I walked the long way home

Der Herbst hatte den Frieden mit sich gebracht – oder doch zumindest das Ende des Krieges – aber es stellte sich bald heraus, dass er auch einen anderen, weit tödlicheren Begleiter hatte.

Spanische Grippe, nannten sie es, was irgendwie harmloser klang als es war.

Natürlich hatte sie vorher schon davon gelesen, dieser merkwürdigen Krankheit, die sich seit Jahresbeginn auf der Welt ausbreitete und ihre Opfer forderte. Besonders im Oktober hatten sich Zeitungsartikel über weitreichende Grippeausbrüche nicht nur in Europa, sondern auch in den Staaten und selbst in Kanada zu mehren begonnen. Hatten sich im Frühjahr noch viele Kranke wiederholt, zeichnete sich im Herbst eine erschreckend hohe Todesrate, gerade unter jungen und gesunden Erwachsenen, ab.

Aber was war eine Krankheit, wenn gleichzeitig der größte Krieg der Menschheit herrschte? Die Zeitungen mochten zwar über die Grippe berichten, aber erst auf den hinteren Seiten – der vordere Teil wurde dominiert vom Krieg, wie in den Jahren zuvor. Und überhaupt, sie mochten zwar davon gelesen haben, aber erlebt hatten sie es nicht und überhaupt schien es weit weg.

Bis der Krieg vorbei und die Krankheit plötzlich sehr nah war.

Die erste Ahnung, dass auch dieser Kelch nicht an ihnen vorüber gehen würde, hatte Rilla, als sie eines Abends im November ihren Vater überhörte, der mit Dr. Parker aus Lowbridge telefonierte und von ungewöhnlich vielen Grippefällen unter der erwachsenen Inselbevölkerung berichtete.

Die Gewissheit, dass die Spanische Grippe schlussendlich auch ihr kleines Fleckchen Erde erreicht hatte, kam einige Tage später, als die kleine Emmy White morgens zur Schule kam und mit großer Verwunderung berichtete, dass ihre Ma heute Morgen nicht hatte aufwachen wollen. Gilbert, von seiner Tochter sofort ins Haus der Whites geschickt, konnte nur noch den Tod der Frau feststellen.

Sie war erst Anfang zwanzig gewesen, eine Kriegsbraut, von robuster Gestalt und, nach Angaben ihrer eigenen Mutter, eigentlich nie krank gewesen. Vielleicht das erschreckendste aber war, dass sie zwei Tage zuvor noch im Dorf gesehen worden war und sich scheinbar bester Gesundheit erfreut hatte.

In den folgenden Wochen hatte Gilbert so viel zu tun wie vielleicht seit Jahren nicht mehr. Es erkrankten immer mehr Patienten und es gab, wie Gilbert eines Abends frustriert zugab, kaum etwas, das er für sie tun konnte. Er, der immer sein Möglichstes tat, um jeden noch so schweren Fall zu retten, musste jetzt zusehen, wie immer mehr Menschen erkrankten. Ob sie überlebten oder starben, lag danach nur noch in Gottes Hand.

Dennoch, es schien, als habe Gott sich entschlossen, ihr kleines Eiland zu schonen. Denn all die tausend kranken Bewohner von PEI waren doch gar nichts im Vergleich zu dem, was in den Städten los war.

„Ich hatte heute einen Brief von Theresa, einer alten Kommilitonin von mir", berichtete Persis an einem kalten Dezembermorgen, „sie lebt jetzt in Ottawa und sie schreibt, dass dort Chaos herrscht. Die Leute erkranken und sterben so schnell, dass man nicht mal mehr genug Särge für sie bauen kann, von medizinischer Versorgung zu schweigen. In Vancouver ist die komplette Nachbarsfamilie von Theresas Schwester innerhalb von einer Woche gestorben."

