Kapitel 27 - Enthüllungen

"Schneller, verdammt noch mal!"
Laut schimpfend trieb Asuka die anderen beiden Piloten an, die hinter ihr die endlosen Treppen in die Geofront hinabstiegen.
"Da unten wissen sie vielleicht noch gar nichts von dem Engel!"

Shinji keuchte.
Er spürte seine Beine seit etwa vierhundert Stufen nicht mehr, dabei hatten sie wahrscheinlich noch nicht einmal ein Viertel der Strecke zurückgelegt.

Rei blickte ihn nachdenklich an. Sein verzerrtes Gesicht sprach Bände, gab genau Auskunft über seinen Zustand. Wahrscheinlich würde Shinji-kun es nicht bis nach ganz unten schaffen...
Sie selbst bewegte sich in einem möglichst kraftsparenden Rhythmus, spürte aber ebenfalls inzwischen jede einzelne Stufe.
Auch Soryu schien langsamer zu werden, kein Wunder nach mittlerweile eintausenddreihundertundvierzehn Stufen. Und das vierfache stand ihnen noch bevor.
Rei ging davon aus, daß sie weitere eintausend Stufen bewältigen konnte, bevor eine längere Pause fällig war. Shinji-kun allerdings würde bald eine Rast benötigen, vielleicht würden sie ihn auch zurücklassen müssen... doch dazu war sie wirklich nur bereit, wenn es keine andere Möglichkeit gab.
Sie wußten nicht, über welche Mittel der Engel verfügte, den Soryu an der Oberfläche gesehen hatte. Selbst das Ziel: Ramiel hatte über einen Tag gebraucht, um bis in die Geofront vorzustoßen. Der schnellste Weg wäre der zentrale Schacht gewesen, durch den notfalls sogar Hubschrauber in die Geofront einfliegen konnten, doch dieser war mit mehreren Dutzend Panzerschotten gesichert. Daher wußten sie auch nicht, wieviel Zeit ihnen noch blieb, um das Hauptquartier zu erreichen...


*** NGE ***


An der Oberfläche schob sich Makoto Hyuga vorsichtig um eine Hausecke.

"Seien Sie vorsichtig", flüsterte Maya Ibuki leise.

"Ich kann das Biest sehen", antwortete Hyuga. "Hockt über dem Zugang zum Zentralen Schacht. Sieht ja richtig eklig aus."

Maya linste an ihm vorbei.
"Wie eine riesige Spinne - igitt! Was macht es?"

"Ich glaube... pfui..."

Der Spinnenengel hatte eine grünliche Flüssigkeit aus Drüsen an seiner Bauchseite abgesondert, die nun in dicken Tropfen auf die Beschichtung des Panzerschottes tropfte.
Dampf stieg auf.

"Makoto, das ist Säure... der Engel will sich den Weg in die Geofront freiätzen!"

"Meine Güte, wir müssen etwas tun! Jemand muß unsere Leute warnen!"

"Ja, aber nichts funktioniert... Sempai und die anderen in der Geofront wissen sicher noch gar nicht, daß wir von einem weiteren Engel angegriffen werden."

"Dann müssen wir nach unten. Warten Sie, Maya... Katsuragi-sans Rennstrecke..."

"Sie meinen den Kreisel?"

"Ja, wir brauchen nur ein Auto, dieser Eingang ist sicher frei."

Ein Auto zu finden war nicht schwer, Hyuga requirierte einfach eines von einem völlig verdutzten Autofahrer. Dann ging es ohne weitere Verzögerungen in jenen Außenbezirk der Stadt, wo der Zugang zum Kreisel lag. Der Kreisel war ein scheinbar endlos langer dunkler Tunnel, der sich in ewigen Windungen in die Tiefe schraubte und in der Geofront endete.
Den Zeitrekord für die Strecke hielt Major Katsuragi, weshalb der Tunnel intern auch Katsuragis Rennstrecke hieß.
Maya Ibuki klammerte sich an den Beifahrersitz und starrte mit geweiteten Augen geradeaus durch die Windschutzscheibe, als Makoto Hyuga den beschlagnahmten Kleinwagen mit einem Tempo in den Tunnel hineinsteuerte, daß man hätte meinen können, er wollte Misatos Rekord brechen.


*** NGE ***


Ritsuko Akagi fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, ihre Frisur war inzwischen völlig zerzaust.
"Das kann doch nicht wahr sein..."

"Immer noch keine Veränderung?" fragte Fuyutsuki.
Der ältere Mann hatte seine Uniformjacke abgelegt, den obersten Knopf seines Hemdes geöffnet und die Ärmel hochgekrempelt.

In der Kommandozentrale war es heiß und stickig, der Hauptmonitor war dunkel, ebenso die meisten Terminals.
Vor zwei Stunden waren die Klimaanlage und die Belüftung ausgefallen. Grund dafür war die Tatsache, daß die Computeranlage des Hauptquartiers ohne Unterstützung der MAGI vor der Unzahl an Aufgaben kapituliert hatte und einfach abgestürzt war. Und die MAGI befanden sich immer noch in ihrer Reboot-Phase, die weitaus länger dauerte, als Akagi veranschlagt hatte.

"Nein, Sir. Die MAGI brauchen noch ein paar Stunden, wie es aussieht, hat der Virenangriff die Verzeichnisstruktur stärker durcheinandergebracht als erwartet. Und die herkömmlichen Systeme sind einfach überlastet. Aoba kümmert sich bereits um die Klimaanlage, aber ich könnte jetzt Mayas Hilfe gebrauchen."

"Versuchen Sie, das ganze etwas zu beschleunigen, Doktor."

"Ich könnte vielleicht ein, zwei Stunden herausholen, wenn ich die MAGI anweise, auf eine komplette Überprüfung aller Unterverzeichnisse zu verzichten, das kann auch später nachgeholt werden."

"Tun Sie das."

"Dafür benötige ich eine Bestätigung von jemandem mit Kommandorang."

"Aha. Wo soll ich meinen Code eingeben?"


*** NGE ***


Etwas erwachte...
Ganz langsam... wie aus einem tiefen Schlaf...

Orientierungslosigkeit.
Zerrissenheit...

Drei Teile, die langsam wieder zusammenfinden...
Drei Teile, deren Vereinigung mehr ist als nur die Summe ihrer Teile...

Bewußtwerdung...
Erkennen...
Erwachen...


*** NGE ***


Misato Katsuragi hämmerte gegen die Tür der Liftkabine, in der sie sich befand. Vor über zwei Stunden hatte der Aufzug abrupt gehalten und stand seitdem. Die Kabinentür widerstand allen Versuchen, sie von innen zu öffnen, an die Luke in der Decke kam Misato nicht heran, das Nottelephon war ebenso tot wie ihr Handy.
Längst hatte sie es aufgegeben, um Hilfe zu rufen. Ihre Fäuste schmerzten vom langen Hämmern gegen die Tür und zu allem Überfluß teilte ihr ihre Blase mit aller Deutlichkeit mit, daß sie während der letzten Nachtschicht weniger Kaffee hätte trinken sollen - oder wenigstens nicht den Kaffee, den Ritsuko gekocht hatte, der so stark war, daß er sogar Tote wiederbeleben konnte.
Endlich hörte sie eine Antwort.

