Sommerregen
Kapitel 35
„Ich verstehe nicht, wie er das bloß tun kann, Albus. Er erlaubt ihr, ganze Nächte bei ihm zu verbringen."
„Dann sollten wir ihnen dieses junge Glück gönnen."
McGonagalls Augen schienen bei dieser Bemerkung fast aus ihren Höhlen zu fallen. Empörung war nur ein Bruchteil dessen, was ihr Blick offenbarte.
„Und das kommt ausgerechnet aus deinem Munde?"
„Ich habe meine Bedenken noch einmal überdacht. Er braucht jemanden, bei dem er sich fallenlassen kann, Minerva. Sie haben eine geschickte Vereinbarung getroffen, die es ihnen ermöglicht, sich zu sehen, wann immer sie wollen."
„Vorausgesetzt, niemand entdeckt den Schwindel mit diesem verzauberten Pergament", sagte McGonagall, wild mit den Armen gestikulierend. „Du hättest das Ganze sofort beenden sollen."
„Dass sie auffliegen, halte ich für unwahrscheinlich. Miss Granger ist nicht auf den Kopf gefallen. Sie würde eine Lösung finden, wenn nötig."
„Das ist es ja gerade", witzelte die Professorin überzogen. „Sie stürzen sich von einer Ausrede in die nächste. Wo soll das noch hinführen?" Sie fasste sich mit beiden Händen ans Herz und seufzte theatralisch. „Ich fühle mich hintergangen, Albus. Als wären mir die Hände gebunden."
„Wenn das so ist, schlage ich vor, du gehst erst gar nicht näher darauf ein. Wir haben genug andere Sorgen am Hals."
„O ja, ich weiß! Aber mir ist nicht wohl dabei. Ich kann doch nicht einfach die Augen vor der Wahrheit verschließen. Das ist in meiner neuen Position nur schwer akzeptabel. Nicht jeder versteht es schließlich, so gelassen zu bleiben wie du. Es ist ein Skandal! Der Untergang unserer Schule … Andererseits ..."
Sie verstummte und ihr vorwurfsvoller Blick fiel auf die hochgezogenen Brauen des Portraits hinter ihrem Schreibtisch.
„Was wolltest du sagen, meine Liebe?"
„Andererseits, wenn ich mir die neuen Gesetze des Ministeriums so ansehe, ist das Liebesleben meiner Professoren im Vergleich dazu die reinste Lappalie. Wir werden hier in Zukunft wenig zu lachen haben ... vielleicht hast du ja ausnahmsweise einmal Recht, wenn wir Severus etwas vom Leben gönnen. Er ist immer so verschlossen. Und Miss Granger ist die Einzige, die er an sich heranlässt. Es könnte also durchaus zu seinem Besseren sein. Vorausgesetzt, seine Absichten sind ehrenwert."
„Du traust ihm also immer noch nicht", bemerkte Dumbledore scharfsinnig, während er mit den Fingern seine Brille zurechtrückte.
McGonagall schoss ihm einen weiteren ihrer tödlichen Blicke zu.
„Wie soll ich das tun? Niemand sagt mir, was hier vor sich geht."
„Du hast mein Wort, dass alles nur zum Besten der Schule geschieht. Wir brauchen ihn. Seine Zukunft mag ungewiss sein, doch ich habe keine Zweifel, was seine Absichten anbelangt."
„Du meinst, er liebt sie? Severus ist kein einfacher Mann. Er lässt sich nicht durchschauen ..."
Dumbledore zwinkerte.
„Vergiss eines nicht, Minerva: Er lässt sich auch nicht leichtfertig auf jemanden ein."
xxx
Als der Professor in den Morgenstunden nach Hogwarts zurückkam, verspürte er nicht die geringste Lust, im Schulleiterbüro aufzuwarten, um Dumbledore über alles zu unterrichten. Die einzige Genugtuung war die, dass Minerva McGonagall tief und fest am Schlafen war.
„Minerva hat bis Mitternacht auf dich gewartet. Sie ist vor Erschöpfung auf ihrem Stuhl eingeschlafen und mir blieb nichts anderes übrig, als einen Hauselfen zu bitten, sie ins Bett zu bringen."
