A/N: Da wir heute alle was Besseres zu tun haben - zum Beispiel die Sonnenfinsternis beobachten - fasse ich mich kurz. Ich wünsche euch gute Unterhaltung beim heutigen Kapitel, das direkt an das von letzter Woche anknüpft! Und vielen herzlichen Dank an diejenigen, die sich getraut haben, mir ein Review zu hinterlassen... ich schätze es sehr, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Liebe Grüße, Mo


36. Reden hilft.

Harry und Ginny begleiteten ihn zu seinem Schlafzimmer, und die junge Frau steckte ihn ohne Umschweife in seinen Pyjama und schickte ihn energisch ins Bett. Sie war wirklich die Tochter ihrer Mutter, dachte Severus matt und kroch unter die Decken. Während Harry das Zimmer verließ, zog Ginny den Stuhl heran und setzte sich.

„Wie lang geht das schon so?" fragte sie schließlich ruhig, nachdem sie ihn eine Weile schweigend gemustert hatte. Der forschende Blick ihrer braunen Augen schien sich förmlich in ihn hinein zu bohren, und er versuchte vergeblich ihm auszuweichen. „Eine Weile", gestand er schließlich widerwillig.

„Seit Sie den Somnias-Sirup weglassen", stellte Ginny in sachlichem Ton fest, und er nickte widerstrebend.

Sie hatte natürlich Recht. Ohne das starke Schlafmittel war an Nachtruhe, die diese Bezeichnung auch wirklich verdiente, nicht mehr zu denken. Die Entzugserscheinungen ließen die Träume außerdem sehr viel lebendiger und wirklicher erscheinen, darauf hatte ihn ein Gespräch mit Monica Lupin schon vorbereitet. Doch er hatte sich der stillen Hoffnung hingegeben, das würde sich nach ein paar Tagen wieder normalisieren. Bisher hatte es das nicht. Im Gegenteil. Es war schlimmer geworden.

Erschöpft rieb er sich die Augen, doch Ginny griff nach seiner Hand und zog sie sanft zur Seite. „Davon wird es auch nicht besser, glauben Sie mir, Sir. Haben Sie Kopfschmerzen?" Er brachte ein leichtes Nicken zustande.

„Dacht ich mir schon beinahe."

Erleichtert spürte er ihre kühle Hand auf seiner Stirn, was den Schmerz ein wenig einzudämmen schien. Ganz behutsam begannen ihre Finger seine Schläfen zu massieren, und er schloss aufatmend die Augen.

„Entspannen Sie sich", hörte er ihre leise Stimme, „ruhen Sie sich einfach aus, das wird schon wieder. Den Entzug müssen Sie jetzt leider erst mal durchstehen, und soviel ich weiß, ist das Zeug ziemlich heftig. Aber danach wird´s besser. Sie schaffen das, da bin ich mir sicher."

Das Hämmern in seinem Kopf legte sich nur sehr langsam und machte einem dumpfen Druck Platz, der leider kaum leichter zu ertragen war. Stöhnend drehte er sich auf den Bauch und presste das Gesicht in die Kissen.

„Ganz locker bleiben, Professor. Lassen Sie sich helfen."

Geübte Hände strichen über Nacken, Schultern, Rücken, und fanden zielsicher die verspannten Muskelpartien. Erstaunt bemerkte Severus, dass es ihm inzwischen nicht mehr so viel ausmachte, selbst wenn jemand ihn ohne Vorwarnung berührte. Das hatte er Grangers freundlicher Hartnäckigkeit zu verdanken, die sich nicht hatte entmutigen lassen. Stück für Stück, Abend für Abend hatte sie ihm ein bisschen mehr die Angst genommen und ihm mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen beigebracht, wie ein normaler Mensch zu fühlen. Etwas, worauf er überhaupt nicht mehr zu hoffen gewagt hatte.

Die Massage zeigte nach einer gefühlten Ewigkeit erste Erfolge: zusammen mit den Verspannungen im Nacken lösten sich auch die Kopfschmerzen langsam auf. Zurück blieb nur ein leichtes Schwindelgefühl. Die Bewegungen von Ginnys Fingern wurden leichter, sanfter, und schließlich blieben ihre angenehm warmen Hände still auf seinen Schultern liegen. Er spürte vage, wie er ganz langsam eindöste, wie die Wirklichkeit verschwamm und sich in seltsam wabernden Mustern auflöste. Es war ihm egal. Er brauchte Ruhe. Er musste schlafen.

