38. Regenzeit, und die Wahrheit über den Weißen Mantel

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich diesen Tag noch erlebe, aber nun ist es soweit - Alesias gute Laune gehört der Vergangenheit an. Zehn Tage strammes Marschieren im strömenden Regen haben die ihr eigene Fröhlichkeit und ihren Optimismus weggewaschen, und nun ist sie genau so schweigsam und knurrig, wie der Rest von uns es schon seit Tagen ist.

Vor knapp dreieinhalb Wochen haben wir das Lager der Glänzenden Klinge in der nördlichen Wildnis des Maguuma-Dschungels verlassen, seitdem halten wir uns in Richtung Südwesten, auf den Blutsteinsumpf zu. Unsere lebhaften Diskussionen darüber, was uns dort wohl erwarten mag, sind mit dem Anbruch der Regenzeit einem missgelaunten, mürrischen Schweigen gewichen. Trotz der ununterbrochenen Regengüsse, die den aufheizten Dschungel in derart dichten Nebel hüllen, dass man sich wie in einer Schwitzkammern wähnt, an denen die Zwerge angeblich so viel Gefallen finden, sind wir gut vorangekommen, haben die Mamnoon-Lagune bereits vor vier Tagen hinter uns gelassen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass auch die feindlichen Kreaturen den fortwährenden Regen nicht sonderlich zu schätzen scheinen und sehr viel seltener unseren Weg kreuzen als bisher, so dass wir nicht durch ständige Gefechte aufgehalten werden.

Das schlechte Wetter zerrt an unseren Nerven, lässt uns bei jeder Gelegenheit gereizt aufeinander losgehen. Wir brauchen dringend eine Pause... eine Pause im Trockenen. Meine Füße in den durchgeweichten, dünnen Lederstiefeln sind wund und aufgequollen, und den anderen geht es auch nicht besser. Mehrmals täglich müssen Feanor und Alesia ihre Heilzauber für uns sprechen, damit wir überhaupt weitergehen können. Es ist beinahe unmöglich, ein einigermaßen trockenes Nachtlager zu finden, meist schlagen wir uns ins kaum zu durchdringende Unterholz in der Hoffnung, unter den dichten, hohen Riesenfarnen oder einer großblättrigen Rankenpflanze einen einigermaßen brauchbaren Schutz für die Nacht zu finden. Das Resultat sind durchwachte Nächte auf zwar leidlich regenfreiem, aber dafür unebenem, wurzeldurchzogenen Untergrund, in dem es von Käfern und anderen ekligen Krabbeltieren nur so wimmelt, ohne dass wir dabei jemals wirklich trocken werden, weil die unglaublich hohe Luftfeuchtigkeit dafür sorgt, dass der Stoff und das Leder unserer Rüstungen feucht und klamm bleiben. Selbst unsere Decken sind nass und verströmen einen stechenden, schimmeligen Geruch, und des Nachts, wenn die Hitze des Tages allmählich aus der Luft entweicht, frieren wir erbärmlich. Durch den ständigen starken Regen hat der Dschungel jegliche Faszination für mich verloren, und tagsüber lasse ich oft den wütenden Tränen der Frustration freien Lauf. Warum auch nicht, sie sind ohnehin nicht von den dicken, schweren Regentropfen zu unterscheiden, die ununterbrochen über mein Gesicht strömen.

Die einzige, die noch schlechter gelaunt ist als wir, ist Chili. Meine arme wasserhassende Katze, die ohnehin der Meinung ist, dass Wasser lediglich zum Trinken gut ist und die schon in jeder kleinen Pfütze einen Anschlag auf ihr Leben argwöhnt, dürfte sich inzwischen wohl fragen, wofür bei allen Göttern sie eigentlich bestraft wird. Ihr goldenes Fell mit den dunklen, ringförmigen Tupfen trieft vor Nässe, verdrießlich knurrt und faucht sie jeden an, der ihr zu nahe kommt, selbst mich. Was auch kein Wunder ist, denn ich bin es schließlich, die sie in diese Lage gebracht hat, und das, obwohl ich auf sie aufpassen sollte, darauf achten sollte, dass sie sich wohlfühlt und dass es ihr an nichts fehlt. Zumindest dürfte das ziemlich genau Chilis Sicht der Dinge entsprechen.

Dumpf trotte ich schweigend hinter den anderen her, platsche durch die tiefen Pfützen, die den breiten, kieseligen Weg in eine wahre Seenlandschaft verwandeln, und durch die schmalen, flachen, rasch fließenden Bäche, die der Regen in den Untergrund gewaschen hat. Prasselnde Regentropfen spritzen dicht an dicht in ihnen auf, ohne Unterbrechung, kleinen Fontainen gleich. Ich habe es aufgegeben, ihnen auszuweichen, wozu auch? Ich kann ohnehin nicht mehr nasser werden, als ich es schon bin. Die undurchdringliche Dschungelvegetation um uns herum biegt sich unter der strömenden Nässe, Sturzbäche strömen von den überdimensionalen Blättern und höhlen dort, wo sie niederprasseln, breite, runde Löcher in den Boden. Das Rauschen des Regens in dem dichten, tiefgrünen Blattwerk füllt meine Ohren, bis es schließlich mein Hirn förmlich vibrieren lässt. Die Regentropfen selbst sind zwar eigentlich erstaunlich weich, aber inzwischen, nach all den Tagen, schmerzen sie auf meiner nackten Haut wie Hagelkörner. Götter, wie gern hätte ich jetzt einen Becher heißen Chai und ein warmes, trockenes Bett unter einem festen Dach, mit trockenem Fußboden und trockenen Decken... ich bin normalerweise nicht zimperlich und durchaus zufrieden damit, wochenlang unter den Sternen zu schlafen, aber dieser stetige Dauerregen schafft mich allmählich. Zähneknirschend schiebe ich zum dreihundertsten Mal den Gedanken daran beiseite, wie anders mein Leben jetzt aussehen würde, wenn wir Ascalon nie verlassen hätten - wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte...

