dem Jungen vage bekannt vorkam. Sein Verstand begann zu arbeiten und versuchte diese Melodie irgendwo hin zuzuordnen, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel.

„Randall", keuchte Henry und ließ mit seinen Fingern von seiner Hose. Sein erster Impuls war es, wegzulaufen, doch er war wie gelähmt von einer Angst, die er so nie zuvor verspürt hatte. Hektisch sog er die Luft in seine Lungen und beobachtete voller Entsetzen, als Schwärze sich über den Boden ausbreitete, als hätte jemand eine Dose Dunkelheit verschüttete. Henry wich langsam Schritt für Schritt zurück, aus Angst, dass der Schatten ihn berührte, doch dann spürte er die Kloschüssel in seinen Kniekehlen und wusste, dass er in der Falle saß. Sein Blut rauschte durch seinen Venen, dröhnte in seinen Ohren, während Tränen aus seinen grünen Augen quollen. Die Bilder in seinem Kopf zogen das Tempo an, die Stimmen wurden fieser und hielten ihm vor Augen, welch eine Enttäuschung er war, dass er niemals irgendwo wirklich dazu gehören würde. Dazu gesellte sich ein Gefühl des Vermissens, das er nicht benennen konnte, doch das musste er auch nicht. Das Pfeifen wurde lauter und schien von über ihm zu kommen. Henry hob seinen Kopf und schaute direkt in das Gesicht des Pflegers, dem er so oft begegnet war und den er für unscheinbar gehalten hatte. Der große, schwarze Mann schien auf der anderen Seite der Kabine zu hängen und blickte den Jungen von oben herab an. Der Schatten berührte Henrys Füße, kroch langsam seine Beine herauf, während die Melodie endlich verstummte. Henry versuchte zu schreien, versuchte irgendwie die Welt außerhalb dieses Badezimmer auf sich aufmerksam zu machen, doch sein Schrei blieb in seinem Hals stecken. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in Randalls Gesicht, der ihm ein schrecklichen Grinsen mit nadelspitzen Zähnen schenkte. Langsam, als wäre er selbst nur ein Schatten, den eine tiefliegende Sonne zum wachsen brachte, streckte er sich zu dem Jungen hinunter. Er riss seinen Rachen auf, ein zerstörender Schlund auf der Suche, was er als nächstes verschlucken konnte. Ein letztes Mal versuchte Henrys Verstand ihn zum gehen zu animieren, doch der Junge stand da, paralysiert wie ein Reh im Scheinwerfer Licht.

„Bitte...", presste er in einem leisen, doch viel zu hohen Knabenton heraus, als der Schatten ihn vollkommen einhüllte und Randalls Gesicht sich dem seinen näherte. Kälte erfasste seinen Körper und ließ ihn erzittern. Henry schloss die Augen, ergab sich den wilden Gedankengängen in seinem Kopf, nur um das grausame Gesicht des Mannes nicht mehr ertragen zu müssen. Für einen Moment glaubte er, dass er nun sterben würde, dass der Mann ihm alles Leben aus den Gliedern saugen würde, doch dann schwand aller Glaube und alle Angst und Henry hatte das Gefühl ein Teil von ihm könnte fliegen.

Mary Margaret und David saßen weiterhin an dem Tisch und unterhielte sich. Mary Margaret ließ ihren Blick immer wieder zur Theke gleiten und schaute dann auf die Uhr. Ein leises Seufzen entfleuchte ihren Lippen, bevor sie das Wort an ihren Mann richtete.
„Henry ist aber lange auf dem Klo."

David lachte leise auf, griff nach der Hand seiner Frau und erklärte amüsiert.

„Vielleicht hatte der Shake eine durchschlagende Wirkung, immerhin bestehen die Dinger hier fast nur aus purer Sahne." Mary Margaret versuchte sich in einem Schmunzeln, doch es wollte ihr nicht gelingen.
„Ich weiß nicht, das ist mir trotzdem zu lang. Schau doch bitte kurz nach."

David nickte zustimmend, um sie zu beruhigen, drückte kurz ihre Hand und erhob sich dann. Schnellen Schrittes legte er den Weg zu den Toiletten zurück und öffnete die Tür. Für einen Moment glaubte er alles in Ordnung. Die Kabinentüren waren geschlossen, der Geruch von Raumerfrischer lag vertraut in der Luft und verflog sachte aus dem geöffneten Fenster.
„Henry? Alles in Ordnung bei dir?", fragte David und stellte sich vor der Tür, die einige Zentimeter über den Boden anfing und einen Blick auf Henrys Schuhe freigab. Er klopfte gegen das Holz und hakte nach.