Als er hochfuhr und keuchend nach seinem Zauberstab tastete, war Ginny Weasley noch immer da. Mit leiser Stimme versuchte sie ihn zu beruhigen, doch ihre Worte drangen nicht zu ihm durch. Eine massive Wand aus Panik trennte sie von ihm. Erst als sie ihn kurzerhand in ihre Arme zog und ihn fest an sich drückte, realisierte er wirklich, wo er war. Zitternd verharrte er in ihrer Umarmung, spürte eine Hand, die über sein Haar streichelte, und wollte nichts lieber, als sich einfach bis in alle Ewigkeit festhalten zu lassen.

„Schon gut", murmelte sie tröstend, „alles in Ordnung, Sir, Sie haben nur geträumt."

„Nein, habe ich nicht", flüsterte er atemlos, die Stirn gegen ihre Schulter gepresst. „Das gerade war kein Traum. Nicht… nicht dieses Mal. Er ist zurück… Voldemort!"

Ein paar Sekunden herrschte absolute Stille. Dann hörte er die junge Frau scharf Luft holen. „Wie kommen Sie darauf?" Ihre Stimme klang ruhig und beherrscht, aber er fühlte die unterschwellige Angst, die sich dahinter verbarg. Ihre Arme schlossen sich unbewusst ein wenig fester um ihn.

„Das Dunkle Mal", sagte er völlig aufgelöst, „ich habe es gespürt. Es hat gebrannt, genau wie früher. Er ist wieder da."

Ganz deutlich hatte er den brennenden Schmerz in seinem linken Unterarm gefühlt; das hatte ihn aufgeweckt. Der Dunkle Lord rief seine Getreuen erneut zusammen – und sie alle wussten, dass er ein Verräter war. Klar, eindeutig und nicht zu leugnen. Jeder wusste es.

Es war Severus klar, was das für ihn bedeutete. Diesmal gab es für ihn kein Entkommen und keine Chance zu überleben. Nicht wirklich. Nicht für längere Zeit. Voldemort würde ihn finden; und selbst wenn es ihm gelang unterzutauchen, würde das Dunkle Mal genügen, um ihn zu bestrafen. Irgendwann, wenn sie die Folter aus der Ferne nicht mehr aushielten, kehrten sie alle reumütig zu ihrem Herrn zurück und gingen damit unweigerlich in den Tod. Karkaroff war der Beweis dafür. Er hatte es versucht. Und wie weit war er gekommen?

Die ganze Zeit, die Severus nun in der Gesellschaft der Mitglieder des Phönixordens verbracht hatte, war er sich nicht sicher gewesen, ob er überhaupt bereit für ein neues Leben auf der Seite des Lichts war. Doch jetzt, wo er die Möglichkeit auf genau dieses Leben bedroht sah, wusste er plötzlich, wie sehr er bereits daran hing. Dass er große Angst davor hatte, es wieder zu verlieren. Endgültig.

Er wollte sich nicht mehr verstecken müssen. Nicht mehr lügen. Nicht mehr weglaufen. Er hatte genug getan.

Ginnys Brust hob und senkte sich, als sie tief durchatmete. „Okay, beruhigen Sie sich erst mal", sagte sie leise, „und dann gehen wir der Sache auf den Grund. Wenn es wirklich so ist, müssen die anderen sofort davon erfahren. Also, sind Sie sich ganz sicher?"

Severus nickte, immer noch zitternd. „Es hat mich geweckt, gerade eben. Er ruft die Todesser zu sich, Miss Weasley."

Ginny Weasley war jung, hübsch, talentiert, freundlich, energisch, und sie erinnerte ihn auf eine gewisse Art sehr an Lily. Doch eines war Ginny auf keinen Fall: naiv. Für ihre knapp siebzehn Jahre hatte sie schon eine Menge Lebenserfahrung gesammelt, das merkte er jetzt wieder ganz deutlich, als sie sich in sachlichem Ton erkundigte: „Vor seiner letzten Rückkehr ist das Mal mit der Zeit immer dunkler geworden, richtig? War das in der letzten Zeit auch so?"

Verblüfft hob er den Kopf, befreite sich zögernd aus ihren Armen und starrte die junge Frau an. „Nein… nicht dass ich wüsste."