Rilla, die ähnliche Berichte von den Zwillingen aus Kingsport und von Shirley aus Montreal bekommen hatte, seufzte schwer. „Es ist ein bisschen so, als…", begann sie langsam, stockte dann, als wüsste sie, dass sie besser nicht weiterreden sollte, bevor sie es doch tat „als würde Gott zu uns heruntersehen und sagen: ‚Jetzt habt ihr vier Jahre damit verbracht, euch gegenseitig abzuschlachten – aber schaut mal, wie viel besser ich das in nur vier Wochen hinkriege.'"

„Du, Rilla Blythe, bist eine Heidin", verkündete Persis daraufhin mit großer Bestimmtheit, „und mir ist egal, wie viel Wahrheit in dem steckt, was du sagst, ich will es nicht hören. Weil wir es nicht verdient haben – und weil ich mit so einem Gott nichts zu tun haben will!"

„Ich fand schon früher in der Sonntagsschule, dass der Gott in der Bibel kein besonders netter Gott ist", wandte Rilla mit einem leichten Schulterzucken ein, „ich meine – Hiob? Er mag es zwar hinterher wieder ganz nett gehabt haben, aber was war eigentlich mit seiner ersten Familie, die mal eben so erschlagen wurden, weil Gott mit dem Teufel gewettet hat? Um die schert sich irgendwie niemand mehr."

Persis warf einen kurzen Blick hinter sich und schob Rilla dann schnell einen Haferkeks in den Mund, offenkundig mit dem Ziel, sie zum Schweigen zu bringen. „Du solltest bloß deine Mutter dich nicht so reden hören. Oder meine, wenn ich so darüber nachdenke", setzte sie warnend hinzu.

Den Mund voller Haferkeks, zuckte Rilla nur erneut mit den Schultern. Da sie jedoch gerade nichts sagen konnte, nutze Persis den Moment, um zu berichten: „Übrigens wollte Mum, dass wir nach Toronto zurückgehen. Also, nicht, dass man mit mir darüber geredet hätte. Aber ich habe sie abends überhört, wie sie zu Dad gesagt hat, dass es keinen Sinn mehr macht, zu warten, und dass wir genauso gut wieder nach Toronto gehen könnten. Dad hat dann angebracht, dass die Grippe in den Städten scheinbar viel schlimmer wütet und dass Onkel Gil ihm empfohlen hat, erstmal zu bleiben. Und als Mum dagegen argumentieren wollte, hat er sie nur ganz komisch angesehen und gesagt ‚ich verliere euch beide nicht auch noch' und ist rausgegangen."

Während ihres Berichtes, den sie so gefasst begonnen hatte, hatten sich erste Tränen in ihren Augenwinkeln gesammelt, die jetzt langsam über ihre Wangen liefen. Rilla drückte ihr tröstend die Hand – eine Geste, die Persis dankbar erwiderte – bevor sie leise bemerkte: „Sie glauben, er ist tot."

Es hätte eine Frage sein können, aber das Fehlen eines Fragezeichens am Ende machte es zu einer Aussage. Denn wenn sie ehrlich mit sich selbst war, glaubte selbst Rilla, dass Ken nicht mehr am Leben war. Nicht mehr seit Clarences Brief und seitdem jeden Tag, der ohne ein Lebenszeichen von ihm verstricht, ein Stückchen weniger.

Im Pfarrhaus hatten sie vor einigen Tagen ein Telegramm von Jerry bekommen, dass er aus dem deutschen Lager freigelassen worden war und sich auf dem Weg nach England befand. Und so sehr sie sich freute, für die Merediths und natürlich für Nan, so machte dieses Telegramm es nur umso deutlicher – wenn Ken in einem Lager überlebt hätte, hätte er sich langsam melden müssen. Dass er sich nicht meldete, ließ am Ende nur den einen Schluss zu.

Persis nickte derweil, das Gesicht immer noch tränennasse.

„Wie geht es Di?", fragte sie dann, in einem verzweifelten Versuch, das Thema zu wechseln. Dass ihr außer der Grippekrankheit einer ihrer ältesten Freundinnen nichts einfiel, war vermutlich bezeichnend.

„Besser", erwiderte Rilla bedächtig, „es hat sie zum Glück wohl nicht sehr schlimm erwischt. Und Nan hat ja auch erst geschrieben, als das schlimmste bereits vorbei war."

