31.
„Oh, Besuch, wie schön", freute Anke sich. „Das ist ja eine Überraschung, Rokko. Mit dir hätte ich nun wirklich nicht gerechnet." – „Wieso denn nicht?", fragte Rokko. „Setz dich doch", bat Anke. „Wie geht's dir?", wollte Rokko wissen. „Gut… naja… besser als gestern. Was führt dich zu mir?" – „Ach, ich war gerade in der Nähe und dachte, ich bringe dir die Bilder von der Show vorbei." Lächelnd überreichte Rokko der Schwangeren einen großen Briefumschlag. „Ach so… weil du gerade in der Nähe bist", grinste Anke. „Ist Hao gar nicht da?", wechselte Rokko sich ertappt fühlend das Thema. „Den habe ich gerade nach Hause geschickt – erstens weil er mal wieder duschen und schlafen müsste und zweitens weil er mich mit seiner Fürsorge wahnsinnig macht." – „Verständlicherweise", gab Rokko zu bedenken. „Ja, verständlicherweise", lächelte Anke. „Trotzdem… wenn das schlimmste eintritt, kann er sowieso nichts tun." Sias Schwägerin blätterte durch die Bilder. „Muss ja eine Wahnsinnsshow gewesen sein", kommentierte sie. „Schade, dass ich nicht dabei sein konnte." – Ja, sehr schade", murmelte Rokko zu r Tür sehend. „Du musst nicht hier bleiben", erklärte Anke ihm. „Ich weiß. Ich wollte dich doch aber besuchen." – „Ich finde ja, es wirkt so, als wärst du in der Uni gewesen, hättest Sia nicht angetroffen, hättest gedacht, sie wäre hier und bist vorbeigekommen." – „Nein, so ist es wirklich nicht", widersprach Rokko. „Sie hat mir gestern von deinem Zustand erzählt und ich wollte dir wirklich die Fotos vorbeibringen." – „Aber es wäre schöner, wenn Sia auch hier wäre, oder?", schlussfolgerte Anke. „Ja, irgendwie schon. Hat sie dir erzählt, was los war?" – „Nein. Sie war vorhin kurz hier. Sie war so übertrieben fröhlich. Irgendetwas ist doch, oder?" – „Es hat da ein Missverständnis zwischen uns gegeben", gestand Rokko zerknirscht. „Habt ihr schon miteinander geredet?" – „Nein, noch nicht." – „Dann müsst ihr das bald tun." Anke tätschelte kurz Rokkos Hand, die auf ihrem Krankenhausbett lag. „Ganz bald, ja? Versprich es." – „Ganz, ganz bald", versprach Rokko. „Wir haben Sia nämlich alle sehr gerne und wir müssen dir leider sehr, sehr wehtun, wenn du sie unglücklich machst", grinste Anke ihn an. „Oh, klingt furchtbar", stieg er in ihren Scherz ein. „Sei froh, dass noch keine Kürbissaison ist. Shufeng hat diese ausgeklügelte Wurftechnik… Wenn Amnesty International davon wüsste…", lachte Anke.
Nachdenklich verließ Rokko das Krankenhaus. Er hatte über eine Stunde bei Anke verbracht und sie trotz seiner eigenen Laune zum Lachen gebracht. Dafür hatte sie sich sogar bei ihm bedankt. Nur Sia war nicht aufgetaucht. „Hey!", grüßte eine Stimme ihn. „Hey", grüßte Rokko zurück. Er hätte beinahe nicht aufgesehen, als sich die zu der Stimme gehörende Frau aber vor ihm aufbaute, blieb Rokko nichts anderes übrig. „Was... Sia!", erkannte er seine Freundin dann aber. „Ja, ich bin's", erwiderte die junge Frau. „Ich war gerade bei Anke", erklärte Rokko. „Das ist schön. Darüber hat sie sich bestimmt gefreut." – „Sia, wegen gestern… ich... also… es war alles ganz anders. Du bist…" – „Ich will das nicht hören", stellte Sia mit fester Stimme klar. „Aber wie soll ich dir denn dann alles erklären?", fragte Rokko hilflos. „Gar nicht. Da gibt es ja auch nicht viel zu erklären, wenn du ehrlich bist. Lisa hat sich öffentlich dazu bekannt, dass sie dich liebt. Du wolltest sie einmal heiraten und…" – „Das ist lange her. Ich liebe dich", versicherte Rokko ihr. „Hat Lisa dir das nicht auch immer gesagt? Weil sie es für aussichtslos hielt, dass David sich mal in sie verlieben würde. Du hast selbst gesagt, dass sie dich benutzt hat. Und jetzt machst du das gleiche mit mir. Ich will aber nicht dein Rokko sein. Ich will einfach kein Notnagel sein." – „Aber Sia, das…" – „Ich fahre übermorgen nach Stratford. Ich will, dass du hier bleibst. Du weißt, dass ich vier Wochen bleibe. Du wirst diese Zeit nutzen, um dir klar zu werden, was oder vielmehr, wen du willst – mich oder Lisa." – „Das kann ich dir jetzt schon sagen." – „Du musst erst in Ruhe darüber nachdenken. Ich wünsche dir einen schönen Sommer." Sia ging an Rokko vorbei und hechtete ins Krankenhaus.