Langsam nickte sie, ohne ihren Blick von ihm abzuwenden. „Müsste es aber, oder nicht? – Gut. Dann sehen wir uns das mal an. Darf ich?" Fragend wies sie auf seinen Arm, und er nickte ergeben. Ginny ergriff sanft seine Hand, schob den Ärmel hoch und fasste das Dunkle Mal kritisch ins Auge. „Es müsste schwarz sein, stimmt´s? Zumindest, wenn er noch da wäre. Wenn er es noch dazu aktiviert hätte, müsste es irgendwie… ich weiß es nicht genau, aber es müsste aussehen, als würde es glühen, oder nicht? Ein dunkles Rot vielleicht?"

Ein winziges Lächeln lag auf ihrem Gesicht, und sie strich behutsam mit den Fingerspitzen über das eingebrannte Zeichen. „Es verblasst, Professor", meinte sie sanft und beruhigend. „In ein paar Monaten wird es vielleicht nicht mal mehr zu sehen sein. Sie müssen sich keine Sorgen machen, okay? Er wird nicht zurückkommen. Es war wirklich nur ein Albtraum. Sehen Sie?"

Ungläubig warf Severus einen Blick auf das Mal. Tatsächlich war es ebenso unscharf und verwischt wie noch am Morgen. Nichts deutete darauf hin, dass seine dunkle Magie wieder erwacht sein könnte. Hatte er sich wirklich von einem Traum täuschen lassen?

„Es… es war so real. Ich… es tut mir leid, Miss Weasley."

Das Mädchen lächelte ihm verständnisvoll zu. „Hey, Sie müssen sich nicht entschuldigen, okay? Mo meinte, die Träume könnten eine Weile viel realistischer werden, weil Sie das Schlafmittel abgesetzt haben. Wir haben uns darüber unterhalten, und ich hab ihr versprochen, ein bisschen auf Sie aufzupassen. Und nicht nur ich, Sir. Jeder von uns. Sie müssen das nicht allein durchstehen."

Ginnys Finger strichen immer noch sanft über das Zeichen Voldemorts, und ganz langsam drang die Wahrheit in sein Bewusstsein: es war ein Traum gewesen, Voldemort war tot und würde nicht zurückkehren. Die Welt war sicher. Er war sicher. Er würde leben.

Die Erleichterung schlug wie eine gewaltige Welle über ihm zusammen, spülte Angst und Zweifel davon – und zusammen mit ihnen auch den Rest an Beherrschung, über den er noch verfügte.

„Ich kann nicht mehr, Ginny", flüsterte er und lehnte sich haltsuchend an das junge Mädchen. „Ich bin so müde…"

Tränen stiegen ihm in die Augen, doch ihm fehlte die Kraft, um sie zurückzudrängen. Ungehindert rannen sie in hellen Spuren über seine Wangen, während Ginny ihn schweigend wieder in die Arme schloss. Völlig erschöpft ließ er sich von ihr festhalten. Sie war da. Er war nicht allein, und alles andere war unwichtig.

„Sie brauchen Hilfe", sagte sie schließlich leise, „ich weiß ziemlich genau, wie es Ihnen geht. Sie sind nicht der Einzige, dem dieser Krieg Albträume beschert hat, glauben Sie mir. Die haben wir alle."

Severus konnte nicht antworten. Doch er klammerte sich an jedes ihrer Worte, an den Klang ihrer Stimme, während sie weitersprach. „Es war am Anfang des letzten Schuljahres alles ziemlich schrecklich für mich. Als Harry, Ron und Hermine unterwegs waren, wissen Sie. Ich hatte solche Angst um sie alle. Und um meine Familie. Und nach der Schlacht… ich konnte oft nicht länger als eine Stunde schlafen, bis ich wieder voller Panik aufgewacht bin. Ich habe allen möglichen Mist geträumt, habe die Kämpfe ständig wieder und wieder erlebt und Leute sterben sehen. Ich habe ihre Schreie gehört, laut und deutlich, als würd ich direkt neben ihnen stehen. Ich habe tausende Male gesehen, wie Schulkameraden und Freunde aus dem Orden von Flüchen getroffen wurden… Kennen Sie sicher."

Er nickte, das tränennasse Gesicht fest gegen Ginnys Schulter gepresst, und sie schlang in einer beschützenden Geste ihre Arme etwas enger um ihn. Lily tauchte vor seinem inneren Auge auf – Lily Evans, die ihn vor unendlich vielen Jahren genau so gehalten hatte, dort in Godric's Hollow, als er sich ihr anvertraut und ihr erzählt hatte, was passiert war.

Damals.