Persis verzog das Gesicht zu einem schwachen Grinsen, während sie feststellte: „Das hat Tante Anne bestimmt gefallen."

„Sie war fuchsteufelswild", bestätigte Rilla, „sowohl mit Di, weil sie es sich gewagt hat, krank zu werden, als auch mit Nan, weil sie nicht sofort telegrafiert hat. Dabei wollte Nan ja nur verhindern, dass Mum und Dad sich unnötig sorgen."

„Wollen wir das nicht alle?", fragte Persis zurück, jedoch in einer Weise, die keiner Antwort bedurfte.

Denn sorgen taten sie sich. Umso mehr, als kurze Zeit später ein Telegramm von Shirley aus Montreal kam, der den geplanten Weihnachtsbesuch absagte, weil Una erkrankt war.

Es war ein schwarzer Tag, der das Pfarrhaus nach der kurzen Freude über Jerrys Telegramm, wieder zurück in den Abgrund riss. Vielleicht am besten zu erkennen war dies an Bruce, der am Ende des letzten Schultags vor den Ferien zu Rilla kam und sie in seiner ernsten, etwas umständlichen Art bat: „Miss Blythe, können Sie mir einen Rat geben?"

„Sicher, Bruce", erwiderte Rilla freundlich und setzte sich zurück an ihren Tisch. Sie machte eine Geste, die Bruce einlud, sich ebenfalls zu setzen, aber er blieb nur sehr steif stehen, knetete die Hände und sah sie nicht an.

„Ich habe mich gefragt, Miss Blythe", begann er, „was ich Gott wohl geben könnte, damit er Una leben lässt."

Langsam atmete Rilla ein. „Was du Gott geben könntest?", wiederholte sie, um ganz sicher zu sein, dass sie ihn richtig verstanden hatte.

Bruce nickte heftig. „Weil er ja schon Carl in den Himmel genommen hat", erklärte er mit großer Ernsthaftigkeit, „und ich weiß ja, dass Gott alle Entscheidungen trifft, aber es würde Vater so wehtun, wenn Una auch im Himmel ist. Und deswegen dachte ich, wenn ich Gott etwas geben könnte, dass ihm wirklich, wirklich gut gefällt, dann lässt er uns dafür vielleicht Una."

Für einige Augenblicke musterte Rilla den Jungen, der mit seinen zehn Jahren mehr Mut und Selbstlosigkeit besaß als so mancher Erwachsene, den sie kannte. Dann bedeutete sie ihm erneut, sich zu setzen, und nachdem er der Aufforderung nun doch gefolgt war, erzählte sie ihm die Geschichte von seinem großen Bruder Carl und dem Grabstein von Hezekiah Pollock.

Nachdem sie Bruce, in nachdenklicher Stimmung, aber hoffentlich für den Moment von seinem Plan abgebracht, auf den Weg geschickt hatte, ging sie zielstrebig zur Gemeindehalle, wo sie Rosemary Meredith vermutete und auch fand. Zwar glaubte Rilla normalerweise fest daran, dass ihre Schüler es verdient hatten, dass sie ihre Sorgen vertraulich behandelte, aber das war ein gefährlicher Gedankenweg, den Bruce zu beschreiten begonnen hatte, und es war etwas, dass seine Eltern wissen mussten.

Rosemary, ebenfalls entsprechend erschrocken, bedankte sich inständig und suchte sogleich ihren Mann auf, um ihn einzuweihen. Der Reverend hörte sich die Geschichte ruhig an, wie es seine Art war, und als seine Frau ihn bat, sehr bald ein Gespräch mit Bruce zu führen und ihm vorsichtig beizubringen, dass Gott keine Abkommen machte, nickte er. Und das, obwohl seine Gedanken zu einem wütenden, frustrierten Brief in seinem Arbeitszimmer zurückgekehrt waren, den seine älteste Tochter ihm aus England geschrieben hatte, wo sie nunmehr wieder stationiert war und der mit den Worten geendet hatte ‚wenn er Una sterben lässt, dann will ich mit deinem Gott endgültig nichts mehr zu tun haben!'. Nicht zum ersten Mal hatte er sich da gefragt, ob er bei der religiösen Erziehung seiner Kinder nicht doch einiges falsch gemacht hatte.