Snape grummelte ein paar unverständliche Silben vor sich hin. Ihm war nach seinem Treffen mit Voldemort wahrlich nicht nach einem Streit zumute. Trotzdem fürchtete er, dass die beiden Professoren sich nach seiner Abreise das Maul über ihn zerrissen hatten. Und natürlich über Miss Granger.
Gähnend verbiss er sich jeglichen Sarkasmus über die zusätzlichen Belastungen in Minervas fortgeschrittenem Alter und erkundigte sich stattdessen manierlich nach ihrem Zustand.
„Nein, ich denke nicht, dass sie euretwegen einen Schwächeanfall erleiden wird. Sei unbesorgt, Severus. Es geht ihr gut, aber die neuesten Entwicklungen im Ministerium haben sie sehr mitgenommen. Ich werde sie über deine Rückkehr informieren, sobald sie aufgewacht ist."
Er nickte kurz angebunden. Dann verließ er schnellen Schrittes das Schulleiterbüro und eilte in die Kerker hinab.
Die Tür zu seinen Gemächern schwang auf seinen Wink hin auf, noch ehe er sich darum bemüht hätte, den Zauberstab zu ziehen. Er trat ein und stellte zähneknirschend fest, dass Hermine in seinem Bett lag. Sie war umgeben von einem Stapel Bücher über seltene Zauber und Flüche eingeschlafen, ahnungslos wie alle anderen im Schloss. Daneben lagen diverse Muggelzeitschriften, die einen groben Überblick über ferne Reiseziele zeigten. Manche waren mit roter Tinte durchgestrichen, andere dick eingekreist; offenbar hatte sie sich für die Zukunft der Grangers für Australien entschieden.
Snape setzte sich zu ihr und zog leise ächzend seine Schuhe aus. Das Aufeinandertreffen mit dem Dunklen Lord war alles andere als zufriedenstellend verlaufen. Er konnte die Ungeduld spüren, die in ihm steckte, wusste aber nicht, was er damit anfangen sollte. Die Prozedur, vor ihm niederzuknien und ihm seinen Geist zur Verfügung zu stellen, damit Voldemort darin herumwühlen konnte, war zermürbend und schmerzhaft. Jedes Mal, wenn er seinem Herrn gegenübertrat, an den er, solange dieser lebte, gebunden war, starb etwas in ihm. Ein Stück seines freien Willens, ein bloßer Gedanke an ein Leben ohne Schmerz und Gräueltaten. Bis heute verstand er nicht, wieso Dumbledore damals eingewilligt hatte, ihn wegen seiner Gefühle für Lily zu seinem Spion zu machen. Zwar wusste er, dass Albus einen verklärten Sinn für Romantik hatte, die endgültige Entscheidung aber, die ihn dazu gebracht hatte, war Snape immer noch ein Rätsel. Glaubte er wirklich, dass die Liebe etwas gegen Lord Voldemort ausrichten konnte? Oder hatte er ihn nur in seinen Dienst gestellt, weil ihm ohnehin gleichgültig war, was aus ihm wurde und er wenigstens seinen Nutzen daraus ziehen konnte?
Den dröhnenden Kopf in den Händen haltend, rappelte er sich hoch und ging ins Bad. Solange Hermine in seinem Bett lag, wollte er nicht nach Todesser riechen, auch wenn es vielleicht nur Einbildung war. Er wollte sich ihrer wenigstens würdig genug erweisen, halbwegs ansehnlich zu ihr zu kriechen.
Nachdem er eine heiße Dusche genommen und seine Haare getrocknet hatte, fühlte er sich wieder einen Hauch lebendiger. Er schlüpfte zu ihr und legte vorsichtig von hinten den Arm um sie, um sie ja nicht zu wecken. Den Kopf in ihren wirren Haaren vergraben, döste er ebenso wie seine Kollegin in ihrem neuen Büro aus lauter Erschöpfung sofort ein.
xxx
Als Hermine früh am Morgen erwachte, spürte sie sofort, dass Severus zurück war. Sein Körper lag eng an ihre Rückseite gedrückt, seine Hand ruhte friedfertig auf ihrem Bauch.