Ich werfe einen verstohlenen Blick auf Feanor, der mit ein paar Metern Abstand neben mir durch die Pfützen stapft, den Kopf gesenkt, nur ab und an schaut er auf, um prüfende Blicke in das uns umgebende Unterholz zu werfen. Die mahagonirote Mähne hängt ihm dunkel, nass und schwer um die muskulösen Schultern, sein schmales Gesicht unter den grimmig zusammengezogenen dunklen Brauen ist blass und frustriert – an ihm geht das tagelange Unwetter ebensowenig spurlos vorüber wie an jedem von uns. Seitdem wir das Lager der Glänzenden Klinge in der Wildnis verlassen haben, ist er wie mein Schatten, mehr noch als zuvor. Stets neben oder hinter mir, haut er, wenn wir in Kämpfe verwickelt werden, jedes Ungeheuer in Stücke, das mir näher kommt als ein paar Meter. Dennoch schafft er es, ich weiß nicht wie, dabei nicht aufdringlich zu sein. Wenn ich tief in mich hineinhorche – was ich vielleicht besser vermeiden sollte -, stelle ich fest, dass ich mich mehr und mehr auf ihn verlasse, auf seine Gegenwart, seine Stärke, seine Kampfkraft. Zu sehr vielleicht? Und beunruhigend oft ertappe ich mich dabei, dass ich darüber nachgrüble, was ihm wohl widerfahren sein mag, was für ein trauriges Erlebnis ihn meinen eigenen Kummer so gut nachempfinden lässt. Eines Tages... irgendwann werde ich ihn vielleicht doch danach fragen. Ja, vielleicht.

Vor uns raschelt etwas im Unterholz, etwas Großes, wie es scheint. Aus unserem dumpfen Brüten aufgeschreckt, machen wir uns blitzschnell kampfbereit - Stephan und Feanor ziehen ihre Schwerter, und ich lege in Windeseile einen Pfeil auf die Sehne des Sturmbogens. Ich kann kaum zielen, weil mir ständig Wasser in die Augen läuft, das aus meiner klatschnassen Mähne über mein Gesicht rinnt.

"Nicht schießen! Ich bin ein Freund!"

Mit erhobenen Händen tritt ein mittelgroßer, schmal gebauter Mann aus dem dichten Urwaldgestrüpp hervor, der in das dunkle Braun der Späher der Glänzenden Klinge gekleidet ist, das feste Leder des Brustpanzers seiner Rüstung glänzt vor Nässe. Feanor und Stephan lassen ihre Langschwerter sinken, aber ich behalte meinen Bogen im Anschlag.

"Wer seid Ihr?", blaffe ich. Meinen Sinn für Höflichkeit gegenüber allem, was ich nicht kenne, hat der andauernde Regen irgendwann vor ein paar Tagen in den Dschungel gespült.

"Ich bin Klinge-Späher Yazid - und ich wäre Euch sehr verbunden, wenn Ihr mich nicht erschießen würdet. Seid Ihr Tari Calenardhon?" Ich nicke und grunze eine Bestätigung.

"Ich habe hier auf Euch gewartet, seit Evennias Botenvogel mir Eure Ankunft ankündigte", fährt der Späher daraufhin fort. "Wunderschönes Wetter heute, wie?" Er hebt die flache Hand, wie um den Regen aufzufangen.

Ich stecke meinen Pfeil wieder in den Köcher und wische mir durch meine nassen Haare, erinnere mich mit Mühe an meine guten Umgangsformen und stelle rasch den Rest unseres Trupps vor.

"Könnt Ihr uns sagen, wo wir ein Bad herkriegen und wie wir am schnellsten aus der Sonne rauskommen?", witzelt Stephan mit einem Anflug seines alten Humors.

"Deshalb bin ich hier", entgegnet der Späher mit breitem Grinsen, lässt schneeweiße Zähne in seinem tiefgebräunten Gesicht aufblitzen - wie kann man bei diesem Dreckswetter nur so gut gelaunt sein?!

"Ich zeige Euch eine Abkürzung zu unserem Feldlager am Übergang zum Blutsteinsumpf, die Euch einen Marsch von drei Tagen ersparen wird", fährt er fort und setzt sich in Trab. "Ihr seid früh dran - gut für Euch, dann könnt Ihr noch ein paar Tage trocknen, bevor Ihr dem Weißen Mantel am Blutstein gegenübertreten müsst. Kommt, es ist nicht mehr weit - wenn wir uns beeilen, können wir in zwei Stunden dort sein!"

So schnell es uns auf unseren schmerzenden Füßen möglich ist, folgen wir Yazid, der gut ausgeruht zu sein scheint, einen schmalen Pfad entlang, der sich kaum sichtbar durch das Unterholz schlängelt - ohne seine Hilfe hätten wir ihn niemals gefunden, da er auf unseren Karten nicht verzeichnet ist, obwohl diese von der Glänzenden Klinge selbst stammen. Wir scheinen den Urwald zu verlassen und allmählich wieder in die Trockenzone zu gelangen, denn bald steigt der Pfad steil an, und die dichte Vegetation wird nach und nach spärlicher. Auch der Untergrund verändert sich - die harten, kieseligen Wege, die diesen Teil des Dschungels durchziehen, weichen lehmigem, vom Regen in ein Meer aus dünnflüssigem Matsch und Schlamm verwandeltem Sand.

Ein Fehltritt auf dem steilen, glitschigen Weg lässt mich ausgleiten und flach auf den Bauch stürzen. Vor Schreck einen spitzen Schrei ausstoßend, rutsche ich ein mehrere Meter abwärts. Mit zwei langen Sätzen ist Feanor neben mir, greift unter meine Achseln und zieht mich mit sanft auf die Beine.