Sie würden nie erfahren, ob Rillas Geschichte oder das Gespräch mit seinem Vater gefruchtet und Bruce von seinen Überlegungen abgebracht hatten, oder ob er vielleicht doch in aller Stille ein Opfer für das Leben seiner Schwester gebracht hatte. Was es auch war, am Weihnachtstag erreichte sie ein weiteres Telegramm aus Montreal, in dem Shirley verkündete, dass Una über den Berg war.

Trotzdem war es ein ungewöhnliches Weihnachten.

Anne und Gilbert waren nach Kingsport gefahren, denn obwohl Di sich wieder für gesund erklärt hatte, hatte der Vater ihr die Überfahrt zur Insel kategorisch verboten. Una war ohnehin noch ans Bett gebunden und eine Reise nach Glen für sie und Shirley undenkbar. Und da Susan ihrerseits wie häufig die Weihnachtstage bei einer Schwester verbrachte, fand Rilla sich als einzige Bewohnerin Inglesides wieder. Zwar hätten ihre Eltern sie gerne mit nach Kingsport genommen und dies mehrfach betont, aber schon die Reise dorthin schien Rilla unglaublich anstrengend. Also hatte sie versichert, sie würde gut alleine zurechtkommen und das Weihnachtsfest bei den Fords im Traumhaus verbringen.

Nicht, dass sie jemals vorgehabt hatte, wirklich dorthin zu gehen. Und eigentlich kam ihr der Gedanke, ein paar ruhige Tage ganz alleine zu verbringen, ohne irgendwelche Menschen, denen sie etwas vorspielen musste, auch sehr gelegen.

Das Schicksal – oder Persis, wobei Rilla sich manchmal nicht sicher war, ob beide nicht ein und dasselbe waren – hatte jedoch andere Pläne. Denn am Abend vor Weihnachten, als Rilla gerade mit einem Tee und einem Buch früh zu Bett gehen wollte, hörte sie plötzlich ein lautes Klopfen an der Hintertüre. Nicht ohne Widerwillen ließ sie den Tee stehen und ging in die Küche, um zu öffnen.

Es war Persis, die dick eingepackt und mit Schnee in den Haaren, auf der Türschwelle stand.

„Seit wann ist hier abgeschlossen?", fragte sie statt einer Begrüßung und schob sich an Rilla vorbei ins Haus.

„Seit ich alleine hier bin?", gab Rilla etwas spitz zurück und drehte demonstrativ den Schlüssel um, nachdem sie Wind und Schnee wieder ausgesperrt hatte.

Persis nickte. „Das kann ich verstehen", verkündete sie und schüttelte sich den Schnee aus den Haaren, „kann ich hier bleiben? Mum weigert sich, Weihnachten zu feiern."

„Ich feiere auch kein Weihnachten", wandte Rilla ein, nahm Persis jedoch gleichzeitig den nassen Mantel ab.

„Das mag sein", erwiderte die, „aber ich vermute, ich kann deine Art, Weihnachten nicht zu feiern, besser ertragen als die von Mum."

Und damit war es entschieden.

Es war, musste Rilla zugeben, gar nicht schlecht, Persis da zu haben – auch wenn ihre Anwesenheit dazu führte, dass Owen einmal täglich hinauf kam, um nach ihnen zu sehen. Persis war insgesamt gedämpfter Stimmung, was nicht nur die allzu verrückten Einfälle verhinderte, sondern auch dazu führte, dass Rillas Weihnachten zwar nicht ganz so ruhig wurde wie geplant, aber doch zumindest ruhig genug.