"Ist jemand da drin?" kam es dumpf durch die Wand.

"Ja!" schrie sie zurück. "Ich stecke im Aufzug fest."

"Katsuragi, bist du das?"

"Kaji?"

"Ja! Warte, ich bin gleich zurück!"

Kurz darauf knirschte es, dann wurde die Tür einen Spaltbreit aufgedrückt.
Misato griff mit beiden Händen in die Öffnung und stemmte sich gegen die Tür.
Kaji setzte von draußen nach, positionierte das Brecheisen, welches er aus einem nahen Werkzeugschrank geholt hatte, neu und gewann wieder ein paar Zentimeter Boden.
Bald war genug Platz, daß Misato den Lift verlassen konnte.

"Danke, Kaji, das war wirklich in letzter Minute." stieß sie hervor und blickte sich gehetzt um.

"Gern gesehen - hey, wo willst du hin?"

"Ich muß ganz dringend zur Toilette..."

Gute fünf Minuten später verließ eine sichtlich erleichterte Misato Katsuragi die Damentoilette und blickte den wartenden Ryoji Kaji fragend an.
"Das hier geht doch nicht auf dein Konto, oder?"

"Nein, Katsuragi-chan, ich bin völlig unschuldig. Die MAGI hatten die von mir eingerichtete Hintertür ins System bereits ohne Beanstandung akzeptiert, als die Probleme anfingen. Im ganzen Hauptquartier läuft überhaupt nichts mehr. Ritsuko sitzt in der Zentrale an einem Terminal mit Batteriebetrieb und versucht, die Rechner wieder zu starten. Du hattest Glück, daß ich ausgerechnet diesen Korridor benutzt habe."

"Komm, gehen wir zur Brücke."


*** NGE ***


Wieder eintausend Stufen später...

Asuka war inzwischen sehr still geworden, sah man von ihrem Keuchen ab.

Shinjis Gesicht hatte einen abwesenden Ausdruck angenommen, seine Augen waren glasig, seine Schritte derart unsicher, daß Rei sich neben him hielt und seine Hand genommen hatte.
Ob sie in diesem Zustand überhaupt noch fähig waren, gegen einen Engel zu kämpfen?

Rei spürte die Müdigkeit immer stärker, ihre Beine protestierten bei jedem Schritt.
Und dann kam der Moment, in dem auch sie nicht mehr weiterkonnte.
"Soryu... Pause..." sagte sie, als sie und Shinji den nächsten Treppenabsatz erreichten.

Asuka blieb einfach stehen und ließ sich auf die Stufe sinken, auf der sie gerade stand.
Eigentlich hatte nur noch ihr eigener Stolz sie vorangetrieben, da sie nicht die erste hatte sein wollen, die schlappmachte.

Rei zog Shinji mit sich nach unten, streckte die schmerzenden Beine.
"Wir haben etwa die Hälfte der Strecke hinter uns", stellte sie fest.

Asuka verzog das Gesicht.
"Wird er es schaffen?" sie deutete auf Shinji, nicht bereit zuzugeben, daß sie mit ihren Kräften am Ende war. Sie waren doch sicher schon Stunden unterwegs...
Ihre Waden waren einzige feste Knoten aus Muskelgewebe.

Rei blickte Shinji an, der stumpf geradeaus blickte.
"Ich weiß es nicht", flüsterte sie. "Bist du imstande, weiterzugehen?"

"Ich bin Asuka Soryu Langley... aber laß uns noch eine Weile hierbleiben."

Shinji schloß die Augen.
Gerade erst hatte mit langer Verzögerung die Nachricht, daß er nicht mehr ging, sondern saß, sein Gehirn erreicht. Endlich eine kurze Rast...
Und dann kippte er zur Seite und gegen Rei, die ihn überrascht auffing.

"Was ist mit ihm?"

"Shinji-kun ist eingeschlafen..."
Sie bettete seinen Kopf auf ihren Schoß, nahm zur Kenntnis, daß er sich zusammenrollte und an sie schmiegte.
"Die Pause wird wohl etwas länger dauern."

"Muß wohl." murmelte Asuka, lehnte sich gegen die Wand und massierte ihre Unterschenkel. "Typisch Männer, machen immer als erste schlapp."

"Ich verstehe nicht, Soryu."

"Das habe ich auch nicht erwartet. Ich frage mich nur, wie jemand wie Shinji nur ausgewählt werden konnte, um einen EVA zu steuern, das ist alles... aber sein Vater ist ja auch der Kommandant, das gibt sicher Bonuspunkte."

"Tut es nicht."

"Und das sagt mir der Liebling des Kommandanten."

"Wer behauptet soetwas?"

"Ah, First, das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern."

"Die Spatzen?"

"Es weiß doch jeder, daß Shinji nur Pilot ist, will sein Vater ihn ins Team geholt hat... und als Freundin seines Sohnes drückt er bei dir sicher auch ständig ein Auge zu, wenn du deinen EVA wieder einmal geschrottet hast."

"Das ist falsch, Soryu."

"Oh, dann gibt es doch Standpauken?"

"Nein, Soryu. Aber weder Shinji-kun noch ich sind EVA-Piloten, weil Kommandant Ikari uns einen Gefallen tun wollte, wie du es scheinbar auszudrücken versuchst. Wir sind Piloten, weil wir über das nötige Potential verfügen, so wie du."

"Ich habe über zehn Jahre für diese Mission trainiert!"

"Ich wurde für diese Mission geschaffen."

"Ah... was? Geschaffen? First, du spinnst!"
Asuka stemmte sich in die Höhe.
"So, jetzt fühle ich mich frisch genug für die nächsten fünfhundert Stufen! Wir sehen uns dann unten bei der Siegesfeier, wenn ich den Engel erledigt habe! - Wenn ich du wäre, würde ich den Schnarchsack hier liegenlassen, sonst ist der Kommandant sicher sauer."
Und damit setzte sie sich in Bewegung. Der Lichtschein ihrer Taschenlampe wanderte in die Dunkelheit hinab...

Rei blieb mit Shinji zurück, streichelte geistesabwesend seine Wange.
Nein, sie würde Shinji-kun nicht allein in der Finsternis zurücklassen...
Wie weit würde Soryu kommen, ehe die gerade geschöpften Kraftreserven aufgebraucht waren? Einhundert Stufen? Höchstens...


*** NGE ***


Erwachen...
Erinnern...

Wer...
Wo...
Was...

Drei Teile, die langsam wieder zusammenfanden...

Erinnern...


*** NGE ***


Shinji schlief immer noch, allerdings nicht mehr auf den Treppenstufen.