"Alles in Ordnung? Hast du dir wehgetan?", fragt er leise. Zögernd lässt er mich los, seine dunklen Augen gleiten besorgt über meine Gestalt und beobachten, wie der allmählich nachlassende Regen den roten Schlamm in die blutigen Schrammen spült, die ich mir bei dem Sturz zugezogen habe, und die nun in brennen wie Feuer.

"Nein, nichts passiert." Ich knirsche hörbar mit den Zähnen, versuche, den beißenden Schmerz zu ignorieren.

"Du bist hart im Nehmen, hm?" Feanor lächelt und murmelt einen leisen Heilzauber. Während sich die Schnitte und Kratzer schließen und der Schmerz vergeht, fällt mir auf, wie gut es tut, endlich einmal wieder jemanden lächeln zu sehen, und spüre das leise, unwillkürliche Zucken meiner eigenen Mundwinkel.

Eine gute Stunde später erreichen wir das ausgedehnte Feldlager der Rebellen, das sich mitten in der hochgelegenen Trockenzone befindet. Endlich sind wir aus dem Regen heraus, die Sonne scheint heiß aus einem blassblauen, wolkenlosen Himmel auf uns herab, und ich würde am liebsten heulen vor Erleichterung. Bis auf einen breiten, saftig grün bewachsenen Streifen mit einem kleinen, saphirblauen Teich darin, der um eine hell sprudelnde Quelle herum aus dem roten Staub leuchtet, ist das Land hier völlig vertrocknet, als habe es seit Jahrzehnten keinen Tropfen Regen gesehen. Tiefe, breite Spalten durchziehen das staubige rote Erdreich, gewaltige Baumwurzeln mit trockener, graubrauner Borke, breit genug, dass man bequem darüberlaufen kann, überbrücken die Abgründe. Hier und dort auf dem Gelände verstreut erheben sich große und kleine flachkuppelige Zelte aus grauem, staubigem Segeltuch, ihre Eingänge sind mit zweigeteilten, dunkelblauen Tüchern verhängt, auf denen das Emblem der Glänzenden Klinge prangt - ein goldener Sonnenkreis, durchbrochen von einem senkrecht stehenden, stilisierten Langschwert. Über allem liegt ein Schleier aus rotem Staub, den der warme, stetige Wind in jede Ritze weht. Das Lager macht einen ziemlich verlassenen Eindruck, nur ganz hinten, am anderen Ende, erkenne ich, dass sich jemand bewegt.

"So, da wären wir", meint Yazid, während wir unsere Blicke über das Feldlager schweifen lassen. "Mit Luxus können wir Euch hier leider nicht dienen, aber Ihr seht nicht so aus, als ob Euch das etwas ausmacht." Er grinst und winkt uns hinter sich her, während er sich energischen Schrittes dorthin aufmacht, wo ich eben jemanden sich habe bewegen sehen. Beim Näherkommen entpuppt sich der Jemand als ein weiterer Späher der Glänzenden Klinge, dem Yazid nun bedeutet, näherzukommen.

"Das ist Klinge-Späher Braden", stellt er den Mann vor, der ebenso schmal gebaut ist wie er selbst. Flüchtig überlege ich, ob Muskeln wohl ein Ausschlußkriterium darstellen, wenn man bei der Glänzenden Klinge als Waldläufer anheuern will. Braden betrachtet uns aufmerksam mit schiefgelegtem Kopf. Er ist ein typischer Krytaner, schwarzhaarig, mit dunkel gebräunter Haut und den dünnlinigen, bläulich-schwarzen Tätowierungen in seinem mageren Gesicht, wie sie in Kryta Brauch sind.

"Ich überlasse Euch nun Bradens Obhut, denn ich muss auf meinen Posten zurück", erklärt Yazid. "Ihr habt noch drei Tage, vielleicht vier, bevor Ihr dem Weißen Mantel am Blutstein begegnen müsst. Das sollte reichen, damit Ihr Euch von den vielen Tagen im Regen erholen könnt. Wir verlassen uns auf Euch", fährt er leise fort, "mit Eurer Hilfe könnte es diesmal endlich gelingen, den Mantel zu stoppen."

Mit einer Mischung aus Neugier, Skepsis und Befriedigung über die Bestätigung meiner eigenen wenig schmeichelhaften Ansichten über den Weißen Mantel blicke ich zu Yazid hinüber, der nun grüßend die Hand hebt und sich zum Gehen wendet.

"Was passiert am Blutstein?", rufe ich ihm hinterher.

"Braden wird Euch alles erklären! Ich muss los!" Damit verschwindet Yazid winkend in der hohen, massiven roten Felsformation, in der sich der gut versteckte Zugang zu diesem Feldlager verbirgt.

"Am besten sucht Ihr Euch erst einmal einen Platz für die Nacht", schlägt Braden vor, nachdem Yazid verschwunden ist, und deutet auf die Zelte. "Ihr habt beinahe die freie Auswahl, da die meisten von uns draußen auf Patrouille sind. Kommt später nach hinten zum Küchenzelt. Dann können wir uns unterhalten und die Wachen für heute Nacht einteilen. Kann jemand von Euch kochen?"

"Ich", meldet sich Alesia und lächelt den schmächtigen Waldläufer liebenswürdig an.

"Sie lügt", knurrt Orion, aber die winzige Andeutung eines Lächelns erhellt sein hübsches, wenn auch immer noch verkniffenes Gesicht.

*************

"Ich nehme das hier." Rasch, bevor mich jemand daran hindern kann, requiriere ich ein kleines Zelt für mich, das so winzig ist, dass es gerade für eine Person genug Platz bietet, und werfe mein Bündel durch die schmale Zeltöffnung. Ich riskiere einen kurzen Blick hinein, bis auf eine ziemlich plattgelegene, leinenbezogene Strohmatratze, die direkt auf dem trockenen, sandigen Boden liegt, ist das Zelt vollkommen leer.