Nur abends, wenn sie sich in Rillas Giebelzimmer in dicke Wolldecken eingehüllt hatten, wurde Persis wirklich gesprächig. Es war die Zeit, in der sich über ihren Bruder redete. Über all die Dinge, die sie mit ihm an allen Ecken dieser Erde erlebt hatte. Über die Scherereien, in die er sie im Laufe der Jahre gebracht hatte. Und über die Art, wie er sie zwar manchmal zur Weißglut gebracht, aber immer auch beschützt hatte.

„Du bist die einzige, der es nicht ausmacht, wenn ich über Ken redete", stellte Persis eines Abends fest, nachdem sie eine Geschichte über einen Affen namens Royal beendet hatte, den sie irgendwo im Urwald gefunden hatten – der genaue Name des Landes war Rilla entgangen – und dem Ken beigebracht hatte, allerhand Dinge zu stehlen.

„Es ist – interessant", antwortete Rilla nachdenklich, „sowohl die Geschichten, als auch deine Version von Kenneth."

„Meine Version?", wiederholte Persis und setze sich halb auf, um Rilla fragend ansehen zu können.

Die zuckte etwas hilflos mit den Schultern, bevor sie versucht, zu erklären: „Für dich ist er so, wie du ihn beschreibst – und ich glaube sogar, dass er wirklich so war – ist. Aber nach außen hin hat er ein anderes Bild von sich gezeigt. Weniger… weniger spotan, weniger verrückt, weniger… naja, fürsorglich. Und das ist das Bild, das die meisten Menschen immer noch von ihm haben."

„Du auch?", fragte Persis neugierig.

„Natürlich", erwiderte Rilla, „mich hat er doch auch nur die ‚offizielle Version' seiner Selbst sehen lassen."

Was die Wahrheit war, bis auf – ja, bis auf diesen einen Abend in Quebec. Denn da war er spontan gewesen und etwas verrückt und, für einige Stunden, sehr, sehr fürsorglich.

Aber dann, was wusste sie schon, was davon nicht doch kalkuliert gewesen war?

„Das darfst du ihm nicht übel nehmen. Er mag es nicht, wenn Menschen ihm zu nahe kommen", erklärte Persis derweil, „und deswegen verhält er sich so, wie es die Welt von ihm erwartet."

„Tun wir das nicht alle?", fragte Rilla mit einem Seufzen, auch wenn sie wusste, dass Persis vermutlich noch nie viel Zeit oder Energie damit verschwendet hatte, so zu sein, wie man es von ihr erwartete.

Dennoch, diese Abendgespräche ließen sie nicht nur eine neue Seite an Kenneth kennen lernen, sondern sie verstand auch Persis zunehmen besser. Es schien, als hätte das Schicksal ihr, gerade als sie es am wenigsten erwartet hatte, eine neue Freundin beschert. Was sich gut anfühlte, wirklich – bis auf die nagende Frage im Hinterkopf, was Persis wohl tun würde, wenn sie irgendwann einmal von der einzigen Geschichte erfuhr, die Rilla über Kenneth zu erzählen hatte…

Sie wusste es jedoch nicht, ahnte nicht einmal etwas, und so verstrichen die Tage friedlich, bis Rillas Eltern nach Ingleside heimkehrten. Anne und Gilbert kamen gerade früh genug zurück, um zusammen mit ihrer jüngsten Tochter und ihren alten Freunden das alte Jahr auf seinen Weg zu schicken und 1919 einzuläuten. Auf das es ein besseres Jahr werden würde.

Es wurde besser, oder zumindest schien es zu Anfang so. Die Grippefälle wurden langsam weniger, in Kanada und der ganzen Welt, und als der Januar in den Februar überging, wagte auch Prince Edward Island ein erstes Aufatmen. Wie Gilbert gehofft hatte, hatte es die Insel bis zum Ende nicht so schwer getroffen wie andere Regionen des Landes, aber auch hier hatte man seine Kranken zu pflegen und seine Toten zu begraben gehabt und so kurz nach dem Krieg hatten viele Menschen das schwer genommen.