„Henry? Bist du Okay?" Abermals bekam er keinerlei Antwort, was einen Hauch Sorge in seiner Brust keimen ließ. Er drehte an dem Türknauf und war im ersten Moment überrascht, dass die Tür nicht abgeschlossen war, doch kaum fiel sein Blick ins Innere der Kabine, verschwand die Überraschung und machte Platz für pures Entsetzen.

„HENRY!", brüllte David und stürzte zu dem Jungen, der mit der Hose in den Kniekehlen auf der Toilette saß und aus schwarzen Augen, starr vor sich hinstarrte. Er packte den Jungen an der Schulter und schüttelte ihn, doch Henry gab keinerlei Reaktion von sich. Die Sorge in Davids Brust wuchs zur Angst, als die Erkenntnis, zäh wie Sirup, in seinen Verstand tröpfelte. Er wandte sich von seinem Enkelsohn ab, stürzte zurück in´den Diner und brüllte:

„MARY MARGARET, SCHNELL EINEN KRANKENWAGEN...UND GEH ZU HENRY AUF DIE TOILETTE, VIELLEICHT KRIEG ICH DAS MONSTER NOCH!", noch während er herumbrüllte, rannte er bereits zur Tür und verließ das Lokal. Die Schmerzen in seinem Knie, wurden vom Adrenalin verdrängt. So schnell er konnte rannte er an dem Haus entlang zur Seitengasse, an dem das Fenster des Badezimmers lag. Besessen von dem Gedanken, denjenigen zu schnappen, der für den Zustand Henrys verantwortlich ist.


Das Verlorene

Robin und Regina erschienen im Vorgarten ihres zu Hauses. Regina hielt sich an Robin fest, ihren Oberkörper leicht nach vorne gebeugt und versuchte angestrengt zu atmen, während ihre andere Hand an ihren Kopf glitt. Ihr Gesicht verriet den Schmerz, der ihren Körper malträtierte und ließ die Sorge in Robins Brust aufs Neue keimen. Vorsichtig, schlang er seinen Arm um ihre Taille und packte sie an der Hüfte, während er ihren Arm um seinen Hals legte. Er traute sich nicht sie hochzuheben, aus Angst den Rippenbruch zu verschlimmern und so stützte er sie, als sie schweigend zum Eingang des Hauses liefen. Kurz bevor sie die Haustüre erreichten, gab Regina ihrem Verlobten ein Zeichen stehen zu bleiben. Ihre Hand schnellte an ihren Mund und ihr Oberkörper zuckte auf.
„Scheiße!", entfleuchte es Robin besorgt.

Das ist alles zu viel für dich. Du hättest dich weiter ausruhen sollen. Du hast es nicht mal geschafft uns richtig ins Haus zu hexen

Hielt er ihr gedanklich vor, ohne seine Gedanken jedoch laut auszusprechen. Er wusste auf welch dünnem Eis er sich bewegte, wusste um die Zerbrechlichkeit, die zur Zeit ihren Verstand in ihren Klauen hielt. Für einen kurzen Augenblick hielten sie inne und warteten ab, doch als Regina ihm mitteilte, dass sie sich nicht übergeben müsste, liefen sie weiter. An der Tür angekommen, stieß Robin diese mit seinem Knie auf und führte seine Verlobte ins Innere des Hauses. Innerlich hoffte er inständig, dass ihnen niemand begegnen würde, dass er sie in den Schutz ihres Zimmers bringen konnte, bevor sie sich den Blicken Anderer stellen musste. Er schaute ihr nochmal ins Gesicht und atmete erleichtert durch, als ihr Blick zwar die Pein widerspiegelte, er jedoch keine Anzeichen eines Flashbacks verriet.

„Wir haben es gleich geschafft.", machte er ihr und sich selbst Mut, doch dann zerbrach alle Hoffnung. Die Tür zum Salon flog auf und Snow stürzte ins Foyer. Sorge war in ihr Gesicht gemeißelt und bevor Robin sie abhalten konnte, schlang sie im Überschwang der Erleichterung ihre Arme um Regina und gestand unter Tränen.
„Ich hab mir solche Sorgen gemacht. Dem Himmel sei Dank, seid ihr wieder hier. John und David kamen auch gerade an und haben erzählt was ..."