Rei hatte sich selbst eine Regenerationsphase von zwanzig Minuten gegönnt, nach welcher die Verkrampfung und die Schwäche aus ihren Beinen verschwunden waren. Allerdings würde sie das nicht ewig durchhalten, der Energieverbrauch aufgrund der Anstrengung setzte ihr Grenzen. Bis zum Boden des Treppenschachtes zu gelangen, sollte aber durchaus noch im Rahmen des Möglichen liegen...
Und so hatte sie Shinji-kun huckepack genommen und schleppte ihn nun die Treppen hinab, korrigierte dabei ihre Berechnungen. Der erhöhte Kraftaufwand durch Shinji-kuns zusätzliches Gewicht würde ihre Energien schneller verbrauchen, so daß Pausen in immer kürzeren Abständen nötig sein würden. Unter diesen Voraussetzungen würde der Abstieg noch wenigstens drei weitere Stunden in Anspruch nehmen. Als weiterer Unsicherheitsfaktor kam der Flüssigkeitsverlust hinzu, der durch Transpiration entstand...

Vier Treppenabsätze zu je zwanzig Stufen weiter war sie auf Asuka gestoßen, die sich auf einem Absatz ausgestreckt hatte.
Jetzt schlurfte die Rothaarige hinter ihr her, zu erschöpft, um zu sprechen, die Füße voreinandersetzend wie ein Roboter.


*** NGE ***


Makoto Hyuga nahm die nächste Kurve.

Der Kleinwagen war an den Kotflügeln bereit übelst zerkratzt und eingebeult von zahlreichen Kontakten mit den Wänden.

Maya Ibuki hockte zusammengekauert auf dem Beifahrersitz und hoffte, daß sie diese Höllenfahrt überlebte.

Dann schoß der Wagen plötzlich ins Freie!
Sie hatten die Geofront erreicht!

Hyuga stieß einen kurzen Triumphschrei aus, während Maya es erstmals wieder wagte, richtig zu atmen. Dann trat Makoto das Gaspedal erneut durch, nahm Kurs auf das Pyramidengebäude des Hauptquartiers.

Die Geofront war spärlich beleuchtet, die großen Scheinwerfer unter der Decke der Höhle waren außer Betrieb, Licht fiel nur durch die zahlreichen Lichtschächte, welche in den Mantel gebohrt worden waren, allerdings wurde das Sonnenlicht mit Hilfe von Spiegeln und Kollektoren in die Geofront geleitet.

Unterwegs begegneten sie mehreren Gruppen von NERV-Mitarbeitern, die am Rand der Strasse saßen und sie darüber informierten, daß es im ganzen Hauptquartier keinen Strom gab.
Das große Haupttor stand weit offen.
Makoto fuhr direkt hinein, die Korridore waren groß genug, um dies zu erlauben, in einigen konnten ja sogar EVANGELIONs aufrecht gehen. Er fuhr direkt in die Zentrale, deren Haupteingang ebenfalls offenstand, damit wenigstens etwas frische Luft hereinkam, sprang dort aus dem Wagen.

Maya kletterte ebenfalls aus dem Wagen, ihr Gesicht hatte eine grünliche Farbe. Sie würde niemals wieder zu Hyuga in einen Wagen steigen, das schwor sie sich.

Den älteren Mann in Hemdsärmeln, der ihm entgegenkam, erkannte Hyuga beinahe gar nicht, salutierte dann, als er in ihm den stellvertretenden Kommandanten erkannte.
"Sir, in Tokio-3 ist ein Engel aufgetaucht, er benutzt Säure, um sich Zugang zum Zentralen Schacht zu verschaffen!"

Fuyutsuki zuckte zusammen.
"Das hat uns gerade noch gefehlt... - Akagi, wie sieht es bei Ihnen aus?"

"Moment... das erste Problem hätte sich erledigt..."

Gleichzeitig sprangen die Klimaanlage und die Luftumwälzanlage wieder an, versorgten die Brücke mit frische Atemluft, was mehrere der Anwesenden mit Freudenrufen zur Kenntnis nahmen.

"Noch eine halbe Stunde und ich dürfte auch die Beleuchtung wieder in Gang haben."

"Die Notbeleuchtung reicht ersteinmal, Doktor. Mir wurde gerade mitgeteilt, daß ein Engel aufgetaucht ist."

"Scheiße." kam es von Misato, die mit Kaji auf der anderen Seite des Raumes stand.

Fuyutsuki nahm keinen Anstoß an dem Kraftausdruck, war dieser ihm doch selbst durch den Kopf gegangen, als er die Neuigkeit gehört hatte.
"Die EVAs müssen für einen Einsatz vorbereitet werden."

"Sir, ohne Strom funktioniert im Hangar gar nichts. Die Käfige müssen per Hand entriegelt werden, die EntryPlugs müssen manuell einzuführen werden... das ist ein Alptraum!"
Akagi überließ ihr Terminal Maya mit der Anweisung, so viele Systeme wie möglich wieder online zu bringen.
"Und außer Einheit-02 benötigen alle EVAs einen kurzen Energieimpuls, um anzulaufen, quasi als Starthilfe."

"Wir haben noch ein altes dieselbetriebenes Notstromaggregat in Werkstatt 3, reicht das?" fragte Aoba.

"Das sollte ausreichen."

Kaji nickte Aoba zu.
"Lassen Sie es uns holen gehen."

Die anderen, Fuyutsuki an der Spitze, verließen die Brücke und wandten sich in Richtung Hangar, nur Maya blieb zurück. Unterwegs schickte der Subkommandant Makoto nach draußen, um so viele NERV-Angehörige wie möglich zusammenzutrommeln und in den Hangar zu bringen, damit ausreichend Muskelkraft vorhanden war, um die EVAs manuell einsatzbereit zu machen.

"Jetzt fehlen uns nur noch die Kinder", murmelte Misato.

"Die kommen." erklärte Akagi überzeugt. "Wenigstens Rei dürfte jede Minute hier ´reinstolpern. Und wo sie ist, dürfte Shinji nicht weit sein. Und Asuka wird wohl kaum als letzte ankommen wollen."

"Aber dazu müßten sie auch einen Weg nach hier unten haben."

"Hyuga hat einen gefunden, dem Wagen und Mayas Gesichtsausdruck nach war es wahrscheinlich deine Rennstrecke. Mir scheint, du hast als Rennfahrerin Konkurrenz bekommen."

"Was macht dich so sicher, daß Rei herkommt?"

"Sie kann gar nicht anders, es liegt ihr im Blut..."

"Wie meinst du das, Ritsuko?"

"Ikari hat ihr befohlen, bei einem Angriff sofort ins Hauptquartier zu kommen. Und Rei ist nicht in der Lage, Befehle zu ignorieren. Wenn wir einen braven kleinen Soldaten im Team haben, dann ist sie es."
Den letzten Satz sprach sie mit einem traurigen Unterton.


*** NGE ***


Rei stolperte.
Das Gewicht, das sie trug, war zuviel für sie. Mittlerweile schleppte sie ihre beiden Kollegen über die Treppen. Aber wenigstens war Shinji-kun wieder wach und gab sich Mühe, sie zu unterstützen, während Soryu wie ein nasser Sack an ihrer anderen Schulter hing.
Sie hatten den Boden des Treppenschachtes fast erreicht, als Rei den Halt verlor und die letzten Stufen herabpolterten.
Die Taschenlampe erlosch.
Als Knäuel aus Körpern, Armen und Beinen kamen sie unten an, blieben so eine Weile liegen, bis Asuka aufkreischte und in die Höhe schoß.