"Tari", sagt Feanor leise. Er steht direkt hinter mir, wie immer.

"Was?" Ich drehe mich zu ihm um, die Arme verteidigungsbereit vor der Brust verschränkt, und gehe eine Wette mit mir selbst ein, dass er mir gleich erklärt, das Alleinsein sei nicht gut für mich.

"Möchtest du das wirklich? Du hast immer noch Albträume. Du brauchst es nicht abzustreiten, ich sehe es doch, beinahe jede Nacht. Ich bin schließlich nicht blind. Willst du wirklich allein sein, wenn du daraus erwachst?" Feanors Brauen sind leicht zusammengezogen, die dunklen, leicht schrägstehenden Augen suchen besorgt meinen Blick.

Schau an, ich habe die Wette gewonnen, wer hätte das gedacht. Natürlich hat er recht, wie ich seufzend vor mir selbst zugeben muss. In den letzten Wochen bin ich aufgrund der Umstände entweder gar nicht richtig zur Ruhe gekommen, oder meine Träume ließen mich nach nur wenigen Stunden aus dem Schlaf schrecken - entsetzliche Albträume voll blutigem Schnee, voller Grauen, Schmerz und hilfloser Verzweiflung, oder wunderschöne Träume von Wärme und Zärtlichkeit, denen Schmerz und Verzweiflung erst nach dem Aufwachen folgten, und ich weiß nicht, welche davon meiner Seele schlimmer zusetzten. Und jedes Mal war es Feanor, der stets die Wache vor meiner übernimmt, der mich daraus weckte, sanft und voller Mitgefühl, aber ohne mir noch einmal die irritierende Nähe und die verführerische Tröstlichkeit seiner Umarmung aufzuzwingen. Zum Glück, denn ein winzigkleiner Teil von mir - ein schwacher, verräterischer Teil, den ich hasse und verachte, aber glücklicherweise fast immer erfolgreich ignorieren kann - hat bereits begonnen, sich zaghaft zu fragen, ob es nicht eine Erleichterung für meine wunde, erschöpfte Seele wäre, sein unausgesprochenes Angebot anzunehmen, mich einfach bei ihm anzulehnen, mich fallenzulassen, mich in seinen Armen auszuweinen, mich von der Wärme seiner Nähe und seiner offenkundigen Zuneigung trösten zu lassen.

"Ich streite es nicht ab", entgegne ich schließlich müde. Ich blicke an ihm vorbei, starre auf die hohen Felsen, die das Lager umgeben. In der sinkenden Sonne glüht das zerklüftete Gestein tiefrot wie flüssige Lava. "Aber ich muss endlich wieder allein sein, Feanor, richtig allein, und wenn es nur für ein paar Stunden ist. Wir alle sind seit drei Monaten ununterbrochen zusammen unterwegs, Tag und Nacht, ohne die Möglichkeit, einander zu entkommen. Ich brauche einfach eine Pause."

"Ich verstehe", antwortet er nach kurzem Schweigen. Ich spüre, dass seine Augen auf mir ruhen, aber ich schaue nicht hin. "Ja, ich verstehe dich, auch wenn ich wünschte, du würdest..." Er bricht ab.

"Ich würde was?", frage ich nach und hebe nun doch meinen Blick zu ihm, doch er schüttelt nur leicht den Kopf, presst kurz die Lippen zusammen.

"Nichts. Wenn du mich brauchst - ich bin immer in deiner Nähe, Tari", erwidert er leise.

"Ich weiß", flüstere ich.

*************

Etwas später sitzen wir vor dem Küchenzelt mit Klinge-Späher Braden und zwei Klinge-Kriegern, deren Rüstungen nur um weniges stabiler wirken als die der Späher, um das hell lodernde, prasselnde Feuer, das winzige glühende Fünkchen in die dunkle Nacht spuckt. Braden hat uns großzügig mit trockenen Decken versorgt, unsere eigenen haben wir zum Auslüften und Trocknen über die flachen Kuppeldächer der Zelte ausgebreitet. Die Sonne ist bereits untergegangen und hat einem samtschwarzen, sternenübersprenkelten Nachthimmel Platz gemacht. Die klare Luft hat sich empfindlich abgekühlt, so dass ich mich nicht wehre, als Feanor mir eine warme Decke aus grobem, dunkelgrauen Filz über die Schultern legt, bevor er sich neben mir niederlässt.

"Was ist das?", frage ich neugierig und deute auf ein halbes Dutzend lange, knüppelähnliche Objekte, die in der Glut des Feuers knistern und die Braden mit Hilfe einer großen, schmiedeeisernen Zange von Zeit zu Zeit wendet.

"Verschlingerschwänze", antwortet er und grinst, als er meine aufgerissenen Augen und meinen angewiderten Gesichtsausdruck sieht. "Eine Spezialität des Maguuma-Dschungels. Dazu gibt's scharfe rote Sauce und gebackene gelbe Wurzeln – eine Delikatesse, das Beste, was diese Gegend zu bieten hat."

"Ihr esst die Schwänze von diesem widerlichen Viehzeug?", vergewissere ich mich ungläubig. Ich blicke in die Runde und bemerke, dass Orion der einzige ist, der ein ähnlich angeekeltes Gesicht zieht wie ich.

"Aber ja", meint Braden und zieht die Verschlingerschwänze nun aus dem Feuer. "Sie schmecken wie Hühnchen. Müsst Ihr unbedingt probieren!"

"Nein danke", würge ich, "ich nehme die Wurzeln. Und ohne scharfe Sauce, bitte."

"Wie kriegst du das bloß runter!" Angewidert rücke ich ein paar Zentimeter von Feanor ab, der seine Portion Verschlingerschwanz gerade in einem Meer aus roter Pfeffersauce badet, der er mit einer Prise seines eigenen canthanischen Chilipulvers noch den letzten Schliff verpasst hat. Meine Augen tränen schon vom Hinsehen.