„NEIN!" Reginas Stimme brach, als sie Snow anbrüllte und von sich schubste. Robin schlug gedanklich die Arme über den Kopf zusammen und unterdrückte den Impuls Snow White gegen die Wand zu klatschen, als er dem gebrochenen, unruhigen Blick seiner Gefährtin gewahr wurde. Ihre Augen bewegten sich hektisch hin und her, ein Zeichen ihrer Angst und als sie die Stimme erneut erhob, lief es Robin eiskalt über den Rücken.

„LASS MICH! VERSCHWINDE!"
Ihre Stimme war viel zu mädchenhaft und erinnerte nicht mehr an die erwachsene Frau, die ihn gestern Morgen noch geneckt hatte, dass er sich ein bisschen um seinen jüngsten Sohn kümmern durfte. Sie wand sich aus seinem Arm und humpelte in Richtung der Treppe. Kaum hatte sie diese erreicht verschwand sie in lila Nebel. Robin blieb mit hängenden Schultern zurück. Tränen stiegen auf und trieben das Bedürfnis an, aufzujaulen. Er war unfähig sich zu bewegen, oder gar einen klaren Gedanken zu fassen. Er kannte ihre Albträume, ihre Momente, wenn sie in der Vergangenheit gefangen war und betete zu allen höheren Mächten, dass er die Kraft aufbringen konnte, sie nicht völlig entgleiten zu lassen. Der Klang einer zuschlagenden Tür dröhnte durch das Foyer.

„Wir müssen zu ihr, Robin, komm!", drängte Snow, doch Robin packte die junge Frau am Arm und hinderte sie daran, hinter Regina her zu hechten.
„Nicht, Snow!", presste er heraus, aus Angst die Emotionsgewalt in ihm drin, könnte ausbrechen.
„Nicht du!"

Snow White blickte ihn mit großen, vor Wut glitzernden Augen, verständnislos an.

„Du machst es im Augenblick nur schlimmer."

Unverständnis spiegelte sich in dem Ausdruck ihres Gesichts, doch dann verwandelte dieser sich in ein Wissen, welches das Mitgefühl in ihr heraufbeschwor und weich aus ihren Augen blickte. Eine Träne löste sich und rann stumm über ihre blasse Wange. Robin drückte ihren Arm und erklärte mit müder Stimme:

„Tritt ihr erst mal nicht unter die Augen. Nicht bis es besser ist."

Snow White nickte und schaute Robin nach, der mit schlurfenden Schritt, die Treppe empor stieg. Er wusste, dass er nicht einfach so hinter seine Gefährtin her konnte, wusste um die Heftigkeit ihre Erinnerung, als er den Klang ihrer Stimme vernahm und so blieb er oben am Treppensatz stehen und wandte sich nochmal Snow zu, die noch immer im Foyer stand.

„Wo ist Roland? In seinem Zimmer?"

„Nein, er ist bei Emma."

Robin nickte, atmete tief durch und schlug den Weg Richtung Emmas und Johns Räumlichkeiten ein. Vielleicht würde ihm der Hoffnungsschimmer gegönnt sein, dass es seinem Sohn den Umständen entsprechend gut ging, ehe er sich der Aufgabe stellen würde, seine Verlobte aus dem Nachhall ihrer Erinnerungen zu lotsen.


Das Gegenwärtige

Regina schloss die Tür ihres Hauses auf und verdrehte genervt ihre Augen, als sie Emmas keuchenden Atem hinter sich vernahm. Die Blonde stand vor der Veranda, legte ihre Hand in die Seite und beugte sich nach vorn, um besser Luft zu holen.
„Ich ... ich hab … hab … die ganze … Zeit hin … ter … dir her … ge … rufen. Ich kann im Moment nicht mehr so schnell ..." Die letzten Worte richtete sie mit einem bösen Blick und ihre Zeigefinger auf ihren Bauch, an Regina, die sichtlich frustriert über die Anwesenheit Emmas war.

„Ich dachte, du würdest meine Reaktion als das Erkennen, was sie war. Der Wunsch, dich jetzt nicht bei mir zu haben."