Zaghaft drehte sie sich um und strich ihm die langen Strähnen beiseite, die einen Großteil seines Gesichts verdeckten. Er hatte die Augen geschlossen und atmete gleichmäßig und ruhig ein und aus.
Sie schob seine Hand beiseite und kroch, so leise sie konnte, aus dem Bett. Erst im Bad traute sie sich, ihrer Enttäuschung mit einem unzufriedenen Schnauben Luft zu machen: Sie hatte so sehr gehofft, den Abend gemeinsam verbringen zu können und stattdessen feststellen müssen, dass er fortgegangen war.
Hermine trank einen Schluck kühles Wasser aus der Leitung und kehrte ins Schlafzimmer zurück, wo sie Snape in T-Shirt und Shorts, beides in obligatorischem Schwarz, auf dem Bett sitzend vorfand. Schlagartig hielt sie inne. Die Kerzen an den Wänden brannten. Sofort fürchtete sie, dass das nichts Gutes verhieß.
„Wir müssen reden", sagte der Professor mit schwerer Stimme; er hatte einen zutiefst ernsten Blick, zog die Knie unters Kinn und legte die Hände darauf. Obwohl es ihm offensichtlich nicht behagte, wirkte er fest entschlossen, das durchzuziehen.
„Gut", murmelte sie verhalten zurück, „reden wir."
Sie setzte sich neben ihn und verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust, was nicht nur an ihrem durchsichtigen Nachthemd lag, das sie am Leib trug. Die von Natur aus kühle Luft in den Kerkern schien sich durch sein plötzliches Aufwachen noch zusätzlich abgefrischt zu haben.
Snape streckte sich und zog die zerwühlte Decke zu sich heran. Er legte sie um ihre Schultern und Hermine fühlte sich plötzlich daran erinnert, wie sie damals im Anschluss an die Suche nach dem Medaillon im Zelt aufgewacht war und festgestellt hatte, dass sie beobachtet wurde.
Seine Mundwinkel zuckten kaum merklich.
„Besser so?"
Sie nickte, doch das beklemmende Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, wollte dadurch nicht weichen. Ihre Reserviertheit ihm gegenüber kam nicht von ungefähr. Erstens verhieß es nie etwas Gutes, wenn er zu Voldemort gerufen wurde. Es war immer ungewiss, in welchem Zustand er zurückkommen würde. Zweitens musste sie befürchten, dass Voldemort den Verlust seiner Horkruxe irgendwann feststellen könnte. Auch diese Bedenken waren begründet, denn Hermine hatte sich ganz schön dazu überwinden müssen, den letzten Horkrux, den sie gefunden hatten, selbst zu zerstören. Es war beängstigend gewesen, nicht zu wissen, was sie dabei zu erwarten hatte. Doch glücklicherweise war alles gut gegangen.
„Was wollte Voldemort?", fragte sie in einem, wie sie hoffte, versöhnlichen Tonfall.
„Er wollte sehen, ob ich mit Dumbledores Ableben im Zusammenhang stehe. Aber er konnte nichts finden."
Sie gaffte ihn entgeistert an, doch es gab keine Anzeichen dafür, dass ihn ihre Frage überrascht hätte. Er hielt ihrem Blick eisern stand.
„Er hat dich zu sich gerufen, um dich … zu durchsuchen?"
Harry hatte sich zur Genüge darüber ausgelassen, wie Snape ihm während des privaten Unterrichts in seinem fünften Schuljahr eintrichtern wollte, mit welchen Methoden Voldemort arbeitete. Doch die Okklumentik-Stunden waren zu einem Desaster geworden, bei dem sich das ohnehin schon angespannte Verhältnis zwischen dem Professor und seinem Schüler nur noch verschlimmert hatte.
Ein leises Schnauben war zu hören.
„Was hast du erwartet, Hermine? Dass er mir Fragen stellt, die ich ihm mit einem Ja oder Nein beantworte?"
Sie blinzelte verstört. Trotz seiner Bemühungen, bei dieser unangenehmen Unterhaltung ruhig zu bleiben, entging ihr nicht der sarkastische Beigeschmack, den seine Stimme in sich hatte. Alles an ihm wirkte aufgesetzt. Verkrampft.