Es schien Hunderte von Jahren her zu sein, und trotzdem fühlte es sich jetzt, in diesem Moment, wieder genau gleich an. Sein Schmerz, seine Angst, seine Verzweiflung und seine absolute Erschöpfung – und doch war da zur gleichen Zeit jemand, der ihm Halt gab und ihn tröstete… und einfach nur für ihn da war. Sich um ihn sorgte, nicht aus irgendwelchen taktischen Gründen oder aus Pflichtgefühl, sondern einfach nur… weil.

Weil er Angst hatte. Weil er Hilfe brauchte. Weil es für diese junge Frau absolut nicht in Frage kam, ihn in dieser Situation allein zu lassen. Weil sie ganz genau wusste, wie er sich fühlte. Aus eigener Erfahrung.

Ginny Weasley war da. Einfach nur seinetwegen. Es… tat unglaublich gut.

„Aber ich wache nie allein auf", sprach der Rotschopf in sanftem, nachdenklichem Ton weiter. „Da hab ich´s echt gut. Es ist immer jemand für mich da. Mum, Dad, meine Brüder, Luna, Hermine, und natürlich Harry. Ich kann jederzeit mit jemandem reden. Mit Leuten, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Die verstehen, was mir Angst macht, ohne dass ich es lange erklären muss, weil sie ganz Ähnliches durchmachen. Die nicht stundenlang selber reden, sondern einfach auch mal nur zuhören. Oder manchmal mit mir zusammen schweigend da sitzen. Dadurch verlieren die Träume nach und nach ihren Schrecken. Sie brauchen jemanden, dem Sie vertrauen, Professor. Jemanden, mit dem Sie reden können. Es wird niemals besser werden, wenn Sie ständig alles verdrängen. Das macht es nur noch schlimmer."

Sie nahm ihn noch fester in die Arme, strich ihm übers Haar und hielt ihn einfach an sich gedrückt. „Ich weiß", fuhr sie ruhig fort, „Vertrauen ist nicht so leicht für jemanden wie Sie, nach all den Jahren. Vielleicht genügt es für den Anfang ja auch, wenn Sie alles aufschreiben. Aber das wird nicht auf Dauer helfen."

Sie seufzte leise. „Wissen Sie, Sir, Sie haben aber auch ein echtes Talent dafür, sich jedes Mal vorzudrängeln und Hier zu rufen, wenn das Schicksal mal wieder ein fieses Problem zu verschenken hat, oder?"

Treffender hätte man es nicht ausdrücken können.

Severus konnte nicht anders: er musste lachen, während weiterhin Tränen unaufhaltsam über sein Gesicht liefen. „Da könnten Sie Recht haben… vielleicht sollte ich mich einfach hinten anstellen, anstatt jedes Mal eine Anzeige aufzugeben: Suche dringend weiteren Ärger."

„Es wär zumindest einen Versuch wert, ja." Er hörte sie ebenfalls leise auflachen. „Geht´s Ihnen jetzt etwas besser?"

„Ein wenig. Danke."

Er löste sich ein wenig widerstrebend aus ihrer Umarmung und verkroch sich unter die Bettdecken. Ginny lächelte mitfühlend und griff nach seiner Hand. „Ich würde sagen, Sie sollten noch ein paar Stunden schlafen. Keine Sorge, ich pass auf Sie auf und weck Sie beim nächsten Traum. Okay? Und wenn Sie mal jemanden zum Reden brauchen, können Sie jederzeit zu mir kommen. Ich bin ohnehin immer im Haus. Sie können mich einfach aus dem Bett werfen, wenn irgendwas ist. Ehrlich, Professor. – So, und jetzt versuchen Sie sich zu beruhigen, ja? Heute Nacht werden Sie nicht allein sein. Ich bleib bei Ihnen. Alles in Ordnung. Ruhen Sie sich aus. Wir kriegen das hin, versprochen."

Ihre Nähe, ihre tröstenden Worte, ihre sanften Hände, die ihm die Tränen von den Wangen wischten – das alles erinnerte ihn wieder an Lily. Bei ihr hatte er sich ebenso sicher gefühlt wie jetzt. Seine Augen brannten, und er empfand nichts mehr außer einer bleiernen Müdigkeit, die ihn unerbittlich aus der Realität heraus und in einen verwirrenden Strudel aus Dunkelheit und Wärme zog. Hinein in eine sanft pulsierende Aura aus Sicherheit, Geborgenheit und Fürsorge.

„Sie sind ihr sehr ähnlich", murmelte er, während ihm langsam die Augen zufielen, „Lily..."

„Schon wieder ein Kompliment?" Er hörte das Lächeln aus ihrer Frage heraus. „Langsam machen Sie mir Angst."