Emmas Wangen waren gerötet. Sie legte ihren Kopf schief und der böse Blick verwandelte sich in etwas Weiches, das Regina einlenken ließ.
„Was willst du hier Emma? Ich will allein sein, okay?", sprach Regina die Wahrheit aus. Sie konnte in diesem Moment niemanden ertragen und wollte es auch nicht. Die Pein und das schäbige Gefühl in ihrer Seele, trieben die Tränen in die Augen. Den ganzen Weg hatte sie dagegen angekämpft und sich eingeredet, dass sie nicht mehr lange stark bleiben musste, da sie bald hinter den schützenden Türen ihres zu Hauses, alle Masken fallen lassen konnte, doch Emmas Gegenwart, hinderte sie nun daran.

„Was du willst und was du sollst, sind zwei verschiedene Schuhe, also komm lass mich rein."
„Und was dann? Machst du mir einen Tee? Feuerst den Kamin an und hüllst mich in eine Decke auf dem Sofa und sagst mir, das alles gut ist?" Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und lachte halb frustriert und halb höhnend auf.
„Tut mir Leid, Emma, aber das hier ist kein Roman von Jane Austen, das ist mein Leben ..."

Und da war und wird niemals alles gut

Sie wandte sich ab, um das Haus zu betreten und die andere Frau zurückzulassen, doch Emmas Stimme erklang aufs Neue.
„Und was wäre so verkehrt daran? Ich weiß zum Teufel noch mal, dass es im Moment ziemlich beschissen ist, aber ich dachte, wir könnten einmal auf der selben Seite stehen. Vielleicht interessiert es dich nicht, aber du bist nicht die Einzige die leidet und mir geht es doppelt beschissen, denn die Einzige, die mich wahrscheinlich verstehen kann bist du. Also siehst du, ich bin die auf dem verlorenen Posten, nicht du."

Reginas Schultern zuckten, als sie ein sich aufdrängendes Auflachen unterdrückte.

„Bitte Regina, hier stimmt was nicht. Ich hab das im Diner gesehen, dich und das Baby und ich hab Ruths Reaktion gesehen. Seit unserem Erwachen in Storybrooke stinkt etwas gewaltig und es wird Zeit, dass wir herausfinden, wo dieser Misthaufen herrührt, den wir gerade unser Leben nennen."
Ungeweinten Tränen spiegelten sich in dem Dunkel ihrer Augen wider, als Regina sich zu ihrem unliebsamen Gast umdrehte, einen Schritt zur Seite trat und ihren Arm einladend in Richtung der Tür hob.

Emma schlüpfte ins Haus und Regina folgte ihr. Aus Angst, die Retterin könnte ihren sarkastischen Vorschlag für bare Münze nehmen, führte Regina sie in die Küche, anstatt ins Wohnzimmer, um sie vom Kamin und Decken fernzuhalten. In der Küche angekommen, setzte Regina Teewasser auf, bereitet das Heißgetränk zu und kehrte mit Teekanne, Tassen und ein paar Keksen zum Tisch zurück, an dem Emma bereits Platz genommen hatten. Emma schnappte sich ein paar Kekse und stopfte sie in ihren Mund, woraufhin Regina ihren Kopf schüttelte.
„Isst du zu Hause auch so, oder weiß Neal immer noch nichts?" Sofort verlangsamte Emma ihre Kaubewegungen und machte ein Gesicht, als hätte man sie bei etwas Verbotenem ertappt.

„Ich kann es ihm einfach nicht sagen und das ist es was mich in den Wahnsinn treibt."
Regina schüttete ihrem Gast und sich selbst einen Tasse Tee ein, mehr um ihren Händen etwas zu tun zu geben, als dass sie Verlangen nach dem Zeug verspürte.

„Irgendwann wirst du es nicht mehr verheimlichen können, oder willst du mir weismachen, dass sich unter den Lagen von Stoff noch nichts wölbt?"

Sie machte einen Kopfdeut in Richtung von Emmas Bauch und brachte sie dazu, ihre Hand auf ihre Körpermitte zu legen. Für einen Moment wirkte die Retterin verloren, als bräuchte sie selbst jemanden der sie rettete. Regina setzte sich ihr gegenüber, umgriff die heiße Tasse und seufzte.
„Ich wollte dir nicht zu nah treten, glaub ich jedenfalls.", kam es aus ihrem Mund, auch wenn sie keine richtige Entschuldigung zustande brachte.