"Ach, Tari – ich habe schon ganz andere Dinge gegessen, du würdest dich wundern." Zuvorkommend hält er mir mit seinen Eßstäbchen ein Stück unter die Nase. "Bist du sicher, dass du nicht probieren willst? Es ist wirklich gut."

"Uh. Allein beim Gedanken kommt mir das Frühstück wieder hoch, das ich nicht hatte." Ostentativ rücke ich noch ein Stückchen weiter weg. Chili hat offenbar weniger Probleme mit dem Verzehr von Ungeziefer als ich - zufrieden liegt sie im weichen Sand vor dem Feuer und kaut knurpsend auf einem halben Verschlingerschwanz herum.

"Ah, Saidra! Komm rüber, es gibt Essen!", ruft Braden unterdessen und winkt in die tiefen Schatten hinter den Zelten, aus denen sich nun die Gestalt einer großgewachsenen jungen Frau in der Waldläufer-Rüstung der Glänzenden Klinge herausschält. Neugierig mustere ich sie, als sie, kurz grüßend die Hand hebend, mit energischen Schritten zu uns ans Feuer tritt. Das ist also Evennias Schwester - sehr ähnlich sieht sie ihr nicht. Ihr feines Haar ist schulterlang, glatt und fast so dunkelrot wie meines, ihre Gesichtszüge sind klar geschnitten und auf eine eher herbe Weise attraktiv. Fast ein wenig neidisch betrachte ich ihre wohlgeformte, kurvige Figur in der eng sitzenden Rüstung, über der sie ein langes, tailliertes weißes Lederwams trägt - sie würde wohl niemand als 'dürre kleine Katze' bezeichnen... die bewundernden Blicke der Männer sind nicht zu übersehen, selbst Feanor scheint zweimal hinzuschauen. Erstaunlicherweise fühle ich einen winzigen Stich des Ärgers - warum eigentlich? Kann mir doch egal sein! Ungehalten schüttele ich meine Mähne, um den unwillkommenen Gedanken zu vertreiben.

"So", meint sie skeptisch, nachdem wir uns kurz vorgestellt haben, "Ihr seid also die Weißmäntel, in denen meine Schwester zukünftige Verbündete der Glänzenden Klinge sieht." Sie lässt sich neben Braden nieder, greift nach einem Verschlingerschwanz und beginnt, ihn fachgerecht zu zerlegen.

"Wir sind keine Weißmäntel!", schnappe ich ärgerlich.

"Nun, de facto seid Ihr welche", entgegnet sie achselzuckend, während ihre dunklen Augen mich abschätzend sondieren. "Seid Ihr nicht die sogenannten Helden, die den Anführer des Mantels, Beichtvater Dorian, gerettet haben, und die zum Dank dafür von ihm zu 'Rittern des Mantels' erklärt wurden? Hättet Ihr ihn bloß sterben lassen - er ist der Schlimmste von dem ganzen Pack!"

"Wir haben dem Mantel nie getraut", erwidere ich in scharfem Ton, "glaubt es, oder meinetwegen auch nicht. Nachdem wir mit unseren Flüchtlingen in Löwenstein angekommen sind, sind wir da irgendwie... reingerutscht. Die Mäntel haben uns von Anfang an für sich eingespannt, und wenn wir uns geweigert hätten, an ihrer Seite gegen die Untoten zu kämpfen, wären wir nicht mal in die Stadt gelassen worden."

Saidra blickt von ihrem Teller auf. "Mit Euren Flüchtlingen? Seid Ihr aus Ascalon? Habt Ihr den Marsch über die Zittergipfel mitgemacht?"

"Ja, wir sind aus Ascalon... bis auf Feanor, der aus Cantha stammt." Mit erhobener Braue betrachte ich den unverblümt interessierten Blick, mit dem Saidra Feanor von oben bis unten eingehend mustert, doch dann wendet sie sich wieder mir zu.

"Ich habe von der Flucht Eures Volkes gehört", sagt sie. Mir fällt auf, wie tief ihre Stimme ist. "Es muss eine harte Reise gewesen sein. Hattet Ihr viele Verluste zu beklagen?"

"Nicht viele", antworte ich leise. "Aber sehr schwerwiegende." Ich schlucke und senke meinen Blick, schließe die Augen, als mein Herz sich schmerzhaft zusammenkrampft. Fröstelnd ziehe ich die Decke fester um mich und spüre, wie Saidra mich nachdenklich betrachtet.

"Welche Untaten werft Ihr dem Weißen Mantel denn vor", fragt Alesia nun, und ich bin ihr dankbar für den Themenwechsel. "Was tun sie? Warum hat Evennia ihn eine 'mörderische Bande' genannt?"

"Weil er genau das ist", schnaubt Saidra, die klaren Linien ihres Gesichts werden noch eine Spur härter. "Es reicht ihnen nicht, all jene zu unterdrücken, die weiter den Alten Göttern treu dienen und von ihren 'Unsichtbaren' nichts wissen wollen - nein, sie opfern Menschen, um ihre dubiosen neuen Götter zu schützen! Sie verfolgen und ermorden die Auserwählten, weil sie glauben, dass sich die Flammensucher-Prophezeiungen bewahrheiten werden."

"Sie ermorden sie? Das kann nicht Euer Ernst sein! Warum sollten wir Euch so eine Geschichte glauben?!" Alesia, die diejenige von uns war, die am ehesten bereit gewesen ist, an das Gute selbst in den Weißmänteln zu glauben, fallen vor Fassungslosigkeit fast die Augen aus dem Kopf, und auch die anderen ziehen ungläubig die Stirn in Falten.

Saidra heftet ihren Blick auf meine Freundin, strafft ihren Rücken. "Das müsst Ihr gar nicht - Ihr werdet es mit eigenen Augen sehen, in ein paar Tagen am Blutstein." Kampfbereit blickt sie von einem zum anderen. "Denkt Ihr eigentlich auch manchmal nach? Mit Eurem eigenen Gehirn? So zur Abwechslung? Oder seid Ihr nur dumpfe Befehlsempfänger?"

