Der Racheengel

Kapitel 36

Sie stellte keinerlei Fragen, warum er sie wann mit hin nahm, sie fragte auch nicht nach, wer ihn sonst noch begleitete, wohin es ging oder was sie dort erwarten würde. Nicht, dass es ihr egal wäre…oh, nein, gewiss nicht, aber es erschien ihr in diesem Moment noch relativ unwichtig…zumindest vorerst. Im Augenblick.

Aber sie war aufmerksam, scannte fast schon ihre Umgebung ab und war sehr wachsam. Sie vertraute ihm nicht, noch vertraute sie seinen anderen Begleitern. Sicher war sicher.

Er nannte es…Dienstreise. Wahrscheinlich war es das auch wohl…zumindest in gewisser Hinsicht. Staatsreise traf es wohl eher!

Sie flogen nach Chandrila, Alderaan und Corellia. Nicht weit weg,…im Vergleich zu anderen Planeten. Im Vergleich zu Naboo oder Tatooine. Als es zurück nachhause gehen sollte, hatte er plötzlich andere Pläne. Er entließ seine Begleiter und Berater, zumindest fast alle, um das Wochenende auf Hesperidium zu verbringen. Dem Urlaubsmond von Coruscant.

Sie hatte bisher nur von diesem Mond gehört, vielleicht sogar das ein oder andere Holo darüber gesehen, doch war sie nie dort gewesen.

Als Jüngste und als eine der wenigen Unverheirateten fiel das Los seiner Begleitung auf sie. Und auf Kinman Doriana. Eine Absicht vermutete sie nicht dahinter…zumindest keine, die sie interessierte. Pestage hatte sie doch sogar vorgewarnt, dass Palpatine, wenn er jemanden Neues im Stab hatte, diesen erst einmal überall hin mitschlürrte und erst einmal mit allen nur erdenklichen Dingen konfrontierte, um denjenigen zu testen.

Was auch immer er damit bezwecken möchte…


Hesperidium, Freitagabend

Es war bereits dunkel und somit schon etwas später, als sie mit einem Shuttle Hesperidium erreichten und noch etwas später, als sie endlich seine Villa betraten. Sie hatte von den Gerüchten gehört, dass der Imperator hier eine Villa für seine Konkubinen unterhielt. Doch wenn dem so war, musste es sich um eine andere Villa handeln, denn hier gab es keine andere Frauen bis auf ein oder zwei im Personal!

Außerdem,…natürlich hatte sie schon die ein oder andere extrem mit Schmuck behängte Frau in seinem Gefolge ausgemacht,…und sie wusste auch, dass es sich bei diesen Frauen um Konkubinen handelte, doch seltsamerweise oder…wie auch immer…er hielt sich fern von ihnen…zumindest in der Öffentlichkeit. Sie musste zugeben, dass sie ‚Konkubinen' lediglich auf einigen Festivitäten gesichtet hatte, aber nicht in seinen Privaträumlichkeiten…oder gar in der Bibliothek. Die höfische Gesellschaft auf jeden Fall nahm diese Frauen einfach hin. Es wurde getuschelt, getratscht,…aber das interessierte sie nicht. Das war seine Sache!

Die Villa war nicht allzu groß, aber immer noch viel zu groß für sie. Sie lag weit außerhalb jedweder Ortschaft und wurde streng bewacht. Während unten der Salon, Büroräume und andere Zimmer lagen, waren oben sein Bereich und die Gästezimmer untergebracht. Kimea bezog müde ihr Zimmer, würdigte dem Ausblick auf eines der kleineren Meere Hesperidiums keines Blickes. Sie fiel einfach nur erledigt auf das Bett. Sie wollte einfach nur hier und jetzt liegen bleiben, doch noch war nicht Feierabend.

Als einer seiner Begleiter war sie dazu verpflichtet, mit ihm zu dinieren, zumindest dann, wenn er an Gesellschaft gefallen fand. So wie heute…so wie auch in den letzten Tagen.

Also stand sie auf, packte die notwendigsten Dinge aus und machte sich frisch, um dann wieder hinunter in den Salon zu gehen, wo sich auch mittlerweile Kinman eingefunden hatte. Palpatine war noch immer auf seinen Zimmern. Droiden deckten im Esszimmer neben an den Tisch. Der Essensgerüchte gelangten langsam in ihre Richtung.

„Ich hoffe", begann Kinman nun, „Dass er nicht vorhat, das gesamte Wochenende mit uns zu verbringen."

Sie seufzte nur: „Ich weiß gar nicht, was mich erwartet."

„Eigentlich ist alles so wie in den letzten Tagen auch, Kimea,…nur dass wir auf Hesperidium sind. Und dass es Wochenende ist."