„Ich kann Brighton jetzt aber nicht mehr absagen", redete Lisa auf Loretta ein. „Er hat mir schon gemailt. Er wollte wissen, was für Wetter wir haben, damit er das richtige einpacken kann. Loretta, bitte, wir können den Jungen nicht enttäuschen." – „Wir?", hakte die Angesprochene nach. „Wir? Weil WIR ihn eingestellt haben, können WIR ihn nicht enttäuschen? Lisa, ehrlich, es ist genau dieser Wesenszug an dir, den du gestern hättest zeigen müssen, bevor du Rokkos Beziehung sprengst." – „Ja, ich habe einen Fehler gemacht", seufzte Lisa genervt. „Weißt du, wie es ist, wenn man glaubt, an seinen Gefühlen zu ersticken?" – „Ja, ich denke, dass ich dir das nachempfinden kann", gab Loretta in dem gleichen genervten Tonfall zurück. „Bloß wie du es in die Welt hinausposaunen musstest", seufzte sie dann. „Okay, das war daneben, das weiß ich jetzt auch. Ich wollte mich ja bei Rokko entschuldigen, aber der geht mir schon den ganzen Tag aus dem Weg." – „Kannst du ihm das verübeln? Sia war wirklich fertig, als ich sie nach Hause gefahren habe." – „Sie muss ja nun auch nicht gleich übertreiben. Sie hat ja nur das halbe Gespräch gehört." – „Solange du das ganze Gespräch gehört hast…" – „Ja, das habe ich. Aber Rokko war nicht so klar und deutlich wie ihr alle glaubt. Er konnte mir nicht einmal sagen, was an seine Freundin besser ist als an mir." – „Du malst dir Chancen aus?", fragte Loretta überrascht. „Ja, das tue ich. Er hat gezögert und gestammelt. Wenn du mich fragst, muss er sich erst noch bewusst werden, wen er wirklich liebt." – „Lisa, nur weil das bei David funktioniert hat…" Loretta brach ab, nahm sich innerlich aber fest vor, mit Rokko über Lisas These zu sprechen. „Was den AuPair-Jungen betrifft. Stell diesen Brighton von mir aus an. Sag mir aber, wann er ankommt. Ich komme dann mit zum Flughafen – als Begrüßungskomitee der transsexuellen Art", wechselte sie dann das Thema. „Okay, gut. Aber lass Marie-France Zuhause. Der arme Junge kriegt sonst ein Trauma für's Leben", lachte Lisa. „Ich rufe dann gleich mal die Agentur an." Gut gelaunt verließ sie dann das Büro ihres Ex-Mannes.
„Rokko? Rokko, bist du da? Ich habe uns Pizza mitgebracht! Vom Lieferdienst, nicht aus der Kühltruhe." Loretta beugte sich runter und knuddelte Thea, die Schwanz wedelnd auf sie zu gerannt kam. „Wo ist denn dein Herrchen?", fragte Loretta den Hund. „Stures Tier", lachte sie. „Gibst mir einfach keine Antwort." Sie kickte ihre Schuhe in eine Ecke und rief erneut nach ihrem Mitbewohner. „Rokko! Rokko? Oh je", murmelte Loretta zu sich selbst.