"Jetzt reicht's - das muss ich mir nicht anhören von einer..." Wutentbrannt will ich aufspringen, aber Feanor hakt blitzschnell seinen Arm unter meinen und hält mich fest.

"Nicht, Tari", flüstert er in mein Ohr. "Hör sie doch erstmal an."

"Was soll ich mir anhören?", fauche ich, ohne mich zu bemühen, meine Stimme zu senken. "Wie sie uns beleidigt? Dumpfe Befehlsempfänger?! Willst du das auf dir sitzen lassen, Feanor?" Zornig funkele ich Saidra an, die meinen Blick ohne mit der Wimper zu zucken erwidert. "Sie behauptet, der Mantel ermordet die Auserwählten, und ich habe kein Problem damit, ihr das zu glauben - aber woher sollen wir wissen, ob ihre eigenen Motive so lauter sind, wie sie vorgibt?!"

Die junge Waldläuferin seufzt, ihre Haltung entspannt sich etwas. "Ein Punkt für Euch", gibt sie zu. Die Aggression ist aus ihrer Stimme verschwunden. "Das könnt Ihr tatsächlich nicht wissen, schließlich seid Ihr fremd in Kryta. Das werdet Ihr selbst herausfinden müssen, ebenso wie Ihr" - sie blickt Alesia an, deren zartes Gesicht immer noch ärgerlich gerötet ist - "herausfinden werdet, was der Mantel mit den Auserwählten tut. Überlegt mal", fährt sie fort, während sie ihren Teller beiseite stellt und die Beine ausstreckt, "der Mantel behauptet, die Auserwählten würden zu den Großmeistern im Tempel der Unsichtbaren gebracht, um dort ausgebildet zu werden. Aber kein Auserwählter hat es jemals bis zum Tempel geschafft, keiner wurde jemals wieder gesehen."

"Immerhin heißt es Tempel der Unsichtbaren, nicht?", bemerkt Orion spitz.

"Haha, sehr witzig." Saidra schießt ihm einen ärgerlichen Blick zu. "Macht die Augen auf und seht Euch um. Der Tempel der Unsichtbaren befindet sich an der Südwestküste von Kryta. Es gibt jede Menge gut ausgebauter Straßen, die direkt an seine Tore führen. Doch der Mantel führt die Auserwählten stets in den Maguuma-Dschungel, der doch viel weiter nordwestlich liegt als der Ort, zu dem sie sie angeblich bringen. Fragt Ihr Euch nicht, weshalb?" Nacheinander blickt sie uns alle an, doch niemand spricht ein Wort, gespannt warten wir ab.

"Ich kann Euch den Grund dafür nennen", fährt Saidra schließlich fort, nachdem niemand antwortet. "Der Weiße Mantel bringt sie zum Blutstein und ermordet sie dort kaltblütig. Sie töten die Auserwählten und fangen ihre Seelen in magischen Statuen ein."

"Wie bitte? Sie tun was? Das ist doch völlig absurd! Warum sollte der Mantel das tun?" Alesia schüttelt ungläubig ihren kahlrasierten Kopf.

"Es ist absurd, in der Tat", antwortet Saidra. "In den Flammensucher-Prophezeiungen heißt es, dass sich alle, die das Wahre Gesicht haben, gegen die unsichtbaren Unterdrücker erheben werden. Die vom Mantel glauben nun, das bedeutet, die Auserwählten würden sich gegen ihre Unsichtbaren Götter wenden. Die glauben wirklich, dass wir beabsichtigen, ihre Götter zu töten."

"Das ist unglaublich - wenn es stimmt", wirft Feanor ein. Skepsis klingt in seiner dunklen Stimme mit, was mich nicht verwundert - diese Geschichte ist ja noch viel verrückter, als ich vermutet hatte. "Aber was stellen sie mit den gefangenen Seelen an? Das macht doch keinen Sinn!", setzt er hinzu.
Saidra zuckt bedauernd die Achseln. "Das kann ich Euch wirklich nicht sagen - ich würde es selbst gern herausfinden. Aber ganz gleich, wofür sie sie benutzen, es kann nichts Gutes sein." Sie presst die Lippen zusammen und schüttelt den Kopf.

"Ihr erwähntet eben eine Prophezeiung", hakt Feanor nach. "Was hat es damit auf sich? Ich habe noch nie etwas von einer Prophezeiung gehört, allerdings bin ich auch noch nicht lange in Tyria."

"Die Flammensucher-Prophezeiungen? Pah", Saidra macht eine wegwerfende Handbewegung und schnaubt geringschätzig. "Die sind nichts weiter als das verquaste Gefasel eines längst verstorbenen Wahrsagers. Aber die Ritter vom Weißen Mantel sind davon überzeugt, dass sie den Weg in die Zukunft weisen, sie glauben, das Ende der Welt werde kommen, wenn eine Gruppe von Auserwählten die Gabe des Wahren Gesichts bekommt und sich gegen ihre unsichtbaren Götter erhebt."

"Und die Gabe des Wahren Gesichts ist das, was das Auge von Janthir in den Auserwählten erkannt hat?" Plötzlich wird mir eiskalt, als mir klar wird, was das bedeutet.

"Richtig, so ist es. Damit sieben sie die Leute aus. Das Auge ist ein uraltes magisches Artefakt, niemand weiß, wo es wirklich herstammt - der Mantel behauptet, sie hätten es von den Unsichtbaren Göttern selbst erhalten", antwortet Saidra.

"Und wir haben das getan... wir haben das Auge geführt, haben aktiv dabei mitgeholfen, dass es die künftigen Schlachtopfer des Mantels auswählt", sage ich leise und tonlos. Ich spüre, wie das Blut aus meinem Gesicht weicht und mir flau im Magen wird. "Wenn Eure Schwester und ihre Leute nicht gewesen wären..."