Keine gute Aussicht. Es würde langweilig werden, meinte Kinman damit. Und damit würde er höchstwahrscheinlich Recht haben. In den letzten Wochen hatte sie einen sehr guten Einblick hinter die Kulissen der Macht gewonnen. Und ihr war klar geworden, dass alles nicht nur eingefahren schien, sondern dieses auch war. Es gab kaum noch Neuerungen, nur Ergänzungen. Palpatine zog sich zurück, überließ Pestage und den anderen nahezu alle Regierungsgeschäfte. Zugegeben, in den letzten Wochen, etwa seitdem sie in sein Leben getreten war, war er etwas in die Realität zurückgekommen. Er nahm wieder aktiv am Leben teil, hatte sogar wieder damit begonnen, einige wichtige Aufgaben zu übernehmen und hatte darauf bestanden, dass jede Entscheidung über seinen Schreibtisch ging.

„Ich sollte rasch heiraten und Kinder bekommen, eh?", versuchte sie zu scherzen.

„Wenn Ihr mal ein freies Wochenende wollt? Ja", er lachte. Beide waren sehr darauf bedacht, dass er nichts davon mitbekam. Und Palpatine bekam eigentlich nur wenig nicht mit.

„Er kommt", murmelte sie, sie konnte ihn in der Macht spüren, er versteckte sich nicht vor ihr…zumindest meistens nicht.

Und tatsächlich erschien er oben auf der Galerie, ging langsam in Richtung großer Treppe, hielt sich am Geländer fest und kam hinunter. Sein Gehstock war wieder auf seinem Zimmer geblieben. Er war, was das anging, wohl durchaus etwas eitel, wollte nicht wirklich alt wirken.

Sie neigten grüßend ihren Kopf leicht vor ihm, er tat dies ebenso. Ein Gruß ausgesprochen wurde hier nicht, nur am Morgen war dies üblich. Er verbarg sich noch immer unter dem dunklen Mantel, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, obwohl es in der Villa warm war, er an sich nicht frieren konnte. Dass er sich ihnen nicht zeigte, das Gesicht, ohne den Schatten der Kapuze, der zwei Drittel seines Gesichtes ausradierte und nur noch den Mund mit den schmalen, blutleeren Lippen erkennen ließ und der schneeweißen, fahlen Haut, lag wohl daran, dass auch er seinen Anblick als zu erschreckend und abstoßend fand, als sich selbst so ertragen zu können. Noch schien er es ihnen zumuten zu wollen.

Kimea hätte es nicht gestört…sie hatte ihn ohne Kapuze gesehen. Sie alle hatten ihn wahrscheinlich ohne seinen rettenden Mantel gesehen.

Sie begaben sich ins Esszimmer, wo gerade das Essen aufgetragen und dann serviert wurde. Es war still niemand sagte ein Wort. Und so blieb es das gesamte Diner über. Selbst Palpatine schien das in den letzten Wochen aufkeimende Interesse an gelegentlichen Konversationen verloren zu haben.

Vielleicht aber ist auch er ausnahmsweise einmal müde?

Das es so spät war, löste sich die Abendgesellschaft direkt nach dem Abtragen des letzten Ganges auf, sie gingen auf ihre Zimmer.


Palpatine blieb allein im Esszimmer zurück, beobachtete die Droiden beim Abservieren des letzten Geschirrs. Sein halbvolles Glas mit Wasser ließen sie stehen. Wasser,- kein Wein. Sein Mediker hatte ihm davon abgeraten, noch immer. Er hielt sich daran, zumindest ab und zu. Dann, wenn er bemerkte, dass es ihm schlechter ging, dass sein Magen, der sich gerade erst zu erholen begann, wieder Schwierigkeiten machen wollte.

Er war müde, natürlich, doch befürchtete er, auch hier nicht recht zu Schlaf zu kommen. In den letzten Nächten war es relativ ruhig gewesen. Er war von all den Festivitäten, Diners und Gesprächsrunden so erschöpft, ausgelaugt und müde gewesen, dass er auf seinem Bett zusammengesunken und traumlos in eine Art Schlaf gefallen war, der, als er endete, nicht gerade für Erholung gesorgt hatte. Zumindest nicht für ihn. Ob er heimgesucht worden war von seinen Geistern, wusste er nicht. Es interessierte ihn auch nicht.

Die Servicedroiden waren mit ihren Aufgaben fertig und in der Küche verschwunden. Er war allein. Das Licht brannte.

Von seinem Platz aus konnte er nach draußen sehen, durch die geschützten Fenster in Richtung Meer. Im Dunklen nichts Hesperidiums konnte er den Strand vor seiner Villa und das Meer nur erahnen. Er hörte nicht das Rauschen, die Scheiben waren zu dick, doch er erinnerte sich an die Geräusche, die das Meer machte, wenn die Wellen an den Strand spülten und wenn sich das Wasser danach wieder zurückzog. Er überlegte eine Weile, ob es gut wäre, einen Spaziergang zu unternehmen, am Meer. Durch den kalten Sand. Er entschied sich dagegen.

Er würde hier sitzen bleiben und warten, bis er so müde geworden war, dass er wie die letzten Tage auch in jenen wenig erholsamen Schlaf sinken konnte. Oder bis der Morgen zu dämmern begann.

Je nach dem, was zuerst eintraf.