"Shinji, du verdammter Perverser!"

"Was habe ich denn gemacht?" fragte Shinji müde ohne sich zu rühren.

"Mich zu betatschen! Ich sollte dich..."

"Dann tu es, aber schrei nicht so laut."

"Argh! Okay, dieses eine Mal laß ich dir durchgehen, im Zweifel für den Angeklagten, ja!"

"Schön", murmelte er, ohne die Bedeutung ihrer Worte wirklich zu verstehen. "Rei?"

"Hm?" kam es aus der Dunkelheit neben ihm.

"Ich glaube... ahm... wir sind unten... hast du dich verletzt?"

"Nein. Alles funktionsfähig."
Sie stützte sich auf die Hände auf, stemmte den Oberkörper in die Höhe.

"Ahm... bei mir auch... schätze ich..."

"Hier muß doch irgendwo eine Tür sein!" schimpfte Asuka. "Ah, hier!"

Es knirschte und quietschte, dann fiel ein schwacher Lichtschein in das Treppenhaus.

"So, und jetzt..."
Asuka drehte sich um.
"Was... was macht ihr denn da? Das ist ja obszön!"

Rei lag auf Shinji in einer recht eindeutigen Körperhaltung, nur die Kleidung, die beide immer noch trugen, störte den Eindruck nachhaltig.

"Shinji-kun, was meint sie?"

"Keine Ahnung, Rei-chan. Laßt mich einfach hier liegen."

Rei kletterte umständlich von ihm herunter und setzte sich auf den Boden.
"Nein, niemand bleibt zurück."

Draußen hielt mit quietschenden Reifen ein Fahrzeug.
Makoto, der auf Anweisung Misatos seit über einer Stunde zwischen den verschiedenen Zugängen zur Geofront Patrouille gefahren war, winkte Asuka, die immer noch in der Türöffnung stand, zu.
"Hat hier jemand ein Taxi bestellt?"


*** NGE ***


Diesesmal fuhr Hyuga nonstop bis in den EVA-Hangar.

Staunend beobachteten die drei Teenager, wie die EntryPlugs mit Hilfe dicker Seile von den NERV-Angehörigen manuell über den Steuernerven positioniert wurden. Zwischen schwitzenden und keuchenden Technikern und Wissenschaftlern befanden sich auch die Führungsoffiziere und legten ebenfalls Hand an, sogar der Subkommandant stemmte sich gegen ein Seil.

"Ich habe es doch gesagt", preßte Ritsuko zwischen den Zähnen hervor.

"Alte Besserwisserin!" antwortete Misato. Nach dieser Aktion würde auf die Krankenabteilung einige Arbeit zukommen, denn die wenigstens von ihnen trugen Handschuhe, so daß die Seile sich ungehindert in die Haut eingraben konnten.

"Das ´alt´ nimmst du zurück!"

Misato vergewisserte sich, daß das Seil, an dem sie stand, gesichert war, ehe sie den dreien am Boden zuwinkte.
"Kommt rasch nach oben! Nicht erst umziehen!"

Mittlerweile funktionierten auch die Beleuchtung und die Kommunikationseinrichtungen im Hauptquartier wieder, Maya hatte es sogar geschafft, Kontakt mit den Alarmsensoren am Zentralen Schacht aufzunehmen, so daß sie über das Vordringen des Engels informiert waren.
Demnach stand der Spinnenengel kurz davor, in die Geofront einzudringen!

Die drei Piloten kletterten in die Steuerkapseln, welche sodann weiter herabgelassen wurden, bis sie Kontakt zum Nervensystem der EVAs hatten. Jeder der Piloten war mit einem Headset ausgerüstet worden, da die MAGI-gestützte Kommunikation mit den Systemen der Plugs noch nicht wieder funktionierte.
Misato wies Asuka an, mit einem Start ihrer Systeme zu warten, bis EVA-00 und -01 ebenfalls bereit waren, damit keine Batterieenergie durch Warten verbraucht wurde. Dann wurde das von Kaji und Aoba gebrachte Notstromaggregat angeworfen.

Die Augen der EVAs glühten auf.

"Wir haben keine Zeit für großangelegte Pläne! Jeder von euch rüstet sich mit einem Positronengewehr aus. Dann erwartet ihr den Engel hier in der Geofront!"

Die drei bestätigten, jeder von ihnen froh, nicht selbst laufen zu müssen. In fünf Minuten würde es vorbei sein, dann würden sie entweder den Engel vernichtet haben und konnten sich ausruhen, oder ihnen würde die Energie ausgegangen sein und sie konnten aus nächster Nähe den Weltuntergang miterleben.

Die drei EVAs stampften aus dem Hangar, verfielen im Hauptkorridor in einen Laufschritt, verließen das Hauptquartier.

Draußen wurden sie von zurückgebliebenen NERV-Mitarbeitern mit lauten Rufen empfangen, welche die Decke der Geofront und den Zentralen Schacht im Auge behalten hatten, der fast genau über dem Hauptquartier endete. Fast alle deuteten nach oben, zogen sich dann rasch zurück.

Die drei EVAs blickten nach oben, sie waren der Decke viel näher als die im Vergleich winzigen Menschen, doch zwischen ihren Köpfen und der Höhlendecke war noch jede Menge Luft, selbst wenn sie einander auf die Schultern geklettert wären und eine Leiter gebildet hätten, hätten sie die Decke nicht erreicht.
Das mächtige Panzerschott in der Decke wies erste Risse auf.
Das Metall warf Blasen, beulte sich aus.

"Er kommt!" rief Asuka in das Mikrophon ihres Headsets derart laut, daß jeder, der sie hören konnte, versucht war, sein eigenes Gerät herunterzureißen.

Die drei verteilten sich, brachten ihre Gewehre in Anschlag.

Das Stahlschott gab nach, zerriß wie Papier.
Und durch die entstandene Öffnung seilte sich der Spinnenengel an einem dicken seidigen Faden ab.

"Feuer." flüsterte Rei.

"Warum hast du auf einmal das Kommando?" beschwerte sich Asuka, schoß aber gleichzeitig.

Der erste Treffer ließ das AT-Feld des Engels aufflackern, der zweite ließ es einen Sekundenbruchteil später erlöschen, der dritte traf den Engel voll, setzte ihn in Brand.

Die Riesenspinne stürzte in einer Feuerkugel dem Boden entgegen, stieß ein langgezogenes Kreischen aus.

Erneut schossen die EVAs.

Der Engel explodierte, noch ehe er mit dem Boden in Kontakt kam, die Druckwelle wurde von den EVAs mit ihren eigenen AT-Feldern aufgefangen.

Einen Moment lang waren alle sprachlos.

"Das war alles?" fragte Asuka schließlich. "Dafür sind wir hunderttausend Stufen durch die Dunkelheit herabgelaufen?"

"Uhm... also ich bin zufrieden, daß es nicht länger gedauert hat." murmelte Shinji, während zugleich die Anzeige für die verbliebene batterieenergie noch eine halbe Minute anzeigte.

