Ausgangssperre

„Sie nehmen den Trank das Wochenende über dreimal täglich.", endete Severus mit seinen Ausführungen über den Heiltrank, den er Remus hatte machen müssen. Das mit der Hand war selbst für Poppy zu schwarze Magie gewesen. Wenn das wirklich aus Rache geschehen war, weil er Draco hatte helfen wollen, dann würde Remus da wohl noch mehr erwarten. Sowas Kindisches aber auch…

„Danke, Severus.", seufzte Remus und steckte die Phiolen in seine Umhangtasche. Hoffentlich war da nicht plötzlich ein Loch drin, durch das er das Zeug verlieren würde. Die Blutung hatte gestoppt, aber bis die Verletzung zuwachsen würde, mussten noch einige Tage vergehen.

„Finden Sie den Übeltäter lieber schnell, Lupin.", sagte Snape und ging auf Remus zu, um ihn aus dem Büro zu schieben. „Das könnte sonst noch schlimm enden und das wollen wir ja nicht."

Remus lächelte Snape an, als seien sie die besten Freunde und er würde sich ernsthaft Sorgen machen. „Danke, ich denke, das werde ich schon hinbekommen.", sagte er und trat in den Kerker, wo er prompt angerempelt wurde. „Huch, nicht so hastig, meine Damen.", gluckste er und stellte Astoria Greengrass wieder auf die Füße, als sie sich verzweifelt an Remus Umhang festklammerte um nicht auf den Boden zu fallen. Er ignorierte, dass sie sich die kleinen Hände an den Enden ihrer weißen Bluse abwischte und lächelte sie an, als das blonde Mädchen abfällig zu ihm hochsah.

„Professor, ich…", fing sie an.

„Entschuldigen Sie sich woanders bei Professor Lupin, als vor meiner Tür, Miss Greengrass.", kam Snapes ölige Stimme von hinten und Remus schauderte fast, als er den Atem des Tränkemeisters in den Nacken bekam.

„Was? Woher wissen Sie…" Astoria schaute sich zu ihrer Freundin um und räusperte sich dann. „Bitte, ich… Es tut uns wirklich furchtbar Leid mit Ihrer Hand, Sir. Lassen Sie Gnade vor Recht gelten…", flehte Astoria fast, aber das galt mehr Snape, als Remus, der doch ziemlich geschockt da stand und sich weiter von Snape in den Nacken atmen ließ.

Sie kam freiwillig um sich zu entschuldigen? Das hätte sie dann aber nicht vor Snape tun sollen… oder sie ging der falschen Annahme nach, das Snape schon wusste, das sie an der brennenden Wunde auf Remus Hand schuld war. Aber was hatte sie dann… Vielleicht Draco? Das würde er sicher nicht tun, nein…

„Sie waren das?" Snape schob sich an Remus vorbei und schaute auf seine Schülerin herunter.

„Wir…", murmelte Astoria und deutete hinter sich auf ihre Freundin, Avery, die ihr einen verärgerten Blick zu warf. Typisch Slytherin. Bloß nicht für den anderen in die Bresche springen.

„Was haben Sie sich dabei gedacht? Eine Schande für Ihr Haus, Miss Greengrass, Miss Avery.", zischte Snape und war wohl einfach nur enttäuscht, dass sie so stümperhaft vorgegangen waren. Sonst würde er sich nicht so verraten.

„Wieso bitte habt ihr das getan?", fragte Remus und schüttelte enttäuscht den Kopf. Er konnte sich natürlich denken warum und wusste es auch, aber wie sah es aus, wenn er breittrat, das er sich ganz genau hatte denken können, wer an der Verstümmelung seiner Hand beteiligt war.

„Schieben Sie es einfach nicht Draco in die Schuhe!", quietschte die kleine Greengrass und ein paar Tränen traten in ihre dunkelblauen Kulleraugen. Sie musste Draco wirklich gern haben und der zeigte leider mehr Interesse an seinem Lehrer. Falsch war das und Remus sollte da mal mit Draco drüber reden. Er hatte die Beiden ja schon zusammen gesehen und sie schienen sich verstanden zu haben. Draco sollte jemanden in seinem Alter mögen…

Wenn er seinen Lehrer überhaupt mochte. Sehr sicher war sich Remus da immer noch nicht. Es könnte eine Phase sein. Teenager die etwas ausprobieren wollten oder Gefühle verwechselten. Vielleicht war er wichtig für Draco, aber eben nicht in romantischer Hinsicht. 