„Rokko?", fragte Loretta ihren Kopf in das Zimmer des Werbefachmannes steckend. „Hey! Memo an mich: Wenn ich dich das nächste Mal suche, gucke ich als erstes in dein Zimmer. Was ist denn los mit dir?" Mitleidig musterte sie Rokko, der auf seinem Bett lag und die Wand anstarrte. „Nicht viel", murmelte er leise. „Ach herrje, haben wir unseren theatralischen Abend heute?" – „Sia will nicht, dass ich mit nach Stratford komme." – „Oh", entfuhr es Loretta überrascht. „Aber sie weiß doch, wie sehr du dich auf deinen Urlaub mit ihr freust." – „Ja, das weiß sie. Weißt du, wie sich das angefühlt hat, als sie mir erklärt hat, dass ich hier bleiben soll?" Loretta setzte sich auf den Fußboden vor Rokkos Bett und legte einen Arm um ihren Mitbewohner. „Nein, wie?" – „Wie damals, als Lars zur Delphintherapie durfte - nach Florida. Ich war damals gerade am Anfang der Pubertät… du weißt schon, wenn aus Kinder kleine Monster werden. Wenn es plötzlich wichtig ist, dass deine Brotbüchse nicht von Aldi, sondern von Tupperware ist, wenn die Jeans plötzlich von einer bestimmten Marke sein muss…" – „Ja, ich bin im Bilde", stoppte Loretta den Redefluss ihres Mitbewohners. „Ich durfte nicht mit nach Florida. Dabei hatte ich mich schon darauf gefreut. Es ging einfach nicht – finanziell. Heute verstehe ich das, aber damals war ich todunglücklich darüber. Heute habe ich mich genauso gefühlt wie damals. Als würde ein Traum zerplatzen. Ich weiß genau, dass das blöd ist, weil Stratford ja nicht wegläuft und ich sicher irgendwann mal hinfahren werde." – „Ach Rokko, natürlich fährst du irgendwann mal hin", versuchte Loretta ihn zu trösten. „Wieso… also… will Sia nicht mehr, dass du mitkommst, weil ihr euch… naja… getrennt habe?", tastete sie sich vorsichtig vor. „Ich weiß es nicht", seufzte Rokko. „Sie will, dass ich die Zeit nutze, um herauszufinden, wie ich wirklich für sie und wie für Lisa empfinde." – „Aha. Und du hast ihr nicht gleich gesagt, dass du nur sie liebst?" – „Ich wollte, aber sie hat mich nicht gelassen. Sie hat etwas sehr Interessantes gesagt. Sie hat gesagt, dass sie nicht mein Rokko sein will." – „Hä?" – „Der Notnagel. Du weißt schon, dass ich nur bei ihr bleibe, weil sie mich liebt." – „So wie Lisa das damals mit dir gemacht hat?" Rokko nickte schwach. „Wusstest du, dass Hugo Britta damals nach Samoa zu diesem… diesem… Thomas, genau, der hieß Thomas, Thomas Pietsch. Er hat sie zu ihm geschickt. Da waren sie in diesem Zwischenstadium zwischen Affäre und richtiger Beziehung. Sie sollte sich bewusst werden, wie sie für Thomas empfindet. Und du weißt, was daraus geworden ist." – „Jep, sie ist vor ein Auto gelaufen." – „Alter Schwarzseher. Ja, sie hatte diesen Unfall, aber vorher war Hugo sehr glücklich mit ihr." Loretta streichelte Rokko durch die braunen Locken. „Komm erstmal, ich habe Pizza mitgebracht." – „Ich habe keinen Appetit." – „Oh, wunderbar, er geht der Frage, welche Frau den Weg an seine Seite finden soll, mit einem Hungerstreik aus dem Weg", lachte die Transsexuelle. „Hältst du Sias Entscheidung eigentlich für richtig?", wollte Rokko plötzlich wissen. „Was ich denke, ist eher unwesentlich." – „Ich frage dich aber als Freundin", drängte Rokko erneut. „Nun, ich denke, dass sowohl Sia als auch du Gewissheit braucht. Ich glaube, dass Sias Entscheidung nicht ganz verkehrt ist. Du solltest deinen Urlaub wirklich nutzen, um mal gründlich über dich und die Frauen in deinem Leben nachzudenken." – „Hat nicht eine der Frauen in meinem Leben gerade von Pizza gesprochen?", grinste Rokko. „Hm. Willst du jetzt doch etwas essen?" – „Nein, aber du solltest das, bevor sie kalt wird."