"Ja, aber das hätte sogar Wondergirl allein geschafft!"

Shinji ließ EVA-01 eine liegende Haltung einnehmen, dann evakuierte er seinen Plug manuell, solange er noch die dazu nötige Energie hatte, und kletterte aus dem EntryPlug.
Sollten sich die Erwachsenen doch darum kümmern, wie der EVA wieder in den Hangar zurückkam, war schließlich nicht das erste Mal.
Er wollte nur noch schlafen...


*** NGE ***


Bevor die Piloten sich ausruhen konnten, mußten sie zunächst einmal an Misato vorbei, die ihnen zu ihrem Sieg gratulierte und sie abends zum Essen einlud, in einem ganz schicken Restaurant - sofern die Aufzüge wieder funktionierten -, wie sie sich ausdrückte.
Dann begann allmählich das LCL auf der Haut einzutrocknen, so daß zumindest Shinji doch erst einmal duschen wollte. Daß auch ihre Alltagskleidung sich mit der LCL-Flüssigkeit vollgesogen hatte, stellte nur bei Asuka ein Problem dar, die keine Ersatzkleidung in ihrem Spind aufbewahrte, allerdings von Misato ein paar Sachen gestellt bekam.

Die Umkleidekabine wurde mittlerweile von einem großen milchigfarbenen Wandschirm geteilt, durch den man schemenhaft die Umrisse von Personen auf der anderen Seite sehen konnte.

Doch auch hierfür hatte Shinji kein Auge, er war einfach zu erschöpft, um auch nur zur Kenntnis zu nehmen, wie Asuka und Rei sich auf der anderen Seite entkleideten - nicht, daß er ohnehin kaum etwas gesehen hätte, er war sogar so müde, daß nicht einmal seine Phantasie in Aktion trat.
Und als er unter der Dusche stand und seine schmerzenden Muskeln sich langsam entkrampften, nahm er die Tatsache, daß neben ihm zwei weitere Duschen ansprangen, auch nur irgendwo im hintersten Winkel seines Bewußtseins zur Kenntnis, ansonsten hätte er mit ziemlicher Sicherheit ganz anders auf die Anwesenheit zweier gutgebauter nackter Mädchen im selben Raum reagiert, als einfach weiterzuduschen und im Anschluß in seinen Teil der Umkleidekabine zurückzutrotten.

Wenn Asuka sich nicht in einem Zustand irgendwo näher dem Schlafen als dem Wachen befunden hätte, wäre es wohl ebenfalls ganz anders ausgegangen, nur definitiv nicht zum Guten. Und falls sie sich später einmal daran erinnern sollte, so behielt sie es jedenfalls für sich, da sie sich nicht sicher sein konnte, ob sie es sich nicht nur eingebildet hatte...

Rei hingegen war es völlig egal, schließlich schliefen sie auch im gleichen Bett.

In einem der Bereitschaftsräume waren Schlafgelegenheiten für die Piloten hergerichtet worden, wobei auch dieser Raum mittels eines Wandschirmes in zwei Hälften geteilt worden war, nur war das Rei völlig egal, als Shinji sich auf das eine Bett auf der rechten Seite der Trennwand legte und sofort einschlief, legte sie sich neben ihn, rollte sich etwas zusammen und fiel ebenfalls sogleich in tiefen Schlaf.

Asuka besah sich das kurz, schüttelte den Kopf und murmelte:
"Obszön..."
Dann ließ sie sich auf eines der beiden anderen Betten fallen und war auch sofort eingeschlafen.


*** NGE ***


Am späten Nachmittag wurden die drei von Misato geweckt, das hieß, Rei war eigentlich schon wach, hatte jedoch keinen Grund zum Aufstehen gesehen, sondern war lieber an Shinjis Seite liegengeblieben und hatte dem regelmäßigen Schlagen seines Herzens gelauscht.
Misato betrat unter Rumpeln und Scheppern den Raum, die Geräusche wurden von dem Rolltisch verursacht, den sie vor sich herschob und auf dem sie den Piloten etwas zu essen und Getränke aus der Kantine brachte.

"Auf, auf, meine Lieben! Die Computer laufen wieder, wir haben wieder Strom und die Getränkeautomaten funktionieren auch wieder!"
Damit schob sie den Wandschirm zur Seite und plazierte den Rolltisch zwischen den beiden belegten Betten, konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken, als sie Rei neben Shinji liegen sah, eine Hand auf seinem Brustkorb.

"Aw, Misato... nicht so laut..." brummte Asuka und vergrub ihren Kopf unter dem Kissen.

Rei setzte sich vorsichtig auf, um Shinji nicht zu wecken.
"Werden wir benötigt, Major?"

"Nein, Rei, keine Sorge. Der Himmel ist klar, die See ist ruhig, kein weiterer Engel in Sicht. Zwei an einem Tag wäre auch wirklich zu viel! So, ich habe hier ein paar Knabbereien für euch, dazu Limonade und Vitaminsaft, mit den besten Empfehlungen von Ritsuko. - Na, Shinji, wieder fit?"

Shinji gähnte, setzte sich auf, legte bei ohne nachdenken einen Arm um Rei, wurde sich dessen einen Augenblick später bewußt, wollte die Hand zurückziehen, wurde aber von ihr daran gehindert.
"Uhm... glaube schon..."
Jetzt spürte er auch seine Beine wieder, nur hatte er das Gefühl, als hätten sich alle Muskeln und Knochen in weichen Pudding aufgelöst.
"Haben wir den Engel erwischt, oder habe ich das nur geträumt?"

"Ihr habt das Vieh abgeschossen, gerade als es sich in die Geofront abseilen wollte."

"Viel zu einfach... keine Herausforderung", kam Asukas Stimme undeutlich unter ihrem Kopfkissen hervor.

"Okay, Asuka, wenn du meinst... du kannst gegen den nächsten Engel ja ohne deinen EVA antreten..." murmelte Misato und seufzte. "Also, Anweisung von Doktor Ritsuko: Ihr sollt viel trinken, um den Flüssigkeitsverlust von eurem Treppensteigen auszugleichen. Und nicht vergessen, heute abend lade ich euch ein!"
Sie verließ den Raum.

Ächzend schob Shinji sich bis zur Bettkante und ließ die Füße hinunterbaumeln. Derart fertig war er selbst nach der aufreibendsten Sportstunde nicht gewesen. Er angelte nach dem Tisch, hatte jedoch nicht genug Reichweite.

Kommentarlos stand Rei auf und griff nach der Platte des Rolltisches.

Asuka peilte unter ihrem Kissen hervor, bemerkte ihren eigenen knurrenden Magen und griff ebenfalls nach dem Tischchen, welches ihrem Bett näher stand als Shinjis.

Einen Moment lang zogen beide Mädchen an dem Tisch, stellten ihre Bemühungen dann ein.

Asuka setzte sich auf, blickte Rei finster an.

Rei hielt dem Blick mühelos stand, aufgrund ihrer körperlichen Besonderheiten mußte sie viel seltener blinzeln als normale Menschen.

Mit einem unterdrückten Knurren brach Asuka das Blickduell ab und griff sich stattdessen zwei Dosen Limonade und ein belegtes Brötchen von dem Tablett auf dem Tisch.