Draco wollte einfach nur eine kurze Phase ausleben und es graute Remus schon vor dem Tag, an dem sein Schüler das bemerken würde und ihm nicht mehr in die Augen schauen konnte. Wenn er das überhaupt mal können würde…

„Draco? Warum sollte ich das Mr. Malfoy in die Schuhe schieben?", fragte Remus, während Snape schon die dunklen Augen zu Schlitzen verengte und wahrscheinlich mal ein Gespräch über das neuerdings äußerst merkwürdige Verhalten seines Lieblingsschülers führen wollen würde. Minerva und den anderen Lehrern war das neuartige Engagement auch schon aufgefallen und Draco Malfoys kleine Wandlung war ein krasses Thema gewesen…

„Sie behandeln ihn eh schon total unfair!", fauchte Astoria und benahm sich fast so schlimm, wie in seinem Unterricht, obwohl ihr Hauslehrer nur wenige Zentimeter von ihr entfernt stand.

„Da muss ich widersprechen. Keiner meiner Schüler erhält eine ungerechte Behandlung.", sagte Remus und wandte sich zu Snape um. „Möchten Sie die Bestrafung Ihrer Schüler übernehmen, Severus?"

„Das hatte ich vor, ja.", sagte Snape gedehnt und musterte Remus aus den Augenwinkeln. „Sie sollten sich wohl eh schonen, Lupin. Wo Mr. Malfoy ohnehin so oft… länger bleiben muss. Aber ich denke, Miss Greengrass und Miss Avery werden Ihnen trotzdem bei dem Korrigieren Ihrer Arbeiten helfen. Auch wenn das nicht die einzige Bestrafung sein wird." Snape wandte sich seinen beiden Schülerinnen zu. „Sie können von Glück sagen, das Sie nicht von der Schule fliegen.", sagte er demonstrativ und Remus schüttelte leicht den Kopf.

„Ich denke, das kriege ich alleine doch besser hin.", sagte Remus und lächelte leicht.

„Oh, hatten Sie am Ende schon Hilfe, Lupin?", wandte Snape sich wieder an ihn. „Mr. Malfoy sollte auch noch andere Sachen tun, nicht wahr?"

Die beiden Mädchen kicherten, aber Remus ignorierte das einfach und schloss einen längeren Moment die Augen. Snape konnte es einfach nicht sein lassen und Remus hoffte einfach, er dachte in die Richtung, die Remus vermutete und nicht in die richtige.

„Diktieren liegt mir nun einmal nicht, Severus.", sagte Remus. „Und ich bin mir sicher, dass Sie das Richtige tun werden. Den Schulleiter werden wir wohl nicht informieren müssen, nicht wahr?"

Snape zog eine Augenbraue hoch und nickte knapp. „In mein Büro.", sagte er scharf und bauschte seinen Umhang auf, als er sich auf den Absätzen umdrehte und zurück in den dunklen Raum schlurfte. Remus bekam noch einen bösen Blick von den beiden Mädchen zu sehen und seufzte, als die Tür fast zugeknallt wurde.

Womit hatte er das verdient?


Die nächtliche Patrouille tat immer gut. Remus mochte es durch das, hoffentlich, menschenleere Schloss zu gehen und hier und da den Ruf einer Eule zu hören. Seine Schritte hallten von den Wänden wieder und sonst war nur das Schnarchen der Portraits zu hören. Ein kühler Hauch wehte durch die Korridore und ließ Remus frösteln. Die Wandteppiche waren zu schwer um zu flattern, aber Remus Robe war dünn und bauschte sich Snapemäßig hinter ihm auf.

Ein beklemmendes Gefühl breitete sich in seinem Brustkorb aus und er schaute über die Schulter. Das Bedürfnis schneller zu laufen unterdrückte er und schallt sich für seinen Verfolgungswahn. Ihn würde hier schon niemand anspringen und ein Messer mitten ins Herz rammen. Das waren immer noch Schüler und auch wenn Slytherins zu eigenartigen und sehr fiesen Methoden neigten würden sie sowas nicht tun.