"... dann würden diese harmlosen jungen Leute in ein paar Tagen zusammen mit den Auserwählten aus den anderen krytanischen Provinzen auf dem Blutstein geopfert", führt Saidra meinen Satz zu Ende. Sie legt den Kopf schief und mustert mich, ihre Gesichtszüge werden wieder etwas weicher. "Aber das konntet Ihr unmöglich wissen. Ihr seht nicht so aus, als würdet Ihr eine Mörderbande, die Ihr als das erkannt habt, was sie ist, unterstützen. Tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Ich habe nicht bedacht, dass Ihr fremd in diesem Land seid und kaum eine Ahnung davon haben könnt, was hier vor sich geht."

"Schon gut", murmle ich. "Haben wir überhaupt eine Chance? Wie viele von den Mantel-Schergen werden uns am Blutstein gegenüberstehen?"

"Das kann man nicht vorhersagen", antwortet Saidra. Sie streicht sich gedankenverloren das glatte, fedrige Haar hinter die Ohren. "Wenn wir Glück haben, bleibt ihre Zahl überschaubar - sie haben sich vielleicht daran gewöhnt, dass die Glänzende Klinge nie genug Leute hatte, die ihnen gefährlich werden konnten. Aber dieses Mal wird alles anders - dieses Mal werden wir sie aufhalten! Dieses Mal wird es uns endlich gelingen, die Auserwählten am Blutstein zu retten!" Saidra ballt grimmig die Rechte zur Faust, schlägt auf den Boden neben sich, so dass eine kleine Staubwolke hochwirbelt. Dann steht sie auf, streckt die wohlgeformten Beine.

"Es ist spät, und ich hatte ein paar anstrengende Tage draußen im Feld - ich ziehe mich jetzt zurück", lässt sie uns wissen. "Tari?"

Fragend blicke ich zu ihr hoch, hebe misstrauisch eine Braue.

"Mein nächster Patrouillendienst beginnt erst morgen am Nachmittag. Vorher würde ich mich freuen, Eure prachtvolle Katze in Aktion zu sehen." Sie blickt lächelnd auf Chili, die sich, als wüsste sie genau, dass von ihr die Rede ist, auf die Hinterbacken setzt, einmal laut maunzt und ihr typisches, breites Pirschergrinsen aufsetzt. "Wir könnten zusammen Verschlinger jagen gehen. Wie ist es - wollt Ihr?"

Beinahe gegen meinen Willen muss ich lächeln. "Es wäre mir eine Ehre", entgegne ich und neige höflich den Kopf, woraufhin Saidra uns noch kurz zuwinkt und dann lautlos in der Dunkelheit verschwindet.

"Ihre Schwester hatte schon recht, sie ist wirklich ein Hitzkopf", meint Feanor lächelnd, während er ihr hinterherschaut.

Ich werfe ihm mit erhobenen Brauen einen schiefen Seitenblick zu. "So? Du sagst das so... bewundernd. Gefällt sie dir?"

Er wendet den Kopf, seine dunklen Augen suchen meinen Blick. Er setzt wieder dieses unmerkliche, unergründliche Lächeln auf, das so typisch für ihn ist. "Mir gefällt die Leidenschaft, mit der sie für ihr Volk kämpft", antwortet er.

"Aha", knurre ich und winde ruckartig meinen Arm aus seinem Griff. Bis eben war mir gar nicht aufgefallen, dass er ihn immer noch festgehalten hat.

"Was hat es eigentlich mit diesem Blutstein auf sich", wendet sich Claude unterdessen an den Klinge-Späher Braden, der gerade mit einem langen, dünnen Ast das Feuer schürt, "ist das ein magischer Ort? Wenn dort Seelen eingefangen werden, klingt das für mich nach Todesmagie... so ähnlich wie das, was wir Nekromanten uns zunutze machen, um unsere Feinde zu vernichten."

"Wie, Ihr wisst nichts über die Blutsteine?" Braden reißt ungläubig die Augen auf. "Dann wird es wohl Zeit für eine kurze Geschichtsstunde!" Er nimmt eine etwas bequemere Sitzposition ein, dreht den dünnen Ast in seinen schmalen Fingern hin und her, während er seine Gedanken sammelt. "Also, hört zu. Vor über tausend Jahren, als die Götter selbst noch auf der Erde wandelten, machten sie allen intelligenten Rassen das Geschenk der Magie. Natürlich kam es, wie es kommen musste - Gier, Neid und Missgunst übernahmen das Zepter der Welt, und entsetzliche Kriege entbrannten, die furchtbare Opfer forderten. Doric, der König der Menschen von Tyria... wer König Doric war, wisst Ihr aber, oder?"

Wir nicken - jeder in Ascalon weiß, dass Herzog Barradin in direkter Linie von König Doric abstammt und ihm daher eigentlich der Thron von Ascalon gebührt, doch es wurden Wahlen abgehalten, und das Volk entschied sich für Adelbern, einen strahlenden Helden der Gildenkriege mit Kryta und Orr, die damals tobten. Dessen eigene Verbindung zu Dorics Blutlinie wurde in Ascalon heiß diskutiert, aber ohne konkretes Ergebnis. Oh Götter, verflucht möge er sein, sturköpfiger alter Mann... wenn er nicht so starrsinnig gewesen wäre, würde Rurik noch leben... ich beiße mir auf die Lippen, während Braden weiterspricht.

"Nun, Doric also konnte das Blutvergießen nicht mehr mit ansehen und machte sich auf nach Arah, der herrlichen Stadt der Götter, die in Orr gelegen war, dem nun versunkenen Königreich. Die Götter gewährten König Doric eine Audienz und erhörten sein Flehen um Hilfe - sie sammelten alle Magie wieder ein und schlossen sie in einen gewaltigen Stein, den sie in fünf Teile zerschlugen. In vieren davon ist je eine Form der Magie eingeschlossen: Bewahrung, Zerstörung, Aggression und Ablehnung. Fortan konnte jeder nur noch eine Form von Magie lernen, aber nie mehr alle zusammen. So sind alle Rassen zur Zusammenarbeit gezwungen, um das Potential der Magie voll ausschöpfen zu können." Braden greift nach seiner Wasserflasche und nimmt einen kleinen Schluck.