Mit leichtem Mißfallen nahm Rei zur Kenntnis, daß Soryu keine Limonade für Shinji-kun übriggelassen hatte, als sie das Tischchen zu sich heranzog und sich neben Shinji auf die Bettkante setzte.

"Danke, Rei", sagte Shinji und lächelte. Wenigstens seine Gesichtsmuskeln schmerzten nicht... vielleicht hätte er Misato fragen sollen, ob sie nicht irgendwo einen Rollstuhl für ihn auftreiben könnte...
Er angelte nach der Flasche mit Vitaminsaft und füllte zwei Plastikbecher.
"Hier."
Er stellte einen Becher vor Rei und besah sich dann, was Misato noch so gebracht hatte.

Rei ignorierte die mit Wurst und Käse belegten Brötchen und griff in eine Schale mit Reisbällchen.
"Shinji-kun?"
Sie hielt ihm das Reisbällchen unter die Nase.

"Uhm, ja, das sieht gut aus."
Er wollte es ihr aus den Fingern nehmen, doch sie führte es ihm bereits zum Mund.
"Ahm..."
Widerstandslos biß er vorsichtig ab.

"Argh! Ihr beide seid so... kindisch!" schrie Asuka und stürmte aus dem Raum, wobei sie ihre Beute allerdings mitnahm.

"Uh, kindisch?" wiederholte Shinji mit einem Reiskorn an der Lippe. "Wie alt sind wir noch mal?!" Dann fing er an zu lachen, mußte sich die Hand vor den Mund halten, um nicht Reis durch den ganzen Raum zu spucken.
Das tat richtig gut, ihm tat zwar bald vor Lachen der Bauch weh, aber das änderte nichts an der befreienden Wirkung des Lachens.
Und die Tatsache, daß Rei lächelte, gab ihm noch weiteren Auftrieb.
Rei, die ihn nicht im Stich gelassen hatte, als er auf der Treppe nicht mehr weiterkonnte... die ihn getragen und später gestützt hatte, obwohl er - schwach - dagegen protestiert hatte... Rei-chan, die er eigentlich nur noch in den Arm nehmen und nie wieder loslassen wollte...


*** NGE ***


Misato betrat Ritsukos Arbeitszimmer.
Die zahllosen Katzenmotive und -figuren an den Wänden und auf den Regalen und Tischen und sonstigen freien Plätzen nahm sie schon gar nicht mehr wahr.

Akagi hockte zusammengesunken an ihrem Schreibtisch.

Maya, die an einem anderen Schreibtisch mit ihrem Laptop gearbeitet hatte, machte hektische Gesten, Misato sollte Ritsuko nicht wecken.

Misato nickte und beugte sich neben Ritsuko vor, bis sie der Schlafenden ins Gesicht blickte. Ihre alte Freundin wirkte sehr erschöpft, wirklich keine Überraschung, schließlich hatte sie die letzten Tage durchgearbeitet.

Ritsuko murmelte etwas unverständliches im Schlaf.

Misato richtete sich wieder auf, bedeutete Maya, ihr doch auf den Korridor zu folgen.

Draußen schloß sie leise die Tür wieder.
"Also, Maya, seid ihr zu irgendwelchen Erkenntnissen gekommen?"

"Sempai ist sich nicht sicher, vermutet aber einen Zusammenhang zwischen den beiden letzten Angriffen."

"Na, das liegt auch nicht ganz so fern. Der erste Engel legt unsere Computer und damit unsere Abwehr lahm und der andere spaziert einfach durch die Stadt und kommt fast bis zum Hauptquartier, dabei war er vergleichsweise schwach."

"Aber wenn Sie die EVAs nicht manuell startbereit gemacht hätten, wäre der Angriff erfolgreich gewesen."

"Ja, das geht mir auch nicht aus dem Kopf. Und das macht es den MAGI auch nicht einfacher, Prognosen für den nächsten Angriff zu erstellen, oder?"

"Bedaure, Major. Wir müssen jetzt von ganz neuen Kriterien ausgehen."

"Es ist, als würden die Engel neue Taktiken ausprobieren..." murmelte Misato. " Der Zwillingsengel konnte bei seinem synchronen Angriff gestoppt werden, jetzt hatten wir es mit zwei Gegnern in kurzer Folge zu tun, die möglicherweise zusammengearbeitet haben... fragt sich nur, was als nächstes kommt."

"Vielleicht eine Bombardierung von oben?"

"Na, soweit will ich nun doch nicht gehen."


*** NGE ***


Schwankend ging Shinji auf Misatos Wagen zu, der in der NERV-Tiefgarage stand. Auch jetzt fühlten sich seine Beine immer noch an wie aus Gummi.

Rei hielt sich an seiner Seite, so als wollte sie sichergehen, ihn im Notfall auch stützen zu können.

"Kommt ihr auch endlich?" rief Asuka vom Beifahrersitz her. Sie hatte die letzten Stunden genutzt, um sich in Misatos Apartment umzuziehen, und trug jetzt ein gelbes Sommerkleid mit Spaghettiträgern, welches über ihren Knien endete, dazu trug sie noch eine gleichfarbige Schleife im Haar.
"Ich will gar nicht wissen, was ihr beide in der Zwischenzeit alleine angestellt habt!"

Shinji lag die Antwort, sie hätten sich noch ein wenig ausgeruht, auf der Zunge, behielt sie aber für sich, Asuka würde ohnehin eigene Schlüsse ziehen, egal, was er sagte.

"So, alle da?" fragte Misato. "Dann kann´s ja losgehen!"

"In welches Restaurant gehen wir denn?"

Misato lächelte.
"Laß dich überraschen, Asuka!"


*** NGE ***


Das angebliche Edellokal entpuppte sich als eine Nudelküche am Stadtrand mit umfangreicher Speisekarte.

Asuka, welche sich bereits auf ein größeres Menü gefreut hatte, knirschte mit den Zähnen, daß es Misato Angst und Bange wurde, ihre Schutzbefohlene könnte in naher Zukunft ein Gebiß benötigen.

"Ich habe den Laden hier an meinem ersten Tag in Tokio-3 entdeckt. Freundlich, sauber, schnell, gutes Essen... ich meine, was will man denn mehr?" erklärte Misato, nachdem sie ihre Bestellungen aufgegeben hatten und die Bedienung ihnen bereits etwas zu trinken gebracht hatte, und öffnete ihre Bierdose.

"Vielleicht ein Steak", brummte Asuka. "Noch schön blutig."

Rei schüttelte sich innerlich.
"Ich habe keine Einwände bezüglich Ihrer Wahl des Ortes, Major."

"Du kennst es ja auch nicht besser... machst ohnehin alles, was man dir aufträgt", giftete Asuka zurück. "Wenn ihr beide", sie sah von Rei zu Shinji und wieder zurück, "zusammen seid, ist das doch für Shinji die einzige Gelegenheit, die Hosen anzuhaben, oder?"

"Asuka..." setzte Shinji an.