Das Abklingen dieser Grippewelle traf zusammen mit einer Nachricht von Jerry Meredith, der seine baldige Heimkehr ankündigte. Er würde der erste von ‚ihren' Jungen sein, der zurückkam, denn Jem hatte mit seiner Einheit nach Kriegsende an der Besetzung der westdeutschen Gebiete teilnehmen müssen und war erst im Januar wieder nach England zurückgekehrt. Er rechnete nicht damit, vor dem Frühjahr nach Kanada verschifft zu werden. Faith und Walter gingen sogar von einer noch späteren Ankunft irgendwann im Sommer aus – denn der Krieg mochte vorbei sein, aber er hatte genügend Verwundete und Versehrte hinterlassen, um die es sich noch zu kümmern galt.

Jerrys Heimkehr in jedem Fall geriet beinahe zu einem Ersatz für das Weihnachtsfest, dass Krieg und Grippe ihnen in den letzten Jahren verwehrt hatten. Nan und Di kamen aus Kingsport – Nan sehr strahlend und Di mit viel Augenrollen. Una, noch blass, aber genesen, ließ keine Diskussion darüber zu, dass sie ihren Bruder willkommen heißen würde, und so machten sie und Shirley sich auf den Weg aus Montreal.

Am ersten Abend hatten sie Jerry seiner Familie überlassen – und Nan, denn Nan war jetzt seine Familie. Aber am zweiten Tag jedoch ließen Anne und Susan es sich nicht nehmen, alle nach Ingleside einzuladen, wo sie trotz andauernder Rationierung ein Festmahl servierten, dass in dieser Form seit langer Zeit (oder wenigstens seit Shirleys und Unas Hochzeit) niemand mehr gesehen hatte.

Selbst Leslie hatte sich überreden lassen, zu kommen, zumal sie und Owen ihre baldige Heimkehr nach Toronto planten. Dies sehr zum Missfallen von Persis, die nicht nur gerne länger auf der Insel bleiben wollte, sondern genau wusste, dass eine Heimkehr bedeuten würde, dass ihre Eltern begannen, sich mit dem wahrscheinlichen Verlust des einzigen Sohnes abzufinden. Und Persis wollte sich nicht abfinden!

Dennoch, es wurde ein fröhliches Fest. Nan, ihren glitzernden Ring am Finger, war praktisch nicht mehr von Jerry zu trennen, was bei Di einiges an gutmütigem Augenrollen hervorrief. Una saß auf der anderen Seite ihres Bruders und schien ebenso wenig gewillt, ihn aus den Augen zu lassen. Selbst John Meredith drehte sich immer wieder zu seinem ältesten Sohn um, als müsse er sich vergewissern, dass er wirklich noch da sei.

Das Essen wurde allseits gelobt und es war, als Rilla gerade aus der Küche kam, wo sie Nachschlag geholt hatte, dass es laut an der Vordertüre klopfte.

„Gehst du, Liebes?", bat Anne und streckte die Arme nach der Schüssel aus, die Rilla trug.

„Klar", erwiderte ihre Tochter mit mehr Gelassenheit als sie fühlte.

Da der Krieg nun vorbei war, erwartete niemand mehr schlechte Nachrichten – niemand, außer Rilla. Denn sie allein wusste, dass dieses eine, letzte Telegramm, das sie fürchteten, an Inglesides Haustür übergeben werden würde und nicht im fernen Toronto.

Sie gab ihrer Mutter die Schüssel, vergewisserte sich, dass sie lächelte und ignorierte Shirleys forschenden Blick, der sich in ihren Rücken bohrte. Als sie an der Tür angekommen war, hielt sie einen Moment inne, um sich zu sammeln, bevor sich die Hand auf die Klinke legte.

Doch jede Vorbereitung musste scheitern, angesichts dessen, was die aufschwingende Haustür preisgab. Und als das Licht aus dem Flur um sie herum strömte und das Gesicht des Mannes erhellte, der auf der Schwelle stand, erstarrte sie.

„Hallo Rilla", grüßte Kenneth ruhig.


Der Titel ist dem Lied „Blinded no more" der Band Sonata Arctica entnommen.