Emma legte den halb aufgegessenen Keks zurück auf den Tisch, spülte die Reste mit Tee hinunter und verlor sich dann im Anblick der Schwarzhaarigen. Regina hatte das Gefühl, dass die andere Frau sie nicht wahrnahm, sondern direkt durch sie hindurchblickte. Der Klang ihrer Stimme, verstärkte dieses Gefühl, denn er wirkte monoton und wie weit entfernt.

„Ich erwache hier mit Neal, einem Ehering und einem Kind in meinem Bauch und die letzte Erinnerung, die ich habe ist, wie Henry und ich zusammen in New York frühstücken und es an der Tür klingelt. Weißt du wie oft ich versuche mir vorzustellen, dass es Neal ist, der an der Tür klingelt. Dass er den Weg aus dem Märchenreich zurückgefunden hat und wir in New York glücklich waren, aber diese Vorstellung fühlt sich genau so falsch an, wie diese Situation hier in Storybrooke."

Regina hörte gebannt Emmas Worten zu und ertappte sich selbst dabei, wie ihre Gedanken davon flogen, wie Blätter vom Herbstwind dahingetrieben. Für sie selbst fühlte sich so vieles falsch an, seit sie in dieser Stadt wieder erwacht war. Sie hatte alles mögliche versucht, ihre Erinnerungen zurückzubekommen, hatte nächtelang darüber gegrübelt, was passiert sein konnte, nachdem ihre Kutsche umgekippt war, doch eine Antwort hatte sie in all der Zeit nicht gefunden. Stattdessen war sie etwas anderem begegnet und der Sturm, der ihren Verstand erfasst und bis in ihre Seele gewütet hatte, wurde nicht mehr allein von Henry abgeschwächt, sondern verstummte immer mehr, seit sie sich dem Räuber und seinen Söhnen geöffnet hatte. Unwillkürlich kamen die Erinnerungen an ihrer aller gemeinsamer Abendessen wieder hoch. Für einen winzigen Moment war da wieder dieser Frieden, diese Seelenruhe, doch dann manifestierte sich Ruths Gesicht vor ihrem innerem Auge und ihre Stimme hallte wieder in ihren Ohren.

...dass du dir dieses Flittchen ins Bett geholt hast! JEDER WEISS ES!

Und damit verschwand die Ruhe und machte Platz für das schäbige Gefühl, welchem sie sich am liebsten entzogen hätte. Mit einem Kopfschütteln vertrieb sie die Erinnerungen und blickte etwas perplex in Emmas Gesicht, das aussah, als wartete sie auf eine Antwort, doch sie hatte ihr nicht weiter zugehört.

„Ich weiß, was du meinst. Hier liegt einiges im Argen, auch wenn wir es noch nicht benennen können. Vielleicht sollten wir nochmal von Anfang an überlegen, seit wir hier erwacht sind."

Nun war es Regina, die erwartungsvoll Emma anschaute, doch diese schien weit entfernt. Ihre Mundwinkel waren gen Boden gerichtet und Tränen schimmerten in dem Grün ihrer Augen. Ohne auf Regina einzugehen, sprach sie:
„Weißt du was das Schlimmste ist? Genaugenommen ist es eine Katastrophe. So sehr ich mich dagegen wehre, Neal von der Schwangerschaft zu erzählen oder überhaupt jemanden etwas zu sagen, konnte ich es John ohne mit der Wimper zu zucken erzählen."
Eine Träne löste sich aus Emmas Auge, zog eine salzige Bahn ihre blasse Wange herab und verendete an ihrem Kinn. Plötzlich konnte Regina etwas in den Augen der anderen Frau auflodern sehen, was sie selbst zu gut kannte. Für einen Augenblick fragte sie sich, seit wann sie so vertraut waren, doch dann besann sie sich an die vergangenen Wochen, in denen Emma hier ein und aus gegangen war, um sich zu verstecken.

„Und manchmal … manchmal stell ich mir dann vor, er hat in New York an der Tür geklingelt und es wäre sein Kind."

Regina sah direkt in Emmas entsetzen Blick und wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Ihr Mund öffnete sich, doch kein Laut drang aus diesem heraus. Stattdessen kreisten ihre Gedanken um die selbe Frage. Warum vertraute Emma ihr so etwas an und wieso fühlte es sich richtig an, dass sie mit ihr über ihre Ängste sprach? Bevor sie weiter darüber nachsinnen konnte, hörte sie sich jedoch sagen.
„Emma, wieso erzählst du mir das?"