"Na, lieber Shinji, ist es nicht so, hm? Du kommandierst Wondergirl hier sicher doch den ganzen Tag herum und sie ist ganz dankbar dafür, oder?"

"Das stimmt nicht", knurrte Shinji.
Sollte Asuka ihn doch so oft ´runtermachen, wie sie wollte, sein Herz konnte sie damit nicht verletzen. Doch wenn sie Rei-chan mithineinbezog, überschritt sie in seinen Augen eine Grenze, jenseits der sie nichts zu suchen hatte.

"Asuka, hör auf", sagte Misato in kommandierendem Unterton.

"Ja, ja, nimm die beiden ruhig in Schutz. Das ist doch wirklich nicht normal... würde mich nicht wundern, wenn Wondergirl demnächst als Pilot ausfällt, weil Shinji sie geschwängert hat."

"Asuka, das reicht jetzt!"

"Hrmpf."

"Nur zu deiner Information, Soryu, ein solches Szenario ist nicht denkbar." erklärte Rei ruhig.

Stille senkte sich über den Tisch.

Misato war sauer auf Asuka, diese schmollte, daß ihre Mundwinkel beinahe den Boden berührten. Shinji war das ganze nur noch peinlich, Misato hatte es doch nur gut gemeint. Und Rei schließlich verstand nicht ganz, was eigentlich los war - wie sollte Shinji-kun denn imstande sein, sie zu schwängern, wenn sie gar nicht in der Lage war, Kinder zu bekommen? Allerdings hing dies mit ihrer Physiognomie zusammen und unterlag daher der Geheimhaltung. Aber... irrte sie sich, oder war Shinji-kun leicht zusammengezuckt, als sie Soryu gegenüber erklärt hatte, daß das von ihr genannte Szenario nicht möglich war? Was hatte diese Reaktion zu bedeuten?

Das Essen kam.
Die Bedienung war clever genug, die Teller vor ihnen zu plazieren und sich dann wieder aus dem Staub zu machen.

Shinji kostete seine Mahlzeit, fühlte sich veranlaßt, etwas zu sagen, um die Stille zu brechen.
"Das... ah... das schmeckt gut..."

Misato rang sich ein Lächeln ab.
"Freut mich."
Mit einem Seitenblick in Richtung Asuka fügte sie hinzu:
"Ich hoffe, du bist hier neben mir nicht der einzige, dem es schmeckt."

Rei entschied sich, neben Shinji in die Bresche zu springen.
"Sehr wohlschmeckend, Major." erklärte sie knapp.

"Gut... und Rei, das habe ich dir schon gesagt - wenn ich nicht im Dienst bin, genügt Misato vollkommen."

"Ja."

Inzwischen hatte auch Asuka schweigend begonnen zu essen, zog dabei ein Gesicht, als hätte man sie dazu gezwungen.

"Asuka, du mußt das nicht essen, wenn du nicht willst."

"Ich habe aber Hunger, Misato."

"Ah, ja... äh... gut..."
Misato schüttelte den Kopf.
"Wie waren denn eure Prüfungen?"

"Zufriedenstellend", antwortete Rei.

Shinji gab eine etwas weiterausholende Auskunft.

"So, dann bekommt ihr nächste Woche die Ergebnisse... - Und, Asuka, wie ist es bei dir gelaufen?"

Die Rothaarige murmelte etwas mit vollem Mund, das wie "Scheiß-Kanji" klang, es hätte aber auch sein können, daß sie irgendeine Stadt in China meinte.

Misato jedenfalls beschloß, Asuka nicht weiter zu fragen.
"Dann liegt doch auch Ende der Woche der Abschlußball an, oder?"

"Uhm, ja..." murmelte Shinji und senkte den Blick.
Seit der Sache mit dem Zwillingsengel hatte er Rei eigentlich fragen wollen, ob sie ihn nicht begleiten wollte...

"Ich erinnere mich noch an meinen ersten Abschlußball... eigentlich war es auch mein letzter... ein halbes Jahr später stand der Weltuntergang auf dem Kalender und danach war niemandem wirklich nach Feiern zumute... Hm, ist lange her... also, raus mit der Sprache, ihr beiden, geht ihr zusammen hin?"

"Uhm, also... ähm..." druckste Shinji herum.

"Ja." erklärte Rei.

Shinjis Kopf fuhr herum. Er starrte sie an.
Ja...
Sie hatte ´Ja´ gesagt...

"Hrmpf", machte Asuka abfällig.

"Schön!"
Misato lächelte breit.


*** NGE ***


Nach dem Essen fuhr Misato die beiden noch heim.
Asuka konnte sich einen Kommentar über den Zustand der Wohngegend und des Hauses, in dem Rei wohnte, nicht verkneifen, wobei Misato sich insgeheim anschloß, das Viertel schien wirklich schon bessere Zeiten gesehen zu haben, obwohl Tokio-3 noch gar keine so lange existierende Stadt war.

Shinji schleppte sich die Stufen bis in den vierten Stock hinauf, wollte danach ersteinmal keine Treppen mehr sehen. Wie ein Toter fiel er noch komplett angezogen ins Bett, bemerkte weder wirklich, daß Rei ihn nachdenklich ansah, noch daß ihm schließlich seine Sachen bis auf die Unterhose auszog und selbst bei dieser noch nachzudenken schien.
Auch daß sie sich kurz darauf neben ihn legte und die leichte Decke über ihnen ausbreitete, entging ihm größtenteils.

Rei streichelte sanft seine Wange, bemerkte die ersten Anzeichen eines Bartwuchses in Form kurzer feiner Härchen. Ob Shinji-kun mit einem Bart wohl aussah wie sein Vater? Überrascht legte sie die Stirn in Falten, als sie zu der Erkenntnis kam, daß dies nicht der Fall sein würde, der Kommandant und Shinji-kun hatten ganz unterschiedliche Kinnpartien... und irgendwie beruhigte sie diese Erkenntnis...
"Gute Nacht, Shinji-kun..."

Shinji nuschelte etwas, das ebenfalls nach einem Gute-Nacht-Gruß klang.


*** NGE ***


Ritsuko Akagi hatte verschiedene Vorsätze für die nahe Zukunft gefaßt.
Zunächst einmal wollte sie in ihrem Büro ein Feldbett aufstellen, langsam störte es sie, wenigstens einmal die Woche völlig verspannt über ihrem Schreibtisch aufzuwachen. Und dann wollte sie künftig noch stärkeren Kaffee kochen, damit sie es auch auf besagtes Feldbett schaffte, wenn die Müdigkeit sie übermannte.
Maya hatte sie bereits heimgeschickt, ihre Assistentin hatte während ihrer Auszeit gute Vorarbeit geleistet, dennoch wollte sie stichprobenartig die Verzeichnisstrukturen auf den MAGI-Rechnern überprüfen und einige Versuchsläufe starten. Daß es längst weit nach Mitternacht war, entzog sich ihr völlig.

Sie machte sich an die Arbeit...
Und nahm eine gute halbe Stunde später langsam die Finger von der Tastatur ihres Terminals, als sie etwas entdeckte, das nicht hätte dort sein sollen.

"Was zum..."