"Und was ist mit dem fünften Stein?", fragt Feanor, der aufmerksam zugehört hat. Ich muss ihn später fragen, ob ihm dieser Teil der tyrianischen Geschichte überhaupt schon bekannt war.

"Der fünfte Stein", antwortet Braden, "ist der Schlußstein. Ohne ihn ist es unmöglich, die Steine wieder zusammenzusetzen. Nun, die Götter trugen Doric und seinen Nachfahren auf, von nun an die Steine zu hüten und zu beschützen, und versiegelten jeden Stein mit Dorics Blut. Daher stammt die Bezeichnung 'Blutstein'. Danach warfen die Götter die Steine in den Vulkan Abaddons Maul, tief unten im Süden, auf den Feuerinseln. Und tatsächlich, diese Tat der Götter ließ die Reiche der Menschen in einer langen Periode des Friedens aufblühen und gedeihen. Tausend Jahre später jedoch brach der Vulkan aus, die gewaltige Eruption spuckte die Blutsteine aus und verteilte sie auf dem ganzen Kontinent. Dadurch gerieten die Menschen wieder unter den Einfluss der Blutsteine, die Gier und der Machthunger in ihren Herzen wurde erneut entfacht. Zu diesem Zeitpunkt brachen die ersten Gildenkriege aus."

"Das ist noch gar nicht so lange her", meint Alesia nachdenklich, "noch nicht ganz sechzig Jahre. Und einer dieser Blutsteine liegt hier, im Maguuma-Dschungel?"

"So ist es", bestätigt Braden. "Es ist ein unheimlicher Ort, ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke... aber Ihr werdet es ja selbst erleben."

"Weiß man, wo die anderen Steine sind?", fragt Claude, der Bradens Erzählung äußerst interessiert verfolgt hat.

"Es sind nicht alle Orte bekannt", meint Braden. "Einer soll auf den Feuerinseln liegen und ein weiterer in den Zittergipfeln... der vierte befindet sich angeblich in einem gewaltigen Höhlensystem unterhalb der Südküste von Kryta, zu dem man nur vom Funkenschwärmer-Sumpf aus Zugang erlangen kann, zumindest habe ich das gehört. Wo der fünfte Stein ist, weiß niemand."

"Den Göttern sei Dank", murmelt Feanor, "ich wage nicht, mir vorzustellen, was mit der Welt passieren würde, wenn die Steine wieder zusammengesetzt würden."

Schweigend sitzen wir um das langsam ersterbende Feuer herum, jeder hängt seinen Gedanken nach. All die neuen Informationen wirbeln durch meinen Kopf, und vor meinem inneren Auge beginnen mörderische Mantelkrieger, die riesige, schartige Äxte schwingen, eine gnadenlose Jagd auf eine Gruppe schreiender junger Krytaner, hetzen sie im Licht eines aufgeblähten, kränklich-gelben Mondes über einen gewaltigen, runenbedeckten Stein, während Horden von Spinnen und Verschlingern über sie herfallen, bis blutiger Schnee vom Himmel fällt und alles unter sich begräbt... Erschrocken zucke ich zusammen und springe mit einem Ruck auf die Füße, als ich merke, dass ich eingenickt sein muss und mein Kopf dabei gegen Feanors Schulter gefallen ist. Schnell trete ich ein paar Schritte zurück und klopfe mir den Staub von den Beinen, während das Blut mit beißendem Kribbeln in meine eingeschlafenen Füße zurückkehrt.

"Ich glaube, ich sollte schlafengehen", konstatiere ich leise, fahre mit den Fingern durch meine Mähne und werfe einen Blick in die Runde. Das Feuer ist beinahe vollständig erloschen und glimmt nur noch schwach in der Dunkelheit. Alesia und Orion sind schon gar nicht mehr da, ebensowenig Klinge-Späher Braden. Stephan sehe ich im Hintergrund stehen, er hat die erste Wache, und Claude kritzelt gedankenverloren mit einem kleinen Stöckchen irgendwelche kryptischen Zeichen in den weichen, roten Sand.

"Wie lange habe ich geschlafen?", frage ich Feanor, während wir uns durch die Dunkelheit unseren Weg zu den Zelten bahnen. "Warum hast du mich nicht geweckt?"

"Ich habe es nicht übers Herz gebracht", antwortet er leise. "Du hast so wenig geschlafen in letzter Zeit – viel zu wenig. Es war auch nicht lange, eine Stunde vielleicht. Warum hätte ich dich wecken sollen – um dir zu sagen, dass es Zeit ist, schlafen zu gehen?"

Vor meinem kleinen Zelt bleiben wir schließlich stehen. Ich werfe Feanor einen kurzen Blick zu, das Sternenlicht glänzt in seinen großen, schrägstehenden Augen, schimmert auf den hoch gewölbten Muskeln seiner Arme und seiner Brust, und übergießt sein dichtes, langes Haar mit einem rötlichen Schimmer wie aus flüssigen Rubinen. "Gute Nacht", murmle ich. "Weck mich zur letzten Wache, ja?" Damit krieche ich durch den mit Tüchern verhängten Eingang, rolle mich auf der Strohmatratze in meine herrlich trockene Filzdecke und rücke beiseite, um für Chili Platz zu machen. Fest entschlossen, in dieser Nacht nichts zu träumen, schlafe ich schließlich ein, froh, im Trockenen zu sein, froh, allein zu sein - und doch traurig genau darüber, dass ich allein bin und es immer bleiben werde.

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