Remus wollte trotzdem nicht daran denken, was dieses Maul noch mit ihm angestellt hätte, wenn er nicht so schnell reagiert hatte. Er war aber auch naiv gewesen… Nicht das er Moody Konkurrenz machen wollte, aber er hätte den Brief ja vorher überprüfen können. Aber wer dachte auch schon an sowas wie ein Attentat.

„Remus?"

Die blauen Augen erschrocken geweitet schlug Remus sich lautstark eine Hand auf die Brust und fühlte das schnell schlagende Herz. Heilige… Er schloss die Augen und atmete einmal tief durch, bevor er sich auf den Absätzen umdrehte und direkt in die stahlgrauen Augen von Draco sah. Bis der den Blick schnell senkte.

Verfolgte der ihn?

„Ihre Patrouille ist in den Kerkern, wenn ich mich recht entsinne, Mr. Malfoy.", sagte Remus und drehte sich um.

„Ich wollte nur schnell…", fing der Vertrauensschüler an und trippelte Remus nach um dann neben ihm zu gehen. „Was macht deine Hand?" Er griff blitzschnell nach Remus bandagierter Hand und begutachtete den Verband misstrauisch. Es schien ihm nicht gut genug zu sein und er schnaubte verächtlich.

„Es geht schon.", sagte Remus und wollte seinen Schüler die Hand entziehen, aber der ließ sie nicht los. „Draco, hier kann jeden Moment jemand kommen und was soll man denken, wenn du meine Hand hältst?"

Die hellen Brauen zogen sich fest zusammen und fast wehmütig wagte Draco einen Blick auf das Kinn seines Lehrers, bevor er sich auf die Unterlippe biss und Remus Hand losließ. Der ballte schnell die Hand zur Faust um das warme Gefühl, das sich selbst durch den Verband geschlichen hatte, zu ignorieren, aber er vergaß dabei die Verletzung und sog zischend Luft durch die Vorderzähne.

„Alles okay?", fragte Draco besorgt und warf einen schnellen Blick zu den Bildern, die kurz davor waren wach zu werden. „Gehen wir doch ein Stück."

Remus kniff die Augen zusammen und hätte Draco am liebsten weggeschickt. Er mochte es alleine im Schloss herum zu wandern, wenn die Schüler in den Betten waren und da gehörte Draco eigentlich auch hin. Es gab nur leider nicht genug Lehrer, die kurz nach der Ausgangssperre durch die Korridore liefen.

„Solltest du nicht im Bett sein?", versuchte Remus es trotzdem.

„Wieso denn?", fragte Draco verwirrt, während er nicht genug von Remus Seitenprofil zu bekommen schien. Verklärt lächelte sein Schüler und Remus war sein Aufzug schon wieder ungewohnt peinlich. Musste… Musste er trotzdem so liebevoll angesehen werden? Das war er doch gar nicht wert und auch Draco würde das eines Tages verstehen.

„Ist nicht morgen das Spiel gegen Ravenclaw?", fragte Remus und seufzte, bevor er um eine Ecke bog. Draco musste seine Schritte beschleunigen um bei den langen Beinen seines Lehrers mithalten zu können. Das schien ihm aber nichts auszumachen und er lachte fast vergnügt und so… gar nicht wie Draco Malfoy lachen sollte.

„Ich freu mich schon! Das erste Spiel der Saison.", sagte Draco und lächelte breit. „Alle werden sie mich um meinen Nimbus 3000 beneiden." Er wartete einen Moment und schien zu hoffen, das Remus etwas sagte, aber es störte ihn auch nicht, als sein Lehrer nur lächelte. „Das ist der beste Besen, den es je gab!" Ob Draco nicht wusste, das Remus diesen Satz noch gut in Erinnerung hatte? „Damit wird die Nimbus Racing Broom Company erneut die Marktführung an sich reißen. Dann ist der Feuerblitz weg vom Fenster und Potter sieht alt aus!", fuhr Draco fort und lachte triumphierend. „Potter sollte den Feuerblitz zu Kleinholz verarbeiten!"

„Das wird er nie tun…", sagte Remus und seufzte.