Auf CASPAR befand sich eine ganze Reihe von Dateien, die sie nie zuvor gesehen hatte.
Bei jeder einzelnen handelte es sich um eine Aufzeichnung der Sicherheitskameras des Hauptquartiers aus dem Jahre 2005. Es waren die kompletten Aufzeichnungen vom Todestag ihrer Mutter...

Ritsukos Hände finden plötzlich an zu zittern.
Eine der Dateien würde ihr die letzten Minuten im Leben ihrer Mutter zeigen, würde ihr die Augenblicke zeigen, ehe Naoko Akagi sich in der Kommandozentrale von der Brückenebene auf die Ebene herabgestürzt hatte, auf der sich damals die MAGI etwa vier Meter tiefer befunden hatten...

Die Aufzeichnungen waren nach Räumen und Zeiten aufgelistet, jede Datei deckte eine Stunde ab.

Wollte sie das wirklich sehen? Wollte sie wirklich sehen, wie ihre Mutter Selbstmord begangen hatte?
Sie hatte nie den Grund herausgefunden, offiziell hatte es geheißen, ihre Mutter hätte unter schweren Depressionen gelitten... und eigentlich war sie damals doch zu NERV gegangen, um mehr über die Umstände ihres Todes herauszufinden...

Wo kamen die Daten eigentlich her?
Ein kurzer Eintrag in der Dateibeschreibung teilte ihr mit, daß sie eigentlich am gleichen Tag, an dem sie abgespeichert worden waren, wieder gelöscht worden waren... dem benutzten Legitimierungscode nach von niemand anderem als von Gendo Ikari...

Ritsuko atmete tief durch.
Warum hatte Gendo die Aufzeichnungen gelöscht? Was hatte er mit dem Tod ihrer Mutter zu tun gehabt?

Und sie startete die erste Aufzeichnung aus den Kommandoraum...

"Mutter..." flüsterte sie mit belegter Stimme, als sie auf dem Bildschirm ihre Mutter sah, wie sie an den MAGI arbeitete. Bei BALTHASAR fehlte die Verkleidung. Ihre Mutter wirkte nicht wie jemand, der unter Depressionen litt, im Gegenteil, sie war voller Elan bei der Arbeit... brachte so jemand sich um?
Ritsuko ließ die Aufzeichnung schnell vorlaufen, am Ende der ersten Stunde wurde automatisch die Wiedergabe der nächsten Stunde gestartet.
Sie sah, wie ihre Mutter die Arbeit an BALTHASAR beendete und einen Techniker anwies, die Verkleidung anzubringen, sah sie kurz den Raum auf der MAGI-Ebene verlassen und kurz darauf auf der Brücken-Ebene wieder betreten, wo sie an einem Terminal weiterarbeitete, sah, wie Triumph auf ihrem Gesicht stand, als die MAGI die Arbeit aufnahmen... als sie den Erfolg ihrer Bemühungen, ihres Lebenswerkes, sah...
Langsam streckte Ritsuko die Hand aus, berührte den Bildschirm mit den Fingerspitzen, während Tränen ihre Sicht verschleierten.

Die nächste Aufzeichnung lief an...

Ritsuko trocknete ihre Tränen mit dem Ärmel ihres Kittels.

Eine weitere Person betrat die Zentrale, ein kleines Mädchen mit blauem Haar und roten Augen...

"Rei..." flüsterte Ritsuko.
Aber das war doch unmöglich... dem Zeitindex nach konnte das nicht Rei sein... der Klon war erst fast über ein Jahr später erstmals aktiviert worden...
Die Aufzeichnung hatte keinen Ton, so daß sie nicht hören konnte, was die beiden sagten.
Doch die Bilder sprachen für sich...
Plötzlich verzerrte sich Naoko Akagis Gesicht vor Zorn, sie schrie das kleine Mädchen an, legte ihm die Hände um den Hals, drückte zu...

Voller Entsetzen beobachtete Ritsuko, wie ihre eigene Mutter das kleine Mädchen erwürgte...
Sie war wie gelähmt. Das konnte doch nicht...
Naoko blickte auf die Leiche herab, dann auf ihre Hände, sah sich verzweifelt um, blickte kurz direkt in die Kamera. Und dann kletterte sie auf die brusthohe Mauer, welche die Brückenebene sichern sollte, und sprang in den Tod.

"Mutter..."
Ritsuko wischte sich wieder über die Augen.
Ihre Mutter hatte Selbstmord begangen, weil sie Rei getötet hatte... es mußte also vor dieser Rei noch einen weiteren funktionsfähigen Klon gegeben haben...

Die Aufzeichnung lief weiter, zeigte, wie ein jüngerer Gendo Ikari die Brücke betrat und mit ausdrucksloser Miene die beiden Toten in Augenschein nahm. Kurz huschte ein Lächeln über sein Gesicht... dann bückte er sich, hob die Leiche des Mädchen auf seine Arme und trug sie hinaus.

Ritsuko stoppte die Wiedergabe, schluckte.
Gendo hatte es gewußt...
Sie mußte ruhig bleiben...

Rasch verglich sie die Zeitindexe, suchte jene Aufzeichnungen heraus, die aus der Stunde des Todes ihrer Mutter stammten.
Der Korridor vor der Zentrale...
Zwei Personen tauchten vor dem Haupteingang auf, Gendo Ikari und Rei... Gendo sagte etwas zu dem Mädchen, welches nickte und dann in der Zentrale verschwand... kurz darauf folgte Gendo ihr... kehrte mit der jetzt toten Rei zurück...

Nach und nach verfolgte sie den Weg, den Gendo mit der Leiche genommen hatte, registrierte mit betäubten Gefühlen, daß er sich der Toten einfach in der Müllverbrennungsanlage entledigt hatte... dann ging sie zurück zu jenem Zeitpunkt, an dem die beiden erstmals auf der Sicherheitsaufzeichnung vor der Zentrale erschienen waren, verfolgte ihren Weg zurück bis in einen nahen Bereitschaftsraum, wo Gendo der kleinen Rei Instruktionen zu geben schien...

Ritsuko lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
Was immer auch Rei gesagte hatte, das ihre Mutter dazu gebracht hatte, sie zu erwürgen, sie hatte es auf Weisung Gendos gesagt...
"Oh, mein Gott..."
Ritsuko schaltete die Aufzeichnung ab, kopierte die relevanten Dateien in ein eigenes Unterverzeichnis, sicherte dieses mit ihrem persönlichen Code, den nicht einmal Gendo kannte.
Gendo...
Ihr wurde übel.
Sie preßte sich die Hand gegen den Mund, rannte aus ihrem Büro auf den Korridor und zur nächsten Toilette, spürte, wie ihr Mageninhalt ihr unaufhaltsam die Speiseröhre hinaufstieg.
Gendo...
Lange stand sie über der Toilettenschüssel, bis sie ganz sicher war, daß auch der letzte Rest an Gallenflüssigkeit ihren Magen verlassen hatte.
Gendo...
Der Mann, der letztendlich die Verantwortung für den Tod ihrer Mutter trug... und sie hatte mit ihm geschlafen...
Erneut mußte sie sich erbrechen, spuckte bittere Galle aus...