„Ich weiß es nicht. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich überhaupt nicht, was ich von dieser ganzen Entwicklung halten soll. Heißt das nun, es geht eine unmittelbare Gefahr für die Schule von ihm aus? Was für Folgen wird Dumbledores Tod langfristig für uns haben?"
„Drastische", sagte er schlicht. Und auf einmal sah er sie nicht mehr an.
„Geht es vielleicht etwas genauer?"
„Wenn du es wünschst. Aber es wird kein Vergnügen werden, das zu hören, Hermine."
Hermine runzelte angespannt die Stirn. Nach dem Vorfall in Gringotts wunderte sie sich, was noch schlimmer sein konnte. Alles war ihr viel zu hektisch und unvorbereitet vonstatten gegangen.
„Danke, dass du mich in Schutz nehmen willst", sagte sie, „aber das entscheide ich selbst."
„Schön", knurrte Snape. „Albus hat herausbekommen, dass das Ministerium ein neues Gesetz plant, bei dem muggelgeborene Schüler nicht mehr am praktischen Unterricht teilnehmen dürfen. Wir müssen davon ausgehen, dass der Dunkle Lord dahintersteckt. Das Ministerium unterliegt schon länger seiner Kontrolle, Scrimgeour ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr er selbst. Er könnte unter einem Fluch stehen oder anderweitig gezwungen worden sein, die entsprechenden Maßnahmen getroffen zu haben."
Hermine, die schon bei seinem ersten Satz kreidebleich geworden war, hörte sich den Schluss nur noch halbherzig mit an. Ihr drehte sich der Magen um. Im Nachhinein hatte sie das Gefühl, sie hätte wissen müssen, dass Voldemort etwas plante, mit dem er Muggelgeborenen das Leben schwer machen konnte.
„Wir sollen nicht mehr zaubern dürfen?", fragte sie kläglich.
Snape nickte knapp.
„Das wird vermutlich erst der Anfang sein."
Sie hatte Tränen in den Augen, als er sie zu sich heranzog und den Arm um sie legte.
Hermine ließ es geschehen. Kraftlos schmiegte sie sich an ihn und schniefte. Wie gern hätte sie ihrer Wut Ausdruck verliehen. Doch sie konnte es nicht. Sie fühlte sich hilflos und hatte keine Ahnung, was sie dagegen tun konnte, um das zu verhindern. Einmal, als Draco sie wegen ihrer Herkunft beleidigt hatte, war sie tagelang immer wieder heulend im Mädchenklo verschwunden. Ihr war unbegreiflich gewesen, wie jemand nur so kalt und gefühllos sein konnte, so gemeine Dinge zu sagen. Das Seltsamste dabei war, dass Snape unzählige Male ebenso grausam gewesen war. Nur hatte er sie wenigstens nicht dafür aufgezogen, muggelgeboren zu sein.
„Ich muss darüber mit Harry reden, Severus", sagte sie, in Gedanken noch immer bei dieser abscheulichen Nachricht. „Er muss wissen, was uns bevorsteht, wenn er sich nicht endlich etwas mehr anstrengt, Slughorn diese Erinnerung abzuluchsen."
Sie setzte sich auf und sah ihn mit wässrigen Augen an.
„Danke, dass du es mir gesagt hast."
Er lächelte dünn.
„Mir blieb keine andere Wahl, Hermine. Wir müssen mit allen Kräften verhindern, dass es dazu kommt."
Sie warf sich nach vorne und umfing mit ihren Händen sein Gesicht. Snapes Züge hatten einen verworrenen Ausdruck angenommen. Er schien nicht ganz zu verstehen, was es mit ihren überschwänglichen Reaktionen auf sich hatte.
„Ich liebe dich, Severus", sagte sie leise, während sie mit den Fingern die Konturen seiner ausgemergelten Wangen nachzeichnete. „Mehr als alles andere."
Snape öffnete den Mund und klappte ihn sofort wieder zu. Es gab keine Worte, um das zu beschreiben, was in ihm vorging. Natürlich verstand er nicht, wie sie das sagen konnte. Kein Mensch hatte bisher so etwas zu ihm gesagt.