Draco warf ihm einen bösen Blick zu. „Wieso?", zischte er fast. „Er ist doch reich. Soll er sich einfach einen neuen leisten! Oder konnte er nicht mit seinem Gold umgehen?"

„Ich habe es für ihn verwaltet, bis er elf Jahre alt war.", sagte Remus und Draco klappte der Kiefer fast bis auf den Boden. Abrupt blieb er stehen und musterte seinen Lehrer, der selbst 

keine Ahnung hatte, warum er das nach so vielen Jahren ausgerechnet Harrys Erzfeind auf die Nase band.

„Du?" Draco musterte Remus. „Aber… warum…"

„Ich hätte mich nie an Harrys Gold vergriffen, nur weil ich damals schon nicht viel hatte.", gluckste Remus und winkte ab. „Es ist nicht wichtig. Er weiß es selber nicht und ich bitte dich, das für dich zu behalten."

„Wieso weiß er das denn nicht? Vielleicht würdest du eine Abfindung bekommen.", sagte Draco und ging seinem Lehrer wieder nach.

„Es ging dabei nie ums Gold.", sagte Remus und lächelte Draco an. „Ich kannte seine Eltern und es war selbstverständlich, das ich dafür sorge, das ihr Erbe richtig angelegt ist, damit Harry davon profitiert."

Draco schien das absolut nicht verstehen zu können und Remus schüttelte resignierend den Kopf, bevor er den Slytherin anlächelte.

„Er… kann sich ja trotzdem einen neuen Besen besorgen.", sagte Draco und schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein.

„Niemals.", sagte Remus und lächelte jetzt eher traurig. „Harry verbindet so viel mit diesem Besen und solange er ihm gute Dienste tut wird er ihn fliegen. Vielleicht kauft er sich einmal einen neuen, aber den Feuerblitz wird er trotzdem nicht weggeben."

„Wa…rum?", schien Draco absolut nicht nachvollziehen zu können, warum man etwas als Erinnerung behalten sollte.

„Wenn deine Mutter dir etwas schenkt, dann gibst du das doch nicht irgendwann weg?", gab Remus ihm ein Beispiel, das bewusst nicht auf Dracos Vater bezogen war.

„Wenn es irgendwann ein besseres Modell davon gibt." Draco zuckte mit den Schultern. „Natürlich."

Remus nickte bedächtig. Hätte er sich ja denken können. Für einen Malfoy war das sentimentales Zeug und… „Moment.", sagte Remus und griff in seine Tasche. „Dein Taschentuch. Danke dir nochmal." Er reichte Draco das seidige Tuch und beobachtete einen Moment, wie der das nachdenklich durch die Finger gleiten ließ.

„Du kannst es… behalten…", sagte er und lächelte Remus schüchtern an, bevor er beide Hände ausstreckte und Remus das Taschentuch hinhielt, während er dessen Lederschuhe musterte.

„Das musst du nicht tun, Draco. Es ist gewaschen, keine Sorge.", sagte Remus, der sich eine ganze Weile damit herum gequält hatte, das Blut zu entfernen. Wenn Malfoy jetzt wieder…

„Nein, ich würde… Ich schenke es dir.", sagte Draco und biss sich auf die Unterlippe, während er Remus von unten anschaute. „Dann hebst du es auf, oder?"

Remus gluckste und lächelte, während er Draco das Taschentuch wieder abnahm und in seine Tasche steckte. Vielleicht hatte er ja schon ein bisschen verstanden, warum Harry den Feuerblitz nie weggeben würde, auch wenn Draco nicht wusste, das der ein Geschenk von Sirius, Harrys Paten, gewesen war. Remus wäre ziemlich zufrieden, wenn Draco sich etwas in der Art denken würde und sehr zufrieden, wenn Draco es nachvollziehen konnte.

„Du gehst jetzt besser wieder runter.", sagte Remus, als sie die Große Treppe erreichten. Er legte eine Hand auf Dracos Schulter und zauberte ihm so ein unglaubliches Lächeln ins blasse Gesicht. „Ich wünsch dir viel Glück morgen."

Erwartungsvoll stellte Draco sich auf die Zehenspitzen, aber Remus winkte nur lächelnd und verschwand dann zügigen Schrittes im dunkler werdenden Korridor.