Die blonde Frau wischte sich linkisch über die Augen und mied den Blick in Reginas Gesicht.
„Weil es dir genauso geht. Ich hab dich und den Jungen im Diner gesehen. Du kannst nicht leugnen, dass du dir das selbe Bild in deinem Kopf ausmalst, wie ich. Dass, ein Elternteil des Kindes jemand anderes wäre."

Regina fühlte sich, als hätte Emma einen Eimer kaltes Wasser über ihren Kopf geschüttet. Ihr erster Impuls war, zurück zu schnappen und sie für diese Worte aus dem Haus zu jagen, doch die Wahrheit war zu stark. Ihre Augen verwässerten sich, als Emma aussprach, was ihr seit dem dunklen Tag im Diner, in ihrem Verstand herum wallte und versuchte Wurzeln zu schlagen. Der Wunsch, dass nicht Ruth die Mutter des kleinen Jungen war, sondern sie. Einige Sekunden lang herrschte Schweigen zwischen den beiden Frauen. Sekunden, in denen jede von ihnen versuchte sich wieder zu sammeln und nicht weiter in ihren Gedanken abzudriften. Regina nahm einen kräftigen Schluck aus ihrer Tasse und hatte das unbeschreibliche Bedürfnis, dass sie lieber den Selbstgebrannten aus dem Rabbit Hole hätte, als diese lasche Kräutermischung.

„Okay -", ergriff sie das Wort. Ein leises Klirren erklang, als sie die Tasse auf den kleinen Teller abstellte und tief durchatmete. Sie straffte ihre Schultern, begradigte ihre Haltung und schaute Emma fest in die Augen.

„- wir werden das Feld von Anfang aufrollen. Wir brauchen unsere Erinnerungen zurück, denn wenn wir beide schon spüren, dass irgendetwas nicht stimmt, dann ist das kein Zufall. Du und ich, wir sind magisch und wir haben es hier mit viel Magie zu tun, Angesichts der Tatsache, dass im Krankenhaus Kinder ohne Seelen liegen."

Emma nickte immer wieder, als wäre sie eine dieser unnützen Wackedackel, die in manchen Autos platziert waren.

„Erzähl mir nochmal, was du in dem Haus im Wald gefunden hast, du warst nochmal mit Little John da und bitte sag mir nicht, dass du dich nicht konzentrieren konntest wegen -", weiter kam sie nicht, da Emma ihr einen empörten Blick schenkte und antwortete:
„Hey, ich hab dir das nicht erzählt, damit du drauf rum reiten kannst. Aber das Haus ist leer. Wir haben alle Räume durchsucht, wenn da noch jemand lebt, dann jemand der keine Stauballergie hat. Es muss seit vielen Jahren verlassen sein."

„Na gut, dann setzen wir uns mal damit auseinander, wer alles neu in der Stadt ist und wenn wir jeden einzelnen, der vorher nicht in Storybrooke war unter die Lupe nehmen müssen, dann tun wir das."

Regina erhob sich und forderte Emma auf, es ihr gleichzutun.

„Komm, wir gehen in meinem Büro, dort sind alle Listen der Anwohner."

Emma erhob sich und stibitzte sich noch einen Keks. Sie wollte der Bürgermeisterin gerade zustimmen, dass sie diesen Plan verfolgen sollten, doch da klingelte Reginas Handy. Die Schwarzhaarige sah auf das Display und zog ihre Stirn kraus.
„Mary Margaret.", erklärte sie Emma kurz und hob ab. Das Gespräch dauerte keine Zehn Sekunden, doch in diesen wenigen Augenblicken, wechselte sich Reginas Gesichtsfarbe zu einer Leichenblässe. Ihre Atmung beschleunigte, als könnte sie nicht verstehen, was man ihr am Telefon mitteilte. Sie nahm ihre Hand und somit das Handy vom Ohr und ließ das Telefon einfach auf den Boden fallen. Tränen drängten sich aus ihren dunklen Augen, verwandelten ihre Wangen in reißende Bäche, während ihr ganzer Körper zu zittern begann.

„Regina? Was ist ist los? REGINA!", Emma schrie die andere Frau nun an, da sie nicht reagierte. Erst als sie ihr Stimme erhob, drang sie zu Regina durch. Völlig durch den Wind, sagte sie:

„Wir müssen zum Krankenhaus. Sofort!" Im nächsten Moment umhüllte beide lilafarbener Nebel und sie lösten sich buchstäblich in Luft auf.