„Du bist wunderbar", flüsterte sie weiter, mit dem Daumen über seine vibrierende Oberlippe streichend. „Was du jeden Tag für uns tust. Für Harry, für mich … wenn Harry nur wüsste ..."
Ihre Stimme verlor sich im Nichts. Ihr Herz klopfte wie wild, sie senkte den Kopf und küsste ihn.
Snape nahm ihre Hände in seine und brachte sie vorsichtig auf Abstand. Hermine wollte dagegen protestieren, doch er blieb hart. Er drehte das Gesicht zur Seite und vermied es, sie anzusehen.
„Du scheinst eine Kleinigkeit zu vergessen, Hermine", sagte er mit rauer Stimme. Wenn Potter tatsächlich wüsste, dass er einen Schwur geleistet hatte, der ihn dazu verpflichtet hatte, Dumbledore zu töten, würde er nicht zögern, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen. „Potter hat Recht, mir zu misstrauen. Ich bin nicht der, der hier jemanden retten wird. Wegen Leuten wie mir ist es erst dazu gekommen, dass er diese Macht erlangt hat. Ich habe ihm dabei geholfen, zu dem zu werden, was er ist."
Für lange Zeit sagte Hermine nichts. Sie wollte die Schwere der Bürde, die auf ihm lag, verstehen. Hätte sie gesehen, wie er sich Voldemort angeschlossen hatte und den ersten Krieg miterlebt, wüsste sie nicht, was sie heute tun würde. Vielleicht hätte sie sich wie Lily dazu entschlossen, sich von ihm abzuwenden. Vielleicht hätte sie aber auch an ihm festgehalten und die Hoffnung nicht aufgegeben, ihn eines Tages zum Umkehren bewegen zu können. Im Augenblick war sie einfach nur froh, dass er bei ihr war und zu ihr hielt.
Snape atmete von tiefster Ergriffenheit erfasst ein und wieder aus, als würde er soeben realisieren, wie zerrüttet es um ihr Seelenleben stand.
„Ich weiß", begann er ernst, „wie sehr du immer das Beste in den Menschen sehen willst, Hermine. Aber ich bitte dich, tu das nicht. Es birgt immer das Risiko in sich, verletzt zu werden."
„Durch dich?" Sowie sie es sagte, stieß er ein scharfes Zischen aus, das ihr zeigte, wie unterschiedlich ihre Meinungen darüber waren. Sie konnte ihm seine Frustration nicht einmal verübeln. Es ließ sich schließlich nicht leugnen, dass er zwischen den Fronten stand, egal wie sehr sie das Gegenteil davon wollte. „Du wirst mich nicht verletzen."
Sie klang so überzeugt, dass es ihm einen Stich versetzte. Es war immer noch neu für ihn, sich damit auseinanderzusetzen, welchen Grad ihre Beziehung erreicht hatte. Darüber zu reden machte es nicht unbedingt leichter.
„Früher oder später vielleicht doch. Ich bin noch immer an ihn gebunden. Wir haben keine Ahnung, wo uns das noch hinführt." Er schüttelte resignierend den Kopf und etliche seiner schwarzen Strähnen fielen ihm vor die Augen. „Ich bin mir nicht sicher, was ich tun soll, Hermine. Ich habe nicht mit Albus darin übereingestimmt, mit dir nach den Horkruxen zu suchen. Es war sein Wunsch, uns darauf anzusetzen. Er hat die Initiative ergriffen, etwas zu tun, während ich mich verzweifelt dagegen gewehrt habe. Ich hatte die größten Bedenken, mich mit dir auf diese Reise zu begeben. Ich wollte nicht wahrhaben, dass er seine Gründe dafür hatte."
Sie schnappte sich energisch seinen Arm und zog ihn zu sich auf den Schoß, wo sie seine Hand fest in ihre nahm. „Ich glaube, ich verstehe nicht, was das heißen soll. Dumbledore wusste, dass das mit uns nicht leicht werden würde. Wir konnten uns nie leiden, da waren Probleme vorprogrammiert. Trotzdem hat er es riskiert und uns zusammen losgeschickt."
„Das ist es ja gerade", sagte er, ein gefährliches Glitzern in den Augen. „Dein Mitgefühl und deine Beharrlichkeit waren exakt das, was er gebraucht hat. Jemand, der Begabungen und Talente besitzt, die in unserer Welt fast verloren gegangen sind."
„Willst du damit sagen, es war ein Beweis seines Vertrauens in meine Fähigkeiten?", erwiderte sie wenig begeistert. Ihr kam es eher wie ein übler Scherz vor, auf diese Art und Weise von Dumbledore ins kalte Wasser geworfen worden zu sein.
„Genau das. So leid es mir tut, Hermine, dein Freund Potter kann in ebendiesen Dingen nicht mit dir mithalten. Er ist ein Hitzkopf, genau wie sein Vater vor ihm. Du magst nicht, wenn ich das sage, aber wie oft haben wir erlebt, dass er und Mr Weasley mit dem Kopf voraus durch die Wand laufen wollten?"
In Hermine regte sich ein leiser Widerstand. Noch vor wenigen Monaten hätte sie ihm wutentbrannt an den Kopf geknallt, dass er im Unrecht war; Respekt vor einem Lehrkörper hin oder her. Inzwischen sah alles anders aus. Hermine liebte Harry wie einen Bruder. Er und Ron waren ihre besten Freunde. Doch bei längerer Überlegung waren Severus' Bedenken gar nicht einmal so weit hergeholt. Sie hatte am eigenen Leib erlebt, wie zermürbend es war, den Horkruxen nachzujagen. Es war der einzige Hoffnungsschimmer, den sie im Kampf gegen Voldemort hatten. Und aus diesem Grund war es richtig gewesen, jemand anderen die Vorarbeit machen zu lassen, damit Harry beizeiten den Rest würde erledigen können.
„In Ordnung", sagte sie und streichelte besänftigend seine Hand. „Ich glaube, ich verstehe, worauf du hinauswillst. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich richtig finde, wie Dumbledore das alles eingefädelt hat. Er hätte Harry genauso gut wie mich auswählen können, mit dir zusammenzuarbeiten. Harry hätte im Zweifelsfall immer auf Dumbledores Urteil vertraut. Er hätte sich nach Kräften bemüht, um das zu erreichen, was wir geschafft haben."
Snape schnaubte abfällig. Das Bedürfnis, sie von ihren kindlichen Illusionen zu befreien, war verlockend. Andererseits machte es in Momenten wie diesen wenig Sinn, ihr zu sagen, dass er und Potter nie miteinander auskommen würden. Wenn überhaupt hätte Albus selbst mit dem Jungen nach den Horkruxen suchen müssen.
Es war grotesk, doch der Gedanke, der über ihr friedfertiges Beisammensein hereinfiel, beunruhigte ihn immens. Was, wenn Albus versucht gewesen wäre, den Kindern all das, was er in akribischer Arbeit zusammengefügt hatte, zu verheimlichen? Es war nicht selten vorgekommen, dass Dumbledore ein großes Geheimnis aus allem gemacht hatte. Besonders dann nicht, wenn er sichergehen wollte, dass niemand ihm ins Handwerk pfuschen konnte. Was, wenn er darauf bestanden hätte, seine jahrelangen Forschungen für sich zu behalten. Wären er - Snape - und Miss Granger sich dann überhaupt nähergekommen?
Erstaunt über den Verlauf ihres Gesprächs sah er Hermine von der Seite her an. Das wundersame an ihr war nicht die Offenbarung ihrer Gefühle an sich gewesen. Er hatte nur eine unglaubliche Angst davor gehabt, dass sie eines Tages bereit sein würde, es zu äußern. Jetzt war es passiert. Sie hatte geschafft, was noch niemand vor ihr vermocht hatte. Sie war zu einer bemerkenswerten Frau herangereift, die seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
Er fühlte, wie Hermine sich an ihn drückte und ihn auf die Braue küsste, auf die Nase und den Mund. Instinktiv öffneten sich seine Lippen, legten sich seine Hände um ihr Gesicht. Der Gedanke, dass er und sie sich vielleicht nie nähergekommen wären, verblasste und rückte in den Hintergrund.
